selbst einen Philosophen , weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde , denn sein Wesen und Treiben war in allen Stücken absonderlich . Mit einem vortrefflichen Gedächtnisse begabt , hatte er die zu seinem Berufe gehörigen Kenntnisse bald erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen Philosophien abgegeben , welche er der Reihe nach auswendig lernte ; der Direktor dieser Anstalt war ein Mann , welcher seinen Zöglingen , obgleich sie nur Volkslehrer werden sollten , gern zum allgemeinsten Wissen verhalf , wenn sie sich durch Fleiß die nötige Zeit dazu erwarben . Das hatte freilich zur Folge , daß alle , welche wirklich ein höheres und gründliches Wissen erreichten oder für erreichbar hielten , so bald als möglich der Volksschule Valet sagten und andere Bahnen verfolgten . Dies war indessen nur billig ; wenn das Seminar dabei seinen unmittelbaren Zweck verfehlte , so vergab es doch seiner Würde nichts , indem es armen Bauerssöhnen die Welt auftat . Auch behielten diese , wenn sie ansehnliche Gelehrte oder Staatsbeamte wurden , doch immer eine besondere Anhänglichkeit und Liebe für die Volksschule , welcher sie sich anfänglich geweiht hatten , und was dieser oft zu Schutz und Gedeihen gereichte . Aber es gab auch eine andere Art Wißbegieriger , welche , mehr vom äußern Schein und Hochmut getrieben , vieles erschnappten , ohne Fe den rechten Schlüssel zum wissenschaftlichen Leben zu finden , auch sonst behindert und ohne Talent , Schulmeister bleiben mußten und manchmal tüchtige Lehrer abgaben , wenn sie Eitelkeit und Unzufriedenheit überwunden , manchmal aber auch unnütze Gesellen wurden , welche alle Liebe für ihren Beruf verloren , während sie doch von jedermann die unbedingteste Hochachtung verlangten , ihre Zeit zwischen Dorfintriguen und Kartenspiel teilten oder unausgesetzt um alle Mädchen im Lande sich bewarben , die einige tausend Gulden zu erben hatten . Am liebsten heirateten sie endlich , nach vielen verfehlten Plänen , irgendeine verwitwete Schenkebesitzerin , wo sie alsdann als gelehrte Wirte stattlich figurierten , froh , dem Schulstaube entronnen zu sein . Zu allen diesen gehörte jedoch der Philosoph nicht . Er behauptete , der beste Volksschulmeister wäre nur derjenige , welcher auf dem höchsten und klarsten Gipfel menschlichen Wissens stände , mit dem umfassenden Blicke über alle Dinge , das Bewußtsein bereichert mit allen Ideen der Welt , zugleich aber in Demut und Einfalt , in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den Kleinen , womöglichst mit den Kleinsten . Demgemäß lebte er wirklich , aber dies Leben war seiner großen Jugend wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur . Gleich einem Stare wußte er alle Systeme von Thales bis auf heute herzusagen , allein er verstand sie immer im wörtlichsten und sinnlichsten Sinn , wobei besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte . Wenn er von Spinoza sprach , so war ihm nicht etwa die Idee aller möglichen Stühle der Welt , als ein Stück zweckmäßig gebrauchter Materie , der Modus , sondern der einzelne Stuhl , der gerade vor ihm stand , war ihm der fertige und vollständige Modus , in welchem die göttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte , und der Stuhl wurde dadurch geheiligt . Bei Leibniz fiel ihm nicht etwa die Welt in einem greulichen Monadenstaub auseinander , sondern die Kaffeekanne auf dem Tisch , mit welcher er gerade exemplierte , drohte auseinanderzugehen und der Kaffee , welcher im Gleichnis nicht mitbegriffen , auf den Tisch zu fließen , so daß der Philosoph sich beeilen mußte , durch die prästabilierte Harmonie die Kanne zusammenzuhalten , wenn wir den erquickenden Trank genießen wollten . Bei Kant hörte man das göttliche Postulat so leibhaftig und zierlich erklingen wie ein Posthörnchen , aus der tiefen Ferne der innersten Brust ; bei Fichte verschwand wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in Auerbachs Keller , nur daß wir nicht einmal an unsere Nasen glauben durften , welche wir in den Händen hielten ; wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes , als was der Mensch aus seinem eigenen Wesen und nach seinen Bedürfnissen abgezogen und zu Gott gemacht hat , folglich ist niemand als der Mensch dieser Gott selbst , so versetzte sich der Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus und betrachtete sich selbst mit anbetender Verehrung , so daß bei ihm , indem er die religiöse Bedeutung des Wortes immer beibehielt , zu einer komischen Blasphemie wurde , was im Buche die strengste Entsagung und Selbstbeschränkung war . Am drolligsten nahm er sich jedoch aus in seiner Anwendung der alten Schulen , deren Lebensregeln er in seinem äußern Behaben vereinigte . Als Cyniker schnitt er alle überflüssigen Knöpfe von seinem Rocke , warf die Schuhriemen weg und riß das Band von seinem Hute , trug einen derben Prügel in der Hand , welcher zu seinem zarten Gesichtchen seltsam kontrastierte , und legte sein Bett auf den bloßen Boden ; bald trug er sein schönes Goldhaar in langen , tausendfach geringelten Locken , weil die Schere überflüssig sei , bald schnitt er es so dicht am Kopfe weg , daß man mit dem feinsten Zängelchen kaum ein Härchen hätte fassen können , indem er die Locken als schnöden Luxus erklärte , und er sah dann mit seinem geschorenen Rosenköpfchen noch viel lustiger aus . Im Essen war er hinwieder Epikureer , und die gewöhnliche Dorfkost verschmähend , schmorte er sich ein saures Eichhörnchen , briet ein Fischchen oder eine Wachtel , die er gefangen hatte , und aß ausgesuchte kleine Böhnchen , junge Kräutchen und dergleichen , wozu er ein halbes Gläschen alten Wein trank . Als Stoiker hingegen richtete er allerhand spaßhafte Händel an und brachte die Leute in Harnisch , um in dem entstandenen Lärm dann einen kalten Gleichmut zu behaupten und sich nichts anfechten zu lassen ; insbesondere aber erklärte er sich als einen Verächter der Frauen und führte einen beständigen Krieg mit ihnen , welche mit ihren sinnlichen Reizen und ihrem eitlen Wesen die Männer ihrer Tugend und Ernsthaftigkeit berauben wollten . Als Cyniker verfolgte er die Frauen und Mädchen überall mit Natürlichkeiten , als Epikureer mit erotischen Witzen , und als Stoiker sagte er ihnen Grobheiten , war aber immer zu finden , wo drei beieinanderstanden . Sie wehrten sich mit geräuschvollem Entsetzen gegen ihn , so daß überall , wo er erschien , ein lustiger Spektakel losging ; nichtsdestominder sah man ihn überall gern , die Männer achteten nicht auf ihn , und die Kinder hingen mit großer Liebe an ihm ; denn mit diesen war er auf einmal wie ein Lamm und stand in dem reinsten und schönsten Verhältnisse zu ihnen . Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen , und er tat dies so vortrefflich , daß man noch nie einen so wohlgearteten und sittigen Schlag kleiner Jüngelchens und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte . Deshalb übersah man seine übrigen Geschichten , die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend zuschrieb , und selbst daß er sich für einen Atheisten ausgab , konnte ihn der Gunst des weiblichen Dorfes nicht berauben . Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein , wo eine gute Anzahl Mädchen und junger Bursche , die durch vielfältigen Besuch noch verstärkt wurde , für seine Aufführungen empfänglich war . Ich gesellte mich dem Philosophen bei , einesteils von seinem Philosophieren angezogen , andernteils von seinem Weiberkriege , da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mädchen zusammentraf . Wir machten große Spaziergänge , auf welchen er mir die Systeme der Reihe nach vortrug , wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte . Es kam mir alles äußerst wichtig und erbaulich vor , und ich ehrte bald , gleich ihm , jede Lehre und jeden Denker , gleichviel ob wir sie billigten oder nicht . Über den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette unsern Krieg gegen Pfaffen und Autoritätsleute jeder Art ; als ich aber den lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit höchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte , da lachte ich ebenso unbefangen , und es kam mir nicht einmal in den Sinn , die Sache ernstlich zu untersuchen . Ich sagte , am Ende wäre die Hauptformel einer jeden Philosophie , und sei diese noch so logisch , eine ebenso große und greuliche Mystik wie die Lehre von der Dreieinigkeit , und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner persönlichen angeborenen Überzeugung , ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas dazwischenreden zu lassen . Außerdem daß ich nicht gewußt hätte , was ich anfangen sollte ohne Gott , und ich die Ahnung hatte , daß ich einer Vorsehung im Leben noch sehr benötigt sein würde , band mich ein künstlerisches Bewußtsein an diese Überzeugung . Ich fühlte , daß alles , was Menschen zuwege bringen , seine Bedeutung nur dadurch hat , daß sie es zuwege bringen konnten und daß es ein Werk der Vernunft und des freien Willens ist ; deshalb konnte mir die Natur , an die ich gewiesen war , auch nur einen Wert haben , wenn ich sie als das Werk eines mir gleich fühlenden und voraussehenden Geistes betrachten konnte . Ein sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung sein , wenn ich ihn mir durch ein ähnliches Gefühl der Freude und der Schönheit geschaffen dachte . » Sehen Sie diese Blume « , sagte ich zum Philosophen , » es ist gar nicht möglich , daß diese Symmetrie mit diesen abgezählten Punkten und Zacken , diese weiß und roten Streifchen , dies goldene Krönchen in der Mitte nicht vorhergedacht seien ! Und wie schön und lieblich ist sie , ein Gedicht , ein Kunstwerk , ein Witz , ein bunter und duftender Scherz ! So was macht sich nicht selbst ! « - » Auf jeden Fall ist sie schön « , sagte der Philosoph , » sei sie gemacht oder nicht gemacht ! Fragen Sie einmal ! Sie sagt nichts , sie hat auch nicht Zeit dazu , denn sie muß blühen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kümmern ! Denn das sind alles Zweifel , was Sie vorbringen , Zweifel an Gott und schnöde Zweifel an der Natur , und es wird mir übel , wenn ich nur einen Zweifler höre , einen empfindsamen Zweifler ! O weh ! « Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren älterer Leute gehört und brachte denselben wie ähnliche Gewandtheiten , die er sich angeeignet , gegen mich vor , so daß ich zuletzt immer geschlagen wurde ; besonders sagte er zuletzt immer , ich verstehe eben die Sache noch nicht und wüßte nicht richtig zu denken , was mich dann gewaltig erboste , und wir gerieten manchmal in grimmigen Zank . Doch vereinigten wir uns immer wieder , wenn wir mit den Mädchen zusammentrafen , wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten , von allen Seiten angegriffen . Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren Sarkasmen siegreich zurück , wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr gereizt waren , so ging der Krieg in Tätlichkeiten über ; eine einzelne begann damit , einem von uns unversehens ein Glas Wasser über den Kopf zu gießen , und alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Gärten im Gange . Andere Bursche machten sich schnell herbei , denn fünf bis sechs zornige Mädchen waren eine zu reizende Gelegenheit für sie . Man warf sich mit Früchten , schlug sich mit ausgerissenen Nesselstauden , suchte sich gegenseitig ins Wasser zu drängen , wobei man ins allerengste Handgemenge kam , und ich war sehr verwundert , die tollen Kinder so rührig und wehrbar zu finden . Wenn ich eine junge Wilde mit aller Kraft umfaßt hielt , um sie zu bändigen , während sie mich böslich zu schädigen suchte , so stritt ich ganz ehrlich und tapfer , ohne irgendeinen Nebenvorteil zu suchen , und ich wußte gar nicht , daß ich ein Mädchen in den Arm preßte . Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit ; einst aber entzündete sich der Streit in ihrer Gegenwart , ohne daß man es gewollt hatte ; sie suchte sich schleunigst zu salvieren , ich aber , der eben hitzig einer anderen nachstellte , um sie für eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen , kriegte plötzlich Anna zu fassen und ließ erschrocken meine Hände sinken . So mutig ich an der Seite des Philosophen war , um so kleinlauter war ich , wenn ich den Mädchen allein gegenüberstand , denn alsdann war keine Rettung , als alles über sich ergehen zu lassen . Der Philosoph fürchtete sich vor dieser Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hölle von zwölf jungen und alten Weibern umher , und er triumphierte um so lauter , je übler er von ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde , wenn er ihnen weiberschmähende Aussprüche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf . Ich hingegen räumte das Feld , wenn mir die Sache zu arg wurde , oder ich stellte mich , als ob ich nicht ungeneigt wäre , mich belehren und bekehren zu lassen . Wenn ich vollends mit einem der Mädchen ganz allein war , so wurde stets ein Waffenstillstand geschlossen , und ich war immer halb bereit , unsere Sache zu verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen . Jedoch muß ich diese Neigung schlecht zu äußern gewußt haben , denn niemals schien man sie zu bemerken , und ich mußte zufrieden sein , sonst ein vernünftiges Wort zu wechseln . Ich wünschte durch diesen gemäßigten und freundlichen Verkehr allmählich dahin zu gelangen , auch mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen , und glaubte dies törichterweise immer am besten auf weitläufigem Wege zu bewerkstelligen , indem ich mich an die anderen hielt , statt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen und anzureden . Allein dies letztere schien mir eben noch himmelweit zu liegen und eine reine Unmöglichkeit ; lieber hätte ich einen Drachen geküßt , als so leichtsinnig die Schranke gebrochen , obgleich es vielleicht nur an diesem Drachenkuß , an diesem ersten Worte hing , die schöne Jungfrau Vertraulichkeit aus der Verzauberung wiederzugewinnen . Allein wer konnte wissen ! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler auf dem Dache ! Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten , als durch die beleidigte Ehre genötigt zu sein , auf immer zu scheiden ! Dadurch ward ich immer mehr und mehr verhärtet , und zuletzt ward es mir unmöglich , das gleichgültigste Wort an Anna zu richten ; so kam es , als sie auch nichts zu mir sagte , daß nach einer sehr stillschweigenden Übereinkunft wir füreinander gar nicht da waren , ohne uns deswegen zu meiden . Sie kam ebensooft zu uns herüber , wenn ich da war , wie sonst , und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor , wo sie sich dann zufrieden herumzubewegen schien , ohne sich um mich zu bekümmern . Indessen kam es mir wunderlich vor , daß kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien , obgleich es doch gewiß auffallen mußte , daß wir auch gar nie etwas zueinander sagten . Die älteste Base , Margot , hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Müller verlobt , welcher ein stattlicher Reitersmann war , die mittlere duldete offen die Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes , und die jüngste , ein Ding von sechszehn Jahren , welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebärdet , war unmittelbar oder fast während eines der hitzigsten Gefechte überrascht worden , wie sie in einer Laube sich schnell von dem Philosophen küssen ließ ; die Wolken der Zwietracht hatten sich daher verzogen , der allgemeine Friede war hergestellt , nur zwischen mir und Anna , welche nie im Kriege gelegen miteinander , war auch kein Friede , oder vielmehr ein sehr stiller , denn unser Verhältnis blieb sich immer gleich . Anna hatte die erste äußere Garnitur aus dem Welschland schon abgelegt und war wieder frischer und freier geworden ; allein sie blieb doch ein feines und sprödes Kind , das überhaupt nicht viel sprach , leicht beleidigt und gereizt wurde , was ein schnelles Erröten immer anzeigte , und besonders stellte sieh ein leichter Stolz heraus , der sich mit etwas Eigensinn verband . Diesem Charakter zufolge war sie unerbittlich und hätte eher den Tod genommen , als daß sie sich durch das geringste Entgegenkommen etwas vergeben hätte . Desto verliebter aber wurde ich mit jedem Tage , so daß ich mich fortwährend mit ihr beschäftigte , wenn Ich allein war , mich höchst unglücklich fühlte und sehnsüchtig träumend die Wälder und Höhen durchstreifte ; denn da ich nunmehr wieder der einzige war , welcher seine Liebe verbergen mußte , wie ich wenigstens glaubte , so ging ich auch vorzugsweise wieder allein und auf mich selbst angewiesen . Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu , mit meinem Handwerkszeuge versehen ; allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur , sondern wenn ich eine recht geheime Stelle gefunden , wo ich sicher war , daß niemand mich überraschte , zog ich ein großes schönes Stück Pergament hervor , auf welchem ich Annas Bildnis aus dem Gedächtnis in Wasserfarben malte . Dies war für mich das allergrößte Glück , wenn ich mich an einem klaren Spiegelwässerchen unter dichtem Blätterdache so wohnlich eingerichtet hatte , das Bild auf den Knien . Ich konnte nicht zeichnen , daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus , was ihm bei der Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab . Jeden Tag betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild , bis es zuletzt ganz ähnlich wurde . Es war in ganzer Figur und stand in einem reichen Blumenbeete , dessen hohe Blüten und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen Himmel ragten ; der obere Teil der Zeichnung war bogenförmig abgerundet und mit Rankenwerk eingefaßt , in welchem glänzende Vögel und Schmetterlinge saßen , deren Farben ich noch mit Goldlichtern erhöhte . Alles dies sowie Annas Gewand , welches ich phantasievoll bereicherte , war mir die angenehmste Arbeit während vieler Tage , die ich im Walde zubrachte , und ich unterbrach diese Arbeit nur , um auf meiner Flöte zu spielen , welche ich beständig bei mir führte . Auch des Abends , nach Sonnenuntergang , ging ich oft mit der Flöte noch aus , strich hoch über den Berg , bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag , und ließ dann meine selbsterfundenen Weisen oder auch ein schönes Liebeslied durch Nacht und Mondschein ertönen . Hierauf schien kein Mensch zu achten oder sich wenigstens so zu stellen ; denn ich hätte sogleich aufgehört , wenn irgend jemand sich darum bekümmert hätte , und doch suchte ich gerade dies und blies meine Flöte wie einer , der gehört sein will . So gingen die Sommermonate vorüber ; ich verbarg das Bild sorgfältig und gedachte es noch lange zu verbergen , indem es von jedermann als ein ziemlich deutliches Geständnis der Liebe angesehen werden mußte . An einem sonnigen Septembernachmittage , als der herbstliche Schein mild auf dem Garten lag und das Gemüt zur Freundlichkeit stimmte , wollte ich eben ausgehen , als ein ganz kleines Knäbchen mir die Botschaft brachte , ich möchte in die größere Gartenlaube kommen . Ich wußte , daß sämtliche Mädchen dort mit Margots Aussteuer beschäftigt waren und daß Anna ihnen half ; das Herz klopfte mir daher sogleich , weil ich irgend etwas Angenehmes ahnte , doch ging ich erst nach einer kleinen Weile mit gleichgültiger Miene hin . Die Mädchen saßen in einem Halbkreise um das weiße Leinenzeug herum , unter dem grünen Rebendache , und sie sahen alle schön und blühend aus . Als ich eintrat und fragte , was sie begehrten , lächelten und kicherten sie eine Zeitlang verlegen , daß ich trotzig schon wieder umkehren und weggehen wollte . Jedoch Margot ergriff das Wort und rief » So bleib doch hier , wir werden dich nicht fressen ! « und nachdem sie sich geräuspert , fuhr sie fort » Es sind mannigfaltige Klagen über dich angesammelt , und wir haben daher uns als eine Art Gerichtshof hieher gesetzt , um dich zu richten und ins Verhör zu nehmen , lieber Vetter ! und wir fordern dich hiemit auf , uns auf alle Fragen treu , wahr und bescheiden zu antworten ! Erstlich wünschen wir zu wissen - je , was wollten wir denn zuerst fragen , Caton ? « - » Ob er gern Aprikosen esse « , erwiderte diese , und Lisette rief » Nein , wie alt er sei , müssen wir zuerst fragen , und wie er heiße ! « - » Bitte , macht euch nicht gar zu unnütz « , sagte ich , » und rückt heraus mit eurem Anliegen ! « Doch Margot sagte » Kurz und gut , du sollst einmal sagen , was du gegen die Anna hast , daß du dich so gegen sie benimmst ? « - » Wieso ? « antwortete ich verlegen , und Anna wurde ganz rot und sah auf ihre Leinwand ; Margot fuhr fort » Wieso ? das möchte ich auch noch fragen ! Mit einem Wort was hast du für einen Grund , seit deiner Ankunft bei uns kein Sterbenswörtchen zu Anna zu sagen und zu tun , als ob sie gar nicht in der Welt wäre ? Dies ist nicht nur eine Beleidigung für sie , sondern für uns alle , und schon des öffentlichen Anstandes wegen muß es gehoben werden auf irgendeine Weise ; wenn Anna dich beleidigt hat , ohne es zu wissen , so erkläre es , damit sie dir demütige Abbitte tun kann . Übrigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein oder zu glauben , es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen ! Einzig und allein muß durch gegenwärtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt werden ! « Ich erwiderte , daß ich die Gründe für mein Benehmen gegen Anna angeben könne , sobald sie mir diejenigen für ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle , indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rühmen könne . Auf diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer könne immer noch tun , was sie wolle ; jedenfalls müßte ich den Anfang machen , worauf dann Anna sich verpflichten würde , in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen . Dies ließ sich hören und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein , in welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte ; es klang mir wie ein angenehmer Beweis davon , daß es gut sei , wenn sie eine Sache wohlwollend an die Hand nähmen . Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht , und ich bildete mir gleich ein , daß man mich sehr nötig habe . Lächelnd erwiderte ich , daß ich mich einem vernünftigen Wort gern füge und daß ich nichts Besseres verlange , als mit aller Welt in Frieden zu leben . Nun stand ich aber wieder da , ohne Anna weiter anzusehen , welche emsig nähte . Lisette ergriff nun das Wort und sagte » Um einen Anfang zu machen , gib mm der Anna die Hand und versprich ihr mit deutlichen Worten , jedesmal , wo du mit ihr zusammentriffst , sie mit ihrem Namen zu grüßen und sie zu fragen , wie es ihr geht ; hiebei soll festgesetzt sein , daß jedesmal , wo du sie zuerst an dem Tage siehst , die Hand gereicht werde , wie es unter Christen gebräuchlich ist ! « Ich näherte mich Anna , hielt meine Hand hin und sprach eine verworrene kleine Rede ; ohne aufzusehen , gab sie mir die Hand , wobei sie die Nase ein bißchen rümpfte und ein wenig lächelte . Als ich hierauf mich aus der Laube entfernen wollte , begann Margot wieder : » Geduld , Herr Vetter ! Es kommt nun der zweite Punkt , welcher zu erledigen ist . « Sie schlug die Tücher , welche den Tisch bedeckten , auseinander und enthüllte mein Bild Annas . » Wir wollen « , fuhr sie fort , » nicht lange erörtern , wie wir zu diesem geheimnisvollen Werke gelangt , genug , es ist entdeckt , und wir wünschen nun zu wissen , mit welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mädchen ohne ihr Wissen abkonterfeit werden ? « Anna hatte einen flüchtigen Blick auf das bunte Pergament geworfen und saß ebenso verlegen und unruhig da , als ich beschämt und trotzig war . Ich erklärte , daß das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung darüber schuldig wäre , gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im verborgenen liege , wo ich künftig meine Sachen zu lassen bitte . Damit wollte ich meine Zeichnung ergreifen ; allein die Mädchen deckten sie schleunig mit Leinwand zu und türmten die ganze Aussteuer darauf . Es könne ihnen nicht gleichgültig sein , sagten sie , ob ihre Bildnisse heimlich und zu unbekanntem Zwecke angefertigt würden . Ich müßte also bestimmt erklären , für wen ich besagtes Werk angefertigt habe oder was ich damit zu machen gedenke ; denn daß ich es für mich behalten wolle , sei nach meinem bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen , auch wäre dies nicht zu gestatten . » Die Sache ist sehr einfach « , erwiderte ich endlich , » ich habe dem Schulmeister , Annas Vater , eine kleine Freude zu seinem Namenstage machen wollen und gedachte dies am besten durch ein Porträt seiner Jungfer Tochter zu erreichen ; habe ich damit unrecht getan , so tut es mir leid , ich werde es nicht wieder tun ! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines Hauses und Gartens am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten , mir verschlägt es nichts ? « Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes , das mir auch der Mühe und Arbeit wegen lieb geworden war , zugleich aber schnitt ich der unbequemen Verhandlung den Faden ab , indem die Mädchen hiegegen nichts mehr einzuwenden wußten und meine aufmerksame Gesinnung für den Schulmeister noch zu loben veranlaßt wurden . Doch beschlossen sie , das Pergament aufzubewahren bis zum bestimmten Tage , wo wir es sämtlich dem Schulmeister feierlich überbringen würden . So kam ich um meinen Schatz , verhehlte aber meinen Verdruß , indessen die kleine Caton , noch nicht zufrieden , wieder anfing » Ihm verschlägt es nichts ! ob er das Haus zeichne oder Anna , sagte er ! Was soll das wohl heißen ? « Und Margot erwiderte » Das soll heißen , daß er ein hochmütiger Gesell ist , welchem ein Haus und ein schönes Mädchen gleich unbedeutend sind ! Hauptsächlich aber soll es heißen Glaubt ja nicht etwa , daß ich das mindeste besondere Interesse an diesem Gesichtchen hatte , als ich es malte ! Dies ist eine neue Beleidigung , und der armen Anna gebührt eine glänzende Genugtuung ! « Margot zog nun ein zusammengefaltetes Blatt aus dem Busen , entfaltete es und beauftragte Lisette , es laut und feierlich vorzulesen . Ich war sehr begierig , was es sein möchte , Anna wußte ebenfalls nicht , was das bedeute , und sah ein wenig auf ; nach den ersten Worten aber erkannte ich , daß es meine Liebeserklärung aus dem Bienenhause war . Es wurde mir kalt und heiß während des Lesens , Anna kam , soviel ich in meiner Verwirrung bemerken konnte , erst nach und nach auf die Spur , die übrigen Mädchen , welche anfangs übermütige und lachende Gesichter zeigten , wurden durch die Stille während des Lesens und durch die ehrliche Schönheit und Kraft jener Worte betroffen und beschämt , und sie erröteten der Reihe nach , wie wenn die Erklärung sie selber betroffen hätte . Indessen gab mir die Angst schon eine neue List ein , die Angst , welche ich vor dem Verklingen des letzten Wortes hatte . Als die Leserin schwieg , selbst in nicht geringer Verlegenheit , sagte ich so trocken als möglich » Teufel ! das kommt mir ganz bekannt vor , zeigt einmal her ! - Richtig ! das ist ein altes Blatt Papier , von mir beschrieben ! « » Nun ? weiter ? « sagte Margot etwas verblüfft , denn sie wußte nun ihrerseits nicht , wo es hinaussollte . » Wo habt ihr das gefunden ? « fuhr ich fort , » das ist ein Stück Übersetzung aus dem Französischen , das ich schon vor zwei Jahren hier im Hause gemacht habe . Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten Schäferroman , der im Dachstübchen liegt bei den alten Degen und Folianten ; ich habe damals statt des Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spaße . Hole einmal das Buch herunter , kleine Caton ! ich will euch die Stelle französisch vorlesen . « » Hol einmal selbst , kleiner Heinrich , wir sind gerade gleich alt ! « versetzte die Kleine , und die übrigen machten ganz enttäuschte Gesichter , da meine Erfindung zu natürlich und wahrhaft ansah . Nur Anna mußte wissen , daß die Erklärung doch ausschließlich an sie gerichtet war , weil sie allein an der Berufung auf das Grab der Großmutter erkennen konnte , daß Stoff und Datum neu waren . Sie rührte sich nicht . So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch noch an seine rechte Bestimmung gelangt , und ich konnte seine Wirkung sich selbst überlassen , ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne daß die Mädchen einen Triumph davon hatten . Ich wurde so sicher und kühn , daß ich das Papier nahm , zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen Verbeugung und den