für das Gesetz ihren verhaßten Gegner geschlagen , niedergeworfen und gebunden hatten , drängten sich jetzt bereitwillig in das Verhör , um anzugeben , was sie Böses von ihm zu sagen wußten oder was ihnen an ihm zuwider war . Jedes ungeschickte Wort , das er im Zorne ausgestoßen , wurde zum Ankläger gegen ihn , und die gefährliche Gesinnung , die in diesen unbedachten Worten zu liegen schien , erhielt ihre ergänzende Bestätigung durch die Gewalttat , welcher er sich heute schuldig gemacht hatte . Der gestochene Knecht , obgleich seine Wunde sich als unbedeutend erwies , schnaubte unversöhnliche Rache und war über die Absicht , die er der Tat unterlegte , noch weit mehr aufgebracht als über diese selbst . Schon auf der Straße hatte sein Geschrei zu vernehmen gegeben , daß gegen den Gefangenen noch eine weitere Untat vorliege , und auf Befragen des Amtmanns erzählte er nun , die eigenen Eltern desselben haben ihn mehr oder weniger unverblümt eines Diebstahls bezichtigt . Hierauf verhörte der Amtmann den Sonnenwirt . Dieser entschuldigte sich , daß er die Tatsache teils um der Schande seines Hauses willen , teils wegen der Geringfügigkeit des Betrages habe vertuschen wollen , gab aber , durch das heutige Betragen seines Sohnes und durch das Zureden seiner Frau vollends aufgestachelt , zu verstehen , daß nach den neueren Aussagen des Knechtes der Diebstahl wohl beträchtlicher gewesen sein möge . Der Amtmann ließ sogleich den Knecht aus der Sonne rufen , welcher , dem Strome des allgemeinen Unwillens folgend , angab , der Besuch auf dem Kornspeicher sei in jener Nacht mehrmals wiederholt worden und ein größerer Abmangel zu verspüren , sodann auch noch , nach der Aufführung des Angeklagten überhaupt gefragt , zur Vermehrung seiner Schuldhaftigkeit erzählte , er sei einmal in die Worte ausgebrochen , wenn man ihm kein Geld gebe , so wolle er solches nehmen und seine Stiefmutter während der Kirche an das Ofengeräms hinhenken . Auf diese Anzeige schickte der Amtmann Gerichtsmitglieder ab , um in der Sonne und zugleich bei dem Hirschbauer Haussuchung zu halten . Friedrichs Vormund , der die erstere vorzunehmen hatte , kam bald wieder ; er brachte ein Brieflein und ein bemaltes Blatt , von der Art der Heiligenbilder , ein mit einem Schwert durchstochenes Herz darstellend . » Außer dem Helgle « , sagte er , » ist nichts aufzutreiben gewesen , was eine Auskunft gab , als vielleicht der Brief da . Dem Inhalt nach ist er von einem Weibsbild , schätz wohl , von der Jungfer Ohnekranz . Ist mir eine neue Mode , daß ein Mädle einem Mannskerl etwas Schriftlich ' s schreibt ; das tut auch kein recht ' s Mensch ; aber die Welt wird alle Tag ärger und die Jugend immer verdorbener . « - Nun kam auch der » Augenschein « vom Hirschbauer zurück , in dessen Hause man jedoch gar nichts gefunden hatte als Not und Jammer ohne Ende . Der Lärm des öffentlichen Schauspiels mochte den flinken Jerg beizeiten auf etwaige Gefahren aufmerksam gemacht haben . » Das ist ein Heulen und Schreien , daß einem Hören und Sehen vergeht ! « sagte der Heiligenpfleger , der zu dieser Verrichtung beordert worden war , » wenn so ein leichtfertiger Bub nur auch bedenken tät , was er für Unglück stiften kann , so ging er vielleicht vorher in sich und auf bessere Weg . Da ist ein Büschel Brief von ihm , die Alt hat ' s gleich rausgeben ; die Jung liegt aufm Bett und ist ganz weg ; und der Vater wird ' s auch nimmer lang treiben . « Der Amtmann nahm die Briefe und legte sie zu den Akten , um hiermit sein heutiges Tagwerk zu beendigen , welches mit einem Verhör der Sonnenwirtin schloß oder vielmehr zu einer vertraulichen Unterredung mit derselben in Gegenwart der Amtmännin überging . Die Sonnenwirtin hatte es jetzt ganz in der Hand , die Wetterwolke , die ihr Stiefsohn über sein Haupt heraufbeschworen , in der gewünschten Richtung zu entladen , und sie benutzte die Gelegenheit so eifrig , daß sie darauf bestehen wollte , auch gewisse verfängliche Reden , die ihr Sohn gegen den jungen Herzog geführt haben sollte , ins Protokoll zu bringen . Hier machte jedoch der Amtmann ein sehr ernsthaftes Gesicht . » Na , na , Frau Sonnenwirtin « , sagte er , » man muß doch nicht ganz alle Bonhommie hinter sich werfen . Zum cumulus brauchen wir das nicht , es ist cumulus genug da , ein Berg , an dem er mindestens ein paar Jahre abzutragen haben wird . Die Sache hat aber noch eine andere Seite . Wenn ich in meinem Bericht an die Herrschaft , denn vom Oberamt geht er nach Stuttgart ab , dieses delikate Sujet berühre und wenn der Herr selbst etwas davon erfährt , so macht er sich Gedanken . Bei einem jungen Menschen gilt der Grundsatz : leben und leben lassen ! Wenn daher ein junger Mensch auf anzügliche Weise moralisiert , so sagt man sich gleich : das hat er nicht aus sich , das hat er von andern aufgegabelt . Da entsteht nun die Frage : woher hat er ' s ? von Vater oder Mutter ? oder sollte gar der Amtmann oder der Pfarrer , ich will nicht sagen in eigener Person , unvorsichtige oder mißverständliche Ausdrücke gebraucht , aber vielleicht bei den Untergebenen gewissem , einfältigem Geschwätz nachgesehen haben ? Wenn man sich aber einmal Gedanken macht , so kommt man an allem Möglichen und Unmöglichen herum , und da kann niemand wissen , was zuletzt noch für Kalamitäten daraus entstehen mögen . Wollen ' s steckenlassen , Frau Sonnenwirtin , wollen ' s steckenlassen . Beruht ! « » Und da wir just unter uns Pfarrerstöchtern sind , wie man zu sagen pflegt « , setzte die Amtmännin hinzu , » so will ich erst noch den Herzog in Schutz nehmen . Wenn eine Frau meint , sie habe sich über ihren Mann zu beklagen , so fragt sich ' s oft , ob nicht sie den ersten Anlaß gegeben hat . Die Hoffart , sagt das Sprichwort , muß etwas leiden . Man mag von ihm sagen , was man will , er hat etwas , das ihn von vielen anderen großen Herren unterscheidet : er neigt sich zur Landesart , hat etwas Populäres in seinen Manieren und schämt sich nicht , mit dem Untertan auf einer espèce von gleichem Fuß zu stehen . Gerade das geht aber ihr völlig ab , sie hält es für gemein und wird sich nie dareinfinden . Da ist ' s nun kein Wunder : wenn sich die Köpfe nicht ineinander fügen , so bleibt auch zwischen den Herzen eine Kluft . Dann hat sie an ihrem Bayreuther Hof sich an den hohen Ton , den feinen Gout , an Oper und Ballett gewöhnt , und er hat , ihrem Geschmack zulieb , Hofdamen , Sänger und Sängerinnen aus Italien , Tänzer und Tänzerinnen aus Paris , alles hat er ihr angeschafft . Nun haben wir die Bescherung . Die Damen und Demoisellen sind hübsch , sie ist vornehm , er leutselig und nicht von Stein - da hat man leicht prophezeien können , wie es kommen wird . « » Jetzt seh ich erst « , sagte die Sonnenwirtin listig lächelnd , » welch ein groß Zutrauen die Frau Amtmännin zu ihrem Herrn haben muß , denn die Kathrine wär doch kein ganz übler Bissen . « Die Amtmännin lachte aus vollem Halse . » Ich bin nicht eifersüchtig « , rief sie . » Mein Mann ist ein großer Jäger vor dem Herrn , ein Nimrod , der hat ein Herz von Marmor und geht lieber auf was Wildes als auf was Zahmes aus . « Dem Amtmann kam die Wendung des Gespräches gleichfalls höchst spaßhaft vor , und unter lautem Gelächter wurde die Sonnenwirtin entlassen . Am Sonntagmorgen berief der Amtmann , innerlich vergnügt über diese gute Gelegenheit , die Predigt seines geistlichen Mitbeamten zu schwänzen , seine beiden Skabinen oder Gerichtsbeisitzer , welche als amtliche Zeugen bei dem Untersuchungsverfahren , das sie bewachen sollten , aber häufiger beschliefen , den faulsten Überrest der alten Volksgerichtsbarkeit bildeten . Er befahl dem Schützen , den er als Diener der Gemeindebehörde benutzte , den Gefangenen vorzuführen . Der Schütz fand denselben auf einer Bank ruhig schlafend und mußte ihn mit einigen Stößen wecken . - » Er hat , scheint ' s , alles vergessen , was gestern vorkommen ist « , brummte er ihn an . - » Nein « , sagte Friedrich , die Augen ausreibend , » es fällt mir alles wieder ein , auch daß Ihr mich losgebunden habt und ich Euch mein Wort gegeben hab , über Nacht nicht durchzugehen . « - » Sein Wort hat Er gehalten , das muß ich Ihm lassen « , versetzte der Schütz , » jetzt muß ich Ihn aber wieder handfest machen , damit ' s der Herr nicht merkt , daß Er über Nacht frei gewesen ist , sonst bin ich um den Dienst . « - Friedrich streckte gutwillig die Hände hin , und der Schütz legte ihm Fesseln an , worauf er ihn nach dem Amtszimmer führte . » Er ist von dar ganzen Burgerschaft wie auch von Seiner eigenen Familie wegen gemeingefährlicher Aufführung , dann auch wegen mörderischen Attentats gegen einen Seiner Nebenmenschen und wegen Diebstahls an Seinem leiblichen Vater angeklagt und hat sich allhier zu verantworten « , begann der Amtmann , nachdem er den Eingang des Protokolls geschrieben hatte . Friedrich blickte auf seine Ketten und schwieg . Der Amtmann , der ihn eine Weile aufmerksam betrachtet hatte , hielt ihm in Kürze die Hauptpunkte der Anklage vor und fragte : » Was hat Er hierauf zu erwidern ? « Der Gefangene verharrte in seinem störrischen Schweigen . » Muß ich Ihn durch Prügel zum Geständnis bringen ? « fuhr der Amtmann auf . Ein Zucken lief über den Körper des Gefangenen , so daß seine Kette klirrte , aber er tat den Mund nicht auf . » Dich sollt man im Mörser zerstoßen ! « rief Friedrichs unvermeidlicher Vormund , der neben einem kleinen Spezereigeschäft allerlei mehr oder minder einträgliche Ämtchen bei der Gemeinde und darunter auch das eines Gerichtsbeisitzers versah . Friedrich blickte ihn verächtlich an . » Laß Er mich nur machen « , sagte der Amtmann verweisend zu der eifrigen Urkundsperson . Dann hielt er eine eindringliche Rede an den Gefangenen . Er fragte ihn , wie er es vor seinem Vater , vor seiner Mutter , die sich im Grab umkehren müsse , vor seiner ehrbaren Verwandtschaft , ja vor ihm selbst , dem Nachfolger seines Paten , verantworten könne , so viel Unruhe über die Gemeinde zu bringen und noch obendrein dem Gerichte durch seine Halsstarrigkeit zu schaffen zu machen . » Und was soll ich Seiner hochfürstlichen Durchlaucht antworten « , fuhr er fort , » wenn Hochselbige sich herabläßt , sich nach dem jungen Menschen zu erkundigen , der vor den höchsten Augen eine unleugbare Bravour bewiesen hat ? Wenn die Antwort lautet , er habe Verbrechen auf Verbrechen gehäuft , endlich sogar seinem Richter die schuldige Ehrerbietung verweigert und durch bösartigen Trotz sich selbst noch tiefer in Schaden gestürzt , muß dann nicht der Herr , der sonsten das Verdienst zu belohnen geneigt ist , sich beeilen , einen solchen Namen wieder aus dem fürstlichen Gedächtnis auszulöschen ? « » Ich hab kein ' Lohn begehrt « , erwiderte der Gefangene trotzig . Es waren die ersten Worte , die er sprach . » Nun , so vergrößere Er wenigstens Seine Strafe nicht « , sagte der Amtmann , der das Eis gebrochen sah und rasch auf der gewonnenen Bahn fortfuhr . » Er hat es in der Hand , vielleicht schwerere Bezichte von sich abzuwälzen . Mir geschieht es sauer genug , ein hiesiges Burgerskind criminaliter prozessieren zu müssen . Aber so viel wird Er selbst einsehen : wenn die ganze Burgerschaft klagt , so kann ich doch die Sache nicht vor Ohren gehen lassen . « Friedrich lächelte bitter . » Es mögen wohl viele hier sein « , sagte er , » die mich gern am Galgen sehen möchten , aber alle nicht . Wenn ' s aber doch mit mir aus soll sein , und ich soll kein ehrlicher Mann werden können - vor dem Flecken draußen steht ja das Hochgericht , also machen Sie vorwärts , Herr Amtmann ! Je kürzer der Prozeß , desto besser für mich . « Der Amtmann lachte . » So kurzen Prozeß kann ich nicht machen « , sagte er . » Stock und Galgen haben wir wohl noch , aber der Stab ist etwas abgekürzt . Der Oberstab ist in Göppingen , wo Er Sein Urteil empfangen wird . Deshalb will ich Ihn in Güte darauf hingewiesen haben , daß Er sich nicht das Protokoll durch weitere Hartnäckigkeit selbst verdirbt . Denn das Sprichwort sagt bekanntlich : wie man berichtet , so richtet man . Übrigens seh ich nicht ein , wie Er behaupten kann , man wolle Ihn nicht ehrlich werden lassen . Wer verwehrt Ihm denn das ? Im Gegenteil , es handelt sich ja darum , Ihn auf den rechten Weg zurückzubringen . « » Ich hab meinem Schatz versprochen , daß ich sie und ihr Kind zu Ehren bringen will « , murrte Friedrich mit einigem Unmut , daß er nicht verstanden worden war . » Solang ich mein Wort nicht halt , bin ich auch kein ehrlicher Mann , und man leid ' t ' s ja nicht , daß ich ' s halten soll . « » Ja so , das ist ' s « , versetzte der Amtmann . » Das scheint die Ursache gewesen zu sein , nicht wahr , daß Er die verschiedenen Redensarten ausgestoßen hat , die ich Ihm jetzt vorhalten muß ? « Mit dem befriedigenden Bewußtsein , durch seine Bonhommie dem trotzigen Delinquenten das Band der Zunge gelöst zu haben , zählte ihm der Amtmann die Sünden dieser Zunge auf , welche seine Ankläger zu Protokoll gegeben hatten . Friedrich gab einige als möglich , andere als wirklich zu , wieder andere zog er in Abrede . » Das sind mir Klagen ! « sagte er . » Dergleichen Redensarten kann man von jedem Kind in Ebersbach hören . Aber man sollt meinen , der ganz Flecken red französisch , und ich allein schwätz deutsch . « Der Amtmann protokollierte , während seine Beisitzer gähnten und der Gefangene gelangweilt das Bild der Justitia betrachtete . Nachdem der Amtmann kunstgerecht das Gebäude der Aussagen zusammengetragen hatte , aus welchen die Bosheit der Gesinnung hervorleuchtete , nahm er eine neue Prise und ging sodann zu dem Messerstich über , in welchem der tätliche Ausbruch dieser Gesinnung erblickt werden konnte . » Es tut mir leid « , sagte Friedrich , » daß der Peter so verbost auf mich ist . Ich hab ihn um Verzeihung gebeten , wiewohl vergeblich , und würd ' s gern noch einmal tun , wenn ein guts Wort eine gute Statt bei ihm fänd . Ich seh wohl ein , daß es nicht recht gewesen ist , aber ich hab ' s , weiß Gott , nicht so bös gemeint , ich hab ' s eben in der Hitz aus Unvorsichtigkeit und Übereilung getan , und wie ich gehört hab , daß ihm ' s nichts geschadt hat , so ist mir ' s gewesen , als wär ich aus Ketten und Banden erlöst . Er sollt aber jetzt auch keinen solchen Kessel überhängen . Was ! das bißle Aderlaß ist ihm gesund gewesen , er ist ja ein Kerl wie ein Ochs . « » Nun ja , Er darf freilich Gott danken , daß die Sache so gut abgelaufen ist « , sagte der Amtmann etwas zutraulich , » mit Blutvergießen ist nicht zu spaßen , da geht ' s gleich um den Kopf . Aber « , fügte er hinzu , » wenn Er in der Rage zugestoßen hat , so hat Er doch nicht so gewiß wissen können , ob der Stoß nicht tiefer oder bis ans Leben gehen werde . « » Ich bin freilich in der Rage gewesen « , antwortete Friedrich , » aber ich hab ihm doch nicht viel tun können , denn er hat mich ja am Arm gepackt gehabt , und also hab ich eigentlich gar nirgends anders hinstoßen können als nach seinem Arm . « » Glaubt Er « , forschte der Amtmann , » Er habe das so sicher berechnen können ? Es ist doch nicht wohl anzunehmen , daß man im Zorn zugleich kalt und besonnen zielt . Man stoßt eben zu , und dann kann der Stoß ebensowohl am Arm vorbei und in den Körper gehen . « » Ja , gezielt hab ich freilich nicht « , erwiderte Friedrich , » und hab mir auch nicht fürgenommen , wie tief es gehen soll . Ich hab ja schier nicht gewußt , daß ich nur gestochen hab . Wenn ich kein Messer in der Hand gehabt hätt , so hätt ich ihm eben die Faust zu Gemüt geführt . « » Da hätte Er ja aber auch das Messer vorher weglegen können « , sagte der Amtmann . » Ja was ! wenn man im Zorn ist , so denkt man an nichts und stoßt eben zu . Wenn man je was denkt , so denkt man höchstens im Unsinn : Kerl , hin mußt sein ! « » Hin ? « fragte der Amtmann , die Gerichtsbeisitzer anblickend und rasch der neuen Fährte folgend . » Das ist einem aber nicht Ernst « , verbesserte der Gefangene , dem es nachgerade schien , er sei im Begriffe , zu viel zu sagen . » Man ist nachher heilig froh , wenn ' s nichts getan hat . « Der Amtmann protokollierte fleißig drauflos , während dem Gefangenen eine dunkle Ahnung verraten mochte , seine Vorsicht komme zu spät und er habe wohl schon viel zuviel gesagt . Auch reichte seine Vernehmlassung vollkommen hin , um die Anklage wegen eines Attentats zu begründen , bei welchem er eine Tötung , wo nicht beabsichtigt , so doch auch nicht geflissentlich vermieden , jedenfalls aber eine mehr oder minder lebensgefährliche Verwundung vorausgesehen habe . Zufrieden mit dem bisherigen Erfolge der Untersuchung , legte der Amtmann die Feder nieder und nahm das Verhör wieder auf . » Jetzt kommen wir an den Fruchthandel « , sagte er . » Er wird nicht in Abrede zu ziehen gemeint sein , daß es ein etwas einseitiger Handel ist , wenn man Frucht einsackt , ohne Bezahlung dafür zu leisten . Pro primo aber , um die Aussagen unter sich in Einklang zu bringen , muß ich fragen : wieviel ist ' s denn eigentlich gewesen ? « » Herr Amtmann « , antwortete Friedrich , » ich hab meinem Vater gleich im ersten Augenblick erklärt , daß er durch den Handel um keinen Kreuzer kommen solle , und wenn ' s jetzt an dem ist , daß er aus meinem Mütterlichen schadlos gehalten werden soll , so will ich kein Körnle verschweigen . Natürlich hab ich ' s in der Nacht und in der Eil nicht so akkurat abzählen können , auch ist in einem Sack mehr gewesen und im anderen weniger , aber ich tu meinem Vater gewiß nicht unrecht , wenn ich ' s im ganzen auf ein Scheffel sechs oder sieben schätz , Dinkel und Haber , ungefähr zu gleichen Teilen - ganz genau kann ich das natürlich jetzt nicht mehr sagen . « » Sechs bis sieben Scheffel Dinkel und Haber « , sagte der Amtmann , den Kopf auf die Hand stützend . » Ja , ja , das müssen wir so praeter propter berechnen . Wo sind die pretia rerum ? « fragte er , in den auf dem Tische liegenden Akten kramend . » Ja so , meine Frau wird die Zeitung haben . Herr Senator , geh Er geschwind zu meiner Frau hinüber ; ich lasse sie auf einen Augenblick um die Wöchentlichen Anzeigen bitten . « Der Richter ging und brachte das amtliche Landesblatt , auf dessen Rückseite die Frucht- , Wein- , Holz-und Salzpreise verzeichnet waren . Der Amtmann nahm das Folioblatt , legte es vor sich auf den Tisch , stärkte sich zuvor durch eine Prise und suchte dann mit dem Finger im Schrannenzettel . » Da steht ' s « , sagte er , » Göppinger Schranne , Dinkel drei Gulden dreißig , Haber zwei Gulden dreißig . « » Ja « , sagte der andere Gerichtsbeisitzer verdrießlich , » seit der Ernt hat der Dinkel um dreißig Kreuzer abgeschlagen , im August hat er noch vier Gulden kost ' t. « Der Amtmann rechnete mit dem Bleistift auf einem Stück Sudelpapier . » Vier Scheffel Dinkel « , murmelte er , » tut vierzehn Gulden ; drei Scheffel Haber , tut sieben Gulden dreißig , beides nach jetzigem Preis . Zusammen also einundzwanzig Gulden und dreißig Kreuzer . Ist Er mit der Taxation zufrieden ? « » Herr Amtmann « , antwortete Friedrich , » ich hab zu meinem Vater gesagt , wenn der Fruchtpreis bis zur Abrechnung anziehe , so solle das sein Nutzen sein ; also sollt ' s eigentlich mir zugut kommen , wenn der Preis unter der Zeit gefallen ist , weil mein Vater ja doch damals nicht hat verkaufen wollen . Aber ich bin nicht so interessiert . Machen Sie nur das Ungerade voll und rechnen Sie zweiundzwanzig Gulden , daß die Zahl rund ist . « » Ich weiß nicht , was Er will « , sagte der Amtmann . » Ich habe ja nach dem heutigen Preis , also zu Seinen Gunsten gerechnet . « » Richtig , Herr Amtmann « , erwiderte Friedrich , » aber Sie haben vier Scheffel Dinkel und drei Scheffel Haber angenommen , und es können ebensogut vier Scheffel Haber und drei Scheffel Dinkel gewesen sein , oder auch gradaus halb und halb . « » Ist mir das eine Strohhalmspalterei ! « rief der Amtmann verdrießlich . Die beiden Gerichtsbeisitzer lachten . » Wenn ' s hoch kommt , so macht ' s ' n Gulden Unterschied , und ' n halben Gulden will er ja selber dreingeben « , sagte der eine . » Kommst endlich ins Rechnen ? « rief Friedrichs Vormund , » ' s wär wohl Zeit , daß du dran dächtest ; hätt ' st aber schon früher anfangen sollen . « » Damit Er sieht , daß Ihm kein Unrecht geschieht , so will ich ' s Ihm vorrechnen « , sagte der Amtmann und griff wieder zum Bleistift . » Ach , mir ist ' s ja nicht ums Geld ! « sagte Friedrich zugleich ärgerlich und beschämt . Ihn hatte bloß das verdrossen , daß man von den möglichen Grundlagen der Berechnung die ungünstigste angenommen hatte . Während der Amtmann noch rechnete , hörte man vor der Türe , die der Schütz aus Neugier ein wenig offen gelassen hatte , einen schweren Tritt , der von wiederholtem Räuspern des Kommenden begleitet war , dann einen Wortwechsel mit dem Schützen , welcher endlich sagte : » Wenn Er mit Gewalt nausgeschmissen sein will , so probier Er Sein Glück . « Darauf klopfte es an der Türe erst leise und demütig , dann etwas lauter . Der Amtmann ließ einen grimmigen Blick nach der Türe hinlaufen , rechnete aber stillschweigend fort . Es klopfte wieder . » Daß dich das Wetter ! « rief der Amtmann und warf den Bleistift hin , » was ist das für ein unverschämter Lumpenkerl ? « Einer der Gerichtsbeisitzer ging auf den Zehen nach der Türe und öffnete . Ein halb städtisch , halb ländlich gekleideter Mann stand davor , der , da er sich auf einmal dem Amtmann gegenüber sah , ein paar tiefe Kratzfüße machte . » Mit Ihrem Wohlnehmen , Herr Amtmann ! « wollte er beginnen . Zugleich rief der Gefangene , der sich neugierig umgesehen hatte : » Das ist ja der Vetter aus Hattenhofen ! Grüß Gott , Vetter ! « » Still ! « gebot der Amtmann . » Hab jetzt keine Zeit ! « rief er dem Ankömmling zu . » Sieht Er denn nicht , daß hier etwas Dringendes verhandelt wird ? Und wie kann Er sich unterstehen , am Sonntag zu kommen ? « » Exküse , Herr Amtmann « , sagte jener , schon halb auf dem Rückzuge begriffen , » ' s ist ja eben wegen der Sach . « » Halt ! « rief der Amtmann . » Herein da ! Hat Er etwas wider den Angeklagten vorzubringen ? « » Ach nein , Herr Amtmann , wenn Sie ' s erlauben « , antwortete der Mann etwas weinerlich , » ich verklag ihn nicht , gewiß nicht , und was er von mir hat , das hat er aus gutem freien Willen , und ich will aber auch hoffen , daß ich wieder zu meinem Sach komm . « » Also eine Schuldklage ! « rief der Amtmann enttäuscht . » Dazu ist jetzt keine Zeit , das ist nachher vorzubringen . Fort ! « » Der ist pfiffig ! « sagte der Gefangene lachend , » der weiß den Pelz zu waschen , ohne ihn naß zu machen . Ich möcht aber nicht haben , daß er in der Sorg wär , er könnt durch mich um etwas kommen , und weil wir ohnehin just an der Abrechnung von meinem Mütterlichen sind , so ist mir ' s lieber , wenn das auch gleich dazugeschrieben wird . « » Ich hab ' s ihm aus gutem freien Willen gelassen , Herr Amtmann « , wiederholte der Vetter , erfreut über die Willfährigkeit des Gefangenen , indem er sich zugleich , dem Befehl des Beamten gehorchend , aber so langsam , daß er jeden Augenblick zurückgerufen werden konnte , nach der Türe zurückzog . » Gelassen ? aus gutem Willen gelassen ? « sagte der Amtmann stutzend . » Was ist denn das ? « Der Mann zuckte die Achseln verlegen lächelnd und blieb an der Türe stehen . Der Amtmann sah den Gefangenen scharf an . » Ich hab ' s ihm von meinem Mütterlichen zurück versprochen « , sagte dieser . » Halt ! « rief der Amtmann . » Er bleibt da ! Bring Er Seine Sache vor ! Ich muß wissen , wie es sich damit verhält . « » Ich will ' s selber sagen « , nahm der Gefangene das Wort . » Ich hab ja gleich mit rausrücken wollen , sobald ich meinen Vetter gesehen hab . Also , wie sich ' s um das Strafgeld für meine Christine gehandelt hat , und der Herr Amtmann hat mir die Höll heiß gemacht und all die Unehr und Schmach fürgestellt , die über sie hätt ergehen sollen , da hab ich nicht gewußt , wo hinaus und wo hinein , und weil der Herr Amtmann mit dem Geld sehr pressiert hat , so bin ich noch in der nämlichen Nacht gen Hattenhofen gesprungen und hab bei meinem Vetter da einen Besuch gemacht . « » Und ist der Vetter bei dem Besuch auch selbst zugegen gewesen ? « fragte der Amtmann , immer aufmerksamer werdend , den Vetter von Hattenhofen . » Neinle , neinle , Herr Amtmann , ich bin nicht dabeigewesen « , antwortete dieser mit seinem verlegenen Lächeln . » Das ist aber ein Galgenvogel ! « schrie der Richter auf . » Also noch so ein Stück ! Wenn man dem die Schublad aufmacht , so springen lauter Einbrüch ' raus ! « » Still ! « befahl der Amtmann . » Kann Er behaupten , daß Sein Vetter Ihn eingeladen oder aufgenommen habe , und was hat Er bei Nacht in dem fremden Haus getan ? « » Es ist mir kein fremdes Haus gewesen , Herr Amtmann « , sagte der Gefangene , » und wenn mich auch mein Vetter selbigsmal nicht hat einladen können , weil er just zu der Zeit geschlafen hat , so hab ich doch von früher gewußt , daß er sein Haus nicht vor mir verschließt . « » Ja freile , freile ! « sagte der Mann von Hattenhofen eifrig bekräftigend . » Mir ist ja die Sonne auch nicht verschlossen , und ein Ehr ist der andern wert . « » Und was hat Er in dem Haus getan ? « wiederholte der Amtmann . » Die Straf für meine Christine geholt , wie ich ja schon von Anfang an hab sagen wollen ! « antwortete der Gefangene etwas gereizt . » Also hat er Ihm Geld genommen ? « fragte der Amtmann den Mann vom Lande . » Beileib net , Herr Amtmann , b ' hüt uns Gott ! « sagte dieser , » bloß e bissele Zwetschgen und e bissele Trilch und e bissele Garn und e bissele Flachs , und aber über alles das hat er mir eine Quittung geben . « » Hat Er die Quittung da ? « » Ha freile , Herr Amtmann « , rief der Nichtkläger , dem die Freude , sein Anliegen so geschickt anbringen zu können , aus den Augen blinzelte , und reichte die Quittung mit weit vorgebeugtem Leib und ausgestrecktem Arm dem Amtmann hin . » Hat Er die Quittung in jener Nacht zurückgelassen ? « fragte der Amtmann den Gefangenen . » Nein , Herr Amtmann , damals hat mir ' s zu arg pressiert . Ich hab