Der Graf sprach mit Niemandem ; Herr Dübois zehrte sich ganz ab vor Kummer ; Herr St. Julien und Fräulein Emilie weinten mit einander , so oft sie sich sahen , Herr Dübois ermahnte mich , mit ihm für das Leben der Gräfin zu beten , und ich that es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide , obgleich er katholisch und ich protestantisch betete ; endlich erholte sich zu unserer aller Freude die Frau Gräfin . Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dübois : Der Graf will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich vorgenommen , Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu nehmen , ich habe ihm dieß für jetzt widerrathen , und ich will Dir , mein lieber Sohn , die Gründe sagen , weßhalb ich dieß that , damit Du siehst , daß ich es wohl mit Dir meine . Kein Mensch ist Herr seines Geschickes , wir können nichts thun , als , was uns auferlegt wird , mit Anstand tragen und , indem wir verständig unsere Verhältnisse ordnen , die schlimmen nach und nach besiegen . Du , mein liebes Kind , hast dieß Haus unter ungünstigen Umständen betreten , die ganze Dienerschaft beleidigte Dich , indem sie Dich für ihres Gleichen hielt ; wenn Du jetzt auf ein Mal an der Tafel ihres Herrn speisest , so müssen sie Dich zwar bedienen , aber Du kannst denken , mit welchem Neide und innerem Grimm , und es läßt sich nicht berechnen , welche Kränkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen können . Wenn Du uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student besuchst , dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrückten Lage und der neuen Erscheinung ; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Theil verändert , Du hast schon mehr Ansprüche in der Welt ; dann speise an des Grafen Tafel und ich will Dich gern selbst bedienen . Ich erschrak vor diesem Worte , denn wäre es nicht eine wahre Gottlosigkeit , wenn ich die Unverschämtheit hätte , mich von diesem ehrwürdigen Manne bedienen zu lassen ? Ich sagte ihm dieß auch und versicherte ihn , daß ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende leisten würde . Er umarmte mich ordentlich gerührt , als ob mein Gefühl etwas Besonderes wäre , und so wurde beschlossen , daß , so lange ich jetzt noch hier bleibe , ich fortfahre , bei ihm zu speisen und zu wohnen . Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rührung vernommen und beschloß , dem alten Manne seinen Dank für dessen freundliche Güte zu bezeigen . Mit großem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persönliche Dienstleistung , und dieser mußte es halb mit Kränkung , halb mit Stolz betrachten , wie ein fremder Bedienter , der mit ihm gekommen war , den jungen Grafen entkleidete , und er verließ , durch eine herzliche Umarmung beglückt , seinen edeln Beschützer , um ihn der Ruhe , die er bedurfte , zu überlassen . VII Es hätte zwar der junge Graf Hohenthal nach einer eiligen , etwas angreifenden Reise der Ruhe bedurft , um so mehr , da er in der jüngst vergangenen Zeit Vieles erlebt hatte , wodurch seine Kräfte erschüttert waren , aber eben diese Erfahrungen in seinem innern , wie in seinem äußern Leben waren so inhaltsschwer , daß Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Pläne lange den Schlummer von seinem Lager scheuchten , und er den Tag herbei wünschte , um eine geheime , ernste Unterredung mit seinem Oheim zu suchen , und doch wußte er nicht bestimmt , was er ihm sagen wollte oder durfte . Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schloß Hohenthal mit schwerem Herzen verlassen hatte , um zu seinen Eltern zu reisen , wurde er auf diesem Wege von ängstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken gequält , das Leben der Gräfin war in Gefahr und er hatte , wie es jedem edeln Menschen zu ergehn pflegt , eine um so größere Theilnahme für diese Frau gewonnen , als er ihr Unrecht gethan und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte , und es erfüllte ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer . Auf der andern Seite beunruhigte ihn nicht nur die Lage seiner Eltern , die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims abhing , sondern er mußte auch mit Schmerzen daran denken , welche Schritte sein Vater von ihm verlangt hatte , um diesen Oheim zum Beistande zu vermögen , Schritte , die , indem er sie nur dachte , die Röthe der Scham auf seine Wangen trieben . Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch eine andere , die für den Augenblick die ängstlichste wurde . Es zerbrach nämlich ein Rad seines Wagens , und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten . Da er nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte , so fürchtete er , sein Vater würde schon nachtheilige Verbindungen eingegangen sein , ehe er mit der ängstlich ersehnten Hülfe erschiene , denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende erreichen , welchen er als den spätesten seiner Ankunft bezeichnet hatte , sondern erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen . Er fand seine Mutter allein , die ihm ungewöhnlich bleich , mit verweinten Augen entgegen trat . Gottlob ! daß Du kommst , rief sie , indem sie ihn mit Thränen umarmte , es ist der letzte Augenblick , wenn Du Hülfe bringst , wo sie uns nützlich werden kann . Der junge Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater . Du kommst wie ein Engel des Trostes , erwiederte die Mutter noch immer weinend und berichtete nun , daß der alte Lorenz und sein Sohn erklärt hätten , daß sie noch heute abreisen würden , wenn das beabsichtigte Geschäft nicht noch an diesem Tage zu Stande käme , und daß der Vater , voll Mißtrauen gegen seinen Verwandten , alle Hoffnung aufgegeben habe , da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen sei , und nun krank , mit Verzweiflung im Herzen , eben mit den Beiden herum fahre , um ihnen alle Vortheile des Gutes zu zeigen , das ihnen noch diesen Abend übergeben werden sollte . O , Mutter ! rief der junge Graf schmerzlich bewegt , hätte mein Vater sich mit offenem , redlichem Vertrauen an seinen edeln Verwandten gewendet , niemals wäre unsere Lage so drückend geworden , daß sie ihn so tief erniedrigt hätte , mir Rathschläge zu geben , die mein Gefühl mir verbietet zu wiederholen . Du hast Recht , sagte die trauernde Mutter , ja hätte Dein unglücklicher Vater nur die Hälfte des Scharfsinns daran gewendet , auf rechtlichen Wegen seine Umstände zu verbessern , den er darauf gerichtet hat , sein Schicksal durch Mittel zu bezwingen , die ich beweinen muß , so glaube ich , wir würden ohne Kummer unsere Lage betrachten ; aber dennoch , geliebter Sohn , beurtheile den armen Mann nicht zu hart , denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater , und der Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in ' s Grab , daß er nichts für uns alle thun kann . Wenn uns der Vater liebt , sagte der junge Graf finster , so sollte er nicht Handlungen begehen oder fordern , die uns zwingen , für ihn zu erröthen . O ! still mein Kind , erwiederte die sanfte Mutter , Dein Herz schlägt noch mit Jugendkraft , Du kannst es noch nicht wissen , wohin ein feindliches Geschick den Menschen bringen kann . Dein Vater hat in der Jugend mit aller Gluth und Kraft des Herzens geliebt , ihm wurde Erwiederung geheuchelt , indeß seine Empfindung verspottet und er mit dem schnödesten Eigennutz betrogen wurde , und zwar durch einen Freund , dem er sich mit ganzer Seele vertraute . Seine einzige Schwester , bedeutend älter als er , war längst verheirathet , als die ältern starben , und der Schwager benutzte als Vormund das Vermögen , indeß Dein Vater seine Jugend in Dürftigkeit hinbrachte , sich in Schulden verwickelte , die , als er mündig wurde , sich so drückend zeigten , daß er die Einsicht gewann , er sei genußlos verarmt , denn was ihm nach der Theilung mit seinem Schwager blieb , hatte er in immerwährender durch Dürftigkeit und Noth erregter Herzensangst schon im Voraus ausgegeben , und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten , behielt er nichts übrig . Wo er sich hinwendete um Unterstützung , wurde er mit Kälte , als ein Verschwender , dem man nicht vertrauen könne , zurückgewiesen und seine Schulden , denen seine Verwandten mit Eifer nachspürten , als Beweise gegen ihn gebraucht . In dieser Bedrängniß wendete er seine Augen auf mich und wählte , nicht aus Liebe , sondern aus Noth , mich zur Gefährtin seines Lebens , und hoffte durch die einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermögensumstände wieder zu heben . Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke , daß eine Gräfin aus seinem einzigen Kinde werden solle , und da er nicht gewohnt war , die Ansichten Anderer zu vernehmen , so befahl er mir , Deinen Vater als meinen Bräutigam zu betrachten , und bestimmte den Tag der Vermählung . In der That fiel es mir auch nicht ein , daß ich befugt sei , Einwendungen zu machen , und der Tag unserer Verbindung erschien und wurde auf ' s Glänzendste gefeiert . Es schien , als ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wären ; mein Vater gab die nöthigsten Summen bei unserer Vermählung sogleich und verlangte , Dein Vater sollte nach drei Monaten ein Verzeichniß einliefern von allen Schulden und allen Bedürfnissen , dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung , wie er sagte , auf einem solideren Fuße einrichten . Jetzt erschienen dieselben Freunde und Verwandten , die Deinen Vater in seiner Bedrängniß mit Kälte abgewiesen hatten , und wünschten ihm Glück , sie wurden unsere täglichen Gäste , und erschöpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe ; man fand mich höchst liebenswürdig , man lobte es , daß ich bei dem großen Reichthume meines Vaters doch gar keine Ansprüche mache , kurz , Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen Menschen versöhnt und überredete sich , er habe sich geirrt und in seiner bittern , durch die Noth erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen Blicken betrachtet . Aber ach ! wie bald brach dieß scheinbare Glück zusammen . Ein großes Handlungshaus in England fiel , und sein Sturz zog den eines Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich , mit denen mein Vater in Verbindung stand , und er war schon zu Grunde gerichtet , ohne es zu ahnen , als er meine Hochzeit so glänzend feierte . Er konnte den Schreck nicht überwinden und wurde vom Schlage getroffen , als er die Nachricht seines Unglücks erhielt . Acht Wochen nach meiner Verheirathung wurde er begraben . Jetzt wurde Alles gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt , und die Armuth übte dort ihre furchtbare Gewalt , wo eben noch Glanz und Ueberfluß geherrscht hatten . Mein Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung , und diese waren so vorsichtig gewesen , sie mit unterschreiben zu lassen , und jetzt so schamlos , die Kleider und Wäsche meiner unglücklichen Mutter verkaufen zu lassen , um sich bezahlt zu machen , und die arme Frau wäre ohne Obdach gewesen , wenn nicht Dein Vater , der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte , um Vermögen zu erlangen , ihr sein Haus und seine Unterstützung angeboten hätte . Ach , mein Sohn ! wie schnell verloren sich alle die Freunde , die Dein Vater während seines kurzen Glückes besessen hatte , als meine Mutter bei uns einzog und unsere Dürftigkeit theilte . Die Besuche hörten auf , und wenn unsere Einsamkeit zuweilen gestört wurde , oder wenn wir gezwungen waren , Besuche zu machen , so suchte man Gelegenheit , über Mißheirathen zu sprechen , die nie zum Guten ausschlagen könnten ; und meine sanfte Seele empörte sich , wenn ich diese rohen Menschen , deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte , so reden hörte . Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf ' s Aeußerste erbittert und beschloß , jedes Mittel anzuwenden , um seine Umstände wieder zu verbessern . Er studirte die Landwirthschaft eifrig , aber ihm mangelten die Mittel zu den nöthigen Auslagen und die besten Pläne konnten deßhalb nicht gelingen . Dieß zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu , die viel zu beschränkt waren , als daß sie seine Einsichten hätten beurtheilen können ; aber die Verläumdung that ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer . Mehrere Kinder waren geboren , die unsere Sorge vermehrten . Jetzt , da die ganze Welt uns feindlich gegenüber stand , gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen die Oberhand in Deines Vaters Brust . Er hatte nicht die heldenmüthige Kraft der Tugend , die uns über jedes Mißgeschick erhebt ; und da er Ursache gefunden hatte , die Menschen so tief zu verachten , so glaubte er auch der Selbstachtung nicht mehr zu bedürfen . Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen , pflegte er oft zu sagen ; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen , um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten : so muß man sie durch jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen . Seine Kenntniß der Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes führten ihn in der That auf manche Mittel , bald von dem Einen , bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu erpressen , die unsern Untergang verschob , aber es konnte nicht fehlen , daß sich nun alle , die seine Achtung niemals verdient hatten , herausnahmen , Deinen Vater zu verachten ; und ach ! die allgemeine Stimme übte eine so traurige Gewalt , daß er auch die Achtung der Besseren verlor . Er wollte sich überreden , daß ihm dieß gleichgültig sei , aber ich sah wohl , wie der Kummer darüber an seinem Leben nagte . Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet ; Deine Schwestern wuchsen , von allen Menschen zurückgesetzt , beinah ohne alle Erziehung heran , und wir waren auf ' s Aeußerste getrieben , als derselbe Lorenz , der jetzt Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt , hier erschien und , nachdem er einige Stunden sich in ' s Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte , sich wieder entfernte . Jetzt , sagte hierauf Dein Vater mit großer Heiterkeit zu mir , jetzt will ich meinen hochmüthigen Vetter wohl zwingen , mir beizustehen ; bald werde ich die Mittel dazu in meinen Händen haben , und Du , mein unglückliches Weib , brauchst dann nicht mehr in Noth mit unsern armen Kindern zu vergehen . Wie flehentlich bat ich ihn damals , auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich offen , mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden . Er lachte mit Bitterkeit über meinen Rath und fragte mich , ob wir noch nicht Demüthigungen genug erfahren hätten , ob ich nach neuen lüstern sei ? Wie einen Bettler würde er mich abweisen , sagte er , wenn ich ihn freimüthig bäte , mir von seinem Ueberflusse Unterstützung zu gewähren , aber mit größtem Danke wird er einen Theil seines Vermögens aufopfern , wenn er fürchten muß , noch weit mehr zu verlieren . Meine Thränen flossen nun im Verborgenen , denn ich wußte wohl , daß ich Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können . Nach einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament , wofür er eine ansehnliche Summe verlangte . Ich hörte es wohl , wie ihm Dein Vater alles geben wollte , was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Werth im Hause befand , aber dieß Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe . Auf Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen , indem er behauptete , ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden . Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung , daß ich glaubte , er würde jede Rücksicht vergessen und es versucht haben , dem alten Lorenz die Schrift , auf die es ihm ankam , mit Gewalt zu entreißen , wenn nicht in diesem Augenblicke der Prediger gekommen wäre , dem wir , wie vielen Andern , schuldig sind , und der also höflich empfangen werden mußte . Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick , um sich zu entfernen , und sagte mit widrigem Lächeln , daß er nach einigen Wochen wieder anfragen wollte , ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche . Von jetzt an zehrte Dein Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben , die Summen zusammen zu bringen , die gefordert wurden , ehe der Alte die Schrift ausliefern wollte . Er erfuhr , daß sein Verwandter den ungetreuen Kastellan entlassen hatte , und dieß erregte in ihm eine lebhafte Freude , denn er hoffte nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen . In der That bot ihm der alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an , aber auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich , weil er sich nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte . In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede vollendete es , denn Du , mein geliebter Sohn , kehrtest krank und des Dienstes entlassen zu uns zurück . Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch ; er kannte Dich zu gut , als daß er es nur hätte unternehmen mögen , Dir seine Ansichten mitzutheilen , er wußte , daß Du dann sein Begehren nicht erfüllen würdest , er ließ Dich also glauben , Dein Oheim sei gegen uns im höchsten Unrecht , und schickte Dich ab , eine Ausgleichung mit diesem ungerechten Verwandten zu versuchen . Da er überzeugt war , die Schrift , durch die sich Dein Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte , sei noch in den Händen des alten Lorenz , so glaubte er , daß jener , wenn er sie vermißte , sich auf einen Vergleich einlassen würde , und da er es für unmöglich hielt , daß der alte Lorenz es wagen könnte , die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern , so erregte es in ihm eine Art von Freude , auch diesen zu überlisten und seinen Diebstahl nun doch zu benutzen , ohne ihm etwas dafür zu bezahlen , da er sich so unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte . Ich weinte und betete im Stillen , Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen , als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien , aber dieß Mal in ganz veränderter Gestalt auftrat . Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage , er habe die bewußte Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten , aber jetzt , da er durch glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei , komme er , um uns Dienste anderer Art zu leisten . Er kannte unsere gefährliche Lage ganz ; er wußte , welche Forderungen Deinen Vater bedrängten , und machte nun die Dir bekannten Anträge . Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen , wenn Deine Reise zu Deinem Oheim , die nun beschlossen wurde , fruchtlos sein sollte . Mit spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmüthigter Verachtung sein übermüthiger Sohn in diesen Vorschlag ein . Du reistest ab , und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die Herren des Schlosses zu betragen , und ihr Uebermuth wuchs , je mehr sie bei einem längeren Aufenthalt die Noth bemerken mußten , die uns bedrängte . Dein Vater ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen Kraft Deine Rückkunft : da , mein geliebter Sohn , erschien Dein Bote und vernichtete alle unsere Hoffnungen . Was Du von der großmüthigen Gesinnung Deines Oheims schriebst , glaubte Dein Vater nicht , er meinte , Du hättest Dich durch gleißnerische Reden täuschen lassen ; daß sein Verwandter sich wieder im Besitz der entwendeten Schrift befand , brachte ihn zur Verzweiflung , denn er sah nun keinen Grund mehr , weßhalb er uns helfen sollte , und er weinte untröstlich eine ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang . Am andern Morgen machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber , daß er die Schrift seinem ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe . Der alte Heuchler antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit : Gott hat es nicht haben wollen , mein Herr Graf , daß Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten , ich bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an , dann wollte ich sie Ihnen in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen ; da Sie aber auch darauf nicht eingehen konnten , so entschloß ich mich , sie meinem vorigen Herrn , dessen Vater ich schon gedient hatte , und für den ich also noch immer Anhänglichkeit fühlte , für hundert Dukaten zurück zu geben , und seitdem ich hier bin , sehe ich ja auch deutlich genug , daß Sie mir sogar diese geringe Summe nicht hätten zahlen können . Trösten Sie sich also , gnädiger Herr Graf , es hat nicht sein sollen ; Sie wissen wohl , Wer da hat , dem wird gegeben werden , und Wer da nicht hat , dem wird auch das noch genommen , was er hat ; das lehrt uns selbst das Evangelium . Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen ; es kam keine Klage mehr über seine Lippen , nur als er gestern um Mitternacht sein Lager suchte , drückte er meine Hand und sagte : Wir sind verloren , unser Sohn ist nicht gekommen ; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten , Nachmittag alle Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschließen ; dann muß ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen überlassen und Gott weiß , wo wir unser Haupt hinlegen werden . Du kannst es denken , geliebter Sohn , sagte die Mutter , indem sie den jungen Mann von Neuem umarmte , mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe , bis Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst . Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden , sagte der junge Graf , indem er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte . Ich bringe Ihnen vollständige Hülfe , und zwar von dem Manne , gegen den mein Vater sich mit nichtswürdigen Gaunern vereinigte , um ihn zu betrügen . O , Mutter ! können die Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen ? Glaube mir , erwiederte die Mutter , ich fühle sein Unrecht wie Du , aber sei mild , bedenke sein Unglück ; der alte Mann hat Alles eingebüßt , Vermögen , Gesundheit , die Achtung seiner Mitbürger und seiner selbst ; soll er ganz verzweifeln , wenn er sieht , daß er auch die Liebe seines Weibes und seiner Kinder verloren hat ? Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen , bis das Geräusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte . Sie trockneten schnell die herabströmenden Thränen und gingen dem Vater entgegen , der , wie der Sohn mit Schmerzen bemerkte , nur mit Mühe aus dem Wagen steigen konnte , weil seine Füße geschwollen waren . Sein Gesicht war bleich und entstellt , er athmete schwer aus beklemmter Brust und konnte , auf den Arm des Sohnes gestützt , durch heftiges Husten gehindert , nicht so schnell die Treppe ersteigen , wie seine zitternde Eile es verlangte ; er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten Augen der Mutter und des Sohnes , die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen . Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lächeln von dem jungen Grafen auf seinen Sohn , und dieser erwiederte den Blick des Vaters durch ein spöttisches Zucken des Mundes . Alles dieß entging dem alten kranken Grafen nicht , der sich um so mehr beeilte , sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen , dessen Zorn beim Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand . Sie hatten endlich die Treppe erstiegen , und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte , indem er noch dessen Arm umschlossen hielt , in heftigster Angst : Sprich es nur aus , zögre nur nicht , Du bringst nichts , wir sind verloren . Könnte doch dadurch Alles gut werden , sagte der Sohn , indem er beide Hände des Vaters faßte , daß ich Ihnen vollständige Hülfe bringe . Wie war das , sagte der Vater , indem er , durch den freudigen Schreck ermattet , sich in einen Lehnstuhl senkte , hast Du die nöthigen Summen ? Ich habe alles erhalten , was wir brauchen , erwiederte der Sohn , und zwar ohne Anstrengung , ohne Künste . O mein Vater , wie sehr haben wir den besten der Menschen verkannt . Laß das jetzt , rief der Vater , indem ein Strahl der Freude in seinen erlöschenden Augen aufblitzte , wir wollen uns schnell die beiden Schurken vom Halse schaffen , die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben . Ach , mein Vater ! seufzte der Sohn . Laß alle Erklärungen , rief der Vater , wenn die Beiden aus dem Hause sind , dann wollen wir über Alles sprechen . Er wollte sich schnell erheben , um dieß sogleich auszuführen , aber der Husten , der ihn von Neuem überfiel , verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorsatzes . Es währte eine halbe Stunde , ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens erholen konnte . Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkältet , sagte er endlich , und dieß wird mir um so nachtheiliger , da ich schon krank war , ehe wir in den Wagen stiegen ; aber komm nur , wir wollen sie nun gleich abfertigen . Er erreichte , auf den Arm des Sohnes gelehnt , den Saal , in dem die Mutter mit dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgültiges Gespräch zu führen suchte . So krank der alte Graf sich auch fühlte , so richtete er sich doch stolz empor und sagte mit vornehmer Höflichkeit zu den Beiden : Es thut mir leid , meine Herren , daß Sie sich so lange vergeblich bei mir aufgehalten haben , da aus unsern früheren Plänen nichts werden kann , weil ich gesonnen bin , meinem Sohn die Güter zu übergeben , und ich beklage nur , fügte er spöttisch lächelnd hinzu , daß Sie sich heute die unnütze Mühe gemacht haben , Alles in meiner Wirthschaft zu betrachten , die Sie niemals führen werden . Der alte Lorenz so wohl , als sein Sohn waren nach dieser Erklärung sichtlich bestürzt , aber da sie fühlten , daß alle ferneren Versuche vergeblich sein würden , ging der Sohn hinweg , um seinem Bedienten zu befehlen , die Pferde anspannen zu lassen . Nicht eine Sylbe wurde gesprochen , um diesen Vorsatz zu verhindern , obgleich die Abenddämmerung schon eintrat , und beide unwürdige Gäste mußten sich von dem Schlosse entfernen , das sie schon wie ihr Eigenthum betrachtet hatten . Gottlob ! rief der alte Graf , als sie das Haus verlassen hatten , nun ist die Luft wieder rein , aber ich fühle mich krank und ermattet , ich will mich zur Ruhe begeben und Thee im Bette trinken , das wird mir wohl thun , und dann sollst Du , mein Sohn , mir Alles erzählen . Der junge Graf zog die Klingel , um einen Bedienten herbei zu rufen , aber wie heftig er dieß auch in kurzen Zwischenräumen wiederholte , so zeigte sich doch Niemand , um den Kranken zu entkleiden . Der Sohn ging endlich selbst , um einen Diener aufzusuchen , aber seine Mühe war vergeblich . Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden . Es hatte sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen , und so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewußt , daß zwar viele Menschen darin waren , die ernährt werden mußten , aber niemand , der wahrhaft nützlich gewesen wäre . Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben mußte , so fanden sie Mittel , sich auf andere Weise bezahlt zu machen , und indem ihre Forderung jeden Monat anwuchs , konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel , den die Herrschaft auszusprechen wagte , erwiedern : Zahlen Sie mir meinen Lohn aus , so verlasse ich Ihren Dienst sogleich . Der junge Graf seufzte bei dieser fühlbaren Zerrüttung des ganzen Hauswesens , und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem Hause seines Oheims . Da er seinen Zweck gänzlich verfehlte und keinen Diener fand , so kehrte er zu seinem Vater zurück , den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand ; die Mutter war hinunter gegangen , um Thee zu besorgen , denn auch dieß machte Schwierigkeit , da es etwas früher als gewöhnlich geschehen sollte . Der Zustand des alten Grafen erregte das innigste Mitleid des Sohnes , er führte den alten Mann nach dem Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nöthige Hülfe , um ihn zur Ruhe zu bringen . Indeß hatte