am Theetisch die Seele der Unterhaltung war , so merkte niemand es ihr an , wie sie den Tag über in ihrem Haushalte sich beschäftigt hatte und oft selbst mit Hand anlegte , wenn ihr dieses nöthig zu werden schien . Ein zweites Verdienst um Luisen , welches diese ihr noch inniger verdankte , erwarb Frau von Meinau sich dadurch , daß auf ihre Veranlassung das Leben auf dem Lande sich im Laufe der länger werdenden Abende weit freundlicher gestaltete , als Luise erwartet hatte . Keine Woche verging , in der nicht beide Familien wechselseitig einander mehreremale besuchten . Einige Prediger und Beamte aus der Nachbarschaft , Leute von deren Existenz Luise bis jetzt gar keine Notiz genommen hatte , vergrößerten zuweilen mit ihren , zum Theil recht gebildeten Frauen und Töchtern den kleinen Kreis . Musik , gemeinschaftliches Lesen oder erheiterndes Gespräch füllten die langen Abende aus . Luise vergaß sehr oft in diesen anspruchslosen Umgebungen der früheren rauschenden Freuden und entzückte Alle durch ihre jugendliche Heiterkeit . Doch leider kehrte freilich die alte Leere wieder in ihr Herz zurück , sobald sie einige Tage mit Albert allein ohne andre Gesellschaft verleben mußte . Dann vermochte sie es nicht über sich , ihre Unzufriedenheit mit ihrer jetzigen Lage ihm zu verbergen , und der arme Albert flüchtete sich gewöhnlich in sein einsames Zimmer , um sich dort ungestört und ohne Zeugen dem bittern Schmerze zu überlassen , der verzehrend und langsam an seinem Leben nagte . So mochten denn , wechselnd zwischen gute und böse , einige Monate seit Bernhards Abreise hingegangen seyn , als eines Morgens einige Landleute sich auf Leuenstein meldeten , um über die Verwüstungen zu klagen , die ein wilder Eber auf ihren Feldern anrichtete . Schon seit geraumer Zeit waren alle Thiere dieser Art in jenen Gegenden ausgerottet worden , und die Erscheinung eines einzelnen , das sich wahrscheinlich aus einem andern fernen Gebiete hinüber verirrt hatte , setzte gerade ihrer Seltenheit wegen die Leute in um so größere Angst . Meinau war eben zugegen und rieth eine große allgemeine Jagd anzustellen ; die ganze Nachbarschaft ward aufgeboten , um das Thier zu erlegen . Alle zogen am frühsten Morgen des folgenden Tages mit Hunden und Jägern , begleitet von fröhlicher Jagdmusik , von Leuenstein aus in den herbstlich gefärbten Wald , an dessen Zweigen nur einzelne Blätter noch gelb und röthlich im Sonnenschein spielten . Der Mittag nahte heran ; Luise hatte mit Hülfe ihrer Freundin alles zum Empfange der wahrscheinlich sehr ermüdeten Jäger vorbereitet , und beide Frauen saßen nun mit ihrer Arbeit an einem Fenster , von welchem sie die in den Wald ausgehauene lange Allee überschauen konnten , durch die jene zurückkommen mußten . - » Horch ! « rief Luise , » hörst Du Hallalli blasen ? die Jagd ist aus , sie müssen bald hier seyn . « Frau von Meinau öffnete das Fenster . » In der That , « sprach sie , » ich höre Hörnergetöne aus der Ferne . Und wie mild und erquickend die Luft vom Tannenwalde herüberweht ! komm Luise , der Tag ist zu schön um ihn ganz im Zimmer zu verleben ; lass ' uns den Männern bis zu dem runden Platze entgegen gehen , wo alle die Alleen sich kreuzen ; dort können wir sie unmöglich verfehlen . « Beide Frauen wandelten nun Arm in Arm durch den Garten dem Walde zu , und hatten den bestimmten Platz bald erreicht , an welchem sie zu verweilen beschlossen . Frau von Meinau vertiefte sich rechts ins Gesträuch , um von den Zweigen einer jungen , noch mit allen ihren Blättern prangenden Eiche einen Kranz für den Sieger zu flechten ; Luise blieb mitten auf dem Platz stehen , und sah einem Eichhörnchen zu , das sich mit lustigen Sprüngen von einem der hohen , im Sonnenstrahl erglühenden Tannenwipfel zum andern schwang . Hundegebell und Hörnergetön schallten aus der Ferne , die Jagd schien näher zu kommen , ein Schuß fiel und wenige Augenblicke darauf knisterte und rasselte es ungefähr dreißig Schritte vor Luisen im Gesträuch zur linken Hand ; der durch eine leichte Wunde zur entsetzlichsten Wuth aufgereizte Eber brach hervor und rannte , schäumend vor Schmerz und Zorn , gerade auf die Wehrlose zu . Sie wollte seitwärts zu ihrer Freundin fliehen , ihr Fuß verwickelte sich in Brombeerranken , die über ihren Weg sich ausbreiteten , sie fiel und verlor das Bewußtseyn . Der Eber eilte noch immer auf sie zu , schon war er nur wenige Schritte noch von ihr entfernt , sie rettungslos dem greuelvollsten Tode verfallen , als ein Reuter im gestrecktesten Galopp aus einer Seitenallee , welche nach Meinaus Besitzungen führte , sich zwischen sie und das wüthende Thier warf . Der Eber wandte nun seine Wuth gegen diesen neuen Ankömmling , der nur , mit einer Reitgerte bewaffnet , ihr nichts entgegensetzen konnte . Im Nu verwundeten die furchtbaren Hauer des Ungeheuers das edle durch gewaltiges Spornen ohnehin sehr wild gewordene Pferd , dies bäumte und überschlug sich mit seinem Reiter , der unter dasselbe zu liegen kam . Glücklicherweise war ein Theil der Jagd indessen herbeigekommen , zwei gewaltige Saufänger packten den Eber noch gerade im rechten Augenblick , da er seine Wuth an den Unglücklichen auslassen wollte ; sie zwangen ihn , sich gegen sie zu wenden , und ein glücklicher Stoß von Meinaus starker Hand machte bald darauf dem Kampfe ein Ende . Auch Albert kam jetzt herbei , und sah mit unaussprechlichem Entsetzen sein geliebtes Weib bleich und starr wie eine Todte am Boden liegen ; er rief tausendmal überlaut Luisens Namen , warf sich neben sie hin mit der Geberde an Wahnsinn gränzender Verzweiflung , und vor Schrecken völlig unfähig , ihr die kleinste Hülfe zu leisten , verlangte er nur mit ihr zu sterben . Indem eilte auch Frau von Meinau bleich und zitternd herbei . Sie hatte aus der Ferne in Todesangst zugesehen . Selbst kaum im Stande , sich aufrecht zu erhalten , wollte sie die Freundin unterstützen , welche eben anfing , sich von selbst zu erholen , doch indem sie sich zu ihr beugte , fiel ihr Blick auf Luisens Befreier . Diesen hatten die Jäger unterdessen unter seinem Pferde hervorgezogen und er saß mit Blut bedeckt geduldig da , den Rücken an einen Baum gelehnt , von ihm zu Hülfe Eilenden umringt . » Oskar , « schrie sie mit dem tonlosen Schrei des höchsten Entsetzens . » Oskar , o stirb nicht , stirb nicht mein Bruder ohne mich ! « Sie warf sich neben ihm in das mit seinem Blute benetzte Gras , zerriß ihr Kleid , um die Kopfwunde zu verbinden , aus der das Blut sein Gesicht überströmte , umschlang ihn mit ihren Armen und zuckte erschrocken zusammen , da sie gewahrte , wie weh die leiseste Berührung ihm that , während er mit halberstorbener Lippe sie zu beruhigen suchte und ihr versicherte , daß er sich durchaus nicht gefährlich verwundet fühle . Die Scene , welche jetzt erfolgte , läßt sich nicht beschreiben . Freude , Schmerz , Erstaunen , Dankbarkeit , bewegten jede Brust und äußerten sich auf tausendfältige Weise . Luise hatte sich indessen vollkommen wieder erholt , stumm und bleich wie eine Bildsäule kniete sie mit gefaltenen Händen neben dem Verwundeten , den starren Blick so fest auf ihn geheftet , als wäre außer ihm die ganze Welt ihr verschwunden . Albert lag zu seinen Füßen , Thränen überströmten sein Gesicht . » Engel , zur Rettung eines Engels vom Himmel gesandt , « sprach er , » wie soll ich Dir danken ! wie Dich nur nennen , der , selbst wehrlos , mit unerhörtem Heldenmuthe sich für eine ihm ganz Unbekannte dem gräßlichsten Tode entgegenstürzte ! « - » Ich sah Frauen in Gefahr , da galt kein Bedenken , ich konnte nicht anders , « erwiederte Oskar mit schmerzlichem Lächeln und kaum hörbarem Ton . Die Jäger hatten indessen unter Meinaus Leitung aus Tannenzweigen eine Art von Trage zusammengezimmert und mit weichem Moose bedeckt , auf welche der Verwundete freilich unter großen Schmerzen gelegt ward , um ihn nach Leuenstein zu bringen . Alle Männer wetteiferten untereinander , ihn abwechselnd auf den Schultern zu tragen , Luise und Frau von Meinau gingen neben her , ihn zu unterstützen ; so kam langsam , einem Leichenbegängnisse ähnlich , der Zug im Schlosse an , der am Morgen unter Hörnerschall fröhlich ausgegangen war . Zum Glück konnte Oskar sogleich die nöthige ärztliche Hülfe erhalten , denn Meinau hatte Besonnenheit genug gehabt , um gleich im ersten Augenblick einen reitenden Boten nach einem ziemlich geschickten Wundarzte , der in der Nähe wohnte , auszuschicken . Diesen fanden die Ankommenden schon im Schlosse vor und sein Ausspruch nach dem ersten Verbande gab wenigstens Beruhigung . Weder die Kopfwunde noch die übrigen Verletzungen , die Oskar beim Sturze mit dem Pferde erlitten , drohten die mindeste Gefahr für sein Leben ; doch freilich war der linke Arm zerbrochen , der rechte verrenkt , die Schmerzen welche er litt waren groß , und Monate mußten wahrscheinlich darüber hingehen , ehe es ihm möglich werden durfte , das Schloß zu verlassen , um sich zu seiner Schwester zu begeben . Dieser , wenn gleich an sich traurige , doch auch in andrer Hinsicht tröstliche Ausspruch eines als geschickt anerkannten Arztes , beruhigte Alle ; selbst Frau von Meinau vergaß einigermaßen über die Erhaltung ihrer Freundin den Schmerz , den geliebten Bruder nach jahrelanger Trennung so wieder finden zu müssen ; nur Albert wollte es kaum wagen in seinem Herzen der Hoffnung Raum zu gewähren . Die Gräßlichkeit der Gefahr , in welcher er seine Luise gesehen hatte , schwebte unabläßlich in furchtbarer Deutlichkeit vor seiner aufgeregten Phantasie , sein eignes Leben schien ihm jetzt an dem ihres heldenmüthigen Befreiers zu hängen , und er wußte sich vor den entsetzlichen Bildern , die ihn stündlich verfolgten , nicht anders zu retten , als daß er , stets bedacht für Oskars Erhaltung zu sorgen , auch Luisen ermahnte , der Erfüllung dieser heiligen Pflicht sich ausschließlich zu weihen . In Luisens weicher Seele steigerte sich nur zu leicht der Enthusiasmus der Dankbarkeit bis zur Leidenschaft hinauf , ja man könnte sagen , daß diese die einzige Leidenschaft sey , welche sie bis dahin wahr und wirklich empfunden hatte . Bernhard erweckte sie zuerst in ihr , aber seine höhere Natur hielt sie ab , ihn anders als aus der Ferne zu verehren . Oskar hingegen stand ihr weit näher und daß er als Kranker stets ihres Beistandes bedurfte , machte ihn ihr mit jedem Tage noch werther . Sie verließ ihn so selten als möglich und wachte über ihn wie eine Mutter über den Liebling ihres Herzens . So lange er durch den Verband gehindert wurde , sich seiner Hände bedienen zu können , suchte sie mit unglaublicher Aufmerksamkeit auch den kleinsten seiner Wünsche zuvorzukommen , und hiedurch sowohl als durch tausend andere Zufälligkeiten , wie sie das häusliche Leben mit sich führt , entstand zwischen beiden ein zartes , namenloses Verhältniß , dem sie sich hingaben , ohne weiter darüber zu denken . Ueberdem wurde Frau von Meinau durch ihre häuslichen Pflichten oft abgehalten , sich der Pflege ihres Bruders so anzunehmen , wie sie es wohl gewünscht hätte , und so blieb diese Sorge Luisen größtentheils allein überlassen . Oskars ungeschwächte Jugendkraft beförderte seine Genesung ; er durfte weit früher als man gehofft hatte es wagen , sein Lager und bald auch sein Zimmer zu verlassen und entwickelte nun auch im häuslichen Beisammenseyn die liebenswürdigsten Eigenschaften . Schon seine männlich schöne Gestalt mußte auf den ersten Anblick für ihn einnehmen . Die zwar nicht regelmäßig schönen , aber ausdruckvollen Züge seines sehr angenehmen Gesichts waren der treuste Spiegel jeder Regung seines Gemüths , dabei trug sein ganzes Wesen einen Anstrich von Ritterlichkeit , der ihm außerordentlich gut stand , und sich besonders in der zartesten Achtung gegen Frauen äußerte . Lebhaft und leicht erregbaren Geistes , riß er alles unwiderstehlich mit sich fort , wenn er in seiner schönen wohlklingenden Sprache über irgend einen Gegenstand , der ihn innig ergriffen hatte , mit dem Enthusiasmus eines Begeisterten sich äußerte . Mit einem sehr angenehmen sonoren Organ verband er das seltene Talent ein ausgezeichnet guter Vorleser zu seyn , oft auch begleitete seine rührende , gerade ans Herz dringende Tenorstimme Luisens ziemlich mittelmäßiges Spiel auf der Guitarre , die er selbst zwar meisterhaft zu behandeln wußte , aber mit seinem noch immer gelähmten Arme nicht zu berühren wagte . Abends erzählte er zuweilen Luisens ältestem Knaben wundersame Mährchen , die den sonst ewig Unruhigen festbannten und denen selbst die Mutter gern zuhörte . So verstand er es auf die verschiedenste Weise , sich selbst zu Andrer Freude zu vervielfältigen und allein durch seine Gegenwart den Geist innerer Unzufriedenheit und Langerweile aus diesem Hause zu bannen , der bis dahin den Frieden desselben so oft getrübt hatte . Mit immer steigender Zufriedenheit bemerkte Albert den wohlthätigen Einfluß der Gegenwart seines neuen Freundes auf die Gemüthsstimmung seiner Luise . Nie fand er sie mehr in stillen Thränen , wie wohl sonst oft geschehen war , nie klagte sie mehr über die in Leuenstein herrschende Einsamkeit , kein Zeichen der Unzufriedenheit entschlüpfte ihr , wenn ihr arbeitsmüder Gatte Abends mit anscheinendem Mangel an Theilnahme ihr zur Seite saß . Albert sah sie jetzt immer heiter , immer freundlich , mit Augen aus denen Jugend , Gesundheit und kindliche Freude am Leben strahlten . Sie erschien ihrem Gatten völlig so , wie er zuerst im Hause ihrer Eltern sie sah , auch sein Herz ward ihm leichter und ein Nachgefühl der zu schnell entschwundnen Seeligkeit der ersten Tage ihrer Vereinigung gab auch ihm einen Theil seiner entflohnen Heiterkeit wieder zurück . Daß Oskar es war , der diese glückliche Veränderung seines häuslichen Zustandes herbeiführte , fand Albert eben so natürlich , als Luisens Betragen gegen diesen . Ihre grenzenlose Dankbarkeit , ihre Art diese zu äußern , machten ihm die Geliebte nur noch werther , denn er war überzeugt , daß nie genug für den geschehen könne , der ihm das höchste Kleinod seines Daseyns mit Gefahr des eignen Lebens erhalten hatte . Oskar stand neben Bernhard in Alberts Herzen ; was dieser ihm schenkte hatte jener ihm erhalten ; er fühlte dabei , daß Oskars Liebenswürdigkeit ihn angezogen haben würde , selbst wenn er ihm nicht alles zu verdanken hätte und war stolz darauf , ihn überall als den Mittelpunkt des Lebens in seinem Hause betrachtet zu wissen . Nie kam dabei das niederdrückende Gefühl des Zurückgesetztwerdens in Alberts Seele , das ihn so oft der Verzweiflung nahe gebracht hatte , als noch die Fremden in seinem Eigenthume herrschten ; denn niemals zeigte Oskar nur eine Spur des Uebermuths , durch welchem jene sich auszeichneten ; nie suchte er sich hervorzudrängen und in seinem ganzen Wesen ward auch nicht die mindeste Ahnung der seltnen Eigenschaften sichtbar , die ihn vor Tausenden auszeichneten , ohne daß er den hohen Standpunkt zu bemerken schien , auf welchen Alle ihn stellten . Der Winter hatte sich indessen sehr früh und mit fast beispielloser Härte eingestellt ; kaum durften völlig Gesunde es ungestraft wagen , sich im Freien der grimmigen Kälte auszusetzen , und der Arzt wiederholte täglich , daß Oskar durchaus noch nicht daran denken könne Leuenstein zu verlassen , so lange der scharfe Frost anhielt . Wie groß mußte daher Alberts Erstaunen seyn , als Oskar gerade am kältesten Tage , den man bis dahin gehabt hatte , mit der Bitte in sein Zimmer trat , ihn sogleich zum Baron Meinau fahren zu lassen , weil er bei diesem einige Zeit zu verweilen Willens sey . Alberts erster Gedanke war , daß bei seinen Freunden irgend ein Unglück vorgefallen seyn müsse ; er betrachtete Oskar genauer , während dieser ihm versicherte , daß dieses keinesweges der Fall sey ; er sah ihn ungewöhnlich bleich , alle Züge seines Gesichts deuteten auf eine heftige Bewegung in seinem Innern ; sein sonst immer heiteres Auge glänzte im feuchten Schimmer zurückgedrängter Thränen und seine Lippe zuckte schmerzlich , indem er in kaum verständlichen Worten die eben ausgesprochene Bitte um Pferde und Wagen nochmals wiederholte . Albert vermochte nicht , ihm zu antworten , er strengte alle seine Geisteskräfte an um zu errathen , was seinen Freund so heftig ergriffen und ihn zu dem Entschlusse bewogen haben könne , so plötzlich von Leuenstein sich zu entfernen . Er erinnerte sich , daß Oskars ungewohnter Trübsinn ihm schon seit einigen Tagen aufgefallen sey , daß er bemerkt habe , wie dieser öfterer als sonst die Einsamkeit gesucht und besonders Luisen absichtlich zu meiden schien , und nun glaubte er mit einemmal den Schlüssel zu dessen jetzigen räthselhaften Benehmen gefunden zu haben . » Ich sehe wie es ist , Freund Oskar , ich , der ich in meinem Leben nichts errathe , ich durchschaue Sie dennoch diesesmal , « rief Albert mit freundlichem Lächeln und ergriff Oskars Hand , die in der seinen zuckte . Daß Oskar immer bleicher ward und sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte , bemerkte Albert nicht , sondern fuhr aus der Fülle seines liebenden argwohnlosen Gemüths zu reden fort . » Es darf nicht seyn , « sprach er recht herzlich bittend , » Sie dürfen uns noch nicht verlassen und auf diese Weise nun vollends gar nicht . Was zwischen Ihnen und meiner Luise vorgefallen seyn mag , verlange ich nicht zu wissen , aber das weis ich , daß Sie es nicht auf diese Weise aufnehmen würden , wenn Sie das liebenswürdige Geschöpf so kennten als ich . Ich möchte sogar keine der kleinen Launen meiner Luise an ihr vermissen , denn sie ist doch ein Engel der Güte . Ich gehe zu ihr , sie selbst wird eilen , alles wieder gut zu machen , sie selbst wird Sie bitten uns nicht zu verlassen , ich weis , da können Sie unmöglich widerstehen . « Albert eilte zu Luisen , ehe Oskar so viel Fassung gewann , ihn daran hindern zu können . Er fand sie auf ihrem Sofa in Thränen . Bei seinem Eintritt verhüllte sie ihr Gesicht und unterdrückte nur halb einen Schrei des schmerzlichsten Erschreckens . » Du weißt es also schon , ich sehe es , « sprach Albert , » er will fort , in dieser entsetzlichen Kälte , die ihm den Tod geben kann . Das darf nicht seyn , nicht war Luise ? Nur Du kannst es hindern . Komm , liebe Luise , sey gut , vergiß was zwischen Euch vorgefallen seyn mag , und hilf mir ihn erbitten . Bezwinge diese kleine Aufwallung , mein geliebtes Weib , denke : er ist der Retter unseres Lebens , ein freundliches Wort von Dir und alles ist wieder gut ; komm meine Luise . « Albert wollte ihre Hand fassen , doch sie entriß sie ihm mit ungewohnter Heftigkeit , drückte laut schluchzend das Gesicht noch tiefer in die Sofakissen hinein und winkte ihm , abwehrend , fortzugehen . » O über die großen erwachsenen Kinder ! « rief Albert halb entrüstet , halb traurig , indem er Oskar wieder aufsuchte ; er fand ihn vertieft in schmerzlicher Betrachtung vor Luisens Büste stehen und begann nun , ihn mit Bitten zu bestürmen , ein Paar Menschen nicht zu verlassen , die in ihm ihren Schutzengel entfliehen sähen . Alles was unbegränzte Dankbarkeit , tiefgefühlte Hochachtung , innige Freundschaft und der heißeste Wunsch des Gelingens nur eingeben können , brachte er mit jener unwiderstehlichen Beredsamkeit vor , die ihm stets eigen war , sobald er von den Regungen seines tiefen Gemüthes sich hinreißen lies . Er beschwor Oskar bei allem , was ihm heilig sey , Luisens vorübergehenden , gewiß nur aus Kränklichkeit entstandenen Unmuth nicht so schwer an ihm und ihr zu ahnden . Er versicherte ihm , daß sie gewiß mit Entzücken dem sich ihr wieder zuwendenden Freunde entgegen eilen und alles daran setzen würde , um nur den heldenmüthigen Retter ihres Lebens zum Verzeihen und zum Vergessen zu bewegen . Was auch Oskar ihm einzuwenden versuchte , alles war verloren . Albert hörte nicht darauf und ward immer wärmer , immer unwiderstehlicher , je länger er sprach , so daß Oskar endlich die Unmöglichkeit fühlte , sich hier länger in den Schranken zu halten , die er sich gesetzt hatte , um seinen edlen Freund zu schonen . » Albert ! laß ab von mir , ich beschwöre Dich , « rief er zuletzt in höchster Spannung , hingerissen von seinem Gefühl , » laß ab von mir , und höre auch mich , Du unerbittlicher Feind Deiner Selbst . Edle , argwohnlose , kindlich reine Seele ! « setzte er unendlich weich hinzu , » höre mich endlich an . Ich kann Dich betrüben , aber betrügen kann ich Dich nicht . Und müßte ich Dein schönes Gemüth noch tiefer verwunden , ich kann gegen Dich dennoch nicht unwahr seyn . So erfahre denn durch mich , wovon kein Gedanke in Deine ahnungsfreie Seele kam , ich liebe Luise , Deine Luise , Dein Weib ! ich liebe sie mit verzehrender Gluth , ich lebe , ich athme nur in dieser Liebe , die ihr erster Anblick in mir entflammte , und die ich dennoch zu spät mit unsäglichem Schrecken erkannte . Albert , ich kämpfe seit vier Tagen den fürchterlichsten Kampf mit mir selbst , umsonst , ich liebe nur sie , ich kann nichts denken , nichts fühlen als diese Liebe . Trennung ist Tod . Ich beschloß zu bleiben , mein Geheimniß in tiefster Brust zu begraben . Ich unseeliger Thor , wie konnte ich ihr zu verbergen hoffen , was mir selbst jetzt offenbar war ! Ein unglückseeliger Zufall entriß mir diesen Morgen ein Geständniß , das mich - - Luise weiß alles ! Albert , bestehst Du noch darauf mich hier fest halten zu wollen ? « Albert stand regungslos wie eine Bildsäule . » Luise weiß Alles , sagst Du , Alles ! - Und sie ? « hauchte er fast unhörbar , mit kaum bewegter Lippe . » Und sie ? « wiederholte er dringender , und sein Auge suchte mit dem Ausdruck unaussprechlicher Angst in Oskars Zügen zu lesen . » Lass ' mich fliehen , dränge selbst mich über Deine Schwelle , « rief Oskar in wilder Verzweiflung . » Verbanne mich ! lass ' mich elend seyn aber schuldlos ; dränge mich mit Gewalt fort ! fort ! fort ! um Luisenswillen , um Deinetwillen , fort von hier , verstoße mich , verbanne mich . « Seine noch nicht ganz wiederhergestellten Kräfte verließen ihn , er sank in einen Sessel und verhüllte mit beiden Händen sein Gesicht . Albert betrachtete ihn eine Weile schweigend und ging dann einigemal mit immer fester werdendem Schritte im Zimmer auf und ab . Dann stand er wieder vor Oskar still und ergriff dessen fast leblose Hand . Als sey ein neuerer , höherer Geist über ihn gekommen , so verändert , so erhaben war in diesem Augenblick Alberts Haltung , seine ganze Gestalt ; sein Auge strahlte in hoher Verklärung , wie das Auge eines Sterbenden im letzten Momente des scheidenden Lebens , welcher der Erde nicht mehr angehört . Nie zuvor sah er seinem Bruder Bernhard so ähnlich . » Oskar , « fing er mit kaum merklich bewegter Stimme und sehr gemäßigtem Tone an , » lieber Oskar , Sie hatten Recht , ich sehe ein , es ist gut daß Sie noch heute Ihre Schwester besuchen , und es soll meine angelegentlichste Sorge seyn , daß dieses ohne Gefahr für Ihre Gesundheit geschehen könne . Mein edler , hochgeliebter Freund , wir brauchen beide Zeit , um uns selbst wieder zu finden , aber glauben Sie mir nur , alles wird sich ordnen , wir werden beide ruhiger werden und Sie kehren gewiß einst und bald in froherer glücklicherer Stimmung nach Leuenstein zurück . Oskar , Sie würdigten mich eines ungemessenen Vertrauens , wo Tausende an Ihrer Stelle - doch es wäre Beleidigung Sie nur mit jenen zu vergleichen . Wir beide haben in dieser schmerzlich schönen Stunde einander erkannt , auf ewig . Sie wissen jetzt , daß ich Ihres edlen Vertrauens nicht unwerth bin , geben Sie mir den letzten Beweis davon , daß Sie dies glauben , indem Sie nur eine Frage noch mir offen und ohne Rückhalt beantworten . Weiß außer mir noch jemand , weiß Meinau oder Ihre Schwester - - - « » Guter Gott , wie wäre dies möglich ! « rief Oskar , » wie könnte ich Andern gestehen was ich mir selbst kaum gestand ! « » Nun dann , « erwiederte Albert , indem er Oskars Hand an seine Brust drückte , » nun dann , so gewähre mir noch die Bitte , auch ferner gegen alle zu schweigen und Deiner Schwester Haus nicht zu verlassen , bis wir beide in der Stimmung sind , mit gefaßtem Muth zu überlegen , welch ' ein Entschluß hier zu fassen steht , der uns allen die entwichene Ruhe wiederzugeben vermag . Wir alle drei sind reines Herzens ; es wird ein Ausweg sich entdecken lassen , wir haben nichts zu befürchten als in zweckloser Uebereilung die , so uns lieb sind , zu verwunden . Lass ' dies uns vermeiden und mögen dann Gott , Zeit und der unbestechbare Richter , den jeder von uns im Busen trägt , über alles Andere entscheiden . « Alberts seltene , wie durch höhere Eingebung über ihn gekommene Geistesstärke , welche in des noch tiefer gebeugten Oskars Gegenwart seinen Muth erhob , und ihn in dieser erschütternden Scene aufrecht erhielt , brach zusammen , so wie er sich wieder in seinem einsamen Zimmer allein sah . Er hörte den Wagen aus dem Schloßhofe fortrollen , in welchem Oskar sich entfernte , ohne Luisen wieder gesehen zu haben , und ihm war , als gingen die Räder desselben zermalmend über seine Brust hinweg . » Dort fährt er hin , « rief Albert , übermannt vom Schmerze des Augenblicks , » dort fährt er hin , er , dessen Leben ich beraubte , noch eh ' ich ihn sah , und mit ihm verläßt das ganze Glück des geliebtesten Wesens auf Erden unser verödetes Haus . Niemand bleibt der armen Luise als ich , den sie schon lange nicht mehr liebt , den sie nie lieben konnte , den sie jetzt hassen , verabscheuen muß , seit sie den Einzigen gefunden hat , der ohne mein unseeliges dazwischentraten ihr Leben zu einer Kette von Seeligkeit umgewandelt hätte ! Ich bleibe , um täglich , stündlich den Vorwurf ihres Unglücks , ihr tiefes Leiden in ihren Augen zu lesen ! Ich Unseeliger habe zwei Wesen getrennt , die der Himmel selbst für einander bestimmte . Und was habe ich mir gewonnen ? Unaussprechlichen Jammer , ewige Reue . Oskar und Luise ! wo giebt es ein Paar , diesem zu vergleichen ? Sie hätten sich gefunden , sie mußten sich finden . Ohne mich blühte jetzt Luise in unentweihter voller Jugendpracht ihm entgegen , doch ich , selbstsüchtig und grausam , benutzte die jugendliche Unerfahrenheit des kindlich lieblichen Geschöpfs ; ich zerstörte in der Knospe die Blume , nun wird sie an meiner Seite dahin welken ! O , läge ich ruhig und still in meinem Grabe ! Noch wäre es nicht zu spät , beiden lacht noch das Leben im Jugendglanz , beide könnten vereint noch glücklich mit einander seyn . Bernhards edler Wille würde dennoch erfüllt , ich habe Söhne , unser alter edler-Name wird in ihnen fortblühen , und sie würden unter Oskars Pflege den Unglücklichen nicht vermissen , der ihnen nichts geben konnte als das Leben . « Ergriffen von diesem Gedanken , gefoltert von unbeschreiblichen Quaalen , sank Albert auf die Knie und betete mit Innbrunst um augenblicklichen Tod , den freiwillig zu wählen fromme Ueberzeugung ihn abhielt . So glühend , so ernstlich wie er , hat vielleicht kein zum Sterben Verurtheilter jemals um Leben gefleht . Dann sprang er wieder auf , tausend Entschlüsse , tausend Gedanken , tausend Möglichkeiten durchkreuzten sich verwirrend in seinem Gemüthe und brachten ihn dem Wahnsinn nah . Nichts ward ihm klar als die Nothwendigkeit , Luisen ihre Freiheit wieder zu geben , und mit dieser die Anwartschaft auf eine glückliche Zukunft an Oskars Seite . Vergebens strengte er sich an , um eine Möglichkeit zu entdecken dieses vollbringen zu können . Scheidung war hier kein Ausweg , denn Luise bekannte sich so wie er selbst zur katholischen Kirche , und diese gestattet in einem solchen Falle keine zweite Verbindung , so lange der erste Gatte noch lebt . Auch der selbst verschuldete traurige Zustand seines Vermögens und seiner von Bernharden ihm anvertrauten Güter fiel ihm ein und erhöhte seine Quaal wie seine Unentschlossenheit . So verbrachte er die Stunden des Tages in nutzlosem fürchterlichem Kampfe mit sich selbst , bis die frühe Abenddämmerung hereinbrach . » Gott ! « rief er endlich in wilder Verzweiflung aus und warf sich mit gerungenen Händen abermals auf den Boden hin , » Gott , Du siehst meinen Jammer ! die Bahn liegt vor mir , die ich gehen muß , klar und deutlich überschaue ich sie , aber der Zugang zu ihr bleibt mir ein nie zu lösendes Räthsel . Erleuchte mich ! ich habe niemand auf Erden , der in dieser furchtbaren Nacht der Verwirrung die Hand mir bieten könnte , ich habe niemand als Dich ! Erhöre das bange Flehen Deines verzweiflenden Geschöpfs , rufe mich ab aus diesem Labirinthe von Leiden , oder sende mir ein sichtbares Zeichen Deiner Gnade , das mir zum