, um sich über Dies und Jenes zu besprechen , Bardeloh gibt Rath , thut Vorschläge und befiehlt doch eigentlich , wie immer . Seiner besondern Aufsicht ist der große Saal in dem alterthümlichen Kaufhause anvertraut , der Dir gewiß bekannte Gürzenich . Letzthin forderte mich Richard auf , ihn dahin zu begleiten . Auch Felix durfte mitgehen . Der Saal ist nichts weniger , als schön , aber geräumig und interessant durch seine Bauart . Die Säulen , auf denen das mächtige Gewölbe ruht , stellen Champagnergläser vor , aus denen statt des Schaumes wunderliche Carikaturen hervorquellen . Bardeloh läßt nun Alles geschmackvoll drappiren , die ringsum laufende Galerie mit Devisen lustig verzieren , die in Räthselform abgefaßt sind . Ueber den Inhalt hat er mir noch nichts gesagt , gewiß aber ist er nicht ohne tiefere Bedeutung . Sein höhnisches Lächeln verrieth es mir . Das Fest in diesem Saale , der wohl einige tausend Menschen faßt , soll großartig sein und einem wahrhaftigen Volksfeste nahe kommen . Der Carnevalsjubel schließt allemal in dieser alterthümlichen Halle , und da es jeder Maske erlaubt ist , zu treiben , wozu Lust und Laune sie aufreizen , so mangelt es selten an freien Scherzen , zu denen das so beengte Leben sonst sich nicht oft erheben kann . Ein großer Maskenzug soll das Fest eröffnen , und wie ich höre , ist für dieses Jahr Bardeloh ' s geräumige Wohnung zum Sammelplatz bestimmt worden . Daraus kann ich mir die vielen Maskenanzüge erklären , aber noch nicht das Heimlichthun meines Gastfreundes , der mir immer vorkommt , als handele es sich noch um etwas ganz Besonderes . Mein Gott , was läßt sich denn viel aus einer Maskerade bilden , und noch dazu bei uns , in unserm lieben Deutschland ! Nun , Gott besser ' s ! Ein paar Tage vor dem Carneval soll eine große Feierlichkeit , ich glaube eine Firmelung , im Dome gehalten werden . Auf diese kirchliche Feier freue ich mich mehr , als auf den Fastnachtsspectakel . Wol erinnere ich mich , früher einmal als Knabe einer Firmelung beigewohnt zu haben , aber damals wußte ich weder den tieferen Sinn dieses Sacraments zu erfassen , noch den Gedanken eine Richtung in die Zukunft der Geschichte zu geben . Beides wird diesmal nicht schwer sein , um so mehr , als es wol der letzte Act kirchlicher Weihe sein möchte , dem ich in Europa beiwohne . - Wie sonderbar mir doch bei dem Gedanken an die nahe Abreise mein ganzes bisheriges Leben erscheint ! Mir ist nicht anders , als finge ich jetzt erst an , in die Welt zu schauen und den Tag zu begreifen mit seinen tausend widersprechenden Wünschen . Scheiden ist schwer , ich fühl ' es , und für einen Deutschen immer ein halbes Sterben . Aber die Hoffnung hält mich aufrecht , und aus dem Saum der Zukunft , der kaum erkennbar hereinflattert in die Gegenwart , bilde ich für den neuen Körper meines unbekannten Lebens auch ein ihm angemessenes Kleid zurecht . Ich will glücklich sein , wenn ich das Unglück meines armen Mutterlandes unbehindert werde erzählen können den Völkern der Zukunft ! - Den 31. Januar . Ein unerwarteter Zufall hat mich tief bewegt . Aus ihm kann ich lernen , wie oft wir die Handlungen der Menschen falsch beurtheilen , weil uns die Beweggründe derselben nicht bekannt sind . In Ländern , wo die Einfachheit allgemeine Sitte ist , geschieht dies freilich weniger , aber bei uns , die wir ja fast einzig und allein nur im Künstlichen noch bestehen können , ereignet sich ein so bedauernswerther Fall fast täglich . Darum fort , fort ! Ich will nicht verschmachten in erkältender Dämmerung , in der Atmosphäre eines gesinnungslosen Geräusches , das man fälschlich für Leben hält ! - Träumerisch , wie dies oft einem europäischen Menschen geschieht , war ich hinausgegangen am Rhein . Der Wind wehte scharf von Holland herauf , Schneeflocken schwankten zitternd und glänzend in der Luft . Der Rhein trieb einzelne dünne Eisschollen , zum ersten Male in diesem Winter . Mein Geist war in Amerika , die Zukunft bog sich herein in meine Brust und steckte einen schönen , warmen Lebenshimmel über dem zusammenbrechenden alten auf . Ich hatte die Rheinbrücke überschritten und mich in den kahlen Alleen von Bellevue verloren . Vor mir sah ich auf einer der höher gelegenen Terrassen eine dunkle Gestalt hin und her schwanken . Ich hielt es für Täuschung und kümmerte mich nicht weiter darum . Die nächsten Tage ängstigten mich , Bardeloh ' s geheimes Walten ergriff wie Fieberhitze mein ganzes Wesen , ich glühte , fing an murmelnd zu phantasiren und fühlte mich recht elend . Da hörte ich einen tief gezogenen Seufzer in meiner Nähe . Die Dunkelheit ist geneigt , durch jeden ungewohnten Laut unser Nervensystem in eine zitternde Bewegung zu versetzen . Meine Gedanken flohen wie schüchterne Rehe in das Dunkel ihrer Wohnstätte , ich lauschte aufmerksam und gewahrte , den Rücken mir zugekehrt , auf einer Bank der obersten Terrasse einen Mann sitzen . Gestalt , Haltung und Kleid ließen mich Mardochai erkennen . Die Wolken enthüllten auf einige Zeit die wankende Sichel des Mondes , ein heller Strahl fiel auf des Juden bleiches Gesicht - ich glaubte eine tiefe Bewegung darauf zu lesen . Neugier und eine Art Theilnahme , die fast an Freundschaft grenzte , so wenig ich mir dies selbst gestehen mochte , trieben mich an , dem Räthselhaften näher zu treten . Eine Zeit lang bemerkte er mich nicht - dumpf vor sich hin murmelte er Worte , und Seufzer , die mir gleich unerklärbar blieben , stiegen schwer aus der beengten Brust . Ein Geräusch , das ich absichtlich machte , verkündigte ihm meine Anwesenheit . » So allein ? « fragte er , die Maske der Gleichgiltigkeit mit gewohnter Verstellungskunst seinen Mienen anlegend . » Allein , wie Sie , « versetzte ich . » Unruhe macht menschenscheu , Unglück träumerisch . Deutschland ist so träumerisch geworden , weil es so lange nach dem Glücke rang . « » Das ist eine sehr trügerische Psychologie der Länder , die Sie da zum Besten geben , « erwiederte Mardochai , stand auf und ergriff meinen Arm . » Wäre Völkerunglück wirklich geeignet , Träume zu erzeugen , so müßte mein Volk am meisten daran leiden . Und das werden Sie doch wol nicht behaupten wollen ? « » Ich würde es , hielt Ihr Volk die Rache , der Haß und andere Leidenschaften nicht von dem träumerischen Wesen zurück . Ich habe auch schon träumerische Israeliten gekannt . « » Sie wollen mich foppen , « sagte Mardochai , » ich verstehe . Begleiten Sie mich ; grade heut könnte es gut sein , wenn wir uns etwas tiefer gegenseitig in ' s Herz blickten . Es ist schade , daß Sie Christ sind . « » Nicht mehr , als daß Sie Jude bleiben , « entgegnete ich und drückte krampfhaft die Hand meines Begleiters . » Auch möglich , sehr möglich ! Doch können Sie jetzt eben die Sonne scheinen lassen ? « » Warum ? « » Nun stände dies in Ihrer Macht , so würde ich wol auch ein Christ sein dürfen . « Der ganze Starrsinn dieses grübelnden Mannes sprach sich in dieser Antwort aus . Wir gingen schweigend nebeneinander her über die Brücke nach Köln hinüber . Am Rheinberge wollte ich mich von dem Juden trennen . » Sind Sie so eilig ? « fragte er mich mit einer Stimme , die fast liebevoll bewegt klang . - Ich zauderte einen Augenblick , meine Hand ruhte in der seinen . Mardochai ging fort und zog mich fast willenlos mit sich . » Begleiten Sie mich in mein Haus , « sprach er in demselben Tone , » es wäre mir peinlich , wenn grade Sie einen falschen Begriff von mir festhielten . Ich bin nicht Alles , was ich scheine . « Ohne zu antworten , folgte ich der Einladung . Mardochai führte mich in das längst bekannte Zimmer . Sara war nirgends zu sehen , überall tiefe Stille . Der Prunk war verschwunden , an die Stelle des orientalischen Luxus war abendländische Nüchternheit getreten . Es befanden sich Kisten und Ballen auch in diesem Zimmer , mit einer unzähligen Menge von Kleinodien bedeckt , wie die katholische Kirchenandacht sie um wenige Kreuzer an allen Straßenecken und sehr oft auch in den Hallen ihrer Tempel selbst verkauft . Dieser Anblick weckte meinen Stolz , mein Selbstvertrauen . Ich stieß unwillig die Hand des Juden von mir und blieb mit finstrer Stirn unter dem Krame stehen . » Nun ja , « sagte Mardochai achselzuckend und seufzend , indem er auf einem einfachen Sessel Platz nahm und mir ein gleiches Möbel zurecht stellte , » so seid Ihr Christen alle , und doch verlangt Ihr , es solle besser werden ! Die alten Versündigungen , die wir uns gegenseitig nicht vorzuwerfen , sondern zu verzeihen haben , sollen vergeben und vergessen sein ! « » Juda ' s Stamm will es nicht , « fiel ich ein , » selbst wenn die Christen große Opfer dafür bringen . « » Mich wundert ' s , ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören , « gegenredete Mardochai , » nicht weil mir diese Bemerkung neu ist , sondern weil Sie ein Heuchler sind . Ihr Herz schlägt anders , als Ihre Zunge . Jenes tönt Nachtigallmelodieen und diese zwitschert wie ein dummer Staar . « » Mein Herr , « fiel ich entrüstet dem Juden in ' s Wort , » Sie erlauben sich Redensarten , die - « » Ihnen das Blut zu Kopfe steigen lassen , « ergänzte Mardochai . » Sehr richtig , und das bezwecke ich grade . Bald werde ich mir noch ganz andere Dinge erlauben , damit Ihren Brüdern Zorn und Schamröthe zugleich das Blut in ' s Gesicht jagen . Anders kann man nicht mehr Eindruck machen und Gutes stiften . - Indessen lassen wir das . Ich will Ihnen nur einige Neuigkeiten theils zeigen , theils erzählen . « Ein Wandschrank öffnete sich unter dem Druck seiner Hand . Mardochai nahm die silbergestickte , feine und weißschimmernde Thalis aus der Vertiefung , wickelte sie auf und ließ einige Papierrollen daraus zu Boden fallen . » Betrachten Sie diese Schriften , « sagte er ruhig zu mir , indem er das Zeichen der Andacht leise mit den Lippen berührte und sorgfältig wieder im Schranke verwahrte . Aufmerksam betrachtete ich die Rollen . Es waren mit vielem Geist und Scharfsinn verfaßte Petitionen an verschiedene Regierungen , in denen auf eine eben so einfache , als bescheidene Art und Weise die Gründe für die Nothwendigkeit einer baldigen Emancipation der Juden aus einander gesetzt wurden . Diesen beigefügt waren die abschlägigen Antworten darauf . » Und wozu zeigen Sie mir diese Schriften ? « fragte ich . » Es ist allgemein bekannt , daß nicht allein die Regierungen , sondern auch die Völker auf diese Vorschläge nicht eingehen können . « » Sagen Sie lieber : nicht eingehen wollen , « erwiederte Mardochai . » Allein davon abgesehen , « fuhr er fort , » was , glauben Sie , muß ein Volk thun , das ohne Vaterland , ohne Staatsverfassung , zerstreut auf der ganzen Erde umherirrt , und dem es nicht nur Sache der Existenz , sondern auch des Herzens ist , sich ein Vaterland zu erringen , wenn ihm jeder Weg vermauert wird , der es zu einem solchen Besitzthum führen könnte ? « » Die Antwort ist sehr einfach , « sprach ich , obwol mit Zagen und nicht aus voller Ueberzeugung , » dieser Stamm muß Theil der Völker werden durch den Uebertritt zur Religion dieser Völker . « » Wären Sie nicht zu verständig , um die Albernheit Ihrer Behauptung selbst einzusehen , so würde ich Sie thöricht schimpfen , « versetzte mit Lächeln der Jude . » Angenommen indeß , Ihre Aeußerung sei Ihnen auch Ueberzeugung , so vernehmen Sie meine Erwiederung darauf . « - Mardochai rollte die Papiere wieder zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten . » Ihr Christen werft den Brüdern meines Stammes vor , sie hingen zu fest und innig an einander , um ihnen durch eine Gestattung gleicher bürgerlicher Rechte einen Vortheil zu gewähren über die minder einige Brüderschaft der Christen . Diese Folgerung ist richtig , doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwerth für Euch . Spüren wir nun dem Grunde dieser Erscheinung nach , ganz unbefangen , ohne Bitterkeit . - Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrückt , gepeinigt , gehöhnt worden von den Christen und hatte dieser gräßlichen Qual nichts entgegenzusetzen , als den Stolz der Ausdauer , den Muth einer erheuchelten Demuth , geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses . Consequenz ward des Juden Religion , das Bewußtsein , listiger zu sein als menschlich , entwürdigte ihn öffentlich vor dem Auge der Welt , ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner Seele . Der Adel einer Rache , deren Ausführung abzweckt auf Befreiung aus den himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von großen Herzen gefühlt , von tiefen Geistern begriffen . Die Juden erduldeten Alles , um damit jene Sünde abzubüßen , die sie meinethalben begangen haben mögen durch die Kreuzigung des Gottmenschen . Ich will und mag darüber nicht sprechen , es sind achtzehnhundert Jahre vergangen , und gäbe es einen Gott , der so lange strafen könnte - wahrlich , so wie ich dies mein Kleid hier zerreiße , so vernichtete ich den Gedanken in mir an diesen Gott ! Mit den Seelenschmerzen eines Volks darf auch ein durch Irrthum einmal verhöhnter Gott nicht Wucher treiben ! - Sagen Sie nicht etwa , die Christen hatten den Juden irgend etwas geschenkt für jenen Frevel an ihrem Gott . Die Juden haben hohe Zinsen dafür gezahlt . Die Zeiten , sagt man , sind milder geworden , der Haß ist verjährt , die Gerechtigkeit der Weltgeschichte verlangt eine Ausgleichung . Sehr wohl , ich bin es zufrieden . Die Edelsten von Euch sind geneigt , den Juden zu gestatten , was der Mensch fordern muß , wenn er sich selbst als Mensch achten will , aber Millionen schreien Wehe ! wie ehemals der Wahnsinnige auf den Mauern Jerusalems . Woher erschallt dieses entsetzliche Wehe ? Aus der ledernen Kehle eurer Geldbeutel ! - O , erschrecken Sie nicht , ich will blos verständlich sprechen ! Der verachtete Stamm Juda ' s bittet um Ertheilung der Menschenrechte , in soweit diese von den Christen selbst besessen werden . Er stellt diese Bitte im Gefühl seines religiösen Schmerzes , nicht aus Eigennutz . Die Christen aber bringen nicht jene Wehmuth in Anschlag ; sie berechnen nur den Zinsfuß , betrachten die Börsenlisten und vergleichen genau den Stand der Metallique ' s , der Staatsschuldenscheine , des goldenen Kalbes , um das die Welt in wilden Sprüngen tanzt . - Sein Sie gerecht , Sigismund , und urtheilen Sie selbst , wer hier edler verfährt ! - Ich will meine Stammesbrüder nicht vertheidigen . Es ist ein schmutziges , feiges , oft nichtswürdiges Gesindel , aber nach der Ursache dieser Erniedrigung spähe ich gern umher , und ich finde sie in den Verwünschungen , die man über Israel ' s Kinder aussprach . Gehen Sie noch einen Schritt weiter mit mir . Viele von Ihnen fühlen , daß es grausam ist , den Edlen unsers Stammes eine Emancipation gänzlich abzuschlagen . Man will mild sein und läßt Gnade für Recht ergehen , etwa wie der gerechte Fürst einen zum Tode Verurtheilten mit lebenslänglichem Kerker beschenkt - man schlägt vor , uns zum Theil zu emancipiren ! - Ich hätte ein solch nüchternes , unedles Spiel den christlichen Völkern nicht zugetraut . Diese Gnade ist entsetzlicher , als die grausamste Ungerechtigkeit ! - Andere sagen : werdet Christen und Ihr seid gleich den Geringsten unter uns ! Wiederum sehr wahr ; doch bedenkt man nicht , daß eine Religion , die sich so lange aus ihren Schmerzen Trost gesogen hat , etwas Hochheiliges in sich bewahren muß , wenn man auch nicht Rücksicht nehmen wollte auf die Lieblosigkeit einer derartigen Forderung , noch dazu von Völkern , deren ganzer Glaube nur auf Liebe gegründet sein soll . « Mardochai schien ergriffen , er legte die Hand an seine Stirn und verdeckte eine kleine Weile sein Gesicht mit dem dunklen Talar . Ich betrachtete den trauernden und doch so stolzen Mann , Mitleid und Furcht bewegten mich gleich stark . » Warum aber , « fiel ich ein , » warum wollen Sie nicht , eingedenk Ihres ersten Frevels , auch einen entgegenkommenden Schritt thun ? Können Sie nicht Beruhigung und Trost finden selbst für tausendjährigen Kummer in der Religion der Liebe ? « Langsam enthüllte Mardochai sein Antlitz . Das schwarze Gewand sank nieder , wie Lavaasche , unter der hervorleuchtet der glühende Kegel eines feuerflammenden Gebirges . Mardochai ' s Antlitz schien Funken zu sprühen , noch nie hatte ich die erhabene Herrlichkeit des Zornes in so göttlicher Schönheit bewundern können . » Und Sie wagen es , ein solches Wort auszusprechen ? « flüsterte mit zornbewegter Zunge der geheimnißvolle Jude . » Sigismund , « fuhr er fort und stand auf , » seht , das ist es , was mich von Euch und Eurer Religion zurückschreckt . Wäret Ihr Christen so einig , so ganz , so im Hasse verbunden , so liebebegeistert einig , Ihr könntet nie eine ähnliche Frage thun ! Aber Ihr prahlt mehr mit dem hohen Geschenk des erbarmenden Gottes , als Ihr es achtet . Ihr pocht auf Euer Vorrecht , das Ihr ohne Mühe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt , wir Juden aber lieben und ehren unsern Glauben , obwol er nur Schmach und Verachtung über uns gebracht ! Wer ist der Größere ? « » Stolz und Hartnäckigkeit ist nicht Größe , « fiel ich beschämt ein , ohne es merken zu lassen . » Freilich nicht , « sagte Mardochai , » dennoch finde ich mehr Adel in diesem Stolz , der sich stützt auf Glaubensmysterien , als in jener kleinlichen Neckerei , die wie ein ungezogenes Kind blos den Willen behalten will , ohne auf die Heiligkeit der Weigerung zu achten , die uns abhält , Gebrauch zu machen von den gethanen Vorschlägen . « » Mardochai , « unterbrach ich den Redenden , » ich weiß Ihre Gründe zu ehren , darum verlange ich auch von Ihnen Gerechtigkeit . Ihre Glaubensgenossen sind größtentheils eben so blöd und kurzsichtig , als die meinigen , nur den pecuniären Gewinn mögen sie schlauer zu handhaben verstehen . Der gemeine Jude ist hartnäckig aus Gemeinheit , und wol auch tief wurzelndem Hasse , wie der gemeine Christ . Es können also bei der Emancipationsfrage nur die Edlen zu Rathe gezogen werden . Nun denn , so verlange ich von dem hochgebildeten Juden , daß er Christ werde , um dadurch die Emancipation factisch befördern zu helfen und seine minder gebildeten Glaubensbrüder zu ähnlichen Schritten zu veranlassen . « Du wirst den Kopf schütteln über diese Worte , die Du mit meinen sonstigen Ansichten wol schwerlich in Einklang bringen möchtest . Und daran thust Du recht . Ich war nicht ehrlich , während ich so sprach , aber ich wollte den Juden zwingen , sich ganz vor mir zu enthüllen , und ihn durch Opposition zu Geständnissen bewegen , die sonst wol schwerlich über seine Lippen gekommen wären . Meine Absicht wurde zum größten Theile erreicht . » Auf diesen Vorschlag , « sprach Mardochai , » sage ich blos , daß ich ihn unmoralisch finde und deshalb verwerflich . Der Führer darf seine ihm anvertraute Heerde nicht verlassen . Das wissen Sie eben so gut , als ich . Unsere Glaubensbrüder würden uns nicht folgen , sondern uns blos strafen mit Verachtung . Ihre Hartnäckigkeit aber würde wachsen und die Fessel der Satzungen alle Herrlichkeit , allen tieferen Geist in ihnen vollends erdrücken . Die Sache ließe sich einfacher lösen und naturgemäßer . Wollt Ihr Christen uns wirklich betrachten als einen Volksstamm , der Euch nachsteht an innerer Civilisation , gut , thut es ! Doch zeigt Euch dabei als liebende Christen , und seid als solche Menschen ! Drückt dem Philisterthum , der Kleinigkeitssucht , der Pedanterei , die Augen zu , setzt Euch selbst der Gefahr aus , reell übervortheilt zu werden von der Schlauheit unseres Stammes , die Folge einer in Schmutz entstandenen Entsittlichung ist . Es wird Euch Ehre bringen und Früchte . Emancipirt uns und Ihr macht alle Juden dadurch allein schon reif zum Christenthume . Indem Ihr den Juden gleiche Interessen einflößt mit Euch , kettet Ihr sie an Euch , der Haß verliert sich , schlägt um in Liebe , die Macht der Satzung fällt , weil sie keinen Haltpunkt mehr hat in der früheren Abgeschlossenheit , und wenige Jahrhunderte werden genügen , die Juden zur Taufe eilen zu sehen , jetzt nicht mehr aus weltlichen Rücksichten und blos zum Schein , sondern aus innerm Herzensdrange ! - Und warum ist man nicht darauf eingegangen ? Warum hat Niemand den Schmerz empfinden wollen , den ich als ein Kind dieses unglücklichen Volkes fühle und auszusprechen wagte , um es zu retten ? Glaubt man uns durch die Verweigerung einer nur menschlichen Forderung zu zwingen ? O , der Schmerz ist allmächtig , wie die Rache ! Er ist das Samenkorn der Rache , das aufschießt aus ihm und noch grauenhafte Früchte tragen wird ! - Sigismund , ich that Alles für mein Volk ; ich war ruhig , ich war ein Knecht , ich bat , ich flehte , ich kroch mit zitternder , angstgebrochener Lippe von Thron zu Thron und berührte den Purpursaum der Majestät , das Hoffnungsroth für mein Volk - aber ich fand kein Gehör , keine Erwiederung meines bittenden Schmerzes ! - Da ging ich heim in meine Kammer und zog zu Rathe den Geist , der sich nährte im Giftschaum jener Leiden , die Jahrtausende lang der Uebermuth der Christen über uns verhängte . Ich ging zu Rathe , sage ich , mit Blut und Fluch und Tod , mit den Seufzern , begraben in den Höhlen der Folterkammern , verpuppt im trüben Gespinnst , das sich ansetzt an den ekelfeuchten Wänden der Kerker . In diesen Nestern , wo der Schmerz meines Stammes vergeblich sich versteckte , fand ich die Nothwendigkeit , gewaltsame Schritte zu thun , um Gerechtigkeit zu erlangen noch während meines Lebens . Funfzehn Jahre und drüber blätterte ich in den Anhängseln der Weltgeschichte herum , um mir Gewißheit zu verschaffen über das , was wir gelitten haben . Mein Muth wuchs mit meinem Zorne . Ich ward zum Lästerer für das Heil meiner Brüder ; ich sündigte furchtbar vor dem Herrn , ich ward ein Verworfener für die zukünftige Emancipation der Juden . « - Mardochai hatte die letzten Sätze mit strafendem Prophetenfeuer gesprochen . Jetzt schien eine Wehmuth über ihn zu kommen , vor der sich selbst der Stolz und die Kraft seiner irdischen Bestimmung auf kurze Momente zurückziehen mußte . Gesammelt erfaßte er meine Hand . » Letzthin , « fuhr er fort , » führte ich sie mit Ihrem damaligen Begleiter in ein Gemach , wo Liebe und Haß sich stritten um den Vorrang . Damals haben Sie mir geflucht , ich weiß es ; jetzt erinnere ich Sie nochmals daran und frage zugleich , ob Sie nunmehr Gleichmuth ' s , Casimir ' s , Friedrich ' s Lebenswege begreifen ? « - Er schwieg , sein dunkles Auge ruhte forschend auf mir , mit der weißen Hand spielte er mit dem schimmernden lang herabwallenden Barte . » Entsetzlicher ! « rief ich aus , » Deine Sünden waren gräßlicher als Deine edlen Absichten , durch die jene hervorgerufen wurden . « » Das ist ein Irrthum , « versetzte Mardochai , » und ich glaube nicht daran . Wären Sie ein Jude , hätten Sie , wie ich , sich bemüht um das Recht , Mensch sein zu dürfen bei dem Bewußtsein , es mehr als hunderttausend Andere zu verdienen , und hätte mit der Bitte sich jede erdenkliche That schüchtern , aber doch sicher vereinigt ; so würden Sie nach jeder neuen zerschlagenen Hoffnung auch wie ich rachedüster umhergeschlichen sein auf dieser Erde . Ich nährte meinen gerechten Ingrimm mit altem Schmerzensweine . Ich trank zu viel davon , ich ward halb wüthend , und in dieser Halbraserei des zürnenden , gemißhandelten Menschen that ich , was Sie wissen ! - In meiner Rache wirkte ich liebend für die Zukunft meiner Brüder . Ich schacherte mit des Christenthums Geist für die Befreiung Juda ' s aus seiner Sclaverei . Meine Rache verschaffte mir die Mittel und meine Liebe weiß sie zu nützen für einen Zweck , den nur die Zukunft der Geschichte begreifen wird ! « - » Mardochai , « rief ich aus , als die Scheu vor dem Geständnisse ihn in sich selbst erbeben machte , » Mardochai , hören Sie auf , der richtenden Geschichte vorzugreifen ! Es ist schon zu viel gefrevelt worden , und nimmer kann der Friede ihre Schritte begleiten ! « » Friede ! « wiederholte grollend der Jude . » Den suche ich nicht , den mag ich auch nicht . Mein Amt ist die Vorbereitung der Erlösung meiner verachteten Brüder . Darum ward ich ein gemeiner Schacherjude und verkehrte mit dem Auswurf der Menschheit , ohne nach ihrem Bekenntniß zu fragen . Erst , wenn ich errungen habe , was ich bezwecke , will ich rasten , und das Uebrige der Langsamkeit des Ewigen überlassen . « » Ich sollte meinen , Sie wären längst am Ziele , « versetzte ich , weil ich noch ein Geheimniß enthüllen zu können glaubte . » Noch nicht , doch bald . « » Lassen Sie ab ! « rief ich halb bittend , halb befehlend , und erfaßte Mardochai ' s beide Hände . » Genüge es Ihnen , daß Sie zwei Christen elend gemacht haben durch Ihre Rache und einen bewegen , Sie zu bitten , wie ich . « » Sie sind kein Christ im Sinne jener , « sagte er kalt und entzog mir seine Hände . » Ueberdies lasse ich mich nie von Andern bestimmen . « - » Wir standen uns wie zwei Todfeinde gegenüber , die beide die Tapferkeit , den Muth , den Stolz der Gesinnung im Andern achten . « » Finden Sie Befriedigung in Ihrem Cultus ? « fragte dumpf Mardochai . » Mein Leben gibt Ihnen Antwort . « » Warum sagen Sie sich nicht los von der Gemeinschaft , offen , entschieden ? « » Die Gründe liegen in Ihrem eigenen Festhalten an Moses Lehre . « » Nur zum Theil , « sagte der Jude , » denn unser Bekenntniß ist schön in seinen Irrthümern , das Ihrige aber sollte ganz davon frei sein . Sie alle fühlen dies , wagen aber kein Wort darüber auszusprechen . Die Feigheit macht Sie zu Tyrannen , ungerecht , sclavisch , gotteslästerlich , irreligiös , zu Feinden der Freiheit des Gedankens , zum Henker desselben Gottes , den Sie anzubeten vorgeben ! Wie glauben Sie diesem grauenhaften Unfuge steuern zu können ? « Ich zuckte die Achseln . » Hoffnung , die Zukunft , - Geduld . - « » Nein , « schrie Mardochai mit einer Stimme , die noch jetzt in meiner tiefsten Seele fortwimmert , » nur eine That kann helfen und zwar - eine recht grauenhafte ! Euch muß man höhnen ! Gott muß sich von Euch abwenden , die Wolken müssen wie ein sprudelnder Giftschaum des empörten Himmels über Eure Häupter hinstreifen , sonst seid Ihr nicht zu retten ! Hohn aber wird Euch wieder aufrütteln und lehren , daß Ihr nichts besitzt , als die schalste , dümmste Ergebenheit . Was ist das hier ? « Mardochai hatte eine Schnur ergriffen , die jenen Vorhang zusammenhielt , hinter dem ich zuerst Sara in den reizendsten Stellungen einer Odaliske , nur umflossen vom Zauber der Unschuld , erblickt hatte . Der Vorhang fiel auseinander . Die Maske eines lebensgroßen Christuskopfes mit wunderbarer Geschicklichkeit auf in Wachs getränkte Seide gemalt , ward sichtbar . Sie verdeckte die Büste , die ich schon früher bemerkt hatte , und ward von starken , seidenen Schnüren an derselben festgehalten . Erstaunt sah ich den Juden an . » Was soll Ihnen dies ? « fragte ich . » Mich aufrecht halten und Euch Christen zu der Ueberzeugung bringen , daß ihr wirklich sehr mühselig seid und an dieser Krankheit hinsiechen werdet , könnt Ihr Schein von Wahrheit nicht unterscheiden . « Der Vorhang fiel wieder zusammen , ich sank auf den Stuhl zurück und verdeckte mein Gesicht . Ich war nicht im Stande , Mardochai ' s Worte zu deuten . Der Jude überließ mich meinen schmerzlichen Gedanken , ich hörte ihn langsam auf und nieder durch das Zimmer schreiten . Draußen an der Thür vernahm ich ein Schlürfen , als entferne sich Jemand behutsam . Auch ein gewaltsam unterdrücktes Lachen glaubte ich zu hören . Der Jude achtete nicht darauf . - Es mochte wol eine Viertelstunde vergangen sein , die uns beiderseits mit dem Belauschen unserer verborgensten Gedanken beschäftigte , als Mardochai ' s Hand sich kalt an meine Stirn legte . Unwillkürlich fuhr ich zusammen . » Gehen Sie , « redete er mich an , » unser gegenwärtiges Zusammensein muß Ihnen genügen können , um mich zu begreifen . Sie haben die Wahrheit gehört , es drängen sich keine schwülstigen Geheimnisse mehr