, aber meide die Wucherer und borge immer vier Wochen früher , ehe du das Geld brauchst , sonst preßt dir die Noth die niederträchtigsten Zinsen ab ! Verlieb ' dich nie ernstlich und lerne aus der Liebe zu den Weibern die leichteste Methode , sie zu verachten ... und dergleichen epikuräische Sätze mehr , die er mit Herzensgüte verband ... er war leichtsinnig , doch wohlwollend und nur durch eine unmäßige , vom verstorbenen Monarchen geschürte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen .... Diesen Brief hatt ' ich , aber keinen Wechsel . In der Ungeduld , ihn erwarten , Stunde um Stunde , Minute um Minute zählen zu sollen , ging ich mit der letzten Baarschaft , zu Fuß , in einer Blouse , wie Sie mich jetzt hier sehen , von Genf nach Lyon .... In der Meinung , nach vierzehn Tagen kehrst du zurück und findest , was zu erwarten dich so peinigt , schritt ich muthig vorwärts . O , welch eine Erinnerung ! Wie lange hielt ich sie fern , Wildungen ! Gedenk ' ich dieser himmlischen Maitage , als ich von Genf auswanderte , die grünen Ufer der Rhone entlang , bei jedem Blicke aufwärts die blauen Höhen des Jura , bei jedem Blicke rückwärts die weißen , unter dem reinsten blauen Himmel ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixthales .... Wildungen ... An der kleinen , hoch in den Lüften schwebenden Bergveste des Forts de l ' Ecluse warf ich noch einmal den Blick in das Genfer und Savoyer Thal zurück . Lebe wohl , du schöne Ebene ! Lebe wohl , du theures Land ! Es war wie ein Abschied von meinem ganzen Dasein ... Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder von einem leichten Lüftchen bewegte Grashalm rührte mein junges , sich damals so arm , so arm fühlendes Herz . Jede kleine Glockenblume , die mein Fuß hätte zertreten können , schien mich mit bittendem Auge anzuflehen : Schone mich ! Der Vogel , der von dem Felsen in die Ebene hinunterschoß mit wellenartig wogenden Flügeln , schien mir im Einverständnisse mit meinem innersten Leben und auf der gewaltigen flachen Felswand , die dem Fort de l ' Ecluse gegenüber ausgebreitet liegt und die andere Seite der Schlucht bildet , über welche ein schmaler Engpaß durch diese kleine Festung nach Frankreich führt ... las ich wie auf einer großen , vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein künftiges Schicksal .... Ich grübelte und forschte , zu erkennen , welche Figuren das Moos und die Bäume und die Sträucher und die zerbröckelten Risse auf ihr bildeten . War es ein geharnischter Ritter zu Roß ? War es der Gott Vulcan , der mit aufgehobenem Hammer vor der Esse stand ? Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten majestätischen Flügeln . Ich sprang auf . Wie Ganymed wollt ' ich mich von diesem Göttervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnsüchtigster Ahnung .... Ich kannte kein Bleibens mehr . Hinüber zog es mich über den kahlen Rücken des Jura , und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefällen vorüber , durch tannenbeschattete Schluchten , an Eisenhämmern und Kohlenhütten vorbei ... in die burgundische Ebene , als mich neue Menschen , neue Sitten , neue Erinnerungen der Geschichte begrüßten ... wie hab ' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und allen Bäumen zugerufen : Warum habt ihr hier schon geblüht ? Warum nicht gewartet auf diesen Maitag und auf mich ? Warum liegen eure Flocken schon alle auf der Erde ? Und wenn ich einen Pfirsichbaum sahe , der sich verspätet hatte , der noch blühte , ach , da hätt ' ich ihn umarmen mögen wie mich selbst , wie mein Bild , wie meinen Kameraden , so kam ich mir jung , glücklich und wie umgeboren vor ! In solcher Stimmung kam ich , die Ufer des Ain entlang wandernd , in Bauerhütten einkehrend , mit Fuhrleuten sprechend , die leichte Kost des Landes genießend , mit einem Freunde , den ich mir unterwegs erwarb , wie ich Sie erwarb ... in dem schönen Lyon an , wo ich nicht die Villen , nicht die prächtigen italienischen Luxushäuser der reichen Kaufleute an den weinbekränzten Ufern des Kanals besuchte , sondern - doch was unterhalt ' ich Sie mit Empfindungen und Rückblicken , auf ein Leben , das keinen Werth für Sie haben wird ! ... ach , vielleicht auch keinen mehr für mich selbst ! Doch , doch ! rief Dankmar , fast mit Egon weinend vor Rührung . Ich nehme den innigsten Antheil , Prinz ! O fort mit dieser Benennung , Freund ! sagte Egon . Prinz ! Durchlaucht ! Ich habe sie nie geliebt , diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache , diese geschmacklosen Überlieferungen italienischer und spanischer Etikette . Und Das jetzt ? Jetzt , Wildungen ? Der Fürst soll sich ehren durch seine Weisheit , der Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Thaten und Gesinnung , der Bürger durch seinen Beruf , und der einfache Name ist es , der uns der schönste Gruß , die würdigste Anrede erscheinen sollte . Entwöhne sich Einer , wie ich , mein Freund , vier Jahre lang aller Erinnerungen an äußere Lebensstellung , sei Einer eine Zeit lang nur Das , was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm macht , und man wird die Hohlheit aller äußern Formen für immer gewahr werden . Wildungen , ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt . Nicht die Schichten , wo man nur Abstractionen genießt und den Fleiß anderer Hände und die Gedanken anderer Köpfe , nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens , sondern da rinnt sein Quell , wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt hervorzaubert , da strömt sie , wo die ewige Schöpfung Gottes von der Hand des Menschen fortgeführt wird . Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker , kehrte nicht nach Genf zurück , lebte in und mit dem Volke und liebte seine Leiden und seine Freuden . Was mich dahin führte , welcher Irrthum vielleicht oder welche Täuschung oder welche richtige , höhere Bestimmung ... wie ich veranlaßt wurde , die Blouse , die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte , in Lyon nicht wieder abzulegen , Das , mein Freund , erzähl ' ich Ihnen ... Egon stockte . Dankmar schien schon jetzt um Mittheilung zu drängen . Nein , sagte Egon , den Ausdruck in Dankmar ' s Mienen wohl verstehend , Das erzähl ' ich Ihnen , wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren Kronenleuchters , den mein Vater in ein liebliches Gewächshaus hat hängen lassen , wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen , eine Thräne auffallen wird , die sich mit dem Glockenschlage Elf - in mein - umflortes Auge schleicht . Egon schlug sanft die Arme unter den schönen männlichen Kopf und streckte sich auf das harte Holz , auf dem er saß , fast der Länge nach .... Die Erzählung hatte ihn erschöpft , schon in Dem , was er sagte , und schien ihn noch mehr zu erschüttern in Dem , was er verschwieg . Dankmar wollte , um den schmerzlichen Eindruck zu verwischen und sich selbst von einer ihn drückenden wehmüthigen Stimmung zu befreien , das Wort ergreifen , als sie Schloß und Riegel rasseln hörten . Pfannenstiel , der Wächter des Thurms , brachte ihnen das Essen aus der Krone und mochte bei sich denken , daß ein offenbarer , überwiesener Spitzbube - denn als solchen hatte ihn noch immer mehr draußen der Thatbestand festgestellt - wol noch nie hier so gut und behaglich gespeist hätte . Dem jungen Fürsten waren der Speisen fast zu viel . Er aß nur einige Löffel von der Suppe , Dankmar gestand von sich einen lebendigern Appetit ein , worüber Pfannenstiel , der auf die Überbleibsel rechnete , wol nur wenig Freude empfand . Dennoch schien er dem ganzen und dem halben Gefangenen nicht gerade abgeneigt und ließ sich auf mancherlei Plaudereien über das Schloß , seine ehemaligen und auch gegenwärtigen Bewohner ein . Es wurde dabei nur das uns Bekannte wiederholt und bestätigt . Neues aber lag in folgender Bemerkung : Das Glück ist ungleich vertheilt , sagte Pfannenstiel . Das ist schon so und man muß es sich vom lieben Gott gefallen lassen . Aber schlimm ist ' s , wenn der Hochmuth die Menschen noch weiter auseinanderbringt , als es das Gold schon thut . Ich habe da oben auch auf dem Schloß eine Schwägerin . Die ist reich geworden , weil mein Bruder , der des Fürsten Wirthschaftsinspektor war , zu seinem Vortheil rechnen konnte . O liebe Zeit , sie ist eine simple Wirthstochter hier aus der Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewußt , soll sie meinen Bruder nehmen oder den Jäger Heunisch dazumal oder mich , der ich Schreiber war im Amt und den Amtsdienerposten nehmen mußte , weil ich mir beim großen Brand auf dem Gelben Hirsch hier da den Daumen verbrannte ... und nun stolzirt sie wie ein kalekutischer Hahn und weiß nicht , ob sie ihren armen Schwager noch kennen und grüßen soll . Eine Gans war sie schon immer . Ich glaube nicht , daß sie jetzt schon ihren Namen schreiben kann .... Die beiden Freunde erinnerten sich der Erzählung des Försters im Gelben Hirsch . Der junge Fürst wußte aber von diesen Dingen noch mehr , als er auf dem Gelben Hirsch verrathen hatte . War Das bei dem Brande , sagte er , wo das junge Mädchen verunglückte , die Schwester des jetzigen Wirths Drossel ? Vor funfzehn Jahren , ja ! sagte der Wächter verwundert ; die Tochter auf dem Gelben Hirsch , die Braut vom Jäger Heunisch ... Ei , woher weiß Er ... wissen Sie ... woher weiß Er .... Als Egon kopfschüttelnd über seine Lage , die einen solchen Mann zweifelhaft machte , wie er ihn anreden sollte , schwieg , sagte Dankmar seinen Appetit unterbrechend : Mein Freund ist aus hiesiger Gegend . Das sehen Sie doch nun wol , daß Ihr hier keinen Verbrecher vor Euch habt , sondern einen gebildeten jungen Mann , der sich das Schloß und allenfalls auch die Bilder näher besehen hat , weil sie ihm gefielen . Das wird wol auch herauskommen , ja ! ja ! entgegnete Pfannenstiel , den Essenden zusehend . Die Bedienten des Herrn von Harder sind gerade so grob , wie ihr Herr stolz ist . Den alten Gärtner Winkler hat einer so umgerannt , daß er auf den Tod liegt und als die alte Brigitte darüber klagen wollte - sie weiß warum Einer sein Mundwerk hat - drohte man ihr , sie solle sich vor Schlimmerem in Acht nehmen . Solche Bengel ! Ordnung ist oben keine mehr . Die Weiber tanzen und musiciren . Der alte Schleicher , der Bartusch , kriecht herum wie ' s böse Gewissen und möchte mir die Knöpfe von der Livree abschneiden , weil er denkt , es ist noch Silber darin ; so geizig und gierig sind die Menschen , in deren Rachen hinein uns der alte Fürst in Gnaden verkauft und verjubelt hat . Dankmar fürchtete , diese Mittheilungen würden eine Wendung nehmen , die Egon ' s Wunden aufrisse und beschleunigte die Befriedigung seines Appetits , um nur den geschwätzigen Büttel loszuwerden . Egon aber schien an dessen Mittheilungen Gefallen zu finden und sagte , ohne seine Theilnahme verbergen zu können : Also die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler ! Kennen Sie denn Die ? fragte Pfannenstiel erstaunt . Freilich , wer hat Die hier in der Gegend nicht gekannt ! Sie sind wol aus - ? Aus Schönau ! sagte der Fürst . Aus Schönau ! Ja ! Da weiß man ' s auch . Wenn die selige Fürstin die gemeinen Leute einlud - sie mußten freilich singen und beten und Manchem konnt ' s gar nicht schaden - theilte die alte Brigitte das Warmbier aus , das immer vor ' m letzten Vaterunser den Leuten schon von der Küche herauf in die Nase kribbelte . Ach du liebe Zeit , es waren curiose Geschichten ; aber doch noch besser als jetzt , wo kein Mensch weiß , was nun aus Hohenberg und Plessen und den herrlichen Gütern werden wird .... Was wünschtet Ihr denn am liebsten , daß daraus würde ? fragte Dankmar , der Egon ' s Gedanken errieth . Das ist schwer zu sagen ! Übernimmt der junge Fürst das Ganze und befriedigt die Creditores , so stehen wir uns natürlich Alle hier am besten ; denn wir bleiben doch , hat erst neulich der alte Winkler gesagt , in der Familie . Er hat Recht , der alte Mann , der ' s in seiner Kinderei oft noch trifft . Eine Herrschaft , die ein gutes Herz hat , behandelt ihre Angehörigen , als gehörten sie in ihre eigene Familie . Uns hier vom Amte kann ' s am Ende gleich sein , denn die Gerichtsbarkeit kommt doch wol nunmehro an die Regierung . Aber - so ist ' s und so wird ' s kommen - für die Andern ist von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten . Warum nicht ? fragte Dankmar . Der verkauft das Ganze , bezahlt die Schulden , nimmt den Rest und geht damit nach Frankreich , wo er ja - es ist ' ne Schande ! - mit einem ganz gewöhnlichen Frauenzimmer so gut wie verheirathet sein soll und überhaupt ein curioser Hanns geworden ist ... Verheirathet ? sagte Dankmar und blickte dabei mit ungläubiger Ironie auf Egon . Wie ich Ihnen sage ! fuhr Pfannenstiel fort . Der Prinz ist hier wie aus der Welt . Sonst wußte man doch , daß er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf Universitäten war ; und man konnte sich bei der Frau Fürstin recht insinuiren , wenn man ihr begegnete und ihr sagte : Nun Durchlaucht , lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht ? Früher nämlich , als wirklich Briefe von ihm kamen , hatte sie ' s gern . Dann aber soll er drei Jahre lang nicht geschrieben haben , drei Jahre lang vor ihrem Tode ; da hat sie ' s nicht gern gehört , wenn Einer sagte : Nun Durchlaucht , lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht ? Wer Das sagte , mußte entweder dumm oder ein rechter Spitzbube sein . Denn Alle wußten , daß er in Frankreich war , sich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem Tischler gerade nicht geheirathet hatte , aber , verlassen Sie sich darauf ... mit ihr lebte ... und Kinder hat ... und ... wie gesagt , ganz verwilderte Geschichten . Die Thräne unter dem Kronenleuchter , Freund - warf Egon Dankmarn anblickend , mit schmerzlichem Lächeln hinein - verstehen Sie ? Pfannenstiel sah auf seinen Gefangenen , dessen Bemerkung ihm wunderlich vorkam . Wie meinen - Wie meint Er - Thräne unterm Kronenleuchter ? ... fragte er , stockend und in dem Glauben , es wäre wol mit dem Gefangenen nicht recht richtig . Herr Pfannenstiel , sagte Egon , um diese ihm peinlichen Mittheilungen abzubrechen ; Sie sehen , wir sind gesättigt . Nehmen Sie den Rest und lassen Sie den Herrn noch bei mir . Sie wissen , daß es der Justizdirektor ja gestattet hat . Pfannenstiel packte die Reste ein und sagte währenddem mit einiger Ironie : Lassen Sie sich nicht durch den Justizdirektor und seinen Doctor irremachen , der schläft auch ohne den Doctor bis vier Uhr ; wenn ' s Ihnen sonst hier gefällt , bleiben Sie in Gottes Namen . Kühler ist ' s als unten in der Krone ; es ist wahr . Aber - Wetter , da hab ' ich ganz vergessen ... Ich soll Ihnen sagen ... Der Büttel wandte sich an Dankmar . Mir ? Was ist noch ? Es hat Einer inständigst nach Ihnen in der Krone verlangt .... Ich sehe , ich bin der Vielgesuchte , sagte Dankmar . Wahrscheinlich der Amerikaner mit dem freundlichen Knaben ? Nein , erwiederte der Schließer , der Herr Ackermann , der prächtige Sachen von Amerika erzählte , ist abgereist , gerade wie ich das Essen holte . Vielleicht kommt er wieder . Er lobte unsern Boden . Der Knabe läßt Sie noch grüßen und hat eine solche Angst um Sie gehabt , daß Sie hier im Thurme wären , daß ich meine Noth hatte , ihm zu erklären , Sie sitzen hier nur zum Spaß .... Welcher Amerikaner ? fragte der Fürst . Dankmar erzählte ihm in einigen Worten die Bekanntschaft , die er gemacht und setzte hinzu , daß er einige Zeit geglaubt hätte , dieser Fremde könnte vielleicht an eine Ansiedelung , an einen Güterkauf denken .... Nein , fuhr der Schließer , der sich inzwischen besonnen hatte , fort , ein Anderer wollte Sie dringend sprechen und wenn ich richtig gehört habe , es soll just kein feiner Herr gewesen sein und wenn mir recht ist , der Wirth sagte , er hätte ... rothe Haare . Hackert ! sagte Dankmar . Wahrscheinlich mein davongelaufener Kutscher , bemerkte er zu Egon hingewandt . Mit dem Bescheide , daß dessen Nachfrage nicht viel auf sich hätte , entfernte sich endlich Pfannenstiel und ließ die beiden Freunde allein , die ihm bei der betroffenen Art , wie sie bei Erwähnung des Rothhaarigen sich anblickten und gleichsam verstohlene Zeichen gaben , doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen mußten . Er schien mit gutem Gewissen die Thür zuzuschließen . So kräftig klangen die Schlüssel , als wollte er sagen : Es ist doch besser , daß ihr Beide da festsitzt ! Da sehen Sie nun , begann Egon , als die Schlüssel des Wärters nicht mehr hörbar waren , da sehen Sie , wofür ich hier gelte . Und doch weiß ich nicht , ob ich mich nicht freuen soll , wie schon alle Bande der Anhänglichkeit , die mich bestimmen könnten , die Besitzungen zu behalten , gelöst sind . Jener Amerikaner - Ackermann nannten Sie ihn ? - lobte den Boden . Nun wohl ! Mir ist er nicht günstig und trägt keine Früchte . Man spottet meiner Mutter . Man sehnt sich neuen Zuständen entgegen . Man gibt mich auf . Kann mich Etwas bestimmen , mich hier zu entdecken ? Kann ich wünschen , hier erkannt zu sein ? Ein unendlich schönes poetisches Verhältniß , das mich in Frankreich fesselte , ist so elend entstellt hierher gedrungen ! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt ; bei mir , den Niemand kennt , dessen Züge Keinem wieder einfallen , höchstens vielleicht dem alten Gärtner , wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gäste nicht vielleicht gemißhandelt hätten . O daß ich mich entschlösse , diese Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutreiben ! Würde mir nicht Gehorsam geleistet werden müssen ? Könnt ' ich nicht die Genugthuung haben , daß ich oben auf dem Schloß erschiene und Allen zuriefe : Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rathe euch , daß ihr Alle zum Teufel geht ! Zorn hatte Egon ergriffen . Er stand mit leuchtenden Augen da und seine schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs . Er öffnete das Fenster und rüttelte an den Stäben , die fester saßen , als Dankmar geglaubt hatte . Und was kann ich anders thun , um hier zu entkommen , als mich zu entdecken ? fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar ' s Schweigen für Zustimmung nehmend fort . Dieser Harder ist ein königlicher Hofbeamter , sein Wort hier wirkt allmächtig . Jedes Gutsagen für mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen scheitern . O fühl ' ich da nicht jetzt plötzlich die alte feindselige Hand wieder , die schon meine Mutter verfolgte ? Es war doch wol keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft , daß sie diese Harders für die Erbfeinde ihres Glückes erklärte .... Der Absicht , sich zu entdecken , stimmte Dankmar bei . Er wußte selbst kein anderes Mittel freizukommen , als daß der junge Fürst das Gedächtniß der Menschen , die ihn noch als Knaben oder Jüngling hier gesehen haben mußten , gleichsam aufrüttelte , sie auf Wiedererkennung seiner Züge lenkte und wenigstens durch dieses äußere Zeugniß ergänzte , was ihm an Documenten fehlte . Nicht Jeder - sagte Egon lächelnd - nicht Jeder glaubt wie Sie , einer Visitenkarte ! Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte , die er ihm hatte stellen wollen . Wird sie sich ausführen lassen ! sagte Egon zweifelnd . Sie sind auf dem Schlosse nicht bekannt .... Ich werde es heute Abend besuchen . Man lud mich ein , sagte Dankmar . Was hilft es , sagte der Fürst ; ich verlange von Ihnen Etwas , das Sie verabscheuen werden . Sie stocken ? ... Haben Sie kein Vertrauen ? Ich verlange von Ihnen Dasselbe .. was ... Sagen Sie es , Prinz ! Daß Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ... Noch immer dieser Scherz ? Vergessen Sie nicht , daß ein Dieb zu Ihnen redet ! Wohlan ! Redete er nur ! Wenn Sie meine Bitte erfüllen wollen , müssen Sie Das ausführen , was mir gescheitert ist , Wildungen ! Was Ihnen unbedenklich schien , soll an meinem Gewissen kein Hinderniß finden .... Dankmar sagte diese Worte klar und frei , fühlte sich innerlich aber doch beklommen . Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit , mit der Siegbert gerufen hatte : Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses entführt und ihn Dir eigenmächtig angeeignet ? Er gedachte sogar wieder der Möglichkeit , daß der Fremde nicht der Prinz , sondern nur über ihn vollständig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlaßt werden könnte , einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen .... Der Gefangene sagte : Sehen Sie ! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste unbelauschte Aneignung eines Bildes ! Eines Bildes ? fragte Dankmar erstaunt . Eines Bildes meiner Mutter .... Als Act der Pietät ? Nicht die bloße Folge erwachter kindlicher Liebe .... Ich würde diese Regung loben ; aber warum ein gefährliches Geheimniß ? Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimniß verbunden ist . Es ist zwei Uhr , sagte Dankmar , auf die Thurmuhr , die eben schlug , deutend . Sie werden noch Zeit haben ... Ihnen mein ganzes Herz auszuschütten ? Wohlan ! sagte Egon , nahm wieder auf dem schrägen Brett , das vielleicht für die nächste Nacht seine Lagerstätte werden mußte , Platz und fuhr , durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas gestärkt , in seiner Erzählung fort . Sechstes Capitel Das Bild Als ich in Lyon unterm Volke lebte , erzählte der Gefangene , empfing ich noch zuweilen , jedoch natürlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner frühern Existenz . Die Mutter blieb sich in ihren christlichen Ermahnungen gleich . Da aber jeder Brief , den sie schrieb , mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknüpften Betrachtung endete , so wirkte es nur wenig auf mich , als sie eines Tages mir wieder schrieb , ihre Stunden wären nun gezählt , sie würde sterben . Ich sollte eilen , schrieb sie , auf Flügeln der kindlichen Liebe eilen , sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermächtniß , das sie in ihrer Dürftigkeit mir geben könnte , entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Rathschluß sie schon früher abrufen , ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete , so würd ' ich hinter einem Bilde , das ich wol kannte , einem gewissen runden Pastellgemälde aus ihrer Kindheit , das sie selber darstellte , die Worte finden , die sie mir auf die weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zurufen müsse , gewichtige , inhaltschwere Worte . Dankmar , der jetzt das Geheimniß des Diebstahls erkannte , konnte nicht umhin , den Erzähler zu unterbrechen und unwillig auszurufen : Aber welch ein Platz ! Welche Stelle , einen letzten Willen niederzulegen , der hoffentlich nur in Betrachtungen besteht ! Für den Fall wichtigerer Mittheilungen doch nicht so übel gewählt ! sagte der Erzähler . Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte , ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen , wie er bei ihrem Tode gefunden würde , dieselben Wohlthaten zu spenden , dieselben Diener zu unterhalten , an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu verrücken , ja , auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen , wie sie sie niedergelegt hätte in dem Augenblick , als die Todtenglocke ihr schlagen würde ; jedes Buch , jedes Glas so zu lassen , wie es sein würde , wenn ihr Auge bräche .... Ah ! Ah ! rief Dankmar , Egon unterbrechend . Vergeben Sie mir , daß ich meine Empfindungen ausspreche . Ehre Ihrer Mutter ! Aber welche fromme ... Coquetterie ! sagte Egon schmerzlich . Aber dieser Beweis ist nicht so triftig , wie mancher andere , wo Sie die Mutter schon vertheidigen wollten . Hier hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen . Denn sie schrieb mir , da sie diese Verfügung vom Fürsten bewilligt erhalten hätte , so würd ' ich , selbst wenn ich verspätet ankäme , den Lebensschatz da unberührt finden , wohin sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sündiger Menschen verborgen hätte .... Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen ? Geistliche ? Notare ? Advocaten ? sagte Dankmar , über die Letztern selbst lächelnd . Auch Guido Stromern , dem Pfarrer , schrieb die Mutter , fuhr Egon fort , könne sie dieses Testament nicht anvertrauen , denn man wisse nicht , ob die Furcht des Herrn in ihm dann noch stark bliebe , wenn sie dahin wäre . Sie hätte zuviel Bäume sich herbstlich färben schon gesehen .. Zuviel wanken und scheitern , und sie glaube nur an einen einzigen ewigen Frühling , wo das einmal Entblätterte wieder ausschlüge und wieder blühe im Lande der ewigen himmlischen Palmen . Das Bild , das ich wohl kannte , beschrieb sie mir noch einmal und erwähnte das Geheimniß der Öffnung . Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand spränge auf und in einer Kapsel würde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden , die Enthüllung eines Geheimnisses . Und Sie reisten nicht sogleich ab ? fragte Dankmar gespannt und sich in die Grille der sonderbaren und eigenthümlichen Fürstin ergebend . Ich that es nicht , sagte Egon fast mit dem Gefühl der Beschämung . Verurtheilen Sie mich deshalb nicht ! Die Trägheit des Herzens ist wol eine der sieben Todsünden , die nicht vergeben werden können . Dennoch war mein Herz damals nicht träge . Es litt , rang , klopfte mit stürmischer Bewegung in andern Verhältnissen , als in meinen Beziehungen zu einer Mutter . Sagen Sie Dem , der unter einer Brücke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte gegen die Wellen rudert , er soll ein wildes Roß anhalten , das über ihm auf der Brücke sein Theuerstes schleife ; er hört wol den Hülferuf , aber kann er mehr , als sich ergeben , die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen ? So eingewachsen war ich in mein neues Leben , daß ich das Absterben des alten dem Tode überlassen mußte . Eine Weile hielt Egon inne , dann fuhr er fort : Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr , fand ich reichere Muße , um sie zu weinen . Es waren Thränen , die von einem andern Leide noch übrig waren und mit denen um dieses zusammenflossen .... Ich war mir eines Unrechts bewußt und fühlte , daß sich das Schicksal wol die Klage der ohne mich sterbenden Mutter gemerkt haben würde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafür strafen soll . Aber der alte Spruch , daß Niemand über seine Kräfte hinaus Etwas vermag , trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei , wenn mich auch irgend eine Nemesis verdammen wird . Ich kenne , sagte Dankmar , das stärkere Gegengewicht nicht , das auf der Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Höhe schnellte ; aber die geheimnißvolle Andeutung über das Bild der Fürstin mußte Sie doch veranlassen , nach ihrem Tode wenigstens aufzubrechen und an Ort und Stelle von diesem und manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen .... Auch Das versäumte ich , sagte der Gefangene . Schätze konnt ' ich keine erwarten , nicht einmal gesammelte Sparpfennige . Meine Mutter , eine geborene von Bury , besaß schon anfangs wenig und von einem spätern mütterlichen Vermögen war noch weniger für mich die Rede . Eher noch hinterließ sie in Folge ihrer unbegrenzten Wohlthätigkeit Verlegenheiten , die mein Vater abzuwickeln hatte . Und da dieser mir vollends schrieb , daß er den Tod der Mutter aufrichtig beweine und sich eine heilige Pflicht daraus mache , ihrer letzten Anordnung zu folgen und Alles ein Jahr lang unverrückt und unverändert in ihrem Sinne bestehen zu lassen , ja immer , immer , mein theurer Sohn , schrieb er , bis dein alter morscher Vater selbst zusammenbricht und du dann über unsern Gräbern zu Gericht sitzen wirst , hoffentlich nicht zu streng , Junge - ! Da mir der Vater so geschrieben hatte , ließ ich das Bild Bild sein und überredete mich : Was wird es enthalten ? Fromme Ermahnungen