hinausgestürmt , eben rollte der Wagen fort , in welchem er zur Markise fuhr . Moritz kam glücklicher Weise auf den Gedanken , sich ebenfalls aufzumachen , um seinerseits den Grafen Hippolit aufzusuchen , und so erhielt Gabriele endlich eine ruhige Stunde , um mit der innigsten Liebe Augustens Sorge und Schmerz zu beschwichtigen . Die Zeit verging im trüben Gespräche , es ward Mitternacht , schlaflos horchten die Freundinnen auf jeden , durch die immer einsamer werdenden Straßen hinrollenden Wagen , unzählige mal mußte die treue Annette hinaus auf den Balkon , um nachzusehen ob niemand käme ? Vergebens . Draußen blieb alles ruhig , und in ihnen ward es immer trostloser und bänger . Schonend , um ihn trauernd , ihn vertretend , wie nur der Schutzengel seines Lebens vor dem ewigen Richter es könnte , hatte indessen Gabriele versucht , Adelberts Verirrung zu entschuldigen , und Hoffnungen einer glücklichern Zukunft zu erregen . Sie hatte es mit einem Herzen zu thun , das ohnehin so bereit war zu vergeben , und der Sieg über die Vergangenheit ward ihr in dieser Hinsicht nicht schwer . Desto bänger aber zitterte Auguste den nächsten Morgenstunden entgegen , die sie , Unheil weissagend , den Himmel schon röthen sah . Gabriele war hier weniger besorgt und bemühte sich eifrig , der Freundin den Glauben beizubringen , den sie selbst so gern festhielt : daß Herr von Aarheim sich geirrt habe und von gar keinem Streit , der einen blutigen Ausgang drohe , die Rede gewesen seyn könne . Von jeher war sie fern von allen Stadtsagen und aller Anekdotenjägerei geblieben , ihr ganzes Wesen schlug jeden Versuch nieder , sie mit irgend etwas , diesen schmutzigen Quellen Entfließendem bekannt zu machen . Daher war Hippolits früheres Verhältniß zur Markise ihr ein Geheimniß geblieben und sie begriff wirklich nicht , wie und warum Adelbert mit ihm gerade in diesem Momente so heftig an einander hätte gerathen sollen . Die beleidigenden Worte , mit welchen die Markise das Zimmer verließ , hatte sie als Ausbrüche ohnmächtiger Wuth zu wenig geachtet , um sich die Mühe zu geben , sie verstehen zu wollen . Doch während sie auf diese Weise ihre zitternde Freundin zu beruhigen suchte , erhob plötzlich Annette ihre Stimme aus dem dunkeln Winkel , in welchem sie neben Augustens Ruhebette saß , und gab beiden Frauen eine Gewißheit , welche diese so gern entbehrt hätten . Das treue Mädchen war der Liebling ihrer Herrin geblieben und hatte als solcher so manches kleines Vorrecht ; unter andern das , an Konzertabenden in einem Nebenzimmer der Musik lauschen zu dürfen . Auch an diesem Abende hatte sie diese Erlaubniß benutzt . Aengstlich über die ihr so ganz ungewohnte Scene , welche die Freuden desselben unterbrach , wollte sie die große Treppe hinab , der unerwartet schnelle Aufbruch der Gesellschaft hielt sie auf , und so kam sie in der Vorhalle des Hauses an , als eben der Zwist zwischen Hippolit und Adelberten begann . » Liebe gnädige Frauen ! « sprach Annette , » es schmerzt mich in der Seele , Ihnen Ihren Trost zu benehmen , aber Wahrheit bleibt doch immer das Beste , und so denke ich , muß ich sie Ihnen gestehen , da ich sie weiß . Die beiden gnädigen Herren sind freilich leider in gefährlichem Zwist gerathen . « Gabriele erschrack nicht weniger über dieses Geständniß , als über Augustens Gegenwart dabei und suchte , so viel sie unbemerkt es konnte , Annetten zum Schweigen zu bringen , aber vergebens . Ein unglücklicher Stern schien heute über diesem Hause aufgegangen , der jede Schonung vernichtete , und Auguste drang mit so heftigen , ungeduldigen Fragen in das Mädchen , daß Gabrielen nichts übrig blieb , als sie gewähren zu lassen . » Die Frau Markise , « erzählte Annette , » ging eben ganz hochtrabend durch die Halle und der junge Herr Graf hinter ihr drein ; sie sah sich aber gar nicht nach ihm um , sondern nur immer mit steifem Nacken gerade aus , als der Herr Rittmeister neben mir die Treppe hinabstürmte . Er war so todtenbleich und so zerstört , daß ich ohne die Uniform gar nicht gewußt hätte , er sey es . So wollte er neben der Frau Markise zur Thüre hinaus , aber sie hielt ihn am Arme fest , trat dicht vor ihm und sah ihm starr und fest in die Augen . Da ward er immer bleicher , und zitterte so , und sah aus wie an dem Abende , als er aus der ersten Gesellschaft bei der Frau Gräfin kam . Die Frau Markise sprach französisch zu ihm , und weinte dabei , und lehnte den Kopf an seine Schulter vor allen Bedienten ! Ich glaubte es nicht , wenn ich es nicht gesehen hätte . « » Und er ? und er ? « fragte ängstlich leise Auguste . » Nun der Herr Rittmeister stand da und regte sich nicht , « war die Antwort ; » er trat sogar ein kleines bischen zurück , wie mir dünkt , aber es half ihm nichts . Die böse Dame , Gott verzeih es mir , aber das ist sie , faßte ihn und drehte ihn plötzlich gegen den jungen Herrn Grafen . Danken Sie diesem Herrn , sprach sie auf einmal auf deutsch , daß er zur Besserung des unartigen Knaben den Herrn Onkel kommen ließ , und dann gehen Sie herauf , bitten Sie ab , küssen Sie die Hand die Sie straft , man wird Ihnen am Ende vergeben und Sie werden auf Ihre Art glücklich seyn . Was aus mir wird , aus meiner gemordeten Ehre , gilt Dir gleich und so auch mir . Ja wahrhaftig , sie hat ihn geduzt , und dann weinte sie und lehnte sich wieder an ihn . Da trat der junge Herr Graf heran , kommen Sie , gnädige Frau , sprach er , Sie geben hier ein Schauspiel , dessen Sie morgen sich schämen werden , und so nahm er ihren Arm und wollte sie an den Wagen führen , aber sie riß sich los . Soll ich vor Ihren Augen um Ihrerwillen mich mißhandeln lassen ? rief sie dem Herrn Rittmeister zu . Soll ich den Befehlen dieses Menschen gehorchen , durch dessen Künste ich morgen das Mährchen der Stadt seyn werde ? und Sie , um den alles dieses geschieht , sehen gelassen zu ? Da ward der Herr Rittmeister so feuerroth als er vorher bleich gewesen war ; auch Graf Hippolit ward heftig , und unser gnädiger Herr , der eben zur Thüre hereintrat , sprach auch darein und wollte sie besänftigen , auf spanisch und italienisch , aber es wollte alles nichts helfen . Der Streit ward immer heftiger und mir wurde so angst dabei , daß ich zuletzt auch nicht mehr vernahm , was sie auf deutsch zu einander sagten , bis der junge Herr Graf endlich gelassener wurde und sich verständlich machen konnte . Herr Rittmeister , sagte er , lassen Sie uns eine Scene enden , die schon zu lange gewährt hat und hier doch nicht entschieden werden kann . Morgen bin ich zu jeder Erläuterung bereit . Gut dann , morgen , erwiderte der Rittmeister , und trat ganz nah zu ihm heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr , worauf der Herr Graf eine bejahende Verbeugung machte , als wolle er sagen , ich bins zufrieden , und dann fortging . Die Frau Markise that nun ganz ohnmächtig und der Herr Rittmeister mußte sie begleiten , damit sie nicht allein im Wagen wäre . So wurde dann Ruhe , aber gewiß , es war nur zu deutlich zu sehen , die beiden Herren haben so leise nichts gutes mit einander abgemacht . « » Komm « rief Auguste mit erzwungner Ruhe , » jetzt muß ich zu ihm und wäre er auch bei ihr , ich muß ihn sehen . Ihr Auge flammte , ihre Bewegungen waren fieberhaft und Gabriele kämpfte der Ausführung dieses Gedankens mit aller Macht entgegen . Sie stellte ihr vor , wie mißlich und zweckwidrig jedes Einmischen der Frauen bei Männerstreitigkeiten in der Regel auszufallen pflege , aber sie hätte schwerlich gesiegt , wenn nicht das Rollen eines Wagens in den Hof hinein , Augusten wenigstens für den Augenblick zurückgehalten hätte . Es war der General , der so ganz mit dem Ausdrucke einer guten Botschaft zu den Frauen hineintrat , daß sie alles geschlichtet und jede Besorgniß für überwunden achten mußten . Doch was den Oheim so freudig machte , war nur die Gewißheit , daß weder Bitten noch Drohen , weder Thränen noch Gründe Adelberten hätten bewegen können , die Markise weiter als bis an die Thüre ihrer Wohnung zu begleiten . Die Gräfin Rosenberg , bei welcher der General , spät wie es war , Zutritt suchte und die freundlichste Aufnahme fand , hatte als Augenzeugin ihn dessen versichert , überdem war sein Zorn gegen Adelberten durch diese Dame um vieles gemildert worden . Mit ihrer gewohnten Klugheit hatte sie dem Oheim alle Künste und Lockungen auf das lebhafteste geschildert , mit welcher Herminia fast unwiderstehlich den Arglosen anzog und festhielt . Die seltne Schönheit der verführerischen Frau , des Neffen früheres Verhältniß zu ihr , Augustens Abwesenheit wurde ebenfalls in Anschlag gebracht , und so gelang es ihr , den Oheim halbversöhnt mit dem Liebling seines Herzens wieder heimzusenden . » Die Tante ist eine Frau , vor welcher ich alle Achtung habe , « sprach er zu Gabrielen , » Welt und Erfahrung haben sie mild und verständig gemacht . Sie kennt das Leben , und weiß daß Adams Söhne aus gröberem Stoffe geformt wurden als ihr , die ihr doch immer den Engeln näher verwandt seyd als uns , nehmlich , wenn ihr einmal etwas taugt . Die Herminien nehme ich aus , die gehören zu den gefallenen Engeln , vor welchen jeder gute Christ ein Kreuz schlägt . Getrost liebe Nichte ! Jugend ist freilich ein strengerer Richter als das Alter , aber ich hoffe doch , der Sünder Adelbert soll Gnade finden wenn er heimkehrt . Und somit gute Nacht . Der heutige Tag hat der Plage genug gehabt , laßt uns Kräfte sammeln für den morgenden , ehe er uns hier überrascht . « » Und Adelbert ? wo ist er ? « fragte Gabriele mitleidsvoll , denn Auguste saß da und vermochte keinen Laut aufzubringen . » Das weiß ich nicht , « erwiderte der General , » wie ich höre hat er weder Freunde noch Bekannte , bei denen man ihn vermuthen könnte , und nachdem ich die Gräfin verlassen , bin ich nach allen Gasthöfen herumgefahren , ihn zu suchen , ich habe schlaftrunkne Portiers und Hausknechte die Menge ins Verhör genommen , aber niemand wollte von ihm etwas wissen . Und wenn ich ihn auch gefunden hätte , was hätte es geholfen ? Liebe Frauen , ich will es zugeben , es mag um die Gesetze unsrer Ehre ein barbarisches Ding seyn , aber sie sind für ' s erste nicht zu ändern . Uebrigens hat er es , wie ich höre , mit einem braven edlen Gegner zu thun , laßt das euern Trost seyn wie er der meinige ist . An das Leben geht es nicht gleich , und ein kleines Andenken an diese Geschichte kann ihm für die Zukunft ganz gesund seyn , wenn es nicht zu arg kommt . « Die weichen liebenden Herzen der Frauen konnten dieser Ansicht nicht beipflichten , sie schlugen ängstlich und ahnungsvoll in immer wachsender Besorgniß , als auch Moritz bei jetzt ganz hellem Tage heimkehrte . Der Arme bebte im Fieberfrost und mußte sogleich zu Bette gebracht werden . Seine Nachforschungen waren nicht glücklicher gewesen als die des Generals . Vergebens hatte er Hippoliten in dessen Wohnung aufgesucht , vergebens war er von Haus zu Haus gefahren , wo er nur eine Spur von ihm zu finden hoffen konnte . Endlich war er bis an die Sternwarte gekommen , wo eben der Professor der Astronomie , den er kannte , hinaufstieg , um eine beim Aufgang der Sonne sich ereignende Finsterniß zu beobachten . So wie die Vorliebe für die Astronomie von Moritz gewichen war , hatte er auch solchen Beobachtungen entsagt , aber es kam ihm der große Gedanke : so wie der Tag anbräche , mit Hülfe eines Teleskops alle Thore der Stadt zu bewachen , um zu entdecken , nach welcher Seite Hippolit und Adelbert sich wenden würden , ihr feindseliges Vorhaben auszuführen ; denn er vermuthete mit großer Wahrscheinlichkeit , daß sie weder in der Stadt noch bei Nacht ihren Zwist ausfechten könnten . Mit heldenmüthiger Standhaftigkeit begann er auf dem Balkon des Observatoriums seine Beobachtungen der Wege so wie der Tag graute , aber der kalte Morgenthau und die oben herrschende Zugluft griffen ihn nach der durchwachten Nacht und der vorhergegangenen Ermüdung so an , daß er bald seinen Plan aufgeben und mit einem bedeutenden Erkältungsfieber sich nach Hause bringen lassen mußte . Gleich einer sorglichen Mutter pflegt die Natur ihre leidenden Kinder gern dem allberuhigenden Schlafe in die Arme zu legen , wenn sie sich ausgeweint haben , und auch Auguste war endlich in den schweren todtähnlichen Schlummer völliger Erschöpfung gesunken . Trüb und gedankenschwer blickte die neben ihrem Bette wachende Gabriele in den draußen hellleuchtenden Morgen hinaus , als Annette leise die Thüre öffnete , geheimnißvoll und schweigend ihr winkte , und gleich darauf leicht und unhörbar wie eine Elfe auf den Fußspitzen über den Teppich hineilte und den Platz neben Augusten einnahm , denn ihre Herrin eben verlassen hatte . Gabriele schwankte , einen Augenblick erschrocken , an der Thüre , mit fragendem Blick sah sie das Mädchen an , aber an dem ängstlichen Klopfen ihres eignen Herzens fühlte sie die Unmöglichkeit , lautlos die traurige Nachricht zu vernehmen , die sie zu hören befürchten mußte , und so eilte sie zitternd und stumm die Treppe hinab . In ihrem Wohnzimmer fand sie Adelberten . Mit dem Ausdrucke der Verzweiflung sank er vor ihr hin , so wie sie hereintrat und umfaßte , tief zur Erde gebeugt , ihre Knie . Sie bebte bei seinem Anblick unwillkührlich zurück , eine Ahnung , der sie nicht Worte zu geben sich getraute , drückte ihr Herz bis zum Stillstehen zusammen ; ängstlich blickte sie auf den Trostlosen , der noch immer vor ihr lag und hatte kaum Kräfte genug , ihn aufstehen zu heißen . » Hier zu den Füßen des Schutzengels , dessen Trost , dessen Hülfe ich auf ewig entsagen muß , lege ich meinen Abschied von jedem Glück nieder , von jeder Freude , von mir selbst ! Ich gehe , gleichviel wohin , ich suche das Elend , ich finde es überall fern von Augusten , fern von meinen Kindern , « sprach kaum verständlich Adelbert . Dann sprang er auf , trat einige Schritte von Gabrielen zurück und rief mit wildem Blick und heftig gerungenen Händen : » Nein ! nein ! es ist nicht möglich . Ich träume , ich will erwachen , ich muß erwachen ! Es ist nicht möglich , daß ich selbst mir meinen eignen Himmel so schnöde verschlossen habe . Er war ja mein , er ist es noch , ich will erwachen , ich muß erwachen ! « » Sie sind erwacht . Gottlob Sie sind es , « sprach jetzt Gabriele mild und gefaßt . » Hoffen Sie , haben Sie Vertrauen zu denen die Sie lieben . Das ärgste ist doch nicht geschehen ? « setzte Sie mit unsichrer Stimme hinzu . » Kein Blut hoffe ich ? - Hippolit ? « - » O hoffen Sie nichts gutes mehr von mir , « unterbrach sie Adelbert mit vor dem Gesicht gefalteten Händen . Grausen ergriff Gabrielen bei diesen Worten ; abgewendeten Blicks wankte sie der Thüre zu , doch er warf sich , sie aufhaltend , ihr in den Weg . » Nein , ein Mörder bin ich nicht , « rief er , » doch ist es nicht mein Verdienst daß ich es nicht bin . Augustens guter Engel bewahrte mich ; der meine nicht ; der hat auf ewig sich von mir gewendet ! « » So lebt Hippolit ? Sie schlugen sich nicht ? « fragte Gabriele . » Sein Blut floß , es floß von meiner Hand , ich Rasender ! Aber er lebt , er wird leben , « rief Adelbert . » Um Augustens Willen wird er leben . « Lange noch fuhr er fort sich bald zu verdammen , bald sein Geschick anzuklagen , während Gabriele , jetzt selbst beruhigter , sich abmühte , in dem armen umdunkelten Geiste ihres Freundes einen Strahl tröstender Hoffnung zu leiten . » O bewahren Sie alle Ihre Milde , alle Ihren Trost für Augusten , mich überlassen Sie dem Untergange , « rief er . » Lieben und Verachten ! Bezeichnete ich so nicht einst den höchsten Schmerz ? Wie wird Auguste ihn tragen ? Muß ich denn wünschen , sie möge mein vergessen ? « Gabrielens sanfte Stimme beschwigtigte indessen doch allmählig seine wilde Leidenschaftlichkeit . Sein Herz erwarmte , sein altes Vertrauen erwachte vor ihrer holdseligen Anmuth , und so gelangte er bald dahin , ihr alles zu bekennen . Und wer erst dazu gekommen ist , vor einem Zweiten sich laut anklagen zu können , der beginnt im nehmlichen Moment , halbausgesöhnt mit sich selbst , im eignen Herzen sich leise zu entschuldigen . Bittre Beschämung , Reue , unaussprechliche Sehnsucht nach seinem ehemaligen glücklichen Leben hatten ihn aus dem Salon hinaus ins Freie getrieben ; bekannte Stimmen , welche auf der Straße ihm entgegen kamen , bewogen ihn wieder umzukehren , und die stillere Einsamkeit seines abgelegenen Zimmers aufzusuchen . Dort überraschte ihn geisterhaft Augustens nicht geahnete Gegenwart ; mit seinem ganzen Daseyn , sogar mit seinen Sinnen zerfallen , wußte er nicht zu unterscheiden : ob die beschämende Wirklichkeit ihn quäle , oder ob Scheinbilder , durch innres Bewußtseyn ins Daseyn gerufen , ihn irrten ? Er floh halb wahnsinnig , mit der Hast des wildesten Entsetzens die Treppe wieder hinab , und am Fuße derselben empfingen ihn Herminiens ungebändigter Zorn , ihre schonungslosen Vorwürfe . Ach ! er glaubte in jenem Augenblick diese alle zu verdienen , denn sein Herz lag wie Eis in der wild-bewegten Brust ; die Täuschung der Sinne war geschwunden und er fühlte sich zwiefach meineidig , gegen sie wie gegen Augusten . Er hätte die ganze Welt , am liebsten sich selbst in diesem Moment vernichten mögen , in welchem mitten durch den Sturm seines Gemüths noch der zitternde Klagelaut bebte , mit dem Augustens Erscheinung ihm entschwunden war . Hippolits besonnene Klarheit , die sichere Ruhe , mit welcher dieser die schleunige Entfernung der Markise als das zunächst Nothwendigste betrieb , erbitterten den Aufgebrachten noch mehr . In seiner leidenschaftlichen Verworrenheit war ihm alles willkommen , was sich ihm bot , um seiner innern Verzweifelung in verzweiflendem Thun Luft zu machen . Und so ergriff er mit Freuden die jedes Mißverstehn ausgleichen sollenden Worte Hippolits als eine förmliche Ausforderung , die ihm Gelegenheit geben konnte , alle Schuld gegen Herminien wie gegen Augusten mit Blut zu sühnen . Im Wagen neben Herminien befiel ihn ein unaussprechliches Grauen vor ihr wie vor dem Dämon seines Lebens ; vergebens sprach sie ihm zu ; er hörte ihre Stimme , ohne ihre Worte zu vernehmen , floh , von einem dumpfen Instinkt geleitet , und ließ sich nicht halten , so wie sie die Thüre ihres Hauses erreicht hatten . Gequält vom ängstlichen Bewußtseyn verdienter Verlassenheit , in wilder Hoffnung auf den folgenden Morgen , irrte er nun heimathlos die ganze Nacht hindurch im Freien umher und strebte nur Hippolits Bild als das eines Feindes festzuhalten . Gleich zerstört von innen und außen , mit jenem Trotz , welcher das innere Bewußtseyn eines Unrechts , das man nicht anzuerkennen fest entschlossen ist , allemal begleitet , betrat er zur bestimmten Stunde um fünf Uhr des Morgens das Zimmer Hippolits , der ruhig und heiter dem Erwarteten entgegen kam . Ganz anders als der arme Adelbert , hatte dieser die Nacht zugebracht . Zwar war auch sein Blut bei der gestrigen Scene in Wallung gerathen und er hatte deshalb , vom Zorn überwältigt , nicht widersprochen , da sein Erbieten zu jeder Erläuterung ganz anders aufgenommen wurde , als er es eigentlich gemeint hatte ; doch in der ruhigen Einsamkeit seines Kabinetts ward er bald Herr seines leicht aufbrausenden Sinnes . Der pünktliche Gehorsam seines Kammerdieners hatte diese Einsamkeit gegen jeden Angriff , besonders gegen Moritzens Nachfragen zu sichern gewußt und so war Hippolit ungestört im ernsten Kampfe mit sich selbst , fähig geworden , dem feindselig zu ihm Eintretenden freundlich-ernst die Hand entgegen zu reichen . Adelbert stutzte einen Augenblick bei diesem unerwarteten Empfang , dennoch war er weit von dem Gedanken entfernt , die dargebotne Hand zu ergreifen , die er mit erzwungner Kälte , doch nicht auf beleidigende Art ablehnte . » Herr Graf ! « sprach er , so ruhig als es ihm möglich war , » haben Sie die Güte auch für mich ein Pferd sattlen zu lassen , denn Sie begreifen wohl , daß ich jetzt das meinige nicht aus Herrn von Aarheims Stall holen lassen kann . » Alle meine Pferde stehen zu Ihrem Befehl , Sie sollen die Wahl haben , es sind schöne Thiere darunter , die Ihnen gewiß gefallen werden ; « war Hippolits sehr höfliche Antwort . » Doch wäre es nicht besser , den schönen Morgen erst nach der Erläuterung zu genießen , zu welcher ich gestern mich erbot ? « » Ihr kalter Hohn soll mich nicht aus der Fassung bringen , « rief jetzt Adelbert beinahe schäumend vor Wuth . » Kommen Sie dann zu Fuß wenn Sie Ihre Pferde schonen wollen , doch ohne Säumen bitte ich , mich verlangt nach Ihrer sogenannten Erläuterung ; mit der schönen Natur halten Sie es späterhin nach Belieben . « In Hippolits Angesicht flammte bei diesen Worten die glühende Röthe des Zorns auf , doch gelang es ihm schnell , die vorige Fassung wieder zu gewinnen . » Eben deshalb , weil auch ich keine Zeit zu verlieren wünsche , bitte ich , den Ritt bis nach der Erläuterung , die ich Ihnen versprach , zu verschieben , « erwiderte er gelassen . » Nirgend kann ich bequemer sie Ihnen geben als hier . « » Hier ? « rief Adelbert , mit wildem zornigem Lachen , » nun meinetwegen auch . Das Zimmer geht nach dem Hofe zu , in dem engen Raume kommen wir vielleicht um so eher zum Zweck . Nun es sey , auch hier . Wo sind Ihre Pistolen ? Ich habe keine mitgebracht , mein rechter Arm vermag zwar nicht mehr , den Säbel zu führen , mit dem linken aber nehm ich es im Schießen mit jedem auf . « » Hier sind zwei Paar Pistolen , sie sind alle geladen , « sprach Hippolit , indem er sie auf den Tisch legte , dann ging er zur Thüre , schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich . » Sie sehen meine Bereitwilligkeit , alle Ihre Forderungen zu erfüllen , Herr Rittmeister ! nur eine muß ich bestimmt Ihnen versagen , ich schieße nicht auf Sie , Sie hören mich denn zuvor an . Dann thun Sie , was Ihnen recht deucht . Lassen Sie mich vollenden was ich zu sagen habe , « rief er mit erhobener Stimme , da Adelbert heftig gegen ihn anfuhr , » nur wenige Augenblicke erbitte ich mir , dann können Sie , ich wiederhole es , thun was Sie wollen . Einer Dame zu Gefallen wie die Markise d ' Aubincourt ist , schlagen sich Männer wie wir beide nicht ; daß dem so sey , liegt in der Erläuterung , die ich Ihnen versprach , klar zu Tage . Und sollten wir uns schlagen , um unsre Tapferkeit zu beweisen ? Ihre ehrenwerthen Narben , Herr Rittmeister , überheben Sie dieser Mühe , und obgleich ich leider keine ähnlichen aufzuweisen habe , so verkündet das Gerücht doch zu viel solcher Heldenthaten von mir , wie die ist , zu der Sie mich jetzt auffordern , als daß ich fürchten müßte , in der Welt für feig zu gelten , weil ich erkläre , mich dießmal nicht schlagen zu wollen . « » Genug , genug der Worte , « unterbrach ihn Adelbert . » Die Zeit entflieht und meine Geduld mit ihr . Haben Sie mich gestern gefordert , warum wollen Sie mir heute nicht Rede stehen ? Und war Ihr Versprechen einer Erläuterung keine Ausforderung , nun so fordere ich Sie jetzt , weil Sie es wagen , eine Dame zu lästern , die zu schützen mir , besonders seit dem gestrigen Abend , Pflicht ist . Ihnen gehört jetzt der erste Schuß , ich bin bereit , wählen Sie , hier sind die Pistolen . « » Nicht eher , « rief Hippolit , » bis Sie den Inhalt des Taschenbuchs untersucht haben , welches dort neben den Pistolen liegt ; es enthält die versprochnen Erläuterungen . Und auch dann , ich will Sie nicht betrügen , ich bleibe auf jeden Fall meiner ersten Erklärung treu , ich schieße nicht auf Sie , ich habe Gründe , es nicht zu thun . « Mit immer steigender , rasender Wuth drang nun Adelbert auf ihn ein , ohne auf ihn zu hören , und wollte ihm ein Pistol aufzwingen , doch Hippolit wehrte ihn ab , indem er bei seiner Erklärung blieb . » Thun Sie , was Sie wollen , « sprach er endlich , » bleiben Sie meinetwegen dabei , wenn Sie es für Recht halten , meine gestrigen Worte als eine Forderung zu nehmen , der Glaube , es sey so , brachte Sie ja hieher , und ich stelle mich Ihnen , schießen Sie . Nur geben Sie mir Ihr Ehrenwort , das Zimmer nicht zu verlassen , ehe Sie jenes Taschenbuch untersucht haben , und dann geloben Sie mir , den Inhalt desselben vor jedermann auf ewig zu verschweigen . Gewähren Sie mir das . « Adelbert , vor Zorn bewußtlos , spannte das Pistol . Hippolit stand ihm gegenüber in aufrechter Stellung am Fenster , während Jener der Thüre zuflog . Sein Mund sprach unverständliche Worte , sein Herz klopfte , hörbar bewegt vom wildkochenden Blute , Feuerflammen tanzten vor seinen Augen . » Sie wollen es ! Sie wollen es ! « schrie er , wie einer , der nicht weiß , daß er spricht , und ohne zu zielen drückte er ab . Hippolit wankte erbleichend , und sank dann in einem neben ihm stehenden Sessel . » Sie halten Ihr durch die That abgelegtes Versprechen , Sie können nicht eher hinaus , ich habe den Schlüssel und Sie werden keinen Wehrlosen berauben wollen , « sprach er mit leiser Stimme , und hob den linken Arm gegen den Tisch , der rechte , überquellend von Blut , hing bewegungslos herab . Adelbert stand da wie ein Starrsüchtiger . Fast noch bleicher als der blutende Hippolit , staunte er mit dem Ausdruck völligen Unbewußtseyns ihn an , und hielt dabei das unglückliche Pistol noch immer in drohender Stellung in die Höhe . » Fassen Sie sich , erfüllen Sie , was ich von Ihnen erbat , Sie sehen , ich blute sehr , und mir kann eher keine Hülfe werden , « sprach Hippolit . Adelbert schien zu erwachen . Mit einem unterdrückten Schrei des Entsetzens flog er auf den Verwundeten zu . » Dorthin , das Taschenbuch , « stammelte dieser fast unverständlich und wies immerfort nach dem Tische hin , » lassen Sie mich nicht verbluten . « In wilder Hast flog jetzt Adelbert an den Tisch , mit zitternden Händen und unstätem Blicke öffnete er das Buch , das Bild Herminiens fiel zuerst ihm entgegen , dann einige Porträte junger Männer , unter ihnen sein eignes , das er ihr gab als er die Universität bezog , auch Briefe quollen den Bildern nach , doch alles flimmerte vor seinen Augen und draußen wurden Hippolits Diener immer lauter vor der verschlossenen Thüre , denn der Knall des Pistols hatte sie herbeigezogen . » Lassen Sie mich öffnen , « rief endlich bittend Adelbert , » ich kann nicht lesen in dieser Angst , ich will es , ich gelobe es , ich will eher nichts anders unternehmen , aber lassen Sie mich jetzt öffnen . « Hippolit willigte ein . » Ein Spiel , ein dummes Spiel , wir wußten nicht , daß sie geladen seyen , « stammelte er den erschrocken Eindringenden entgegen und sank dann , vom Blutverlust erschöpft , ohnmächtig hin . Sein Kammerdiener , der zum Glück zugleich Wundarzt war , begann jetzt die Wunde zu untersuchen und Adelbert erwartete in stummer Angst mit gesenkten Blicken seinen Ausspruch . Die Verletzung war schmerzhaft , bedeutend , doch nicht gefährlich , die Kugel war in den Oberarm gedrungen , aber nur der starke Blutverlust konnte Besorgniß erregen . Die Schmerzen des ersten Verbandes erweckten den Verwundeten aus seiner Ohnmacht ; ohne reden zu können , reichte er Adelberten die linke Hand , zeigte abermals nach dem Tisch , auf welchem das Taschenbuch lag , und schloß dann ermattet die Augen wieder . Adelbert versuchte zu halten , was er versprochen hatte , er ergriff das Buch , aber die Luft im Zimmer , der Anblick Hippolits , der mit geschlossnen Augen wie ein Todter auf dem Ruhebett lag , beraubten ihn aller Besinnung ; in zitternder Hast , ohne eigentlich zu wissen , was er that ,