, nahm den herzlichsten Abschied von dem alten Manne , Gustav , Eustach , Roland , der gekommen war , verabschiedete mich von allen Bewohnern des Hauses , Gartens und Meierhofes , und reisete zu meinen Angehörigen in die Hauptstadt zurück . Das erste , was ich dort nach dem innigsten und aufrichtigsten Bewillkommen sah , war , daß mein Vater das teils gläserne , teils hölzerne Häuschen , in welchem die alten Waffen hingen , um welches sich der Efeu rankte , und welches im Grunde den äußersten Ansatz oder gleichsam einen Erker des rechten Flügels des Hauses gegen den Garten bildete , in dem vergangenen Sommer hatte umbauen lassen . Er hatte es bedeutend vergrößert , aber die Leisten , Spangen und Rahmen , in denen das Glas befestigt war , hatte er in der früheren Art gelassen , nur waren sie dem Stoffe nach neu gemacht und mit schönen Verzierungen und Schnitzereien versehen . Die Simse des Daches waren nach mittelalterlicher Weise verfertigt , schön geschnitzt und verziert . Der Efeu war wieder an Leisten empor geleitet worden und blickte an manchen Stellen durch das Glas herein . Die Fenster waren nicht mehr nach außen und innen zu öffnen wie früher , sondern zum Verschieden . Die größte Veränderung aber war die , daß der Vater hatte zwei Säulen aufführen lassen , während früher die beiden Wände , welche nach außen geschaut hatten , aus Glas verfertigt gewesen waren . Diese zwei Pfeiler hatten genau die Abmessungen , daß die zwei Verkleidungen , welche ich ihm in dem vorigen Herbste gebracht hatte , auf dieselben paßten . Die Verkleidungen waren aber noch nicht auf ihnen , weil das Mauerwerk zuerst austrocknen mußte , daß das Holz an demselben keinen Schaden nehmen konnte . Der Vater hatte mir nur den ganzen Plan und die Vorrichtungen zu seiner Ausführung gesagt . So wie es mich einerseits freute , daß der Vater das Holzkunstwerk so schätzte , daß er eigens zu dem Zwecke , es anbringen zu können , das Häuschen hatte umbauen lassen , so war es mir andererseits erst recht schmerzlich , daß ich die Ergänzungen zu den Verkleidungen nicht aufzufinden im Stande gewesen war . Ich sagte dem Vater von meinen Bemühungen und von meinem Leidwesen wegen des schlechten Erfolges . Er und die Mutter trösteten mich und sagten , es sei alles auch in der vorhandenen Gestalt recht schön , was verschwunden ist und nicht mehr erlangt werden kann , müsse man nicht eigensinnig anstreben , sondern sich an dem , was eine gute Gunst uns noch erhalten habe , freuen . Das Häuschen werde eine Erinnerung sein , und so oft man sich in demselben , wenn es vollkommen in den Stand gesetzt sein würde , befinden werde , werde einem die Zeit vorschweben , in welcher das Holzwerk gemacht worden sei , und die , in welcher ein lieber Sohn es zur Freude des Vaters aus dem Gebirge gebracht habe . Ich mußte mich wohl , obgleich ungern , beruhigen . Es erschien mir jetzt erst recht schön , wenn die Verkleidungen am ganzen Innern des Häuschens herum liefen , und über ihnen einerseits die Pfeiler und andererseits die Fenster schimmerten . Nach einigen Tagen , in welchen die ersten Besprechungen geführt wurden , die nach einer Reise eines Familiengliedes im Schoße einer Familie immer vorfallen , wenn auch die Reise eine jährlich wiederkommende ist , legte ich dem Vater , da unterdessen auch meine Koffer und Kisten angekommen waren , die Abbildungen vor , welche ich von den Geräten und Fußböden im Rosenhause und im Sternenhofe gemacht hatte . Ich war auf die Wirkung sehr neugierig . Ich hatte einen Sonntag abgewartet , an welchem er Zeit hatte , und an welchem er gerne nach dem Mittagessen eine geraume Weile in dem Kreise seiner Familie zubrachte . Ich legte die Blätter vor ihm auf einem Tische auseinander . Er schien mir bei ihrem Anblick - ich kann sagen - betroffen . Er sah die Blätter genau an , nahm jedes mehrere Male in die Hand , und sagte längere Zeit kein Wort . Endlich ging seine Empfindung in eine unverhohlene Freude über . Er sagte , ich wisse gar nicht , was ich gemacht hätte , ich wisse gar nicht , welchen Wert diese Dinge hätten , ich hätte in früherer Zeit die Schönheit und Zusammenstimmigkeit dieser Dinge mit Worten gar nicht so in das rechte Licht gestellt , wie es sich jetzt in Farbe und Zeichnung , wenn auch beides mangelhaft wäre , beurkunde . Im ersten Augenblicke hielt der Vater die Geräte , welche ich in dem Sternenhofe abgebildet hatte , für wirklich alte ; als ich ihn aber auf die tatsächlichen Verhältnisse derselben aufmerksam machte , sagte er , das müsse ein außerordentlicher Mensch sein , der diese Entwürfe gemacht habe , er müsse nicht nur mit der alten Bauart und Zusammenstellung der Geräte sehr vertraut sein , sondern er müsse auch ein ungewöhnliches Schönheitsgefühl haben , um aus der Menge der überlieferten Gestalten das zu wählen , was er gewählt habe . Und die Zusammenreihung der Geräte sei so aus einem Gusse , als wären sie einstens zu einem Zwecke und in einer Zeit verfertigt worden . Auch die wirklich alten Geräte im Rosenhause seien von einer Schönheit , wie er sie nie gesehen habe , obgleich ihm die vorzüglichsten und berühmtesten Sammlungen der Stadt und mancher Schlösser bekannt wären . Zwei so auserlesene Stücke wie den großen Kleiderschrein und den Schreibschrein mit den Delphinen dürfte man kaum irgendwo finden . Sie wären wert , in einem kaiserlichen Gemache zu stehen . Ich erzählte ihm , um den Mann , der die Entwürfe für den Sternenhof gemacht hatte , näher zu bezeichnen , daß ich viele Bauzeichnungen und Zeichnungen von anderen Dingen in dem Rosenhause gesehen habe , welche weit höhere Gegenstände darstellen , und auch mit einer ungleich größeren Vollendung ausgeführt seien , als ich bei meinen Abbildungen anzubringen im Stande gewesen wäre . Diese Arbeiten seien bei dem Manne Vorbildungen gewesen , damit er die Entwürfe hätte machen können , die er gemacht habe . Er schien auf meine Worte nicht zu achten , sondern legte irgend ein Blatt hin , nahm ein anderes auf und betrachtete es . » So weit ich aus den Abbildungen urteilen kann , « sagte er , » sind die altertümlichen Gegenstände , welche du mir da veranschaulicht hast , nicht nur an sich sehr vortrefflich , sondern sie sind auch höchst wahrscheinlich , wie Farbe und Zeichnung dartut , sehr zweckmäßig wieder hergestellt . Meine Habseligkeiten sinken dagegen zu Unbedeutenheiten herab , und ich sehe aus diesen Blättern , wie man die Sache anfassen muß , wenn man die Zeit , die Kenntnisse und die Mittel dazu hat . « Mich freute es jetzt recht sehr , daß ich auf den Gedanken gekommen war , dem Vater diese Dinge nachzubilden , um ihm eine Vorstellung von ihnen zu gehen , mich freute sein Anteil , den er an ihnen nahm , und die Freude , die er darüber hatte . » Es sind nun zwei Wege , die zu gehen sind , « meinte die Mutter , » entweder kannst du dir nach diesen Gemälden die Dinge , die sie darstellen , machen lassen , um dich immerwährend daran zu ergötzen , oder du kannst in den Asperhof und Sternenhof reisen und sie in Wirklichkeit sehen , um eine Freude zu haben , so lange du sie siehst , und in der Erinnerung dich zu laben , wenn du wieder weggereist bist . « Der Vater antwortete : » Die Geräte , die hier gezeichnet sind , nachmachen zu lassen , ist eine Unzukömmlichkeit ; denn erstens müßte hiezu die Einwilligung des Eigentümers erlangt werden , und wenn sie auch erlangt worden wäre , so hätten zweitens die nachgebildeten Gegenstände in meinen Augen nicht den Wert , den sie haben sollten , weil sie doch nur , wie die Maler sagen , Kopien wären . Es böte sich auch noch der Gedanke , mit Einwilligung des Eigentümers nach diesen Abbildungen neue Zusammenstellungen entwerfen und in Wirklichkeit ausführen zu lassen ; allein das verlangt eine so große Geschicklichkeit , welche ich nicht nur mir nicht zutraue , sondern welche ich auch an den Arbeitern in ähnlichen Dingen , die ich in unserer Stadt kenne , nicht aufzufinden hoffe . Und zuletzt wären die verfertigten Gegenstände doch noch immer nichts mehr als halbe Kopien . Das Verfertigen geht also nicht . Was deinen zweiten Weg anbelangt , Mutter , so werde ich ihn gewiß gehen . Ich habe mir schon früher bei den Erzählungen von diesen Dingen vorgenommen , die Reise zu ihnen zu machen ; jetzt aber , da ich die Abbildungen sehe , werde ich die Reise nicht nur um so gewisser , sondern auch in viel näherer Zeit machen , als es wohl sonst hätte geschehen können . « » Das wird recht schön sein « , riefen wir fast alle aus einem Munde . Die Mutter sagte : » Du solltest gleich die Zeit bestimmen , und solltest gleich mit deinem Sohne verabreden , daß er dich in derselben zu dem alten Manne in das Rosenhaus führe , welcher dich schon auch in den Sternenhof geleiten würde . « » Nun , so dränget nur nicht , « erwiderte er , » es wird geschehen , das ist genug ; binden , wißt ihr , kann sich ein Mann nicht , der von seinem Geschäfte abhängt und nicht wissen kann , welche Umstände einzutreten vermögen , die von ihm Zeit und Handlungen fordern . « Die Mutter kannte ihn zu gut , um weiter in ihn zu dringen , er würde bei seinem ausgesprochenen Satze geblieben sein . Sie beruhigte sich mit dem Erlangten . Sowohl sie als die Schwester dankten mir , daß ich dem Vater die Bilder gebracht hatte , die ihm ein solches Vergnügen bereiteten . » Die Fußböden müssen auch vortrefflich sein « , rief er aus . » Sie sind viel schöner , als die ungefähre Malerei andeuten kann , « erwiderte ich , » mein Pinsel kann noch immer nicht den Glanz und die Zartheit und das Seidenartige der Holzfasern ausdrücken , was man alles dort so liebt , daß nur mit Filzschuhen auf diesen Böden gegangen werden darf . « » Das kann ich mir denken , « antwortete er , » das kann ich mir denken . « Hierauf mußte ich ihm alle Hölzer nennen , die hier mit Farben angegeben waren , und aus denen die abgebildeten Gegenstände bestanden . Die meisten kannte er ohnehin , was mich freute , weil es der Beweis war , daß ich die Farben nicht unsachgemäß angewendet habe . Die er nicht kannte , nannte ich ihm . Ich wußte sie fast alle ganz genau anzugeben . Er verwunderte sich wieder und immer aufs neue , und suchte sich die Gegenstände recht lebhaft vorzustellen . Die Mutter und Schwester fragten mich , ob ich recht lange zu dieser Arbeit gebraucht hätte , und ob ich nicht dabei beklommen gewesen wäre . Ich antwortete , daß ich des Zweckes willen sehr fleißig gewesen sei , daß es anfänglich langsam gegangen sei , daß ich aber nach und nach Übung erlangt hätte , und daß ich dann weit schneller vorwärts gekommen sei , als ich selber geahnt habe . Und was die Beklemmung anbelangt , so hätte ich sie freilich im Anfange gehabt ; aber da die Dinge einmal auf mich gewirkt hätten , da ich in Eifer geraten wäre , da sich hie und da ein Gelingen eingestellt hätte , namentlich da mir durch die Entschiedenheit der Erscheinung mancher Holzgattung die Farbe gleichsam von selber in die Hand gegeben worden wäre ; so hätte sich bald die Unbefangenheit eingefunden und nach und nach sich die Lust hinzu gesellt . Nach diesen Worten zeigte mir der Vater auch manchen Fehler , den ich in den Arbeiten gemacht hätte , und setzte mir auseinander , wie ich selbe , falls ich wieder ähnliche Dinge entwerfen sollte , vermeiden könnte . Da er Gemälde hatte , da er sich seit Jahren mit denselben beschäftigt hatte , so durfte ihm wohl ein Urteil in dieser Hinsicht zugewachsen sein , und ich erkannte das , was er sagte , als vollkommen richtig an , und glaubte mich aber auch befähigt zu fühlen , es in Zukunft besser zu machen . Nach den Fehlern ging der Vater auch auf die Vorzüge der Arbeit über und sagte , daß er nach den Zeichnungen von Köpfen , die ich vor einiger Zeit gemacht hätte , zu schließen , von mir nicht erwartet hätte , daß ich etwas so Sachgemäßes in Ölfarben würde ausführen können . Dieser Sonntagsnachmittag war eine sehr liebe , angenehme Zeit . Die Freundlichkeit der Schwester , die sie besonders an diesem Nachmittage an den Tag legte , war mir ein schönerer Lohn , als wenn ein Kenner gesagt hätte , daß meine Blätter ausgezeichnet seien , das Lob der Mutter , daß ich auf den Vater und das väterliche Haus gedacht habe und aus Liebe zu beiden , um Freude zu bereiten , eine beschwerliche Arbeit unternommen habe , erregte mir die angenehmsten Gefühle , und da auch der Vater mit einigen gewählten Worten seinen Dank aussprach und sagte , daß er dieses Zartgefühl nicht vergessen werde , konnte ich nur mit großer Gewalt die Tränen bemeistern . Ich gab ihm alle Blätter als Eigentum , und er reihte sie seiner Sammlung von Merkwürdigkeiten ein . Am nächsten Tage packte ich die Zithern aus , legte beide der Schwester vor , und ließ ihr die Wahl , ob sie die meinige oder die neuangekaufte als für sie gehörig annehmen wolle . Sie wählte die neue und freute sich darüber sehr . Ich zeigte ihr auch die Stücke , welche ich mir nach dem Spiele meines Gebirgslehrmeisters geschrieben hatte , und ließ sie ihr in ihrem Zimmer , daß sie sie abschreiben lassen könne , und daß sie ihre Übungen darnach begönne . Ich versprach ihr , in diesem Winter ihr Lehrer in dieser Kunst zu sein . Nach einiger Zeit brachte ich auch meine Malereien von Gebirgslandschaften zum Vorscheine . Ich hatte bis dahin immer nicht den Mut dazu gehabt ; aber endlich machte mir mein Gewissen zu bittere Vorwürfe , daß ich gegen meine Angehörigen Heimlichkeiten habe . Ich zeigte meinem Vater die Blätter auch an einem Sonntagsnachmittage . Ich blickte ihm erstaunt in das Angesicht , als er dieselben gesehen hatte und das nämliche sagte , was mein Gastfreund im Rosenhause und was Eustach gesagt hatten . Bei diesen letzten beiden hatte es mich nicht gewundert , da ich sie für Kenner hielt , und da sie Gebirgsbewohner waren . Der Vater aber , der zwar Bilder besaß , war ein Kaufherr und war nie lange in dem Gebirge gewesen . Es erhöhte dies meine Ehrfurcht gegen ihn noch mehr . Er zeigte mir , wo ich unwahr gewesen war , und setzte mir auseinander , wie es hätte sein sollen , was ich augenblicklich begriff . Das , was er lobte und richtig fand , gefiel mir selber nachher doppelt so wohl . Klotilden mußte ich die Blätter noch einmal und allein in ihrem Zimmer zeigen . Sie verlangte , daß ich ihr beinahe alles erkläre . Sie war nie in höherem oder im Urgebirge gewesen , sie wollte sehen , wie diese Dinge beschaffen seien , und sie reizten ihre Aufmerksamkeit sehr . Obgleich meine Malereien keine Kunstwerke waren , wie ich jetzt immer mehr einsah , so hatten sie doch einen Vorzug , den ich erst später recht erkannte , und der darin bestand , daß ich nicht wie ein Künstler nach Abrundung noch zusammenstimmender Wirkung oder Anwendung von Schulregeln rang , sondern mich ohne vorgefaßter Einübung den Dingen hingab und sie so darzustellen suchte , wie ich sie sah . Dadurch gewannen sie , was sie auch an Schmelz und Einheit verloren , an Naturwahrheit in einzelnen Stücken , und gaben dem Nichtkenner und dem , der nie die Gebirge gesehen hatte , eine bessere Vorstellung als schöne und künstlerisch vollendete Gemälde , wenn sie nicht die vollendetsten waren , die dann freilich auch die Wahrheit im höchsten Maße trugen . Aus diesem Grunde sagte mir Klotilde durch eine Art unbewußter Ahnung , sie wisse jetzt , wie die Berge aussehen , was sie aus vielen und guten Bildern nicht gewußt hätte . Sie äußerte auch den Wunsch , einmal die hohen Berge selber sehen zu können , und meinte , wenn der Vater die Reise in das Rosenhaus und in den Sternenhof mache und bei dieser Gelegenheit auch die Gebirge besuche , werde sie ihn bitten , sie mitreisen zu lassen . Ich erzählte ihr nun recht viel von den Bergen , beschrieb ihr ihre Herrlichkeit und Größe , machte sie mit manchen Eigentümlichkeiten derselben bekannt , und setzte ihr meine verschiedenen Reisen in denselben und meine Bestrebungen ausführlicher als sonst auseinander . Ich hatte nie so viel von den Gebirgen mit ihr geredet . Nach diesen Worten verlangte sie auch , daß ich sie unterrichte , eben solche Abbildungen verfertigen zu können , wie sie hier vor ihr liegen . Sie wolle sich Farben und alle andere dazu notwendigen Gerätschaften verschaffen . Da sie ohnehin ziemlich gut zeichnen konnte , so war die Sache nicht so schwierig , als sie beim ersten Anscheine ausgesehen hatte . Ich versprach ihr meinen Beistand , wenn die Eltern einwilligen würden . Wir fragten nach einiger Zeit die Eltern . Sie hatten im ganzen nichts dagegen , nur die Mutter verlangte ausdrücklich , daß diese Arbeiten nur Nebendinge sein sollen , Dinge zum Vergnügen , nicht Hauptbeschäftigungen ; denn die Hauptpflicht des Weibes sei ihr Haus , diese Dinge können zwar auch recht wohl in das Haus gehören ; aber einseitig oder gar mit Leidenschaft betrieben , untergraben sie eher das Haus , als sie es bauen helfen . Klotilde aber sei schon so alt , daß sie sich ihrem künftigen Berufe zuwenden müsse . Wir begriffen das alles und versprachen , nichts ins Übermaß gehen lassen zu wollen . Es wurden alle Erfordernisse angeschafft , und wir begannen in gegönnten Zeiten die Arbeit . Auch Spanisch wollte die Schwester von mir lernen . Ich betrieb es fort , und da ich ihr voraus war , wurde ich auch hierin ihr Lehrer , was die Mutter mit derselben Einschränkung wie das Landschaftsmalen gelten ließ . Es waren also in unserem Hause für dieses Jahr mehr Beschäftigungen für mich vorhanden als in anderen Zeiten . Es war mir in jenem Herbste besonders wunderbar , daß weder Vater noch Mutter genauer nach meinem Gastfreunde fragten . Sie mußten entweder nach meinen Erzählungen ein entschiedenes Vertrauen in ihn setzen , oder sie wollten durch zu vieles Einmischen die Unbefangenheit meiner Handlungen nicht stören . Bei allen häuslichen Bestrebungen fing ich bei dem herannahenden Winter doch ein etwas anderes Leben an , als ich es bisher geführt hatte , und zwar ein etwas mannigfaltigeres . Ich hatte in vergangener Zeit nur solche Stadtkreise besucht , in welche meine Eltern geladen worden waren , oder in welche ich durch Freunde , die ich gewann , gezogen wurde . Diese Kreise bestanden größtenteils aus Leuten von ähnlichem Stande mit dem meines Vaters . Ich spürte Neigung in mir , nun auch Sitten und Gebräuche so wie Ansichten und Meinungen solcher Menschen kennen zu lernen , die sich auf glänzenderen Lebenswegen befanden . Der Zufall gab bald hier bald da Gelegenheit dazu , und teils suchte ich auch Gelegenheiten . Es geschah , daß ich Bekanntschaften machte , und mitunter auch fortsetzen konnte . Ich lernte Leute von höherem Adel kennen , lernte sehen , wie sie sich bewegen , wie sie sich gegenseitig behandeln , und wie sie sich gegen solche , die nicht ihres Standes sind , benehmen . Es lebte eine alte , edle verwitwete Fürstin in unserer Stadt , deren zu früh verstorbener Gemahl den Oberbefehl in den letzten großen Kriegen geführt hatte . Sie war häufig mit ihm im Felde gewesen und hatte da die Verhältnisse von Kriegsheeren und ihren Bewegungen kennen gelernt , sie war in den größten Städten Europas gewesen und hatte die Bekanntschaft von Menschen gemacht , in deren Händen die ganzen Zustände des Weltteiles lagen , sie hatte das gelesen , was die hervorragendsten Männer und Frauen in Dichtungen , in betrachtenden Werken und zum Teile in Wissenschaften , die ihr zugänglich waren , geschrieben haben , und sie hatte alles Schöne genossen , was die Künste hervorbringen . Einstens war sie in den höheren Kreisen eine der außerordentlichsten Schönheiten gewesen , und noch jetzt konnte man sich kaum etwas Lieblicheres denken als die freundlichen , klugen und innigen Züge dieses Angesichtes . Ein Mann , der sich viel mit Gemälden und ihrer Beurteilung abgab und oft in die Nähe der Fürstin kam , sagte einmal , daß nur Rembrandt im Stande gewesen wäre , die feinen Töne und die kunstgemäßen Obergänge ihres Angesichtes zu malen . Sie hatte jetzt eine Wohnung an der Ostgrenze der innern Stadt , damit die Morgensonne ihre Zimmer füllte , und damit sie den freien Blick über das frische Grün und auf die entfernten Vorstädte hätte . Blühende Söhne in hohen kriegerischen Würden besuchten die alte , ehrwürdige Mutter hier , so oft ihr Dienst ihre Anwesenheit in der Stadt gestattete , und so oft während dieser Anwesenheit ein Augenblick es erlaubte . Schöne Enkel und Enkelinnen gingen bei ihr aus und ein , und eine zahlreiche Verwandtschaft wurde bald in diesen , bald in jenen Mitgliedern in ihren Zimmern gesehen . Aber geistige Erholung oder Anstrengung - wie man den Ausdruck nehmen will - war ihr ein Bedürfnis geblieben . Sie wollte nicht bloß das wissen , was jetzt noch auf den geistigen Gebieten hervor gebracht wurde , und in dieser Beziehung , wenn irgend ein Werk Ruhm erlangte und Aufsehen machte , suchte sie auch an dessen Pforte zu klopfen und zu sehen , ob sie eintreten könnte ; sondern sie nahm oft auch ein Buch von solchen Personen in die Hand , die in ihre Jugendzeit gefallen und dort bedeutsam gewesen waren , sie ging das Werk durch und erforschte , ob sie auch jetzt noch die zahlreichen mit Rotstift gemachten Zeichen und Anmerkungen wieder in derselben Art machen , oder ob sie andere an ihre Stelle setzen würde ; ja sie nahm Werke der ältesten Vergangenheit vor , die jetzt die Leute , außer sie wären Gelehrte , nur in dem Munde führen , nicht lesen ; sie wollte doch sehen , was sie enthielten , und wenn sie ihr gefielen , wurden sie nach manchen Zwischenzeiten wieder hervorgeholt . Von dem , was in den Verhältnissen der Staaten und Völker vorging , wollte sie beständig unterrichtet sein . Sie empfing daher von manchen ihrer Verwandten und Bekannten Briefe , und die vorzüglichsten Zeitungsblätter mußten auf ihren Tisch kommen . Weil aber , obwohl ihre Augen noch nicht so schwach waren , das viele Lesen , das sie sich hatte auflegen müssen , bei ihrem Alter doch hätte beschwerlich werden können , hatte sie eine Vorleserin , welche einen Teil , und zwar den größten , des Lesestoffes auf sich nahm und ihr vortrug . Diese Vorleserin war aber keine bloße Vorleserin , sondern vielmehr eine Gesellschafterin der Fürstin , die mit ihr über das Gelesene sprach , und die eine solche Bildung besaß , daß sie dem Geiste der alten Frau Nahrung zu geben vermochte , so wie sie von diesem Geiste auch Nahrung empfing . Nach dem Urteile von Männern , die über solche Dinge sprechen können , war die Gesellschafterin von außerordentlicher Begabung , sie war im Stande , jedes Große in sich aufzunehmen und wieder zu geben , so wie ihre eigenen Hervorbringungen , zu denen sie sich zuweilen verleiten ließ , zu den beachtenswertesten der Zeit gehörten . Sie blieb immer um die Fürstin , auch wenn diese im Sommer auf ein Landgut , das in einem entfernten Teile des Reiches lag und ihr Lieblingsaufenthalt war , ging , oder wenn sie sich auf Reisen befand , oder eine Zeit an einer schönen Stelle unsers Gebirges weilte , wie sie gerne tat . An manchen Abenden zu der Zeit , da sie in der Stadt war , sammelte die Fürstin einen kleinen Kreis um sich , in welchem entweder etwas vorgelesen wurde , oder in welchem man über wissenschaftliche oder gesellige oder Staatsdinge oder Dinge der Kunst sprach . Die Kreise waren regelmäßig an gleichen Tagen der Woche , sie waren in der Stadt bekannt , wurden sehr hoch geachtet oder verspottet , wie eben der Beurteilende war , wurden gesucht , und bestanden zuweilen aus sehr bedeutenden Personen . In diese Kreise hatte ich Zutritt erlangt . Die Fürstin hatte mich einige Male getroffen , es war einmal von meiner Wissenschaft die Rede gewesen , sie war sehr neugierig , was man denn von der Geschichte der Erdbildung wisse , und aus welchen Umständen man seine Schlüsse ziehe , und sie hatte mich in ihre Nähe gezogen . Ich hörte aufmerksam zu , wenn ich an den bestimmten Abenden in ihrem Gesellschaftszimmer war , sprach selber wenig , und meistens nur , wenn ich dazu aufgefordert wurde . Die Fürstin saß in schwarzem oder aschgrauem Seidenkleide - lichtere trug sie nie - in ihrem Polsterstuhle und hatte einen Schemel unter ihren Füßen . Die Lampe trug gegen ihre Seite hin einen grünen Schirm und goß ihr Licht in die Gegend der Vorleserin oder des Vorlesers , wenn eben gelesen wurde , Die andern saßen nach ihrer Bequemlichkeit herum . Meistens bildete sich von selber eine Art Kreis . Man hörte in tiefer Stille dem Vorlesen zu und nahm an den Gesprächen , die nach dem Lesen folgten , oder die , wenn gar keine Vorlesung war , den ganzen Abend erfüllten , den eifrigsten Anteil . Die Fürstin konnte ihnen den lebhaftesten und tiefsten Fortgang geben . Es schien , daß das , was die vorzüglichsten Männer in ihrer Gegenwart sprachen , von ihr angeregt wurde , und daß ihre größte Gabe darin bestand , das , was in anderen war , hervor zu rufen . Sie saß dabei mit ihrer äußerst zierlichen Gestalt auf die anmutigste Weise in ihrem Stuhle , und bewegte noch als hochbetagte Frau die Gesellschaft mit ihrer lieblichen Schönheit . Zuweilen , wenn sich ihr Inneres erregte , stand sie auf , hielt sich an ihrem Stuhle , und erklärte und sprach zu den Anwesenden mit ihrer klaren , zarten , wohllautenden Stimme . Ich lernte verschiedene Menschen in den Zimmern der Fürstin kennen . Zuweilen war es ein hervorragender Künstler , den man dort sprechen hörte , zuweilen ein Staatsmann , der mit den wichtigsten Angelegenheiten unseres Landes betraut war , oder es war sonst eine bedeutende Persönlichkeit der Gesellschaft , oder es waren die Säulen und die Führer unseres tapferen Heeres . Ich hörte bei der Fürstin Aussprüche , die ich mir merken wollte , die ich mir aufschrieb , und die mir ein unveräußerliches Eigentum bleiben sollten . Ich gestehe es , daß ich nie ohne eine gewisse Beklemmung in das Zimmer mit den blaubemalten Wänden und den dunkelblauen Geräten und den einigen Bildern , worunter mich besonders das anzog , welches ihren Landsitz darstellte , trat , und ich gestehe es , daß ich nie das Zimmer ohne Ruhe und Befriedigung verließ . Ich empfand , daß jene Abende für mich von großer Bedeutung , daß sie eine Zukunft seien . Außer den besonders hervorragenden Menschen lernte ich bei der Fürstin auch noch andere Personen des höheren Adels unseres Reiches kennen , kam manches Mal mit den Kreisen desselben in Berührung , und sah seine Art , seine Lebensweise und seine Sitten . Neben diesen Abteilungen der menschlichen Gesellschaft kam ich auch mit anderen zusammen . Es war in der Stadt ein öffentlicher Ort , welcher hauptsächlich von Künstlern aller Art besucht wurde , welche sich dort besprachen , Erfrischungen zu sich nahmen , Zeitungen lasen , oder sich mit körperlichen Spielen ergötzten . Diesen Ort besuchte ich gerne . Da war der eine oder der andere Schauspieler von der Hofbühne oder von der Oper , da war ein Maler , dessen Namen damals hoch gepriesen wurde , da waren Tonkünstler , so wohl ausübende als dichtende , da waren Bildhauer und Baumeister , vorzüglich aber waren es Schriftsteller und Dichter , und es befanden sich darunter auch Vorstände und Mitarbeiter an Zeitungsanstalten . Von anderen Personen waren höhere Staatsdiener , Bürger , Kaufleute und überhaupt solche vorhanden , die einen Anteil an Kunst und Wissenschaft und an einem dahin abzielenden Umgange nahmen . Wenn auch eigentlich nur eine ungezwungene Heiterkeit herrschte , wenn auch nur Spiele zu körperlicher Bewegung und daneben das Schachspiel vorzuherrschen schienen , so waren doch auch Gespräche , und wie es bei solchen Männern zu erwarten war , Gespräche sehr lebhafter Natur im Gange , und waren doch im Grunde die Hauptsache . Da konnte man in leichten Worten den tiefen Geist des einen sehen , oder den ruhigen , der alles zersetzt und in seine Bestandteile auflöst , oder den lebhaften , der darüber weggeht , oder den leichtfertigen , der alles verlacht , oder den , dessen Sitten selbst ein wenig bedenklich waren . Oft war es nur ein Wort , ein Witz , der den Grund geben konnte , um Schlüsse zu bauen . Trotz meiner Schüchternheit , die mich ferne hielt , geriet ich doch in Gespräche und lernte den einen und andern Mann von denen kennen , die sich hier einfanden . Selbst das äußere Benehmen und