hinein hustete . - » Allerdings hast du Recht , « fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort , als ihr Sohn ; » das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz kleine Gesellschaft , die ich mit großer Umsicht für die F. ' s ausgesucht . Dabei war unter Anderem der Buchhalter deines Papa ' s nebst seiner Frau , dein - Freund und Kollege , der Professor C. und ähnliche Leute . - Aber die Geschichte , die in dem Briefe angedeutet ist , wie ist es damit ? « » Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen , ist also doch einmal von der Gesellschaft . Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr gut brauchen kann , « fuhr Arthur in sehr entschiedenem Tone fort , » so bat ich ihn ebenfalls zur Probe . - So ist die Geschichte , und also hat die verwittwete Tutelar-Räthin Recht . « » Ah ! « machte die alte Dame , und ihre Augen schoßen ein paar Blitze auf den ungerathenen Sohn . Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete stärker hinein als früher . Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem . Diesmal aber war es unverkennbar der Rhythmus eines Sturmmarsches . Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher , als wollte sie jeden Einzelnen auffordern , über diese unerhörte That einige mißbilligende Worte zu sagen . Aber Alle schwiegen ; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite , lächelte fatal und sagte : » Das hättest du nicht thun sollen , Arthur . « » Und warum nicht ? « fuhr dieser auf . » Weil die F. ' s nun einmal nicht zu unserer - Gesellschaft gehören . « » Sie sind uns vorgestellt , sie kommen in unser Haus ! « » Aber sie haben nicht das Recht , eine Einladung zu prätendiren ; sie sind nur geduldet , « meinte Alfons , während er seine Brille näher an die Nase drückte . » Und weßhalb sind sie bloß geduldet ? « brauste der Maler stärker auf . » Wer hat das Recht , den Doktor F. , dessen Name , ja dessen kleiner Finger mehr werth als zwei Dutzend Räthinnen mit ihrem Anhang , nur zu dulden ? Wer kann sich unterstehen , dieser braven Frau gegenüber von Duldung zu sprechen ? - einer ehrbaren , verständigen , musterhaften Frau , in jeder andern Stadt eine Zierde der Gesellschaft . « » Und eine schöne Frau , « sagte Alfons höhnisch . » Ja wohl , eine schöne Frau , Alfons ! « rief der Maler . » Das wirst du , wie ich mich erinnere , ganz genau wissen , und ebenso kannst du mir am besten beistimmen : eine brave und tugendhafte Frau . - Nicht wahr , Alfons , davon - « Er wollte sagen : » davon hast du einstens Beweise erhalten , « aber er bemeisterte sich glücklicherweise , doch wohl nur , weil er einem bittenden Blick seiner Schwester Marianne begegnete . » Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau ? « fragte die Schwiegertochter der Kommerzienräthin von ihrem Fauteuil aus , ohne aber ihre Lage dabei im Geringsten zu verändern . » Das will ich dir sagen , Bertha , « fuhr der Maler fort . » Wir sind ja hier unter uns . « » Stille ! « rief die Kommerzienräthin . » Nach deinen heftigen Reden von vorhin zu schließen , bitte ich mir aus , daß du es unterläßt , diesen Punkt vor den beiden Frauen zu erörtern . Ueberhaupt gehört das nicht hierher , und ich möchte mir fast erlauben , den Papa herauf rufen zu lassen , um mich mit ihm zu besprechen , was in diesem eigenthümlichen Falle zu thun wäre . « » O , dazu brauchen Sie nicht den Papa , « erwiderte Arthur nicht ohne Beziehung ; » Sie werden schon selbst einen Entschluß fassen , Mama . Aber Sie wissen um die Sachlage ; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal eingeladen , er wird in einer Viertelstunde da sein . Haben Sie nun vor , etwas gegen ihn zu thun und mich so zu compromittiren , so verlassen Sie sich darauf , daß ich mich nicht scheuen werde , die Sache Jedermann zu erzählen , der sie hören will ! « Während die Kommerzienräthin , ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten , mit sich zu Rathe ging , was hier zu beschließen sei , näherte sich der arme Eduard seiner Frau ; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht , einen freundlichen Blick von ihr zu erhaschen , aber sie schien heute nun einmal für nichts Anderes Sinn zu haben , als für den grauen winterlichen Himmel , den sie mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete . Jetzt aber , wo sie auf ihre Frage von vorhin keine Antwort erhalten , schien es dem unglücklichen zuvorkommenden Ehemann die passendste Gelegenheit , seiner mißstimmten Frau einige Aufmerksamkeit zu widmen . Er näherte sich dem Fauteuil und sagte leise : » Du hast vorhin wissen wollen , was es mit den F. ' s für eine Bewandtniß habe , und weßhalb man sie nicht gern in die Gesellschaften ziehe ? « » O , es ist mir ganz gleichgiltig , wenn ich es auch nicht weiß , « entgegnete Madame . » Aber du fragtest ja darnach ! « sprach Eduard eifriger . » Ja , wie man so fragt . « » So will ich es dir sagen , « flüsterte er . » Den Doktor F. kennst du ja - er ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten Aerzte , noch sehr jung , hat aber schon eine sehr große Praxis . « » Allerdings größer als die deinige , « entgegnete die liebenswürdige Frau . Eduard biß sich auf die Lippen , bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort : » Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter - eine arme aber brave Familie . Doch ist ein Fehltritt vorgekommen , - - mit ihrem jetzigen Manne natürlich . Die Sache konnte nicht verheimlicht werden , denn ihr ältestes Kind kam etwas frühzeitig auf die Welt . « » Das ist die ganze Geschichte ? « » Das ist Alles , was man der Frau nachsagen kann , denn sonst ist sie ein Muster von Ordnung , liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf ' s Sorgfältigste . « » Unbegreiflich ! « entgegnete hierauf Madame , und im Gegensatz zu dem soeben geführten Gespräch mit so lauter Stimme , daß man es deutlich im ganzen Zimmer hören konnte . - » Das kommt ja zuweilen vor ; ist denn nicht eurer Cousine Emma , der jetzigen Hauptmännin S. , ganz die gleiche Geschichte passirt ? « » Nun ja ; sprich doch leise ! « » Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht ; die kommt ja nach wie vor in alle Gesellschaften , « sagte Madame noch lauter . Die Kommerzienräthin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt , sie hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe , ihrer Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern , doch fragte Arthur in diesem Augenblicke ziemlich gelassen : » Nun , Mama , was beschließen Sie wegen - dieser Geschichte ? Die Zeit drängt ; wir haben nur noch einige Minuten Zeit , und ich bin überzeugt , daß Doktor F. sehr pünktlich sein wird . « » Das glaube ich auch , « versetzte Alfons höhnisch lachend . » Solch eine Gelegenheit kommt nicht sobald wieder . « Die Kommerzienräthin hatte ihren Entschluß gefaßt . Sie trommelte noch leise auf den Tisch , daß es klang wie ein dumpfer entfernter Donner . Dann sagte sie : » Die Sache ist nun einmal geschehen , und kann ich , ohne den Anstand des Hauses zu verletzen , nichts mehr daran ändern ; ich will dich also vor den Leuten nicht bloßstellen , dagegen sei es deine Aufgabe , die F. äußerst wenig in den Bildern zu beschäftigen , vielleicht nur in einem , wozu ich selbst mit Sorgfalt die anderen Personen aussuchen werde . Und dieses Bild , worin sie plazirt werden soll , wird alsdann in der Aufführung begreiflicherweise nicht gestellt ; du hast das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen , bei der Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen . Wie du es anfängst , ist deine Sache ; möge es dir recht schwer werden , denn die Voreiligkeit , die du begangen , verdient ihre Strafe ! « Arthur kannte seine Mutter und wußte , daß vorderhand eine Erwiderung zu nichts führen würde . Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll mit seinem Nagel eine fürchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe . » Hast du was mit - der Wasser gehabt ? « fragte Eduard . » Nein , « entgegnete Arthur , » aber ich mag die Familie nicht , das wissen sie wohl . Ihre Töchter , die aufdringlichen Schneegänse , hassen mich ganz besonders ; ich hätte sie einmal zeichnen sollen , habe mich jedoch für diese Ehre bedankt . « » Weßhalb haßt denn die Tutelar-Räthin die Doktorin F. so grimmig ? « » Das ist sehr einfach ; es hat der Wasser selbst die größte Mühe gemacht , in den Kreisen der Gesellschaft , wo sie jetzt gelitten ist , durchzudringen . Und das mit einigem Recht , weil über ihre Familie ein sehr räthselhaftes Dunkel schwebt und weil sie eine boshafte , gallsüchtige kleine Person ist . Hauptsächlich aber dringt sie auf Ausschließung der F. , weil sie doch gar zu schlecht neben ihr aussehen würde . Denke dir die schöne Doktorin und die kleine , halbverwachsene Frau ohne alle Taille , mit ihrem gelben Teint und dem bösartigen Blick ! « » Pfui , Arthur ! « sagte Eduard lächelnd , » man sollte ja glauben , du seiest in einer Kaffeegesellschaft . Wie kann man sich so ereifern ! - Sei jetzt stille , Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons übergeben . Er soll ihn vorlesen , sagte sie ; geben wir Achtung ! « Alfons nahm in der That das zweite Billet aus den Händen seiner Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben las er : » Liebe Lotte ! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten , es ist mir aber wahrhaftig unmöglich , davon Gebrauch zu machen . Wie sich wohl von selbst versteht , wird dein Schwiegersohn , Herr Alfons , mitwirken , und da kann ich meinem Sohn doch nicht zumuthen , mit von der für uns so angenehmen Partie zu sein . Du weißt , daß sie einige heftige Worte zusammen hatten , und obgleich sich dein Schwiegersohn im größten Unrecht befand , so sah er sich doch bis heute nicht veranlaßt , meinem Karl einige versöhnliche Worte zu schreiben . Sonst wie immer deine treue Freundin Louise . « Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen , Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln . » Ich kann da nichts sagen und thun , « meinte er . » Wenn Madame glaubt , ihr Herr Sohn habe Recht , so kann ich mir das ruhig gefallen lassen ; ich aber behaupte , er hat Unrecht , und ich habe mir nun einmal vorgenommen , diese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten fühlen zu lassen . « » Und was hat denn der , von dem es sich handelt , so Schlimmes begangen ? « fragte ernst die alte Dame . » Auf dem letzten Balle , « sagte Alfons sehr wichtig und ruhig , » tanzte er mit Mariannen zweimal . Ich hatte nichts dagegen ; als er sie nun aber gar zum dritten Male auffordern wollte , verbat ich mir das , und da erlaubte er sich einige unpassende Bemerkungen , die ich ihm aber sehr passend zurückgab . Ich halte sehr auf den Anstand , Mama , wie Sie wissen , und will nicht , daß meiner Frau gegenüber etwas geschieht , worüber die Leute die Nase rümpfen können . « » So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht thun , Herr Schwiegersohn , « erwiderte die Kommerzienräthin . » Uebrigens sehe ich gar nicht ein , wie ein dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren Hauses unanständig sein könnte . « » Ich sehe das auch nicht ein , Mama , « sagte die Tochter mit leiser Stimme . » Das mag sein , « entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen , indem er die rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte . » Es mag sein , « wiederholte er bestimmt , » daß meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und scharf ausgeprägt sind , aber ich halte sie einmal fest , wie ich sie fühle ; und man thut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig . « » Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zusammen , « flüsterte Eduard dem Maler zu , worauf Arthur beistimmend mit dem Kopfe nickte . » Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein , « fuhr der Andere fort , » die sich mit seinen scharf ausgeprägten Begriffen von Anstand und Schicklichkeit nicht gut vereinigen ließen . « » Ich war nicht da , « entgegnete Arthur zerstreut . » Nun , « sagte Eduard , » der junge Mann ließ ein paar Worte fallen , die Marianne tief verletzen müßten , wenn sie dieselben erfahren hätte . Es war das bekannte Thema , daß man Niemand hinter dem Busch suche , wenn man nicht selbst stark seinen Aufenthalt daselbst genommen . « Man kann sich denken , daß nach dem , was soeben in der Familie vorgefallen und was wir dem geneigten Leser erzählt , die Gesichter der sämmtlichen Anwesenden durchaus nicht , wie man zu sagen pflegt , mit einem rosigen Schimmer übergossen waren , vielmehr schien Eines noch düsterer und verstimmter als das Andere . Doch gab es ein gutes Mittel dagegen , den Anfang der Probe nämlich und das Erscheinen der ersten Gäste . Es ist wahrhaft erstaunlich , was der Mensch Alles kann , wenn er will , und wie sich hier , sobald man Schritte auf der Treppe hörte , die Züge Aller aufheiterten , die Augen einen anderen Ausdruck erhielten , und die Gesichter mit einem freundlichen Lächeln überstrahlt wurden . Bei Manchem gelang diese Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung , aber sie gelang doch . Die Kommerzienräthin trommelte und hustete nicht mehr , Marianne saß sanft gegen sie hingebeugt , als habe sie ihr irgend eine zärtliche Bemerkung in ' s Ohr geflüstert ; ja Alfons , der eben noch so verstimmte Alfons , stützte die rechte Hand auf den Tisch , während die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau herabgeglitten zu sein schien . Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe . Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und flüsterte ihr zu : » Es kommen Leute , wie du weist , Bertha , mach doch ein freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und traurige Verstimmung ! « Arthur zuckte verstohlen die Achseln und dachte : » Laßt den Doktor F. und seine Frau nur einmal bei der Probe gewesen sein , so wird das Andere sich schon machen « - worauf auch er eine heitere Miene annahm . Kurz es war erstaunlich , wie das ganze kommerzienräthliche Haus nun auf einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit bot ; Alle sahen aus wie das personifizirte Wohlwollen gegen einander und gegen die äußere Welt , und hätte die Kommerzienräthin ihren stechenden Blick und ihre lange spitze Nase verbergen können , so würde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein . Einunddreißigstes Kapitel . Winterhalter ' s Decamerone . Da öffnete sich die Thüre und es erschien zuerst die Familie des Oberregierungsraths von D. , für heute aus drei erwachsenen Töchtern bestehend , die von einem emporgeschossenen , noch ziemlich grün aussehenden Bruder , der die gegründetste Hoffnung hatte nächstens zum Justizreferendär zu avanciren , in Abwesenheit von Mama chaponirt wurden . Mama , eine gute , aber etwas dicke und alte Frau , hatte nur eine Einladung zum Zusehen erhalten , wogegen der Vater wegen seiner Amtsgeschäfte unmöglich erscheinen konnte . Wenn wir sagen , daß Arthur die Töchter zur Ausfütterung irgend eines dunkeln Hintergrundes bestimmt hatte , so ist ihr Aeußeres sattsam beschrieben . Was den Bruder anbelangt , so war es schade , daß keine Thierstücke gestellt wurden : er hätte in seinen unbeholfenen , schweren Bewegungen die Stelle eines jungen Jagdhundes vortrefflich ausgefüllt . Ihnen folgte in majestätischem Aufzuge die Familie des Obertribunal-Präsidenten . Er , ein großer korpulenter Mann mit einem breiten rothen Gesichte von etwas blutdürstigem Ausdruck , sie , scharf und schneidend im Aeußern , in Reden und Bewegungen , konnte an seinem Arme sehr wohl als Symbol des Schwertes der Gerechtigkeit dienen . Beider Sohn schritt hinter ihnen drein , eine noch nicht vollkommen erklärte Größe , die sich ebenfalls dem Criminalistischen zugewendet hatte , dem Aeußern nach eine schlechte Copie des Vaters und bei allen jungen Damen sehr gefürchtet war , denn da er nichts Besseres zu reden wußte , so unterhielt er sich von seinen Gerichtssitzungen und erzählte gern die schauderhaftesten Mordgeschichten . - Die ganze Familie schritt äußerst würdevoll daher , aufrechten Hauptes , steif und großartig , als eröffneten sie den Zug irgend eines zum Tode Verurtheilten . Glücklicherweise aber erschien hinter ihnen das wohlgenährte freundliche Gesicht eines jovialen Steuerraths mit Gemahlin , drei Töchtern und zwei Söhnen , und verwischte so das angedeutete traurige Bild . Der Steuerrath begnügte sich nicht mit einem stummen Kopfnicken , sondern er versicherte , daß er sich schon den ganzen Morgen ungeheuer auf die Probe gefreut habe , daß er mitwirken werde , es aber unter einem Adonis oder Apollo schon gar nicht thue , und daß er ferner hoffe , es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor , wo er sich als Fiedler auf dem Fasse auf ' s Prächtigste ausnehmen würde . Er würde noch mehr dergleichen vergnügtes Zeug geschwatzt haben , doch erschien jetzt sein Chef , der Obersteuerdirektor , ein noch nicht alter , vornehmer Herr mit mehreren Ordensbändern und zwei blühenden Töchtern , bei deren Anblick der Maler , der wieder ziemlich verdrossen nach seiner Fensterecke zurückgekehrt war , ein freundlicheres Gesicht machte . Diesen beiden Mädchen waren natürlicherweise Hauptrollen zugedacht , und sie wußten wohl , daß sie hiezu berechtigt waren . Sie begrüßten die Kommerzienräthin herablassend , Marianne freundlich , die andern jungen Damen sehr oben hinüber , und der junge Jagdhund , sowie der blutdürstige Criminalist , die ein freundliches Wort anbringen wollten , wurden gar nicht beachtet . Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen , unter Anderem auch der Bankpräsident , ein bleicher , dicker Mann mit außerordentlich spärlichem Haarwuchs , das heißt auf dem Kopfe . Auf den Zähnen hatte er aber desto mehr , und er war mehr wegen seiner außerordentlichen Grobheit als seiner Umsicht bei den Geschäften der Bank berühmt . Als vornehmerer Kollege des Kommerzienraths wurde er von der Dame des Hauses durch ein Aufstehen vom Sopha geehrt und ihm gleich ein Fauteuil untergeschoben , auf dem er sich auch niederließ , ohne in seinem durch Nichts berechtigten unergründlichen Hochmuthe die übrige Gesellschaft weiter eines Blickes zu würdigen . Als die Kommerzienräthin vorhin aufstand , verband sie als kluge Frau dabei das Angenehme mit dem Nützlichen ; denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab sie sich in das anstoßende eigentliche Vorzimmer , um dort jene Klasse von Gästen zu empfangen , die es nicht so recht wagten , in das Gemach vorzudringen , wo sich die höchsten und allerhöchsten Herrschaften des Honoratiorenstandes befanden . Auch Arthur folgte seiner Mutter in dieses Nebenzimmer , denn er wußte , daß dort eine größere und angenehmere Auswahl für die lebenden Bilder sein werde . Hier fand sich denn auch bald eine zahlreiche Gesellschaft zusammen , und wuchsen auf dieser Schichte der menschlichen Gesellschaft , die um einige Grade tiefer stand , schon anmuthigere Blumen als droben auf der Höhe bei der dürren Vegetation . Hier waren jüngere Kaufleute mit ihren Frauen , versprechende Beamtentöchter , jüngere Räthe und Räthinnen , und Alle lachten , plauderten und summten vergnügt durcheinander , während drinnen nur hie und da ein ernstes und gemessenes Wort fiel . Dort füllte es sich aber auch nach und nach , denn es wanden sich immer noch dürre Tannen in Gestalt von Regierungs- und Oberregierungsräthinnen , und kümmerliche Fichten , sowie mageres Gestrüpp aller Art , ältliche Gemahlinnen von Finanzdirektoren , geheimen Hofräthen und dergleichen mehr durch das frische und noch grün belaubte Unterholz des Vorzimmers , um die Höhe des Lebens zu erreichen , wo sie eigentlich hingehörten . Arthur spähte nach seinem Freunde , dem Doktor F. , der noch immer nicht erschienen war ; aber er hatte als Arzt viel zu thun und mußte vorerst seine Geschäfte besorgen , ehe er an das Vergnügen denken konnte . Da es übrigens drei Uhr geworden war , so ließ die Kommerzienräthin die Flügelthüre zu dem besprochenen grünen Salon öffnen und die Menge strömte dort hinein . Das jüngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die aufgestellten Bilder , wobei sich beinahe Jedes eine Rolle aussuchte , die , so sagte man , für seine Persönlichkeit wie gemacht sei . Einige waren dabei bescheiden und meinten , sie würden sich mit Diesem und Jenem begnügen , Andere aber hielten sich für jede Rolle passend ; und leider befanden sich Letztere in der Mehrzahl . Arthur wurde von allen Seiten bestürmt , geschwinde anzugeben , auf welche Art er die Figuren vertheilt habe ; doch er war klug genug , dieß nicht zu thun und versicherte , er müsse nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem andern die betreffenden Namen aufrufen . Das ging nun ziemlich gut von statten , doch nicht ohne leise Reklamationen der Kommerzienräthin und sehr laute Einreden der betreffenden Damen . Der Maler mußte schon in einen sauern Apfel beißen , und manche gelbe und magere Räthin als jugendliche Erscheinung vorschieben , während frische Mädchengesichter hinten zu stehen kamen . Dabei überließ sich Arthur auch zuweilen einer lustigen Laune ; so übergab er zum Beispiel die Rolle des Holofernes dem Obertribunal-Präsidenten mit dem wilden Gesichtsausdruck , stellte den Bankdirektor als Judas Ischariot und bildete aus drei der vornehmsten und stolzesten Damen eine Gruppe , die er als Nymphen bezeichnete , die aber in Wahrheit Furien vorstellten , was ihm dieselben außerordentlich übel nahmen , als sie es später erfuhren . Jetzt wurde das Decamerone von Winterhalter vorgeschoben , das duftige , schöne Bild , welches dem geneigten Leser gewiß bekannt ist . Es ist jener herrliche Garten bei Florenz , wo an einem Springbrunnen die sieben schönen Paare junger Mädchen und Männer in anmuthigen Gruppen ruhen und der erwählten Königin zulauschen , die erhaben zwischen ihnen sitzt , das schöne Haupt mit Blumen bekränzt . » Ah ! « machten sämmtliche Damen , umringten in einem weiten Kreise das Bild , und auch viele der jungen Herren streckten die Hälse vor , um sich einen passenden Platz auszusuchen . Wenn es allen Wünschen der Anwesenden gemäß gegangen wäre , so hätte man das Bild wenigstens achtmal besetzen können , denn da war fast Keine , die sich nicht für berechtigt hielt , mindestens als Königin da zu sitzen . Einige Ausnahmen fanden wohl statt , das waren aber schon Solche , die mehrmals vortheilhaft beschäftigt waren , oder sehr ältliche Damen , in deren Herzen aber jener angedeutete Wunsch zu Gunsten ihrer verschiedenen Töchter laut wurde . Da Arthur bei mehreren Tableaux schon bewiesen hatte , daß er nicht zu bestimmen war , von seiner Liste abzugehen , so wandten sich mehrere vorsorgliche Mütter an die Kommerzienräthin , um eine Einsprache zu Gunsten ihrer Angehörigen zu erwirken , wodurch die alte Dame in augenscheinliche Verlegenheit kam , denn es waren zu wenig Figuren in dem Bilde , um allen diesen Privateinsprüchen genügen zu können . Sogar der Obertribunal-Präsident ließ sich herbei , eine Figur als äußerst passend für seine Emilie zu bezeichnen . Der junge Jagdhund verwandte sich auf ' s Lebhafteste für seine Schwestern , so daß am Ende die Kommerzienräthin in Folge aller dieser Bestürmungen ihren Sohn auf die Seite nahm und ihn in ernsten und dürren Worten anwies , den billigen Wünschen einiger der vornehmsten Damen , die sie ihm namentlich bezeichnete , nachzukommen und das Decamerone , welches Tableaux den Glanzpunkt des Abends bilden sollte , nach ihrer Angabe zu besetzen . Vergebens waren die Einwendungen Arthur ' s : Mama hob ihre Nase so hoch als möglich in die Höhe und sagte kurz und bestimmt , sie habe schon während der früheren Bilder sich manche Abänderungen seitens ihres Sohnes gefallen lassen , dießmal aber beharre sie auf ihrem Wunsche , nöthigenfalls Befehle , und wolle von keiner Widerrede etwas wissen . Arthur dachte einen Augenblick nach , dann flog ein eigenthümliches Lächeln über seine Züge ; er nahm seine Liste , änderte Einiges darin ab und bat die zusammengedrängte Schaar der Damen und Herren um etwas Platz , damit er im Stande sei , das Bild stellen zu können . Erwartungsvoll wich Alles aus einander , der junge Maler arrangirte die Sitze auf der kleinen Estrade im Hintergrunde des Saales und sagte dann , nachdem er einige Worte mit der Kommerzienräthin gesprochen , mit lauter Stimme : » Das Decamerone ist ein Lieblingsbild von Mama , und hat sie die meisten Damen und Herren , die darin vorkommen , selbst bezeichnet . « » Vortrefflich ! - Sehr schön ! - Ah ! das muß ein superbes Bild werden ! « murmelte es vergnüglich durch einander , wobei namentlich die Bittsteller und Bittstellerinnen , die vorhin mit der alten Dame unterhandelt , heitere Gesichter zeigten . Andere aber , die dies wohl bemerkt , stießen sich leicht an , schüttelten die Köpfe und man konnte verschiedene Reden hören : wie man wohl denken könne , was dabei beschäftigt sei , daß man sich an dergleichen Zurücksetzungen gewöhnen müsse , daß bei der Aufführung das Publikum wohl ein richtiges Urtheil haben werde , und dergleichen mehr . Arthur fing an , die Namen der Damen und Herren abzulesen , und der geneigte Leser wird unserer Versicherung glauben , daß das Decamerone in dieser Zusammenstellung wenn auch kein reizendes Bild doch ein vornehmes wurde . Was die Männer anbetraf , so konnte man schon zufrieden sein und wurden dabei auch wenig Bemerkungen laut , obgleich sich der junge Jagdhund eine Rolle herausgeschlagen hatte und sich hinstellte wie ein unglücklich ausgestopfter Storch , der durch Selbstmord in ' s Jenseits gewandert und deßhalb ein melancholisches Air behalten . - Die Damen aber , die nun erschienen und meistens stolz und sicher ihre Plätze einnahmen , mußten schon ein gelindes Spießruthenlaufen aushalten . » Zwei Töchter des Herrn Oberregierungsraths von D. - « » Gott ! « sagte eine dicke Kanlzeirathstochter , » die Emilie und Auguste ! da wird viel weiße Schminke verbraucht werden . « » Es ist nur ein Glück , « setzte eine ziemlich junge Kaufmannsfrau hinzu , » daß die Emilie sitzt und man ihren Rücken nicht sehen wird . « » Sie ist wirklich ein bischen ausgewachsen , « meinte eine Andere . » Das nennst du ein bischen ? « sprach eine Vierte . » Mich hat die Corsettmacherin versichert , sie sei ganz in Eisen eingeschnürt , und wenn das nicht der Fall wäre , so müßte sie zusammenknicken wie ein Taschenmesser . « » Fräulein Pauline von W. , « sagte Arthur . » Ah ! die häßliche Nichte des Ministers ! « » Und in dem schönen Decamerone ! « » Florenz hatte damals eine betrübte Zeit , « sagte boshaft eine andere Stimme ; - » Hungersnoth und Krankheit - Pauline wird das recht natürlich darstellen . « » Aber nehme mir kein Mensch übel , das wird ja ein schreckliches Bild ! « bemerkte entrüstet die Kanzleirathstochter . » Ich mache ja durchaus keine Ansprüche , da mitzustehen - denn ich weiß , daß ich nicht schön bin , « setzte sie kokett hinzu ; » aber wenn ich so aussähe , wie Pauline , so würde ich mich bedanken , wenn man mich so zur Schau stellte . « Pauline hatte nun auch wirklich nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit einer dieser hübschen Gestalten Winterhaler ' s , aber sie war die Nichte des Finanzministers , und ihre Mutter die stolz und breit vor dem Bilde saß und wohlgefällig auf ihre Tochter blickte , hatte Connexionen bei Hofe . Eine Vierte , die der Maler nun aufrief , gefiel eben so wenig als die vorbenannten Drei , und die Vier bildeten auch , um die Wahrheit zu sagen , einen gar betrübten Anblick , der durchaus nicht vermindert wurde , als nun Arthur die beiden schönen Töchter des Steuerdirektors dazu plazirte , die in Jugendfrische und Schönheit strahlten . Der Platz der Königin war allein noch unbesetzt . Arthur hatte sich schon mehrmal im Saale umgesehen und endlich gefunden , was er suchte . Es war das eine junge schöne Blondine , ein herrliches , prachtvolles Weib , die bescheiden zurückgezogen neben ihrem Manne , dem Doktor F. , stand , der mit dem Steuerdirektor im eifrigen Gespräch an