Erscheinung angestarrt , und jetzt erst wurde auch er von dem alten Ritter bemerkt . » Seh ich recht « , rief dieser , » Dieterich Kraft , mein Neffe ! was führt denn dich nach Stuttgart , kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder ? Aber wie siehst du aus ? Was fehlt dir doch ? Du bist so bleich und elend , und deine Kleider hängen dir in Fetzen vom Leibe ! « Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein und errötete : » Weiß Gott « , rief er , » ich kann mich vor keinem ehrlichen Menschen sehen lassen ! Diese verdammten Württemberger , diese Weingärtner und Schustersjungen haben mich so zerfetzt . Aber wahrhaftig ! der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und beleidigt ! « » Ihr dürft froh sein , Vetter ! daß Ihr so davongekommen seid « , sagte Georg , indem er die Angekommenen in sein Gemach einführte ; » bedenket Herr Vater , gestern nacht , als wir vor den Toren standen , hielt er Reden an die Bürger , um sie aufzuwiegeln gegen uns ; da hat ihn heute frühe der Kanzler wollen köpfen lassen ; mit großer Mühe bat ich ihn los , und jetzt klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins an . « » Mit gnädiger Erlaubnis « , sagte Frau Rosel , und verbeugte sich dreimal vor dem Ratsschreiber , » wenn Ihr meine Hülfe annehmen wollet , so will ich den Mantel flicken , daß es eine Lust ist . Da geht ' s wie im Sprüchwort : Hat der Junge den Rock zerrissen , hat der Alt ' ihn flicken müssen . « Herrn Dieterich war diese Hülfe sehr angenehm ; er bequemte sich zu der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen , um sich seine Gewänder zurechtrichten zu lassen . Sie zog aus ihrer großen Ledertasche Zwirn von allen Farben und machte sich an die Wunden , die ihm die Württemberger geschlagen hatten . Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen , die in Frau Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren . Entfernt von diesem Paar um die ganze Breite des Zimmers , saßen Georg und Marie im traulichen Flüstern der Liebe . Weder der gelehrte Johannes Tethingerus , noch ein Johannes Bezius , weder Gabelkofer noch Crusius , so wichtige Kunden wir ihnen über diese Zeiten verdanken , melden uns , was diese beiden an jenem Morgen zusammen flüsterten , nur so viel können wir berichten , daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag , daß sie die schönen Augen bald freudig aufschlug , bald verschämt wieder senkte , daß sie bald lächelte , bald tief errötete , und manche Frage des Geliebten mit Küssen zurückdrängte . Der Leser wird es uns Dank wissen , wenn wir ihn von einer Szene , die so wenig historischen Grund und Boden , also nach neueren Begriffen auch keinen Wert hat , hinwegführen , und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen . Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs , seinen Neffen unter der kunstreichen Hand der Frau Rosalia gelassen , und schritt nun den Gemächern des Herzogs zu . Seine Züge , welchen Alter und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten , erschienen in dieser Stunde noch ernster - beinahe traurig . Dieser Mann hatte von seinen Vätern die Liebe zum Hause Württemberg geerbt , Gewohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt , die während seines langen Lebens über Württemberg geherrscht hatten , und das Unglück und die Verleumdung , welche auf Ulerich unablässig hereinstürmten , hatten das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen können - sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden . Mit der Freude eines Bräutigams , der zur Hochzeit zieht , mit der Kraft eines Jünglings hatte er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schloß nach Stuttgart zurückgelegt , als man ihm gemeldet hatte , daß der Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe . Keinen Augenblick zweifelte er an dem Siege des Herzogs und so traf es sich , daß er schon am andern Morgen der neuen Herrschaft Ulerichs nach Stuttgart kam . Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten , die ihm Georg mitteilte , als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg . » Der Herzog « , hatte ihm jener zugeflüstert , » der Herzog ist nicht so wie er sollte ; Gott weiß was er mit seinem Lande machen will , er hat unterweges sonderbare Reden fallen lassen , und ich fürchte er ist nicht in den besten Händen . Der Kanzler Ambrosius Volland - « Dieser einzige Name reichte hin , in dem Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse aufzuregen . Er kannte diesen Volland , er wußte , daß er zwar gelehrt , in allen Regierungsgeschäften überaus wohlerfahren , zu jedem , auch dem schwersten Dienst bereit , aber dabei ein Mann sei , der zum wenigsten schon öfter ein gewagtes , wo nicht falsches Spiel gespielt habe . » Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt , wenn er nur seine Ratschläge befolgt , dann sei Gott gnädig . Dem Ambrosius ist das Land ein Stück Leder , das man nach Willkür handhaben kann , er wird es zurechtschneiden wollen zu einem Koller für den Herzog und die Abschnipfel für sich behalten . Aber wie Frau Rosel zu sagen pflegt : Zerschneiden kann jeder Narr , aber wie zusammennähen ? « So sprach der alte Herr von Lichtenstein zu sich , als er durch die Galerien ging ; er streichelte unmutig seinen langen weißen Bart , und seine Augen glühten vom Eifer für die gute Sache Württembergs . Er wurde sogleich vorgelassen , und traf den Herzog in großer Beratung mit Ambrosio . Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand , in der andern hielt er ein Pergament , das mit schwarzer , roter und blauer Dinte in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war . Der Herzog spielte mit einem großen Sigill , das er in der Hand hielt , er schien mit sich zu kämpfen , er sah bald seinen Kanzler durchdringend an , bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill . Sie waren beide so vertieft , daß Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand , ohne von ihnen bemerkt zu werden ; er betrachtete mit großer Teilnahme die edlen Züge Ulerichs von Württemberg . Er sah , wie auf seiner Stirne , in seinen sprechenden Augen , so verschiedene Empfindungen wechselten . Bald runzelte sich seine Stirne , seine Augenbrau ' n zuckten , sein Auge rollte , dann glätteten sich diese Falten , aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer Ernst , der in Nachdenken überging , und oft schien ein Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu mildern . Aber der im gelben Mäntelein , mit der Schwanenfeder in der Hand , stand wie der Versucher vor ihm ; er wandt ' und drehte sich vor ihm , wie die Schlange im Paradies , und das ewig stehende Lächeln , der Ausdruck von Ehrlichkeit , den er seinen grünen Äuglein zu geben wußte , wenn ihn sein Herr scharf ansah , sollten einladen den Apfel anzubeißen . » Ich kann nicht begreifen « , sprach er mit heiserer feiner Stimme , » warum Ihr es nicht tun möget . Hat wohl Cäsar so lange gezaudert , als er über den Rubikon ging ? Ein großer Mann hat große Mittel nötig , und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen , daß Ihr diese Fesseln von Euch geworfen . « » Weißt du dies so gewiß , Ambrosius Volland ? « entgegnete der Herzog , indem er ihn düster anblickte . » Man wird sagen : Herzog Ulerich war ein Tyrann . Er hat die alte Ordnung umgestoßen , die seinen Vätern heilig war , er hat den Vertrag , den er selbst aufgerichtet , gebrochen , er hat sein Land wie ein fremdes behandelt , er hat die Gesetze nicht gehalten , die - « » Erlaubet « , unterbrach ihn jener , » es kommt nur allein auf die Frage an : Wer ist Herr ? der Herzog oder das Land ? Wenn das Land Herr ist , dann ist ' s was anderes . Dann freilich sind allerlei Pakten , Verträge , Klauseln und dergleichen nötig . Die Ritterschaft , die Prälaten und die Landschaft sind dann Meister , und Euer Durchlaucht - nun , sind dann der , welcher den Namen dazu hergibt . Seid Ihr aber , was man so eigentlich Herr nennt , dann seid Ihr es auch , der Gesetze gibt . Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand ; jetzt noch seid Ihr Herr und Meister . Drum fort mit dem alten Recht , hier ist ein neues - da , nehmt in Gottes Namen die Feder , unterzeichnet . « Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig , seine Wangen glühten , seine ganze Gestalt richtete sich höher auf , aber sein Auge haftete noch am Boden . Jetzt schlug er es auf , und es blitzte vom Gefühl seiner Würde . » Ich heiße Württemberg « , sagte er ; » ich bin das Land und das Gesetz - ich unterschreibe . « Er streckte die Rechte aus , die Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen , aber mit sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und weggezogen . Erstaunt sah er sich um , und blickte in die ruhigen aber ernsten Züge des Ritters von Lichtenstein . » Ha ! willkommen « , rief er , » mein getreuer Lichtenstein ; sogleich steh ich Euch Rede , lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen . « » Erlauben Euer Durchlaucht « , sagte der alte Mann , » Ihr habt mir eine Stimme zugesagt in Eurem Rat , darf ich nicht auch wissen um die erste Verordnung , die Ihr an Euer Land ergehen lasset . « » Mit Euer hochedeln Erlaubnis « , fiel Ambrosius Volland hastig ein , » das Ding hat Eile ; die Bürgerschaft von Stuttgart versammelt sich schon auf der Wiese ; diese Schrift muß ihr vorgelesen werden ; es hat wahrhaftig Eile . « » Nun , Ambrosius ! « sagte der Herzog , » So gar eilig ist es nicht , daß wir unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten . Wir haben nämlich beschlossen , uns huldigen zu lassen , und zwar nach neuen Verträgen und Gesetzen . Die alten sind null und nichtig . « » Das habt Ihr beschlossen ? um Gottes willen , habt Ihr auch bedacht , zu was dies führt ? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Tagen den Tübinger Vertrag beschworen ? « » Tübingen ! « rief der Herzog mit schrecklicher Stimme , indem seine Augen von Zorn glühten . » Tübingen ! nenne dies Wort nicht mehr . Dort hatte ich all meine Hoffnung , dort war mein Land , meine Kinder , ha , und dort haben sie mich verraten und verkauft . Ich bat , ich flehte , sie sollen zu mir halten , ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen - nichts ! man wollte von Ulerich nichts mehr ; das neue Regiment gefiel ihnen besser , im Elend haben sie mich schmachten lassen , haben zugegeben , daß ihr Herzog in Verbannung war , haben geduldet , daß der Name Württemberg ein Hohngelächter wurde in allen Reichen - jetzt bin ich wieder Herr und Meister , habe das Heft in der Hand , und will mir ' s nicht wieder aus der Hand wenden lassen . Haben sie ihren Eid vergessen , bei Sankt Hubertus , so ist mein Gedächtnis auch nicht länger . Tübinger Vertrag ? Ich sag , der Teufel soll alles holen , was mit diesem Namen sich verknüpft ! « » Aber bedenken Euer Durchlaucht ! « sprach Lichtenstein , von diesem Ausbruch der Leidenschaft erschüttert , » bedenket doch , welchen Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen muß . Noch habt Ihr nichts als Stuttgart und die Gegend ; noch liegen in Urach , Asperg , Tübingen , Göppingen , überall noch bündische Besatzungen . Wird die Landschaft Euch beistehen , den Bund zu verjagen , wenn sie hört , auf welche neue Ordnung sie huldigen solle ? « » Ich sag : ist mir die Landschaft beigestanden , als ich Württemberg mit dem Rücken ansehen mußte ? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund gehuldigt ! « » Vergebt mir , Herr Herzog « , entgegnete der Alte mit bewegter Stimme ; » dem ist nicht also . Ich weiß noch wohl den Tag bei Blaubeuren . Wer hielt da zu Euch , als die Schweizer abzogen ? Wer bat Euch nicht vom Land zu lassen , wer wollte Euch sein Leben opfern ? Das waren achttausend Württemberger . Habt Ihr den Tag vergessen ? « » Ei , ei , Wertester ! « sagte der Kanzler , dem es nicht entging , welchen mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulerich machten . » Ei ! Ihr sprechet doch auch etwas zu kühnlich . Ist übrigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals , sondern von jetzt . Die Landschaft ist von der alten Huldigung gänzlich abgekommen , hat dem Bunde eine andere Huldigung getan ; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neuangekommener Herr anzusehen ; er hat dies Land mit Gewalt erobere ; hat sich nun der Bund auf besondere Verträge huldigen lassen , so kann es der Herzog ebenso halten . Neuer Herr , neu Gesetz . Man kann sich in allewege nach eigenem Gutdünken huldigen lassen . Soll ich die Feder eintauchen , gnädiger Herr ? « » Herr Kanzler ! « sagte Lichtenstein mit fester Stimme , » habe alle mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht , aber was Ihr da sagt , ist grundfalsch und kein guter Rat . Jetzt gilt es zu wissen , wen das Volk liebt . Der Bund hat durch sein Walten im Land alles gegen sich aufgebracht , es war die rechte Zeit , daß Seine Durchlaucht wiederkam , jetzt fliegen ihm alle Herzen zu - ; wird er sie nicht gewaltsam von sich stoßen , wenn er alles Alte umreiße und nach eigener neuerer Satzung schaltet und waltet ! Oh , bedenkt , bedenkt , die Liebe eines Volkes ist eine mächtige Stütze ! « Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da , düster vor sich hinblickend , er antwortete nicht . Desto eifriger tat dies der Kanzler im gelben Mäntelein . » Hi , hi , hi ! wo habt Ihr die schönen Sprüchlein her ? Liebwerter , Hochgeschätzter ! Liebe des Volkes , sagt Ihr ? Schon die Römer wußten was davon zu halten sei . Seifenblasen , Seifenblasen ! hätt Euch für gescheiter gehalten . Wer ist denn das Land ? hier , hier steht es in persona , das ist Württemberg ; dem gehört ' s ; hat ' s geerbt und jetzt noch dazu erobert . Volksliebe ! Aprillenwetter ! wäre ihre Liebe so stark gewesen , so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt . « » Der Kanzler hat recht ! « rief Ulerich aus seinen Gedanken erwachend . » Du magst es gut meinen , Lichtenstein . Aber er hat diesmal recht . Meine Langmut hat mich zum Land hinaufgetrieben ; Jetzt bin ich wieder da ; und sie sollen fühlen , daß ich Herr bin . Die Feder her , Kanzler , ich sag so will ich ' s ; so wollen wir uns huldigen lassen ! « » O Herr ! tut nichts in der ersten Hitze ! wartet bis Euer Blut sich abkühlt . Rufet die Landschaft zusammen ; machet Änderungen nach Eurem Sinne , nur jetzt nicht , nur nicht solange der Bund noch Land besitzt in Württemberg ; es könnte Euch schaden bei den übrigen . Gestattet nur noch eine kurze Frist . - « » So ? « unterbrach ihn der Kanzler , » daß man dann alsgemach wieder in das alte Wesen hineinkommt . Gebt acht , wenn die Landschaft erst beisammen ist , wenn sie sich erst zusammen beraten , meinet Ihr , da werden sie so gutwillig nachgeben . Hi ! hi ! da wird man Gewalt anwenden müssen , und das macht erst verhaßt . Schmiedet das Eisen , solange es warm ist . Oder gelüstet Euer Durchlaucht wieder ganz gehorsamlich unter das alte Joch zu stehen , und den Karren zu ziehen ? « Der Herzog antwortete nicht . Er riß mit einer hastigen Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand , warf einen schnellen durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter , und ehe noch dieser es verhindern konnte , hatte Ulerich seinen Namen unterzeichnet . Der Ritter stand in stummer Bestürzung ; er senkte bekümmert das Haupt auf die Brust herab . Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den Herzog . Doch dieser ergriff eine silberne Glocke , die auf dem Tisch stund , und klingelte . Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl . » Ist die Bürgerschaft versammelt ? « fragte er . » Ja , Euer Durchlaucht ! auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie versammelt . Amt und Stadt ; die Landsknechte rücken soeben aus ; sechs Fähnlein . « » Die Landsknechte ? wer gab die Erlaubnis ? « Der Kanzler zitterte vor dem Ton dieser Frage . » Es ist nur wegen der Ordnung « , sagte er , » ich habe gedacht , weil es bei solchen Fällen gebräuchlich sei , daß bewaffnete Mannschaft - « Der Herzog winkte ihm zu schweigen ; er begegnete einem trüben , fragenden Blick des alten Lichtenstein , der ihn erröten machte . » Mit meinem Befehl geschah es nicht « , sprach er , » doch - es möchte auffallen , wenn wir sie zurückriefen . Es ist ja gleichgültig . Man bringe mir den roten Mantel und den Hut ; schnell ! « Der Herzog trat ans Fenster , und sah schweigend hinaus ; der Kanzler schien nicht recht zu wissen , ob sein Herr erzürnt sei oder nicht , er wagte nicht zu sprechen , und der Ritter von Lichtenstein verstarrte in seinem trüben Schweigen . So standen sie geraume Zeit , bis sie von den Dienern unterbrochen wurden . Es traten vier Edelknaben ins Gemach , der erste trug den Mantel , der zweite den Hut , der dritte eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert . Sie bekleideten den Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit Hermelin verbrämt . Sie reichten ihm den Hut , der die rot und gelbe Farbe des Hauses Württemberg in reichen wehenden Federn zeigte , diese wurden zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelsteinen , die eine Grafschaft wert war . Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut . Seine kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor , und die freie , majestätische Stirne , das glänzende Auge sahe gebietend unter den wallenden Federn hervor . Er ließ sich die Kette umhängen , steckte das Schlachtschwert an , und winkte seinem Kanzler aufzubrechen . Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort ; mit bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen , und sich dann abgewendet . Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes , an dem alten Ritter vorüber zur Türe , und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit majestätischen Schritten . Hatte der Herr den Alten nicht gegrüßt , glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht schuldig zu sein , er warf nur einen tückischen Blick nach dem Platz hinüber wo jener noch immer stand , und sein großer , zahnloser Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln . In der Türe stand der Herzog stille , er sah rückwärts , seine bessere Natur schien über ihn zu siegen , er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurück und trat zu Lichtenstein . » Alter Mann ! « sagte er , indem er vergeblich strebte , seine tiefe Bewegung zu unterdrücken , » du warst mein einziger Freund in der Not , und in hundert Proben habe ich deine Treue bewährt gefunden , du kannst es mit Württemberg nicht schlimm meinen ; ich fühle , es ist einer der wichtigsten Schritte meines Lebens , und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang ; - aber wo es das Höchste gilt , muß man alles wagen . - « Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf in den weißen Wimpern hingen Tränen ; er ergriff Ulerichs Hand : » Bleibet « , rief er , » nur diesmal , diesmal folget meiner Stimme ; mein Haar ist grau ; ich habe lange gelebt , Ihr erst drei Jahrzehnte . - « Indem ertönten die Trommeln der Landsknechte in dem Hof . Das ungeduldige Stampfen der Rosse drang herauf , und die Herolde stießen zur Huldigung rufend , in die Trompeten . » Jacta alea esto ! war der Wahlspruch Cäsars « , sagte der Herzog mit mutiger Miene ; » jetzt gehe ich über meinen Rubikon . Aber dein Segen möchte mir frommen , alter Mann , zum Rat ist es zu spät ! « Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts ; die Stimme versagte ihm , er drückte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust . Noch zögerte Ulerich bei ihm , da streckte der Kanzler den langen dürren Arm unter dem gelben Mäntelein hervor , winkte ihm mit der Pergamentrolle ; er war anzuschauen wie der Versucher , dem es gelingt , eine arme Seele mit sich hinabzuziehen . Ulerich von Württemberg riß sich los und ging , um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen . VI Kein Feuer , keine Kohle Kann glühen so heiß , Als eine stille Liebe , Von der niemand nichts weiß . Altes Sprichwort Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen zu sein , als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte . Ein sehr großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu , weil die Vorliebe für den angestammten Regenten , der Druck des Bundes und die anfangs so siegreichen Waffen Ulerichs , viele bewogen , die Huldigung , die sie gezwungenerweise dem Bunde getan , zu vergessen und sich für Württemberg zu erklären . Aber die neue Huldigung , die alle frühern Verträge umstieß , das Gerücht , daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen worden sei , bewirkte wenigstens , daß der Herzog keine Popularität gewann , ein Mangel , der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar wird . Noch beharrten Urach , Göppingen und Tübingen auf ihren , dem Bund geleisteten Pflichten , denn ihre bündisch gesinnten Obervögte zwangen sie mit Gewalt dazu ; zu Urach hauste Dieterich Spät , des Herzogs bitterster Feind ; er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft auf , daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt , sondern auch Einfälle in die Ländereien machte , die dem Herzog wieder zugefallen waren . Es ging auch das Gerücht , die Bundesstände seien schnell von Nördlingen aufgebrochen , jeder in seine Heimat geeilt , um frische Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen . Ulerich selbst schien weder der einen noch der andern dieser Besorgnisse Raum zu geben . Er pflog bei verschlossenen Türen mit Ambrosius Volland Rat ; man sah viele Eilboten kommen und abgehen , aber niemand erfuhr , was sie brachten . In Stuttgart aber glaubte man fest , der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein , denn wenn er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt , alle schönen Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und lachte , da sagten sie : » Herr Ulerich ist wieder so lustig , wie vor dem Armen Konrad . « Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet . Zwar war es nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen , schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren , zwar fehlte die Fürstin , die sonst einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich versammelt hatte , aber dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und schmucken Edeln seinen Hof zu verherrlichen , und die Luft dieser Stadt schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein , daß die bunten Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen Versammlung , sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes glich . Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden , Fest drängte sich an Fest und Ulerich schien eifrig nachholen zu wollen , was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte . Keines der geringsten dieser Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenstein . Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können , sein Wort zu halten ; nicht daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte , denn er liebte seinen Eidam väterlich , er sah in ihm seine eigene Jugend wieder aufblühen , er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem Herzog hoch an ; aber wie der Horizont von Ulerichs Glück , so war auch die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt , denn er ahnte , daß es nicht so bleiben werde , wie es jetzt war , und tief schmerzte es ihn , daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem Rat nicht Gebrauch machte , sondern alles heimlich mit seinem Kanzler abhandelte . So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude immer hinausgeschoben , aber die schönen Augen seiner Tochter , in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte , Georgs Bitten nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab . Der Herzog ließ es sich nicht nehmen , die Hochzeit auszurichten Er mochte sich jener Nächte erinnern , wo der Vater nicht müde ward , ihm seine Anhänglichkeit zu bezeugen ; wo die zarte Tochter keinen Sturm , keine Kälte scheute , um ihn am Burgtor zu empfangen , um ihn mit warmen Speisen zu laben . Er mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern , die ihm der Bräutigam gebracht hatte , er zeigte auf glänzende Art , wie er Treue , Aufopferung und Liebe , die sich ihm so selten bewährt hatten , zu vergelten wisse . Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gäste im Schloß zu Stuttgart gewesen , jetzt ließ er ein schönes Haus nächst der Kollegiaten-Kirche mit neuem Hausgeräte versehen und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von Lichtenstein , mit dem Wunsche , sie möchte es , sooft sie in Stuttgart sei , bewohnen . Und jetzt endlich war der Tag gekommen , welchen Georg oft in ungewisser Ferne aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte . Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück ; er wunderte sich , wie alles so ganz anders gekommen war , als er sich gedacht hatte . Wie hätte er , als er damals durch den Schönbuch nach der Heimat zog , denken können , daß das Glück , die Geliebte ganz zu besitzen , nicht mehr so ferne liegen werde , als er fürchtete . Wie hätte er , als er sich an das Bundesheer anschloß , ahnen können , daß der Herzog , welchen er zu bekriegen kam , sein Glück gründen werde . Mit welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück , wo es ihm zuerst wieder möglich geworden war , der Geliebten ein Wörtchen der Liebe zuzuflüstern , wo er die Schreckenskunde vernahm , daß ihr Vater ein Feind des Bundes , sie mit sich hinwegführen werde ; wo er in Bertas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen Abschied von der Geliebten hinbrachte , wo er auf lange , vielleicht auf ewig verloren glaubte , was heute auf ewig sein werden sollte . Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung , und er mußte aufs neue ihre hohe Zuversicht , ihren schönen Glauben an ein gütiges Geschick bewundern , den sie auch damals , wo die Zukunft mit einem düsteren Schleier verhüllt , und keine Aussicht , keine Hoffnung mehr war , nicht verlor , den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch ihm mitzuteilen wußte . » Er hat uns nicht gelogen , dieser Glaube « , sprach der junge Mann , von der Erinnerung bewegt , zu sich , » es lebt eine heilige , ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele , und ihr klares Auge das in dem meinigen die Gewißheit meiner Liebe las , tauchte auch damals tief in die Zukunft und verkündete Glück , es wird sie auch jetzt nicht täuschen , wenn es ein süßes , ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest . « Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe , die sich an den heutigen Tag knüpfen , und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte . Es war Herr Dieterich von Kraft , der stattlich geschmückt zu ihm eintrat . » Wie ? « rief dieser Schreiber des Großen Rates zu Ulm , und schlug voll Verwunderung die Hände zusammen . » Wie ? in diesem Wams wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen lassen ? Es ist schon neun Uhr , die Gänge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitgästen , die von Samt und Seide glänzen , und Ihr , die Hauptperson im Stück , schauet ruhig zum Fenster hinaus , statt Euren Anzug zu besorgen ? « » Dort liegt der ganze Staat «