ja gemein und platt sich dieses Herumliegen von Menschengestalten auf unsern gebräuchlichen deutschen Theatern immer ausnimmt . Der Cadet , als Kosinsky , hatte Beifall , doch schien dieser Aufzug gegen den vorigen gehalten , nur matt und unbedeutend . Der vierte Akt war wieder um desto glänzender . Franz und Karl erheben sich hier schon zur höchsten Leidenschaft , und obgleich Ehrenberg hinter der Szene alles bereitgelegt hatte , was zur Umkleidung und Verstellung notwendig war ; obgleich ihm der gewandte Bassist die schnellste und aufrichtigste Hülfe leistete , auch noch einige Diener eben dazu angewiesen waren : so erstaunten alle Zuschauer dennoch über die fast an Wunder grenzende Schnelligkeit , mit welcher sich Ehrenberg fast unter ihren Augen und doch so unbegreiflich in das Gegenteil von der Person verwandelte , als welche er nur soeben erschienen war . » Ja « , rief Dülmen immer wieder von neuem aus , das ist der echte Hokuspokus , der in der Kunst so notwendig ist ; ein ungebildeter Mensch könnte an Zauberei , oder gar an ein Bündnis mit dem Teufel glauben . So gelangte man denn zu der großen nächtlichen Szene am Turm . Die beiden Virtuosen hatten wieder eine schöne Hörnermusik besorgt , die sich in der Dämmerung sehr gut ausnahm . Auch jetzt bewährte sich die Bühne als sehr bequem und brauchbar , denn man hatte die Säulen durch gemaltes Mauerwerk verhängt , eine scheinbar mächtige Eisentür verschloß die innere kleine Bühne ; aus dieser kam nun , nachdem Karl Moor den Turm geöffnet hatte , der alte Graf wie ein Gespenst hervor ; und Anrede , Antwort und Beschwörung des Greises , alles dies konnte gleich natürlich und verständlich im nahen Vorgrunde , allen bemerklich , geschehen ; und das Zurückfahren des Entsetzens , das stumme Spiel des Räubers , die Ohnmacht des Alten , alles dies brauchte nicht erst aus dem Hintergrunde hervorgezogen zu werden . Diese gewaltigen Szenen üben ihr Vollgewicht , auch ohne Genie dargestellt , aus , wieviel mehr auf diese Zuschauer , die den besten Willen , sich täuschen zu lassen , besaßen , und dem Hauptschauspieler schon im voraus ihre Bewunderung entgegentrugen . Im letzten Akt fühlte sich Leonhard völlig verstimmt , indem jener Traum des Franz , den er zu dem Sublimsten rechnete , was die Poesie je hervorgebracht hat , von dem Stümper so völlig entstellt , ja vernichtet wurde . Dieser war nur bestrebt , stets erneuten Schrecken zu heucheln , Schwindel und Ohnmacht anzudeuten , und alle jene kleinen Künste und Zufälligkeiten anzuwenden , die völlig verschwinden müssen , wenn das Gewaltige und Übermenschliche eintreten soll . Nun stürmten die Räuber Geschrei , Heulen , Fackeln , Schießen , kurz alles fand sich wieder zur Genugtuung der Kunstfreunde , in Überfülle , Franz erdrosselt , Schweizer erschießt sich ; und die letzte Szene und der Schluß nahten heran , sowohl zur Zufriedenheit der entzückten , als der völlig ermüdeten Zuschauer , zu denen vorzüglich Elsheim gehörte , dem es aber , so erschöpft er auch sein mochte , nun noch oblag , als Wirt den wesentlichsten Teil seiner Rolle zu übernehmen . Seit die Mutter zurückgekommen war , hatte er , da die Gesellschaft zu zahlreich war , zwei Tafeln eingerichtet . An der zweiten , an welcher er selber oft , sowie eine der Damen , sich niederließ , um keinen Rangstreit oder Empfindlichkeit zu veranlassen , war auch Ehrenberg seit seiner Ankunft eingefügt worden . Die Virtuosen hatten sich auch abwechselnd gern dort eingefunden , weil der Ton hier freier , und das Wort lauter sein durfte . Als man sich daher umgekleidet hatte , und man sich ordnen wollte , dachte er , auch diesmal den Künstler in jenes Zimmer zu verpflanzen ; die alte Freiherrin aber , die mit ihren drei Töchtern auf Elsheims Bitte heut die Funktion der Wirtin übernommen hatte , bestand darauf , daß der Schauspieler neben ihr obenan als König der Tafel sitzen müsse . Noch lauter verlangte dies die Familie Bellmann und der alte Dülmen mit seinen Begleitern . Schulz und Schulmeister , nebst einigen aus der Gemeine , der Gärtner , nebst dem Förster , sowie dessen Tochter , ergötzten sich also an jenem zweiten Tisch , zu welchem sich auch freiwillig die beiden Virtuosen verfügten , sowie der Professor Emmrich , der sich wohl schon hinlänglich an den Kunstgesprächen und Kenntnissen jener fremden Gäste erbaut haben mochte . Man war an beiden Tischen sehr fröhlich , diesmal aber am vornehmeren ohne Vergleich am lautesten . Als der Wein die Zungen beredt machte , sprudelten die Herren von Einfällen und Bemerkungen über . Man trank des Künstlers Gesundheit unter Anklingen , Jubel und Geschrei . Er dankte und zeigte sich sehr verbindlich und artig , vorzüglich gegen die Damen . Ernestine , die zweite Tochter , wandte kein Auge von ihm ab , so sehr war sie auch von seiner Persönlichkeit bezaubert . Der derbe Forstmann war der erste , der , schon halb berauscht , fast unter Freudentränen mit Ehrenberg auf altdeutsche Weise Brüderschaft trank ; seinem Beispiel folgte der dicke Amtmann , und endlich auch der korpulente Dülmen . Es war ein Jubel von Biederherzigkeit und deutscher Gesinnung . Der älteste Bellmann , von dieser Hochherzigkeit begeistert , stand ebenfalls auf , um in derselben Weise mit Ehrenberg anzustoßen ; doch der Vater , der es noch zur rechten Zeit bemerkte , zog ihn gelinde am Rockschoß zurück , und nötigte ihn wieder auf seinen Platz , indem er leise sagte : » Nicht also , Freund Bastian ! Unterschied der Stände und Geschlechter muß sein und bleiben ; sich so zu verduzen , auch mit dem allerbesten Künstler , geziemt unsereinern nicht . Trink du Schmollis und auf Duz mit Kammerherren , Gutsherren und deinesgleichen , so viel du willst , bis du unter den Tisch fällst , und dich vier Bediente nach Hause tragen müssen , dagegen werde ich als leiblicher Vater nichts einwenden , aber nicht mit Musikanten und solchen Leuten ; denn , siehst du , wenn sie nun einmal wieder mit dem Teller herumgehen , so bist du doch völlig blamiert und in Kadenzierung . « Trotz dieser Warnung aber ward Ehrenberg auf sein Gut eingeladen , ebenso wie zu der Freifrau und dem Baron Dülmen . Sie nahmen sich vor , auch in ihren Häusern dieselbe , oder ähnliche Komödien aufzuführen , und Ehrenberg sollte die Sache anordnen , und die Söhne des alten Bellmann zu solchen Künsten abrichten . Die alten Damen sahen sich schon in zärtlichen und erhabenen Rollen in glänzenden Schleppkleidern auf dem erleuchteten Theater . » Sie bewundern mich zuviel « , sagte der vom Lobe berauschte Ehrenberg in einer Pause , » und vorzüglich auch deswegen , weil es mir vielleicht gelang , diese beiden großen und wichtigen Rollen bedeutsam zu spielen ; - was aber sagen Sie zu jenem Wagestück , daß ich mehr als einmal das ganze ungeheure Schauspiel ganz allein aufgeführt habe ? « » Ganz allein , Mann , Bruder ? « schrie Dülmen beinah erschreckt ; » ganz allein , du Herzensjunge ? Tausend Sapperment , das nenn ich Kunst ! Und mit den Weibsen und den Liedern und dem Schießen und all den Hunden und den verfluchten Bullenbeißern ? Du bist ein großer Mann und mehr als wir alle , aber das kann ich doch zeitlebens nicht begreifen . « Es war jetzt nicht Zeit und Gelegenheit , begreiflich zu machen , unter welchen Einschränkungen und Bedingungen die Sache etwa nur möglich sei , denn die Fähigkeit zu verstehen war so ziemlich , auch zum Teil die zu hören , erloschen . Diese dithyrambische Verwirrung benutzte Bellmann , um seinen Söhnen noch in später Nachtzeit durch sein Exempel ein heilsame Lehre einzuprägen ; er erhob sich mit seinem Glase taumelnd und lallend , die drei Söhne mußten ihm folgen , einer hinter dem andern ; so kam das Geschwader zu Elsheim . Der Alte hielt eine kurze , unsinnige Anrede , und so sah sich Elsheim durch den symbolischen Akt des Trinkens und Umarmens um vier Brüder bereichert , die ihm , wenn er an Leonhard dachte , in seine nur kleine Sammlung nicht zu passen schienen . Übermüdet stand man auf , indem fast schon der Morgen graute . Die Fremden fuhren , nachdem sie noch einmal ihr Herz gegen Elsheim in den stärksten Danksagungen ergossen hatten , nach Hause . Elsheim , Leonhard und der Professor konnten lange den Schlaf nicht finden , so verstimmt fühlten sie sich . Das nämliche fast begegnete Ehrenberg , den aber der Schlummer floh , weil die Entzückung nicht weichen wollte . So viel er auch schon erlebt haben mochte , so war er doch noch niemals so verehrt , und sein Talent noch niemals in gleichem Grade anerkannt worden . Nur wenige im Hause hatten in dieser Nacht ruhig geschlafen . Selbst die Frauen , die nur in der Ferne das Schießen , Schreien und Toben der Schlacht , die Trompeten und das Hundegebell gehört hatten , waren dadurch so aufgeregt worden , daß sie auch späterhin die erquickliche Ruhe nicht finden konnten . Die alte Baronesse sagte : » Es ist mit der Kunst eine sonderbare Sache , daß zuweilen solche fast greuliche Explosionen stattfinden , die dem ruhigen Menschen ein Grauen vor der ganzen Erfindung beibringen könnten . In meiner Jugend hatte man von dergleichen keine Vorstellung . Ich fürchte nur , mein Sohn setzt sich in diesen Extravaganzen fest , und trägt in seinem Kreise auch dazu bei , die schon verwirrte Zeit immer mehr zu verwirren . « Beim Frühstück , welches heute viel später als gewöhnlich eingenommen wurde , verabredete man eine Spazierfahrt auf morgen , an welchem Tage die alte Dame eine Familie in der Nachbarschaft in Gesellschaft der Tante besuchen wollte . Alle waren erstaunt und zum Teil betrübt , als Elsheim erklärte , daß er die Mutter nicht begleiten könne , weil er seinen Freund Leonhard eine halbe Tagreise bringen wolle , der morgen schon , von Briefen aus der Heimat gedrängt , das Schloß verlassen würde . Die Mutter beklagte den Verlust des freundlichen jungen Mannes , dessen stilles , sicheres Wesen ihr immer so wohlgetan habe . Bei Tische war die Unterhaltung weniger belebt als sonst , da mancher zum Teil noch die Ermüdung des vorigen Tages fühlte , andere aber einer gewissen Wehmut sich nicht erwehren konnten , weil der von allen geliebte Leonhard jetzt aus ihrem Kreise scheiden sollte . Nach Tische beurlaubte sich dieser bei der Mutter , welche ihn sehr freundlich entließ . Charlotte war gegen ihn ganz heiter und unbefangen , auch so gesprächig , als wenn kein anderes Verständnis je zwischen ihnen obgewaltet hätte . Sie drückte ihm wiederholt die Hand , lachte , blickte ihn mit hellen Augen an , und wünschte ihm alles Glück , indem sie hoffte , daß sie sich späterhin wiederfinden würden . Albertine saß abseits im tiefen Fenster und trocknete unbemerkt einige Tränen . Als er zu ihr ging , sagte sie , ohne daß es die fern Sitzenden hören konnten , sehr gerührt zu ihm : » Mir ist , als wenn mit Ihnen unser guter Genius von uns schiede ; besonders verläßt unsern Elsheim mit Ihnen sein Schutzgeist . Ihnen muß es immer gut gehen , denn sie sind selbst so gut . Ich kann mir kein besseres Glück denken , als Sie bis zum hohen Alter hinauf zum Freunde zu haben ; denn Sie sind echt und treu , in jeder Lage des Lebens kann man sich auf Sie verlassen . Sie werden uns , hoffe ich , so wenig , als wir Sie vergessen . « Leonhard war gerührt und küßte innig bewegt ihre schöne Hand . Es war ihm , als müsse er ihr die Versicherung geben , daß sie sich gewiß künftig noch öfter sehen würden ; doch unterdrückte er diese ungehörige Prophezeihung , indem er mehr wie je von der fast überirdischen Schönheit dieses edeln Wesens ergriffen wurde . In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verführerische Reize gegen diese adelige Klarheit wie verdunkelt , und zwar um so mehr , da er beim Umblicken auf den Lippen jener ein halb boshaftes Lächeln wahrzunehmen glaubte . Bei den übrigen beurlaubte er sich kürzer . Mannlich war nicht zugegen ; auch Graf Bitterfeld nicht , der , nachdem ihn eine Unpäßlichkeit einige Tage auf seinem Zimmer festgehalten , heute den Künstler Ehrenberg zu seinem Freunde , dem Baron Dülmen , begleitet hatte . Die Virtuosen nahmen von ihm einen leichtfertigen , heitern Abschied , denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt , als daß irgend etwas sie hätte ernster stimmen können . Nur die kleine Dorothea sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf , um ihm recht herzlich zu seiner Reise Glück zu wünschen . Die Kleine konnte sich der Tränen nicht enthalten , weil sie mit großer Rührung dabei ihrer Freundin Albertine gedachte . Späterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes . Vielfache Gespräche wurden noch gewechselt , mancherlei Erinnerungen geweckt . » Wir scheiden noch nicht « , sagte Elsheim endlich , » denn ich begleite dich morgen noch einige Meilen . Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder . Nicht wahr diese Zeit hier ist für uns beide eine sonderbare Schule gewesen ? « » Das Bewußtsein , daß ich etwas gelernt habe « , antwortete Leonhard , » muß sich wohl erst später bei mir melden ; denn jetzt bin ich noch zu betäubt , um das nahe Vergangene , das eben Erlebte fassen zu können . « Leonhard stand auf , als wolle er gehen , kehrte aber wieder zurück . Elsheim hatte wohl im Lauf des Gesprächs gefühlt , daß sein Freund von irgend etwas gehemmt und gedrückt werde , und doch scheute er sich , den Namen Charlotte zu nennen , weil es ihm schien , als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen über sie . Endlich faßte sich dieser ein Herz , nahm einige Briefe aus seiner Tasche und sagte hastig : » Erzeige mir die Freundschaft , diese drei Briefe , in jeder Woche einen , in mein Haus zu senden ; ich habe sie geschrieben , als wenn ich noch bei dir wäre . Ich ahnde , daß ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde ; daher will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden , die ich immer so sehr geliebt habe , ergehen , und mag nicht von der Landstraße , wie ein Umstreifer , nach Hause schreiben . Sollten von dort Briefe ankommen , wie ich nicht glaube , so hebe sie mir auf , bis ich dir melde , wohin du sie schicken kannst . « Elsheim konnte es nicht unterlassen , seinen Freund mit einiger Verwunderung zu betrachten ; dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit , und als sich der Baron allein sah , sagte er zu sich : Man lernt einen Menschen doch niemals völlig kennen , und dieser gar ist einer der verwunderlichsten . Wie ernsthaft und dringend kündigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf ; sein Handwerk , seine Pflicht , seine Gattin , alles rief ihn gebietend und schnell in seine Heimat ; - und nun , ohne meine Verführung , wie er es nennt , geht er gar auf eigne Hand aus , um weiß der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben . Es ist wohl etwas in uns , ein starker Magnet , der unwiderstehlich zu einem unsichtbaren , aber mächtigen Magnetberge hingezogen wird . Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte , lief ihm der Professor Emmrich , der lange geschlafen hatte , und auch nicht am Mittagstisch erschienen war , entgegen . » Sie reisen ? « rief er und umarmte ihn herzlich : » das beste Glück begleite Sie auf allen Ihren Wegen , denn Sie verdienen es . Ich hoffe , künftigen Winter in Ihrer Heimat zuzubringen , vielleicht immer dort zu wohnen , und in diesem Fall gehört es zu meinen besten Wünschen , daß aus unserer Bekanntschaft hier sich eine wahre Freundschaft bilden möge . Ich habe es Ihnen wohl angemerkt , daß Sie nicht so ganz in das etwas wüste Getreibe hier passen . Ihre Seele ist zu ruhig , Ihr Geist zu ernst , als daß er sich lange in der Unruhe gefallen könnte . « Auf sein Zimmer angelangt , fühlte Leonhard jene Beklommenheit , die uns immer anwandelt , wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird , und eine neue anhebt . Jene trübe Angst quälte ihn , indem er nun den Ort , und wohl auf immer wieder verlassen sollte , in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt hatte . Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Säle und Zimmer , die sich ihm nun auf immerdar verschlossen , die hinter ihm wie in ein Nichts verschwanden . Er erinnerte sich des Abends , an welchem er angekommen war ; wie sonderbar die starken Mauern , der Eingang , der Vorplatz ihn begrüßt hatten ; wo das große , weite Zimmer ihn empfing , welches oft zum Speisesaal benutzt wurde ; und hinter diesem der weite viereckige Gartensaal , in welchem sich bei schönem Wetter die Gesellschaft fast immer versammelte . Rechts und links die vertraulichern Cabinete , und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter , die es gern vermied , die Treppen , so breit und bequem sie auch waren , zu besteigen . Oben waren die verschiedenen Gastzimmer und der weite , ausgedehnte Rittersaal , der , bevor Leonhard das Theater darin aufgeschlagen hatte , so wüst und leer , so öde und schauerlich aussah . Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers , welches , neben den Gemächern der Domestiken , der alte Joseph bewohnte , und das dieser so sonderbar und altertümlich ausgeschmückt hatte , als eben der freundliche , stets zierlich gekleidete Greis selber zu ihm trat . » Ich lasse es mir nicht nehmen « , rief er aus , » Ihnen packen zu helfen ; denn das übrige Volk hier ist zu solcher Arbeit zu ungeduldig und viel zu ungeschickt . So ein recht anständig gefüllter Koffer oder Mantelsack muß ganz wie ein vollständiger Mensch sein , jedes an seiner Stelle . Es ist nicht genug , daß die Sachen darin liegen , oder nicht verderben ; man muß auch leicht alles finden können , und Herz muß nicht mit Kopf , Magen mit Hand und Fuß in Widerstreit geraten . « Er lächelte , und bemächtigte sich sogleich , indem er keine Widerrede gestattete , des Mantelsacks . Auch zeigte er sich als Meister , indem er mit Sicherheit alles , ohne Kleidern und Wäsche Gewalt anzutun , einzufügen wußte . » Ja , lieber Herr Leonhard « , sagte er dann selbstgenügsam , » sehen Sie nur zu und merken Sie es sich , denn Sie können , so geschickt Sie auch sein mögen , hier noch etwas lernen . Seit funfzig Jahren und länger habe ich bei allen Reisen für die Baronin , den seligen Herrn und schon dessen Vater das Einpacken besorgt , weil man es mir am sichersten anvertrauen durfte . Bei keinem Geschäft in der Welt ist die Langsamkeit so sehr die wahre Eile , als bei diesem . Sie sehen , mein Plan ist vorher gemacht , und nun muß sich auch alles wie von selber schicken . « Leonhard mußte die Sicherheit bewundern , mit welcher der kleine behende Mann hantierte , ohne daß er je nötig hatte , ein Stück anders zu legen , als er es gleich bestimmt hatte . So schloß sich bequem der Mantelsack , und Joseph sagte dann : » So sollte es freilich mit allen Geschäften in der Welt sein ; aber das ist denn doch nicht möglich . In der Wissenschaft mag es sein wie im Staat , in der Regierung wie im Denken ; es ist allenthalben ein Überlei bei wichtigen Dingen , das sich nicht so bequem will einpressen und quetschen lassen . Ja , ja , die größte Kunst ist dann wohl Ausbeugen , Gutmachen , oft fünfe gerade sein lassen , wo die gerade Zahl doch auch nicht zum Ziele führt . « » Leben Sie denn wohl , lieber Herr Joseph « , sagte Leonhard ; » ich danke Ihnen für alles , auch für diese Ihre gütige , freiwillige Hülfe . « Der Alte gab ihm die Hand ; und sowie er jetzt in das feine redliche Gesicht des berührigen Greises schaute , in diese immer noch so klaren Augen , konnte er es nicht unterlassen , den alten Diener recht herzlich zu umarmen . Joseph schien gerührt und sagte dann : » Mann , Sie sind ein ganzer Mann ! Bleiben Sie so , in dieser edlen , noblen Manier , und lassen Sie sich in Zukunft nicht wieder für einen Professor ausgeben . « » Wie meinen Sie ? « fragte Leonhard erstaunt . » Was ist denn auch ein Professor so Großes « , schwatzte jener weiter ; » aber ich kenne darin unsern jungen leichtfertigen Herrn , der die Leute gar zu gern zum besten hat . Ich vermutete gleich so was , als Sie mir den tiefen Diener beim Aussteigen machten , wo Sie mich für meine Herrschaft hielten . Waren Sie vornehm als Professor , der schon viel mit Adeligen gelebt hatte , so warteten Sie , falls ich wirklich Graf oder Marquis war , geduldig , bis Sie sich mir vom Baron erst hatten vorstellen lassen . Und als ich Sie nun beim Theaterbau so rüstig und tätig sah , wie Sie bei allem selbst Hand anlegten , wie geschickt Sie , ohne erst mal zu probieren , den Hobel führten - was ein schweres Ding ist , wie ich es aus eigener Erfahrung und Stümperei weiß - wie Sie mir dann ein paarmal die Hand gaben : da hatte ich es mit aller Sicherheit weg , daß Sie ein Professionist , und zwar ein Tischler sind . Ja , Männchen , die Hände , die sonst hübsch sind und gut gebaut , müssen Sie einem jeden Kenner verraten . Denn Bein Wuchs , Kopf , Mund , alles kann Anstand und Feinheit gewinnen , aber die harten , um ein weniges zu großen Hände , können Sie so wenig , als ich die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen , loswerden . Und wozu auch ? Ich habe mich um so mehr an Ihnen gefreut und keinem Menschen von meiner Entdeckung gesagt . Ach , die Vornehmen ! sie müssen ja immer mehr und mehr das Regiment in unserer verwirrten Welt verspielen . Nicht wahr , dieser Graf Bitterfeld , und gar diese Herren Dülmen , Bellmann , und wie sie alle heißen mögen , diese werden viel ausrichten ? Die Figuren hier auf dem Teppich , diese Sterne , nicht wahr , sie machen das Muster ? Gewiß , und jedes Auge sieht sie auch gleich dafür an . Der Grund wird nur beachtet , weil er diese Formationen , welche die größeren und kleineren Sterne bilden , hervortreibt . Aber ist es nicht derselbe Faden , der Grund und Stern macht , das Bemerkte und Unbemerkte ? Das hat die vornehme Welt schon seit zu lange vergessen . Nun veralten , verbleichen die Sterne , die Fäden reißen ab , und der dunkle Grund wird die Hauptsache . Glauben Sie mir , wir sind an der Zeit , und zwar ganz nahe , daß viele Handwerker so fein , klug und gebildet sein werden , wie eben Sie . So wie der gemeine Mann sich mehr fühlt , und seine unnütze Verlegenheit vor den Höheren ablegt , so ist er durch sich selbst schon gescheiter . So dachten sie aber , die Armen , da man ihnen so vieles von ihrem früheren Recht genommen hatte , sie müßten sich krümmen und bücken , und wenn sie unter sich wären , grob und ungeschliffen sein . Darein setzten sie dann ihre Freiheit . Sind erst viele so , wie Sie , Mann - und gewiß gibt es schon viele , und sie werden noch wachsen : so darf das Volk auch wieder mitreden . Überhaupt , Herr Leonhard , es müssen andere Zeiten kommen ; die Welt hat sich abgenutzt ; sind Sie nicht auch der Meinung ? Der Malvolio wird gehänselt und abgesetzt ; aber der Narr , so viel hübsche Einfälle er auch hat , wird doch hoffentlich auch nicht zur Regierung kommen ? « Mit diesen Worten entfernte sich der redselige Alte . Sechster Abschnitt Frühmorgens fuhr Leonhard mit Elsheim vom Schlosse ab . Alles schien noch im Hause zu schlafen ; nur Joseph begleitete die beiden Freunde bis an den Wagen . » So wäre denn « , fing Leonhard an , » diese sonderbare Lebensepoche für mich beschlossen . Wie hat sich alles so anders gestaltet , als wir es uns beim Ausreisen vorbildeten ! Wann sehe ich dich wieder ? « » Ich hoffe « , antwortete der Freund » - ich möchte sagen , ich weiß es gewiß - im Winter . Dein Leben hier , sagst du , sei beschlossen ; das meinige freilich noch nicht . « Sie sahen jetzt in der Ferne , rechts vom Wege , jene Waldhütte liegen , die ihnen beiden so merkwürdig war . » Ich verstehe deine Blicke , Freund , rief der Baron aus , und ich erkenne die Größe deiner Freundschaft auch darin , daß sie mir dies Opfer hat bringen können . « » Nenne es nicht so « , sagte Leonhard ernst ; » in gewissem Sinn ist unser ganzes Leben eine Aufopferung . Wie wenige unserer wahren Wünsche können sich erfüllen ! und diejenigen Träume , welche eintreffen , sind , in Wirklichkeit verwandelt , oft sich unähnlich , nicht wiederzuerkennen . Und so tragen , dulden , zweifeln und genießen wir im wechselnden Taumel und trauriger Nüchternheit . Die Jugend fällt von uns ab ; selbst das Heiterste dünkt uns töricht ; man setzt sich an die Tafel , um zu schwelgen , und steht darbend und ernüchtert auf , weil uns die früheren Gelüste anwidern ! « » Sei nicht so melancholisch « , rief Elsheim , » sonst verdirbst du mir meine eigene Lust . « Der Wald empfing sie , und der Anblick des Schlosses entschwand ihnen . » Ja wohl « , sagte Elsheim , » entschwindet uns die heitere Unbefangenheit der Jugend ; auch mich drückt dieses Gefühl . Man wird nicht klüger , sondern nur zweifelnder und träger . Aber eben darum wollen wir die Neige dieses Götterweins behaglich und schlürfend genießen . - Sieh « , sagte er mit erhöhter Stimme , » jetzt sind wir schon in Franken . « Leonhard sah um sich , und Elsheim fuhr fort : » Da du es mir gestanden hast , daß du dein teures Nürnberg in heiliger Andacht , wie ein Wallfahrer besuchen willst , so bist du auch wohl so gefällig , diesen Brief dort abzugeben . Er eilt gerade nicht , darum kannst du ihn nach deiner Bequemlichkeit bestellen ; aber vergessen wirst du ihn nicht . « » Gewiß nicht « , sagte Leonhard , und legte das Blatt sorgfältig in seine Brieftasche . Im nächsten Städtchen machten sie halt , erquickten sich und nahmen Abschied . Leonhard war ganz träumerisch , und hörte nur wenig von dem , was ihm der Freund noch sagte . So schieden sie , und auch Elsheim war zerstreut , weil seine Phantasie schon in jenem Waldhäuschen war , wo er jetzt , nach wenigen Stunden , die reizende Charlotte zu finden hoffte . Im Städtchen nahm Leonhard einen andern Wagen , um eine Seitenstraße einzuschlagen , welche ihn in wenigen Tagen nach seinem geliebten Nürnberg bringen sollte . Während er so einsam weiterfuhr , spürte er seiner Verstimmung nach , und suchte die Ursache dieses quälenden Mißgefühls zu entdecken . Er mußte es sich gestehen , daß er seinem Freunde mit einem gewissen Neide nachgeblickt hatte , indem ihm in frischem Glanz die Schönheit seiner lieblichen Feindin vorschwebte . Auch die sichtbare Eile und Zerstreuung Elsheims beim Abschiede hatten ihn verletzt . Aber noch eine Empfindung traf er an , die er sich erst ableugnen wollte , und die dennoch immer wieder emportauchte . Er hatte seinem Freunde und dessen Liebhaberei , sosehr er selbst dabei ergötzt war , doch eine bedeutende Zeit geopfert ; er war selber oft sehr tätig gewesen , und hatte bis zur Ermattung gearbeitet . Alles dies wußte Elsheim , und war selbst oftmals Zeuge davon gewesen . Er hatte also erwartet , daß ihm der Freund beim Abschiede irgendeine Summe würde aufdringen wollen , die er abzulehnen und nicht anzunehmen fest beschlossen hatte . Noch in der Nacht hatte er sich die Reden und Gründe wiederholt , die er dem Baron entgegenhalten wollte , um sein Verweigern auf jede Weise zu rechtfertigen . Dieser Wettstreit der Freundschaft und Großmut war nun nicht eingetreten ; und - sagte Leonhard zu sich selbst - sollte mir das nicht erwünscht sein , statt mich zu kränken und zu betrüben ? Ich war so fest entschlossen , seine großen Ausgaben , die sein Leichtsinn wohl bis zum Unverhältnis steigern mag , nicht zu vermehren - aber unser törichtes Herz ist aus so seltsamen und feinen Fasern gewebt , die uns oft lange verborgen bleiben , wie es eben jetzt meiner Eitelkeit wehe tut , daß meine beabsichtigte Aufopferung und freundschaftliche Großmut gar nicht zu seiner Kenntnis gelangt ist . Es fiel ihm bei , daß er dennoch nicht mit leeren Händen nach Hause zurückkomme . Es war