zischte er vor Ingrimm kaum verständlich zwischen den fest verbissenen Zähnen hindurch . Nennen Sie es nicht so , sprach begütigend der Minister : Sie sind mein Gast , nicht mein Gefangener , nur für wenige Tage mein Gast , dann sind Sie sich selbst ganz überlassen . Doch ist es nothwendig , daß bis dahin Ihr Aufenthalt bei mir geheim gehalten werde . Bei Ihrem Chef werde ich Ihre kurze Abwesenheit unter dem Vorwande einer , in einem Auftrage von mir übernommenen Reise , zu entschuldigen wissen . Sie bewohnen ein Zimmer nahe an dem meinigen und nur einer , der treueste unter meinen Dienern , auf dessen Verschwiegenheit ich bauen darf , wird Zugang zu Ihnen erhalten , um Sie zu bedienen . Vortrefflich ! Alles auf das beste und bequemste . Nur eine Frage erlaubt Ihre Gnade mir wohl noch ; bleibt mein Kerkermeister bei mir im Zimmer ? oder darf ich hoffen , daß er sich damit begnügt , die Thüre meines zierlichen Gefängnisses von außen zu bewachen ? rief Richard in bittrer Ironie . Die Thüre Ihres Kerkers , wie Sie das freundliche Zimmer nennen , bleibt von Innen und Außen unbewacht , und Wladimir wird nur erscheinen , so oft Sie seiner Dienste bedürfen ; erwiederte der Minister etwas gereizt . Lassen Sie uns in diesem Tone nicht fortfahren , der uns allen Beiden nicht wohl thut ; setzte er milder hinzu : glauben Sie fest , ich hege die besten Gesinnungen gegen Sie , und werde Alles versuchen , um die gezwungene Einsamkeit , die ich während dieser wenigen Tage Ihnen leider nicht ersparen kann , Ihnen so wenig als möglich fühlbar werden zu lassen . Sehr gnädig , sehr herablassend ; doch die einzige Wohlthat , die ich jetzt mir noch erbitten kann , wäre allein bleiben zu dürfen , allein , ganz allein ! sprach Richard mit dem vollsten Ausdrucke starrer Verachtung , die durch die erzwungene Höflichkeit , welche er beizubehalten sich bemühte , nur noch fühlbarer wurde . Ihre Jugend , Ihre Unerfahrenheit , die seltsame Lage in der Sie sich befinden , und überdem ein gewisses Wohlwollen gegen Sie , dessen ich mich nicht erwehren mag , machen mich geneigt Ihnen mehr nachzusehen , als jedem Andern ; sonst würde das Mißtrauen , das Sie gegen mich durchblicken lassen , mich tief beleidigen . Doch Niemand kann dafür stehen , daß er immer Herr seiner Empfindungen bleiben werde , am wenigsten in so widerwärtig-unruhiger Zeit wie die , welche jetzt mich erwartet ; und ich bitte Sie darauf etwas Rücksicht zu nehmen ; sprach der Minister eindringlich ernst , aber nicht bedrohend . Erinnern Sie sich , fuhr er fort , daß ich mein Ehrenwort einsetzte , ich muß und werde es lösen ; jede Anwandlung von Zweifel wäre hier die höchste Beleidigung , die als Mensch und Edelmann mir widerfahren könnte , das müssen Sie selbst fühlen . Deshalb ermahne ich Sie sich zu beruhigen , selbst wenn Sie nicht ganz begreifen , warum ich so und nicht anders handle . Erwägen Sie zum Beispiel , ob nicht vielleicht Sorge für Ihre eigene Sicherheit mich bewegt , Sie auf kurze Zeit unter meinen Augen fest zu halten . Sorge für meine Sicherheit ! wiederholte Richard fast unartig trotzend . O du seltsames Gemisch von Muth und Verzagtheit , von feinem Scharfsinn und eigenwilliger Verblendung ! rief halb lachend der Minister , indem er sich anschickte , Richard sich selbst zu überlassen . Können Sie wirklich glauben , daß unsre heutige Unterredung noch lange ohne sehr merkbare Folgen bleiben werde ? und sollten nicht einige Ihrer ehemaligen Bundesbrüder sich bewogen fühlen , Ihnen für Ihren Antheil daran , auf ihre eigne Weise , ihren Dank auszudrücken ? setzte er noch hinzu , ehe er sich entfernte . Es währte einige Zeit ehe Richard zum deutlichen Bewußtsein der Lage kam , in welche er so ganz unerwartet gerathen war . Gefangen ! nach allem was zwischen ihm und dem Minister vorgegangen , nach so vielen schmeichelhaften Versicherungen , so vielen schönen Worten , gefangen , wirklich gefangen ! Es schien ihm unglaublich , und doch war es nicht anders ; denn wer ohne Bewilligung eines Andern den Ort nicht wechseln darf , ist ein Gefangener , man möge noch so geschickt einen wohlklingenderen Namen dafür aufzufinden suchen . Voll bittren , sehr verzeihlichen Unmuths , fing Richard jetzt an sein Gefängniß genauer zu betrachten . Die Lage desselben , am Ende eines langen Korridors , war eine der abgelegensten in dem sehr großen Gebäude ; die ziemlich hohen Fenster gingen auf einen mit Mauern umgebenen Hausgarten , ein bequemes Schlafkabinet befand sich dicht neben dem eigentlich recht hellen und eleganten Zimmer , beide zusammen hatten nur einen Ausgang auf den Korridor . Jetzt erst fiel Richard auf , daß er gleich bei seiner Ankunft in dieses Zimmer geführt worden war , wo alles schon im Voraus für seinen längern Aufenthalt eingerichtet zu sein schien . Die Thüre war von innen unverschlossen , außen war der Schlüssel abgezogen , ohne welchen man sie nicht öffnen konnte . Er trat hinaus auf den Korridor , lang und öde dehnte dieser in schauriger Abenddämmerung sich vor ihm aus ; keine lebende Seele ließ sich blicken , Niemand der ihn am Weitergehen hätte hindern wollen . Er ging , stand unschlüssig still , ging wieder ; Alles um ihn her schien wie ausgestorben ; schon sah er nahe vor sich den weiten Vorplatz der zur Treppe führte . Wie aus den Wolken gefallen stand jetzt Wladimir plötzlich vor ihm , ein paar brennende Armleuchter in der Hand ; bat sehr devot um Verzeihung , ihn so lange ohne Licht gelassen zu haben , und begleitete , ihm vorleuchtend , ihn zurück auf sein Zimmer , ohne seinen Befehl dazu abzuwarten . Ein Luftzug , vielleicht auch beim Hinaustreten Richard selbst , hatte die Thüre desselben zugeschlagen : Wladimir öffnete sie mit dem Schlüssel , den er bei sich trug , machte auf den Schellenzug ihn aufmerksam , bei dessen leisester Berührung er augenblicklich zur Erfüllung seiner Befehle herbei eilen werde , zeigte ihm wie bei Nacht , zu größerer Sicherheit , seine Thüre von innen zu verriegeln sei , erklärte das innige Bedauern seines mit dringenden Geschäften überhäuften Herrn ihn heute Abend nicht mehr sehen zu können , und ließ ihn endlich allein . Erbittert über alle diese Anstalten ihn täuschen zu wollen , eilte Richard zur Thüre , um den Riegel vorzuschieben ; sie war unverschlossen geblieben , wie zuvor , doch er kannte jetzt die Gränze genau , die seiner scheinbaren Freiheit gestellt war . Tausend wechselnde Gefühle stürmten auf ihn ein ; es ward ihm schwer sie genugsam zu bemeistern , um zu ruhigem Nachdenken gelangen zu können , wozu der Stoff von allen Seiten sich ihm entgegen drängte . Ihm schwindelte , wenn er den gewaltigen Unterschied zwischen gestern und heute erwog , wenn er die ungeheure Bedeutung des Schrittes bedachte , den er ohne Zögern , von einem unerklärlichen Impuls getrieben , gewagt , den er noch jetzt nicht unterlassen würde , wäre er noch zu thun , so mächtig fühlte er noch immer sich dazu getrieben . Ihm grauste vor sich selbst ; Verräther , Wortbrüchiger , Eidbrüchiger ! hallte es unaufhörlich in seinem Innern wieder . So werden Tausende fortan mich nennen und mir fluchen , wenn was ich gethan ruchbar wird , und die Folgen davon über sie hereinbrechen ; rief er : und kann ich mir selbst abläugnen , daß ich es bin ? und wie ist es möglich daß ich keine Reue empfinde ? Die gute Absicht kann keine ungerechte Handlung entschuldigen , lehren unsre Moralisten ; ich hätte diesen Ausspruch nicht aus den Augen lassen , ihn besser berücksichtigen sollen . Doch wo lebt der Schriftgelehrte , der in diesem Falle entscheiden könnte , auf welcher Seite Recht oder Unrecht liegt ? Dumpfe , unbestimmte Gerüchte gingen am folgenden Morgen leise flüsternd durch ganz Petersburg ; überall stieß man auf bedenkliche Gesichter , überall wurden geheimnißvoll-ängstlich wichtige Entdeckungen , bei Nacht vorgenommene Verhaftungen angedeutet , und doch wagte Niemand über das , was er dachte oder wußte , sich deutlicher auszulassen . Ein eigner Geist der Unruhe hatte sich der Einwohner der prachtvollen Kaiserstadt bemächtigt , und trieb sie von und zu einander , als hätten sie etwas sehr Wichtiges zu besprechen , und doch scheute sich Jeder vor dem Anfange . Kapellmeister Lange und seine Frau machten hierin keine Ausnahme ; im Gegentheil , ihre Angst , ihre Unruhe stieg von Minute zu Minute , bis der lebhafte Kleine endlich beschloß sich auf ' s Recognosciren zu begeben ; denn die Furcht , daß Richards Besuch , und der so dringend ihm empfohlene geheimnißvolle Auftrag desselben , mit der seltsamen allgemeinen Stimmung in Verbindung stehen müsse , drängte immer unwiderstehlicher sich ihm auf . Zuerst begab er sich in Richards Wohnung . Der alte Diener desselben kam mit ängstlichen Fragen nach seinem Herrn ihm entgegen ; seitdem dieser am vorigen Tage das Haus verlassen , hatte er dasselbe nicht wieder betreten ; Boris war dergleichen von seinem Herrn nicht gewöhnt , er hatte bei Caffarelli und an allen Orten , die er gewöhnlich zu besuchen pflegte , ihm nachgefragt , und immer vergebens . Der Brief an Pestel fiel bei dieser Nachricht dem Kapellmeister schwer aufs Herz ; Angst und Sorge trieben ihn , die ihm unbekannte Wohnung des Obristen aufzusuchen ; nach vielem hin und her Fragen wurde sie ihm endlich in einem sehr entlegenen Theile der Stadt nachgewiesen ; der Ton , mit welchem dieses von ihm ganz Unbekannten geschah , würde zu jeder andern Zeit ihm noch mehr aufgefallen sein als jetzt ; doch konnte er nicht umhin , ihn zu bemerken . Ohne sich dadurch weiter stören zu lassen , eilte er die Treppe hinauf , und fand die Thüre nicht nur verschlossen , sondern auch versiegelt . Eine starke Wache hielt sie von außen besetzt , fragte laut und barsch nach seinem Begehren , und schien nicht abgeneigt ihn selbst festzuhalten , weßhalb er , ohne mit Reden und Gegenreden sich weiter abzugeben , das Freie suchte , und herzlich froh war , als er sich wieder auf der Straße befand . Um nichts unversucht zu lassen , begab er sich noch ganz an das andre Ende der ungeheuern Stadt , in das Hotel des Fürsten Andreas ; doch auch hier wollte seit vielen Tagen Niemand von seinem Freunde etwas gesehn oder gehört haben ; übrigens war der Fürst noch nicht von der Reise zurück , wurde aber in diesen Tagen erwartet . Müde , bleich , niedergeschlagen , wie Frau Karoline ihn noch nie gesehen , langte er nach Verlauf mehrerer Stunden wieder zu Hause an , um Rapport abzustatten . Jetzt , wie die Franzosen zu sagen pflegen , bin ich am Ende meines Lateins ! seufzte er , als er damit fertig war . Jetzt , Du meine liebe Hausehre , zeige , daß Du eine kluge Frau bist , sage , was fangen wir an ? Freilich ist heute erst Mittwoch , der Tag , an dem wir nach seiner Anordnung uns still und ruhig verhalten sollen ; morgen erst bricht der Donnerstag an , der wunderliche , wie der wunderliche Freund selbst wunderlich genug ihn nannte . Doch Pestel ist in Arrest , keine Aussicht vorhanden , dieses Schreiben morgen in seine Hände zu bringen . Richard ist vielleicht dem schweren Kampfe unterlegen , dem entgegen gehen zu müssen , er uns gestand , als er uns gestern verließ . Vielleicht ist er aber auch noch zu retten , wenn die rechten Mittel schnell ergriffen werden ; nun aber sind wir , seine Freunde , im Dunkeln , während ihm jeder Aufschub lebensgefährlich werden kann ; was thun wir , wo ist Rath zu finden ? Hier , erwiederte Frau Karoline nach kaum Minuten langem Besinnen , indem sie Richards beide Briefe hervorsuchte : ob wir heute oder morgen unsre Verhaltungsregeln erfahren , darauf kommt wenig an ; setzte sie hinzu , indem sie mit rascher Hand das unbeschriebene Couvert erbrach . Es enthielt ein versiegeltes Schreiben an den Fürsten Andreas , und die an Lange gerichtete Bitte , dasselbe nicht nur verabredeter Maßen zur bestimmten Zeit sicher an die Adresse zu bringen , sondern auch den Brief an den Obrist Pestel , im Falle daß er diesen nicht habe bestellen können , dem Fürsten zu übergeben . Sollten aber , hieß es am Schlusse , unerwartete Ereignisse eintreten , welche auch dieses verhinderten , oder der Fürst von seiner Reise noch nicht wieder heimgekehrt sein , so ersuche ich Frau Karolinen , in eigner Person , unter irgend einem Vorwande , sich zur Prinzessin Helena zu begeben , und beide Briefe , in meinem Namen , zur Verfügung darüber ihr heimlich zuzustellen . Nun Gott Lob ! rief der Kapellmeister : nun weiß man doch wenigstens einigermaßen wie oder wo . Unerwartete Ereignisse sind , dächte ich , zur Genüge eingetreten ; wie wäre es daher , Alte , wenn Du Dich gleich aufmachtest ? Das bin ich sehr gesonnen ; erwiederte Frau Karoline pathetisch , die , sobald ihr nur einigermaßen leichter um ' s Herz wurde , nach gewohnter Art in ihre theatralische Manier verfiel , und diesesmal dem Marquis Posa die Antwort auf der Prinzessin Eboli Frage , ob er sie umbringen will , abborgte . Viel Zeit auf ihre Toilette zu verwenden , war in solchen Fällen nicht die Sache der immer zierlich und anständig gekleideten Frau , und so kam sie denn in möglichst kurzer Zeit vor dem Hotel des Fürsten an . Doch weiter zu gelangen war nicht so leicht ; die Ruhe die noch während des Kapellmeisters kurzer Anwesenheit hier geherrscht hatte , war verschwunden . Unter der Dienerschaft gab es viel hin und her Laufens , in allen Ecken steckten sie zischelnd die Köpfe zusammen , nach Ärzten wurde ausgesandt , Jemand , hieß es , sei plötzlich erkrankt , Einige nannten die alte Amme , Andre die Fürstin Eudoxia selbst ; Fürst Andreas war noch immer abwesend . Niemand bezeigte sich sonderlich geneigt um die fremde Frau sich zu bekümmern , oder auch nur ihr Rede zu stehn . Beleidigt , zornig , verlegen , wußte sie nicht ob sie zum Gehen oder Bleiben sich entschließen solle , doch zum Glück kam die junge Zoë des Weges , und erlöste sie aus dieser immer unangenehmer werdenden Lage . Nur ein einzigesmal hatte die Kleine , unter dem Schutze der Amme , einem großen öffentlichen Konzert beigewohnt , das zu einem wohlthätigen Zwecke gegeben worden war , und das noch immer , als hell leuchtender Lichtpunkt ihres kurzen einförmigen Lebens , in der Erinnerung ihr vorschwebte . Nicht wenig entrüstet , die bewunderte Künstlerin , die damals sie entzückt hatte , so verlassen mitten unter dem rohen Bediententroß stehen zu sehen , eilte sie sogleich auf sie zu , fragte sehr bescheiden nach ihren Befehlen , und fühlte sich wirklich geehrt , als Frau Karoline ihren Vorschlag annahm , ihr auf ihr Zimmer zu folgen , um dort die Prinzessin Helena zu erwarten , die für jetzt noch bei ihrer Mutter sich befand . Sie hatte vollauf Zeit sich auf diese Zusammenkunft vorzubereiten ; denn eine Viertelstunde nach der andern verlief , ohne daß sich etwas anderes sehen ließ , als Zoës freundliches Gesichtchen , das von Zeit zu Zeit in der Thüre sich zeigte , um sie um Verzeihung zu bitten und zugleich zur Geduld zu ermahnen , die fest zu halten , schwer zu werden begann . Im geselligen Umgange mit geistig ausgezeichneten Frauen , vor allen mit Künstlerinnen , schwindet bei Männern aus den höheren , selbst aus den höchsten Ständen , der Unterschied des Ranges ; daher war Frau Karoline in ihrem Hause daran gewöhnt , mit allen , die Zutritt in dasselbe erlangten , auf gleichem Fuße umzugehen , sie wohlwollend zu empfangen , und ihre Huldigungen sich dagegen gefallen zu lassen . Die hochtönenden Titel ihrer vornehmen Gäste glitten im lebhaften Gespräche eben so leicht und unbefangen ihr über die Zunge hin , als die Namen ihrer nur durch Talent und Geist ausgezeichneten Freunde . Doch bei ihrem eignen Geschlecht war dieses nicht so ganz der Fall , und konnte es füglich nicht sein ; weßhalb sie auch von jeher gern vermieden hatte , mit Damen von hohem Range in Berührung zu gerathen . Erziehung , Konvenienz , Etikette , richten zwischen diesen und andern Frauen eine Scheidewand auf , welche mit Grazie zu umgehen , von beiden Seiten nur sehr wenigen gegeben ist . Beim besten Willen von der Welt wissen in solchen Fällen die vornehmsten Damen nur selten das juste milieu richtig zu treffen ; sie thun zu viel oder zu wenig , während die Furcht , durch scheinbare Zudringlichkeit sich selbst etwas zu vergeben , die andre Partei abhält , durch Entgegenkommen auf halbem Wege sich und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern . Bei allen ihren übrigen trefflichen und liebenswürdigen Eigenschaften , machte Frau Karoline in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen Regel . Ohnehin hatte sie entweder nie geduldig warten gelernt , oder doch aus Mangel an Übung es wieder vergessen , und so war sie denn jetzt in einen Zustand von Mißmuth und Reizbarkeit hinein gerathen , der mit ihrem eigentlichen Wesen im vollkommensten Widerspruche stand . Nur für die liebe Langeweile , wie man gewöhnlich zu sagen pflegt , fing sie an von der Prinzessin , die so lange auf sich warten ließ , ein durchaus nicht schmeichelhaftes Bild sich zusammenzusetzen , und war eben im Begriffe diesem die letzte Vollendung zu geben , als die lang Erwartete am Ende doch unerwartet vor ihr stand , ihre Hände ergriff , sie neben sich auf ' s Sopha zog , ihr langes Ausbleiben mit dem plötzlichen Unwohlsein ihrer Mutter entschuldigte , und zugleich um Verzeihung bat , daß sie hier ihren Besuch annähme , und nicht in ihr eignes Zimmer sie führe . Hier darf ich erwarten ungestört mit Ihnen zu bleiben : sprach sie : und da ich jeden Augenblick wieder zu meiner Mutter abgerufen werden kann , so ist es mein sehr verzeihlicher Wunsch ohne Aufschub zu erfahren , auf welche Weise ich hoffen darf Ihnen nützlich zu werden . Ich will nicht erwähnen , daß ich seit längerer Zeit als Künstlerin Sie ehre und bewundere ; das ist etwas worin sich wenigstens die halbe Stadt Petersburg mit mir theilt ; aber unser beider Freund , Richard Wood , hat sie meinem Herzen weit näher gebracht , als Ihre Kunst es könnte , so bewundernswürdig sie auch ist ; und ich freue mich der Gelegenheit Ihnen dieses sagen , und hoffentlich auch beweisen zu können . Wie Frühlingsschnee vor der warmen Sonne , wie Spreu vor dem Winde , kurz wie alles leicht Vergängliche in der Welt , schwand vor Helenens hinreißender Liebenswürdigkeit nicht nur jede unbehagliche Empfindung aus Karolinens leicht beweglichem Gemüthe , sondern sie empfand auch bereuend das Unrecht welches sie , wenn gleich nur in Gedanken , ihr angethan und hätte es ihr laut abbitten mögen , wenn dieses thunlich gewesen wäre . Wenigstens ließ sie von ihrem regen Gefühle zu einem Ergusse von Vertraulichkeit gegen die schöne Freundin ihres Freundes sich hinreißen , der bis dahin gegen eine Dame von so hohem Range ihr unmöglich gedünkt hatte . Eine Ahnung des Verhältnisses zwischen jenen beiden stieg , ungeachtet seiner Unwahrscheinlichkeit , in ihr auf . Sie gestand , daß nur Sorge um Richard sie zu der Prinzessin getrieben , und helle Thränen , die sie kaum zurück zu halten vermochte , perlten dabei in den guten treuen Augen der kleinen Frau . Auch ich habe seit vielen Tagen nichts von ihm vernommen ; gesehen habe ich ihn zwar gestern früh , doch ohne ihn zu sprechen . Das darf uns aber weiter nicht beunruhigen , liebe Madame Lange : erwiederte Helena sehr weich und freundlich . Er ist Militair und die Pflichten seines Standes treten zwischen ihm und seinen Freunden oft sehr gebieterisch ein . Wie ich zufällig hörte , ist er in einem wichtigen Auftrage seines Chefs versendet . Mein Mann suchte ihn diesen Morgen in seiner Wohnung auf ; seit gestern Vormittag haben seine Diener nichts von ihm vernommen , nichts von einer Reise . Nicht den unbedeutendsten Befehl haben Sie von ihm erhalten , der auf eine solche Bezug haben könnte : sprach Karoline , ihre Stimme zitterte merklich ; Helena saß neben ihr , bleich wie ein Marmorbild . Sie wissen mehr als dieß : flüsterte sie in namenloser Angst : bedenken Sie es wohl , wir wuchsen mit einander auf , er ist der Bruder meines Herzens , meiner Wahl ; kann irgend ein lebendes Wesen auf Erden es besser mit ihm meinen als ich ? Theure , theure Freundin meines Freundes , zögern Sie nicht , sagen Sie mir Alles ! Sie haben einen Auftrag an mich , Sie sollen vielleicht auf etwas Entsetzliches mich vorbereiten ; o reden Sie , sprechen Sie es aus , fürchten Sie nichts , ich ertrage alles , nur nicht diese peinlich langsam zögernde Qual ! Helena hatte anfangs Karolinens Hände bittend ergriffen , dann ihren Nacken umschlungen , dann sie an sich gezogen , fest , immer fester ; Karoline fühlte das ängstlich pochende Herz an ihrem Busen schlagen , sah dicht vor sich das schöne bleiche Gesicht , das Auge voll heißer Liebesbitte , und war ohne weitere Erklärung die Vertraute des reinsten innigsten Liebesbundes geworden . Und so entsagte sie fortan jeder Bedenklichkeit , die sie bis dahin noch abgehalten , alles was sie auf dem Herzen hatte , frei und offen auszusprechen . Umständlich , und doch für ihre Zuhörerin noch immer nicht umständlich genug , trug sie jedes Wort ihrer letzten Unterredung mit Richard ihr vor , beschrieb sein seltsames ungewöhnliches Benehmen , wiederholte die fast verworrenen Reden , die ihm , gleichsam unwillkürlich entschlüpften . Helena hing indessen an ihren Lippen , an ihren Augen , als gälte es dem Glück ihres ganzen Lebens , daß kein Ton , kein Blick ihrer Aufmerksamkeit entginge . Und so verließ er uns , indem er die Besorgung seiner beiden Briefe uns nochmals dringend empfahl : endete Karoline : wohin er sich gewendet , ist uns unmöglich zu errathen . Sorge um ihn , die seltsamen Gerüchte , welche dumpf und beängstigend die Stadt heute durchziehen , vereint mit der Verhaftung des Mannes , an welchen einer dieser Briefe gerichtet ist , haben uns bewogen die Erfüllung seines Auftrages um einen Tag zu beschleunigen . Seit ich Sie gesehen , bin ich über diesen Schritt beruhigt , und lege alles vertrauensvoll in Ihre Hände , setzte sie noch hinzu , indem sie die beiden Briefe nebst dem Zettel , in welchem Richard an Helena sie gewiesen , ihr übergab . Wie jetzt alles steht , haben Sie das Beste erwählt : erwiederte Helena , schwer aufathmend , mit erzwungener Fassung : außerordentliche Ereignisse scheinen wirklich im Anzuge zu sein , und was uns Allen bevorsteht , kann Niemand vorhersehen . Doch kommt mein Vater hoffentlich noch heute ; dann lege ich gleich , in der ersten Stunde , alles in seine Hände , und Sie und ich sind jeder Verantwortlichkeit enthoben , was in solchen Fällen für unser Geschlecht immer das Rathsamste ist : setzte sie mit einem Lächeln hinzu , das wie ein Sonnenstrahl in das Herz ihrer Zuhörerin drang . Zoë erschien in diesem Augenblicke um zu melden , daß die Fürstin Eudoxia ihre Tochter mit Ungeduld erwarte . Sie hören es , liebe Madame Lange , andere Pflichten rufen mich jetzt , aber wir sehen uns wieder , und das bald . Sie haben Ihr Vertrauen an keine Unwürdige verschwendet , und vielleicht zugleich einen tieferen Blick in mein Herz gethan als - erröthend stockte sie , umarmte ihre neue Freundin , und eilte davon , von weit schwereren Vorgefühlen gedrückt , als sie es sich selbst gestehen mochte . Längst schon war Helena , ungeachtet ihrer großen Jugend , in die Geheimnisse ihres Vaters eingeweiht gewesen ; beide wußten nicht genau , wann oder wie sie dazu gelangte : es war eben ganz allmälig , gleichsam von selbst dazu gekommen . Fürst Andreas war von seinen patriotischen Ideen für die Verbesserung der allgemeinen Wohlfahrt zu erfüllt , um im engeren Kreise seiner Familie und vertrauten Freunde sie nicht vorzugsweise zum Gegenstande der Unterhaltung zu wählen ; und die warme Theilnahme , mit welcher seine jüngste Tochter ihm ihre Aufmerksamkeit zuwandte , während er oft den Anflug von Langerweile sich nicht ganz verbergen konnte , welcher bei seinem etwas breit gedehnten Vortrage des oftmals Gehörten den übrigen Theil seiner Zuhörer zuweilen überkam , erhob die Kleine gar bald zum Hauptgegenstande seiner väterlichen Liebe und Sorgfalt . Mit Entzücken sah er die junge Pflanze unter seinem Schutze an ihm emporranken , immer herrlicher sich entfalten , immer inniger mit seinem eigentlichsten Wesen sich verzweigen . Von ihm geleitet , entwickelte Helena nicht nur die edelsten und liebenswürdigsten Eigenschaften ihres eignen Geschlechts , sondern auch solche , die von demselben , in diesem hohen Grade kaum erwartet werden : Muth und Geistesgegenwart in dringender Gefahr , unbestechliche Urtheilskraft unverbrüchliche Verschwiegenheit , und jenes tiefe ritterliche Gefühl für Ehre , das den Mann zum Helden erhebt . Helena , durch Lehre und Beispiel ihrer Mutter darin bestärkt , sah ihrerseits von ihrer frühesten Kindheit an in ihrem Vater das Bild der segnenden Gottheit auf Erden . Mit jener kindlichen Pietät , die einen Grundzug im Charakter ihres Volks ausmacht , hing sie an ihren beiden Eltern , in inniger Verehrung und Liebe , und hätte den kleinsten Zweifel an das Urtheil , an den edlen hohen Sinn ihres Vaters , sich nie und nimmermehr verziehen . Nie kam es ihr in den Sinn mehr erfahren zu wollen , als er ihr mitzutheilen für gut fand ; daher kannte sie von den Geheimnissen des Bundes nur die glänzende Seite , die mit des Fürsten Plänen und Unternehmungen in Zusammenhang stand , und mochte nicht mehr davon wissen , wenn gleich mancher Argwohn der Kehrseite desselben sich zuweilen ihr aufdrängen wollte . Sie bauete mit Zuversicht auf ihren Vater , der wohl wisse was recht und erlaubt sei ; er aber trug eine Art religiöser Scheu davor , ihre reine Phantasie mit Bildern von Greuelthaten zu beflecken , deren Ausführung abzuwenden , stets in seiner Macht stehen würde , wie er wähnte . Im festen Vertrauen auf die unbegrenzte Liebe , den unbedingten Gehorsam seiner Kinder , auf die treue Anhänglichkeit seiner Gemahlin , war Fürst Andreas wenig daran gewöhnt , in ihrer Gegenwart sich den mindesten Zwang in der Unterhaltung anzuthun , oder seine Worte abzuwägen ; und so hatte denn die Fürstin ihrerseits aus halbverstandnen Äußerungen sich manches zusammengesetzt . Das Einzige , worüber sie zu einer Art von Gewißheit gelangte , war das Dasein eines geheimen großen Vereins , an dessen Spitze ihr Gemahl mit allen seinen wohlthätigen Plänen und Projecten sich gestellt hatte . Sie sah voll inneren Jubels dem Tage sehnsüchtig entgegen , an welchem der geliebte Mann wie ein gottbegabter Wunderthäter auftreten und die Schaaren seiner Widersacher , an welchen es ihm , wie sie wußte , nicht fehlte , vor sich niederschlagen würde . Die vor einigen Tagen in Mitchells Begleitung angetretene Reise schien ihr gleichsam nur eine letzte Vorrichtung , eine Art Vorspiel zu der großen Haupt- und Staatsaction zu sein , deren Entwicklung sie bei des Fürsten Heimkehr , in den nächsten Tagen , stolz und erwartungsvoll entgegen sah . Die Sonne stand schon ziemlich hoch , als Eudoxia eines Morgens , zwischen Schlaf und Wachen , den ihrem Gemahl bevorstehenden Triumph auf das glänzendste sich ausmalte , bis eine Schreckensgestalt plötzlich ihre beglückenden Träume verscheuchte . Die noch immer halbkranke Amme war es , die gefolgt von dem Heere von Kammerfrauen zu ihr eindrang ; mit verzerrtem Antlitz , zitternd , bis zum Unkenntlichen entstellt , trug sie ihr in heulendem Tone die wunderlichsten Gerüchte vor , die bis in ihr abgelegnes Zimmer so eben gedrungen waren . Von Verhaftungen , von ausgebrochnen Unruhen in der Stadt , von revolutionairen Bewegungen war die Rede . Die Namen des Fürsten , vieler Großen , und auch Richard Wood wurden bei dem Allen genannt . Einzelne Unbekannte , in Hut und Mantel tief Verhüllte , sollten beim Portier eifrig und ängstlich nach des Fürsten Heimkehr sich erkundigt haben . Die Fürstin starrte die Unglücksverkünderin an , begriff aus ihren verworrenen und verwirrenden Reden nur , daß etwas höchst Unglückliches sich zugetragen habe , und sank vom Schrecken übermannt in Ohnmacht hin . Die Kammerfrauen , die sich der Amme nach , hinter den Vorhängen des Alkovens zusammengedrängt hatten , brachen in überlautes Wehklagen aus . Die Verwirrung wurde groß , sie wäre noch größer geworden ; doch Zoë , die von jugendlicher Neugier getrieben , überall , wo etwas Ungewöhnliches vorging , zugegen war , hatte glücklicher Weise Besinnung genug , ihre Gebieterin herbeizurufen . Helena erschien ; und obgleich selbst innerlich beunruhigt , behielt sie doch Fassung genug dieses zu verbergen , und dem unnöthigen Gelärme zu steuern . Die Fürstin erholte sich aus ihrer tiefen Ohnmacht und gelangte , unter dem tröstlichen Zureden ihrer Tochter , bald wieder zu einer Art von Beruhigung , die nicht wieder unterbrochen wurde , weil Helena Sorge trug , alles was diese stören konnte , von ihr fern zu halten . Es fehlte nicht daran ; die Nachricht von dem plötzlichen Erkranken der Fürstin hatte unter ihren näheren Bekannten sich schnell verbreitet . Ein eben nicht gefahrdrohendes Krankenbett ist in der höheren Societät ,