an ihrer eigenen Tugend begeistern , und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an . Ich habe lange nicht gewußt , auf was Art diese Stimmung , welche die eigene Familie um Geschmeiß hin und wieder vernachlässigen lehrte , und eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden Geschäfte aufzublasen antrieb , bei den Helikonierinnen entstanden war . Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären . Die helikonische Herde soff nämlich , wie wir wissen , aus der Hippokrene . Diese Quelle wirkt nun bei allen , welche sie trinken , die gewaltigsten Dinge , jedoch nur bei den durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn , den wir kennen , bei vielen dagegen versetzt sich das Wasser und schafft entweder die abscheulichsten Würfelreime , wie bei mir der Fall war , so oft ich trank , oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen Zustand im Handeln und Empfinden , den man die blühende Prosa des Lebens nennen könnte . Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten . Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten . Ihr Zustand war blühende Prosa . Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her . Wie oft mußte ich , als ich nachmals mehr unter Menschen kam , und ihre geschmacklosen Herrlichkeiten , ihre Aufspannungen für und um das Erbärmliche kennenlernte , still für mich ausrufen : » Versetzte Hippokrene ! « - Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge auftritt , da stirbt das melodische Getön der Steindrossel , da weiset die stolze weiße Hinde vornehm den Rücken , da schüttelt der Lorbeer zornig die Krone , oder geht aus . Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene und wollten hinter den Gattinnen nicht zurückbleiben . Sie gehörten ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten , was mir gewiß jeder , der einmal einen solchen Gatten gesehen hat , auf mein Wort glaubt . Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend des Geschmeißes weggenommen hatten , so waren sie auf dessen Laster beschränkt und stifteten unter sich einen Verein » zur Rettung sittlich verwahrloseter Naturwesen « . Der Zweck desselben war , durch moralische Einwirkung , durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum Guten alle die Tierlein , welche ihrer Natur nach stechen , beißen , kratzen , stehlen , oder sich von schmutzigen Dingen nähren , zu einem unschädlicheren und reineren Leben anzuführen . Nach der Absicht der Stifter sollte , wenn der Verein wirklich durchgriffe , die Mücke ihrem Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen , die Elster auf den Diebstahl verzichten , Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich entwöhnen . Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt , so kann ich nicht sagen , wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war , als ich auf den Helikon kam . Ich weiß nur , daß allerhand Geziefer auch auf diesem heiligen Berge stach , biß , kratzte , stahl und Unaussprechbares fraß , weiß aber nicht , ob es gebessertes oder ungebessertes war . Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin ich geworden , von ihr will ich berichten , muß ich sogar berichten , da sich eine Katastrophe mit ihr verband , welche zu weiteren Schicksalen Münchhausens des Kindes , damals Böckchens , führte . Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der wohltätigen Ziegen waren an dem Tage , der meiner Auffindung folgte , an den Ort gekommen , wo der großmütige Engländer sein Pferd hatte grasen lassen und der tote Lämmergeier lag . Wo das Pferd gestanden , fanden sie einen Käfer mit schwarz-glänzenden Flügeldecken , einen der Art , welche bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus auffüttern , und die Deutschen Mistkäfer nennen . An dem Halse des Geiers aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege , Schmeißfliege geheißen . - » Ich will , Bruder Schnuck , ungeachtet deine göttliche Tochter nicht zugegen ist , dennoch den Käfer aus Rücksicht auf deine Delikatesse nur das Roß des Trygäos und die Fliege die blaue Schwärmerin nennen « , sagte Münchhausen , vom Manuskripte aufsehend . » Erlaube « - rief der alte Baron fast wütend . » Erlaube mir « , sagte Münchhausen , » dir die Geschichte von dem Käfer und der Fliege vorzutragen . « - » Dreht sich einem nicht das reine Herz im Leibe um « , rief einer der Gatten , » zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen ? O Brüder , laßt uns hier helfend einschreiten , laßt uns diesen Gefallenen die rettende Klaue reichen , entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen , die Fliege von der Leidenschaft , selbst die ungeborene Zukunft ihres Stammes einem verdorbenen Elemente einzupflanzen , machen wir Käfer und Fliege zu anständigen Leuten , die in der guten Gesellschaft fortkommen können ! « Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede . Einstimmig beschloß man , das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und anständig werden , sie möchten wollen oder nicht . Vorsichtig scharrte der Redner , der Ziegengatte Solon ( sie hatten sich lauter Namen von weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt ) , den Käfer von seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze , die sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen wurde . Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt , denn ehe ein Käfer zum Fliegen gelangt , dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen und Halsrecken . Schlauer mußte man mit der Fliege zu Werke gehen , der wohlbeschwingten Schwärmerin . Indessen gelang es dem jungen Plato , einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken , die zu Bessernde zu beschleichen , sie mit seinen Lippen zu erschnappen und zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen , worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde . Man teilte das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit , welche nicht verfehlten , an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten Anteil zu nehmen . Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde . Wir Zicklein und Böcklein mußten nun den Ort , wo das Pferd des großmütigen Engländers gestanden , rein scharren , die erwachsene Herde stürzte aber den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund , um von den beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum Laster zu entfernen . In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato , unterstützt jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins , ihre Reden und Ermahnungen an das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin . Solon lag vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines Löchlein , welches der Kiesel unbedeckt ließ ; Plato stellte sich an dem Feigenbaume auf die Hinterfüße , hielt sich mit den Vorderfüßen am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch , um sich verständlich zu machen . In dieser Stellung oder Lage hielten die beiden Böcke ihre Besserungsreden , wenn sie nicht fraßen , der eine die Feigen des Baumes , der andere das junge Laubgesproß , welches an der Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs . » Ist es denn nicht besser , sich an reiner und reinlicher Nahrung zu sättigen ? « sprach Solon zum Käfer , wenn er von dem Genusse des Laubes ausruhte . - » Fühlst du denn nicht , du armer Gesunkener , daß uns alle , Ziegen , Käfer und Fliegen , Zeus der Vater in die Furchen der brütenden Mutter aussäte , die Speise aus der Hand der Götter , nicht aber sie aus der Pforte , die da stets nur ausläßt und nimmer ein , zu empfangen ? Schreckliche , unbegreifliche Verirrung , das , was Trift und Gefilde heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt , zu verachten , und erst dann danach zu streben , wenn es , in den Hades gestoßen , dem gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört ! Liebst du des Hafers goldenes Korn , warum frissest du nicht Hafer ? Gelüstet dich nach dem Sproß des Grases , weshalb beißest du nicht in Gras ? Was reizt , was verführt dich , das alles erst umgestimmt , entmischt , abgenützt zu mögen ? Höre dieses freudige Knirschen und Rauschen vor deinem Kerker , vernimm , wie ich in dem saftigen , fetten Portulak , in der wilden bittern Kresse , in dem erfrischenden Sauerklee schmause . Könntest du denn nicht , wenn du frei wärest , neben mir brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter dich erfreuen , als einige Schritte weiter zurück , ein Helot und Barbar , zu harren , ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde ? Oder sagst du : Ich bin Käfer , du bist ein Ziegengatte ? Nun so blicke auf deinesgleichen , sieh , wie der kleine rote zirpende Schelm das süßduftende Blatt der Lilie nagt , wie der Runde mit kupferbraunen Flügeln und grünem Schilde im Schoße der Rose schwelgt ! Denen folge , denen schließe dich an , bei ihnen ist deine Stelle ! Friß Lilien , wenn du nicht Hafer , friß Rosen , wenn du nicht Portulak , Kresse und Sauerklee fressen willst ! « Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite versehen und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt . Plato , wenn er vom Feigenfraß rastete , hielt Ermahnungen ungefähr des nämlichen Inhalts an seine Schülerin . Auch er riet der Fliege auf das eindringlichste , verdorbenes Fleisch zu lassen , in Zukunft Feigen zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen . Er suchte besonders auf das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen , welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde , wenn sie statt in Dust und Dunst , da droben auf sonnebeschienenem , lüftegewiegtem Zweige auskäme . Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder Feigen , solange dergleichen noch am Baume hingen , dann nagte er die Zweige ab , so daß der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen anfing . Das Roß des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben . Sie waren beide schlichte , rohe Naturwesen ohne alle Theorie , praktischen Trieben ergeben . Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in den Kerkern umher , da ihnen dieses aber nichts half , so wurden sie still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu . Von denen verstanden sie nun aber nicht das mindeste , als , daß der Käfer Lilien und Rosen fressen , die Fliege sich zu Feigen wenden solle - Zumutungen , die Roß und Schwärmerin außer sich setzten , weil sie ihnen das Beleidigendste dünkten , was ihnen nur gesagt werden konnte . » Seelenverkäufer ! Seelenverkäufer ! « brummte der Käfer . - » Warum soll denn unsereins nicht fressen , was unsereinem schmeckt ? « - » Ich such ' , such ' , such ' Geruch ! « summte die Fliege . Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der Sittlichkeit , daß sie ihre Besserer draußen behaglich in Laub und Feigen knarpen hörten , und daß denen die tugendhaften ermahnenden Reden gleichsam nur dienten , sich der Verdauung halber nach dem Essen eine Bewegung zu machen . Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr ernste Gestalt an , denn sie bekamen natürlich nicht das allergeringste zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung zu einem reineren Leben jämmerlich ab . Das Trygäosroß wurde so matt , daß es kaum noch auf den Füßen stehen konnte ; die blaue Schwärmerin ließ kraftlos die Flügel hängen . In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte schlaue Trieb der Selbsterhaltung . Sie setzten sich vor zu heucheln , und gaben klägliche und melancholische Töne von sich . » Höre ! « rief Solon dem Plato zu ( denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe ) ; » das Laster schlägt in sich , die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren . « - » Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil « , versetzte Plato . Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten den Sinn der Bekehrten , indem Plato ein Stückchen Feige , welches noch am Baume gehangen hatte , vorsichtig in das Astloch schob , Solon aber ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die Felsritze zu bringen wußte . Roß und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung abscheulicher Anträge , wie sie ihnen vorkommen mußten . Die Schwärmerin wich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des Astloches zurück , das Roß stieß die Blätter , deren Geruch ihm den Atem raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien , mit den kurzen , kräftigen Beinen von sich ab . - » Niederträchtiger Gestank ! « brummte es . - » Sollte man ' s glauben , daß es Narren gibt , die an dem greulichen Zeuge Behagen finden ? Ich ersticke ! O meine Ambrosia ! « - » Feigen ! Feigen ! Feigen ! Kinderpapp ! Kinderpapp ! « tosete die Schwärmerin . Aber ihre Lage war zum Äußersten gediehen . Die Besserer draußen , das begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen , konnten es bei guter Nahrung mit ansehen , wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in die Länge zog . Hunger tut weh , Verstellung tat not , die draußen zu täuschen . Der Käfer überwand sich und fraß unter Verwünschungen und Zuckungen etwas Lilien und Rosen , welches er aber alsobald wieder von sich gab , so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuß ! Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der Feige einigermaßen und gleichsam zur Probe das , was von ihr im Namen der Tugend gefordert wurde . Plato und Solon hatten gelauscht und an dem Geräusche , welches drinnen entstanden , abgenommen , daß etwas Entscheidendes vorgefallen sein müsse . Öffnend jetzt die beiden Verließe , sahen sie Lilien und Rosen angenagt , das Feigenstücklein beschmeißt , Roß und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem Rücken liegen . Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und riefen : » Triumph ! die Tugend hat gesiegt ! Das Laster ist aus dem Busen dieser sittlich Verwahrloseten gewichen , sie werden nie wieder in ihre schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen ! « Der Jubel drang zu den übrigen Ziegengatten , welche ungeachtet ihrer Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in den kühnsten Sprüngen feierten . Auch die Mütter und uns Zicklein und Böcklein zog das Getöse herbei . Die Mütter wurden mit wenigen freudigmeckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in Kenntnis gesetzt , sahen Roß und Schwärmerin die Füße von sich strecken und vergossen Tränen der Rührung . Wie die Frauen denn immer mit blitzschneller Ahnung das Höchste , Richtigste treffen , so ging auch in den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens auf . - » Laßt uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar machen ! « riefen die Ziegen begeistert . » Verheiraten wir sie miteinander , und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien , Rosen und Feigen , als sie am Helikon finden können ! « Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage . Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben , ob selbiges Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte , und der kritische Bion erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen ; aber die erwähnten Bedenken fanden keinen Anklang , vielmehr rief der Chorus der übrigen einhellig : » Wo die Tugend zusammenführt , kommt es auf Neigung und Fruchtbarkeit nicht an ! « Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit schreiten . Plato und Solon nahmen das Trygäosroß und die blaue Schwärmerin auf ihren Rücken . Sie schritten voran , die ehrwürdigen Gatten folgten ihnen paarweise , denen folgten die rechtschaffenen und wohltätigen Mütter , hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und Böcklein , und so setzte sich der Zug nach dem Platze an der Hippokrene in Bewegung , wo die Hochzeit gefeiert werden sollte . Dort angekommen , nahm die alte verständige Sisi das Roß zwischen ihre Lippen , die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin . Sie trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine , stellten die beiden jungen Leute , welche von der freien Luft erfrischt , wieder stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden schienen , auf den Stein nebeneinander , und darauf schlossen wir alle , jung und alt einen weiten Kreis um das Paar . Das in der Eile entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge derselben an : Strophe ; Reden von Solon und Plato ; Gegenstrophe ; Zeremonie , Schlußgesang , gymnisches Spiel , Reigentanz , Festmahl . Eine der kleinen lahmen Grillen , die einzige , welche mit dem Kunsthackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden können , war zur Festsängerin ernannt worden . Als daher der Kreis sich gebildet hatte , schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle , netzte darin ihre Freßzangen ein weniges , verdrehte darauf die goldgelben Äugelein im Kopfe , erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske , nach vergeblichen Bemühungen , auf einen der Lorbeerbäume , den niedrigsten unter allen , zu gelangen , stimmte das Hackebrettlein , putzte die Freßzangen an demselben ab , und sang nun , das Kunstinstrumentlein schlagend , begeistert folgende : Strophe Der Käfer ist ein Schweinichen , Brumm ! Brumm ! Die Fliege hat sechs Beinichen , Summ ! Summ ! Die Fliege hat den Käfer lieb , Der Käfer ist ein Herzensdieb ; Summ ! Summ ! Brumm ! Brumm ! Brumm ! Brumm ! » Herrliche Poesie ! Nahrung für Gemüt und Gefühl ! « meckerten die Ziegen . - » Reines Gefühl , mit keinem Gedanken belastet ! Echt lyrisch ! « murmelten die Böcke . - Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar und redeten nacheinander . Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor , dann führten sie aus , daß die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei , immer zum Verzeihen bereit , dann kamen sie auf Lilien und Rosen , Feigen , Felsritzen und Astlöcher . Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter , im zweiten erhoben sie es , in der Nutzanwendung wußten sie selbst nicht mehr , was sie wollten - ihre Sermone hätten gleich als Muster von Kasualreden abgedruckt werden können . Ich glaubte zu bemerken , daß das Brautpaar auf die Reden nicht achte , sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine , teilte diese Beobachtung meinen Nachbarn mit , die jedoch , ganz in die Würde des Festes versenkt , meiner Worte nicht achteten . Nach den Reden sang die Grille folgende Gegenstrophe Und ist er denn ein Schweinichen , Brumm ! Brumm ! Und hat sie denn sechs Beinichen , Summ ! Summ ! So reicht einander jetzt die Füß ' Und sei der Ehestand euch süß ; Brumm ! Brumm ! Summ ! Summ ! Summ ! Summ ! Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte , und die Ziegen Sisi und Quiqui das Paar ersuchten einander die Füße zu geben , nahm die Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung . Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes hörbar , und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs , oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier . Ich weiß nicht , was dem Pferde begegnen mochte , das aber sah ich , weil ich auf der äußersten Linie des Kreises stand , daß das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen trug . Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine konvulsivische Bewegung , ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von weitem verführerische Botschaft zu , Roß und Schwärmerin sammelten ihre letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte , spreiteten die Flügel aus , und mit dem Gebrumm : » Mist ! Mist ! Mist ! « und mit dem Gesumm : » Luder ! Luder ! Luder ! « flog der Bräutigam rechts , die Braut links davon , ungerührt von Besserungsversuchen , Reden , Rührungen , Strophen und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen . Die entsetzte Überraschung der Freier , als Odysseus plötzlich aus Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden Pfeile vor sich hingoß , kann nicht größer gewesen sein , als der Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke , welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der Natur aus Lumpen hervorscheinen machte . Anfangs standen sie da , stumm , starr , regungslos , gleichsam ein großes Viehstück aus Stein , dann aber ergriff sie der haltungsloseste Taumel , und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander , entweder , weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen wollten , oder auch nur überschattet von dem Dämon , welcher sich ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt . Die Zicklein und Böcklein folgten , so daß die den Gipfel hinan und hinunter rennenden , springenden , stolpernden , stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben , wodurch er mehr der Kuppe eines thessalischen Zauberberges , als der heiteren musischen Höhe glich . Was mich betrifft , so war ich an der Quelle zurückgeblieben . Warum sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen ? Mein eigenes Schicksal machte mich bange . Ich fürchtete die Rückkehr der Herde . Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt , daß , um auch die letzten Reste der verhaßten Menschlichkeit in mir auszutilgen , ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Händen der Gatten übergeben werden solle . Dagegen sträubten sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig , wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen . Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen , so sehr ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete . Aber letztere hatten gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht , und ich empfand das innigste Grauen vor dem Augenblicke , der mich ihrer Atmosphäre so nahe bringen sollte . Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen geschrieben . Der Hufschlag des Pferdes näherte sich , und es kam ein ältlicher , dicker Mann , dem ein dünner folgte , nach der Stelle zu geritten , wo ich stand . Der Mann trug einen gelben Hut , einen gelben Rock , eine gelbe Hose und eine gelbe Weste , sah sehr blaß und aufgedunsen und äußerst verdrießlich aus . Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige Blick , mit dem er die Gegend überschaute , würde mich gelehrt haben , von welchem Volke dieser Fremdling sei , wenn ich ihn auch nicht sobald hätte reden hören . Der Diener half seinem Herrn vom Pferde , führte ihn zu dem Steine , auf welchem das Brautpaar gestanden hatte , ließ ihn niedersitzen , gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand , schob dessen Knopf unter sein Kinn , und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu . Der Herr ließ nämlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf die Reden des Dieners , welcher ziemlich gesprächig war . Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich , daß der gelbe Dicke ein reicher , vom Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war , welcher unweit Amsterdam und eine Stunde von Haarlem auf seinem Landhause gelebt hatte . Da sich die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen , so war ihm von seinem Arzte eine Reise in die südlichen Länder verordnet worden . Dazu wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit , bis in den Reichswald bei Kleve zu reisen . Der Arzt erklärte aber dagegen , er sei mißverstanden worden und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl , welche er wenigstens abzureisen habe . Der Holländer war hierüber anfangs , soweit sein Naturell dies zuließ , in einige Verzweiflung geraten , jedoch endlich , weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger Altniederländer war , und seinem Patienten mit größter Fassung Todestag , ja Todesstunde vorausgesagt hatte , wenn er nicht Folge leiste , genötigt gewesen , sich zu fügen , und an die Reise zu denken , die er in südöstlicher Richtung vornehmen mußte , da er südlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah . Um dies zu verstehen , muß gesagt werden , was ich aus den Gesprächen heraushörte , daß nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader Richtung , ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu erfüllen , verreisen wollte . Denn da ihm die Reise äußerst zuwider war , so haßte er alles , was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen hätte geben können . Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten , maß daran die Meilen , fand , daß ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des Helikon vollende , und war so , immer streng dem Striche nachreisend , und weder rechts noch links abweichend , allgemach auf den geheiligten Berg gekommen . Hier tröstete ihn nun der Diener , nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte , um ihn durch den Gedanken an die Notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten , mit dem Ausrufe : » Mynheer , wir sind am Ziel , und morgen geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück . « » Gottlob « , sagte der Holländer , der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus ein wenig erheitert fühlte , » und ich will , wenn wir nach Hause gekommen sind , ein Lusthaus anbauen und das soll heißen : Vreugde en Rust . Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen , möchte auch meine Wassersucht so überhandnehmen , daß alle Deiche von Seeland bedroht wären . Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres , als diese griechischen Gegenden , in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt , wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat , und der Himmel die unnatürliche blaue Farbe nicht los wird . « » Es kann nicht überall Altniederland sein « , versetzte der Diener und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife ; » es muß auch solche nichtsnutzige Striche Landes geben . « » Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte « , fuhr Mynheer van Streef fort , der jetzt etwas gesprächiger wurde , obgleich sein Gesicht so verdrießlich blieb , wie früher , » was für eine andere Gegend ist das ! Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zieht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw Elizabeth , und mitteninne liegt Welgelegen . Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und bequemen Dingen , von der Menagerie , von meinem mit bunten Steinen gepflasterten Hofe , vom Muschelhäuschen , von der Voliere , von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinthen , die hier elend wild wachsen - aber Sebulon , denke nur an die schöne Aussicht auf den Kanal , über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter , in der dann doch auch nicht eine einzige Erhabenheit , so groß wie ein Maulwurfshügel ist , und den Hintergrund von zwölf Windmühlen im Gange ! Und dann sieht man das nicht alle Tage , nein , einen um den andern Tag nebelt oder regnet es , so daß die Entbehrung das Glück , um sich blicken zu können , erhöht , und der Himmel bleibt immer , auch wenn es helles Wetter ist , bescheiden , mäßig und grau . Wie wird dir denn Sebulon , wenn du an alles das denkst ? « » Abscheulich wird mir zumute « , rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an den Boden , daß sie zerbrach . » Hole der böse Feind diese verdammten griechischen Wüsten ! « » Ereifre dich nicht , Sebulon « , sagte der Herr schläfrig , mit verdrossenem Mundhängen . » Ein Holländer ereifert sich nicht , oder er prügelt wenigstens jemanden dabei , auf daß der Eifer einen Nutzen habe . Mache mir jetzt Tee , das Wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein , wie es in diesem vermaledeiten Lande sein kann , denn freilich , Wasser von Utrecht ist es nicht . Ich will unterdessen in der Elektra unseres großen Vondel lesen . « Er nahm ein Buch aus der Tasche , schlug es auf , und las halblaut mit sonderbarem Pathos die Anfangsverse der Vondelschen » Elektra « : O zoon van Atreus zoon , die ' t opperste gezagh , In ' t Grieksche Leeger had , toen hy voor Troje lagh , Nu zietge zelf het gée , daer staegh uw hart naer haeckte . Dit ' s Argos , d ' oude Stad , daer uw gemoed om blaeckte . Dit ' s ' t woud van Jö zelf , dat dolgeprickelt dier . Het wolfsveld van Apol , den wolvenschrick , is hier , En dees vermaerde Kerck , die Argos Juno wydde , Rijst ginder hemelhoogh , aen uwe rechte zijde ... » Ja , ja « , unterbrach sich Mynheer van Streef , » das ist denn freilich etwas griechischer , als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft . « Er summte sacht in seinem Vondel weiter . Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine , welche sein Herr überall mit hinnahm , aus dem Mantelsacke hervorgeholt , Feuer angezündet , Wasser aus der Hippokrene geschöpft