dessen ungeachtet nicht blöde , es ganz seinem Verdienste um die Erziehung seiner Töchter zuzurechnen , als der Herzog von Nottingham seinen ältesten Sohn für Lady Anna vorschlug . Den Zusatz , im Falle die jungen Leute Neigung zu einander gewönnen , acceptirte er mit dem mitleidigen Lächeln des überlegenen Mannes , denn er schien ihm nur auf das richtige Schicklichkeitsgefühl Beider zu deuten . Es freute ihn , Beide gleich gut auf diese Weise versorgt zu wissen , ohne übrigens in Bezug auf seine Tochter über die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen , daß sie eine eben so stille Kreatur , als ihre Mutter sei . Von ihrem künftigen Gemahl Genaueres zu wissen , als seine dereinstigen Titel und Einkünfte oder seine jetzige vortheilhafte Aufnahme bei Hofe , würde ihm sogar unschicklich erschienen sein . Lord Ormond fand um so nöthiger , die lückenhafte Stellung seines Schwagers in dessen Familie zu ergänzen , da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon klar ward , daß sie Beide nicht umsonst die Töchter dieses stolzen und heftigen Mannes waren , und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurtheilung der Karaktere ihrer Kinder besaß , als ihr Gemahl . Lord Ormond war durch eine bittere Täuschung in der Liebe von dieser zerstreuenden und abziehenden Thätigkeit der Seele früher , als seine Jahre es natürlich machten , auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen worden . Er erschien dadurch älter , ja , er war es ; denn die Leidenschaft hatte anscheinend ihr Recht zu einer Zeit über ihn verloren , wo gewöhnlich dieser Streit noch längst nicht abgethan zu nennen ist . Er hatte sich bemüht , aus der trostlosen Verödung des Schmerzes sich durch eine muthige und vollständige Resignation empor zu heben . Er hatte dem Leben erklärt , daß es ihm für sich nichts mehr zu gewähren vermöchte ; er hoffte so ein Bollwerk aufgeführt zu haben zwischen sich und einer möglichen Wiederholung so leidenschaftlicher Zustände , an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken konnte , in dem Bewußtsein , unter ihrem Einflusse , dem Himmel , sich selbst und dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein . Seine schöne , vom Himmel so reich begabte Natur folgte willig der Anweisung , sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben , und er erkannte die Welt als vollständiger und reichhaltiger in dieser uneigennützigen , bezuglosen Ansicht . Wer aufgehört hat , sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen , der gewinnt bald einen feinen und scharfen Blick für das Bedürfniß Anderer , und die kleinsten Anforderungen üben über ihn dasselbe Recht der Theilnahme , als die breit in das Leben einschreitenden Begebenheiten , die Jeder erkennt . Die Kinder seiner Schwester erfüllten ihn mit einer Zärtlichkeit , die durch das Gefühl , ihnen nützlich sein zu können , erhöht ward . Als er seine Nichten zuerst wiedersah , war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr . Er mußte sich bald überzeugen , daß , wenn auch Anna ihm eben so innig anhing , als Ollonie , doch sein Einfluß auf sie ein bedingter sein würde , da sie , so alt geworden , ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein , jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zurückzuführen vermochte , die doch , ihrer gefährlichen Anlage nach , nöthig schienen . Ihr Herz gehörte zu den stillen Organen ihres Wesens , denen man zwar das Leben nicht absprechen kann , die aber nicht stark genug wirken , um der übermüthigen Verstandesthätigkeit das Gleichgewicht zu halten . Die Folge davon war ein jäh aufwachsender Egoismus , ein stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen , das nur der Gelegenheit bedurfte , um in ungezügelter Lebendigkeit ins Leben zu treten . Ihr Oheim , gerührt durch den gefahrvollen Zustand des schönen Wesens , wollte ihre Fehler unter einander sich bekämpfen lassen , und nachdem er bald durch Theilnahme ihre Liebe erworben , behandelte er sie mit einer schonenden Achtung , die stets das Gute , das er ihr wünschte , als schon vorhanden annahm und die Erreichung des Besten als in ihrer Natur liegend voraussetzte . Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behütet , und ihr Verstand war ein unbestechlicher und scharfer Beobachter . Sie unterlag der nicht zu läugnenden Betrachtung , daß sie das nicht war , was dieser geliebte Oheim ihr zugestand , aber indem sie ihn selbst höher achten mußte , als alles bisher Bekannte , rief ihr Stolz den Entschluß ins Leben , sein ehrendes Urtheil wirklich zu verdienen . Das hatte der Menschenfreundliche gewollt . Jetzt sah er bald , daß sie zur Selbstbeobachtung geführt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte , womit er Alles eingeleitet zu haben glaubte , wodurch diesem lang verwöhnten Gemüth aufzuhelfen war . Auch hatte er später die Freude , bei dem Entstehen ihrer Liebe zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohlthätige Hülfe zu sehen , die dies wärmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen Natur verlieh . Ihre Fehler waren zusammengesunken , der Athem des Wohlwollens hob die Brust , und die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer sehnsüchtigen Hoffnung . Also , seufzte ihr Oheim , die Liebe , die so Vielen zum Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reißt , legt diesem ungezähmten Kinde wohlthätige Fesseln an . Sie war wohl noch dieselbe , aber gewiß blieb , daß sie eines starken Gefühles fähig war , und somit für diesmal gerettet . Ganz anders war sein Gefühl und sein Verhältniß zu Ollonie . Dies holde Kind hing sich bald mit der ganzen Fülle ihres zärtlichen Herzens an den geliebten Oheim , und Ormond schaute mit Entzücken und auch mit heimlicher Sorge in dies feurig gefühlvolle Herz . Es schien ihm den Stempel des Leidens von der Natur empfangen zu haben , er wußte am besten , welchen Gefahren sie unschuldsvoll dies zarte , empfängliche Innere entgegen trug , und seine Zärtlichkeit , seine Sorgfalt für sie , trug den Karakter der Hingebung , womit wir den lieben , den wir von einem harten Schicksal bedroht wissen . Ganz im Gegentheil von ihrer Schwester war der Lord hier einzig bemüht , die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu mäßigen und ihren Verstand vor einer Unterdrückung zu behüten , zu der die Gelegenheit sich stets geschäftig zeigte . Er betrieb selbst ihren Unterricht ; nur aus seinen Händen empfing sie ihre Lektüre , ihre Noten , ihre Vorbilder zum Zeichnen . Ihre Zeiteintheilung , Arbeit und Belustigung , Alles war von ihm angeordnet , und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Wesen mit einer Innigkeit , von welcher der eigene Vater keine Ahnung in sich fühlte . Jetzt war Ollonie fünfzehn Jahr , in großer Schönheit erblüht , und wenn auch stets noch phantastisch und überwallend , und einer gleichmäßigern Entwickelung ihrer Natur nach vielleicht nicht fähig , doch gerade um so interessanter in dieser bewegten , geistvollen Abschweifung von dem Gewöhnlichen . Ormond behielt den holden Zögling stets im Auge , ihre Zukunft erfüllte ihn noch immer mit Sorge , und er kannte nur einen Mann , dem er sie gönnte , nur einen , welchem er den so von ihm gehegten Schatz übergeben mochte , und dies war , sein Liebling eben so sehr als Mann , wie Ollonie als Weib , kein anderer , als Lord Richmond . Graf Archimbald hatte ebenfalls für seinen Neffen und dereinstigen Erben diese Wahl getroffen , und es hatte Ormond seinen ganzen Einfluß gekostet , der beabsichtigten Abschließung dieser Angelegenheit die nähere Bekanntschaft der jungen Leute vorausgehen zu lassen . Die Anwesenheit Aller in Burtonhall , wohin auch er mit Erlaubniß des Königs , der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte , sich begeben durfte , sicherte ihm die Hoffnung , selbst die Herzen seiner jungen Freunde beobachten zu können , da Graf Archimbald sich sehr bereit zeigte , seinen Neffen im Auftrage dahin zu senden , und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen dieser so wünschenswerthen Angelegenheit . In diese Gedanken vertieft , sehen wir ihn seinen jungen Freund erwartend umher wandeln , als plötzlich die Thüren sich öffneten und die junge schöne Marquise Danville eintrat , die , begleitet von einem Pagen , der ihr vorleuchtete , durch diesen zur Verbindung mehrerer Gemächer dienenden Saal eilte , um sich nach ihren Zimmern zu begeben . Sie gab ein mächtiges Erschrecken vor , hier dem einsam wandelnden Lord zu begegnen , aber die Bewegungen des Erstaunens kleideten sie so ungemein gut , daß sie dieselben über Gebühr verlängerte , und es sei uns der Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit um so eher vergeben , da Lord Ormond vornehm , reich und mit allen persönlichen Vorzügen geschmückt war , die von dieser geschickten Frau nicht übersehen werden konnten . Auch hatte das Schicksal die Lady bisher schlecht bedacht . Im vierzehnten Jahre war sie bereits dem alten Marquis Danville vermählt , und obgleich jetzt Witwe und Besitzerin eines bedeutenden Vermögens , wünschte die junge Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlässigung , die ihre Jugend erfahren , durch den Besitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszugleichen . Wenn nun auch Lord Membrocke sich fast bereit zeigte , durch Darreichung seiner Hand sich in Besitz ihrer Reichthümer zu setzen , und wenn sie es auch nicht aufgeben mochte , ihn als ihren Bewunderer gelten zu lassen , hatte sie doch Verstand genug , Lord Ormond für eine bessere Partie anzusehn . Sie war daher während ihres Beisammenseins mit ihm schon alle mögliche Versuche , ihn zu fesseln , durchgegangen , ohne ihrem Ziele näher gerückt zu sein . Ha , rief sie , Lord Ormond , Ihr seid böse , mich arme , erschütterte Frau so zu erschrecken , wie konnte ich Euch hier ahnen ! Ich bin bekümmert , Mylady , rief der Lord , ihr höflich entgegen tretend , und gebe zu , daß meine Gegenwart unerwartet ist ; aber erlaubt mir nun , Euch meinen Arm zu geben , um Euch nach Euern Gemächern zu geleiten . Der Lady war dies zwar ganz recht , daß der Lord sie aber nun wirklich ohne Weiteres mit aller Höflichkeit und unaufhaltsamen Schrittes durch den Saal zu führen begann , zertrümmerte alle ihre Hoffnungen , die auf ein so interessantes Zusammentreffen gestützt waren , welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt vorübergehen sollte . Die kühlen , höflichen Worte Ormonds ließen nämlich nicht die kleinste Scene einleiten , und so hatten die in so getheiltem Interesse Wandelnden die Gallerie erreicht , woran die Zimmer der Dame stießen , als Beider Gedanken abgelenkt wurden , durch eine vor ihren Augen sich begebende Scene . Sie sahen nämlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen , an ihrer Seite im lebhaften Gespräch einen Mann , den sie Beide augenblicklich für Lord Membrocke erkannten . Jetzt blieb die Dame stehen , sie wendete sich und schien ihren Begleiter entfernen zu wollen ; Lord Membrocke kniete nieder und schien flehend ihre Theilnahme zu fordern . Die Dame beugte sich , ob zum Abwehren oder Erhören seiner Bitten , blieb unentschieden , da Beide jetzt erschreckt auffuhren , indem Lord Richmond , der sich zu Lord Ormond begeben wollte , sie fast erreicht hatte und durch seine absichtlich lauten Schritte sich jetzt kund gab . Die Dame verschwand rasch in einer Thür , und Membrocke eilte grüßend an Richmond vorüber . Die Heuchlerin ! rief die Marquise , dieser Hochmuth vor den Augen der Welt , und doch eine Intrigue mit diesem sittenlosen Lord ! Wen meint Ihr , rief Ormond heftig bewegt ; wie könnt Ihr entscheiden , wer diese Dame war , da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns irren können , sicher irren . Irren ? rief die Lady stolz und kalt , indem sie ihren Arm aus dem seinigen zog , irren ? Wo wäre denn zum zweiten Mal diese neu erstandene Maria Stuart , die Ihr selbst wohl hinreichend kennen müßt , da Eure Augen sie stets begleiten und jetzt Eure Furcht vor ihrer Beschimpfung Euch hinreichend verräth . Ja , glaubt nur , Mylord , diese Erbin von Maria ' s Reizen ist auch die Erbin ihres bösen Blutes , ich durchschaute sie schon längst . - Um Gotteswillen , Lady , mäßigt Euch und seid nicht so grausam voreilig , es kann nicht sein , sicher Ihr irrt , es war nicht Lady Melville . - Mit Hohn blickte die erzürnte Dame in das Gesicht des Grafen , dann rief sie bitter lächelnd : Unser Streit wird bald zu schlichten sein . Dort kömmt Lord Richmond ; er war ihnen ganz nah , er wird entscheiden können , wer diese zweideutige Dame war . Hierher , Lord Richmond ! Meine Schritte sind gehemmt durch Erstaunen und Unwillen . Wie ist es möglich , daß Lady Melville sich zu diesem Liebhaber verstehen konnte ? Erzählt uns , habt Ihr gehört , was sie sprachen ? Wollte er sie umarmen , erhörte sie sein Flehen ? - Unter diesen stürmischen Fragen der Lady war Richmond näher gekommen . Aber auch die listige Stellung ihrer Fragen sollte ihr zu keiner Bestätigung helfen ; denn Richmonds zartes Gefühl erkannte mit Widerwillen die heftige Schadenfreude , womit sie das Böse zu vernehmen trachtete , und war sogleich entschlossen , ihr diese nicht zu gewähren . Lord Membrocke habe ich erkannt , erwiederte er ihr daher in gemessenem Tone , über die Dame aber , in deren Nähe er sich befand , kann ich nicht urtheilen , da das Licht in der Gallerie zu unbestimmt ist , wie Euer Gnaden selbst bemerken werden . Ein kurzes , bitteres Gelächter brach hier aus dem Munde der höchlichst getäuschten Lady . Nun , Mylords , rief sie heftig , wenn Ihr Beide Eure Augen nur habt , wenn es gilt , diese Abenteuerin zu bewundern , so seid sicher , mein Auge war scharf genug , diese angebliche Lady Melville zu erkennen , und ich weiß jetzt genug von ihr . Ich wünsche Euch angenehme Träume , fügte sie spöttisch hinzu und verschwand in der Thüre , die zu ihrem Zimmer führte . Die beiden Freunde kehrten schweigend nach dem Saale zurück , wohin sie zu kommen sich verabredet hatten , aber ohne der ersehnten traulichen Mittheilung zu gedenken , wandelten sie neben einander mehrere Mal auf und ab , bis endlich Lord Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anredete : Sprich , Richmond , giebt es keinen Zweifel , bist Du gewiß , daß sie es war ? Sie war es ! erwiederte er ernst , denn sie ist nicht zu verkennen . Großer Gott ! rief Ormond heftig , welch ' ein Zusammenhang knüpft dies Wesen an den nichtswürdigen Buben ? Ich kann nicht glauben , was diese Danville auszusprechen wagt ; ein anderer trauriger Zwang muß sie beherrschen . Sie steht verlassen ohne natürlichen Beistand da , jung und unerfahren ; welch ' ein Höllengedanke , daß es dem gelenken Bösewicht gelingen könnte , diesen Engel zu verlocken ! Und , sagte Richmond , bist Du wirklich sicher , daß sie dieses gute Vorurtheil verdient ? Hast Du seither im täglichen Verkehr sie so genau geprüft ? Ich kann mich zum Vertrauen noch nicht stimmen lassen , obwol ich es theilnehmend anerkenne , daß es ein hartes Loos ist , so da zu stehn , wie sie . Der kleinste Zweifel an der Reinheit einer Frau hängt sich verunstaltend um sie , wie ein böses Schlinggewächs um der Säule ebenmäßigen Bau ; und Zweifel mindestens hat sie erregt . Kannst Du die Räthsel lösen , die ihr Leben , ihr Erscheinen unter uns begleiten ? Kannst Du des Argwohns Dich überheben , wenn Du sie kennst ? Ich kenne diese geheimnißvollen Umstände , ergriff nun ruhiger Ormond das Wort , und weiß sie nicht zu lösen , doch fern bleibt von mir jeder Argwohn . Kenne sie nur erst und laß sie selbst Dir Zeugniß ablegen von der unverfälschten Reinheit ihrer Seele ! Sie fühlt den Schmerz , der ihrer Lage zugetheilt ist , nur als das trostlos plötzliche Vereinsamen eines in Liebesfülle aufgeblühten Kindes ; doch fern liegt ihr die Ahnung einer ihr dadurch aufgedrückten Zweideutigkeit . Sie hat den festbegründeten Stolz der Unschuld und jenes rührende Vertrauen in die Wahrheit noch , durch deren offne Enthüllung sie sich selbst und uns allen glaubt Genüge gethan zu haben . Sie lebt so ohne Furcht vor uns in diesem Kreise , daß sie sich um nähere Enthüllung ihres geheimnißvollen Lebens nur deshalb sorgend müht , weil sie der Unruhe ihrer Freunde über ihr Verschwinden denkt und es sich selig träumt , diejenigen der Ihrigen , die sie noch am Leben hofft , uns zuzuführen . Daß uns das Erscheinen dieser Freunde zum Zeugniß über sie auch nöthig scheinen könnte , ahnt ihre Seele nicht . Und wer muß ihren unbekannten Freunden nicht Zeugniß hoher Einsicht ablegen , wenn er die Erziehung dieses Mädchens kennt ? Die Natur hat an dieser schönen Hülle sich nicht erschöpft ; frei , großartig und edel ist jeder Trieb in dieser Brust , doch wie hat auch die Erziehung mit höchster Weisheit , mit Ehrfurcht fast vor dieser natürlichen Gestaltung , gegen alle Verkrüppelung sie bewahrt ! Ich kenne die Pläne , die Berechnungen ihrer Erzieher nicht , darum kann ich nur sagen , es scheint , sie ist zu einer großen Bestimmung auferzogen , und ihrer Natur eine völlig freie und eigenthümliche Entwickelung gegönnt . Sie hat die Formen , die wir an Frauen lieben , die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen wurden , und dennoch ist es , als ob sie nichts von allem diesen wüßte , als ob ihr hohes weibliches Gefühl sie jedes Mal die Formen erfinden ließe , die dann dem strengsten Richter genügen müssen . Sie geht ruhig , arglos wie ein Kind , unter all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und weiß sich überall zu finden ; aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind , sie hat ein kräftiges Herz , des edeln Zornes fähig , und wunderbar tritt dann ein ächter Stolz aus ihr hervor . Dann fühlt man erst , wie völlig wahr und natürlich sie gebildet ist , und denkt mit Freuden der schönen Natur , die sie so mäßig , klar und ruhig in allen Verhältnissen bleiben läßt . Nein , ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft nicht aufgeben ; es wird noch Licht über sie kommen ; diese Ungerechtigkeit , sie der Mißdeutung preis zu geben , begeht der Himmel nicht an seinem Liebling ! Richmond drückte , bewegt von dem warmen Eifer des edeln Freundes , seine Hand , er hatte das schöne Bild , welches aus seinen beredten Worten vor ihm aufgestiegen , mit einem unaussprechlichen Gefühl als ein bekanntes , zum Leben auferstandenes in seinem tiefsten Gemüthe aufgefaßt und fühlte sich davon zu sehr gerührt , um ruhig plaudernd , wie es die Absicht dieses Beisammenseins verlangte , auszuharren . Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem überzeugt . Freundlich , innig preßten sie sich , Abschied nehmend , an einander und Jeder eilte , reich mit eigenen Gedanken ausgestattet , zur willkommenen Einsamkeit . Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von Ollonie ' s Hand fielen , gedachte er , wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit Richmond seine Absicht außer Acht gelassen , ihn aufmerksam auf Ollonie zu machen . Er blieb betroffen stehn , dann schien ihn plötzlich Schreck und Schmerz zu überwältigen , er hob die Hände gepreßt gegen die Stirn , und wir verlassen ihn , um Richmond zu belauschen , der , sein Zimmer durchmessend , seufzend mehr als ein Mal zu sich sprach : Du armer Bruder ! Längst war das Ereigniß , das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend ward , aus den Gedanken Maria ' s entschwunden ; wir finden sie in ihrem Zimmer , halb entkleidet , auf einem Tabouret , vor dem mit ihrem Schmuck belegten Nachttisch sitzen , und die alte , ihr zugetheilte und sie zärtlich liebende Kammerfrau beschäftigt , das schöne braune Haar , das wie ein seidner Mantel um ihre Schultern hing , zur Nacht zu kämmen und in Flechten aufzubinden . Doch immer zog sie kopfschüttelnd den Kamm zurück ; denn immer berührte er fünf weiße , schlanke Finger , die trotz der wiederholten Verletzung stets bemüht waren , das zarte Haupt zu stützen , das , schwer von Gedanken , einem unergründlichen Geheimniß nachzusinnen schien . Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet , bei Berührung des Kammes um Verzeihung gebeten , ihre sonst stets heitere , auf die alte Pflegerin aufmerksame Gebieterin blieb heute den kleinen , sonst so leicht verstandenen Bemühungen , eine Unterredung anzuknüpfen , unzugänglich . Ihr seid müde , theure Lady , hob sie nun endlich lauter an , und wenn Ihr Eure liebe Hand zurückziehn wollt , will ich Euch bald zur Ruhe helfen , aber ich muß doch Eure Haare aufbinden . Ein holdes , aber stummes Lächeln war die ganze Antwort , aber die schöne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schooß und die alte Errol eilte ungestört ihr Werk zu vollenden . Kein Wunder , fuhr sie fort , noch immer bemüht , ihr Rede abzugewinnen , daß Ihr so müde seid ; habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht . Wahrlich , Euch kann Niemand übertreffen . Die jungen Damen , so zierlich sie sind , keine weiß bei allen Spielen das zu leisten , was Ihr vermögt , und wäre Lord Richmond nicht gekommen , auch die Kavaliere hättet Ihr besiegt , aber der , das liebe Kind , von Jugend auf war er der Klügste , Beste und Geschickteste ! Lord Richmond , so tönte es jetzt über die Lippen der schweigsamen Lady , Lord Richmond , ja wohl , Du mußt ihn kennen , Du warst ja von Jugend auf in Godwie-Castle . - Ja , Mylady , zu Befehl ; und Anne , meine liebe jüngste Schwester , die an den Master Jepson verheirathet ist , die war seine Amme . Es war von Geburt an ein schönes begabtes Kind , und heute , wie er mit Euch um die Wette durch das seidne Tau lief , da war es mir , als sähe ich ihn wieder als Knaben vor mir . - Aber wo warst Du , Errol , ich sah Dich nicht , als wir heute spielten ? - Euer Gnaden , der Master Lovelace hatte uns erlaubt , die obere Gallerie , die an den Speisesaal stößt und gerade auf den Platz sieht , zu besuchen , denn Alle wollten gern den jungen Herrn sehen . - Während dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu Ende gekommen . Sie küßte jetzt die schönen Hände , da die junge Dame stets ohne Hülfe ihr Bett bestieg , und entfernte sich , froh , daß sie ganz so freundlich , wie gewöhnlich , von ihrer jungen Herrschaft entlassen worden war . Maria fand sich nun allein . Sie dachte , daß der Augenblick zu beten gekommen sei , und hoffte dann durch den Schlaf ihrer sonderbaren Stimmung enthoben zu werden . Sie kniete in hoffnungsvoller Erwartung des Gebets vor ihrem kleinen Pulte nieder ; aber es blieb Alles stumm in ihr , ihr ganzes Innere schien still zu stehen , und sie selbst stand , wie vor etwas Fremdem , in erstaunensvolle Selbstbeschauung aufgelöst . Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feste , so war ihr Herz mit dem vollsten Schmucke angethan , aber die lautlose Stille darin zeigte an , daß der Morgen noch nicht angebrochen war , der dieser stillen Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte . Kindlich geängstigt von dem Gedanken , nicht beten zu können , hob sie flehend ihre Hand zum Himmel . Herr , mein Gott und Vater ! rief sie aus tiefer Brust , sieh mich an und sei mir gnädig ! Dann senkte sie ihr schönes Haupt lange auf das Pult , küßte endlich inbrünstig ihr kleines griechisches Evangelium , das ihr zur Erbauung diente , und legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager . Da flossen endlich die Thränen , die sie bisher aus Scham bekämpft , und sie wehrte ihnen nicht länger , obwol sie es tadelte , so ohne Ursach zu weinen ; und wie ein unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinüber . Die Sonne Englands leuchtet nur selten am frühen Morgen mit dem hellen , farblosen Lichte anderer Länder . In Nebel und feuchte Dünste gehüllt , verbreitet sie ein weniger helles und wärmendes , aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe magisch verklärtes Licht . In langen schmalen Streifen sendete sie am andern Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gothischen Fenster in das Schlafgemach der hold noch Träumenden . Auf dem glänzenden Tafelwerk an Wänden und Fußboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen zu malen , gleichsam neckend , um die Schläferin zu wecken . So ruhte das schöne Kind , ganz übergossen von den bunten Lichtern , auf ihrem Lager , dessen Vorhänge , weit zurückgezogen , ihnen vollen Einzug gönnten . Doch schon zuckten zuweilen die zarten Augenlieder , und eben wollten die feinen Hände die blendenden Lichter aus den Augen streichen , da vollendeten diese selbst das angefangene Werk , und zwei klare Augen öffneten sich dem heitern Morgen . Mit einer unbeschreiblich süßen Empfindung ward sie sich ihrer selbst bewußt . Wie ein Kind , das liebes Spielzeug wieder erkennt , schaute sie , lächelnd aufgerichtet , umher in das lieblich gefärbte Gemach , den Gegenständen ihre anmuthigen , wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend . Als sie auch ihr weißes Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern übergossen sah , entschlüpfte sie leichten Fußes dem so lustig bestreuten Lager , und hinaus in die Frische des herrlichen Morgens sehnte sich die heiße Brust . Jugendlich erquickt und erfreut durch den gesunden Schlaf , gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend , oder glaubte sie doch , nach flüchtiger Erwägung , glücklich beseitigt . Ein doppelt und dreifaches Leben an seliger Heiterkeit füllte ja heute die gestern so beklommene Brust ; sie mußte ja niederknien , und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht ; ja , ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott strömte aus dem seligen Herzen , und als sie , von Freude und Andacht leuchtend , aufstand , da schien sie die andächtig harrende Errol zu fragen : Ist es nicht eine Seligkeit zu leben ? Mit dem heitersten Lächeln strich sie über das alte liebe Gesicht , und ein Kind kann nicht theilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen , als jetzt das schöne Fräulein die alte Dienerin befrug . Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin , und das erwachende Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden Sinnen nicht . Zwar war die Zeit des Sommers schon dahin , aber der Herbst hatte noch sein eigenthümliches Leben nicht verloren , und sie hörte von fern den Reiher über dem Moore sich mit vereinzeltem Geschrei erheben , der Drossel nahen sanften Ton und der Seemöwe weitgetragenen , gellenden Ruf . Hell lachte sie den Schwalben nach , die , aus dem Mauergesimse emporschwirrend , sich erst an den glänzenden Scheiben mit dem Kopf stoßen mußten , ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden . Hinter ihnen her strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die zierliche Morgenkleidung hüllen . Dem Klima und der Sitte gemäß , bestand diese weder in Mousselin , noch seidenem Stoffe , sondern sie wählte einen dunkeln Sammet , dessen Ränder mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze paßten , das die glänzenden Zöpfe umschloß und von einem kleinen Federhute überbaut wurde , der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf saß , weder der Sonne , noch dem Sturme zu wehren vermögend . Während dies in eigentlicher Schnelligkeit bald beendigt ward , hatte sich zu wiederholten Malen ein Geräusch an der Thüre hören lassen , das zwar einen ungestüm Harrenden andeutete , aber zugleich von einem Willkommenen herrühren mußte , denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem schalkhaften Lächeln zur alten Errol auf , die dann jedes Mal lachend nach der Thür hinnickte . Jetzt war das schöne Wesen von Kopf bis zu Fuße geschmückt , und trotz des dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefühle bewegt , als dem der gehörigen Abfertigung eines nöthigen Geschäfts . Rasch und von eigener freudiger Ungeduld übereilt , flog sie gegen die Thür , und sogleich stürzte sich Gaston ihr mit dem ausgelassensten Jubel entgegen , und nachdem sie seine Liebkosungen empfangen , jagte er , die kühnsten Sprünge wagend , und in langen Bogen sie umkreisend und wieder erreichend , um sie her , während sie selbst , wie ein flüchtiges Reh , über die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den herrlich ihr entgegen leuchtenden Park . Aber welch ' ein Morgen schien ihr der heutige . Welch ' ein Licht , welch ' ein Farbenglanz und welch ' eine leichte balsamische Luft , von der sie sich wie getragen fühlte ! Welch ' ein Gefühl von Glück und Muth und Hoffnung schien ihr von ihm auszugehen . Ihre Seele war befreit von dem Kummer , der seine schwere Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte , die Bilder der verlorenen Lieben ihr vorführend und ihr eigenes vereinsamtes Loos . Ach ! wohl gedachte sie ihrer Lieben ; aber heute mehrten sie