sich nicht geschmeidig biegen , Ulme , sind die Zweige zu hoch , Pappel schmückt nicht , und der Baum , der Dein ist , der ist nicht hier . - Das hab ich oft gesagt , der mein ist , der ist nicht hier , Du bist mein , Du bist aber nicht hier . Es könnte sich auch fügen , daß nach Deiner prophetischen Vision in kurzer Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen führte , ich bedarf dieser Entschädigung für die böse Zeit , die ich ohne Dich verlebte . Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen , worunter herrliche Leute waren , sind die Mediziner , da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr kamen , wurden die meisten ein Opfer ihrer Tätigkeit , da merkt man denn erst , wieviel einer wert war , wenn er nicht mehr lebt . Der Tod treibt zur Unzeit die Knospen in die Blüte . Beiliegende Zeichnung ist das Porträt von Tiedemann , eines hiesigen Professors der Medizin , er interessiert sich so sehr für die Fische , daß er ein schönes Werk über die Fischherzen schrieb , mit gar guten Kupfern versehen ; da Du nun in Deinen Wahlverwandtschaften gezeigt , daß Du Herz und Nieren genau prüfst , so werden Dir Fischherzen auch interessant sein , und vielleicht entdeckst Du , daß Deine Charlotte das Herz eines Weißfisches hat ; mit nächstem , wo ich noch manches andre übersende , werd ich ' s mitschicken . Die Zeichnung achte nicht gering , lernst Du den Mann einmal kennen , so wirst Du sehen , daß er seinem Spiegel Ehre macht . Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen , die Meline mit den schönen Augenwimpern , von der Du sagtest , sie gleiche einer Rose , die der Tau eben aus tiefem Schlaf geweckt , die heiratet einen Mann , von dem die allgemeine Sage geht , er sei ein ganz vortrefflicher Mensch . O wie ist das traurig , Sklave der Vortrefflichkeit sein , da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht hat , man ketzert sich und andre mit der Tugend ab . Verzeih nur , daß ich immer wieder von Deinem Buch anfange , ich sollte lieber schweigen , da ich nicht Geist genug habe , es ganz zu fassen . Seltsam ist es , daß , während die Wirklichkeit mich so gewaltig aufregt , schlägt mich die Dichtung so gewaltig nieder . Die schwarzen Augen , die groß sind und etwas weit offen , aber ganz erfüllt voll Freundlichkeit , wenn sie mich ansehen , der Mund , von dessen Lippen Lieder fließen , die ich schließen kann mit einem Siegel , die dann viel schöner singen , süßer und wärmer plaudern als vorher , und die Brust , an die ich mich verbergen kann , wenn ich zu viel geschwätzt habe , die werd ich doch nie mißverstehen , die werden mir nie fremd sein . - Gute Nacht hierüber . Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm , die beiden Bubenköpfchen machte er nur flüchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See , die Zeichnung davon ist noch besser , sie ist samt der Gegend , die Buben , der braune auf einer Bank in der Sonne sitzend , der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt , alles ganz lieblich nach der Natur . Das Mädchen ist ein früherer Versuch seiner Nadel , Dein Lob hat ihm großen Eifer gegeben , sein Lehrer ist der Kupferstecher Heß , dem ich manchmal mit stillem Staunen bei seinen großen ernsten Arbeiten zusehe . Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben , es ist alter Kirchenstil , ich muß Geduld haben , bis ich einen Abschreiber finde . Lebe wohl , alles grüße herzlich von mir , was Dein ist . Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut . Bettine An Goethe Ich habe meine Türe verriegelt , und um doch nicht so ganz allein zu sein mit meinem Mißmut , sucht ich Deine » Eugenie « ; sie hatte sich ganz in den hintersten Winkel des Bücherschranks versteckt , mir ahnte ein Trost , ein himmlischer Gedanke werde mich drin anwehen , ich habe sie eingesogen wie Blumenduft , unter drückenden Wolken bin ich gelassen unermüdet vorwärts geschritten bis zum einsamen Ziel , wo keiner gern weilt , weil da die vier Winde zusammenstoßen und den armen Menschen nicht jagen , aber fest in ihrer Mitte halten ; ja , wen das Unglück recht anbraust , den treibt ' s nicht hin und her , es versteinert ihn wie Niobe . Da nun das Buch gelesen ist , verzieht sich der dichte Erdennebel , und nun muß ich mit Dir reden . - Ich bin oft unglücklich und weiß nicht warum , heute meine ich nun , es komme daher , weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen glaubte , und es war ein anderer , nun klopfte mir das Herz so gewaltig , und dann war ' s nichts . Als ich hereinkam , fragten alle , warum siehst Du so blaß aus ? Und ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel , man glaubte wunder , was er enthalte , es war eine alte Rechnung von 4 Fl . von dem alten Maler Robert aus Kassel , bei dem ich nichts gelernt habe ; sie lachten mich alle aus , ich kann aber doch nicht lachen ; denn ich hab ein bös Gewissen , ich weiß ja wenig , was Geist , Seele und Herz für Prozesse miteinander führen , warum hab ich Dir denn allerlei geschrieben , was ich nicht verantworten kann ? Du bist nicht böse auf mich , wie könnte mein unmündig Geschwätz Dich beleidigen , aber Du antwortest nicht , weil ich ja doch nicht verstehe , was Du sagen könntest , und so hat mich mein Aberwitz um mein Glück gebracht , und wer weiß , wann Du wieder einlenkst . - Ach , Glück ! Du läßt dich nicht meistern und nicht bilden , wo du erscheinst , da bist du immer eigentümlich und vernichtest durch deine Unschuld alles Planmäßige , alle Berechnung auf die Zukunft . Unglück ist vielleicht die geheime Organisation des Glückes , ein flüssiger Demant , der zum Kristall anschließt , eine Krankheit der Sehnsucht , die zur Perle wird . O schreib mir bald . Am 12. Januar 1810 Bettine Goethe an Bettine Das ist ein liebes , feines Kind , listig wie ein Füchschen , mit einer Glücksbombe fährst Du mir ins Haus , in der Du Deine Ansprüche und gerechte Klage versteckst . Das schmettert einem denn auch so nieder , daß man gar nicht daran denkt , sich zu rechtfertigen . - Die Weste , innen von weichem Samt , außen glatte Seide , ist nun mein Bußgewand , je behaglicher mir unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird , je bedrängter ist mein Gewissen , und wie ich gar nach zwei Tagen zufällig in die Westentasche fahre und da das Register meiner Sünden herausziehe , so bin ich denn auch gleich entschlossen , keine Entschuldigungen für mein langes Schweigen aufzusuchen . Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe , mein Schweigen bei Deinen so überraschenden Mitteilungen auf eine gefällige Weise auszulegen , die Deiner nie versiegenden Liebe , Deiner Treue für Gegenwärtiges und Vergangenes auf verwandte Weise entspricht . Über die Wahlverwandtschaften nur dies : der Dichter war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt , er hat seinen Teil Schmerzen getragen , schmäle daher nicht mit ihm , daß er auch die Freunde zur Teilnahme auffordert . Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der Vergangenheit stirbt , so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht , in diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Tränen für manches Versäumte zu sammeln . Deine tiefen , aus dem Geist und der Wahrheit entspringende Ansichten gehören jedoch zu den schönsten Opfern , die mich erfreuen , aber niemals stören können , ich bitte daher recht sehr , mit gewissenhafter Treue dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen , wie bei Deinem geistigen Kommers und Überfluß an Gedanken leichtlich zu befahren ist . Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir hören . Goethe Weimar , den 5. Februar 1810 Meine Frau mag Dir selbst schreiben , wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen und wie erfreut sie bei Eröffnung der Schachtel war , es hat seinen herrlichen Effekt getan . Über der lieben Meline Heirat sage ich nichts , es macht einem nie wohl , wenn ein so schönes Kind sich weggibt , und der Glückwunsch , den man da anbringt , drückt einem nur auf dem Herzen . An Goethe Fahre fort , so liebreich mit mir zu sein , packe selbst zusammen , was Du mir schickst , mache selbst die Adresse aufs Paket , das alles freut mich , und Dein Brief , der allen Schaden vergütet , ja meine eignen Schwächen so sanft stützt , mich mir selbst wiedergibt , indem er sich meiner annimmt . Nun , ich bin angeblasen von allen Launen , ich drücke die Augen zu und brumme , um nichts zu sehen und zu hören , keine Welt , keine Einsamkeit , keinen Freund , keinen Feind , keinen Gott und endlich auch keinen Himmel . Den Hofer haben sie in einer Sennhütte auf den Passeirer Bergen gefangen , diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen , gestern erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied : » Der Kommandant der Heldenschar , auf hoher Alp gefangen gar , findet viel Tränen in unseren Herzen . « Ach , dieser ist nicht unbeweint von mir , aber die Zeit ist eisern und macht jede Klage zu Schanden , so muß man auch das Ärgste fürchten , obschon es unmöglich ist . Nein , es ist nicht möglich , daß sie diesem sanften Helden ein Haar krümmen , der da für alle Aufopferung , die er und sein Land umsonst gemacht hatten , keine andre Rache nahm , als daß er in einem Brief an Speckbacher schrieb : » Deine glorreichen Siege sind alle umsonst , Österreich hat mit Frankreich Friede geschlossen und Tirol - vergessen . « In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen , dabei hab ich denn meine Unterhaltung , wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs Fugen , dabei tut mir denn gar wohl , daß das Warum nie beantwortet werden kann , daß man unmittelbare Herrschaft des Führers ( Dux ) annehmen muß , und daß der Gefährte sich anschmiegt , ach , wie ich mich gern an Dich anschmiegen möchte ; wesentlich möchte ich ebenso Dir sein , ohne viel Lärm zu machen , alle Lebenswege sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schließen , und das wäre eine echte , strenge Fuge , wo dem Gefühl keine Forderung unbeantwortet bleibt , und wo sich der Philosoph nicht hineinmischen kann . Ich will Dir beichten , will Dir alle meine Sünden aufrichtig gestehen , erst die , an welchen Du zum Teil schuld hast und die Du auch mitbüßen mußt , dann die , so mich am meisten drücken , und endlich jene , an denen ich sogar Freude habe . Erstens : sage ich Dir zu oft , daß ich Dich liebe , ja , ich weiß gar nichts anders , wenn ich ' s hin- und herwende , es kömmt sonst nichts heraus . Zweitens : beneide ich alle Deine Freunde , die Gespielen Deiner Jugend und die Sonne , die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener , vorab Deinen Gärtner , der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt . Drittens : gönne ich Dir keine Lust , weil ich nicht dabei bin , wenn einer Dich gesehen hat , von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht , das ist mir eben kein besonder Vergnügen ; wenn er aber sagt , Du seist ernst , kalt , zurückhaltend usw. gewesen , das ist mir recht lieb . Viertens : vernachlässige ich alle Menschen um Deinetwillen , es gilt mir keiner etwas , aus ihrer Liebe mache ich mir gar nichts ; ja , wer mich lobt , der mißfällt mir , das ist Eifersucht auf mich und Dich und eben kein Beweis von einem großen Herzen , und ist eine elende Natur , die auf einer Seite ausdürrt , wenn sie auf der andern blühen will . Fünftens : hab ich eine große Neigung , die Welt zu verachten , besonders in denen , so Dich loben , alles , was Gutes über Dich gesagt wird , kann ich nicht hören , nur wenige einfache Menschen , denen kann ich ' s erlauben , daß sie über Dich sprechen , und das braucht nicht grade Lob zu sein , nein , man kann sich ein bißchen über Dich lustig machen , und da kann ich Dir sagen , daß sich ein unbarmherziger Mutwille in mir regt , wenn ich die Sklavenketten ein bißchen abwerfen kann . Sechstens : hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele , daß Du es nicht bist , mit dem ich unter einem Dache wohne und dieselbe Luft einatme , ich fürchte mich in der Nähe fremder Menschen zu sein , in der Kirche suche ich mir einen Platz auf der Bank der Bettler , weil die am neutralsten sind , je vornehmer die Menschen , je stärker ist mein Widerwillen ; angerührt zu werden , macht mich zornig , krank und unglücklich ; so kann ich ' s auch in Gesellschaften auf Bällen nie lange aushalten , tanzen mag ich gern , wenn ich allein tanzen könnte , auf einem freien Platz , wo mich der Atem , der aus fremder Brust kömmt , nicht berührte . Was könnte das für einen Einfluß auf die Seele haben , nur neben dem Freund zu leben ? - Um so schmerzlicher der Kampf gegen das , was geistig und leiblich ewig fremd bleiben muß . Siebentens : wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hören , setze ich mich in eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu , oder ich verliere mich über dem ersten besten Wort ganz in Gedanken , wenn denn einer etwas nicht versteht , so erwache ich aus einer andern Welt und maße mir an , die Erklärung darüber zu geben , und was andre für Wahnwitz halten , das ist mir verständlich und hängt zusammen mit einem innern Wissen , das ich nicht von mir geben kann . - Von Dir kann ich durchaus nichts lesen hören , noch selbst vorlesen , ich muß mit mir und Dir allein sein . Achtens : kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben , wenn ich im mindesten unbequem bin , so werde ich ganz dumm ; denn es scheint mir ungeheuer dumm , einander was weiszumachen . Auch daß sich der Respekt mehr in etwas Erlerntem , als in etwas Gefühltem äußert ; ich meine , daß Ehrfurcht nur aus Gefühl der inneren Würde entspringen müsse . Dabei fällt mir ein , daß nahe bei München ein Dorf liegt , was Kultersheim heißt , auf einem Spaziergang dahin erklärte man mir , daß dieser Name von Kultursheim herrühre , weil man da dem Bauernstand eine höhere Bildung zu geben beabsichtigt habe ; das Ganze hat sich jedoch auf den alten Fuß gesetzt , und diese gute Bauern , die dem ganzen Lande mit schönem Beispiel voranschreiten sollten , sitzen bei der Bierkanne und zechen um die Wette , das Schulhaus ist sehr groß und hat keine runde , sondern lauter viereckige Scheiben , doch liebt der Schulmeister die Dämmerung ; er saß hinter dem Ofen , hatte ein blaues Schnupftuch über dem Kopf hängen , um sich vor den Fliegen zu schützen , die lange Pfeife war ihm entfallen , und er schlief und schnarchte , daß es widerhallte ; die Schreibbücher lagen alle aufgehäuft vor ihm , um Vorschriften im Schönschreiben zu machen ; - ich malte einen Storch , der auf seinem Nest steht , und schrieb darunter : » Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest . Die Tanne in dem Walde stolz , die fällt zu euerm Zimmerholz . Und dann , wenn alle Wände stehn , müßt ihr euch nach ' ner Eich umsehn ; daraus ihr schnitzelt Bank und Tisch , worauf ihr speist gebratnen Fisch . Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen für Frau und Kind , die ihr werd ' t kriegen , und lernt benützen Gottes Segen bei Sonnenschein und auch bei Regen . Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der Storch auf seinem Neste dort . Der möge stets bei euch einkehren , um böses Schicksal abzuwehren . Dann lernt noch schreiben euern Namen , unter gerechte Sach , ich sage Amen . Das ist das echte Kultursheim , worauf ich machte diesen Reim . « Ich flirrte jeden Augenblick zur Tür hinaus , aus Angst , der Schulmeister möge aufwachen , draußen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen herbei , um ihn mit einer einseitigen Feder , die wahrscheinlich mit dem Brodkneip zugeschnitten war , aufzuschreiben , zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem Strohhut und machte eine schöne Schleife um das Buch , damit er ' s doch sehen möge ; denn sonst hätte dies schöne Gedicht leicht unter dem Wust der Schreibbücher verloren gehen können . Vor der Tür saß Rumohr , mein Begleiter , und hatte unterdessen eine Schüssel mit saurer Milch ausgespeist , ich wollte nichts essen und auch mich nicht mehr aufhalten , aus Furcht , der Schulmeister könne aufwachen . Unterwegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand , über ihre Bedürfnisse , und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge , und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse , die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benützen könnten , und daß man sie zu freien Menschen bilden müsse , das heißt : zu Leuten , die sich alles selbst verschaffen , was sie brauchen . Dann sprach er auch über ihre Religion , und da hat er etwas sehr Schönes gesagt , er meinte nämlich , jedem Stand müsse das als Religion gelten , was sein höchster Beruf sei ; des Bauern Beruf sei , das ganze Land vor Hungersnot zu schützen , hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat , seine Verpflichtungen für denselben begreiflich gemacht werden , es müsse ihm ans Herz gelegt werden , welchen großen Einfluß er auf das Wohl des Ganzen habe , und so müsse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden , daraus werde die Selbstachtung entstehen , die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil , und so würden die Opfer , die das Schicksal fordert , ungezwungen gebracht werden , wie die Mutter , die ihr eignes Kind nährt , auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert ; so würde das unmittelbare Gefühl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein , gewiß jedes Opfer bringen , um sich diese Würde zu erhalten ; keine Revolutionen würden dann mehr entstehen ; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder gerechten Forderung vorgreifen , und das würde eine Religion sein , die jeder begreife , und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei , denn alles , was nicht in diesem Sinn geschehe , das sei Sünde ; er sagte dies noch viel schöner und wahrer , ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben . So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen , ich wollte Dir noch manches sagen , was man sündlich finden dürfte , wie daß ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen , daß ich die Stiege küssen möchte , auf der Deine Füße auf- und niedersteigen usw. - Dies könnte man Abgötterei nennen , oder ist es so , daß der Gott , der Dich belebt , auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt ? - Daß , wenn er in Deinen Mund und Augen spielt , er auch unter Deinen Füßen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt , daß , wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt , er wohl auch im Papier , in welches Du den Maskenzug einpackst , verborgen sein kann ? Also , wenn ich ' s Papier küsse , so ist es das Geliebte in Dir , das sich mir zulieb auf die Post schicken ließ . Adieu ! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen , da ich ewig und ganz Dein bin . Bettine Du hast mein Tagebuch erhalten , aber liest Du auch darin , und wie gefällt Dir ' s ? - Am 29. Februar An Bettine Liebe Bettine , ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig gemacht , daß ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe , Du mußt glauben , daß ich eines so schönen Geschenkes nicht würdig bin , indessen kann ich Dir nicht mit Worten schildern , was ich darauf zu erwidern habe . Du bist ein einziges Kind , dem ich mit Freuden jede Erheiterung , jeden lichten Blick in ein geistiges Leben verdanke , dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen haben würde ; es bleibt bei mir verwahrt , an einem Ort , wo ich alle Deine lieben Briefe zur Hand habe , die so viel Schönes enthalten , wofür ich Dir niemals genug danken kann , nur das sage ich Dir noch , daß ich keinen Tag vergehen lasse , ohne drin zu blättern . An meinem Fenster wachsen , wohlgepflegt , eine Auswahl zierlicher ausländischer Pflanzen ; jede neue Blume und Knospe , die mich am frühen Morgen empfängt , wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut . Alles , was Du schreibst , ist mir eine Gesundheitsquelle , deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben , erhalte mir diese Erquickung , auf die ich meinen Verlaß habe . Weimar , am 1. März 1810 Goethe An Goethe Ach , lieber Goethe ! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde , da ich eben nicht wußte , wohin mit aller Verzweiflung ; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten verfolgt mit großer Treue für die Helden , die ihr Heiligtum verfochten ; dem Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur , wie oft hat er nach des Tages Last und Hitze sich in der späten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit seinem reinen Gewissen beratschlagt , und dieser Mann , dessen Seele frei von bösen Fehlen , offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum , hat nun endlich am 20. Februar zur Bestätigung seines großen Schicksals den Tod erlitten ; wie konnt es anders kommen , sollte er die Schmach mittragen ? - Das konnt nicht sein , so hat es Gott am besten gemacht , daß er nach kurzer Pause seit dieser verklärenden Vaterlandsbegeisterung mit großer Kraft und Selbstbewußtsein , und nicht gegen sein Schicksal klagend , seinem armen Vaterland auf ewig entrissen ward . Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta Molina , mit vielen andern Tirolern . Sein Todesurteil vernahm er gelassen und unerschüttert ; Abschied ließ man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht nehmen , den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler übertönte die Trommel , er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und ließ ihnen sagen : er gehe getrost in den Tod und erwarte , daß ihr Gebet ihn hinüberbegleite . - Als er an ihren Kerkertüren vorbeischritt , lagen sie alle auf den Knien , beteten und weinten ; auf dem Richtplatz sagte er : er stehe vor dem , der ihn erschaffen , und stehend wolle er ihm seinen Geist übergeben ; ein Geldstück , was unter seiner Administration geprägt war , übergab er dem Korporal , mit dem Bedeuten : es solle Zeugnis geben , daß er sich noch in der letzten Stunde an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fühle . Dann rief er : » Gebt Feuer ! « Sie schossen schlecht , zweimal nacheinander gaben sie Feuer , erst zum drittenmal machte der Korporal , der die Exekution leitete , mit dem dreizehnten Schuß seinem Leben ein Ende . Ich muß meinen Brief schließen , was könnte ich Dir noch schreiben ? Die ganze Welt hat ihre Farbe für mich verloren . Ein großer Mann sei Napoleon , so sagen hier alle Leute , ja äußerlich , aber dieser äußern Größe opfert er alles , was seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt . Unser Hofer , innerlich groß , ein heiliger deutscher Charakter , wenn Napoleon ihn geschützt hätte , dann wollte ich ihn auch groß nennen . - Und der Kaiser , konnte der nicht sagen , gib mir meinen Tiroler Helden , so geh ich Dir meine Tochter , so hätte die Geschichte groß genannt , was sie jetzt klein nennen muß . Adieu ! Daß Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gottheit erhebst , ist Prädestination . Von jenen lichten Waldungen des Äthers , von Sonnenwohnungen , vom vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit , in der die tiefe Seele lebt und atmet , habe ich oft schon geträumt . An Rumohr konnt ich Deinen Gruß nicht bestellen , ich weiß nicht , nach welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist . Landshut , den 10. März 1810 An Bettine Liebe Bettine , es ist mir ein unerläßlich Bedürfnis , Deiner patriotischen Trauer ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen , wie sehr ich mich von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fühle . Lasse Dir nur das Leben mit seinen eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden . Durch solche Ereignisse sich durchzukämpfen , ist freilich schwer , besonders mit einem Charakter , der soviel Ansprüche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du . - Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege , so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen . Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen , historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem Tempel des Mars geleitet , und überall behauptet sich Deine gesunde Energie , habe den herzlichsten Dank dafür und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner inneren Welt sein , und sei gewiß , daß die Treue und Liebe , die Dir dafür gebührt , Dir im Stillen gezollt wird . 19. März 1810 Goethe An Goethe Lieber Goethe ! Vieltausend Dank für Deine zehn Zeilen , in denen Du Dich tröstend zu mir neigst , so mag denn diese Periode abgeschlossen sein ; dieses Jahr von 1809 hat mich sehr turbiert ; nun sind wir an einem Wendepunkt : in wenig Tagen verlassen wir Landshut und gehen über und durch manche Orte , die ich Dir nicht zu nennen weiß . - Die Studenten packen eben Savignys Bibliothek ein , man klebt Nummern und Zettel an die Bücher , legt sie in Ordnung in Kisten , läßt sie an einem Flaschenzug durchs Fenster hinab , wo sie unten von den Studenten mit einem lauten Halt empfangen werden , alles ist Lust und Leben , obschon man sehr betrübt ist , den geliebten Lehrer zu verlieren ; Savigny mag so gelehrt sein , wie er will , so übertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glänzendsten Eigenschaften , alle Studenten umschwärmen ihn , es ist keiner , der nicht die Überzeugung hätte , auch außer dem großen Lehrer noch seinen Wohltäter zu verlieren ; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb , besonders die Theologen . Sailer , gewiß sein bester Freund . Man sieht sich hier täglich und zwar mehr wie einmal , abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gäste mit angezündetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustür , gar oft hab ich die Runde mitgemacht ; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg , auf dem die Trausnitz steht , ein Schloß alter Zeit : Traue nicht . Die Bäume schälen ihre Knospen ! Frühling ! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her , von Sailer hab ich Dir wenig erzählt , und doch war er mir der Liebste von allen . Im harten Winter gingen wir oft über die Schneedecke der Wiesen und Ackerfläche und stiegen miteinander über die Hecken von einem Zaun zum andern , und alles , was ich ihm mitteilte , daran nahm er gern teil , und manche Gedanken , die aus Gesprächen mit ihm hervorgingen , die hab ich aufgeschrieben , obschon sie in meinen Briefen nicht Platz finden , so sind sie doch für Dich , denn nie denke ich etwas Schönes , ohne daß ich mich darauf freue , es Dir zu sagen . Zur Besinnung kann ich während dem Schreiben nicht kommen , der Studentenschwarm verläßt das Haus nicht mehr , seitdem Savignys Abreise in wenig Tagen bestimmt ist ; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tür mit Wein und einem großen Schinken , den sie beim Packen verzehren , ich schenkte ihnen meine kleine Bibliothek , die sie eben auch einpacken wollten , da haben sie mir ein Vivat gebracht . - Abends bringen sie oft ein Ständchen mit Gitarren und Flöten , und das dauert oft bis nach Mitternacht , dabei tanzen sie um einen großen Springbrunnen , der vor unserm Hause auf dem Markt steht ; ja , die Jugend kann sich aus allem einen Genuß machen . Die allgemeine Konsternation über Savignys Abreise hat sich