gleichwohl zusammen , ich sagte ihr , daß ich in ein leeres , unbewohntes Haus einzöge , und eben so gut wie jeder Andere den freigegebenen Raum benutzen dürfe . » Nicht eben so gut wie jeder Andere ! « fiel sie ein . » Herr Gott ! mein Engelchen ! sage das doch nicht . Du weißt ja recht gut , daß es in der Welt nicht ist , wie es in Deinem Kopfe aussieht . Denke einmal selbst : auf dem Gute , in der Abhängigkeit von dem Manne - ! ach , mein Herz ! Du hast es auch längst eingesehen , daß es unschicklich ist , darum verschwiegst Du immer den Namen des Orts . « Diese Worte , Hugo , diese Paar Worte trafen mich . Sie hatte recht . Weshalb nannte ich früher den Namen nicht , der jetzt nur sträubend über meine Lippen ging . Unschicklich ! Unschicklich ! ich wiederholte den Vorwurf wohl zehnmal bei mir . Sie hatte den Ausdruck ihrer Empfindung nicht bemäntelt , er verletzte mich , allein hinter dem Unwillen schimmerte es wie Wahrheit . Ich mußte mir sagen : freilich , es will sich hier nicht Alles wohl in einander schicken . Ich sagte das auch der Tante , mit dem Zusatze , daß ich meine Abreise noch verschieben , und wir weiter darüber sprechen wollten . » Nein , « rief sie aus , faßte meine beiden Hände mit großer Bangigkeit , und sah mir dabei scharf in die Augen : » Nein , jetzt , hier auf der Stelle , mußt Du es mir fest geloben , daß Du diesen Gedanken aufgiebst . « Ich suchte mich ungeduldig loszumachen . » Elise , « fuhr sie bittend fort , » ich hoffe zu Gott , Du bist unschuldig in Allem , was die Welt von Dir sagt ! aber wenn auch nichts , gar nichts davon wahr ist , kannst Du Dich entschließen , so kurze Zeit nach dem betrübten Tode der Gräfin in das Haus ihres Mannes zu ziehen ? Vergißt Du , was Du dem Andenken der Frau , was Du Georgs Vater schuldig bist , dessen Namen Du noch immer trägst ? Mein lieber Gott ! Die Ehre kann doch nicht auch aus der Mode gekommen sein , und der Ruf , ob man sich darüber wegsetzt oder nicht , bezwingt doch immer zuletzt den Trotz der Frauen . « » Liebe Tante , « erwiederte ich , im Innern zitternd und bebend , » Sie thun mir Gewalt an . « » Das will ich auch , « sagte sie fest . » Ja , das will ich ! und ehe ich Dich nach Wehrheim gehen sehe , werde ich Dir lieber zu Füßen fallen , und Dich so lange bitten , bis Du Deiner alten Tante guten Rath nicht länger verwirfst , und Dir ihre Treue zu Herzen nimmst . « Hugo ! ich stand verwirrt vor der umgewandelten Frau . Ich fragte mich : wer ist denn das ? wer spricht so zu mir ? Ich hatte Mühe , die peinliche , unsichre , unstäte Tante in dem entschiedenen Benehmen wieder zu erkennen . Sie , die ein Regenschauer zur unrechten Zeit bestürzt und eine zerbrochene Fensterscheibe betrübt macht , die nicht weiß , darf sie einen Entschluß fassen ? oder muß sie den Gedanken daran aufgeben ? die hundertmal fragt und doch nur schüchtern dem empfangenen Rathe folgt , sie wußte mit einemmale , was sie wollte , was ich sollte , und behend , wie eine gewandte Fee , hatte sie die verborgenen Fäden meines Innern zum Lenkseile ihres Willens gemacht ! Ich brach in Thränen aus . Ich war innerlich empört , daß mir Jemand seine Meinung aufzwingen wollte , ich stieß diese Meinung von mir , sie sollte nicht Herr über mich werden . Sie ward es doch ! - Ich brach matt in mir zusammen , ich weinte , wie ein gescholtenes Kind , ich versprach Alles , und bin noch hier ! Warum kam auch Ihr Brief nicht zu rechter Zeit , Hugo ? Ich wäre längst von hier fort gewesen , ehe die Aengstliche , durch das schlechte Wetter noch ängstlicher gemacht , auf alle die Einwendungen und Fragen verfallen wäre . Es wäre nun geschehen , und ich in meiner Unbesonnenheit wohl noch unwissend und glücklich ! Nun , da mir die Gefahr gezeigt ward , fehlt es mir freilich an Muth , sie zu bestehen , denn ich bin nicht herzhafter , als uns Frauen der Himmel machte , nur blinder , wie die Meisten . Ich schwanke noch über die Frage , ob kurzsichtiger oder überhinsehender ? Es ist ein Unglück , Hugo ! wenn Gesichtskreis und Standpunkt nicht recht für einander passen . Ich sollte eigentlich hier schweigen , und es erwarten , daß Sie mich tadeln , ohne weitern Versuch , Sie mit meinem Unbestand auszusöhnen . Doch Eins will ich Ihnen noch sagen . Hier bleibe ich einmal nicht . Das steht fest . Ich ertrage den Widerspruch in mir selbst kaum noch , deshalb will ich vor der Hand zuerst mehr Freiheit gewinnen , ehe ich über mich bestimme . Bei Sophie denke ich diese zu finden . Sobald das Wetter nur einigermaßen erträglich wird , eile ich zu ihr ins Stift . Und dann ! - und dann ! - O mein Gott ! wie schlägt mir das Herz vor Entzücken ; glauben Sie mir , das Verständigere ist auch am Ende das Beste . So wie es war , wäre es doch nicht wieder geworden ! Die Unbefangenheit ist hin ! Der frische Hauch verduftet . Im Sommer werden die Schatten auch dichter , und die Natur ernster . Die hohen Blumen entwickeln sich langsamer , aber sie blühen länger . Der Frühling zaubert mit lachendem Uebermuthe seine üppige Welt zu unsern Füßen . Doch Zeit und Menschen gehen rasch darüber hin . Der Augenblick der Jugend muß rauhen Uebergängen und mühevoller Gestaltung weichen . Oft bleibt auch diese unvollkommen , und der lange Kampf war vergeblich . Man erndtet dann die sparsamen Früchte mit um so größerer Sorgfalt , und will keine verlieren . Sehen Sie es so an , Hugo ! gleichviel , ob das Bild Ihnen passend dünkt . Mir scheint es so . Bei Sophie also ? Nicht wahr ? Sagen Sie mir Ihre Meinung , sprechen Sie mit der Verständigen , und schreiben Sie mir bald . Ich bin ruhiger , nun ich Alles vom Herzen habe , was mich so unaussprechlich quälte . Im Grunde fürchte ich doch , Ihnen dadurch zu mißfallen . Sie werden es nicht so einsehen , wie es ist . Der Widerspruch muß Sie gerade jetzt , wo Sie ihn nicht mehr erwarteten , verdrießen . Es ist natürlich , ich würde auch so empfinden . Mir steht Ihre Miene , Ihre Stimmung , Ihr trübes Versinken , Aufgeben , Zagen und Verachten so deutlich vor der Seele ! Ich weiß es , ja , ich weiß es gewiß , Sie verachten die Berücksichtigung , die mich leitet . Es ängstigt mich mit jedem Augenblicke mehr , da sich die Absendung dieser Zeilen naht . Und doch ! - Ich kann es ja nicht ändern ! O ! sein Sie billig - ! oder sein Sie nichts als gut und zärtlich , und fühlen Sie , daß ich leide . Hugo an Elise Es müssen Briefe verloren gegangen sein . Sie antworten mir nicht , und doch sagte ich Ihnen , daß ich Sie in den ersten Tagen dieses Monats bestimmt erwarten , daß ich Ihnen in dieser Erwartung entgegenkommen , und Sie in Ihre neue Wohnung einführen würde . Nun , ich bin denn auch wirklich bis zu dem letzten Gebirgsdörfchen , zehn Stunden von hier , bei schlechtem Wetter Ihnen entgegen gereist , und habe acht und vierzig Stunden in dem schlechtesten Gasthofe , der auf Erden ist , unter Besorgniß und Ungeduld zugebracht . Der Sturm , welcher auf einer Linie von mehreren hundert Meilen in Ost und West zugleich wüthete , machte den Aufenthalt mitten im Winter , in der Waldschlucht , zwischen herabrollenden Felsstücken und zusammenkrachenden Baumstämmen , zu dem abentheuerlichsten , den ich noch erlebte . Auch blieb ich nicht ohne Abentheuer . Das furchtbare Wetter steigerte nur meine Angst um Sie . Ich glaubte Sie so gewiß auf der Reise . Ich sah Ihrer Ankunft jeden Augenblick entgegen . Ich hatte nirgends Ruhe . Am Tage ging es noch leidlich , man konnte wenigstens um sich sehen , die Menschen waren wach , aufmerksam , bei der Hand . Gegen Abend , und der brach hier schon um drei Uhr Nachmittags völlig ein , fielen die ersten Schneeflocken . Sie kreisten einzeln in der Luft , ohne den Boden zu berühren , jetzt begann ein Brausen über uns , als rollte der Donner unabläßig , ohne irgend einen Zwischenraum , von scharfem Sausen und ängstlichem Wimmern begleitet . Schnee und Regen strichen , in horizontaler Lage , über das Thal weg , unterhalb , in diesem war es ganz stille ; die Natur schien hier nicht zu athmen , in regungsloser Erstarrung sah sie dem wilden Aufruhr der Elemente entgegen . Allmählig schwankten die äußersten Spitzen der Föhrenwipfel , bald wurde diese Bewegung stärker , die Wolken senkten sich , und schneller wie der Gedanke , brachen die Bäume krachend in ihren Wurzeln , rechts und links fielen sie nieder , große Zweige , vom Sturm gehoben , flogen in weiten Strecken umher , wie weiße Tücher wallte der Schnee zwischen den Schlüften , man sah nicht einen Schritt vor sich , der Stärkste erhielt sich länger nicht auf den Füßen . Alles flüchtete in die Häuser , das Vieh wurde unruhig in den Ställen , die Schaafe und Rinder blöckten und brüllten , wie während einer Feuersbrunst , Pferde hörte man wild stampfen , und fürchterlich , als ginge die Welt unter , heulten Haus- und Hofhunde . Niemand fand sich sicher in der leicht gebauten Wohnung , Dächer wurden abgerissen , Sparren und Schieferplatten flogen umher , das Hausgeräth bebte , es war auch hier nicht auszuhalten . Ich warf einen Mantel über , ließ die hindernde Kopfbedeckung zurück , und trat hinaus auf die Straße . » Wo wollen Sie hin ? « rief mir der Wirth nach , » Sie können leicht erschlagen werden . « » Das kann ich hier auch , « entgegnete ich , auf die wankenden Pfeiler und zerbrochenen Thüren zeigend . Ich kehrte mich nicht daran , und ging . Der Regen stürzte jetzt nieder , als habe der Himmel alle seine Schleusen geöffnet , doch ward der Sturm schwächer . » Nun auch Wasser in die Häuser ! « sagte ein Mann , der , sich umschauend , ein Paar Schritte von einer Anhöhe herunter kam . » Der Bach schwillt mit jeder Minute , die Brücke ist weggerissen , und die Furth weiterhin auch nicht mehr zu passiren . Gnade Gott dem , der heute unterwegs ist ! Hier kann er sein Grab finden . « Elise ! brauch ' ich Ihnen zu sagen , daß mein Blut still stand , und ich einen Augenblick , wie gelähmt , den Mann anstarrte . » Das Lämpchen , « fuhr dieser , immer nach der verhängnißvollen Stelle hindeutend , fort , » das Lämpchen brennt zwar oben am Warnungspfahl in der Laterne , aber die Postillone hier bei uns sind verwegene Kerls , bis diese an Gefahr glauben , da muß ihnen schon der Abgrund vor den Füßen liegen . Sie stützen sich auf ihre Erfahrung und trauen der Furth , die freilich festen Grund hat , aber heute sollen sie wohl die rechte Stelle suchen . Ich bin gewiß , « lachte er zuversichtlich , » da liegt Baumstamm auf Baumstamm über einander , und Felsstücke , die der Regen vollends von oben herabgerissen hat . « » Was stehen wir denn hier ! « rief ich ungeduldig , Sie , Sie ! geliebte Freundin , mit allen Stimmen meiner Seele zurückzuweisen , zu warnen . » Kommen Sie doch , « forderte ich Jenen auf . » Lassen Sie uns Acht haben , daß Niemand verunglücke . « » Acht haben , daß Niemand verunglücke ? « wiederholte jener ein wenig spöttisch . » Wodurch sollten wir ' s wohl hindern ? « fragte er , zu mir gewendet . » Hinüber auf die andere Seite kann doch Niemand jetzt , das sehen Sie ein . « » Ich sehe es nicht ein , « unterbrach ich ihn . » Im Kahne , und auch so , kommt man durch die Fluth , und ist drüben auf der Wacht , und verhütet , daß kein Anderer sich auf gut Glück wage . « » Thun Sie ' s ! « versetzte der Mann gelassen , » wenn es Ihnen so leicht dünkt . « Er machte eine Bewegung , sich von mir zu entfernen . » Aber das muß ich Ihnen noch sagen , « fügte er , um ein Paar Schritte näher tretend , hinzu , » mit dem Bach ist nicht zu spaßen . Das Wasser ist verteufelt schnell , und vollends heute , wo der Wind die Fluth in lauter Wirbel zusammen peitscht ; wenn Sie nicht Ihrer Sache sehr gewiß sind - « » Das bin ich ! Hören Sie , « rief ich , ihn beim Arm fassend . » Begleiten können Sie mich doch wenigstens bis ohngefähr zu der gefährlichen Stelle , und ein Paar rüstige Bursche mit Laternen werden sich doch auch zusammen bringen lassen , die im Fall der Noth zur Hand sind und retten helfen ? « Ich klingelte mit meiner Börse , und ließ ihn gute Bezahlung voraussehen . » Es ist nicht darum , « sagte er , mich recht gut verstehend , » denn kann ich Jemand behülflich sein , so thue ich es auch ohne Lohn . Aber die Wahrheit zu gestehen , ich glaube , ich leiste Ihnen einen schlechten Dienst , wenn ich Ihnen den Willen thue . Was geschehen ist , das ist geschehen , und ein Dummer macht zehn Andere klug . « » Was soll das heißen ? « fuhr ich ungestüm auf ihn zu . » Das soll heißen , « beantwortete er meine heftige Frage , » daß , wenn ich nicht sehr irre , vorhin ein lauter Schrei von dort herüber drang , und wer nun drinnen im Wasser liegt , doch nicht wieder heraus kann ! « » Allmächtiger Gott ! Allmächtiger Gott ! « schriee ich , beide Hände über dem Kopf zusammenschlagend , und fort , nach dem Bache stürzend . Aber es ward mir nicht leicht , zu finden , wo dieser sein eigentliches Bett habe . Auf funfzig Schritte umher war Alles überschwemmt . Ich konnte keine Uferhöhe unterscheiden , ich fand mich nicht in der Richtung , nicht in den nächsten Gegenständen zurecht . Luft und Wasser waren so bewegt , daß Letzteres schäumte , sich in großen Massen vorüberwälzend , wie ein breiter , ungeheurer Strom . Ich stand eine Weile sinnend . Das Unwetter tobte noch immer , doch vertoste es seinen Ingrimm mehr abwärts , und gestattete dem Blick hin und her , die graubleiche Atmosphäre zu durchdringen . Zu meiner Linken brannte das Licht am Pfahl , der mitten in den Wellen stand und nur ohngefähr andeutete , wie weit ich unter mir Grund suchen könne . Rechts , eine Strecke hinauf , mußte die Furth sein . Ich hatte das Auge fest dahin gerichtet , als mir vorkam , es bewege sich etwas Weißes über die Wasserfläche empor . Vielleicht war Jemand auf einen Baum , oder einen abgebrochenen Stamm geklettert , um so ein Zeichen seiner Verlegenheit zu geben . Ich wurde immer achtsamer . Jetzt schallte deutlich ein heller Ruf durch die Windstöße . Hinüber ! Hinüber ! sagte Alles in mir ; den Mantel abwerfend , schwamm ich in Gottes Namen , dem weißen Schimmer entgegen . Es ging leichter als ich dachte . Die innerliche , heftige Bewegung gab mir ungewöhnliche Kraft . Ich war drüben . Ein sonderbares Rasseln und Schnauben ohnweit der Stelle , wo ich auf das Trockne gelangte , zog meine ganze Aufmerksamkeit sogleich dahin . Wagen und Pferde , sagte ich mir , sind in falscher Richtung der Furth zugelenkt , in den moorigen Tiefen eingesunken , oder zwischen Steinen und Baumwurzeln umgeschlagen , zerschellt und vielleicht nur der unvorsichtige Fuhrmann am Leben geblieben . » Wer rief hier um Hülfe ? « schrie ich aus Leibeskräften . » Ach Jesus , Hülfe , Hülfe ! « entgegnete mir eine Stimme in größter Angst . » Wo ? wo ? « rief ich zurück . » Hier ! « war die Antwort . Im Augenblick standen wir bei einander . Ich erkannte an den Farben der Bekleidung in Jenem einen Postillon . » Wen hast Du gefahren ? « fragte ich zitternd . » Eine Dame , « sagte er in sichtlicher Angst , » dort liegt der Wagen zerbrochen , « setzte er eilig hinzu . Das möchte drum sein ! denn es hat eben Niemand Schaden genommen , aber die Pferde ! die Pferde ! die liegen bis an die Bäuche im Schlamm , und kein Peitschen , kein Treiben bringt sie heraus . Sie können auch nicht , so lange sie angesträngt sind , und ich kriege den Blitzkasten nicht in die Höhe , der ganz von der Seite eingeklemmt , da liegt . « » Eine Dame ! « Weiter brauchte es nichts , um mich meiner Sache gewiß zu machen . Ich flog auf den verunglückten Wagen zu . Aber noch ehe ich bis dahin kam , sah ich eine weibliche Gestalt ganz zusammengesunken auf einem Stein sitzen , eine Andere , die neben ihr stand , schien um sie beschäftigt . » Elise ! Elise ! « rief ich , im Begriff , die Erstere zu umfassen . Eine fremde Stimme sagte Italienisch-Französisch : » Mein Herr , die Frau Aebtissin ist ohnmächtig vor Nässe und Kälte in meine Arme gesunken , können wir sie nicht bald von hier fortschaffen , so stirbt sie . « Die Andere lispelte in demselben Augenblick ein Paar Worte , die ich nicht verstehen konnte , so leise wurden sie gesprochen . Doch glaubte ich ein heftiges Zittern und krampfhaftes Klappern der Zähne an der Unbekannten wahrzunehmen . Ob ich nun gleich in meiner Erwartung getäuscht war , so durfte ich dies unter diesen Umständen doch nicht anders als ein Glück nennen . Mit einer Art Dankbarkeit im Herzen , Sie , geliebte Freundin ! nicht in solcher Gefahr zu wissen , erbot ich mich , die Dame in einem Fischerkahn , welchen ich , an einer umgestürzten Weide geknüpft , im Schilfe entdeckt hatte , hinüber zu fahren , wenn sie sich mir anvertrauen wolle . Jene stand mit seltsamer Heftigkeit von ihrem Platze auf , und ohne etwas zu sagen , versuchte sie , dahin zu folgen , wohin ich sie geleitete . Es zeigte sich aber bald , daß sie unfähig war , einen Schritt zu thun ; ich nahm sie daher auf meinen Arm , und setzte sie sanft in das flache Boot , das der Postillon und ein alter italienischer Diener mit Mäntel und Decken belegt hatten . Ich ergriff das Ruder , und stieß , mit der Versicherung , den Zurückbleibenden bald Hülfe zuzusenden , vom Ufer ab . Sonderbarer war nicht leicht eines Menschen Lage ! Mitten auf dem unwillig gehorchenden Elemente , allein mit einem unbekannten Wesen , das lautlos , dicht in Mantel und Schleier gehüllt , geisterartig da saß , und durch Nichts ein lebendiges Dasein verrieth , als durch jenes fieberhafte Zittern , und von Zeit zu Zeit durch einen tief aus dem Herzen gehenden Seufzer . Sie kennen meine Empfänglichkeit für grauenhafte , geheimnißvolle Eindrücke . Ich fühlte meine Brust beklemmt , und war doppelt froh , als ich sah , daß mein Beispiel Mehrere im Ort anfeuerte , und man mit Kähnen und Laternen herbeiruderte ; die Leute der Dame erreichten uns , als wir angelegt hatten . Beide Frauen dankten flüchtiger , als es meine Bemühungen wohl verdient hätten . Ich machte nichts daraus , zufrieden , sie gerettet , und in einem abgelegenen Kämmerchen in Sicherheit zu wissen . Des andern Morgens waren sie , ehe ich noch erwachte , auf und davon . Schmid und Stellmacher mußten die ganze Nacht arbeiten , um den Wagen wieder herzustellen . Sie dachten an nichts , als nur fortzukommen . So ist die Welt ! Jedweder in ihr sieht sich und was ihm eben wichtig dünkt . Elise ! ich dachte an Sie , und vergaß bald das Vorübergehende . lohnen Sie mich für die Prüfungen dieser Stunden durch Ihre baldige Ankunft an einem schönen , sonnenhellen Tage . Sophie an die Oberhofmeisterin Sie untersagen mir , liebe Freundin ! den verhaltenen Ton Ihrer Seele auch nur entfernt anzurühren . Und doch schreiben Sie mir , und wollen , daß ich Ihnen antworte ? Sie haben im Grunde recht , so widersprechend es scheint . Kenne ich Sie doch bis in die kleinste Bewegung Ihres Innern ! und Sie wissen , daß ich Sie so kenne . Der Ton bedarf keiner Berührung , um zu klingen . Jeder Laut , jeder Athemzug in Ihnen geht aus ihm hervor ! Doch wozu auch diese Worte ! Sie sind zurückgekehrt an den Hof ! Sie wollen dort bleiben ! Es überraschte mich , als ich es erfuhr . Sie wollen sein , wie Sie sind ? oder erscheinen , wie Sie sich geben ? Vielleicht beides . Dem sei nun , wie ihm wolle , so viel Selbstüberwindung ist erstaunenswerth . Was mich indeß noch mehr überrascht , ist Ihr Interesse an dem , was Sie nur schmerzlich bewegen , und in die Heiligkeit der Trauer , bittere , herbe Empfindungen zu mischen droht . Ich erschrack fast , da ich Ihre Fragen nach Hugo und Elise , nach dem Verhältniß beider , und ihren Plänen für die Zukunft , las . Ist das ein Gegenstand , der Sie beschäftigen kann ? Verzeihen Sie mir , wenn ich den Grund dieser Theilnahme nicht sanftern Gefühlen zuschreibe . Wenn ich vielmehr fürchte , es lebe darin noch ganz die leidenschaftliche Eifersucht fort , die keine schönere Sorge mehr rechtfertigt , und weniger der Liebe als dem Hasse angehört . Ja , gestehen Sie sichs nur immer selbst , es verlangt Sie , von dem peinlichen , ungünstigen Geschick der hart Gedemüthigten , von Elisens zerstörtem Frieden , ihrer früh gewelkten Jugend , von Hugo ' s schwankendem Umhergreifen , seinen Kämpfen und inneren Plagen zu hören . Was wollen Sie damit ? Die Ueberzeugung gewinnen , daß hier das Leben nichts ausgeglichen , nichts anders gemacht hätte ? und der Tod zu segnen sei , der das reinste Opfer auf einen Streich fallen ließ ? Die Ueberzeugung hatten Sie lange . Nein , Sie wollen nicht ruhiger werden , Sie stacheln die unbequemste aller Regungen , die Mißgunst in sich wach . Vergessen Sie , daß Niemand mehr , als Sie selbst darunter leiden ? Und wenn sich nun Alles anders fände , als Sie es finden möchten ? Wenn Hugo ' s unstäter Trieb nach äußerer Beschäftigung sich in geordneter Wirksamkeit befriedigte , er auf seinem Platze feststehend , die Pflichten übte , die Welt und Beruf von ihm fordern ? Wenn er dem Wohlthäter dankbar , jeden andern Wunsch opfernd , nun bemüht wäre , sein einsames Alter zu erheitern ? Wenn stille , ernste Trauer jene unfruchtbare Melancholie verscheucht , und die unselige Heftigkeit ungehöriger Liebe sich in Beiden zu ruhig entsagender Freundschaft umgewandelt hätte ? Würde es Ihnen genügen ? würde es Ihnen den Trost geben , den es doch geben sollte , daß ein heftiger Stoß Alle wieder ins Gleichgewicht brachte ? Und in Wahrheit , liebe Freundin ! es kann so sein , es sieht fast darnach aus . Wenigstens verhält es sich mit Hugo ' s äußerm Thun , wie ich Ihnen sagte . Er baut , pflanzt , verschönt auf seinen Gütern , was diese verbessern , und den Ansprüchen an Veredlung Genüge thun kann . Er entfernt sich nur auf kurze Zeit von der Burg , spielt Abends Schach mit dem Oheim , besucht die Nachbarn , und hat sonst mit Niemanden Verkehr . Elise ist bei ihrer Tante . Man weiß nichts von ihr zu sagen . Ganz kürzlich erzählte man , für sie sei der Bau in Wehrheim , sie werde dort einziehen . Auch das hat sich nicht bestätigt ; ob man gleich Tag und Stunde ihrer Ankunft bestimmte , sind Wochen vergangen , ohne daß sie kam , und das Gerücht schweigt allmählig . Selbst ich hatte lange keine Nachricht von ihr . Es scheint , sie beschränke sich ganz auf die einförmige Thätigkeit häuslichen Stilllebens , und zeige , daß sie kann , was sie will . Wie geringe Ausbeute wird mein Bericht Ihren Nachforschungen geben , liebe Freundin ! Werden Sie es nicht bereuen , sich deshalb an mich gewendet zu haben ? Eins , gleichwohl muß ich hier noch erwähnen , das in seiner lustigen Naivetät weit eher geeignet ist , Ihren Witz als Ihre Galle zu reizen . Die bewegliche Gräfin Ulmenstein ist jetzt unsere eifrigste Anhängerin geworden . Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht , dem armen , guten Comthur in seiner tödtenden Einsamkeit Gesellschaft zu leisten , ihn aufzuheitern , sein Vertrauen mit allen Waffen liebkosender Schmeichelei zu erobern , Hugo zu interessiren und mich zu überraschen . Der Eifer , mit dem sie dies Vorhaben ins Werk richtet , läßt sie vergessen , daß man sie kommen hört , und Niemand getäuscht wird . Ich mußte lachen , als sie , gleich nach ihrer verspäteten Ankunft auf dem Lande , zu mir eilte , fragte und weinte , tröstete und sich hoch und theuer vermaß , die unerhörte Bosheit der Welt durch die allerlebhafteste Darstellung der Wahrheit zu Schanden zu machen . Sie entwickelte dabei so viel zärtliches Mitgefühl , so scharfsinnige Billigkeit , sie steigerte sich in den vertrauenden Herzensergießungen von Moment zu Moment mehr , und verließ die Scene mit so viel Wärme , daß sie , über sich selbst getäuscht , auch mich getäuscht zu haben glaubte . Leichter , gesellig anziehender , hat sie es auf der Burg getrieben , wo sie als gute , alte Nachbarin , als Frau von gar keinem Gewicht , und hinaus über alle Rücksichten , ohne alle Umstände einen Ueberfall wagen durfte , sich fest sprach , Niemand los ließ , und damit endete , sich die Erlaubniß zu nehmen , Nächstens , und nach diesem Nächstens , öfter und immer wiederkommen zu dürfen . Sie war auch in Wehrheim . Sie spricht mit Extase von dem neuen Schlosse . Ein junger Architekt , der sie umherführte , ward andern Tages ihr Gast zu Mittage . Sie ging in jede Einzelnheit mit lebhafter Aufmerksamkeit ein . Nichts schien ihr zu gering , um es nicht herauszuheben . Auf der andern Seite wollte sie es indeß auch nicht mit dem Präsidenten , mit dem Hofe , und ganz besonders mit der Fürstin Mutter verderben , deshalb versäumte sie nicht , den kleinen Georg bei seiner Pflegerin aufzusuchen . Die Art , wie sie sich über das liebe Kind erweichte , es einen Engel nannte , dabei bald weinte , bald lachte , muß etwas Theatralisches gehabt haben , denn die Kinder des Amtmanns spielen seitdem immer Gräfin Ulmenstein , putzen sich auf das Tollste heraus , und verdrehen zum Hauptspaß der Erwachsenen , Mienen und Geberden unter dem Sprechen . Was Kinder nicht alles herausfühlen ! denn geradezu zur Schau hat sich die Gräfin bei dem Allen nicht gestellt . Dazu ist sie in der Welt zu gut zu Hause . Es muß daher in der Unwahrheit liegen , die immer ihre Widersacher in dem natürlichen Menschen findet . Weiter reicht mein Neuigkeitsvorrath nicht . Wenn ich vielleicht ungeschickt im Beobachten und Combiniren bin , so lassen Sie mich ' s nicht entgelten . Entziehen Sie mir nicht ganz Ihr Vertrauen . Hugo an Elise Ist es möglich ? - O es ist mehr als das , es ist wirklich ! Sie waren schon völlig entschlossen , meine Hoffnungen zu zerstören , als ich deren Erfüllung in der Unschuld des Herzens ganz gewiß zu sein glaubte ? Nein , das ist wahr , daran hatte ich nicht gedacht , daß Sie der Meinung , diesem Vexirspiegel der Vernunft , so große Rücksichten schuldig wären . Verzeihen Sie mir dies ; sehen Sie , es liegt wohl daran , daß ich keine Tante zur Seite habe , die solche Feenkünste mit mir treibt . Es ist zu bewundern , wie diese Frau ihre Gaben versteckt hält ! Wahrhaftig , sie hat Sie ganz bezaubert . Nur schade , daß außerhalb dem geweihten Kreise solche Beschwörungsformeln leicht etwas Albernes und Triviales bekommen . Ich erschrack fast , da ich sie las , doch mehr über mich , als über die Worte , denn ich konnte keinen Sinn darin finden . Sie hätten mich vorbereiten sollen . In meiner Unbefangenheit war ich nicht zu bestechen ! O Elise ! auch Sie , auch Sie ! - Welch ' unseliger Hang zur Sklaverei liegt denn im Menschen , daß die erste , die beste geläufige Weiberzunge Sie aus Ihrer Ueberzeugung hinausschwatzen , und Ihre klare Festigkeit , Ihre Erkenntniß , kleinlichen , krausen Irrthümern