. Beyme setzt vielleicht hinzu : Und jetzt , wo Eure Majestät eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgeübt . Wer weiß denn , wer zwischen den Lippen murmelt : Undank ist der Welt Lohn ! Und wenn Lombard dabei ist , wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen , mir einen kleinen Freundschaftsstoß zu versetzen ? Ich höre ihn schon hinwerfen : Es ist doch noch sonderbarer , daß gerade unser General dabei sein musste . Er ist doch sonst kein Admirateur von Poeten . - Sollte das andere Gründe haben ? fügt vielleicht noch ein guter Freund hinzu , denn Sie glauben nicht , wie viel gute Freunde Jedermann am Hofe hat , der eine gute Stellung hat , die Andern zu gut für ihn dünkt . « » General , aber bei Ihrer Renommee ! « » Je höher der Kornhaufen , so mehr Mäuse hausen unten . Mein Kommando wird mir Seine Majestät darum nicht nehmen , aber wird mir vielleicht das nächste Mal sagen : Sind auch ein so großer Verehrer von dem Herrn Romanschreiber ? Meinte die Lorbeerkränze schickten sich nur für Generäle . - Und das wäre noch das Beste , dann ist es ausgeschüttet . Ohnedem bleibt etwas , denn der König hat ein vortrefflich Gedächtniß . Und wissen wir , von wem und wann daran weiter gebohrt wird ? Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft . Und weiß ich was noch hier geschieht bei Tisch von den Admirateurs , welche Gesundheiten sie ausbringen ? Kann nicht Einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestät aussprechen ? Höre ich ' s ruhig mit an , so heißt ' s im Palais , ich habe eingestimmt , und rede ich drein - nein , meine gnädige Frau , ich will ihr schönes Festin nicht stören . « Sie selbst aber wollte es stören . Die Salatscene sollte nun unterbleiben . Sie war , als der General ihr begegnete , eben auf dem Wege zum kranken Johann gewesen , um ihm Contreordres zu geben . Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum Serviren gegeben und in dem Augenblick brach die Gesellschaft , um zu Tisch zu gehen , auf . Es entwickelte sich heut Alles gegen ihren Willen . Jean Paul hatte ihr seinen Arm reichen sollen . Ihrer Zweifel , ob es nicht jetzt passender sei , diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu übertragen , ward sie überhoben , als der Dichter schon ihre Tochter entführte . Sie musste , um nicht allein zu gehen , ihren Arm nothgedrungen Dem reichen , welcher allein ledig an der Thür stand , es war der Schwager , und sie musste zufrieden sein , daß es ihr wenigstens gelang , eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen . Wenigstens saß Jean Paul neben ihr . Wenn er von dem Fehlschlag seiner Hoffnungen verstimmt gewesen , hatte er unter so viel Theilnahme und beim Klang der Gläser es überwunden . Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt . Er sprach oder sang in Worten die wie Streckverse klangen . Die Lüfte in den märkischen Pinien hätten ihm zugerauscht das alte Lied : Wo es Dir wohl geht , ist Dein Vaterland ! aber da sei aus dem blauen Aether eine Taube niedergerauscht mit einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflüstert : Der Dichter muß frei sein ! Und ein frischer Morgenwind habe seine Stirn , seine heiße Brust gekühlt , er sei erwacht und wieder arm , aber frei , frei wie der Vogel in der Luft , und dies Glas bringe er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich . Nur ein Theil der Gesellschaft verstand es . Der Geheimrath von der Voigtei , der auch sein Glas gefüllt hatte und sich für verpflichtet hielt , als nächster Anverwandter der Wirthin , die Gesundheit des Gastes zu übernehmen , unterbrach den Dichter : die erste Gesundheit gebühre ihm selbst . In einer Rede , die , wenn auch sonst nichts , doch verrieth , daß er von dessen Schriften nichts gelesen , gratulirte er dem Poeten , der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen könne : Ci-gît Piron , qui ne fut rien . Pas même académicien . Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben , obgleich er sonst nichts gewesen , so werde auch ohne Präbende für sie Alle hier : Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter Bleiben ein ihnen unvergeßlicher Dichter ! Im Gläserklang erhob sich der Gast : » Unser Auge blickt nach den blauen Bergen , und unser Herz schwillt vor Sehnsucht , weil der Himmel sie küsst . Aber oben weht es uns zu rein an , wir athmen zu bang in der Nähe des Unaussprechlichen , und die Thäler verschwimmen vor unsern Augen . So sehnt des Dichters Brust sich nach dem Schönsten und Höchsten , wie Semele nach Zeus ' wahrhaftiger Gestalt . Aber in der Feuergluth zerspringt sein Herz , er kann nur leben im Thal , athmen im Duft der Kräuter , und die Berge über ihm , die Fußschemel des Unnennbaren , sind die Säulen der Ewigkeit , an denen sein Geist sich aufrankt . Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken , habe genug fürs Leben . Nun möge man ihn beglückt zurückkehren lassen in die stillen Thäler seines Fichtelgebirges . Wenn seine Waldbäche über die bemoosten Steinblöcke rieselten , die Fichten säuselten , die Veilchen aus dem feuchten Grün dufteten , und wenn dann wieder an des Dichters Seele edle schöne Frauen vorüber schwebten , Lianen und Natalien , im Diadem des Morgenrothes , wenn ihre Füße im Thau sich badeten , ihre seelenvollen Augen das Blau des Aethers saugten , um Huld und Wohlwollen für tausend blutende Herzen widerzustrahlen , - dann kämen sie von den Bergen , die er einmal bestiegen , wo auch er Seligkeit getrunken . In seiner Eremitage nun kein Einsiedler mehr , umschwebten ihn Berlins edle Frauen , beim Frühroth böten sie aus der Krystallschale ihm den Morgentrank und wenn die Königin des Tages hinter die Berge sinke , sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen . Dies Glas leere er auf Berlins schönere Hälfte . « Unter dem Gläserklang der Herren , unter den Verzückungen der Damen war Adelheid aufgestanden . Den Wink der Geheimräthin hatte sie nicht bemerkt . Ihre Augen gegen den Plafond gerichtet , tönte ihre metallreiche Stimme durch den Saal : » Aber die Sterne oben sind nicht stumm , sie tönen , im Festsaal des Ewigen kreisend , die Sphärensprache der Harmonie , und der Geweihte versteht sie . Der blasse Geweihte , der am Schmerzenslager überwindet , der Geweihte , dessen Stirn die Freude des Sieges röthet , und er der Geweihte , der der Aeolsharfe ihre Klagetöne abgelauscht , den Vögeln ihren Gesang , er , der die summenden Stimmen der Völker versteht , Phöbus geweihter Priester hört den Gesang der Sterne - « » Mamsell , der Salat ! « flüsterte Johanns zitternde Stimme , aber er getraute sich nicht mehr den Napf zu tragen . Die Geheimräthin war beim Anfang der Tafel wieder umgestimmt worden , denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden für den Dichter , und die Lupinus theilte nicht die Besorgniß des Generals . Im Gegentheil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt ein Ehrenpunkt . Aber Jean Paul hatte ihr bei der Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen . Er schwärmte in eigenen Gefühlen , seine Komplimente waren nur an ihre Tochter gerichtet . Sie wollte es ihn empfinden lassen , und ihre Lippen hatten sich zu einigen spitzen Worten gespitzt , die mit dem Stichwort schließen sollten , auf welches Adelheid einzufallen hätte , als diese unerwartet , gegen die Verabredung , von einem Impuls sich hinreißen ließ . Unglücklich fügte sich auch hier alles , der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte , während einer der sogenannten » Ausgestopften « , das heißt der gemietheten Lakaien , ihr zur Rechten den Salatnapf überreichte . Es war derselbe Lakai , dessen funkelnde Augen sie vorhin erschreckt . Adelheid ergriff in ihrer Extase den Napf und statt ihn niederzustellen , hob sie ihn wie eine Opfervase empor - » und er der geweihte Priester hebt die Schale den Göttern entgegen « fuhr sie in der Rolle fort , entnommen aus irgend einer Dithyrambe der Jean Paul ' schen Poesie , die wir wieder vergessen haben , vielleicht auch aus denen , die von der Geheimräthin zu diesem Zweck komponirt waren , als der » Ausgestopfte « ihr etwas zuflüsterte . Die Worte hörte man nicht , aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken , als daß der Sinn von dem , was der Lohnlakai sprach , nichts anderes sei , als was der kranke Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach : » Auf den Tisch , Mamsell , ' s ist ja der Salatnapf ! « Adelheids Stimme stockte plötzlich . Als sie nach der Seite blickte , stieß sie einen Schrei aus . Darüber entfiel ihr der Napf . Viele Arme wollten helfen . Ein Armleuchter war umgestoßen . Die Kerzen fielen auf das Tischtuch ; eine streifte an den Fruchtkorb , der mit künstlichen Papierblättern ausstaffirt war . Das Papier brannte , das Tischtuch brannte . Man schlug ungeschickt zu . Man riß am Tischtuch und noch ein Leuchter fiel . Es flammte und floß , man schrie : Hülfe ! Feuer ! Die Stühle schlugen um , die Damen in den leichten , feuerfangenden Kleidern schrien am lautesten und stürzten fort , Herren und Bediente rissen am Tischtuch . Es brannte schon lichterloh , die Kerzen vom Kronleuchter träuften , als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden über die gesamme Verwüstung zusammenschlugen . Der Brand war so erstickt , aber auch das Porzellan , Glaswerk , Torten und alles was zerbrechlich war , in dem Chaos zusammengeschüttet und vernichtet . So konnte man vermuthen , daß es hergegangen , denn der Brand war gelöscht , ehe die Nachtwächter Berlin in Alarm versetzten . Im Uebrigen wusste Niemand später über den Hergang klare Auskunft zu geben . Es lag auch in Mancher Interesse , es im Dunkeln zu belassen . Die Entschlossensten hatten schnell ihre Damen fortgerissen , um den Abschied unbekümmert , nur Garderobe und Straße galt es zu erreichen . Wenn sie dein Feuerschaden auswichen , entgingen einige Damen dem des andern Elements nicht . Die Wassereimer , mit denen die Diener ihnen entgegenstürzten , verdarben manche Toilette . Das Gedränge kam einer Verstopfung nahe . Man sprach von Ohnmachten . Die ohnmächtig Gesagten leugneten es . Am Boden gelegen wollte Niemand haben , nur vielleicht auf einem Stuhl . Viele ließen es sich nicht nehmen , daß die Wirthin wirklich im Gedränge ohnmächtig geworden . Nach ihren eigenen Aeußerungen später konnte man es glauben ; sie sprach von einem Schleier , der über sie gekommen , eine wohlthätige Macht hätte die Schreckensscene vor ihr verhüllt . Es wäre allerdings eine doppelte Schreckensscene für sie gewesen , wenn sie alle Urtheile wirklich hätte hören müssen , welche in der Aufregung über sie und ihr Fest laut wurden . Der Lärm hatte auch den Geheimrath aus seiner Studirstube gelockt . Als er im Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang , war die Gesellschaft schon entflohen . Nur ein branstiger Qualm drang noch durch die Thüren , Wasserrinnen ergossen sich über die Dielen , und Wirrwarr , Gedränge und Getreibe überall . Aus der Thür des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmächtige auf ein Sopha . Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen . Ihr Musselinkleid war von den Flammen ergriffen worden . Sie hätte mit einem Druck der Hand die Flamme löschen können , aber sie hatte wie eine Bildsäule dagestanden , regungslos . Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen , aber seine Hände zitterten , die Serviette gerieth selbst in Brand . Da hatte einer der fremden Lakaien ihn fortgestoßen , und mit Tüchern , die er schon in einen Wassereimer getaucht , das Feuer erdrückt . Aber jetzt war sie ohnmächtig geworden , und der Lakai , ein kräftiger , junger Mann , hatte sie in das Entreezimmer getragen , als der Geheimrath dazu kam . Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung , welche der Gelehrte angestellt , und bei dem er sich , als er später in seine Arbeitsstube zurückkehrte , vollkommen beruhigte . » Jetzt muß man ihr die nassen Tücher abnehmen , sie erkältet sich sonst , « hatte er gesagt , der Lakai aber gerufen : » Man muß den Arzt holen ! « und war nach der Thür gestürzt . » Das wird nicht nöthig sein , « hatte der Legationsrath Wandel gesagt , der aus der dampfenden Stube trat . » Es ist nur eine Affektion der Nerven . « Er hatte mit dem Geheimrath die nassen Tücher abgezogen und gefunden , daß keine Brandverletzung stattgefunden , selbst der Brandfleck am leichten Oberkleide war gerinfügig , die Flamme hatte nicht einmal das festere Unterkleid ergriffen . Der Legationsrath steckte das Essenzbüchschen , welches er geöffnet , wieder in die Tasche , murmelnd : » Hydor ariston ! « Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimraths gelockt . Er redete den Legationsrath lateinisch an , und dieser antwortete lateinisch . Herr von Wandel hatte eine schöne reine Aussprache , nicht ganz ciceronianisch , aber er applicirte sehr geschickt einige Feinheiten der Latinität : » Es ist nichts als eine psychische Aufregung , vielleicht Exaltation für den Dichter , vielleicht etwas anderes - - aber es geht schnell vorüber , sie wird sich von selbst erholen ! « Und so geschah es , auf einige Tropfen , die er aus einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte , schlug Adelheid die Augen auf . Sie erkannte die Gegenstände , athmete und machte eine Bewegung mit der Hand , daß die Herren sich entfernen möchten : » Das Uebrige wird weibliche Pflege und ein Camillenthee thun , « beruhigte der Gast den Wirth . Der Geheimrath hatte dem Legationsrath die Hand gereicht , und den Wunsch seiner näheren Bekanntschaft ausgedrückt . Er that dies selten . Im Speisesaal grinste ihn die Verwüstung an . Es dampfte und fluthete , er musste über umgeworfene Stühle , Tische , Scherben steigen . Wenn das in seiner Studirstube passirt wäre ! Der blasse Geisterschreck , den dieser Gedanke auf sein Gesicht zauberte , trieb ihn zu einer ungewohnten Thätigkeit . Er rief den Dienern , den Mägden , er legte selbst Hand mit an . Da flog ein erstes Lächeln über die weißen Lippen der Geheimräthin , und es zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke . Sie hatte bis da regungslos auf dem Canapee halb gesessen , halb gelegen , vielleicht im Gedränge von den Fortstürzenden dahin gestoßen . Das Eau de Cologne , was Lisette ihr ins Gesicht gesprengt , war ohne Wirkung geblieben . Jetzt , beim Anblick der Thätigkeit ihres Mannes kehrte das Leben zurück . Die Zunge löste sich , sie konnte sprechen , es platzte heraus wie ein Lachen : » Mit den Pantoffeln ! Sie erkälten sich ja im Wasser die Füße ! « Der Geheimrath fühlte jetzt , was ihm ein Unbehagen verursacht , für das er sich keinen Grund anzugeben gewusst . Er ging im Wasser , seine Füße waren ganz naß . » Aber es muß doch Ordnung geschafft werden , meine Liebe . « Er sah sich um . » Dafür wird Lisette sorgen , die versteht es besser . Gehn Sie in Ihre Stube und ziehen sich andere Strümpfe an , morgen ist alles wieder wie sonst . « » Aber - ich hoffe , die Incommodität wird Ihnen nicht schlecht bekommen ? « » Ganz und gar nicht , « sagte die Geheimräthin , die aufgestanden war . » Eine kleine Störung in den Gewohnheiten des Lebens . Weiter nichts . Morgen ist ' s vergessen . Ich hoffe , daß in Ihrer Stube nichts derangirt ist . « Das hoffte der Geheimrath auch ; er hatte hier nichts mehr zu thun . Die Geheimräthin ließ sich von Johann führen . Mit jedem Schritte , den sie that , ging sie fester . Der Bediente hielt sich an den Thürpfosten , als er sie in ihr Schlafzimmer gebracht . Sie maß ihn mit einem durchdringenden Blicke : » Was soll das werden mit ihm , Johann ? « Er verstand es : » Um Gottes Erbarmen , gnädige Frau Geheimräthin , stürzen Sie mich nicht in mein Elend , « Ihm war es , als bohrte ihr Blick in sein Herz , aber sie sprach kein Wort : » Morgen früh soll Hofrath Heim kommen . « Er ging . Sie rief ihn zurück : » Nein , nicht Heim ! Der ist zu nichts zu brauchen - « murmelte sie . » Selle , rufe er den Geheimrath Selle , ich lasse ihm meine dringende Empfehlung machen « - sie stockte und hub wieder an : » Nicht zu Selle , zum alten Geheimrath Mucius , ich ließe ihn dringend bitten . « Johann war gegangen . Sie schellte wieder : » Es soll mich Niemand stören . Was auch vorfalle . Ich werde mich selbst ausziehen . Lisette soll mit den Andern die Sachen fortschaffen , aber sie soll sich nicht unterstehen Lärm zu machen . Ich will nichts mehr wissen , versteht Er mich . « Johann ging . Sie rief ihn doch wieder zurück ; » Morgen früh wird Niemand vorgelassen . Niemand . « » Herr Jean Paul Richter fragten , wann er seine Aufwartung machen könne , um Abschied zu nehmen ? « » Ich bin nie , wenn er sich meldet , zu Hause . « Sie stand noch eine Weile , nachdem der Bediente fort war , die Blicke auf die Diele geheftet . Ihr musste sehr heiß sein , sie schöpfte tief Athem , riß Tuch und Kleidungsstücke auf und warf sich auf das Sopha , den Kopf in den Arm gestützt . Sie wollte nichts von dem Geräusch hören , und hörte doch alles , das Aufheben jedes Stuhls , das Klappern der Teller , so leise Mägde und Diener ihr Geschäft verrichteten . Sie gab sich Mühe , tue Tritte jedes Einzelnen zu erkennen , und indem sie sich darüber ärgerte , horchte sie nur immer schärfer . Sie haderte innerlich , diese Magd sollte einen Verweis erhalten , jene entlassen werden . Was glühte in ihren Adern , was war die trockne Hitze , die ihr alle Spannkraft raubte , was die Unruhe , die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte ? Ein verlorener Tag ? Es war nur ein Tag unter vielen . Eine verlorene Schlacht in einem Kriege , in einem langen , trostlosen mit dem Leben . - Und von wem war sie geschlagen ? - Von Allen . Heut , wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet ! - Sie kannte die Gesellschaft , die bösen Zungen , Macht des Lächerlichen . Ihre Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus . Sie hörte schon die Fragen mit spöttischem Lächeln : » Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimräthin ? « Die ebenso lächelnden Antworten : » Sie hat es sich etwas kosten lassen . Recht schade , wozu das ? « - » Sie hat einmal kein Geschick dazu . « - » Die Apotheose Jean Pauls war doch au comble du ridicule . « - » Und dazu das Unglück noch ! Die arme Frau . Warum wird sie aber nicht klug ! « Oder die bittersten : » Es ist ihr schon recht , daß sie mal die Lektion bekommen ! « Sie war unerschöpflich in der Selbstmarterung , sie vertheilte diese Sarkasmen und Bonmots , zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte , unter ihre Bekannten , ihre besten Freunde . Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet ? Sie lachte auf . Ach , das Lachen half nichts . Sie empfand einen ungeheuren Durst , aber nicht Wasser , nicht Wein konnte den stillen . Aber an wem diesen Durst kühlen ? - Laforest , warum musste er das erste Zeichen zum Aufbruch geben , er , der nur gekommen schien , um Audienz zu geben , Huldigungen zu empfangen . Der General , der feige davon lief ? Mochte er laufen . Jean Paul , der , erstickt von Eitelkeit , nur im Lobe sich berauscht , nur mit den jungen Mädchen getändelt , ohne ihr , die sie mit so raffinirter Sinnigkeit das ganze Fest für ihn bereitet , nur ein Wort des Dankes zu sagen , nur die gewöhnlichste Aufmerksamkeit zu erweisen . Alle , alle hatten sich nur um sich bekümmert , um andere Gestirne , sie war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft . Die Dienerschaft draußen musste mit ihrer Verrichtung zu Ende sein . In der Stille hörte man nur noch vereinzeltes Thürenklappen und Hin- und Herlaufen . Sie lauschte aufmerksamer . Den Tritt kannte sie . Der Legationsrath war noch im Hause geblieben ? Er kam grade auf ihre Thür zu . Endlich ein Mensch , ein Geist , der sich ihrer annehmen , mit dem sie ihre Gedanken austauschen könnte . Sie wollte die Thür aufreißen . - Nein , es war an ihm . Gleichviel , wollte er sich melden lassen , klopfen , eintreten . Er blieb stehen . Sie glaubte ihn gähnen zu hören . Er zog sich den Ueberrock an . Er sprach leise mit Lisetten . Es war von Tropfen und andern Hausmitteln die Rede , für eine Magd , die der Schreck niedergeworfen , von einem Thee , den sie dem Geheimrath kochen sollte . Auch dem Johann sollte sie davon eine Tasse geben - von ihr kein Wort ! - Er fragte nicht nach ihr . War sie kein menschlich Wesen ? Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung ? Hatte er sie vergessen ? Er war fort , sie lag wieder auf dem Sopha . Ihre Stirn war so heiß , so heiß - ein kühlender Tropfen nur ! Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in erschreckender Klarheit . Sie wusste jetzt , wer ihre Feindin war . Wen hatte Wandel hinausgeführt , wem seinen Cavalierdienst erwiesen , die gewöhnlichsten Regeln der Artigkeit gegen die Wirthin , wer diese auch gewesen , verletzend . Weil sie die Vornehmere , die Vornehmste war ? O dahinter steckte mehr . Die Fürstin war es , welche unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend verdorben , welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage beigebracht . Sie hatte das Fest beherrscht , sich Huldigungen darbringen lassen , durch ihr Gespräch sie selbst gefesselt , daß sie ihr Auge der Gesellschaft entzog . Dann , nachdem sie ihr durch die böse Nachricht den Todesschlag versetzt , war sie triumphirend fortgegangen . Aber nicht Zufall war es , - nein , Plan ; ein weit hinausreichender Plan . Der Fürstin , die einen Kreis um sich zaubern wollte , waren die angenehmen Cirkel der Geheimräthin im Wege . Hatte sie nicht in einem langen Gespräch sie nach allen Verhältnissen , Personen ausgefragt ? Wozu das ? Sie wollte auskundschaften , was den Zauber dieses Kreises bilde . Was konnten die fremde , vornehme Frau sonst die Verhältnisse eines bürgerlichen Hauses in Berlin interessiren ! Und jetzt wusste , kannte sie alles , und hatte vielleicht alles zerstört . - Wer würde denn noch ihre Gesellschaft besuchen ? Nicht weil der König sich gegen den Dichter ausgesprochen . O nein , das konnte ihrer Societät gerade einen neuen Reiz geben , die freien muthigen Geister locken , aber vor dem Fluch des Lächerlichen flieht die Geisterwelt . Und er - sollte , könnte ihr dabei hülfreiche Hand geleistet haben ! Unmöglich ! Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequälte . Kann eine Frau einen Mann fordern ? Was rann eine Frau , und wenn sie den Muth einer Judith und Herodias besaß , in dieser Welt der Konventionen ! Ihr Haß mag glühen wie der Aetna , den Athem muß sie in sich zurück pressen , sonst verwundet sie sich selbst . Die Macht des Lächerlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen , die auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Züge ihrer Wuth als Karikaturen wiedergeben . Giebt es denn keine Mittel für ein Weib , der Welt den Krieg zu erklären ? Nur das kleine Spiel der Ränke , um hie und da mit giftigen Nadeln zu stechen , ihnen vergönnt ! Einen Verhassten - mag eine Frau , die einen Mächtigen beherrscht , verfolgen , vernichten ; wenn nun aber ihr Haß nicht an Einzelnen sich genügen lässt , wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer durchglüht , wenn sie die Armseligen , Gemeinen , Undankbaren von der Erde wegspülen möchte , wie Pharaonis Schaaren das rothe Meer - wenn sie fühlt , mit diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten ! - Sie kann nur morden im Traum ! Sie presste ihre Hände an die heiße Stirn , als sie wieder ein Geräusch hörte . - Das war Adelheids Stimme , hell - wie ein Aufschrei . Es kam von weitem her , aber nicht weit genug , daß es von ihrem Zimmer sein konnte . Da kam ihr das Mädchen wieder in den Sinn . Sie hatte gar nicht an sie gedacht . Was war aus ihr geworden ? Sie sann nach . Eine dunkle Vorstellung , daß man Hülfe ! Sie brennt ! gerufen . Sie durfte sich versengt haben . Von ihren Feinden war ja alles geschehen , der Sache einen Eklat zu geben . Aber der Ton kam wieder ; nicht mehr ein Schrei , aber der bange tönende Schall , den die Menschenstimme annimmt , wenn etwas Ungewöhnliches uns überkommt . Sie hörte noch eine andere Stimme . Auch ein Schrei , wie wenn man Geister erblickt . Das war keiner von der Dienerschaft , auch nicht ihr Mann . Wie ein tiefes Schluchzen ! Eine heftige Bewegung . Sie hörte Männertritte . An Muth fehlte es der Geheimräthin nicht . Sie ergriff den Leuchter und trat hinaus . Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwüsteten Saal . Ihr : » Wer ist da ? « hallte ohne Antwort durch die Räume , aber aus dem Kabinet daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt . Sie schlüpfte durch die Thüre nach dem Entree . Sehen konnte sie nur einen Schatten , sie hörte das leise Klinken der Thüre draußen , sie hörte deutlichere Tritte , die auf der Treppe allmälig verhallten . Im Kabinet stand Adelheid , die zugedrückten Hände an der Stirn . Sie athmete schwer ; ein intensives Zittern schüttelte ihre Glieder . Sie erschrak aber nicht , als sie die Hände allmälig vom Gesicht fortzog , nicht vor dem Glanz des Lichtes , und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Auge der Geheimräthin . » Was war das , Adelheid ? Wer war hier ? « » Fragen Sie mich nicht , « antwortete das Mädchen . » Es war alles wie ein Traum . « » In dem noch ein Anderer mit träumte ! « Das Mädchen schöpfte nach Luft . Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit , welche die Geheimräthin frappirte . Adelheid sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf im Arme : » Es war fast zu viel ! « schuchzte sie , » zu viel für mich . Und , mein Gott , warum komme ich dazu . Warum ich dazu ausersehen ! « Die Geheimräthin setzte sich neben sie ; » Hat Dich Jemand gekränkt , beleidigt ? - « » Ich weiß es nicht . « » Ein Mensch entschlüpfte durch jene Thür , er war bei Dir - « » O mein Gott , er war bei mir , und nun ist er fort - « » Und wer war es ? « » Das ist ein Geheimniß , lassen Sie es mir . Es sprengt mir die Brust , aber ich werde schon stark werden ! Er ist fort , er wird nicht wiederkommen . « » Ein Geheimniß vor Der , die Mutterstelle an Dir vertritt ! - Bedenke , liebes Mädchen , es darf kein Geheimniß zwischen Der sein , für deren Ehre ich durch Deine Aufnahme in meinem Hause Bürgschaft vor der Welt leistete - « » Die Sie - von da aufhoben , « fiel Adelheid schaudernd ein . » Und der geringste Verdacht , ein Geheimniß , was ich verdecken , ein Fleck , den ich beschönigen hülfe - « » Wäre mein Verderben ! « rief Adelheid aufspringend . » Ich weiß es , ich weiß Alles - o Gott , ich bin unglücklich , aber es ist nicht mein Geheimniß . « » Wessen denn ? « » Dem ich auf seinen Knieen versprach , es zu bewahren . « » Auf seinen Knieen ! « Hätte die Lupinus der Beruhigung über einen Punkt bedurft , so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit ihrer Sprache beruhigt . Aber dieser bedurfte sie nicht . » Verstoßen Sie mich , gütige Frau ! Ich weiß ja , welchen Undank ich auf mich lade . Stoßen Sie mich aus Ihrem Hause , zurück in meine ungewisse Lage , - nein mehr als das , es kostet Ihnen nur ein Wort , wenn Sie mich aufgeben , so fällt der ganze Fluch wieder auf mich , alle die bösen Erinnerungen , das Gerede erhält neue Kraft , dann bin ich vor der Welt verloren . « » Exaltire Dich nicht , « sagte die Geheimräthin , » mich kümmert das