jetzt gern all mein Gut , ja mein Leben dahin geben möchte , Du verstößt mich , und doch kann ein Wort von Dir mich glücklich machen , kann uns Beiden eine traurige öde Vergangenheit in ein blühendes Paradies verwandeln ! « » Ich bitte , mir diese Zauberformel zu sagen . Ich selbst kenne sie nicht ! « » Du willst sie nicht kennen , Herta ! « » Ich will Alles , was ich für recht und gut erkenne , Alles , was mein Verstand billigt , was mein Herz zuläßt . Der unaussprechliche Kummer , welchen Sie meinem Wesen eingeimpft haben , hat mich alle Täuschung ablegen lassen und meinen Gefühlen den schönen Reiz entwendet , der alle Glücklichen bezaubert . « » Das ist sehr sehr traurig ! « versetzte Magnus . » Wenn Ihre Gefühle erstorben sind , dann habe ich freilich nichts mehr zu hoffen , aber ich glaube , Sie täuschen sich selbst . Wollten Sie nur in die Tiefe Ihres Wesens schauen , so würden Sie daselbst den Kern aller göttlichen Gefühle , die Liebe zu dem Nächsten , wiederfinden . « » Fände ich ihn wirklich noch , dann sein Sie überzeugt , Graf , daß ich ihn nur mit dem Würdigsten theilen würde ! « » Halten Sie einen bußfertigen Sünder solcher Gnade nicht werth ? « fragte Magnus mit allem Zauber , der ihm zu Gebote stand . » Darauf kann ich mir jede Antwort ersparen , Graf . Sie wissen , daß ich Sie nie geliebt habe , weil ich Sie wahrer Liebe nie fähig hielt . Vernehmen Sie jetzt zum letzten Male , daß Sie bei mir nie auf Erwiederung einer Neigung zu rechnen haben , die Sie nur heucheln . Ihr ganzes verdorbenes Wesen ist Lüge , schändliche , schwarze , geschmackvoll vergoldete Lüge ! Ich hasse die Lüge und verachte die Jünger derselben . Und nun ich weiß , was Sie zu mir , der tief Gekränkten , der unversöhnlich Beleidigten , trieb , nun vernehmen Sie von mir mein letztes Wort . Ich will mit vergebender Milde die Sünde von Ihnen nehmen und Ihnen verzeihen , aber fortan meiden Sie , mich durch Ihre Gegenwart zu kränken , mich in meinem Kummer zu stören ! « Noch gab Magnus nicht Alles verloren . Er entschloß sich , das Aeußerste zu versuchen . » Theure Herta , « sagte er mit niedergeschlagener , schwankender Stimme . » Du scheinst zu vergessen , daß die Mutter für ihre Kinder eines Vaters bedarf . « » Gott ist aller braven Mütter gemeinsamer Vater . « » Und die Welt ? Die scheelen Blicke der verleumdungssüchtigen Welt ? « » Wünschen Sie , daß Ihre Schande weltkundig werden soll ? « » Die Deinige , meine schöne Cousine , wird durch meinen Namen zugedeckt . Einer Gräfin von Boberstein begegnet Jedermann mit höchster Achtung . « Herta stand auf . Sie legte das Buch , in welchem sie während dieses peinlichen Gespräches geblättert hatte , auf den Tisch und trat dem Grafen entgegen . Ihr zürnendes Auge sprühte Funken , ihr Gesicht war mit zarter Röthe überhaucht , der Busen hob sich in heftigster Aufregung . » Endigen Sie , Herr Graf , « erwiederte sie mit bebender Stimme , » Sie nöthigen mich sonst , meine Dienerschaft zu rufen ! Ein Reuiger wurde mir angemeldet , und einen Niederträchtigen sehe ich vor mir . « Da Magnus jetzt alle seine Berechnungen zu Schanden werden sah , kehrte ihm schnell die geistige Keckheit wieder , die er bisher nur mühsam niedergehalten hatte . Selbst gekränkt wollte er noch empfindlicher kränken ; denn er erkannte in Herta seine unversöhnlichste Feindin . Mit vornehmer Verbeugung zurücktretend sagte er : » Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten , schöne Heilige , daß Dein Anblick so mächtig auf mich wirkt und mein ganzes Wesen zu einem Spiegel macht , aus dem Du in mich verwandelt Dir selbst vor die Augen trittst . « » Das überschreitet alle Grenzen , « stotterte Herta für sich . » Herr Graf , ich befehle Ihnen , mein Zimmer zu verlassen ! « » Widerspänstige Zauberin , bedenken Sie wohl , daß zum Befehlen Macht und Recht gehört ! Sie besitzen weder das Eine noch das Andere . « » Ich wünsche noch einmal allein zu sein . « » Und ich werde mir erlauben , Ihnen noch einige Minuten Gesellschaft zu leisten . Ich bin Erbe und Herr dieses Schlosses , mein holdes Mühmchen , und wenn ich befehle , die unanständige Dirne hinauszuwerfen in den Wald , so hoffe ich noch genug willige Hände zu finden , die meinen Befehl ausführen . Mein sehr kluger Herr Vater , der sanft und selig in Gott ruhen möge , war doch nicht klug genug , sein verzogenes Püppchen bei Zeiten mit Geld und Gut zu bedenken . Er starb ohne Testament und das schöne vornehme Burgfräulein wird künftighin in seidenen Kleidern Brod und Leinwandfetzen unter ihren Freunden , den armen Wenden , zusammenbetteln müssen , damit sie leben und ihren muthmaßlichen Erben standesmäßig erziehen kann . « Höhnisch lag sein satanisch blitzendes Auge auf der üppigen Gestalt der über solche Bosheit entsetzten Herta , die sich kaum aufrecht erhalten konnte . Als er sie zittern und zusammenbrechen sah , umfaßte er sie trotz ihrer abwehrenden Gebehrden . » Es bedarf jedoch blos eines Wortes , « fuhr er gleißnerisch fort , » und die Bettlerin trägt eine schimmernde Grafenkrone auf ihren stolzen Flechten . Ich bin billig , meine Geliebte . Als Vater werde ich auch zärtlich , freigebig und großmüthig sein . Wenn Du mir aber untreu wirst , dann fürchte meine Rache ! Dem Erben von Boberstein Reichthum und Ehre , dem Bastard der leichtgläubigen Cousine Armuth , Schande und Elend ! Wähle jetzt , meine stolze Geliebte ! « Herta saß erblassend , tief und schwer athmend in ihrer Epheulaube . Emma trat ein und überreichte ihr auf silbernem Teller einen Brief . Sie kannte die Hand nicht . » Von wem ? « sagte sie kaum hörbar . » Ein Köhlerbube brachte ihn , « versetzte die Zofe und verließ wieder das Zimmer . Herta drehte den Brief nachdenkend in den Händen . » Darf ich gefälligst um Antwort bitten ? « sagte Magnus äußerst freundlich . » Ja das dürfen Sie , « erwiederte die Gekränkte . » Ich flüchte mich an den Busen meiner Tante und wähle Armuth , Schande und Elend ! « » Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu dieser Wahl und zu dem neuen Lebenslaufe , der drei Tage nach der Bestattung meines hochseligen Herrn Vaters seinen Anfang nehmen wird . Ich empfehle mich der verehrten Cousine auf ' s Angelegentlichste ! « Magnus verbeugte sich und ließ die unglückliche Herta allein mit ihrem Schmerz , ihrem Haß , ihrer Verachtung . » Hat denn der Himmel keine Blitze mehr , « seufzte sie , » um solche Frevler zu strafen und die von ihnen Verfolgten zu erretten ? « Dabei ballte das arme Mädchen ihre kleine Hand und zerbröckelte das Siegel auf dem erhaltenen Briefe . Viertes Kapitel . Der Besuch . Als Herta den Brief erbrach , gewahrte sie mit Verwunderung , daß sich der Verfasser desselben nicht genannt hatte . Mit gesteigerter Neugier durchflog sie das Schreiben , dessen geheimnißvoller , auf eine schreckenreiche Vergangenheit hindeutender Inhalt ihre Unruhe und Aufregung noch mehr steigerte . Der Brief lautete : » Ein Ihnen völlig unbekannter Mann , verehrtes gnädiges Fräulein , bittet um die Vergünstigung , Sie am Tage nach Empfang dieser Zeilen besuchen zu dürfen . Die Umstände und sein eigenthümliches Verhältniß zu den Besitzern des Schlosses Boberstein nöthigen ihn , diesen Besuch einen durchaus geheimen sein zu lassen . Aus diesem Grunde wird Schreiber dieses erst mit Einbruch der Nacht bei Ihnen erscheinen und zwar auf einem Wege , der Sie vielleicht mit schauderndem Entsetzen erfüllt . Kein Mensch im Schlosse außer Ihnen und , wenn Sie es wünschen , Ihre vertraute Dienerin , darf von dem nächtlichen Wanderer Kunde erhalten . Ihre Zukunft , Ihre Ruhe , Ihre Sicherheit , ja Ihr Leben hängt von Genehmigung dieser Bedingungen ab . Alles Unrecht , das man Ihnen zugefügt hat , wird durch denselben bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden . - Wappnen Sie sich also mit Muth und Entschlossenheit und vertrauen Sie einem Manne vollkommen , der Ihrem zeitlichen Wohlergehen sein ewiges Heil zu opfern gern und stündlich bereit ist . Leben Sie wohl und ruhig , bis die verschwiegene Stunde der Nacht uns zusammenführt . « Die Bestürzung Herta ' s über diesen Brief war groß und bei dem Mißtrauen gegen Jedermann , das ihr durch Magnus ' unverzeihliches Betragen eingeflößt worden , hatte sie wenig Neigung , den Unbekannten zu empfangen . Bei ruhiger Ueberlegung jedoch und bei wiederholter aufmerksamer Durchlesung des Schreibens mußte sie die gute , wohlwollende Absicht des Verfassers erkennen . Ueberdies gestattete er ja das Zugegensein einer Zofe , was ihre Sicherheit um Vieles steigerte , und so beschloß Herta , unverbrüchlich zu schweigen und das angekündigte Abenteuer abzuwarten . Emma , die ihrer Gebieterin mit unbegrenzter Liebe ergeben war , wurde erst am nächsten Abend in das Geheimniß gezogen , worauf beide Mädchen in ungewöhnlicher Schweigsamkeit die Erscheinung des Unbekannten in Herta ' s Zimmer erwarteten . Die Nacht war ruhig , der Himmel leicht bewölkt . Das melancholische Rauschen der Haide drang herauf bis in das erstorbene alte Schloß . In langen Pausen schlug die schrillende Schelle die zehnte Stunde . Gespannter und immer ängstlicher werdend , harrten die Mädchen des Unbekannten . Eng verschlungen saßen sie lautlos auf der dunkelsammtenen Ottomane . Da knackte es in Herta ' s Schlafzimmer , als ob eine scharfe Feder einschnappe . Die Mädchen sahen einander an , sie hörten den beflügelten Schlag ihrer Herzen . Gleich darauf klopfte es vernehmlich an die innere Kammerthür . » O Gott ! « flüsterte Herta und schlang beide Arme fest um den Nacken Emma ' s , ihr bleiches Antlitz in neugierigem Entsetzen starren Auges halb abgewandt auf die Thür richtend . » Emma , es ist der Graf , es ist Magnus ! Niemand als er kennt diesen fürchterlichen Weg ! « Indem wiederholte sich das Klopfen um ein weniges lauter und da auch darauf von Seiten der erschrockenen Mädchen kein » Herein « erfolgte , ward die Thür behutsam geöffnet und ein stattlicher Mann in voller Lebensgröße erschien auf der Schwelle . Regungslos betrachteten die scheuen Mädchen , ihre furchtsame Stellung beibehaltend , den Fremdling . Dieser blieb ebenfalls ruhig stehen , ließ sein scharfes Auge über beide in schwarze Trauerkleider gehüllte Gestalten gleiten und sagte dann mit wohltönender , kräftiger Männerstimme : » Guten Abend , liebe Kinder ! « Es lag so viel Zutrauliches , Weiches und Väterliches im Ausdruck der Stimme dieses Mannes , daß die Mädchen nach diesem Gruße froh aufathmeten und aufstehend sich gegen den Fremden höflich , aber noch immer schweigend , verneigten . Dieser trat jetzt in ' s Zimmer und ein voller Strahl des Lichtes fiel auf ihn . Es war ein starker , großer , sehniger Mann mit interessanten Zügen , welche der sorgfältig gepflegte , sehr dichte und lange Schnurrbart noch ausdrucksvoller machte . Sein ergrauendes Haupthaar zeigte , daß er die Höhe des Lebens bereits überschritten hatte , es müßten denn Kummer , Gram und tiefe Seelenleiden ihn vor der Zeit gealtert haben . Der Fremde trug die gewöhnliche Kleidung eines Försters und war , wie ein solcher , mit schönem Hirschfänger bawaffnet . » Empfangen Sie zuvörderst , « hob er mit zitternder Stimme an , » meinen aufrichtigen , herzinnigen Dank für das Vertrauen , welches Sie mir durch Ihre Gegenwart schenken , verehrtes Fräulein ! « - Dabei richtete er seine Worte entschieden an Herta , als kenne er sie schon längst . - » Ja , « fuhr er fort , » ich täusche mich nicht . Sie sind Herta , die arme , schöne , fromme Tochter der nicht minder armen Schwester Grafen Erasmus von Boberstein ! Ist es mir doch , als wäre sie , die längst Dahingeschiedene , wieder zurückgekehrt in ' s Leben und sähe mich mit ihren dunklen Wunderaugen erstaunt an über die Veränderung , die mit mir vorgegangen ! Denn nur sie , die Verewigte , und ihre einzige , ihr in allen Tugenden und Eigenschaften so ganz gleiche Tochter , besitzen diesen Zauber des Blickes , dies seelentiefe , herzdurchforschende Engelsauge ! - Gestatten Sie , Tochter Eugeniens von Boberstein , daß der einzige Freund Ihrer Mutter die Hand küßt , die seit zwanzig Jahren nicht mehr in der seinigen geruht hat ! « Damit ergriff der Fremde Herta ' s schlanke feine Hand und führte die bebenden Finger an seine Lippen . » Gütiger Himmel , « stammelte das erstaunte Mädchen , » Sie haben meine Mutter gekannt , räthselhafter Mann ! Wer sind Sie ? Was haben Sie mir zu eröffnen , daß Sie auf so ungewöhnliche versteckte Weise zu mir dringen ? « Mit schmerzlichem Lächeln ruhte das glühende Auge des Fremden auf Herta . Seine wetterbraunen Züge wurden weich und sanft und seine Stimme zitterte , als er antwortete : » Sie dürfen und müssen so fragen , theures Mädchen , und ich bin gekommen , Ihnen Rede zu stehen , Sie zu Fragen und Forschungen aufzumuntern . - Haben Sie von Ihren Pflegeältern nie eines Mannes erwähnen hören , den man Johannes nannte ? « » Nie ! « betheuerte Herta kopfschüttelnd . » Nie ! « wiederholte der Fremde und seufzte . » Also so ganz hatte man ihn vergessen , oder so geflissentlich schwieg man von ihm , daß nicht einmal in Beisein seines - - Doch bevor ich fortfahre , « unterbrach er sich selbst , » bitte ich inständigst : lassen Sie Ihre Gefährtin in ein Nebenzimmer treten ! Ich weiß nicht , ob Sie selbst es billigen würden , wenn ich Ihnen vor Zeugen meine Geheimnisse mittheilte . « Der gerührte , väterliche Blick des Fremden und sein ergrauendes Haar machten , daß Herta diese Bitte gewährte . » Verlaß uns , Emma , « sagte sie , » und gib Acht , daß wir nicht gestört werden . « Die Zofe entfernte sich . Lebhafter wendete sich Herta zu dem Fremden , ergriff mit beiden Händen seine Rechte und sagte innig : » Nun , edler Mann , nun reden Sie ! Wer war jener Johannes ? « » Ein armer , ein unglücklicher Mann ! « erwiederte der Fremde . » Vor mehr als zwanzig Jahren glaubte dieser Johannes unter die glücklichsten Sterblichen zu gehören . Er war jung , hübsch , aufgeweckten , lebhaften Geistes , empfänglich für alles Schöne , ein Liebling und Verehrer Ihres Geschlechtes . Wo Heiterkeit und Frohsinn scherzten , da war er gern gesehen ; wo Anmuth und Liebe duftende Blüthenkränze wanden , da versäumte er nie zu erscheinen , um ein feuriges Lied ertönen zu lassen . Johannes war kein Pedant , obwohl er sich von Geburt an als Hofmeister auf Edelhöfen seinen Unterhalt erwerben mußte . Geübt in jeder Kunst , gewandt in ritterlichem Spiel , ein eben so geschickter Fechter , Tänzer und Reiter , als ein scharfsinniger und sieghafter Kämpfer im Wortgefechte , errang er sich manchen schönen Preis , um den vornehme , reiche Grafen ihn beneideten . Er siegte auf der Rennbahn und im Gesellschaftszimmer . Frauen und Mädchen ehrten ihn mit ihrem Vertrauen , ihrer Gunst ! « » Aber Johannes war kein leichtfertiger , gewissenloser Mann . Er unterschied streng holdes Spiel von gewichtigem Ernst . Er reizte nicht , wo er zu verlocken glauben konnte . Anstand und Sitte waren die beiden Genien , denen er auch im Rausch lebenstrunkener Stunden nie entsagte . So begünstigt , so von Glück und Liebe vereint in blendende Lebenskreise emporgehoben , kam Johannes in diese Burg . Graf Erasmus wünschte einen Hofmeister für seinen wilden Knaben Magnus , einen Mann , der Strenge mit Milde , der französischen Weltton mit deutschem Ernst , deutscher Gründlichkeit anmuthig zu verknüpfen wisse . Solcher Aufgabe war Johannes vollkommen gewachsen . Er kam nach Boberstein und nie schien Graf Erasmus mit der Wahl eines Erziehers zufriedener gewesen zu sein . Magnus ward ihm übergeben und gewöhnte sich bald an die Vorschriften seines Lehrers , der bei vorkommender Widerspänstigkeit unerbittlich streng sein konnte . « » Johannes hatte im Spätherbst seine ehrenvolle und verantwortungsreiche Stellung angetreten , und binnen einigen Monaten die wilden Auswüchse an den Launen und Einfällen seines Zöglings mit Glück verschnitten . Da kam die junge , schöne Schwester des Grafen Erasmus aus der Residenz , wo sie den Winter in der großen Welt gelebt hatte , zurück auf ihres Bruders alte Haideburg . Eugenie war ein bezauberndes Wesen . Ihre Mutter , theure Herta , läßt sich nur mit der Tochter vergleichen . « » Meine arme Mutter ! Ich kannte sie nie , ich konnte sie nur im kalten , todten Bilde lieben und küssen ! « » Beklagen Sie Ihre Mutter nicht , edles Fräulein , Eugenie war glücklich , und als das Unglück über sie herein brach , nahm der erlösende Tod sie sanft in seine Vaterarme . « Herta stürzten die Thränen in die Augen , während der Fremde ruhig fortfuhr : » Johannes und Eugenie sahen einander , lernten sich kennen und liebten sich . - Es gibt Wesen , die beim ersten Zusammentreffen sich in der Tiefe ihres erbebenden Herzens gestehen müssen , daß sie von Ewigkeit her für einander bestimmt sind . Ein paar solche ursprüngliche Naturen waren Johannes und Gräfin Eugenie . Ein Strahl aus ihren Augen reichte hin , in Beide den heiligen Gluthstrom der Liebe zu gießen , der in den Pulsadern der Welt schlägt und das Reich der Geister beherrscht . Ueber der Ursprünglichkeit ihrer reinen Neigung , über der geistig schönen Tiefe ihrer Leidenschaft und der sittlichen Höhe ihres Standpunktes vergaßen sie , daß es bevorzugte und verachtete Kasten gab ; wollten sie nichts wissen von einem Unterschiede zwischen gräflichem und bürgerlichem Blut . Eugenie liebte den reinen , tiefen , edlen Menschen in Johannes , und dieser fühlte an Eugeniens Busen nur das Herz eines Mädchens schlagen , das von Lüge und Verstellung nichts wußte . « Vor dieser Gluthfülle ihrer Neigung sah Johannes alle Hindernisse stürzen , ja er dachte nicht einmal daran , daß es deren überhaupt geben könne . Er wollte Eugenie besitzen , bald besitzen und hielt um dieselbe an bei - ihrem Bruder ! - Graf Erasmus lachte dem Hofmeister in ' s Gesicht und nannte ihn einen Narren . Er glaubte anfangs wirklich , Johannes erlaube sich in übermüthiger Stimmung einen Scherz . Als er aber sah , daß der Hofmeister im glühendsten Redestrome nur seinem überschäumenden Glück Worte gegeben und als er von Eugeniens blühenden Lippen die Bestätigung vernommen , da trat er stolz an Johannes heran , maß den jungen Mann von Kopf zu Fuß und sagte verächtlich : » Der Wein von meinem Tisch ist Ihm zu Gesicht gestiegen . Trinke Er künftighin wieder Wasser , wie sich ' s gehört , und esse Er mit meinen Bedienten , damit Er Mores lernt ! Und jetzt packe er sich und verlaufe sich die verrückten Gedanken auf einem Spatziergange durch die Haide ! - Darauf kehrte er dem Hofmeister den Rücken , nahm die Hand der Schwester und zog sie in ' s Nebenzimmer , das er hinter sich verriegelte . « » Johannes blieb wie vom Schlage getroffen stehen . Er glaubte , ein wirrer Traum habe sich festgesetzt in seiner Seele . Er konnte lange Zeit weder Sprache noch gesundes Gefühl wieder erhalten . Als er endlich des ganzen entsetzlichen Unglücks sich bewußt ward , schüttelte ein förmliches Wuthfieber geraume Zeit seinen sehnigen Körper . Damit fand er sich selbst und seine Thatkraft wieder . Er schrieb in den gemäßigsten Ausdrücken an den Grafen . Der Brief kam uneröffnet zurück , mit ihm eine Rolle Gold als Reisegeld , begleitet von dem mündlichen Befehl des Grafen an den Ueberbringer , binnen zwei Tagen das Schloß zu verlassen . - Johannes tobte aufs Neue , er suchte die Diener zu bestechen , um mit Eugenie sprechen zu können , aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem hündischen Gehorsam dieser Leibeigenen . « » Verzweiflung im Herzen ward Johannes am dritten Tage nach der Unterredung mit Erasmus gewaltsam aus dem Schlosse gebracht ! Als er um die letzte Felsenecke bog , die unter den Fenstern dieses Zimmers steil abfällt , glitt ein Stück Schiefer daran nieder mitten auf den Fußsteig . Etwas Weißes schimmerte darunter , was ihn aufmerksam machte . Er hob den Schiefer auf und fand daran gebunden zwei Schlüssel mit einem Zettel , der in wenigen Worten die Weisung enthielt , daß er in finstern Nächten vermittelst dieser Schlüssel unbemerkt zu Eugenien gelangen könne , wenn er am südlichen Thurme den Felsengang erklimme und über den Balkon , wo er ihr Unterricht in der Sternkunde ertheilt habe , nach der dritten Luckenthür schreite , die er stets offen finden werde ! - Johannes kannte diesen Pfad , wie die heimlichen Gänge des Schlosses und ruderte , den Busen von neuen Hoffnungsträumen geschwellt , wohlgemuth über den See . « » Schon die dritte Nacht sah den kühnen Mann die finstern Steige hinauf , die ächzenden Treppen , die feuchten gespenstischen Gänge treppauf treppab an den jauchzenden Mund der Geliebten fliegen , - und von Stund ' an begann für die grausam Geschiedenen beim Lallen des See ' s , das wie Gebet flehender Engel zu ihnen herauf erklang , ein stilles hohes Liebesleben , das häufig erst mit dem Rufe des Morgenhahnes endigte , wenn auf Fels und See und Haide das Perlennetz des Frühthaus blitzend niedersank . « » Ueber fünf Monate dauerte dieses hohe Liebesglück , um so zauberischer und reicher an Genuß , als es mit Gefahr und mannichfachen Entbehrungen verknüpft war . Johannes hatte nichts unterlassen , um Eugenien eine heitere Zukunft zu sichern . Diese war bereit , dem Geliebten zu folgen , und ein kleines , stilles , dauerndes Glück einem von Glanz und Goldschmuck schimniernden Elend von vielleicht langer Dauer vorzuziehen . Der Tag oder vielmehr die Nacht zur Flucht ward festgesetzt , und als am Vorabend derselben Johannes von ihr schied , gestand ihm Eugenie mit seligem Lächeln , daß ihre Einsamkeit nur kurz sein werde . Ein langer Kuß belohnte dies süße Geständniß . « » Zum ersten Male seit seiner Verbannung aus dem Schlosse hatte sich Johannes bis zur Morgendämmerung aufgehalten . Ein ungewöhnlich starker Thau war gefallen , der in Millionen zarten Perlen auf Gräsern , Stegen und Steinen lag . Ein Knecht des Grafen , diesem vorzugsweise ergeben , entdeckte die Fußspuren des nächtlichen Gastes und zeigte sie seinem Gebieter . Erasmus verfolgte sie und fand einen Verdacht , den er zuweilen still gehegt , doch nie zu äußern gewagt hatte , bestätigt . Er befahl dem Knechte unverbrüchliches Stillschweigen und traf heimlich seine Anstalten . « » Voll froher Erwartungen , sich dem Ziele so nahe zu sehen , ersteigt Johannes um Mitternacht auf bekanntem Felsenpfade das Schloß . Niemand sieht , Niemand stört ihn . Er erreicht die Zinne , die innern finstern Gänge . Bis dicht an das Gemach der Geliebten dringt er vor , da fällt plötzlich verrätherisch blendendes Licht auf ihn und auf beiden Seiten in engen Nischen , die er nie gewahrt hatte , zeigen sich Bewaffnete , Erasmus an ihrer Spitze . - Zwar wehrte sich Johannes , allein Augenblicke reichten hin , ihn zu überwältigen . Während der schadenfroh lachende Graf den Ueberrumpelten mit Schimpf- und Schmähworten überhäufte , erschien die entsetzte Gestalt Eugeniens in Reisekleidung . Die Liebe siegte über Schreck und Schaam . Sie warf sich über Johannes mit aller Gluth und Seelenwärme eines Herzens , dem man sein Theuerstes rauben , das man vielleicht entehren und tödten will . Ihr grausamer Bruder ließ die reizende Gestalt durch die Knechte den umschlingenden Armen des Geliebten entreißen . Selbst ihr lauter Verzweiflungsruf : Ich bin sein Weib ! Vor Gott gehöre ich ihm an ! konnte den blind Wüthenden nicht erweichen . Sie wurden getrennt , Eugenie , um in ihre Zimmer zurückgebracht zu werden , Johannes , um am nächsten Morgen , wie ihm Erasmus ankündigte , seine Strafe zu empfangen . « » Dieser Morgen kam . Johannes ward gebunden in die Schloßhalle geführt . Dort waren bereits der Graf und seine ganze Dienerschaft nebst zahlreichen Knechten versammelt . Eugenie wurde mit Gewalt auf die Gallerie geschleppt und dort festgehalten . Hierauf verurtheilte Erasmus den ehemaligen Hofmeister seines Sohnes zu der für einen Freien entehrenden Strafe des Blockes , die er sogleich erlitt . Während derselben ward Eugenie als todt fortgetragen . Nachdem Johannes in ohnmächtiger Wuth diese Strafe überstanden hatte , befahl der Graf - « » Sie stocken ? O ich bitte Sie , « rief Herta , » beendigen Sie diese fürchterliche Geschichte ! « » Verzeihen Sie meine Schwäche , « nahm der Fremde nach kurzer Pause abermals das Wort . » Es gibt Erlebnisse , die schon in der Erinnerung auf einen Mann wie tödtendes Gift wirken . - Nun , « sagte er , » der Graf befahl , den Geliebten seiner Schwester draußen im Schloßhofe an den Pfahl zu binden , der für die Leibeigenen als Pranger dient , ihm den Rücken zu entblößen und für seine Frevelthat mit Ruthen zu hauen . Er nannte das , den Lohn für die im Dienste seines Hauses geopferten Nächte auszahlen ! « Dem Fremden versagte die Sprache . Er hatte diese letzten Eröffnungen kaum verständlich geflüstert . » Und Graf Erasmus , « fiel Herta ein , » nicht wahr , er ließ es bei der schrecklichen Drohung bewenden ? « » Nein , « versetzte mit eisiger Kälte und furchtbarem Aufflammen seiner tief liegenden Augen der Fremde , er sah der Vollziehung der grausamen Strafe mit Wohlgefallen zu ! Als der Unglückliche sie überstanden hatte , ohne vor Schaam zu sterben oder vor Wuth den Verstand zu verlieren , sagte er zu Johannes : » Jetzt hab ' ich Ihn ganz in Gold fassen lassen . Er kann nun gehen , wohin Er will , und von der Münze des Grafen Boberstein leben oder damit Handel treiben . Jagt den Schurken hinaus , und wenn er sich noch einmal im Bereich meines Schlosses blicken läßt , so erhält er dieselbe Belohnung wie heut ! « Johannes ward losgebunden . Mit todtenbleichem Gesicht und fast brechendem Auge kehrte er sich zu seinem Henker und sprach : » Ich werde Ihr Gold auf Zinsen legen , Herr Graf , und Ihre Güter damit aufkaufen ! « » Am Ufer des See ' s in der Haide setzte man den todtwunden Mann nieder . Mühselig schleppte er sich fort bis in eine Köhlerhütte . Dort fand er Hilfe und den Trost guter Menschen , denn sie waren arm und hatten noch ein Herz . Acht Tage raste Johannes im Fieber . Als er wieder zur Besinnung kam und langsam genas , war sein pechschwarzes Haupthaar grau geworden . Kummer und Schande hatten einen Greis aus ihm gemacht . Aber die Rache erhielt ihn jung , stärkte seine Muskeln , stählte seine Nerven wieder und ließ ihn der Geliebten gedenken - « » Es vergingen Wochen , ehe Johannes von Eugenien hörte . Das arme Mädchen hatte die gewaltige Seelenerschütterung überstanden . Sie war gesund geblieben , vielleicht nur , weil sie ein Pfand der Liebe mit ihrem Herzblut nährte . Erasmus ließ die Unglückliche in ein entferntes Haidedorf schaffen . Dort entdeckten sie Johannes ' Pfleger , die Köhler , und brachten ihm Nachricht . Er sah sie wieder , als sie eben eines zarten Mädchens , ihres schönsten Ebenbildes , genesen war . Sie nannte das Kind Herta und starb am Tauftage desselben . Von neuem Schmerz ergriffen rannte Johannes in den dichtesten Wald . Als er zurückkam , war Herta verschwunden . Er sah sie nie wieder , obwohl er ahnen konnte , daß Graf Erasmus die Neugeborene entführt haben würde - « Herta drückte schluchzend ihr Gesicht in die Sammetkissen der Ottomane . Der Fremdling betrachtete mitleidig die Weinende . Als sie ruhiger ward , rief er sie bei Namen ; sie richtete sich wieder auf und sah ihn groß und theilnehmend mit ihren glänzenden Rehaugen an . » Johannes begrub Eugenien , « fuhr er fort , » und nichts blieb ihm übrig von der Unvergeßlichen , als ihr Bild , das sie ihm in der ersten glücklichen Nacht geschenkt hatte . « » Mein armer , armer unglücklicher Vater ! « rief Herta . » O sagen Sie , bester Mann , sagen Sie , wenn Sie ' s wissen : welch Schicksal ist ihm gefallen nach so viel Schmerz und Erdenjammer ? « » Er verscholl in dem Andenken der Menschen , « sagte der Fremde mit feierlichem Ernst , » und hat dem Grafen Wort gehalten ! « Wieder blickte das Mädchen verwundert zu ihm auf . » Er hielt Wort ! « wiederholte sie . » Und kennen Sie ihn ? Hat er Sie gekannt ? « » In seinem Namen bin ich hier . « » Gott , Gott , mein Vater lebt ! « rief Herta und erhob mit entzücktem Blick die Hände zum Himmel . » Durch mich läßt er seine Tochter grüßen , « fuhr der Fremde fort , immer feierlicher sprechend , » und ihr sagen , daß die Stunde gekommen sei , wo der Schutzengel von dem Hause