groß , um sich in solchen Leiden kundzutun . Sie lebte in einer stillen , erhabenen Resignation . Ihr Leben war beschlossen : ein Frühling , Sommer und Herbst war ihr Glück gewesen , in diesen wenigen Monaten war der Inhalt ihres eigentlichen Daseins befangen . Die Erinnerung dieser ländlichen Einsamkeit war jetzt ihr Genuß , sich jede , auch die kleinste Begebenheit , den unbedeutendsten Scherz wieder lebhaft herbeizurufen . Sie hatte den für sie bestimmten Palast in Padua bezogen . Der Magistrat der Stadt , der hohe Adel , sowie einige der vornehmsten Geschlechter aus Venedig hatten sie ehrerbietig als Herzogin von Bracciano begrüßt und ihr Schutz und Sicherheit zugesagt . Viele Diener , einige Stallmeister , alles was zum Gefolge einer mächtigen Familie gehört , umgab sie . Der Herzog hatte schon früher ein Testament zu ihrem Vorteil gemacht , in welchem er ihr alle baren Summen , das Geschmeide , Juwelen und Kostbarkeiten , alles Silbergeschirr , den Marstall und alle Mobilien seiner Güter gerichtlich übergab , sowie den wohleingerichteten Palast in Padua . Das Testament war unter den Schutz des Herzogs Alfons von Ferrara , sowie einiger anderer Großen gestellt , weil Bracciano gegen die Familie der Orsini ein gerechtes Mißtrauen hatte , er auch wohl überzeugt sein konnte , daß das Haus der Medicäer dieser Verfügung nicht hold sein würde . Sollte und konnte der Fürst von Este die Herzogin Vittoria Bracciano schützen und mit Kraft vertreten , so war dies freilich auch Veranlassung , den Fürsten von Florenz gerade deshalb zu Streit und Eifersucht zu bewegen , weil schon seit lange Ferrara und Florenz in beständigem Zwiespalt lebten . Alle Güter und übrigen Schlösser des Bracciano , seine große Herrschaft , alles verblieb dem Sohn Virginio , welchen er mit der Schwester des Großherzogs von Florenz , Isabella , erzeugt hatte . Man konnte also billigerweise wohl nicht behaupten , daß der verstorbene Herzog seinen Kindern zu viel entzogen habe , um die kinderlose Vittoria allzusehr zu begünstigen . Wäre die großgesinnte Witwe irgend geneigt gewesen , viele Menschen um sich zu sehn , so war der Adel der Stadt und der Umgegend geneigt , ihr seine Huldigung darzubringen . In ihrer Stimmung zog sie aber die Einsamkeit vor und den Umgang einiger Gelehrten und edlen Priester . Wer so große , unnennbare Schmerzen durchlebt , der wendet sich gern in der Einsamkeit seines verwaiseten und verarmten Herzens an die ewige Liebe des Unnennbaren , die dem Menschen am ersten im Unglück sichtbar wird . Poesie und Gelehrsamkeit verließen die Ärmste nicht und ihre Stimmung war auch nicht der Art , daß sie diese Göttergaben , diese himmlischen Begleiter des Lebens , vorsätzlich als Torheit verabschiedet hätte ; aber so , wie ihr sonst der Olymp und Parnaß , Apollo und sein liebliches Gefolge , der Tanz der Grazien und das Necken der Amorinen persönlich anschaulich gewesen und in ihren dichtenden Stunden immer näher getreten war : so erwachte jetzt das Bedürfnis bestimmter in ihr , sich jenen Unsichtbaren , den in der Andacht Geahneten , in Bildung und Gestalt als Vater und Tröster zu verwirklichen , sich diesem Vater der höchsten Liebe ganz hinzugeben , der sich durch den Schmerz , das Mitleid mit dem Menschengeschlecht und die Inbrunst seiner Liebe sich selbst und dem Vater der armen Sterblichen so himmlisch verständlich gemacht hatte . Sie fühlte deutlich , daß , soviel sie geschaut und empfunden hatte , doch eine Lücke , eine Kluft in ihrem Herzen geblieben war , die der tiefste Lebensschmerz ihr erst entdeckt und beleuchtet , und ihr zugleich gewiesen hatte , wie diese Leere durch Liebe auszufüllen sei . Sie erfuhr nun an sich , daß die ewige Liebe sich keinem entzieht , der sie wahrhaft und mit ernster Anstrengung sucht , und auch in diesen Übungen der Andacht fühlte sie den teuern Gemahl wieder ganz nahe in ihrer Gegenwart . Unter den merkwürdigen Besuchenden trat auch der mehr als achtzigjährige Sperone wieder zu ihr , mit dem sie von Literatur , den Gelehrten , und dem armen eingekerkerten Tasso sprach . Es schmerzte sie innig , daß der Greis weder Tassos Talent noch Unglück in seiner ganzen Größe anerkennen wollte . Als diese große ehrwürdige Gestalt sich entfernt hatte , trat auf sein dringendes Verlangen der schmächtige , zitternde Camillo Mattei ein , der so herzlich wünschte , seine ehemalige Jugendgespielin nach zehn vollen Jahren als große , reiche Herzogin und mächtige vornehme Dame wiederzusehn . Vittoria mußte wider ihren Willen über die sonderbare Verlegenheit ihres Jugendfreundes lächeln . Sie suchte ihn zu beruhigen und sicher zu machen , indem sie ihren Ton jener ehemaligen Vertraulichkeit näherte . Er faßte endlich mehr Mut , und erzählte von seinen Eltern , welche beide schon seit Jahren gestorben seien , sein Oheim Vinzenz mache sich in Tivoli gute Tage , indem er durch den Bischof Ottavio wohlhabend geworden sei , auch eine bessere Pfründe erhalten habe . Er selbst habe in diesen zehn Jahren vielfaches Elend durchgemacht und kennengelernt . Die Lebensweise auf der Galeere sei eben nicht die schlimmste gewesen , oft sei er in der Gesellschaft der Banditen noch schrecklicher gemißhandelt worden , wenn es freilich auch hie und da gute Tage gegeben habe . Seit nun der grausame Sixtus der Fünfte den päpstlichen Thron bestiegen , hätten alle sich mit der größten Eil und Angst aus dem Kirchenstaat geflüchtet , jeder , der ergriffen , sei hingerichtet worden , und so hätten viele der bravsten Männer auf erschreckliche Weise ihr Leben eingebüßt . So habe sich Piccolomini und Sciarra und andre Bandenführer fortgemacht , ebenso der unvergleichliche Luigi Orsini , in dessen Diensten er gewesen , seit er von der Galeere frei geworden . » Jetzt ist dieser Herr Luigi hier in Padua « , so beschloß er . » Hier ? « rief Vittoria in der größten Bestürzung aus . » Ja wohl « , sagte Camillo , » er hat den großen Palast Barbarigo dort am Wasser eingenommen , er mit allen seinen braven und furchtbaren Männern . Die Republik hat den tapfern Grafen schon seit einiger Zeit in ihre Dienste berufen , und er geht in wenigen Tagen mit uns allen als Militär-Gouverneur nach Korfu ab . « » Nach Korfu ? und bald ? « fragte die Herzogin , etwas beruhigt . » Ja wohl « , sagte Camillo , » denn Venedig , so sagt man , will dort eine tapfere Besatzung und einen kühnen Anführer hinlegen , weil von den Türken große Gefahr zu besorgen sei . « Camillo entfernte sich wieder , in seiner Imagination diese Vittoria mit jener vergleichend , die er vor zehn Jahren geküßt , deren Reize er ohne Schleier gesehn hatte . Jetzt zitterte er vor der , welche er damals so kühn umarmte . Auch Vittoria maß ihren jetzigen Zustand mit jenem kindlichen von damals . Jetzt hatte sie nun den Brunnen und den großen Saal des Apone oder des Pietro von Abano gesehn , auch dessen Bildnis , und wie gleichgültig und unbedeutend war ihr alles erschienen . Nicht lange , so erschien Luigi Orsini selber vor ihr , den sie nicht , wenigstens diesen seinen ersten Besuch , hatte abweisen können . Er war stärker geworden , im Antlitz ganz gebräunt , doch hatten ihm die Erfahrungen von zehn Jahren ein milderes Ansehn gegeben . Er bemerkte es wohl , wie Vittoria bei seinem Eintritt zitterte , er aber näherte sich verbindlich , küßte mit Anstand und fein sich verbeugend die Hand und sagte : » Schöne Muhme , ich muß vor Euch erscheinen , wenn Ihr mich auch vielleicht ungern seht , um Euch mein Beileid über Euern großen schmerzlichen Verlust , das Abscheiden des edelsten Mannes zu bezeugen , den wir Orsini alle immerdar gern und ohne Widerspruch für das edelste Haupt unsrer Familien anerkannten , dessen Wille uns fast immer für einen Befehl galt , und dem sich auch die Kecksten unter uns in Ehrfurcht beugten . « Vittoria sah in verwundernd an , und bestätigte gern , was er von den Tugenden und dem Adel ihres Gemahls ausgesprochen hatte . » Ihr habt « , fuhr Luigi fort , » an Schönheit gewonnen , erlauchte Herzogin , die Zeit vermag nichts über Eure Reize , eine erhabne Majestät regiert in Euren Zügen , aber doch ist es noch viel zu früh , daß ihr Euch den Matronen zugesellen könntet . Nun solltet Ihr so bald als möglich diese Trauergewande ablegen , denn sie heben Euern Reiz so strahlend hervor , daß Ihr nur um so vieles verführerischer erscheint . « Vittoria wollte ihn mit einem strengen Blicke strafen , der aber an seinem feinen , fest stehenden Lächeln abglitt . » Zürnt mir nicht « , fuhr er ungestört fort : » zwar widerfuhr es mir ehemals ebenso , und ich darf mich wohl keiner andern Begegnung von Euch erfreun , obgleich ihr jetzt Witwe , und widerum ganz frei seid . Was aber könnte mir Liebe und Leidenschaft nutzen , da ich an eine schöne Frau gefesselt bin , die auch aus einem hohen Hause stammt ? Und sie etwa umbringen , um mich einer andern Schönheit würdig zu machen , wäre doch zu grausam , obgleich man sagt , daß Liebe und Grausamkeit wohl aneinander grenzen . Habe ich Euch doch in meiner Jugend auch dergleichen vorgeschwatzt , wodurch ich Euch erzürnte . Ich drohte Euch damals , wenn ich mich recht erinnere , sogar mit Tod und Untergang , und ich muß über meine törichte Heftigkeit selber lachen , wenn ich sehe , wie wir uns jetzt , in diesem Augenblick gegenüberstehn . « Er lachte mit dem Ausdruck des albernsten Leichtsinnes , indessen Vittoria im Innersten erschauderte und ihr Angesicht von ihm abwenden mußte . Doch , um wieder ernsthaft zu sein , fing er von neuem an : » Ich bin bei Euern würdigen und sehr angesehenen Rechtsgelehrten gewesen , und diese werden es Euch auch wohl mitteilen , verehrte Muhme , daß ich gegen das Testament Eures erhabnen Gatten einen Einspruch erhoben habe , zum Besten meines armen Neffen Virginio , und der Großherzog von Florenz , sowie der Kardinal Ferdinand sind darin mit einverstanden , daß er , der Verwaiste , nicht so sehr darf beschädigt werden : ich bin auch überzeugt , daß der strenge , feste Papst auf unsere Seite treten wird . « » Von diesen Sachen « , erwiderte sie , » verstehe ich so wenig , daß ich bitten muß , alles dies mit meinen Advokaten abzumachen , die man mir als sehr gelehrte und rechtschaffene Männer anempfohlen hat : auch mögt Ihr mit dem Dogen wenn ihr es gut findet , darüber sprechen , oder Euch an den Herzog von Ferara wenden , die sich als meine Beschützer erklärt haben . « » Ich wenigstens « , antwortete Luigi , » kann dergleichen nicht abwarten , denn ich segle schon in diesen Tagen mit meinen Leuten nach Korfu ab , kann also erst später die Entscheidung erfahren . Aber was , reizende Dame , wollt Ihr nur mit dem ganzen großen Marstall eines so berühmten Reiters und Jägermeisters , wie es der Herzog war , anfangen ? Alles Mobiliar ist Euch vermacht , kann man aber wohl rennende und springende Rosse , wenn sie sich gleich bewegen , ein Mobiliar nennen ? Diese Tiere sind Euch ganz unbrauchbar . Ja , wärt Ihr eine wilde Reiterin , wie jene Margareta von Parma es war , so ließe sich dieser Punkt des Testamentes , oder die Auslegung eher begreifen . « Er lachte wieder und Vittoria sagte : » Laßt das , werter Graf , ich hoffe , daß wir uns über alle etwa streitigen Punkte vereinigen werden . « » Noch an einen Punkt muß ich erinnern « , fing der Redselige wieder an . » Euer Gemahl war in aller Zeit sehr großmütig und freigebig , er liebte , wie Ihr es wißt , Pracht und Aufwand , und so mußte ich ihm einmal , als er sich in Not befand , mit einer sehr bedeutenden Summe aushelfen . Ich kann Euch durch meinen Advokaten die bündige Verschreibung , von ihm selbst unterzeichnet , vorweisen lassen . Für diese große Summe , die ich jetzt bei meiner Ausrüstung nach Korfu sehr gut brauchen könnte , würde mir , so wie ich es kenne und überrechne , ohngefähr der Schatz Eures Silbergerätes ausreichen . Was die Juwelen und altererbten Schmuck und Kostbarkeiten betrifft , so kann der Großherzog und Kardinal unmöglich diesen fast königlichen Juwelenschatz aus der Familie entführen lassen . « Vittoria stand auf und der Graf ebenfalls . » So soll ich denn « , sagte sie , ohne Zorn , aber ihn fest anblickend , » völlig beraubt und geplündert werden . Wie ich Euch sagte : persönlich werde ich mich nicht darein mischen , das Recht und meine hohen und höchsten Beschützer mögen für oder gegen mich sprechen : diesem Ausspruche werde ich mich unbedingt fügen . « - Sie gab dem lästigen Besucher das Zeichen , daß sie ihn verabschiede . - » Nicht in Zorn « , sagte er , sich tief verneigend , » entfernt mich so , schönste Muhme , erlaubt mir vorerst noch einen Kuß der Ergebenheit auf diese himmlische Hand zu drücken . Ich muß doch wieder lachen seid mir nicht böse deshalb . Gedenkt Ihr des Tages , als Ihr Euch mit dem kleinen Peretti vermähltet ? In der Kirchtür stand ich grimmig und erbost hinter Euch , meine Leidenschaft war so ungeheuer , daß ich ihn und Euch mit dem Dolch hätte niederstoßen können , und ich sagte Euch ins Ohr : Wir sehn uns , oder wir treffen uns wieder ! - Nun freilich sind wir auch wieder zusammengekommen , und sprechen hier , wie alte Handelsleute über Geld und Geldeswert , « Vittoria war nach diesem unglückseligen Besuch des Frechen in einer Stimmung , daß sie in eine Wüste hätte ziehen mögen , um nur kein menschliches Antlitz mehr zu sehen . Sie ließ ihren alten , ehrwürdigen Rechtsgelehrten ruf en , um sich an seinem Gespräch wieder etwas zu beruhigen . Er tröstete sie , und sagte unter andern : » Sorgt nicht zu sehr , Exzellenz ; diese Anfälle des rohen Menschen geschehen mehr , Euch zu kränken , als daß er irgendeinen festen Grund hätte , auf welchem er fußen könnte . Es wäre unerhört , wenn ein mächtiger , reicher Herzog , der im Bewußtsein aller seiner Seelenkräfte stirbt , nicht in einem legalen Testamente seiner rechtmäßig von der Kirche angetrauten Gemahlin sein Mobiliar , bares Geld und Schmuck sollte vermachen dürfen . Wenn Ihr Euch dieser und jener Sache , vielleicht des zahlreichen Marstalls , der Euch mehr belästigen , als nutzen mag , entäußert , so kann das nur durch Euern freien Entschluß und auf dem Wege des Vergleichs geschehen , auf keine Weise durch Zwang . Über seine alte Schuldforderung an Euern Gemahl möchte man lachen ; er , der Verschwender , Verschuldete , war wohl niemals in der Lage , dem Herzoge einen so großen , bedeutenden Vorschuß leisten zu können . Wäre es aber selbst der Fall , so müßte er um Wiederbezahlung bei den Haupterben , dem Sohn , der die Herrschaft und alle Güter bekommt , nicht aber bei der Nebenerbin , seine Forderung einreichen . Es ist keine Frage , daß die Medicäer und die Orsini dies Testament des weisen Herzoges umstoßen möchten , aus Eigennutz und Haß : auch der Papst , der Euch , erhabene Frau , aus begreiflichen Ursachen nicht gewogen ist , riet Euch , wie Ihr wißt , die Erbschaft fallenzulassen , und Euch in ein Kloster zurückzuziehn , in welchem er Euch dann mit einer jährlichen ansehnlichen Summe versorgen würde : Ihr habt dies Anerbieten aber , und mit Recht , zurückgewiesen . Da der Herzog Euch keins ( wie er es immer noch gekonnt hätte ) von seinen vielfachen Gütern vermacht hat , um Euch nicht Euern Feinden auszusetzen , so kann nach Recht , Gesetz und Herkommen auch von diesem übermachten Vermögen Euch nichts entrissen werden . Ihr seid als adliche Tochter der Republik anerkannt , der Herzog von Ferrara hat Euch auf bestimmte Weise seinen Schutz zugesagt und so darf Florenz nicht wagen , die Orsini noch weniger , gegen die große , gewaltige Familie , einer Nebensache wegen , in offne Feindschaft auszubrechen : und der Papst am wenigsten , der seinen Vorschlag nur als Rat einsendete , und der das gewaltige Ferrara , das schon oft verletzt wurde , schonen muß Dieser Luigi will sich auch nur , nach seinem schlechten Lebenswandel , bei den Florentinern und den Erben von Bracciano wichtig machen , um etwas zu gewinnen : vom Papst möchte er gern die eingezogenen Güter wiederhaben , und meint auch diesen für sich zu erobern , wenn er Euch etwa einschüchtern könnte : befehlt darum strenge , daß der Freche niemals wieder über Eure Schwelle gelassen werde , und wir alle werden mit Erfolg Euer Recht beschützen . « » Wenn ich nur meiner Stimmung folgte « , antwortete Vittoria , » so würde ich alles von mir werfen , und mich mit wenigem in die entfernteste Einöde zurückziehn , um niemals wieder in die Nähe von Menschen zu kommen : ich brauche ein Geringes ; meine würdige Mutter , die sich meines Glanzes erfreut haben würde , ist gestorben , so wie mein ältester Bruder , Marcello wie Flaminio sind durch die Großmut meines Gemahls reichlich versorge ; ich kann mich aber , so denke ich , nicht zurückziehn , das Testament als ungültig hinwerfen , und mich in ein Kloster verkriechen und von der unwilligen Gnade eines erzürnten Papstes leben . Dadurch würde die Ehre meines Gemahls gekränkt , und ich erklärte mich öffentlich für unwürdig , jemals an seiner Größe teilgenommen zu haben . So zwingen uns immer wieder Bedingungen und Umstände zu Handelsweisen , sie legen uns Pflichten auf , von denen wir in gewöhnlichem Verhältnis , wenn wir alles aus der Ferne betrachten , keine Vorstellung haben . « Der Graf Luigi kam sehr verdrießlich von seinen Advokaten zurück , die ihm alle Schwierigkeiten des Prozesses auseinandergesetzt und ihm vorgestellt hatten , daß er wenigstens nicht so schnell , als er es gedacht , beendige werden könne , da die mutige Frau sich nicht einschüchtern lasse . Auch sei der Ausgang selbst sehr bedenklich , da sie so hohen Schutzes genieße , der Vorwand , das Testament umzustoßen , auch kein hinreichender sei . » Diese Hunde von Advokaten ! « rief er in Wut , als er wieder zu den Seinigen im Palast zurückgekehrt war . » Diese Federfechter mit ihren Klauseln und Praktiken ! Ich habe alles dem Kinde , meinem Vetter , so fest versprochen , er tritt mir gern einen Teil des Vermögens ab , künftig , als Schwiegersohn des Papstes muß er mir meine Güter wiederschaffen . « - Er versammelte seine Vertrauten um sich . Der den meisten Einfluß auf ihn hatte , war der verruchte Graf Pignatello , der vor keiner Tat und keinem Morde zurückschreckte : seine Liebe und Freundschaft besaß aber der mildere Graf Montemellino , ein naher Verwandter jenes Blutdürstigen . Diese beiden und noch einige der Entschlossensten wurden zum geheimen Rate berufen . » Je schneller geendigt , je besser « , sagte Pignatello . » Kinder sind nicht da , die Toten schweigen und Prozeß und Testament sind von selbst zu Boden gefallen . « Luigi war derselben Meinung und der mildere Montemellino konnte seine Einwürfe nicht geltend machen . » Nein ! « schrie Luigi : » abgesehen von allen meinen Vorteilen , so muß ich an dieser Kreatur Rache , blutige Rache nehmen . Nur wer jemals rechten , innerlichen , ewigen , wahren Haß empfunden hat , kann wissen und ermessen , welchen Grimm und welche Wut mir diese Buhlerin seit so vielen Jahren erregt hat . Kein Drache , Krokodil , Ungeheuer , keiner , der mir Vater und Mutter ermordet hätte , könnte je meine Seele mit diesem Abscheu anfüllen , wie er in Wut gegen dieses schöne Untier in meinen Eingeweiden kocht und siedet . Wie sie mich immer verletzt , zurückgestoßen und gekränkt hat ; nicht gegen den räudigen Hund kann man so viel Ekel und Widerwillen zeigen , als sie mir mit ihrer Mutter so unverhohlen bewies . Es war ein innerlichster Schwur , eine Aufgabe meines Lebens , und beides habe ich in keinem Augenblick , auch in meiner Brautnacht nicht , vergessen und aufgegeben , mich blutig an dieser Sirene oder Harpyie zu rächen . Und diese wonnevolle Stunde soll nun endlich geschlagen haben . Wer als ein Lump mir die Freundschaft aufsagen will , mag es jetzt tun , denn ich bin mir selbst genug . « Alle sagten mit Schwüren ihre Hülfe zu und Orsini sprach : » So muß es bald , so muß es eilig geschehn , noch vor dem Fest , denn unmittelbar nach Weihnachten , wie ihr es wißt , sollen wir nach Korfu absegeln . Die Kreatur muß morgen vernichtet sein . « Vittoria war zur Beichte gewesen , und hatte mit mehr Erbauung als je das heilige Abendmahl genossen . Mit einem Gefühl des Schauers trat sie in ihren großen , einsamen Palast . Sie sprach mit ihren Brüdern , dann war sie wieder allein . Flaminio , seit er nicht mehr für den Herzog beschäftigt war , wußte nicht recht , wie er seine Zeit anwenden sollte . Marcello , der sich mit Büchern nicht unterhalten konnte , wünschte als Soldat von der Republik angestellt zu werden , nur dünkte es ihm schmählich , bei Orsini , dem Feinde seiner Schwester , Dienste zu nehmen . Vittoria suchte sich in Büchern zu zerstreuen und zu erheben . Aber ihr Schmerz war noch zu neu ; sie betete oft im Stillen : » O gütiger Vater , gib , schenke mir nur eine , eine einzige Minute , in welcher ich meinen Verlust völlig vergessen kann , nur so viel , um auszuruhn , damit ich dann neu gestärkt zum Gefühl meiner Leiden zurückkehren möge . « Aber wie sie die Hand ausstreckte , wie sie ein Buch ausschlug , wie sie den Bissen zum Munde führte , war es ihr immer , als wenn Bracciano nun neben ihr stände , mit jenem sterbenden Leichenblick , der sich ihr so tief , so unvergeßlich eingeprägt hatte . So war es Abend , so war es Nacht geworden . Sie war in ihrem Schlafzimmer , arbeitete , betete und las abwechselnd . Würde mir ebenso sein , sagte sie zu sich selbst , wenn ich ein geliebtes Kind von ihm an meinem Busen nähren könnte ? Marcello hatte schon beim Mittagsessen darauf angetragen , den Pförtner des Hauses zu entlassen , weil dieser ihm verdächtig erschien . Vittoria , ganz in ihren Gedanken vertieft , hatte diesen Vorschlag keiner Aufmerksamkeit gewürdigt . Jetzt schlich sich Camillo zu Flaminio , der im Vorzimmer schrieb , und wollte ihm mitteilen , was er glaubte , gehört , oder vielmehr erraten zu haben : Flaminio riet ihm zu warten , weil er den kräftigen Bruder Marcello rufen und suchen wolle . Sowie sich Flaminio entfernte , entfloh der geängstigte Camillo wieder , weil er sich vor Marcello fürchtete , und nicht den Mut hatte , diesem seine Gedanken mitzuteilen . Vittoria begriff es nicht , was sie in dieser Nacht mehr als jemals ängstigen könne . Sie kniete auf den Betschemel , und strebte im Gebet wiederum ihre Seele zum allmächtigen Vater emporzuheben . Nun ging sie wieder in den Saal , und beleuchtete mit der Kerze die Bilder , die dort an der Wand hingen . Mit einem Male stieß sie einen lauten gellenden Schrei aus , denn hinter ihr , wie sie sich umwendete , dicht an ihr , stand eine große , furchtbare Gestalt , mit geschwärztem Angesicht , die sie aus den dunklen Augen groß anstierte . Sie wollte nach der entgegengesetzten Seite entrinnen , und eine andre entsetzliche Figur trat ihr entgegen , und die dritte , vierte , und mehr , alle mit unkenntlichen Gesichtern , geschwärzt , oder in dunkeln Masken . » O Gott ! « schrie sie » der abscheuliche Traum meiner Kindheit geht in Erfüllung ! « Auf ihren gellenden Schrei war aus dem innern Zimmer Flaminio hereingesprungen . Sowie sie ihn erblickten , rannten die Verlarvten auf ihn zu und hieben ihn nieder . Da öffnete Marcello die äußere Türe , sah die Abscheulichkeit , und sprang schnell Fassung gewinnend , zurück , und so aus dem Fenster auf die Gasse hinaus , um Hülfe , oder die Wächter der Stadt anzurufen . » Du stirbst ! « sagte die große , finstre Gestalt mit dumpfem Ton zur geängstigten Vittoria . - » Ich ergebe mich « , klagte sie , denn sie sah und hoffte keine Rettung , da ringsum die blanken Degen und Dolche ihr drohten , und einige , niederknieend , noch ihren Stahl in den zerhauenen Leichnam des Bruders , wie aus Übermut bohrten . Also heut , diese Nacht , jetzt , erfüllt sich mein Schicksal , sagte sie zu sich selbst . - » Wirf das Kleid , diese Gewänder und Tücher von der Brust zurück , wenn du eines leichten Todes sterben willst « - sagte die dunkle Gestalt . Folgsam wie ein gehorsames Kind , warf sie das Nachtleibchen ab , denn sie hatte sich schon zum Schlafen aus- und angekleidet . - » Auch das Busentuch ! « - rief jener ; - sie tat es - er zog hierauf selbst das letzte Leinengewand von der Brust zurück und die herrliche Gestalt stand in ihrer glänzenden Schönheit , nackt bis zu den Hüften hinab , wie das herrlichste Marmorbildnis da , die festen , getrennten Brüste im Dämmer des wenigen Kerzenlichtes schimmernd . So sank sie auf den Betschemel knieend nieder . Man hätte denken sollen , der roheste Barbar , der Kannibal müßte sich bei diesem Anblick erweichen lassen . Da stieß er den scharfen Dolch zielend neben der Brust in den Leib . Sie sank zu Boden . - » Oh , wenn ich tot bin « , so klagte sie , » habt die Barmherzigkeit und kleidet mich wieder an . « - » Vielleicht « , sagte jener und stieß das Eisen wieder in die Wunde , indem er es wie prüfend , zwei- , dreimal drin bewegte . - » Wie ist dir ? « fragte er . - » Kühl ist die Schneide « , sprach sie lallend , » - o laß jetzt - ich fühle , das Herz ist getroffen . « - » Noch nicht « , sprach der Schreckliche mit entsetzlicher Kälte - » noch einmal « : und wieder an einer andern Stelle stach er in den edlen , marmorweißen Körper . Da sank sie ganz zu Boden , das Haar löste sich und schwamm in dem Blutstrom , der sich auf dem steinernen Fußboden hingoß . Andre hatten auf einen Wink indessen schon die Schränke hier und in den andern Zimmern erbrochen , was sie an Gold , Juwelen und Kostbarkeiten fanden , nahmen sie mit sich und verschwanden dann so still , wie sie gekommen . Wohl hundert Bösewichter waren es gewesen , die alle Türen und Zimmer bewacht hatten , damit die Mörder nicht gestört werden könnten . Orsini erwartete scheinbar ruhig den Ausgang : er hatte sonderbar genug , bei der Ermordung nicht zugegen sein wollen : der abscheuliche Pignatello hatte sich zu dieser Exekution gedrängt . Achtes Kapitel Marcello , der entsprungen war , hatte keine Häscher oder Wächter in der öden finstern Nacht antreffen können , auch hatte er bemerkt , daß das ganze große Haus von jenen Mördern und Raubgesellen angefüllt war , so daß eine Hülfe von wenigen Menschen nutzlos und für diese nur gefährlich geworden wäre . - Gegen Morgen erst kehrte er zurück : in allen Zimmern waren die Dienstleute , der alte Guido , die alte Ursula , der Haushofmeister , die Kammerdiener , alle gebunden und geknebelt , einige fast tot vor Furcht und Schrecken . Nun verbreitete sich das Gerücht von dem schrecklichen Ereignis durch die Stadt . Man kam und sah mit Entsetzen die Greuelszene des Mordes . Einige Damen erbarmten sich der Leiche und bekleideten sie , indem sie die hohe Schönheit des entseelten Körpers mit Bewunderung betrachteten . Mit scheinbarer Betrübnis kam nun auch Graf Orsini wehklagend herbei . Er ließ die Leichname in die nahe Kirche bringen und dort ausstellen . Flaminio war so entstellt und zerhauen , daß man ihn nur mit Mühe wiedererkennen konnte . Die Tat war so abscheulich , so frech unternommen und ausgeführt , daß weder Padua noch der Staat von Venedig sich ruhig dabei verhalten konnten . Auf dringendes Ansuchen ward der Türhüter eingezogen , und erst gütlich , dann auf der Folter befragt ; der zerknirschte Camillo meldete sich von selbst , und bekannte so viel , als er vom Komplott wußte . Indessen ließ Orsini , der sich als naher Verwandter aller Anstalten bemächtigte , die beiden Leichname ohne alles Gepränge und so still , wie möglich beerdigen . Der Adel wie das Volk murrten darüber , daß so wenig für das Gedächtnis einer der vornehmsten Damen geschah , daß auf das Andenken und den Namen eines mächtigen Herzogs nicht mehr Rücksicht genommen wurde . Sosehr man auch gesucht hatte , die Feierlichkeit des Begräbnisses zu vermindern und das Ganze gleichsam zu verschweigen , so strömten doch viele Menschenmassen hinzu , und klagten laut über den Frevel und