hatte gewiß niemals an einen so alltäglichen Ausgang gedacht . Er lief zwei Tage hindurch wie ein Verzweifelnder umher , dann fiel er dem Brauherrn zu Füßen und gestand seine Schuld . Der Alte wurde braun vor Zorn , und drohte mit einer unanständigen Bezeichnung , beiden Arme und Beine entzweizuschlagen . Da aber geschehne Dinge nicht zu ändern sind , der Übeltäter seine Neigung besaß , und der Jammer des Mädchens gar gewaltig zum Vaterherzen sprach , so konnte er die Vergebung nicht zurückhalten , die er denn unter der Bedingung erteilte , daß wer für den Balg gesorgt habe , nun auch für den Papp sorgen solle . Dieses war gerade , wofür die Seele des Philhellenen seit der unglückseligen Entdeckung brannte . Sein neuer Stand hatte in ihm das Bewußtsein neuer Pflichten erzeugt . In allen braven heldenhaften Studenten , Kandidaten und Privatdozenten ist es eigentlich nur der Philister , der innerlich juckt , und hinauswill , was denn auch bald zu geschehn pflegt , während an Universitäten und Akademien so arme , kümmerliche übersehne Gesellen umherschleichen , aus denen nachher die Genies und Lichter der Welt werden . Im Philhellenen hatte die Katastrophe den Philister mit Macht herausgeschlagen , der bei einem ruhigeren Gange der Dinge vielleicht längerer Zeit bedurft hätte , um sich zur vollständigen Blüte zu entfalten . Er empfand sich als angehenden Vater und Gatten , verspürte eine wahre Begeistrung für den Broterwerb , zerriß die Bilder der Pallikaren und die neugriechischen Volkslieder , welche er bei sich führte , und dachte nur daran , wie er ein Ämtchen erringen solle , wovon er sich und Fränzchen nähren könne . So war er durch die Natur dem Vaterlande und der Bürgerlichkeit gewonnen worden . Sein zukünftiger Schwiegervater kannte den Legationssekretär einer auswärtigen Macht , welcher gern Bier trank . Dieser empfahl ihn einem Legationsrate , der Legationsrat dem Gesandten . Vom Gesandten schwang sich die Kette der Empfehlungen wieder abwärts bis zu einem Polizeichef in einer bedeutenden norddeutschen Stadt . Wie von da die Kanäle weiter geflossen , ist unbekannt geblieben ; das Ende der Sache war aber , daß man dem Philhellenen erlaubte , im Polizeifache , welches immer frische , rüstige Leute erfordert , zu arbeiten . Kaum waren einige Monate vergangen , als man ihn , der einen unglaublichen Diensteifer an den Tag legte , zum Polizeikommissarius in einem Ackerstädtchen zwischen Hessen und Westfalen ernannte . Er führte Fränzchen , sobald er dieser besoldeten Würde sich erfreute , heim . Sie genas kurz darauf von ihrer Bürde . Nie hatte die Gegend einen tätigeren Beamten gesehen . Die Kraft , welche sonst weit über Berge und Ströme hinausgeschweift war , lenkte sich jetzt ganz auf Vertilgung des Diebes- und Bettelgesindels , von welchem es dort , der schlechten bisherigen Aufsicht wegen , wimmelte . Vor ihm war kein Gauner sicher , kein Vagabunde konnte mehr in Ruhe hinter der Hecke seinen Bissen verzehren ; er lebte fast mehr in verdächtigen Häusern , als in seinem eigenen . Wirklich hatte er sich schon Verdienste um den Bezirk erworben und die Aufmerksamkeit der Obern sich zugelenkt . Gerade um die Zeit , von welcher wir jetzt reden , geschah die Entdeckung neuer demagogischer Umtriebe ; man war dem Bunde der Jungen hart auf die Spur gekommen . Zugleich hatte man in Erfahrung gebracht , daß ein Schwarm junger Hochverräter nach dem Landstriche , in welchem unser verwandelter Schwärmer hantierte , ziehe , um da herum seinen Frevelsabbat zu halten . Der Polizeikommissarius empfing einen geheimen Auftrag von höchster Stelle . Er war gemessen , ehrenvoll , über die engen Amtsgrenzen hinausreichend . Welch ein Sporn für seinen jetzigen Trieb ! Er wurde etwas tiefsinnig , man sah ihn viel durch Feld und Wald schweifen , seiner Gattin antwortete er kaum noch auf ihre Anreden . Er brachte in größter Heimlichkeit Gefängnisse , Arm- und Beinschellen in Ordnung . Den Gendarmen und niedern Agenten gab er Befehle und Winke , welche diese nicht immer verstanden . Er aß nichts und trank wenig . Seine Nächte waren unruhig . Er flehte Gott an , daß er ihm die Demagogen in das Netz führen möge . Zweites Kapitel Indessen näherte sich Hermann , auf seinem geschenkten Rößlein kleine Tagereisen mit Behaglichkeit machend , dem mittleren Deutschland . Die letzte glückliche Entdeckung hatte ihn unglaublich erfreut ; er wollte nun so recht in Stille und Muße sich und die Welt genießen . Er liebte es , in abgelegnen Höfen und Weilern einzukehren , die Städte vermied er , wo er konnte . Zwei Pistolenhulfter , welche am Sattel befestigt waren , hatte er bald ihres kriegerischen Inhaltes entledigt , und sie dafür mit einer Korbflasche , sowie mit kalter Küche gefüllt . Mittags hielt er gewöhnlich im Freien , unter einem schattenden Baume , hinter einem Felsen , oder in altem Gemäuer seine Rast . Dann verspeiste er den mitgenommnen Tagesproviant und ließ sein Pferd , welches ein außerordentlich gutes und sichres Tier war , frei umhergrasen . Er hatte die Grille , wenn man es so nennen will , gefaßt , bis zu der großen Stadt , wohin ihn seine neuste Bestimmung wies , womöglich nur sich und der Natur zu leben . In die Erinnerungen eines jungen und doch mannigfaltigen Lebens vertieft , war seine Seele frei von Furcht und Wunsch , und nur die Hoffnung schwebte mit jungfräulichen Zügen von weitem ihm voran . Ganz heiter war er , wenn er auch des Abends bei einem wohlhabenden Hofschulzen freies Quartier fand . Freilich pflegte er am andern Morgen durch reichliche Geschenke an Kinder oder Mägde immer dafür zu sorgen , daß die Zeche gehörig bezahlt wurde . Mitunter baten sich auch wohl die Wirte ein Andenken aus , so daß er fand , eine solche Reise auf Gastfreundschaft koste heutzutage fast mehr , als wenn man sich unterwegs lediglich an die zahlungbegehrenden Hotels halte . Einige Male hatten ihn Gendarmen , die ihn an abgelegnen Orten gelagert fanden , scharf befragt ; da aber seine Papiere in Richtigkeit waren , so ließ man ihn jederzeit frei durch . Eines Tages gesellte sich ein Fußwandrer zu ihm . Der Mann trug einen Rock , wie ihn Jahn vorschreibt , hinten zu , vorn offen , ging im bloßen Halse , mit langen herabwallenden blonden Locken ; aus dem offnen , treuherzigen Gesichte strahlten die schönsten blauen Augen . Anfangs war das Gespräch zwischen ihnen ziemlich unbedeutend , als aber Hermann bei dem Anblicke eines Zollpfahles sich in freien Scherzen erging , nahm es einen ernsthafteren Charakter an . Bald wurden die Verhältnisse besprochen , an welche die Unzufriedenheit in unsrem Vaterlande gleich einer Schmarotzerpflanze sich festgesogen hat . Hermann , der noch nicht gelernt hatte , sich zurückzuhalten , gab seine Meinungen zu vernehmen , und man tauschte gegeneinander die gefährlichsten Dinge aus . Plötzlich sah Hermann , daß der Fremde sich reckte , in die Ferne schaute , und zusammenfuhr . Er bemerkte , daß ein Mensch ihnen entgegenkam , dessen Rock und Kragen den Polizeidiener verriet . » Ich bin ein Landschaftszeichner ! « rief der Fremde eilfertig und ängstlich , » ich will doch von jenem Hügel die Gegend aufnehmen . « Mit diesen Worten sprang er in ein hohes , wallendes Kornfeld , und arbeitete sich mit reißender Schnelligkeit quer durch nach einer buschigen Anhöhe , hinter welcher er verschwand . Hermann hielt betroffen sein Pferd an . Der Polizeidiener kam herzu und fragte : » Wer war der Mensch , der ins Korn sprang ? « Hermann versetzte : » Er sagte , er sei ein Landschaftszeichner , und wolle die Gegend aufnehmen . « - » Der Teufel mag er sein , aber kein Landschaftszeichner ; ich glaube , daß ich den Kerl kenne « , murrte jener , und setzte , achtsam nach allen Seiten umherschauend , seinen Weg fort . Hermann ritt weiter und gelangte nach einem Stündchen an einen Erdrand , von welchem der Boden senkrecht in eine beträchtliche Tiefe abwich . Es war ihm , als höre er aus der Vertiefung pfeifen . Er bog sich über , und nahm den Kopf seines Begleiters zwischen Gestrüpp und hohem Ginster wahr . Dieser winkte ihm und Hermann folgte dem Zeichen . Nicht ohne Mühe kam er mit seinem Pferde den Abhang hinunter , wobei der Fremde ihm behülflich war . » Sie werden sich über mein Benehmen verwundert haben « , sagte dieser . » Allerdings « , versetzte Hermann . » Ich habe nie die Neigung zu den schönen Künsten so sprungartig hervortreten sehn . « » Ich sagte die Unwahrheit ! « rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer . » Vergeben Sie mir « , fügte er hinzu , indem er Hermann sanft die Hand drückte . » Sie sind ein edler Mensch , ich will mich Ihnen frei entdecken . Aber vor allen Dingen : wo speisen wir ? Ich verschmachte fast vor Hunger und Durst und darf mich heute wenigstens in keine menschliche Wohnung wagen . « Hermann sagte hierauf , daß , wenn er mit Wegekost vorlieb nehmen wolle , der Not abzuhelfen sei . Er holte Getränk und Speise aus den Pistolenhulftern , und legte die Flasche zur Abkühlung in eine Quelle , die an dem Orte hervorsprudelte . Sie setzten sich beide am Fuße einer hohen Erdwand nieder und verzehrten ihr gemeinsames Mahl , wobei der Fremde sich sehr bescheiden verhielt , denn nur auf Hermanns dringendes Nötigen war er zu bewegen , mit diesem gradedurch zu teilen . Das Pferd graste lustig zwischen den Gesträuchen . Nachdem der Fremde sich gesättigt , und den Mund säuberlich abgewischt hatte , fing er plötzlich an , zu weinen , umschlang Hermanns Nacken und rief : » O Freund , Sie sehen in mir eines der Schlachtopfer des Despotismus ! Was habe ich dir getan , mein Vaterland , daß du mich also verfolgst ? Warum dürfen die Füße deines wärmsten Freundes den heiligen Boden nicht unverzagt betreten ? Die Schelme sitzen an der Tafel und prassen , und die Kinder des Hauses irren in der Wüste umher . « » Fassen Sie sich « , sagte Hermann , betroffen über diesen unerwarteten Auftritt , » und entdecken Sie mir , wer Sie sind . « » Ich bin ein politischer Flüchtling « , versetzte der Fremde . » Gequält , gehetzt von den Schergen der neununddreißig Tyrannen weiß ich oft nicht , wohin ich mein Haupt legen , wo ich den Bissen für meinen Mund gewinnen soll . Jetzt ist mir Österreich vor allen auf der Spur , denn unter seinen Fäusten litt ich zuletzt . Und was habe ich getan ? Ich liebte Deutschland . Was ist meine Schuld ? Ich wollte die Enkel Hermanns , vor denen Roms Legionen zitterten , aus ihrer unseligen Zerissenheit , aus dem jammervollen Schlafe der Schmach , in den sie versunken sind , emporrütteln helfen . Das Mark unsrer Brüder wird von seidnen Knechten ausgesogen , wer , der ein Herz hat , kann es mit ansehn , ohne sich zu rühren ? « Hermann antwortete , nicht ohne Mitleid : » Obgleich ich ungeachtet meiner vorigen Scherze die auflösenden Gesinnungen nicht teile , welche diesen Reden zum Grunde liegen , so weiß ich doch die Stimmung sehr wohl zu würdigen , aus welcher sie entstehen mußten . Kann es Sie erleichtern , so erzählen Sie mir Ihre Geschichte , und seien Sie versichert , daß ich nichts dagegen habe , wenn Sie das Meinige , wie das Ihrige betrachten . « » Ist es so ? « rief der Fremde mit einem feurigen Blicke . » Wohl mir , ich habe wieder einen Edeln gefunden ! Nein , Teuts Volk kann nicht untergehn , in dem so viel Milde und Kraft sich paart . Sind wir nicht die einzigen , die in ihren uralten Sitzen unvermischt blieben ? O , wenn ich daran denke , so wird mir groß zumute ! « Da Hermann nach der Erzählung verlangte , so willfahrte ihm der Fremde , und berichtete ihm seine Schicksale , die aber fast nur in Wanderungen durch die Kerker verschiedner Länder bestanden . Er streifte seinen Arm auf , und zeigte die Spuren der Fesselwunden , dann erhob er das Antlitz gen Himmel , und rief mit glänzendem Gesichte : » Ja , mein Ideal ! An meinem Ideale will ich halten , ob auch die Welt zerbricht . So willst du treulos von mir scheiden ? Wer steht mir tröstend noch zur Seite ? Du meines Lebens goldne Zeit ! Beschäftigung , die nie ermattet ! Mit deinen holden Phantasien ! « Er schien von seinen Gefühlen und Erinnerungen ganz außer Fassung gesetzt worden zu sein , beugte sich auf Hermanns Hand , und schluchzte heftig . Dieser suchte den Weinenden mit den freundlichsten Reden zu beruhigen . » Trösten Sie sich « , sagte er , » es wird noch alles gut , diese Verwicklungen der Gegenwart können nicht immer dauern , wer weiß , wie bald Sie Ihrer jetzigen Not entkommen . « - » Das hoffe ich auch « , versetzte der andre , noch immer weinend : » Was ist des Deutschen Vaterland ? Ist ' s Steierland , ist ' s Bayerland ? Ist ' s , wo des Marsen Rind sich streckt ? Ist ' s , wo der Märker Eisen reckt ? O nein , nein , nein , mein Vaterland muß größer sein . Hätten Sie wohl die Güte , mich auf Ihrem Pferde etwas reiten zu lassen ? « » Warum das , Lieber ? « fragte Hermann . » Nichts stellt die Seele so sehr zum Gleichgewichte her , als die schüttelnde Bewegung des Rosses « , versetzte der unglückliche Mann . » Da wird der Mensch wieder in sich selbst einig , und alle Sorgen bleiben unter seinen Füßen . Von den entsetzlichsten Bedrängnissen hat mich oft ein rasches Tier befreit . « Hermann gab ihm gern die Erlaubnis , sich auf diese Weise zu erholen , jener bestieg sein Pferd und ritt davon . Hermann sagte , als er allein war , die Worte des Sallust her , welche die Catilinarische Verschwörung beginnen . » Ja « , rief er , » gälte die Geisteskraft der Könige und Helden so viel im Frieden , als im Kriege , so würden die menschlichen Angelegenheiten einen gerechteren und festeren Bestand haben , es triebe nicht alles nach verschiednen Richtungen , man würde nicht so viel Wandlung und Mischung sehn . Denn leicht wird das Reich durch die Mittel bewahrt , durch welche es erobert ward . - Das aber ist eben der Fluch ungewöhnlicher Zeiten , daß sie , wie ein gärender Stoff , das Bessere , Flüchtige entstellt und widerlich umtreiben , während die tote Masse , als Bodensatz bald ihren unverrückten Stand erhält . Dann heißt das , was doch eigentlich zum Leben sich entbinden will , das Nichtige , und jene trägen Hefen zaudern nicht , sich den Ruhm des Nützlichen und Bleibenden beizulegen . Wer wird mit diesen Abenteurern , die jetzt zu Hunderten das Land durchstreifen , irgend gemeinschaftliche Sache machen , ja nur in ihren Träumereien einen haltbaren Zusammenhang antreffen ? Und gleichwohl , wer , der Dinge und Menschen mit menschlichem Blicke betrachtet , mag es sich verbergen , daß aus ihren Hirngespinsten doch ein viel zarteres Gefühl , ein höherer Schwung und ein entschiednerer Charakter hervorsieht , als aus der Pflichtmäßigkeit der Leute , welche jetzt , nachdem die Tage der Gefahr vorüber sind , als die treusten und beehrtesten Söhne des Vaterlandes umhergehn ? Wahrlich nicht durch diese ist es errettet worden , wahrlich nicht durch solche wird es je errettet werden . Gar leicht ist es gegenwärtig , ein guter Patriot zu heißen , denn es kommt fast nur darauf an , in allerhand zeitgefälligen Bestrebungen sein Licht nicht unter den Scheffel zu setzen , bei Gelegenheit tapfer zu schmausen und eine schwülstige Rede zu halten . Aber wenn das Verderben wieder hereinbricht von Osten oder Westen , dann werden wohl die Schmauser und Geburtstagsredner verschwunden sein , dann wird man sich wieder nach den verfolgten Vagabunden umsehn , welche dann auf eine Zeitlang zu Ehren kommen und späterhin abermals an ihren blutigen Sohlen erfahren werden , wie hart der Boden der Heimat ist . O seltsamer und trauriger Widerspruch der irdischen Dinge ! Immer nur bringen hoher Mut und kühne Gesinnung die Sachen zum glücklichen Ausgange , von welchem der Held gleichwohl selten etwas zu genießen bekommt , sondern , wenn das Mahl bereitet ist , setzt sich der Philister zu Tische , und läßt sich die Gerichte wohlschmecken . « Nach diesen und andern Reden saß er eine geraume Zeit schweigend , und harrte auf den politischen Flüchtling . Da derselbe nicht sichtbar werden wollte , so stieg er aus der Vertiefung auf die Höhe des Erdrandes , erblickte aber weder den Mann noch das Pferd . Betroffen horchte er , ob sich nicht Hufschlag vernehmen lasse , aber vergebens . Er rief und pfiff , aber nur Echo gab ihm Antwort . Ein Argwohn stieg in ihm auf , den er jedoch , als des edeln Geächteten unwürdig , sogleich aus seiner Seele verbannte . Gleichwohl blieb dieser Sohn des Vaterlandes unsichtbar , obschon Hermann nach ihm in verschiednen Richtungen die Gegend umher durchsuchte . Drittes Kapitel Dieses Wandern und Suchen dauerte bis gegen Abend . Nun ließ er davon ab , noch immer bemüht , sich eine unbestreitbare Wahrheit zu verbergen . Er lenkte in die Heerstraße ein , um nach einem bewohnten Orte zu gelangen . Unmutig ging er auf derselben einher . Nicht lange , so hörte er Menschentritt hinter sich . Er wandte sich um und erblickte den Polizeidiener wieder . Nachdem er dem Manne vorsichtig das Ereignis vertraut hatte , schlug dieser ein helles Gelächter auf , und rief : » Also sind Sie doch von dem Strolche angeführt worden ? Nun , trösten Sie sich , es begegnet Ihnen nicht allein . Der Vogel ist uns und der ganzen Welt zu schlau . Wenn wir denken , wir haben ihn im Netz , so sitzt er ganz vergnügt auf dem Baume und lacht uns aus . Was für Mühe hat sich der Herr Polizeikommissarius um ihn gegeben ! « » Wer ist er denn eigentlich ? « fragte Hermann . » Ein Jude aus Hameln « , sagte der Polizeidiener . » Wir heißen ihn nur den Rattenfänger , weil er zuerst mit Mäusebutter handeln ging , was er aber nun aufgegeben hat . « » Wie kann er ein Jude sein , da er lange blonde Haare hat ? « fragte Hermann . » Falsch , falsch ! « rief der Polizeidiener . » Der Kerl führt alle möglichen Perücken im Sack : Struppkopf , Bonvivant , Pastor , Zopf , Strohdach . Aus dem Rocke macht er auch , was er will , Frack , Mantel , Uniform , es ist unglaublich , was für Streiche er ausführt . « Sie setzten ihren Weg zusammen fort und der Polizeidiener erzählte Hermann von den Listen , womit der Rattenfänger die Leute betrogen habe . Unser Freund mußte sich zu seiner Beschämung gestehn , daß jener bei den meisten andern mehr Klugheit nötig gehabt hatte , um zum Ziele zu gelangen , als bei ihm . Mißgestimmt trat er in das Wirtshaus ein , welches vor den Toren der nächsten Stadt angenehm zwischen Gärten lag . Sie hatten es mit dem letzten Strahle des Tages erreicht . Es bekümmerte ihn in seiner jetzigen Gemütsverfassung wenig , daß der Wirt ihn fast ebenso zweifelnd betrachtete , wie jener , welcher im Eingange dieser Denkwürdigkeiten auftrat . In der Tat pflegt ein Fußgänger mit Sporen an den Stiefeln immer ein Gegenstand scherzhafter Verwundrung zu sein . Mürrisch forderte er eine Stube , und ließ sich den Abgang der nächsten Schnellpost nach Osten anzeigen . Denn er hatte beschlossen , nunmehr auf die gewöhnlichste Weise seine weitere Reise zu veranstalten . Kaum hörte er auf den Polizeidiener hin , welcher sich hoch und teuer vermaß , ihm das gestohlne Pferd wieder zu verschaffen , es koste , was es wolle . Indessen trieb ihn der Ärger , der in der Einsamkeit immer nagender wurde , bald wieder in das abendliche Wirtszimmer . Dasselbe war von einem Dampfe erfüllt , welcher beinahe die Lichter auslöschte . Um den Tisch saßen sechzehn junge Leute , Bier trinkend und Tabak rauchend . Hermann erkannte bald an den polnischen Röcken , bloßen Hälsen , an den Sammetbaretten und bunten Pfeifentroddeln die Studenten . Er verwunderte sich über den tiefen Ernst , womit diese Jünglinge ihr stummes Geschäft verrichteten . Niemand von ihnen sprach ein Wort , nur jezuweilen schlug einer oder der andre den Wirt zutraulich-derb auf die Schulter und sagte : » Bier ! « Ihr Präses , der am obern Ende des Tisches saß , ein starker , vierschrötiger Mensch , rief aber bei solchen Gelegenheiten : » Mehr Cerevis , eherner Roche ! « Der wohlbeleibte glänzende Wirt bediente sie mit gelenkiger Schnelligkeit , warf ihnen allerhand Scherzreden ins Gesicht , ohne jedoch irgendeinen aus seiner Haltung zu bringen . In der Ecke des Zimmers strickte ein Frauenzimmer , sah den Präses mit wehmütigen Blicken an , und stieß schwere Seufzer aus . Hermann erwartete von Minute zu Minute den Beginn eines Kommersliedes , aber die ganze Studentengesellschaft blieb so stumm und ernst , wie sie bei seinem Eintritte gewesen war . Er wandte sich endlich mit der höflichen Frage an den Präses , ob die Herrn auf einer Ferienwandrung begriffen seien ? Der Präses erhob sich , warf ihm einen wilden Blick zu , und versetzte dann in rauhem Tone : » Der deutsche Mann hat keine Ferien . Es ist jetzt nicht an der Zeit , zu lottern , sondern zu wirken . Ich bin aus Mecklenburg und heiße Brüggemann . « » Diese Antwort finde ich etwas sonderbar « , sagte Hermann . » Sonderbar ? Tusch ! « riefen alle einhellig , und der Mecklenburger raunte seinem Nachbar etwas ins Ohr . Das Frauenzimmer stand auf , nahm ein Licht , gab Hermann mit ängstlicher Miene einen Wink und ging hinaus . Er folgte ihr . In einem abgelegnen Zimmer erwartete sie ihn . Zu seinem höchsten Erstaunen warf sie sich ihm hier zu Füßen , und rief : » Sie sind ein edler Mann , ich lese Menschlichkeit in Ihren Blicken . Retten Sie die Armen , ich beschwöre Sie darum . Ich liebe den Mecklenburger und kann sein Verderben nicht sehn . « » Lassen Sie mich zuvörderst wissen , wovon hier die Rede ist « , sagte Hermann . » Es sind Demagogen « , versetzte das Frauenzimmer . » Der Herr weiß , worin die Anziehungskraft unsres Gasthofes für diese Jünglinge liegt . Das ist nun schon der vierte Bundestag , welcher bei uns abgehalten wird , und immer sind bald darauf die Unglücklichen hier oder in der Nähe festgenommen worden , und werden doch nicht scheu , sich in den Rachen der Klapperschlange zu stürzen . Endlich habe ich das furchtbare Geheimnis entdeckt . Mein Vater , der Entsetzliche , schenkt ihnen das Bier ein , und verrät sie der Polizei . « » Wenn die Sachen so stehn , so sollten Sie Ihren Geliebten warnen « , antwortete Hermann . » Wer sind Sie , daß Sie mir dieses raten ? « rief das Frauenzimmer pathetisch . » Kennen Sie Ziegenhainer , mein Herr ? Die Wütenden würden den Greis mit Schlägen bedecken . Nein , eine Tochter , welche den eignen Vater seinen Feinden zu überantworten imstande ist , verdient diesen Namen nicht , den heiligsten in der ganzen weiten Natur . Ich heiße Thusnelde , und bin ein deutsches Mädchen . « » Eine Närrin bist du , und heißest Sophie Christine « , sagte der Wirt , der lachend in die Stube trat . » Marsch fort ! Was steckst du hier mit dem fremden Herrn zusammen ? « » Die Bücher haben ihr den Kopf verdreht « , sagte er zu Hermann . Dieser versetzte : » Sie sprach von Ihnen und von den jungen Leuten , und ich wollte wünschen , es wäre nicht wahr , was sie mir entdeckt hat . « » Der liebe Gott segnet mein Haus mit Demagogen , wie er andre Häuser mit Kindern oder Schätzen segnet « , sagte der Gastwirt behaglich . » Es gibt gar kein dümmeres Vieh , als Studenten . Sie wissen , daß ihre Kamaraden immer hier aufgehoben worden sind , und doch rennt es noch beständig hieher . Es geht mit des Himmels Segen zu . Ich bekomme gute Extrapräsente , und das Allgemeine Ehrenzeichen kann mir in ein vier , fünf Jahren durchaus nicht entgehn . « » Wie mögen Sie ein so hinterlistiges Verfahren nur entschuldigen ? « rief Hermann zornig . » Hinterlistig ? « sagte der Wirt , ohne sich aus seiner Laune bringen zu lassen . » Es ist noch keinem der Kopf abgerissen worden . Sie werden in bequeme Postchaisen gepackt , kommen auf ein Jährchen in Prison , haben dort Zeit zu studieren , schlagen in sich , dann erfolgt eine schwere Sentenz , dann die Begnadigung , dann die Befördrung , weit schneller , als bei andern Landeskindern , denn im Himmel und in * ist mehr Freude über einen Sünder , der bereut , als über hundert Gerechte , die nie fielen . « » Das Unglück von Menschen zu bespotten , verrät ein gefühlloses Herz ! « rief Hermann . » Ein jeder denkt auf seinen Profit « , erwiderte der Wirt . » Die Schnellposten haben den armen Wirten fast alles Brot entzogen . Wenn ich keine Demagogen anzugeben hätte , müßte ich wohl betteln gehn . Morgen ist also hier der vierte Bundestag und übermorgen früh , denk ' ich , hangen sechzehn Drosseln in den Dohnen . Wollen aber Sie das verhindern , mein Herr , so nehmen Sie sich vor dem Polizeikommissarius in acht , denn ich denunziere Sie dann als den Mitschuldigen des Hochverrats , und da Sie kein Student mehr sind , so möchte man vielleicht mit Ihnen schärfer verfahren . « Hermann war nicht einen Augenblick unschlüssig , was er tun sollte . Das Schicksal , welches diesen armen jungen Leuten bevorstand , erschien ihm fast noch gelinder , als die rasende Verblendung , wodurch sie sich dasselbe zuzogen . Er , selbst eingeweiht in diese Verirrungen , konnte jetzt kaum begreifen , wie es möglich gewesen sei , so frevelhaften Unsinn zu treiben . Er beschloß , die jungen Toren ihrem Geschicke zu entziehn , indem er sie von ihrer Verblendung heilte . Da man aber , um sich den Wölfen überhaupt zu nähern , mit ihnen heulen muß , so schien ihm ein besonders geschicktes Benehmen hier durchaus notwendig zu sein . Er fand den Mecklenburger auf einem Vorplatze des Hauses , seine Pfeife ausklopfend . Hermann legte die drei ersten Finger der rechten Hand an den Pfeiler und fragte : » Wohin gehst du ? « Betroffen sah ihn der Mecklenburger an , legte aber die letzten Finger seiner Rechten an den Pfeiler und versetzte : » Nach Leipzig . Sage mir die neun Grundartikel . « Hermann trug hierauf , ohne zu stocken , die begehrten Sätze vor . Der Mecklenburger drückte nach diesen unzweifelhaften Zeichen ihm kräftig die Hand , und rief : » Die Begegnung hätte ich nicht vermutet . Ich wollte dich fordern lassen , denn sonderbar ist unter allen Umständen Tusch ; nun aber wird natürlich daran nicht mehr gedacht , auch hätte ich gleich erwägen sollen , daß du Philister bist , mithin von dir nichts zieht . Bringst du uns Nachricht vom Männerbunde ? « » Allerdings « , versetzte Hermann doppelsinnig . » Es gibt einen Bund der Männer , dem Unrecht zu wehren , Schaden zu verhüten , den Frieden zu schützen . « » Recht so « , versetzte der Mecklenburger , » so meinen wir es auch . Die Zeit ist groß , wir müssen Großes leisten , um vor ihr groß zu bestehn . Eingreifen müssen wir in ihre Räder , mit dem Strome schwimmen , und die Dämme und Klippen zerbrechen , welche die Hölle ihnen in den Weg türmt . Jetzt sind wir daran , das Volk aufzuklären . Frisch , frei , fromm , fröhlich , das ist immer die Hauptsache . Auf einen Kopf oder ein paar krummgeschloßne Knochen kommt es dabei nicht an ; mehr als totmachen können sie uns nicht . « » Wie weit seid ihr denn gediehen ? « fragte Hermann . » Das Reich ist eingeteilt , es geht wieder in die zehn Kreise nach Homanns Karte « , erwiderte der Demagoge . » Das war das sicherste . Die Festungen sind unser , der Ölmüller hat einen geheimen Gang neben seinem Teiche , und der Major wird Großfeldherr . Ich nehme Mecklenburg hin , ausgenommen Güstrow , was Schneppe aus Greifswald nicht fahren lassen wollte . Berlin wird niedergerissen und Jahn baut die neue Hauptstadt an der Elbe . Er wird auch Obermeister der Zucht , aber das Turnen bleibt vorderhand abgestellt , denn wir wollen nichts übertreiben . In der Bundeskasse haben wir an dreiundsechzig Taler ; es kann alle Tage losgehn . « » Was führt euch aber eigentlich hier zusammen ? « fragte Hermann . » Die letzte Frage , welche noch zu entscheiden ist « , erwiderte der Demagoge . » Morgen wird bestimmt , was aus den Fürsten werden soll , ob wir sie alle erstechen müssen ,