, augenblicklich darnach ihren Plan zu entwerfen . In diesem Augenblicke ward der König gemeldet , und die Königin verließ an der Seite ihrer Schwiegermutter die inneren Gemächer , um ihren Gemahl in dem Audienzsaale zu empfangen . Hier sah Leonin die Königin zuerst , und sein Herz war mit diesem ersten Blicke ihr für immer gewidmet . Maria Theresia , die Tochter Philipps des Vierten von Spanien , ward von allen Personen , die ihr näher standen , mit der größten Hingebung geliebt , und rechtfertigte durch ihren sanften und edeln Karakter vollständig diese Empfindung . - Sie würde schön gewesen sein , wäre sie größer gewesen ; denn ihr Gesicht ward bloß durch etwas zu starke Lippen , welches ein Familienzug war , in seiner sonst vollständig regelmäßigen Form gestört . Bewundernswürdig war besonders ihr schönes blondes Haar und der damit verbundene feine Teint von blendender Weiße und Zartheit . Ihre Augen waren blau , groß , von klugem , lebhaftem Ausdrucke , und unterstützten den Anstand und die Würde , die ihr bei ihrem öffentlichen Erscheinen vollkommen zu Gebote standen . Die leidenschaftliche Liebe , die Maria Theresia für ihren Gemahl empfand , hielt alle Prüfungen aus , die das abschweifende Gefühl des Königs ihr auferlegte , und sicherte diesem Verhältnisse eine große Innigkeit und eine achtungsvolle Behauptung des Anstandes ; da der König immer gern und voll Ehrerbietung zu einer Gemahlin zurückkehrte , die niemals Gefühle zu ertrotzen suchte , weil sie dazu Rechte besaß , und deren Vorwürfe fast nur in der Erschütterung bestanden , die mit ihrer Freude , ihrem Glücke bei seiner Wiederkehr hervortrat . Aber der tiefe Schmerz , den ihr unerwiedertes Gefühl ihren einsamen Stunden aufsparte , zeigte den wenigen Vertrauten , die ihr als Zeugen blieben , wie heftig sie zu leiden vermochte . Leonin hatte von diesen Verhältnissen nur eine allgemeine Kenntniß . Der König imponirte Allen , was selbst bis in die vertraulichen Mittheilungen seiner Hofleute hinein , bemerkbar war . - Seine Liebe zur Lavallière war die erste hervortretende Empfindung dieser Art ; vielleicht überwältigte sie wirklich die Meinung durch ihre Wahrheit , die sie auch jetzt noch jedem Forscher über Ludwigs Leben zu dem einzigen Gefühle seines Herzens erheben muß . Vielleicht war es auch mehr noch die Furcht und Anbetung , die der König einzuflößen wußte - genug , es wurden nur Andeutungen darüber lautbar , und man mußte selbst sehen , um sich das Ganze zusammenstellen zu können . - Als der König eintrat und in der Mitte beider Königinnen zu den Zimmern seiner Gemahlin zurückkehrte , schien er ein ganz Anderer , als Leonin ihn gesehen ; denn hier war er nur König , und seine hohe gebietende Stirn , seine ernsten geistvollen Blicke schienen das Diadem anzudeuten , das unsichtbar mit seinem Nimbus ihn umschwebte . Die Königinnen , obgleich beide mit der vollendetsten königlichen Würde und mit dem Schmuck ihres Geschlechtes ausgestattet waren , gingen doch so unbemerkt neben Ludwig einher , als ob sie bloß die Stützen seiner schönen Hände wären . Leonin sah , daß sein Vater die Farbe änderte , und sein Gesicht ein Paar Zuckungen erhielt , womit er Rührungen zu bemeistern pflegte , als der König vorüber ging , den auffallenden Greis mit seinem Adlerauge streifte und kaum merklich mit dem Kopfe nickte . Leonin ging es fast nicht anders ; denn Nichts ergreift uns so , als unsere Eltern gerührt zu sehen . - Wir haben einen Glauben an ihre Festigkeit und gedenken nicht der Zeit , wo sie nicht ausreichte , von den Eindrücken jener überboten , wo sie unsere jugendliche Schwäche stützte . - Sie von dieser Festigkeit verlassen zu sehen , macht sie uns jünger , bringt uns ihnen näher ; und indem es unsere Zärtlichkeit durch die Sorge für sie erhöht , erhebt es die Wichtigkeit der Veranlassuug . Der König bedurfte keiner äußeren Umstände zu der Anerkennung derselben , darum war die Wirkung auf Leonin doppelt stark . Die Herrschaften hatten Platz genommen , nur der König stand und übersah , mit Gemessenheit seine Worte vertheilend , die glanzvolle Versammlung , die ihre Huldigungen in tiefster Demuth darbrachte und dann sich beeilte , die Plätze einzunehmen , die ihnen ihr Rang stehend oder sitzend anwies . Die Abstufungen der Etikette wurden mit einem Ernste behandelt , mit einer Strenge beobachtet , welche genau zu kennen , als das hauptsächlichste Zeichen der Hofbefähigung galt , und von Jedem befolgt , ohne Zweifel die würdige , geräuschlose Haltung dieses glänzenden Schauspiels hervorrief . Jetzt eilte der Marschall von Crecy , mit einer Bewegung , die seine Hand fast schmerzhaft um die seines Sohnes schloß , sich den hohen Herrschaften zu nahen ; und Ludwig , der den alten Helden im Begriffe sah , das Knie zu beugen , kam dieser für sein Alter fast unmöglichen Huldigung zuvor , indem er ihm , mit unendlicher Güte in Wort und Ausdruck , die Hand entgegen hielt , ihm so den Fußfall verwehrend . » Madame , « sagte er darauf zur Königin , » Sie müssen die Gnade haben , den Sohn unsers braven Marschalls , den jungen Grafen von Crecy-Chabanne , als einen Bekannten von uns , ohne weitere Ceremonie zu empfangen . « Der König machte dazu eine Handbewegung , die nicht mißverstanden werden konnte , wie unmerklich sie auch war - und Leonin beugte das Knie vor der Königin und küßte den Rand ihrer Robe , worauf sie ihm ihre Fingerspitzen reichte und ihn aufstehen hieß . » Ihr seid uns in jeder Hinsicht empfohlen und willkommen ! « sagte die milde Frau . » Wir freuen uns , den Sohn so ausgezeichneter Eltern an unserm Hofe begrüßen zu können - auch wollen wir keine Feindin Eurer uns schon verrathenen Wünsche sein , sondern im Gegentheile eine Beschützerin derselben ! « - Obwol Leonin den Sinn dieser Worte nicht verstand , so lag doch in dem Tone derselben ein Wohllaut , eine Güte , daß es ihn entzückte , als er das Wort Beschützerin hörte . Er wagte aufzublicken , um sie den vollen Ausdruck von Begeisterung sehen zu lassen , von dem er sein Gesicht strahlen fühlte . Sie wendete sich mit einem huldvollen Lächeln von ihm , Andere zu begrüßen , und jetzt erst erblickte er Mademoiselle de Lesdiguères , die hinter dem Stuhle der Königin , wie eine schöne Statue von cararischem Marmor , aufgerichtet stand und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer großen , glänzenden Augen verrieth , die jede Erscheinung mit scharfer Wägung aufzufassen schienen . Auch ihn trafen sie - und eine augenblickliche Unruhe , die ihre schönen Augenlieder schneller sinken und steigen ließ , zeigte , daß sie ihn nicht ohne Beziehung wiedersah . In ihrer Nähe stand Fenelon , und als sich Leonin zurückzog , gewahrte er , wie Jener , auf ihn blickend , ihr einige Worte sagte , die sie , ohne Miene oder Stellung zu verändern , erwiederte , worauf Fenelon zurück trat . Als Leonin schon anfing von der Dauer der Vorstellungen zu ermüden , da Alle ihre Plätze in steifer Haltung behaupten mußten , und ihn eine übellaunige Neigung befiel , dies Alles unnatürlich und übertrieben zu finden , ward er plötzlich durch die schöne , ruhige Stimme Fenelon ' s unterbrochen , der , an seine Seite gelangt , ihn begrüßte . » Sie sehen den Hof unserer guten Königin heute zuerst ? « fuhr er fort ; » wenn ich nicht irre , genießen Sie den Vorzug , ohne Ceremonien aufgenommen worden zu sein . « » Seine Majestät wollte dadurch meinen Vater ehren , « erwiederte Leonin - » ich höre , man hält dies für einen Vorzug . Man muß erst etwas älter bei Hofe werden , um für diese Feinheiten die rechte Würdigung zu lernen . - Es schien mir das Einfachste , daß meinem Vater das Recht zustehe , mich zu beglaubigen . « » So scheint es allerdings , « lächelte Fenelon . » Es entwickeln sich leicht kleine Unnatürlichkeiten in einem Verhältnisse , welches uns lehrt , unsere Gefühle in eine Schranke zu verweisen , die sie kaum merklich hervortreten läßt ; aber ich denke , die Selbstbeherrschung , die nothwendig dadurch bedingt wird , muß sich zuweilen höchst heilsam bezeigen . Ich sehe hier so Manchen , dessen früheres Leben und Treiben wohl wenig von Mäßigung irgend einer Neigung wußte , jetzt um den Preis , seine Vorrechte am Hofe behaupten zu dürfen , die ungewohnte Mühe übernehmen , sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen . Ein Solcher , « fuhr er lächelnd fort , » bekommt doch eine kleine Ahnung von der allernöthigsten Tugend - der Selbstbeherrschung . « » Doch Sie , « sagte Leonin , » der Sie eine so einfache und großartige Idee vom Leben erfaßt haben , der Sie eilen , in der schwersten Berufsthätigkeit Ihrer Entwickelung als Mensch und Geistlicher zu leben - welche edle Verachtung muß Sie , diesen Zeit tödtenden Ceremonien gegenüber , befallen - wie begreife ich in diesen Sälen Ihren Entschluß , sie zu verlassen ! « » Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck ? « erwiederte der junge Geistliche , mit einem leisen Anfluge von Erstaunen . - » Ich erwartete das nicht , « setzte er nachdenkend hinzu , » und kann diese Empfindung nicht theilen . Mir scheint , Alles erhält dadurch seinen Werth , daß es die Absicht erreicht , die ihm zum Grunde liegt . Indem dies glänzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Würde und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes , wie ihn der Thron in der menschlichen Gesellschaft einnimmt , ausdrückt - in so fern es selbst die Geister der Menschen in eine Form fügt , die diese Wirkung bestätigen hilft , scheint es mir eine erfüllte Idee , die der Würde nicht entbehrt . « » Aber , « sagte Leonin , » können Sie deshalb es von sich abhalten , mit Bedauern sich als Individuum in eine solche Wirkung der Massen verflochten zu sehen - ohne Möglichkeit , Ihren unbeschäftigten Geist vor Ermüdung zu schützen und , durch Ihre Erziehung von der Bezähmung roher Neigungen abgelöst , die Anderen noch eine geistige Beschäftigung zu gewähren vermag , zu einer wahren Maschine herab zu sinken ? « » Ich empfinde diese Ermüdung nicht « , erwiederte Fenelon ruhig ; » ich finde hier Genuß und bin weder gelangweilt , noch unzufrieden . Diese schören , glänzend erleuchteten Räume , deren Ausstattung an alle die großen künstlerischen und industriellen Fortschritte meines Vaterlandes erinnert , erheitern mein Herz und beschäftigen meinen Verstand . Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem Anblick unseres großen Königs zurück , dessen Geist und edles Bedürfniß diese Dinge ins Leben rief ; und sehe ich diesen schönen und noch so jungen Monarchen dann in der Mitte der Repräsentanten alter , berühmter Namen und kann auf Aller Gesicht in der verschiedensten Art die Verehrung lesen , die die Herrschaft eines großen Geistes auf die Gemüther ausübt - so freue ich mich der hohen Befähigung der menschlichen Natur und fühle mich selbst zu größerer Thätigkeit angeregt . « » O , Fenelon , « rief Leonin , » wie schäme ich mich meiner schülerhaften übeln Laune , mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge selbst verweigerte . Sie haben wieder Recht ! Es ist mir , als sähe ich jetzt erst den Hof glänzend vor mir auftauchen - alle diese Kerzen haben Sie erst angezündet ! O , wenn Sie so vom Hofe denken , warum verlassen Sie ihn ? « » Aus denselben Gründen , « erwiederte Fenelon , » aus denen ich ihn bewundere . Ich will auf meinem Platze auch Etwas sein und werden , und dazu taugt nicht Jedem derselbe Boden . Wenn mich der König in der vollen Erfüllung seines Berufes , bis auf die Aeußerlichkeit dieser schönen Hofhaltung , entzückt und begeistert , kann ich , der Geistliche , zu dem mich Neigung und Erziehung bestimmten - ihm doch nur nacheifern , wenn ich den Schauplatz verlasse , auf welchem keine der Eigenschaften reifen könnte , nach deren Entwickelung ich mich sehne . « » Sie mögen Recht haben , « sagte Leonin . » Auch galt dieser Aufruf mehr dem Gefühle , welches mir der Gedanke einflößt , Sie hier bald nicht mehr zu finden . Ich würde Sie mit meiner Freundschaft verfolgt haben ! « Freundlich neigte sich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann , ob er diesen Abend schon Fräulein von Lesdiguères gesprochen . » Das Fräulein scheint mir in einer unanrührbaren Stellung , « erwiederte Leonin . » Doch , vielleicht ward meine üble Laune mit dadurch bewirkt , mich durch ihr hartnäckiges Repräsentiren von ihr getrennt zu sehn . Sie ist so frei , so edel und hoch von Geist und hält dort hinter dem Stuhle der Königin so todtkalt und abgemessen aus , als sei sie eine nöthige Verzierung des Thrones . « - » Es ist sehr möglich , daß sie sich wirklich in diesem Augenblicke für nichts Anderes halten will ; denn sie faßt immer das Nöthige völlständig ins Auge und setzt an Jedes Alles , was in ihr ist . « - » Ein ganz außerordentliches Mädchen ! « rief Leonin unwillkürlich . » Das fühlt man im ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft . « Fenelon ' s Blick richtete sich mit einem wunderbaren Glanze auf Leonin - es war eine Wärme darin , die von tiefem Gefühle sprach , und eine Melancholie , die Entsagung ausdrückte . - Nach einer kleinen Pause sagte er : » sie ist das vollkommenste weibliche Wesen , das ich kenne , und nur so frei , weil sie so sicher mit sich ist . Die sonderbarste Constellation hat ihr diese Entwickelung geschaffen . Die Mutter ist nicht selten roh in ihren Aeußerungen ; aber sie ist hochherzig , eine reine , unverfälschte Seele , und ihr edler Stolz zeigt sich , wenn auch oft in großer Anmaßung , doch eben so stark in Verachtung jeder Kleinlichkeit oder Unwürdigkeit . Der Vater ist ganz in äußerliche Angelegenheiten vertieft ; aber er besitzt Feinheit der Sitten und verstand die Erziehung der Tochter zu leiten . Von Beiden hat diese reiche und starke Natur nur ergriffen , was sie gebrauchen konnte ; nirgends fand sie Widerstand und blieb sich selbst Gesetz und Wille , damit immer den Eltern genügend - denn sie ist ihnen ähnlich und doch eigenthümlich geblieben . « Leonin hörte gespannt zu - sein Blick bing an der herrlichen Gestalt , die in gleicher Ruhe blieb , während durch Fenelon ' s Worte der reiche Schatz ihres Innern sich vor ihm aufthat , und die kalte Erscheinung mit dem Zauber einer warmen , hochherzigen Seele belebte . » Sie ist Ihre Schülerin , Herr von Fenelon ? « fragte Leonin . - » Wenn Sie wollen , ja , « antwortete er - » was könnte man sie aber lehren ? Zuletzt war es mir , als sei es umgekehrt ! « Noch immer blickten beide junge Männer unbewußt zu ihr hin , als sie gewahrten , wie sie ihre kalte Stellung plötzlich aufgab und mit größter Bewegung sich zur Königin neigte , welche sich eben halb zu ihrer Hofdame wendete , die ihr schnell etwas überreichte , was die Königin einen Augenblick einzuathmen schien , welche sich dann wieder umwandte , aber so blaß erschien , daß selbst ihre Lippen farblos waren . » Der Königin ist unwohl , « sagte Leonin . » Die Hitze und die lange Ceremonie greift sie zu sehr an ! « - Fenelon schwieg ; aber seine Augen richteten sich nach der Mitte des Saales , wohin aller Blicke flogen ; denn hinter den Herzoginnen , die Letzte in der Reihe , nahte sich jetzt eine schöne junge Person , die von der Natur mit jedem Reize geschmückt schien und den Ausdruck trug , als schäme sie sich , so bevorzugt zu sein . Ihr Gesicht , ihre Gestalt war von einer solchen Feinheit und Regelmäßigkeit , daß gegen sie alle übrigen Bildungen unvollkommen blieben . Die Farbe ihrer Haut schien mit dem Silberstoff ihres Kleides zu wetteifern , und vor Allem waren ihre tiefblauen Augen ein Born von unergründlicher Liebesfülle . Und so bevorrechtet , wie wenig schien sie dennoch von diesen Vorzügen gehoben ! So langsam der Zug der Herzoginnen auch vorüber ging , ihr schien es dennoch schwer , zu folgen . Sie wagte kaum den Blick vom Boden zu heben , und Jeder mußte erkennen , daß ihre Füße bebten . Als sie aber vor die Königin hintreten sollte , ward aus der scheinbaren Kniebeugung fast ein gänzlicher Fußfall , und der Ceremonienmeister , Herr von Dreux , mußte sie auf einen Wink der Königin unterstützen . Da schlug sie die wundervollen Augen zu dieser auf , die , sichtlich erweicht , ihr mild zuwinkte , und ein Paar große glänzende Thränen rollten über ihre Wangen . Dabei drückte sie beide Hände mit dem rührendsten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Brust und schwebte dann wie eine Lufterscheinung den anderen Herzoginnen nach , die bereits die Ehre ihres Tabourets genossen . Alle Anwesende , und mit ihnen Leonin , waren gefesselt von ihrem Anblicke , und jetzt erst , nachdem sie in der Menge sich fast verborgen hatte , fand Leonin Worte . » Wer ist diese bezaubernde Erscheinung , lieber Fenelon ? Ich sah sie noch nie ! « - » Aber sie hörten von ihr , « sprach Fenelon sanft , wenn auch ernst ; » es ist die unglückliche Lavallière , die heute zuerst als Herzogin hier erscheint . « » Ha , « rief Leonin , » jetzt begreife ich ! Dieser Zauberin muß Alles möglich werden ! Das ist Schönheit der Seele , des Gemüthes - das ist nicht allein die schöne Hülle ! « » So ist es in Wahrheit , « sagte Fenelon - » und wie beklagenswerth ihr Verhältniß auch ist , ermangelt es nicht einer rührenden und versöhnenden Seite , die doch eben nur in diesem schönen Gemüthe liegen kann , das , zur Tugend geschaffen , selbst in seiner Verirrung noch ihr angehört . « » Fast Alle urtheilen so über diese reizende Frau , « rief Leonin - » und darin liegt auch die Entschuldigung des Königs . Wer giebt uns das Recht , die zu richten , die diesem Gefühle unterliegen , für dessen Stärke allein Gott die Prüfung hat - das Jeder einmal zu kennen glaubt , ohne doch für den Andern ein Maaßstab zu sein ! « » Das ist zwar wahr , « sagte Fenelon - » aber es giebt immer noch etwas Schöneres , als sich ihm hingeben ; ihm entsagen nämlich - wenigstens entsagen für die Welt - dann dürfen wir es wieder behalten . Die Liebe ist an sich Etwas - es ist nicht der Besitz , das Hervortreten unserer Empfindung . Es ist das Glück , es zu kennen - seinen höheren , wärmeren Pulsschlag zu fühlen und uns daran zu zeitigen mit allen unseren Kräften . « - In diesem Augenblicke rief die Königin die Herzogin von Bellefonds , die mit ihrem weißen Stabe wie ein drohender Riese an den Stufen des Thrones Wache hielt ; und als diese ihren Befehl empfangen , schritt sie mit unbarmherziger Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Lavallière zu , welche , einer Ohnmacht nahe , an einem Pfeiler lehnte . » Frau Herzogin von Lavallière , « sprach sie , » Ihre Majestät die Königin ladet Sie ein , sich des Tabourets zu bedienen , welches Ihnen zusteht - legen Sie Ihre Hand auf meinen Arm - ich werde Sie führen . « Alles machte Platz , und die unglückliche Herzogin folgte stumm der Oberhofmeisterin ; und nachdem sie sich tief vor der Königin verneigt , setzte sie sich auf das den Ehrgeiz so Vieler reizende Tabouret , wodurch wenigstens einer Ohnmacht vorgebeugt wurde . - Der König hatte von dem Augenblick an , daß Madame de Lavallière sich nahte , sie nicht mehr aus dem Gesichte verloren , wie er auch , anscheinend ohne Theilnahme , seine verschiedenen Anreden fortsetzte . Auch wußten die Hofleute mit vielem Geschicke Bewegungen zu machen , die dem Könige die volle Ansicht der von ihm angebeteten Frau verschafften . Er zitterte für beide Frauen , denn er sah , wie die Königin kämpfte und die Farbe änderte , wie die Lavallière ihren Empfindungen zu unterliegen drohte , und er liebte sie Beide in diesem Augenblick fast gleich stark , da sie Beide seinetwegen leiden mußten . Doch dies Mal sollte die Königin in seinem Herzen den Sieg davontragen ! Denn , als sie die Herzogin von Bellefonds abschickte , der sinkenden Geliebten einen Platz anzuweisen , dessen Recht sie sich nicht anzueignen wagte , da legte er ihr wenigstens für diesen Abend sein Herz zu Füßen und ehrte sie mit dem besten Danke , den er ihr bieten konnte , indem er ihr selbst ein zärtlich dienender Cavalier ward . Seine theilnehmenden Fragen , wie sie die Anstrengung der Cour vertrüge , belebten augenblicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung , seine Zufriedenheit erreicht zu haben ; und diese reine und uneigennützige Seele , die Nichts ertrotzen wollte , war völlig beglückt und dachte ohne Groll , ja fast mit Liebe an ihre demüthige Nebenbuhlerin . Der König blieb , für sie allein Auge habend , wie es schien , an ihrer Seite , bis sie sich an den Spieltisch begab , und er in einem freien Augenblicke erfuhr , die Herzogin von Lavallière habe sich weg begeben . » Ich hasse Euch Beide ! « rief Mademoiselle de Lesdiguères , indem sie an Fenelon und Leonin vorbei streifen wollte . » Halt , « rief Leonin , » so dürfen Sie den Fehdehandschuh nicht hinwerfen und dann die Flucht ergreifen ! - Womit haben wir das verdient , was Sie um jeden Preis widerrufen müssen ? « » Glaubt Ihr , ich habe Euch nicht beobachtet , « sagte sie - » wie Ihr mit all den Thoren hier denselben Weg taumeltet ? Hattet Ihr etwas Anderes zu sehen , als diese neue Herzogin , an deren Blicken Ihr hinget , wie alberne Kinder am St. Niclas ? O , was das Alles ist , « fuhr sie ungeduldig fort - » wie nicht Einer den Muth hat , es beim rechten Namen zu nennen - wie sie ihm Alle verziehen - und ihm einreden , es sei , weil er es thut , etwas Anderes ! Fahrt nur fort ! Das Beispiel wird wirken ! Hier wandelt schon so viel übertünchte Tugend , als Ludwig sich wünschen kann ; denn Alle , die ihn loben und bewundern und bemänteln , was er thut , haben Lust , es ihm nachzumachen . Wie verächtlich sind sie mir Alle ! Und Ihr Beide , auf demselben Wege Betroffene , Euch hasse ich , und darum hasse ich Euch ! « » Und darum gerade haben Sie Unrecht ! « rief Leonin ; » denn Sie sind der Hauptinhalt unseres Abendgespräches gewesen - diese unglückliche Frau und ihre demüthige Erscheinung hat nur eine kurze , wehmüthige Episode in unserer Unterredung gemacht . « » Und wer hat Euch erlaubt , von mir zu reden ? « erwiederte sie , indem sie Beide mit milderen Augen anblickte . » Das wenigstens können Sie uns nicht wehren , wenn Sie da sind und wir den Vorzug genießen , Sie zu kennen ! - Denken Sie , mein Fräulein , daß Sie Gedanken unterdrücken können , die einmal Ihr Bild aufgenommen haben ? « - Sie blickte ihn an , als nähme sie eine Maske vom Gesichte . » Graf , « sagte sie , ohne ihren hochfahrenden Ausdruck - » ich weiß , was man mit uns will ; lassen Sie uns redlich bleiben ! « In demselben Augenblicke trat sie unter die Menge . Auch Fenelon war von Leonin ' s Seite verschwunden . Er stand in tiefen Gedanken . Ahnete er , was sie - was die Königin angedeutet ? Oder begriff er es wirklich nicht ? Der Herzog von Lesdiguères hatte sein neu eingerichtetes Palais eröffnet , und man war einig , daß bei ihm und bei der Marschallin von Crecy sich die beste Gesellschaft in den schönsten Räumen unter den glänzendsten Zurüstungen einstellte . Mademoiselle de Lesdiguères erschien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern , während der Zeit , welche Maria Theresia bei ihrer Schwiegermutter zubrachte . Außerdem verließ sie die Königin nie . Leonin besuchte täglich um dieselbe Stunde mit dem Marquis de Souvré das Hotel de Lesdiguères . Er würde sehr erstaunt gewesen sein , wenn man ihm gesagt hätte , daß er damit alle die Gerüchte bestätigte , die sich über seine beabsichtigte Vermählung mit Mademoiselle de Lesdiguères immer bestimmter verbreiteten . Nur dem Augenblicke lebend , stimmte er ganz der listigen Aeußerung des Marquis bei , welcher , stets das Ansehn der Langenweile zeigend , ihm versicherte , man könne es ohne Mademoiselle Viktorinens Gegenwart doch gar nicht aushalten . - Mit der größten Absichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen vorüber zu Viktorinen hin , und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet , so entfernte er sich , wodurch diese Annäherung noch auffallender ward ; denn Beide , in Berührung gesetzt , gefielen sich zu sehr in ihren Mittheilungen , um sie freiwillig aufzugeben und bemerkten es nicht , wie anerkannt ihr Verhältniß gerade dadurch ward , daß sie Niemand störte , was keinen andern Grund hatte , als daß man sie für Verlobte hielt . - Leonin fühlte sich jeden Tag lebhafter durch Viktorine beschäftigt . Sie schmeichelte vollkommen seinen Schwächen durch ihre Eigenthümlichkeit ; denn sie war Alles , was er nicht war . Er fühlte sich beständig ergänzt , gestützt und erklärt durch ihren festen und edeln Karakter , ihren scharfen , unbestechlichen Verstand . Dagegen fiel dies edle Wesen in den oft sich wiederholenden Fehler ihres Geschlechtes , die Schwächen des Mannes zu erkennen ; aber in dem Gefühl eigner reicher Kräfte sich der Hoffnung und dem Streben zu überlassen , ihm diese Umänderung oder diese Festigkeit geben zu können . Sie übersah aber , daß ihre Phantasie ihn nach und nach wirklich zu dem machte , was sie wünschte , daß er es sein möchte ; sie verkannte , daß sie in dem Besitz dieser Eigenschaften war , die bloß darum bei ihren Ansichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht fehlten , weil sie dieselben hervortreten ließ , und Leonin bloß die leichte , liebenswürdige Gabe besaß , sogleich in solche Anregungen verstehend einzugehn . Er hatte dabei die Milde , die vorherrschende Weichheit , die ihr fehlte , die sie zu erringen wünschte , gehindert von dem kräftigen Aufwuchse ihres befähigten Naturells . Deshalb glaubte sie ihn so viel besser , als sich ; ihr schien errungen - Weisheit , Reife der Entwicklung bei ihm , was bloß eine Art Indolenz war , veredelt durch ein gutes , fein fühlendes Herz , welches in früherer Zeit vielleicht zu einer kräftigeren Gestaltung hätte geführt werden können - damals aber , wie wir zum Oefteren schon erwähnt haben , von der eigennützigen Liebe seiner Mutter bloß zu ihren Zwecken gebildet ward . Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem einwiegenden Zustande dieser täglichen geselligen Betäubungen gerissen , die ihm an Wichtigkeit stiegen in dem Maaße , wie auch für ihn die tausendfältigen kleinen Interessen und Eitelkeiten zu verfolgen waren , welche , um ihn her getrieben , Jeden verwickelten , der sich ihnen nicht mit Bewußtsein entgegenstellte . Sein Vater erwartete mit Sicherheit , daß Anna von Oesterreich seinem Sohne die Braut erwählen werde , und fühlte sogar eine kleine Schadenfreude , diese Angelegenheit , wie er wähnte , seiner Gemahlin aus den Händen genommen zu haben . Der König und die Königin besonders , behandelten Leonin mit Auszeichnung . Man sprach ihm so oft davon , daß ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen könne , daß er daran glaubte , zuletzt es als eine Ehrensache ansah , daß ihm das allgemein Zuerkannte nicht vorenthalten bliebe . - Und aus diesen Anregungen schossen Ehrgeiz und Eitelkeit auf , die ihn Vortheile suchen und verfolgen ließen und ihn an die Stelle , die ihm Erfüllung verhieß , fesselten , als müsse er sie bewachen . Die Freundschaft , der Vorzug , - da er es nicht anders nennen wollte - mit welchem Mademoiselle de Lesdiguères ihn beehrte , mußten ihm daher , bei der Gunst , die sie bei den Majestäten genoß , behülflich und vortheilhaft sein . Er war unwillkürlich auffallender mit ihr beschäftigt in Gegenwart der hohen Herrschaften , und immer schien es ihm , als ob die Königin ihn wohlwollend beobachte und ihn nach solchen Tagen selbst in ihre kleineren Zirkel bescheiden ließ , wo Leonin , belebt von seinen geheimen Wünschen , eine größere Liebenswürdigkeit und Anmuth zeigte , als seine gewöhnliche Indolenz sonst zuließ . - Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes , als die meisten jungen Leute , welche ohne Lebensplan und Karakterstärke in die betäubende Atmosphäre eines solchen Schauplatzes versetzt werden . Fast Jeder , der dieser Jugendperiode gedenkt , wie anders auch der Standpunkt ward , den er sich später wieder gewann , muß sich den chamäleonischen Farbenwechsel seiner Gesinnungen eingestehen , der ihn damals fortriß , ein Spielzeug der herrschenden Menge zu werden , ihren Gesetzen entgegen zu kommen gegen frühere Ueberzeugung . Aber nicht Jeder entfernt sich damit , so wie Leonin , von bindenden , heiligen Verpflichtungen ; - und was dort