gekannt haben ; aber ich weiß es : sie hat Respect vor Demjenigen , den sie beneidet . « Wilderich schwieg ganz erschöpft und ich ganz erstaunt . Dies war unser erstes längeres Gespräch und ohne meine Absicht hatte es eine Wendung genommen die ihn so schmerzlich ergriff . Dies war eine neue Phase des Leides welches durch unsre Welt geht ! Nach einer Pause rief Wilderich : » O wie tausendmal hab ' ich gewünscht lieber ein Taglöhner zu Wildeshausen zu sein , der unter körperlichen Anstrengungen sein Schwarzbrot gewinnt , als der Graf von Wildeshausen , dem es obliegt als Herr , als Haupt einer Familie für seine Untergebenen und seine Verwandten zu sorgen und dem dazu die Mittel fehlen ! « » Mein armer Wilderich , was sind das für unzeitgemäße Gedanken : für etwas Anderes sorgen zu wollen als für sich selbst ! « entgegnete ich , die traurige Wahrheit hinter einem scherzhaften Ton verbergend um ihn von seiner Verstimmung abzulenken . Aber heftig und traurig fuhr er fort : » Die Isolirung durch den Egoismus .... diese anti-aristokratische Richtung unsrer Zeit , welche das Individuum ohne positive Religion , ohne Liebe zur Heimat , ohne Anhänglichkeit an die Familie , ohne Respect vor Tradition , ohne Gefühl für die Untergebenen , in den grauen Wust einer communistischen Menschenverbrüderung hinausstößt - durch philosophische Speculation dermaßen die Thatkräftigkeit abschwächt , daß wir der Praxis einer schlichten Lebensweisheit ich weiß nicht was für eine fade spitzfindige Theorie von Fortschritt , von Freiheit vorziehen , welche uns aber nicht fördert , nicht befreit - diese fürchterliche Vereinsamung des Menschen , ohne Gott , ohne Herz , ohne Kraft , ohne Basis , ohne Ziel - ohne irgend einen der großen Gedanken für welche es der Mühe lohnt zu leben oder zu sterben - o die eben ist es welche mir an der Seele nagt und nicht für mich , sondern für uns Alle mich martert . « » Die Krankheit hat Sie ermattet , sagte ich . In Ihrem Alter muß man Zuversicht haben , Wilderich , denn ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit liegt vor Ihnen und wie wollen Sie derselben gewachsen sein , wenn Sie nicht daran gehen mit Zuversicht auf regenerirende Elemente ! Die rückkehrende Gesundheit wird Ihnen das schöne Vorrecht der Jugend : die ewige Hofnung - - wiederbringen . Ich begehre nicht daß Sie eine herrschende Mode mitmachen , und unsre Weltzustände rosenroth gefärbt betrachten sollen ! aber Sie sollen nur nicht schwarz sehen wo höchstens ein sanftes Grau ist . Grau , lieber Wilderich , ist immer das Chaos - und über dem Chaos schwebt immer der Geist Gottes . « » Glauben Sie das wirklich ? « » Die Geschichte lehrt es . « » Eine Lehre welche unser Herz oder unsre Erfahrung nicht bestätigen - ist für uns todt . Deshalb frage ich ob Sie aus Ihrer Seele oder nur nach Büchern sprechen . « » Und wenn ich sagte : nicht aus meiner Seele ! « » So würden Ihre Worte eben nur todte Worte sein - wie fast alle sind die heutzutag gelehrt werden . « » Da mögen Sie Recht haben ! sagte ich immer mehr und mehr erstaunt . Aber was sind Sie für ein trauriger ernsthafter Mensch ! « » Ich bin ' s ! denn in mir ist ein Chaos und ich weiß nicht ob der Geist Gottes darüber schwebt . « » Kind ! Kind ! rief ich , Sie thun mir weh ! « » Sie sehen wol , gnädige Gräfin , daß man auch um einen Sohn Sorgen haben könne , « sagte er . Auf dies erste Gespräch folgten viele derselben Art. Er hatte eine von inneren Kämpfen ganz zerarbeitete Seele . Ich kam zu der Ueberzeugung daß seine Krankheit eine große Wolthat für ihn gewesen sei indem sie den Geist in Schlaf gelullt . Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen , zwischen Altem und Neuem , zwischen Vergangenheit und Zukunft , welcher in unsrer Gegenwart keine befriedigende Lösung gefunden , hatte sich auch in ihm noch nicht zur Versöhnung durchgebildet . Er war ja noch nichts als ein deutscher Student ! Er kannte noch nichts als seine Familie und die Schule ; und was jene gepflanzt , hatte diese entweder zerstört oder in Frage gestellt . Jeder hohe Grad von Civilisation bringt eine solche Complication der Verhältnisse mit sich , daß die Einheit des Characters , die Uebereinstimmung zwischen Gesinnung , Wort und That , fast eine Anomalie genannt werden dürfte . Nun giebt es aber Menschen welche das Bedürfniß empfinden zur Aufrichtigkeit und Einheit sich zu entfalten , Menschen welche in der Lüge eine unwürdige Feigheit - in der Zersplitterung eine Schwäche sehen - Menschen welche nicht handeln , nicht sprechen und nichts thun können , sobald ihre Ueberzeugung sie nicht dazu auffodert , und welche sich nun darauf angewiesen finden die Widersprüche zu lösen oder zu leiden , welche bei ihrem Eintritt ins Leben aus jedem Verhältniß ihnen entgegen springen . Im Staat , in der Kirche , in der Wissenschaft , in der Gesellschaft - all überall Parteien , welche ihre Rechte , ihre Wahrheiten , ihre Ansichten und ihren Standpunkt in ein System gebracht haben , das seiner Natur nach immer einseitig ist , folglich mit Consequenz durchgeführt eine gewisse starre Abgeschlossenheit erheischt , welche Demjenigen schwer fällt , der Recht und Wahrheit überhaupt , und nicht vom Standpunkt einer Partei sucht . Ein solcher Mensch war Wilderich : stolz , grade , aufrichtig , vom allerempfindlichsten Ehrgefühl , unfähig in diesem Punkt Concessionen zu machen , und daher jeden Augenblick in seinem vielleicht übertriebenen Begriff von Ehre tödtlich verletzt . Er bekam einmal die Verlobungsanzeige seines Vetters mit einer Banquierstochter , und gerieth darüber in solche Trostlosigkeit , namentlich über ihren großen Reichthum , daß ich ganz ernsthaft ihn fragte ob er den Verstand verloren habe um über ein so alltägliches Ereigniß zu jammern . » Wenn sie arm wäre könnt ' ich ' s verzeihen , entgegnete er , aber reich - sehen Sie , das finde ich nichtswürdig . « » Sie sind unsinnig , Wilderich ! Aehnliches geschieht täglich in England , denn da ist die Aristokratie nicht blos stolz und würdig , sondern auch klug und praktisch , und versteht es frisches Blut und frisches Geld sich zu assimiliren . Dadurch ist sie ein immergrüner Baum . Der deutsche Adel aber - von einer Aristokratie dürfen wir Norddeutschen schon gar nicht sprechen ! - hat es nicht verstanden den Zufluß jener Lebenselemente sich offen zu erhalten ; drum stirbt er ab . « » Da sei Gott vor ! rief Wilderich . Dann ginge ja die Ehre verloren ! - Was fragt der Büreaukrat , der Industrielle , der Speculant , der Gelehrte - nach der Ehre ! Nach ihrer persönlichen Ehre , oder daß ihnen die gebührenden Ehren widerfahren - o ja ! danach fragen sie sehr ! Aber die Ehre des Standes , der Genossenschaft kümmert sie nicht , denn sie haben keine Genossen , sie sind nicht von einer gemeinsamen Idee beseelt , von der Idee : die Besten sein zu müssen weil sie die Ersten sind . Sie sind nur durch ihr Interesse zusammengehalten , sei es für ihre Carriere oder ihren Geldbeutel , und ein solches Interesse ist nur äußerlicher Art. Jeder vertritt seine Person , seine Meinung , seine Stellung , und was ihn zuweilen zur Gemeinsamkeit schaart ist - Opposition gegen uns ! das ist jedoch kein Lebensprincip . Wir aber vertreten die Idee der Ehre , und Individuen gehen unter , allein Principe leben ewig ! drum kann der Adel nicht absterben , denn die alte Tradition kann nicht untergehen . « » Er hat aber keine Basis mehr in den Zuständen ! versicherte ich unermüdlich . Ihm fehlen seine eigenthümlichen und wesentlichen Bevorzugungen und Verpflichtungen seitdem er seinen lebenskräftigen Character als Grundherrschaft verloren hat und als solche um die alten Rechte gekommen ist , die ehedem zwischen dem Herrn und den Unterthanen bestanden haben . Ihr seid Alle die ersten Bauern auf Euern Besitzungen und weiter nichts . Herren seid Ihr gar nicht mehr ! die Regierung - das ist der Herr ! die schreibt Euch aufs Genaueste Euer Verhalten vor Darüber müssen Sie sich keine Illusion machen : adlige Bauern , das seid Ihr . « » Warum bemühen Sie sich so sehr mich herab zu stimmen ? fragte Wilderich . Gönnen Sie mir doch wenigstens meine Idee und die Begeisterung für dieselbe ! in der Wirklichkeit ist wenig genug wofür ich mich enthusiasmiren könnte . « » Ich mögte nicht daß Sie Ihre Begeisterung so zu sagen schlecht unterbrächten . Ihre Gesinnung : » weil wir die Ersten sind müssen wir die Tüchtigsten sein , « ist durchaus aristokratisch , ist das Band zu der edelsten Gemeinschaft die nur zwischen den Menschen statt finden kann ; aber verabsäumt nicht die Mittel , die im Stande sind Eure Gesinnung durch äußere Macht zu unterstützen . Sie betrachten den Reichthum als ein Mittel zur Unabhängigkeit . Ihn zu erwerben ohne kaufmännische und industrielle Speculationen ist heut zu Tage unmöglich ; Sie fühlen keine Neigung für dieselben , oder Ihre Stellung , Ihre Laufbahn gestatten sie Ihnen nicht ; Sie finden ein schönes angenehmes Mädchen , deren Erscheinung Ihnen gefällt , deren Character und Bildung Ihnen zusagt - und Sie wollen sie nicht heirathen weil sie eine reiche Banquierstochter ist : lieber Wilderich , in dieser Ansicht finde ich mehr Subtilität als Zartgefühl . « » Reiche Frauen sind mir überhaupt unerträglich ! sagte er . Ich meines Theils werde nie ein andres Mädchen heirathen als aus einem guten alten Hause und ohne Vermögen « .... - - » Wie das gewöhnlich bei uns Hand in Hand geht ! « setzte ich lachend hinzu . Was ich ihm dringend rieth - waren Reisen in fremden Ländern , zu fremden Völkern , um das deutsche Spießbürgerthum abzuschleifen , dieses kleben und klauben an Formen , deren Inhalt ausgestorben ist , diese Devotion vor dem Fremdländischen , diese Ueberschätzung der Magistergelahrtheit , diesen matten Dünkel auf Geist und Bildung . » Das muß man gestehen , Sie sind nicht blind eingenommen für Deutschland ! rief Wilderich . Haben Sie denn je in der Fremde eine stolze Wallung bei dem Gedanken gehabt eine Deutsche zu sein ? « » Ja , eine sehr stolze ! « » Nun bei welcher Veranlassung ? « » Wenn ich eine Symphonie von Beethoven aufführen hörte .... dann war ich stolz , denn so aufgefaßt und so ausgedrückt ist nie der Geist des deutschen Volks als von ihm ! Er hat ihn wiedergegeben den Tiefsinn in der Verklärung . Sonst aber erinnere ich mich keiner Veranlassung . « » Und das sagen Sie so gelassen ! ich würde darüber verzweifeln . « » O all diese schlaffen Verzweiflungen muß man sich abgewöhnen ! Man muß die Welt nehmen wie sie ist ; und warum soll man nicht eben so stolz sein auf einen Genius der Symphonien componirt als der über Staatsökonomie schreibt ? « » Wenn man sich in der Welt wie sie ist zurechtfinden muß , warum denn , gnädige Gräfin , sind Sie in diese Einsamkeit geflüchtet , wo Sie durch nichts an dieselbe erinnert werden ? « » Weil ich mein Leben bereits verbraucht habe und zu nichts Tüchtigem mehr brauchbar bin - - als höchstens .... um die gute Frau von Grindelwald zu sein . « » Kann man mehr sein als gut ? « » O ja ! man kanns auf dem rechten Fleck , zu rechter Zeit und Stunde , am rechten Ort sein . Die gute Herrin von Engelau , die gute Gattin , die gute Mutter zu sein : das wär ' ein Lob . Jenes ist keins . Ich bin gut - was man hier gut nennt , nämlich wolthätig - weil ich es angenehmer für mich als das Gegentheil finde . « » Ich verstehe Sie zuweilen gar nicht ! entgegnete Wilderich . In Ihren Handlungen sind Sie ein hohes und edles Herz , in Ihren Worten - welche man schwer von Ihrer Gesinnung trennen kann , da Sie nicht lügen - haben Sie gar kein Herz . « » Daraus sehen Sie daß ich die Kraft zum thun .... nicht die zum sein habe . Ich habe vielleicht weniger Unrecht gethan als Tausende meines Gleichen und dennoch weniger Befriedigung als eben sie . « » Das ist unnatürlich ! « rief er . » Davon bin ich vollkommen überzeugt ! entgegnete ich gelassen . Mein Dasein ist wie eine Tropfsteinhöhle : darin stehen allerlei schöne Sachen , Altäre , Kapellen , Heiligenbilder .... aber versteinert und in Finsterniß ; und das sollte nicht sein . « » Und warum ist es so ? « » Weil der Geist der Liebe fehlt . « » Das ist ja aber eine fürchterliche Gleichgültigkeit ! « sagte er fast mit Entsetzen . Und wie kann man sie mit Ihrer Barmherzigkeit , mit Ihrem Mitleid in Einklang bringen ? « » Barmherzigkeit auf und über der Welt - von Ewigkeit zu Ewigkeit gehend - ist das Eine woran ich glaube . « » Weil Sie sie üben ! « » Nein ! .... weil ich ihrer bedarf . « Ich sprach zwar immer wenn unsre Unterhaltung eine Wendung auf mich nahm in einem möglichst kalten Ton von mir selbst , aber er machte dennoch auf Wilderich Eindruck . » Giebt es viel Frauen wie Sie ? « fragte er einst . » Ganz wie ich - vielleicht Keine ! mir ähnlich - Unzählige ! - Natürlich werden sie das aber nicht eingestehen . Verstand und Phantasie werden übermäßig entwickelt , und das Herz vertrocknet . Solch Mißverhältniß macht elend . Da soll nun die Oede durch Emotionen ausgefüllt werden : die Einen werfen sich in die Andacht , die Andern in die Studien und schönen Künste , noch Andre ins Weltleben mit seinen blasirenden Genüssen . Es muß immer etwas gethan werden ! Natürlich läuft zwischen all dem unsinnigen und abgeschmackten Thun zuweilen auch etwas Gutes mit unter - grade wie bei mir ! - aber es ritzt Alles nur die Haut , höchstens die Nerven - nicht das Herz . « » Gott ! rief Wilderich , und an dies Geschlecht sind wir mit unsrer Liebe gewiesen ! « » Nun ! entgegnete ich lachend , Eure Liebe wird es wol noch erwidern können ! Und dann giebt es ja immer Ausnahmen , und die Geliebte , mein Wilderich , ist ein für alle Mal eine Ausnahme . « That ich ihm wol oder weh ? ich vermuthe das Letztere . Nichts - und auch ich nicht - war so wie er es geträumt , wie es seinen Idealen entsprach . » Was soll ich glauben , lieben , hoffen , wollen - da neben dem Allen der Zweifel steht ! rief er einmal in schmerzlicher Aufregung . War die Welt gut wie sie bisher gegangen ist - warum legt sie sich denn auf die andre Seite ? War sie schlecht - wie hat sie so lange bestehen können ? - O wie beneide ich die , welche an einen unbedingten Fortschritt glauben und daher im Stande sind aufrichtig mit der Vergangenheit zu brechen . Ich kann es nicht ! ich finde nicht mehr Lebensweisheit , mehr Tugend , mehr Glück , mehr Freude in den Lehren welche unsre Tage beherrschen und unsrer Zeit als Richtschnur dienen und als Ziel vorleuchten - als in früheren Epochen . Ich finde nicht daß die Menschheit hochherziger und kernhafter wird - nicht daß die Aufklärung sie klar macht über das was ihr Noth thut , über Bestimmung und Pflicht . Klüger wird sie insofern als sie mehr lernt , und zwar bis zum letzten Mann des Volks herab , und als mancher Aber-und Wahnglaube z.B. an Gespenster , Hexen und Zauberei schwindet . Dafür glaubt sie jedoch an politische , sociale , wissenschaftliche Charlatans - was doch ein sehr verdumpfender Glaube ist ! und ob sie an Gott glaubt - das ist wol nicht unbedingt zu bejahen . Die Weltweisen sprechen zwar von einem Gott in der Geschichte , von einem Gott im eigenen Bewußtsein : das ist ein Gott ungefähr so wie ein Kartenkönig einen König von altem Schrot und Korn vertritt . Ich meine - Gott , den Lenker des Weltalls , den Vergelter des Guten und Bösen , den Vater der Barmherzigkeit , ohne dessen Willen mir kein Haar gekrümmt werden kann ! Gott - wie der Mensch ihn braucht , zu welchem ich schreien kann in meinen Schmerzen , jauchzen in meinen Freuden , und zu dem ich den Glauben habe , daß er mich hört und erhört zu seiner Zeit ! Gott - zu dem das Herz und der Blick emporfliegt bei großen Geschicken , weil es einen Dank und eine Klage giebt , die man nur vor ihm aussprechen kann und weil diese Geschicke , so reich oder so schwer sie sein mögen , immer eine Stelle unbesetzt lassen in unsrer Seele , welche nur durch ihn auszufüllen ist . Glaubt die Christenwelt in dieser Weise ihrer Väter noch an Gott ? « » O Kind ! rief ich gerührt , was kümmern Sie sich um den Unglauben der Welt , wenn in Ihrer Seele die ewige Ampel des Glaubens brennt ? - Was wollen Sie mehr ? « » Ich will die Gewißheit nicht in Traum oder Irrthum dahin zu taumeln ! Und der Zweifel der mich umringt macht mich irre an mir selbst . « » Der Zweifel ist so alt als der Glaube ! Petrus glaubte und Thomas zweifelte , und dennoch hat neben diesem Zweifler der Glaube des Petrus eine Kirche gestiftet von der geschrieben steht » daß die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden . « « » Nur ein Zweifler zwischen zwölf Aposteln ! In unsrer Zeit ist ' s anders ! da wohnen Schwankung , Unsicherheit und Zweifel wenigstens in eilf Köpfen unter zwölf . « » Das beweist weiter nichts als daß jene Eilf eben nicht zu Aposteln bestimmt sind , obzwar sie sich wol dazu berufen finden mögen und sich ja auch Apostel der Wahrheit , der Freiheit , des Fortschritts und des Lichts nennen - wie sich das für die Aufgeblasenheit geziemt . Glaubt doch unser Nachbar im Waadtland , der Schneider Weitling , eine sociale Weltreform predigen und einleiten zu müssen - warum sollen sich da nicht Andere an die religiöse machen ? « » Was haben Sie gegen den Schneider , da Hans Sachs und Jacob Böhme Schuster waren ? « » O gar nichts ! ich meine nur - da alle hundert Jahr einmal das Mirakel eines Lichtes aus der Werkstatt hervorgegangen ist : so könnte ja auch wol einmal ein Irrlicht draus hervor gehen . Uebrigens hab ' ich nichts weder gegen Reformen noch gegen Schneider . Im Gegentheil ! da Staat , Kirche und Gesellschaft mir wenigstens in Deutschland vorkommen wie Adam nach dem Sündenfall , der seine Blöße kennt , sich schämt oder fürchtet , und nach einem Feigenblatt greift ; so wäre wol sehr ein Mann zu ersehnen , der ein großartiges Gewand , einen neuen Purpur und Königsmantel ihnen umhinge . « » Das ist es ja ebenfalls was mich so sehr irre macht ! ich habe Augenblicke in denen ich mir selbst mit Aufrichtigkeit gestehen muß , daß viel abgenutzter und verbrauchter Plunder sich bei uns in allen Ecken angesammelt hat und uns sehr zur Last fällt . Allein das Aufräumen ist eine schwierige Sache ! das alte Gerümpel stürzt über den Haufen und reißt vielleicht noch Brauchbares mit um . « Er konnte sich stundenlang in diese Gespräche vertiefen , bei denen es jedoch unmöglich war zu einem Abschluß zu kommen . Die Jugend braucht ihn nicht ! im Gegentheil würde er ihr schädlich sein weil sie Gefahr liefe pedantisch und systematisch zu werden . Sie lebt sich zum Abschluß heran . Ob je ein Mensch die ganz klare und richtige Summe seines Strebens in sein Rechnungsbuch , und nicht zuweilen halb unbewußt ein X. für ein U. schreibt - ist die Frage . Indem wir leben wachsen wir in unser neues Wollen und Denken dermaßen hinein , daß wir uns nicht mehr genau besinnen wie es ehedem damit beschaffen gewesen ist . Zwanzig Mal denken wir : jezt sind wir zum Abschluß gekommen , jezt wissen wir was wir zu erwarten , zu geben , zu thun , zu meinen haben - und über ' s Jahr , oder über drei Jahr , oder doch ganz gewiß über zehn Jahr ist Alles anders . Und dann spricht man von Treue als von einer Tugend ! Treue ist Gewohnheit mit Nothwendigkeit und Bequemlichkeit .... vielleicht sogar mit ein klein wenig Heuchelei vermischt . » Sie sind eine fürchterliche Frau ! « rief Wilderich als ich einmal diese Aeußerung machte . » Für Sie und Ihresgleichen mag es anders sein . Ihr Herz mag einen so starken und gleichmäßigen Schlag haben , daß seine Ermattungen und seine Fieber nur die Oberfläche bewegen ohne es im tiefsten Grunde zu erschüttern . Oder auch liegt es an einer großen Idee , deren Realisirung das Leben füllt , vor Anker und ist mit ihr still , fest und treu . Aber Treue gegen den Menschen - dazu gehört eben außer Ihnen noch ein Gegenstand , und wer bürgt Ihnen für den ? « » Mein Vertrauen . « » Und wenn das nicht auf den Rechten gesetzt ward ? « » O ! rief Wilderich , haben Sie denn nie einen Menschen geliebt ? « » In dieser Frage hat Ihr Instinct Ihnen die richtige Antwort eingegeben . « » Und warum .... mein Gott , warum denn nicht ? « Ich zuckte die Achseln . » Auf manches Warum giebt es gar keine - oder die trostlose Antwort : Weil man es nicht verstanden oder nicht verdient hat . « Wilderich nahm meine Hand , drückte sie lebhaft an seine Lippen und rief : » O Sie Himmlische ! was kann bei Ihnen von verdienen die Rede sein ! Auf Sie müssen alle guten Gaben wie Morgenthau und Sonnenlicht herab sinken . « » Auf die fürchterliche Frau ? .... wie Sie eben mich nannten ! Sie verfallen in Widerspruch , « sagte ich spöttisch und zog meine Hand kühl zurück . Er erröthete flüchtig und sah traurig zu Boden . - - - - So verging die Zeit . Wilderich hatte allmälig wieder den Gebrauch seiner Glieder erlangt ; aber sein Gang sowol als seine Armbewegungen waren steif und schwer . Der Arzt rieth ihm nach Baden zu gehen . Er hatte gar keine Lust dazu . Er behauptete die Bergluft des Oberlandes sei viel heilsamer , viel gesünder , und die Bemerkung daß sie steife Glieder nicht geschmeidig mache , ließ er fallen . Er wollte eben nicht fort . Das fing an mich zu beängstigen . Wilderich war ein Mensch der sich aus Dankbarkeit für eine Frau fanatisiren konnte . Benvenuta sollte mich in den Frühlingsferien besuchen . Ich benutzte das um ihm eines Tages zu sagen : » Es ist zwar sehr unfreundlich einem Gast und einem Kranken die Thür zu weisen , aber es hilft nichts , lieber Wilderich , Sie müssen meiner Tochter das Feld räumen ! Ich habe in diesem engen Häuschen nur ein Gastzimmer . « » Sie haben mich so lange geduldet aus übergroßer Güte ; nichts als Beschwerden und Last habe ich Ihnen gemacht und doch mißbrauche ich Ihre Güte genug um nicht von selbst Ihr Haus zu verlassen ! das wäre eine grenzenlose Unbescheidenheit - wenn « .... - - - » Es ist keine ! unterbrach ich ihn schnell . Sie fühlen sich noch nicht vollkommen hergestellt , und fühlen ebenfalls - was Sie auch von Beschwerden u.s.w. sagen - daß Sie mir nicht lästig sind : drum wollten Sie die trüben Winter-Erinnerungen und den Rest von Schwäche an demselben Orte in der schönen Frühlingsluft abbaden ; das ist ganz natürlich . « » Ich werde mich also im Gasthaus niederlassen ; denn Ihre Tochter , gnädige Gräfin , muß ich durchaus kennen lernen ! sie ist wol so ziemlich das einzige Geschöpf auf der weiten Welt für das Sie sich interessiren . « » Von Ihnen , Wilderich , hab ' ich diesen Vorwurf doch kaum verdient . « » Es ist kein Vorwurf .... wenigstens keiner für Sie , sondern für Andere . Aber Ihre Tochter muß ich kennen lernen ! « » Ich habe gar nichts dagegen , « sagte ich ein wenig befremdet , da ich nicht begriff welch Interesse er plötzlich an der unbekannten Benvenuta nahm , deren Porträt ihm nicht einmal sehr gefiel . Er blieb also in Grindelwald nahm ein Zimmer im Gasthof und verbrachte übrigens seine Tage bei und mit mir . Bald darauf kam Benvenuta . Sie war jezt in ihrem sechszehnten Jahr , und lieblich .... ach lieblich , wie man eben nur in dem Alter ist , frisch , blühend , rosig und doch so zart wie eine Purpurwolke am Morgenhimmel . Ihre frühere Kränklichkeit hatte sie wie es schien gänzlich überwunden . Ein lebhafter Wechsel der Farbe bei jeder Gemüthsbewegung - in welcher sie überdas immer schwieg - deutete auf eine feine reizbare Organisation und auf ein stilles tiefes Gefühl . Von der fliegenden Heftigkeit meiner jugendlichen Empfindungsweise war Gottlob ! keine Spur in ihr . Ich glaube nicht ein holdseligeres Mädchen je gesehen zu haben . Sie war so recht ein junges Mädchen - unbefangen und doch schüchtern , schelmisch und doch blöde . Was weiter in ihr war - wer konnte es wissen ? - - Wilderich empfing Benvenuta mit stralender Freude . Ich verstand das gar nicht . War es Dankbarkeit gegen mich ? hatte sich seine Phantasie zuvor von ihr fesseln lassen ? war es eine urplötzlich entzündete Liebe ? Zuweilen glaubte ich eines dieser Motive in seinem Benehmen zu finden , zuweilen keines . Was er nur erfinden konnte um Benvenuta zu unterhalten , wendete er an . Zuerst ließ sie sich das nur gefallen ; allmälig war es ihr angenehm der Gegenstand einer so unausgesetzten Huldigung zu sein . Ich erinnerte ihn täglich an seine Reise nach Baden ; er behauptete sie täglich mehr entbehren zu können . » In dem Fall würde Ihre Mutter doch sehr froh sein Sie nach all diesen überwundenen Gefahren wiederzusehen ; « sagte ich . » Allerdings ! .... und ich auch die gute Mutter ! entgegnete Wilderich . Allein ich bin überzeugt sie gönnt mir von Herzen daß ich jezt ein wenig die Schweiz genieße - und umsomehr da ich meine Zeit nicht verliere , sondern bei Ihnen perfect englisch gelernt habe ! denn Zeitverlust ist nun einmal den Müttern ein Greuel . « » Sie genießen aber gar nicht die Schweiz , lieber Wilderich , wenn Sie immer hier bleiben . « » Kann man sie schöner genießen als hier ? liegt mir nicht grade hier ihr characteristischer Zauber vor Augen : feierliche Majestät und idyllische Anmuth ? Dies Thal ist eine Wiege in der wie Zwillinge Gletscher und Wiese friedlich bei einander ruhen . Um unsre kleinen niedrigen Hütten halten die Titanen der Natur , die hohen Berge Wache , recht wie es sich ziemt für die Großen daß sie die Kleinen beschützen . Da oben donnern die Lavinen , hier unten summen die Bienen ! - Und waren wir nicht gestern in Interlachen und vor drei Tagen in Lauterbrunn ? - Wollen wir nicht morgen zum Rosenlaui-Gletscher , und ein andres Mal zur Handeck und auf das Faulhorn ; und immer wieder hieher zurück unter dies gesegnete Dach ? Nein , gnädige Gräfin , weder in der Schweiz noch in der Welt kann ich etwas Schöneres sehen . « » Ich kann mir nicht helfen , Wilderich , ich bin eine ächte Mama : mir thut Ihre Zeitverschwendung leid ! « » Ach ! die sogenannt verschwendete Zeit ist fast immer eine glückliche von der uns später für Nachwirkung und Erinnerung kein schöner Augenblick , kein seliger Athemzug verloren geht , von der ein erquickender Duft und ein melodischer Nachhall in der Seele bleibt . « » Kind ! was wissen Sie mit Ihren zweiundzwanzig Jahren von Erinnerungen ? « » Wenn ich auch nichts weiß , so ahne ich doch ihren Zauber und ihre Macht . « » Wie das jugendlich gesprochen ist ! Von den Erinnerungen erwartet die Jugend allgewaltige Magie ; aber auch von der Zukunft ! .... und auch von der Gegenwart , nicht wahr ? Ihre ungeübte und ungeprüfte Kraft erscheint ihr so maßlos und unerschöpflich , daß sie von keiner andern Empfindung als von unendlichen - sogar in der Erinnerung noch unsterblich ! - wissen will . Aber ! aber ! die Kraft ist nicht übermäßig , mein armer Wilderich ! sie hält nicht so fest wie der Magnet das Eisen ; sie umschließt nicht so fest wie die Muschel ihre Perle ! - Meistens ist sie ein Sieb ; zuweilen eine Schaale von Porcellan oder Krystall , der nichts fehlt als daß sie einen kleinen feinen Riß hat , durch den ganz langsam , ganz unmerklich der Inhalt entströmt oder verfliegt . Nein nein , rechnen Sie nicht auf die Wonne der Erinnerung . « » Und was hätte ich denn am Schluß meines Lebens um mein müdes Haupt darauf zu betten wenn nicht den Blumenpfühl der Erinnerung ? « » Und wer sagt Ihnen denn daß Sie am Schluß Ihres Lebens Ihr müdes Haupt auf einem Blumenpfühl betten müssen ? - Es kann ja auch sein auf den Dornen des Schmerzes oder in der