großen Herzen müsse die Politik bloß aus der Religion hervorgehen oder sie müßten vielmehr ganz dasselbe sein , ein tätiger Mensch , der seine Zeit anwende , zu was sie ihm verliehen sei , habe sie nicht übrig , sie in verschiednes zu teilen , so müsse denn seine Religion als vollkommner Weltbürger in ihm ans Licht treten - usw. - Dieser Brief ist so herrlich , so seelenrein , so über alles erhaben , wonach kleinliche Menschen zielen , aber auch so lebendig , daß ich glauben muß , aus einem lebendigen Herzen entspringt alle Philosophie , aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen fürs Gute , die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt , gesund macht wie ein Strom frischer gewürzreicher Luft ; - das tut doch die Philosophie nicht , die aufs Dreieck sich stützt , zwischen Attraktion und Repulsion und höchster Potenz einen gefährlichen Tanz hält , die dem gesunden Menschenverstand die Rippen einstoßen und er als Invalidenkrüppel sich endlich zurückziehen muß . Und einmal ist doch die natürliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe , und ich denke , daß wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagsgeschichte wendete : dann müßte kein Gedanke so tief oder so erhaben sein , der nicht im irdischen Treiben sich Platz verschaffte und in sittlichem Sinn sich bekräftigt und aufwächst . - So wie der Großvater möcht ich sein , dem alle Menschen gleich waren , Fürsten und Bauern gleichmäßig auf den Verstand anredete und nur allein durch diesen mit ihnen zurechtkam , dem nie eine Sache gleichgültig war , als läge sie außer seinem Kreis ; er sagte : » Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann , das gehört unter meine Gewalt , unter mein Richteramt , und ich muß laut und öffentlich entscheiden , wenn ich mich vor Gott verantworten will , daß er mir den Verstand dazu gegeben , wer seine Pfund benützt , dem wird noch mehr dazu , und er wird Herr über alles gesetzt . « - Ja , das bin ich überzeugt , aber ich glaub nicht , daß die Philosophen dies Ziel erreichen werden , ich glaub eher , daß man auf dem Großvater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe , nämlich den Frieden , die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem tätigen Leben . - Der Großvater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfürst über den Mißbrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen , er wollte , daß eine reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei . - Statt so viel Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien , alle Großtaten der Menschen zu verehren , ihre edlen Zwecke , ihre Opfer , ihre Irrungen auf der Kanzel begreiflich zu machen , sie nicht in falschem , sondern im wahren Sinn auszulegen , kurz die Geschichte und die Bedürfnisse der Menschheit als einen Gegenstand notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen , sei besser , als sie alle Sonntagnachmittag mit Brüderschaften verbringen , wo sie sinnlose Gebetverslein und sonst Unsinn ableierten ; - und schlägt dem Kurfürst vor , statt all dieses mattherzige zeitversündigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen , so soll er doch lieber eine Brüderschaft stiften , wo den Menschen der Verstand geweckt werde , statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose Übungen ; da könne er ihnen mit besserem Gewissen Ablaß der Sünden versprechen ; denn die Dummheit könne Gott weder in dieser noch in der andern Welt brauchen ; aber Gott sei ein besserer Haushalter wie der Kurfürst , der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde gehen , aber in jener Welt könne nichts leben als der Geist , das übrige bleibe und gehöre zur Petrefaktion der Erde . - Es ist eine einfache edle Korrespondenz , wo der Großpapa seinen Charakter nicht einmal verleugnet , der Kurfürst schreibt schön und edel , und schon das ist ein Verdienst , daß er ein Wohlgefallen an so tüchtigen Wahrheiten findet ; - man hielt ihn wegen seinem dicken Leib für gar nicht besonders geistbeweglich . - Ich frug die Großmama , ob der Großvater denn Einfluß gehabt habe auf ihn . - Sie sagte : » Mein Kind , die geringste Luft hat ja Einfluß auf die menschliche Seele ! Warum sollte der reine uneigennützige Geist deines Großvaters keinen Einfluß auf den Kurfürst gehabt haben , der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen Landes auf einer so hohen Stufe stand , so daß der Kurfürst gegen sein eignes ungerechtes Verfahren es zugestehen mußte . « - Schon dies beweist auch , daß im Kurfürsten eine edle Grundlage war , es war auch gar nichts Geringes , was der Großvater aufopferte . - Er hatte in hohem Ansehen und Würden gestanden , hatte fünf Kinder , die noch so jung waren , und er vertauschte alles mit einer kleinen Hütte in Speier , wo er am Wasser ein kleines Gärtchen pflegte und in der Beschäftigung mit diesem sich gar glücklich fühlte , der Großvater war auch ein besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken , ich habe mich sehr gefreut , weil ich eine Ähnlichkeit mit ihm hab . Ich war zwei Jahr , als er starb . Er hatte einen Stock mit goldnem Knopf und ließ mich mit dem Stockband spielen , ich erinnere mich noch deutlich , wie er mich anlächelte und seine großen schwarzen Augen mich verwunderten , daß ich darüber den Stock fallen ließ und ihn anstarrte , das war das erste- und letztemal , wo ich ihn sah , - denn noch an demselben Abend ward er vom Schlag gerührt . Von diesen Erzählungen der Großmama ward mein Gedächtnis so lebhaft geweckt , daß ich glaubte , mich aller seiner Gesichtszüge deutlich zu erinnern , er trug einen zimmetfarbigen Samtrock , und sogar auf einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten besinn ich mich , den er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich damit vor den Spiegel trug , daran hatte ich niemals gedacht , und jetzt weiß ich diesen Umstand ganz genau . - Ist das nicht wie eine Geistererscheinung ? - Und mag die Liebe nicht Geister beschwören können ? - Denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll Liebe für ihn , daß ich meinte , ich müsse einen Geisterumgang durch die Kraft meiner Einbildung möglich machen können , worin mir der Großpapa alles Gute , was mir wach würde , im Kopf einflüstern werde , und ich glaub es auch ; sollte denn das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode für uns aufhören müssen ? Ich sagte dies der Großmama , die antwortete : » Der Geist deines Großvaters regiert mich ja jetzt noch , wie hätte ich den Schmerz meiner lieben Bäume sobald verwinden können , wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert hätte ; darum hab ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfürsten . Und besonders diesen , wo der Kurfürst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung bittet und dein Großvater so wahrhaft großmütig und doch heiter antwortet . Denn er schrieb dem Kurfürsten , er werde nie vergessen , daß er der Gründer seines Glückes sei , er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben , sich selber in seiner Gesinnung zu erproben , und da er sich glücklich durchgekämpft habe , so fühle er sich jetzt wohl und in besonderer Glücksstimmung . « Sie sagte : Dies bewege sie zur Nachsicht gegen die , welche sie beleidigt haben , - es komme drauf an , wie hoch eine Beleidigung aufgenommen werde ; man solle keine stärkere Schuld dadurch auf andre wälzen , Verzeihung sei Aufheben der Schuld , und Gott sei versöhnlich durch menschliche Großmut . - Der Großvater habe gesagt : » Was dir geschieht , das rechne für garnichts ! « Keine Rüge gilt etwas , sie sei denn zum Besten dessen , den man straft , sonst ist jede Strafe unnütze Rache , nur um den elenden Sünder noch elender zu machen und nützlose Rache sei eine viel ärgere Sünde am Verbrecher , der dem Menschen heiliger sein müsse , insofern er so gut seiner Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes , und Gott sei versöhnlich aus menschlicher Großmut , so müsse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen und allen verzeihen , wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere . Und sie tue es ihrem Laroche zulieb , daß sie ohne Bitterkeit es ertrage . Die Bäume seien dies Jahr abgehauen , sie selber werde gewiß sie nur kurze Zeit noch vermissen und wolle durch den Verdruß , den sie dabei beweise , keine spätere Reue veranlassen ; denn sie wolle , daß alle Menschen glücklich seien und am meisten die Ihrigen , für die sie so viele Opfer schon gebracht . - Vom Großvater erzählte sie mir noch , das ganze Land habe ihm Unterstützung angeboten und er habe auf einem großen Fuß leben können , wenn er gewollt hätte , doch all diese Bezeichnungen , die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung ausgingen , habe er ausgeschlagen von den Reichen , aber von seinen Bauern , denen er noch vieles geholfen , habe er angenommen , was ihm nötig war ; denn , sagte er : » Das Scherflein der Witwe muß man nicht verschmähen . « - Sie hat mir noch manches zu erzählen versprochen von ihm , als ich so feurig danach war , so werd ich nächstens wieder zu ihr kommen . - Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor ihrem Tod noch schenken , ich hätte lieber den Briefwechsel gehabt . - Ich glaub , zu so etwas hätt ich Verstand , es einzuleiten und zu bereichern für den Druck , da wollt ich wohl noch viel hinzufügen , mir kommt immer nur der Verstand , wenn ich von andern angeregt werd , von selbst fällt mir nichts ein , aber wenn ich von andern großes Lebendiges wahrnehme , so fällt mir gleich alles dazu ein , als sei ich aus dem Traum geweckt , vielleicht könnt ich hierdurch dem Clemens ein Genüge leisten , der mich zu so manchem aufgefordert hat , was mich ganz tot läßt . Erfinden kann ich gar nichts . Aber ich weiß gewiß , wenn ich diese Briefe des Großpapa durchläse , es würde mir alles einleuchten , was dazu gehört , ich weiß noch so viel von ihm , und die Großmama würde mir noch manches erzählen , ich hab sie noch nie ordentlich ausgefragt , und besonders hab ich mich immer gescheut , sie über ihre religiösen Ansichten zu fragen , weil ich fürchtete , sie zu beleidigen , aber bei diesem Gespräch sagte sie von selbst : » Siehst du mein Kind , so trägt die goldne Au der Vergangenheit die Ähren , ohne welche so mancher an Geistesnahrung Hunger sterben müßte , und rund um uns , wo die Sonne ihren Lauf öffnet und wo sie ihn schließt , wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt , allenthalben keimen Blumen , deren vereinter Strauß uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts . So gehört die Vergangenheit zum Tag des Lebens . Sie ist die Wurzel des meinen . Dein Großvater war guter Mensch und guter Staatsbürger , er hat als solcher auf Fürsten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau . Eine Vergangenheit ist also nicht für das wahre Gute , es wirkt ohne Ende , es kommt aus dem Geist , wie dein Großvater sagte , und alles andre , was vergänglich ist , das ist auch geistlos . « - Es war Mittag , ich wär gern den ganzen Tag bei der Großmama geblieben , wenn man in Frankfurt gewußt hätte , wo ich war . - An der Gerbermühl begegnete mir Clemente mit meinem verlornen Parapluie , er war gleich hinter mir übergefahren und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen , war aber bei Willemers geblieben , jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem Main zurück . Der Clemens geht morgen nach Mainz , er besucht Euch am End . - Beim Primas gestern große Parade , alle altadeligen Flaggen wehten . - Über die fünf Ellen langen Schleppen mußten die Herren mit hocherhobnen Beinen hinaussteigen , der Primas führte mich ins Kabinett , wo die Blumen stehen , und ließ zwei Sträuße binden für mich und die Meline , dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt worden , man hatte großen Respekt , der sich noch sehr steigerte , als mir der Primas beim Abschied ein Paket gab , sehr sauber in Papier eingesiegelt . Alle glaubten , es sei ein fürstlich Präsent , vielleicht ein Schnupftabaksdosen-Kabinettstück . Kein Mensch bedachte , daß der Primas zu witzig ist , um mir eine solche Albernheit anzutun . Nur wunderte man sich , daß ich mein Geschenk so ohne Umstände , ohne mich zu bedanken , unter den Arm geklemmt habe ; ich hatte tausend Spaß , die vielen Glossen zu hören und konnte am End vor Vergnügen über die Neugierde nicht umhin , im Vorzimmer zu tanzen , während mich alles umringte mit Bitten , es zu öffnen , wozu ich mich nicht bewegen ließ , sonst wär der Spaß aus gewesen . Besonders quälte die Neugierde den Moritz im grünen Samtrock , der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewundrung seiner Person besetzt hielt . So wie er die Überreichung dieses mystischen Pakets gewahr ward , lief er mir nach , dem hätt ich ' s aber grad nicht gesagt , im Paket war nichts , als was Du wohl schon denken kannst , ein paar alte Judenjournale und die Drusenfamilie für die Großmama ; ich soll ' s lesen , was mir eine harte Nuß ist . - Sagt ich ' s , so würde man den Primas wohl eher für einen Narren halten , daß er auf mein Urteil einen Wert legt , als mich für gescheit genug , dieser Auszeichnung Ehre zu machen , so mag ' s denn die Leut mir im Respekt halten ; wüßten sie , es sei nur Papier und keine Dose , hielten sie mich zum Narren gehalten vom Primas . Heut nacht fiel mir ein , daß ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards-Gärtner geben will , der hebt ihn gewiß gut auf und macht ihm Freud , dann weiß er doch , daß er wieder was von mir erfährt , es waren doch liebe Tage , wo er mich pfropfen lehrte , Du weißt noch gar nicht alles , was ich da lernte , vom Fortpflanzen der Orangenbäume mit einem Blatt von Nelken - und dann will ich ihm auch meine Granatbäume schicken und den Orangenbaum und den großen Myrtenbaum , er gibt sich gewiß Müh , daß er den zum Blühen bringt , ich hab so immer fürchten müssen , daß sie verdarben im Winter . - Das eine tut mir auch leid , daß ich von der Großmama weg muß , weil sie sich ' s in den Kopf gesetzt hat , sie werde nicht mehr lang leben wegen den Bäumen , sie sagt , sie wolle nicht erleben , diese Bäume , die sie so lange Jahre gepflegt habe , im nächsten Jahr im Ofen knattern zu hören . - Jetzt möcht ich gern noch so viel von ihr wissen , ich schäm mich , daß ich die ganze Zeit so leichtsinnig war , was hätte sie mir alles von der Mama erzählen können , von der ich so wenig weiß , als bloß daß sie angebetet war . - Die Großmama sagte : » Sei versichert , hätte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt außer dem Amor , so mußte es das Ebenbild deiner Mutter sein . « - Manchmal zweifle ich ob ich noch nach Marburg mitgehen soll , meinst Du nicht auch , es wär besser , ich blieb hier - es ist doch auch schön , wenn ich noch das letzte Lebensjahr der Großmama recht freundlich mit ihr zubrächt , mich durstet nach dem Segen alter Leute , seitdem ich vom Tod weiß , so deucht mir die letzte Lebenszeit eines Menschen etwas Heiliges , und wie ich als Kind so gern Spielsachen , Dinge , die ich liebte , in die Erde vergraben hab , so möcht ich auch meine Geheimnisse , mein Sehnen , meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen , die keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden , schreib mir doch darüber ! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom Christian auch sehr , er freut sich drauf , daß ich ein halb Jahr mit ihm zusammen sein werd , wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht wieder , er verspricht mir so viel von meinem Dortsein und was und wie er mir alles lehren will , les ' die beiden Briefe von ihm an mich und schreib mir , was Du willst , das will ich tun . - Adieu und schreib recht bald . Es ist hier alles beschäftigt mit dem Empfang von Bonaparte , es wird ein großer Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein , wo der Galgen gestanden hat . - An die Bettine Was Du von Arenswalds außerordentlichem Heißhunger nach der Natur schreibst , so daß er darüber sich selbst zu speisen vergißt , dauert mich sehr , versäum ' s nicht , ihm zu helfen , und schreib mir ' s , ob Du ' s auch nicht vergessen hast . Die Geschichte von den Bäumen ist höchst betrübt ; war ' s Deine Schilderung oder sind auch mir diese Stimmen , die so friedlich mitrauschten , wenn wir dort wandelten , so zu Herzen gegangen , ich kann mich auch nicht darüber trösten . Wir waren gestern auf dem Ostein , da rauschen die Eichen königlich . - Die Großmama und die Geschichten vom Großvater haben mich gefreut und gerührt , wenn ich auch nicht so viel Interesse an solchen erlebten Dingen hätte , als ich wirklich habe , so würde mir eine solche Beschäftigung , als diese Erzählungen aus der Großmutter Mund zu sammeln , für Dich sehr schön erscheinen und lieblich . - Alles , was das Gemüt anregt , erfrischt und erfüllt , ist mir heilig , sollte auch im Gedächtnis kein Monument davon zurückbleiben , hier aber , wo Du zugleich Dich üben würdest , etwas in konsequenter Ordnung zu behandeln , Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen zu entwickeln , würde es noch mehr Wert haben . Ich hab immer Biographien mit eigner Freude gelesen , es ist mir dabei stets vorgekommen , als könne man keinen vollständigen Menschen erdichten , man erfindet immer nur eine Seite , die Kompliziertheit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr , denn alle Momente müssen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen . - Dein Verhältnis zur Großmama würde auch schön sein , Dein Sammeln von Deiner Mutter Kinderzügen ein Werk der Pietät , was Dir jetzt und vielleicht später noch ein großes Interesse gewährt , besonders wenn es Dir gelänge , es mit dem Dir so eigentümlichen Geist des unmittelbaren Mitfühlens niederzuschreiben , das alles sehe ich recht gut ein - aber ich bin dennoch nicht entschieden , ob ich Dir dazu raten soll ; wenn ich überleg , welcher ungeheuren Zerstreutheit Du in Eurem Haus ausgesetzt bist , der Du unmöglich entgehen kannst ; alles Durchreisende , was zu Euch kommt , der Primas , der Dich vorzieht , und wo Du gar nicht ausweichen kannst hinzugehen - - was das alles die Zeit zersplittert , und wenn Du auch selbst nicht viel Umstände mit Deiner Toilette machst , so wirst Du in dem Nest voll schöner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben und bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen seh ich schon den Winter vergehen bloß mit Putzwählen und dergleichen , und die Großmama wird wenig von ihren Schätzen Dir mitteilen können . - Marburg ist im Gegenteil ein Nest , wo Du ganz als Einsiedler wirst leben können , zum wenigsten kannst Du keiner Zerstreuung dort ausgesetzt sein , die Briefe vom Christian versprechen so viel Gutes für Dich , Du hast lange nicht mit ihm gelebt ; es ist doch auch schön mit ihm , der so viel großes Genie hat , so reine Begriffe von der Wissenschaft und so tief und so würdigend mit Dir spricht , wieder eine Weile zusammen zu sein ; ein Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale , sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal , so muß man denn einen so glücklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen , und im ganzen genommen , welche Lage deucht Dir edler : jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in dem engen beschränkten Kreis , aber mit dem lieben Savigny , der so viel höher steht wie andre , der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen freundlichen erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen verteidigen wird , die so oft ins Träge und Melancholische spielen . Und ich denke mir darin einen großen Genuß für Dich , daß Du die große , weite Natur im Winterkleid vor Dir hast ; denn die Gegend von Marburg ist sehr schön und lacht einem zum Fenster herein - oder ist es Dir lieber in jener Zerstreuung , bald dies , bald jenes beginnend und endlich mit Verdruß an Dir selber verzweifelnd , daß Du zu nichts gekommen bist ? - Ich glaub , daß Du alle Deine guten Vorsätze sehr erleichtern könntest und Deine Zwecke erreichen , wenn Du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Großmama führtest , Deine Briefe würden ihr gewiß Freude machen , sie würde nicht versäumen , Deine Fragen nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten so wie nach Deinem Großvater ; Du könntest Deine eignen Bemerkungen hinzufügen und brauchtest nur die Vorsicht zu haben , Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist abschreiben zu lassen , so hättest Du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel vollständiger und gelungner , wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in Frankfurt machen würdest - das ist meine Meinung , jedoch will ich nicht damit einen Machtspruch getan haben . Leb wohl ! Caroline An die Günderode Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen , der Galgen ist abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut , ich glaube gar mit seiner Bildsäule , und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest , wobei noch allerlei Belustigungen vorfielen ; daß das Galgenfeld zu diesem Platz ausersehen war , machte besonders den Sachsenhäusern Spaß . - Clödchen ist krank und liegt auf dem Kanapee , ich bin meistens den ganzen Tag bei ihr und wache auch nachts , wenn sie sich unwohler fühlt . Es geht hier wieder alles nach der alten Leier , Dein Brief kam zu rechter Zeit , um mit allen Umständen zusammen mich zu überzeugen , daß Du recht hast , die Engländer sind Hauptpersonen hier ; abends wird im Teezimmer vom Moritz die » Delphine « von der Staël vorgelesen , für mich das Absurdeste , was ich hören kann , ich mach einen Plumsack von meinem Schnupftuch und amüsiere die Kinder derweil , das hat den Lekteur nicht wenig verdrossen , ja ich muß fort . - Am Montag war Ball bei Leonhardi , um seine neue Einrichtung zu zeigen , lauter ägyptische Ungeheuer hat er an die Wand malen lassen . - Gestern war schon wieder Cour beim Primas , ich war ' s so satt , daß ich mich versteckte beim Wegfahren , sie suchten mich überall ; ich war in meinem Bett versteckt , und der Franz war bös , aber um ihn wieder gut zu machen , hab ich mir eine besondre List ersonnen , ich fand in der Tonie ihrem Küchenrevier einen großen Korb mit weißen Rüben , den hab ich vorgenommen mit den Leuten , sie ganz dünn abgeschält und ausgehöhlt inwendig , in jede ein Wachslicht gesteckt und so die ganze Treppe illuminiert und den Vorplatz - ich hab bis nach Mitternacht mit zu tun gehabt , es war recht dumm , es wär besser gewesen , ich wär mitgangen ; denn der Primas ließ mir sagen , weil ich nicht mitgekommen wär , so soll ich am Freitag mit ihm und dem Weihbischof zu Mittag speisen und Fasttag halten . Ja , ich geh fort , ich bin in Gedanken schon unterwegs , die Meline hat auch schon alle Vorkehrung getroffen , ja , ich geh ! - Es tut mir nichts leid , als daß ich geh , eh Du wieder kommst , daß ich geh , und daß Du hier bleibst , aber ich tu es , weil Du es sagst , weil ich Dich als meinen Genius anerkenne - nein , nicht Du - aber er nimmt Deine Stimme an , ich freu mich , wenn meine Empfindungen diesen Winter ein bißchen hart frieren - ich freu mich auf alles . - Dem Arenswald hab ich , ohne mich im geringsten arm zu machen , Geld geschickt , ich hab beim Durchsuchen meiner Papiere allerlei verloren Geld zusammengefunden , von dem ich gar nicht wußt , daß es da war , ich hab alles in einem kleinen Beutel ihm geschickt und dem Gärtner den Kanarienvogel . Eh wir abreisen , geh ich noch mit der Meline hinaus zur Großmama , dann will ich sie bitten , daß ich , wie Du meinst , Briefe mit ihr wechsle . Adieu , vielleicht schreib ich Dir nicht mehr von hier . - Ich bin so lustig , daß ich fortgeh , ich freu mich so drauf , auf die schöne Winterlandschaft , die Du mir beschrieben hast , die mir ins Fenster hereinsehen wird - ich weiß es schon , ich werd selig sein . - Ich hab keine Ruh zum Schreiben , das Reisen steckt mir in den Gliedern , ich spring treppauf , treppab , die arme Claudine , wer wird sie pflegen ? Sie hat mir aber versprochen , sie wollt , solang ich fort bin , nicht krank werden ; denn ich bin eifersüchtig drauf , wie manche Nacht hab ich da gewacht und simuliert und hübsche Bücher gelesen , aber wenn sie krank wird , so gehst Du wohl als zu ihr . - Drauß auf dem Wall war ich auch , um noch von unserm Lieblingsspaziergang Abschied zu nehmen , die meisten Blätter sind schon gefallen , ich ging in einem Rauschen durch , alle Bäum regneten noch Blätter auf mich . - Der Moritz bleibt also mit seiner » Delphine « hier sitzen , das macht mich auch ganz vergnügt , daß ich das auch nicht mehr anzuhören brauch . Bettine Marburg Weißt Du denn , wer meine erste Bekanntschaft ist , die ich hier gemacht hab ? - Ein Jud ! - aber was für einer ? - Der schönste Mann ! - Ein weißer Bart von einer halben Elle , große braune Augen , so schöne einfache Gestalt , die ruhigste Stirn , prächtige , majestätische Nase , Rednerlippen , aber von denen die Weisheit süß hervortönen muß . Unser Hauswirt , der Professor Weiß , rief mich und sagte : » Wollen Sie einen schönen Juden sehen , so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer , sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitkleid . « Die Meline wollte nicht mitgehen und war verwundert , daß Weiß uns einlud , einem Handelsjud die Aufwartung zu machen , ich hab ' s aber nicht bereut , es war ein Bild zum Malen , er saß in einem sehr reinen Rabbiner- oder Gelehrtengewand am Tisch , seine Hand guckte aus dem schwarzen weiten Ärmel , und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben ; die Frau Professorin stand vor ihm und hielt ihren Hochzeitkontusch oder war ' s der von ihrer Mutter , denn es schien sehr altertümlicher Stoff , an beiden Ärmeln ausgebreitet , ihre Kinder standen zu beiden Seiten und hielten die Schleppe auseinander , es war ein orangenfarbner Stoff mit silbernen Sträußen und granatfarbnen Blumen durchwirkt , was sehr schön mit dem starken Abendrot kontrastierte , es war das schönste Bild , und gern hätt ich die Meline gerufen , es mit anzusehen , wenn nicht eine Scheu , um nicht zu sagen Ehrfurcht , mich auf dem Platz gehalten hätt , ich hätte diesen Mann nicht mögen als Gegenstand der Neugierde behandeln . - Es hatte mir auch was ganz Rätselhaftes , die Leute mit so großer Ehrfurcht vor ihm stehen zu sehen und ruhig seinen Ausspruch bei einem Handel abzuwarten . - Sie sprachen über eine Summe , wozu noch mehrere andre altertümliche Stoffe gehörten , die auf dem Tisch lagen . - Ich tat , als sei ich begierig , sie zu sehen , bloß um mit Anstand noch bleiben zu können ; denn je länger ich ihn ansah , je mehr fühlte ich mich angezogen und doch schüchtern , und der Weiß hätt mich gewiß nicht der Tür hinausgebracht , solang er da war , der Jude ließ mir von seinem Enkelsohn , der hinter ihm stand , die Stoffe ausbreiten , ich tat , als wär ich höchlich erfreut über das Vert de pomme-Kleid mit Apfelblüte , und mein Alter sah mich unterdes von der Seite an , das merkt ich , das machte mir heimlich Freud . - Der Professor Weiß sagte : » Nun , Ephraim , müssen wir erst ein Glas Wein zusammen trinken , und Sie trinken auch mit ,