nie eine Ahndung gehabt , daß er so ernsthaft genommen werden könnte , er flehte um Rat bei der zürnenden Anna , was er tun solle , um ihr wieder zu gefallen und daß sie ihm nicht mehr zürne , aber sie sagte ihm , von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt , ein kurzes » Gott befohlen ! « und ging in ihr Haus . » Wäre ich nur Anton ! « rief er ihr in seinem Zorne nach , es ärgerte ihn , daß er einst von Anton ein Bett angenommen habe . Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmückt und das vertrieb den ärgerlichen Grünewald , weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte . Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses , um seinem Verdrusse recht nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen . Es erschien ihm wie ein Befehl von Frau Annen , daß keiner , der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage , ihn zum Feste einlade , ja daß manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort gaben . Er gedachte nicht der Eile , die das ganze Haus zur Bedienung der Gäste mit einem Vesperbrote beschäftigte . Seine traurigen , eingebildeten Geschicke , daß er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade , schnürten ihm die Kehle zu , er rang die Hände und weinte , daß wieder ein Mensch zu gleichem traurigen Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde . Der Gram öffnete sich endlich eine Ader in der Zunge und es strömte eine trauervolle Wahrsagung über das Kind , das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Bürgerschar , vorbeigetragen wurde . Auf Menschen sollst du nicht vertrauen , Sie kennen nur die eigne Not , Es überkommt sie leicht ein Grauen Und du lebst einsam in dem Tod . Vertrau dem Wort in deiner Seele , Das dir nicht eigen , du bist sein , Es dringt aus freudensel ' ger Kehle , Es klingt in deinem Jammerschrein . Die Glocke wird umsonst geschwungen , Trifft sie kein harter Hammerschlag , So wird das Wort von dir errungen , Du bebst dem Klange lange nach . Der Kindheit Schrei ' n und Freudenlallen , Hat manchen ernsten Mann belehrt , Das Wahre muß uns erst gefallen , Das jeden in sich selbst bekehrt . Des Paradieses Frucht bewahre , Der Apfel reift zur Weihnachtszeit , Und du wirst selbst das ewig Wahre , Suchst du des Schönen Seligkeit . Neunte Geschichte Der Kampf am Brunnen Frau Apollonia , ihrem Schwure treu , das Haus der Tochter nicht zu betreten , ging von der heiligen Taufhandlung , der sie als Zeugin beigewohnt hatte , sogleich am Brunnen vorbei nach ihrem Hause zurück . Sie sah Grünewald im Winkel sitzen und meinte , er sei eingeschlafen dort und vergessen worden . Sie trat zu ihm und sagte : » Wacht auf , geht zum Schmause , wenn Ihr gleich die heilige Taufe verschlafen habt . « - » Ich schlief nicht « , antwortete er , » aber ich wollte , daß ich geschlafen hätte , da hätte ich nicht gesehen , was ich nicht sehen sollte . « - » Was sahet Ihr denn wieder ? « fragte Apollonia bestürzt . - » Ich sage nichts « , antwortete er , » ich habe hier sehr ernst nachgedacht über alle Ereignisse meines Lebens , ich bin ein ganz andrer Mensch geworden , ich will schweigen , wie ein Kartäuser ; das ewige Reden , Horchen und Wiedererzählen , was ich nicht lassen kann , rührt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behälter des menschlichen Herzens auf ; hier ging einer vorüber , der mich auch für schlafend hielt . Habt Ihr keinen bei der Taufe unter den Bürgern vermißt « - Apollonia fragte kleinlaut » Anton ? « - Grünewald nickte , aber er sagte kein Wort , denn er bemerkte Sabinen , die an der Tür ihnen zuhorchte . - Apollonia ging mit Achselzucken fort , aber Sabina trat jetzt zu ihm , erzählte ihm ganz offen , daß sie eine Neigung zu Anton habe , ihre Schwester Verena auch und daß sich Anton gegen sie zwar nicht zärtlich anstelle , daß er ihr aber zuschwöre , er sei mit ihrer Schwester auch nicht vertraulicher , das habe sie so hingehalten , weil sie geglaubt , es werde noch die Zeit kommen , wo sein Herz gegen sie erwache . Neulich sei sie ihm nachgeschlichen , als ihre Schwester ausgegangen , da habe sie ihn mit Frau Anna in Unterredung gehört und sie hätten aber leise geflüstert , daß sie nichts verstehen können . Bei dieser ihm zuverlässigen Entwickelung überlief Grünewald die Galle , er fluchte auf Frau Anna , schwor , daß er keine Stunde länger in der Stadt leben , sondern sich der Kette entreißen wolle , möge Stadtvogt werden , wer Lust habe , mit seiner Zither und seinem Mantel sei er noch immer jung , wenn gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden . Sabina sah ihn verwundert an , wollte ihn halten , meinte , es sei nicht sein Ernst , aber er lief ihr zur Warnung mit Abscheu aus dem Hause , aus der Stadt , wie die Sturmvögel den Schiffern dadurch zur Warnung dienen , daß sie sich selbst in Sicherheit bringen und die Küste zu erreichen suchen . Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspäteten Taufe selbst hätte gegenwärtig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben können , so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit ihres Mannes unschicklich . Sie hatte Grünewald gebeten , die Stelle des Wirts als Stadtvogt zu übernehmen , aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen , wo sie sich mit ihm gestritten hatte . Sie war daher verwundert , als sie vernahm , er sei nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt . Sie erhielt diese Nachricht in unbequemer Überraschung durch Verena , die sie an den Schenktisch gebannt glaubte , nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar zuerst in das geführt hatte , wo Meister Sixt an dem großen Familienbilde gemalt hatte , um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten . Gleich schickte sie das Mädchen mit der Bitte zur Mutter , daß sie diese Stelle übernehmen möchte . Diese schlug es ihr rund ab , noch tiefer gekränkt durch das , was ihr Grünewald vertraut hatte . Die Gegenwart der Mutter hätte vielleicht dem Unglück vorgebeugt . Anna sagte verdrießlich zu Verena , sie solle zurückeilen , den Ehrenplatz des Wirts möge einnehmen , wer da wolle . Kein Bürger hielt sich bei der Abwesenheit des Bürgermeisters zu dieser Ehre bestimmt , so kam ' s , daß sich Graf Konrad dahin setzte und Faust , den er auf einmal vertraulich kennen und zu ehren schien , die Oberstelle neben sich einräumte , was manche Bürger so kränkte , daß sie augenblicklich das Fest verließen . Den andern versenkte der gute , alte Wein aus Bertholds Keller allen Ärger , Sorge und Vorsicht , viele Gesundeten wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht . Auch der Tanz wurde nach Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend , unter Konrads Anführung ausgeführt , während Faust mit Kunststücken , die fast wie Hexerei aussahen , die älteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte . Er fragte nach manchem , endlich auch nach Anton , aber keiner hatte ihn gesehen . Doch Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr . Gleich warf er sein Kartenspiel fort , sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise . Unterdessen war Anton sehr fleißig gewesen . - Als der Aufgang des Vollmonds nahe schien , glaubte es Anna die rechte Zeit , Anton in ihr Schlafzimmer zu rufen . Sie löschte das Licht als ob sie zu Bette gegangen , und rief ihn nicht ohne Zagen hinein . Anton wurde von ihr aus einer Träumerei erweckt , deren Gegenstand sie war . Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefährlich , die Heimlichkeit erregte sein Blut , daß er fürchtete , nicht sicher und ordentlich malen zu können . Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das Fensterbrett , aber da es noch nicht hell vom Mondschein , so setzte er sich zu Anna in die Nähe des Fensters , wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten . Sie sprachen gleichgültige Dinge , aber doch fühlte er ein Niegefühltes , über das er nie Herr werden könnte , in sich jung werden , alle Seligkeit , welche ein jugendlich träumendes Herz in der Liebe ahndet . Wie ein Mäuslein , das einen reichen Tisch im Dunkel wittert , sich aber noch nicht verraten mag , so saß er still mit glänzenden Augen und immer rief es in ihm : das ist meine Nacht , meine Anna , mein Haus , mein Kind ! Auch Anna fühlte ein Wohlwollen gegen ihn , daß er sie aller Sorge entreißen wolle , indem er das Bild ändre und nach Nürnberg ziehe , und sprach zu ihm : » Lieber Anton , hier ist Reisegeld nach Nürnberg ! « - » Es ist noch nicht verdient « , erwiderte Anton , » Ihr seid so gut , jetzt tut es mir erst leid , daß ich wandern soll , aber ich will Eurer Unterstützung Ehre machen bei Dürer ; ich komme wieder als ein berühmter Meister , oder nimmermehr . « - Nimmermehr , dachte Anna , aber sie sagte es nicht , um ihn nicht zu kränken . » Die Zeit wird auch kommen « , sagte sie . Er hatte sich vor ihr auf ein Knie niedergelassen und ihren Fuß geküßt , sie drückte mit dem Fuß ganz leise seine Hand , die er ihm als Teppich untergelegt hatte . Die Blüten der Orangen wehten jetzt ins offene Fenster und Anna sagte : » Steht auf , Anton , der erste Rand des Monds steigt über die Häuser , wie ein umgestürztes Glutschiff , er ruft zur Arbeit , daß er nicht untergeht , ehe Ihr fertig seid . « Sie wollte ihm die Hand reichen , um ihm aufzuhelfen , aber , nach dem Monde schauend , verfehlte sie die Hand und fuhr über den schönen Umriß seines Gesichts , daß er sich lebendig in ihr gestaltete , sie hätte ihn in Ton darstellen können , wenn sie die Bildnerei damals schon getrieben hätte . » Nun weiß ich , wie es den Blinden geht « , sagte sie verlegen , » und wie sie die Leute kennen ! « - Und er entgegnete : » Und ich weiß nun , wie einem Menschen zu Mute , der sehen lernt , denn mit Eurer Hand kamen mir die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im Mondenschein . « Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde , denn seine Hände waren von der Arbeit gehärtet und er fürchtete mit einem Druck derselben sie zu verletzen , so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zurück und er konnte sie nicht erreichen , denn schon stand der reine Mond über der Erde und die Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen Flügeln . » Der Mond ist rund und voll « , sagte Anna , » er schaut durchs Fenster , wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen , der Markt ist leer , drüben ist alles beim Tanze eifrig versammelt , eilt Euch lieber Anton ; hier ist der Mantel der Verena , hängt ihn um , diese Tücher über die Leine , so kann Euch niemand sehen , viel weniger erkennen . « - Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und , wie er so verkleidet hinaustrat , stand nicht Anna , sondern das heilige Bild vor seinen Augen , das ihn am Morgen mit seinem Umriß beglückt hatte . Die Beleuchtung war hinlänglich , er hätte ohne Licht sehen können , so war seine Stimmung . Kein Pinselstrich mißlang , die kräftige Farbe überdeckte bald die schwächere seines ersten Bilds , das in seinem Umriß sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war . Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefühlter Tätigkeit bedurfte es , um beide Gesichter dem Höheren zu nähern , was seiner Seele vorschwebte , aber ohne zu zerstören , hätte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausführen können . » Für diese Höhe wird es gut genug ausgeführt sein « , sagte er zu Annen niederblickend , die ungeduldig der Beendigung harrte . » Es ist gewiß recht gut und beendigt « , sagte sie und reichte ihm den Arm , daß er sicher von dem Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam . » Euer Geld ist wohl verdient , denke ich « , sagte sie ihm dann , indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche steckte ; » Ihr habt so eifrig gemalt , es wird gewiß ein tüchtiger Maler aus Euch , ich habe Euch so in aller Stille beobachtet . « - » Darf ich denn keinen Augenblick zum Abschiede in Eurer Nähe verweilen « , antwortete er traurig , » wer weiß , ob wir uns je wieder sehen , Krieg und Pest wüten in der Welt . « - » Hier dürft Ihr nicht weilen « , sagte Anna , » aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur Haustüre das Geleite geben , damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch kennen lernt ; morgen früh dürft Ihr nicht mehr unsern Turm sehen , das gelobt mir , Ihr möchtet sonst das Geld vergeuden . « - Anton versprach ' s und beide gingen leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore . - Das Tor war aus Vorsicht vor den Leuten , die alle zum Tanz hinüber nach dem Rathaus gelaufen , fest verschlossen . Unbekümmert wendeten sich beide nach dem Garten , gingen in der gekühlten Nachtluft einige Schritte in den Gängen und setzten sich dann am Brunnen . » Rauschte nicht etwas neben uns ? « fragte Anna und wollte schon wieder in ihr Haus zurückkehren . Aber es fiel ihr ein , daß Anton könne erkannt werden , und sie fuhr fort : » Es ist gut , daß Ihr vergessen habt , den Mantel Verenas abzulegen , hier setzt noch meinen Schleier auf , so wird Euch keiner erkennen bei der Menge fremder Menschen , welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt geführt hat . « Eben wollte sie fortgehen , da hörte der Brunnen zu fließen auf , sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte : » Seht , da ist die Arbeit doch vergebens gewesen , er hat die Dürre dieses Monats nicht überstanden , er ist eingetrocknet . « - » Es ist nur der Überfluß « , meinte Anton , » der überzufließen aufhört , für Euer Haus ist er immer noch reichlich gefüllt . « - » Der Überfluß ist doch schön « , sagte sie , » ich wollte nicht , daß es ein Vorzeichen für das Schicksal unsers Hauses würde . « So sprachen sie noch ihre Gedanken aus über den seltsamen Vorfall und keiner dachte an sich , da hörten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und sahen viele Kerzen . Anna haßte diese Tanzweise , sie wollte sich fortflüchten nach ihrem Hause , aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhaßten Musik durch ihr eignes Haus in den Garten . So waren sie in dem Brunnenhause eingeschlossen und mußten hoffen , daß keiner der beiden Züge dahindrängte . Aber wie verabredet zu ihrem Verderben , sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum Schlußtanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen , bei Faust leuchtete Sabina mit einer Fackel voraus , bei Konrad Verena . » Gewiß hat Sabina uns hier gesehen « , rief Anton , » wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten , lebt wohl , ich verberge mich im Brunnen , ich verstehe das Untertauchen . « - Aber Anna hielt den Übereilten an dem Mantel fest , auch trat schon Faust mit seinem Zuge , von einer Abteilung Musiker begleitet , herein . » Teufel « , rief Faust , » da finde ich endlich eine Tänzerin , waren doch alle andern schon gepaart « , und nahm die Hand Antons , indem er zu Konrad , der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang , unter boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang : » Und als der Großvater die Großmutter nahm , da war der Großvater ein Bräutigam ! « - Konrad ergriff mit gleichem Ungestüm Frau Annens Hand , und so ging ' s in dem Drange von beiden Seiten um den Brunnen herum . Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung der Arme , um Anton Schleier und Mantel zu entreißen , aber beide waren durch eine zum Knoten gezogene Schleife befestigt . » Holde Schönheit « , schrie endlich Faust zu Anton , » ich kann nicht mehr leben , wenn ich dich nicht sehe . « - Anton wagte jetzt sein Letztes , er sprang zu Konrad , und raunte ihm ins Ohr : » Ich bin Anton , dein Bruder , rette mich gegen den Zudringlichen ! « - Aber Konrad antwortete laut : » Hört , dies Riesenmädchen ist ein Mann , seht ihn an , Frau Anna mag viele Männer um sich leiden , wenn sie nur einen Schleier tragen . « Er hatte in dem Augenblicke das Drachenmesser aus Frau Annens Gürtel gerissen , um jenes Band am Schleier , zur Beschämung Annens , aufzuschneiden . Faust aber schlug so begeistert den Takt des Tanzes umher , daß er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle einschlug , wo er damals die Ader öffnete , um die Transfusion des Blutes zu bewirken . Ein Blutstrahl sprang aus der Ader über den Brunnen nach Frau Annen hin , Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons , alle erstarrten und Konrad rief : » Ich bin unschuldig an dem Blute ! « - Frau Anna sank erblaßt am Brunnen nieder , ihr letztes Wort war : » Fluch und Rache über euch ! « Anton sah und hörte nur sie und sein Zorn machte sich frei . Mit einem Faustschlage traf er Faust , daß er an die Seite taumelte , mit dem andern Konrad , der ihn halten wollte . Das Geschrei der Frauen verkündete gleich außerhalb Mord und Totschlag , Konrad stürzte blutend aus dem Brunnenhause . Die Reisigen waren gleich beisammen , sie sahen ihres Führers Blut , sie nahmen ihn in ihre Mitte , zogen ihre Schwerter und machten sich Luft , um nicht im engen Gartenraume von den Bürgern , die sie dazu eben vorbereitet und im Werk glaubten , gegen die Mauern gedrängt und erschlagen zu werden . Haring rief nahe den Reisigen die Bürger zusammen , aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune ziehen konnte , stürzte ihn ein Reisiger auf die Posaune , diese schob sich zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle , so daß er als der erste Tote fiel . Die Bürger konnten in Überraschung erst allmählich zu ihren versteckten Waffen kommen , sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof auf den Rathausplatz nicht hindern , wo diese sogleich die Hauptstraße besetzten , um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu können . An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Bürger . Umsonst suchten verständige Frauen und Töchter ihre Männer und Brüder von dem Kampfplatze in ihre Häuser zu ziehen , weil die Straßen in diesem Augenblicke noch größtenteils frei waren , während törichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Männer zur Rache aufriefen , indem sie ihnen schworen , daß sie ihnen jeden Schimpf antun wollten , wenn sie das von den übermütigen Reisigen litten . Der Bürgermeister Kranz vermehre das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust , den er blutig fortführte ; er hatte keine Seele , um auf die Leute in gutem zu wirken , und kein Herz , sie in den Streit zu führen . Sein Schwager , der dürre Jäger , vereinigte dagegen alle Bürger , die sich allmählich bewaffnet einfanden , mit dem Geschrei : » Blut will Blut , wir sind zehne gegen einen . « So tobte die Menge der Bürger ihm nach auf den Marktplatz , die Reisigen anzugreifen : während dort das Geschrei , das Rasseln der Rüstungen , das Schlagen der Waffen , das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen , mit allem Jammer und Hülferufen der Bedrängten und der Frauen aufloderte , das Getrappel der Pferde , das Bellen der Hunde mit Feuerlärm sich mischte , versank der Garten in eine tiefe Totenstille . Anna erwachte erst in dieser Stille , eine niedergefallene Kerze hatte ihr Haar ergriffen , sie glaubte in Feuer zu stehen , aber in dem Augenblicke , wo sie sich bewegte , sank das Haar knisternd in das Brunnenbecken , neben welchem sie lag . Das Haar war verloren , wie bei einer Nonne , ihr Leben war gerettet , sie besann sich und ergriff die Kerze , welche am Boden lag , und richtete sich auf . Da erkannte sie , daß sie nicht geträumt habe , und sah Anton entseelt ausgestreckt über die Stufen des Brunnens ; mit seinem Zorne war auch seine Kraft um so schneller durch die geöffnete Ader entströmt . Sie sah ihr Kleid von seinem Blute gerötet , es rief in ihr mit einer fremden Stimme , als wäre es Berthold , der es ihr zuriefe : » Armer Anton , junges Blut ! « Und sie mußte mit Verzweifelung sich zurufen : » Anna , Alma , du trägst sein Blut , du trägst die Schuld seines Todes , der Brunnen der Gnade hat aufgehört zu fließen , du kannst deine Seele nicht rein baden . « Wer möchte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen Herzens erkaufen ! Guter Berthold , du warst betrogen , armer Anton , dir kostet ' s dein junges Blut ! Die Verzweifelung trieb Annen , jedes Mittel zu versuchen , das ausströmende Blut von Antons Wunde zu stillen , sie schrie umsonst nach Hülfe , die Raserei und die Furcht des Kampfes betäubte alle Bewohner der Häuser . Sie zerriß Schleier und Mantel , um das Blut zu stillen , aber es war zu mächtig in seinem Andrange . Endlich kniete sie nieder , als ihre Kraft , ihre Einsicht erschöpft waren , flehte zu allen Heiligen , denen sie sich je empfohlen , und heftete ihre Lippen auf die Wunde , ohne zu wissen , was sie tat . So still betend hoffte sie zu vergehen , und zugleich mit dem , dessen Tod sie in falscher Klugheit verschuldet , vor dem Richter der Welt zu stehen . Wird sich die Wunde nicht schließen bei dem Gebete , bei dem Drucke so schöner Lippen ! Der Lärmen des Kampfs stillt sich , die Reisigen drängen sich fliehend zum Tore hinaus , die Bürger ihnen nach : die Verwundeten sind heimgetragen , die Toten schweigen und die Nacht wird still , daß Anna die Mühlenräder in der Rems und die Räder der Turmuhr in ihrem festen , gleichen Gange zusammen hören kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen . Ein Glaube dringt mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz , sie werde vergehen , oder Anton werde mit der Sonne erstehen , die Augen aufschlagen , sie von der Schuld seines Todes befreien und ihre Unschuld bezeugen , wie der glühende Stahl in der Hand angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist . Ihrer Unschuld sich bewußt , drückt sie ihn so fester an sich , schließt die Todeswunde um so fester mit ihren Lippen , ihre Lippen mit ihrem Gebete , ihren Gram mit ihrem Glauben und wird nicht müde dieses angestrengten , heilenden Willens . Alle andre Sorge schweigt in der einen um Antons Leben , keine Ahndung sagt ihr , daß Berthold von derselben Gewalt , die ihn heilte , entseelt auf den Leichensteinen seiner Voreltern ruht , keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes , das jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird . Faust hat es entführt und dem Grafen Konrad übergeben , Verena ist dem Hause entflohen , als sie das Kind nicht gefunden hat , und Apollonia ins Kloster geflüchtet , dem sie einst vorzeitig entrissen wurde , um dort ihre Tage zu beschließen . Welch ein Morgen , der solchen Jammer erhellt , aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder . Anton wird erwachen , das glaubt ihr Herz , das erfüllt ihre Gedanken , wie die Verheißung des ewigen Lebens die gläubige Seele , daß sie der irdischen Sorge entrissen , den Himmel mit ihren betenden Lippen zu berühren , mit ihren ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt . Zweiter Band [ Aus dem Nachlaß ] Vorwort [ von Bettina von Arnim ] Zum Erstdruck 1854 Der erste Teil endet mit Annens feurigem Gebet um Antons Leben . Indes der Kampfeslärm sich verzieht , die Reisigen aus den Toren fliehen , die Bürger nachdrängen , Verwundete hineintragen und die Toten in lautloser Nacht verlassen sind , heftet sie , aus besinnungsloser Verzweiflung erwachend , ihre Lippen auf die Todeswunde und schließt sie mit ihrem Gebet , ihrem Gram und ihrem Glauben , sie werde zu Grunde gehen oder Anton mit der Sonne erstehen und sie von der Schuld seines Todes befreien . Keine Ahnung mahnt sie , daß ihr Kind durch Faust der Wiege entrissen , von Graf Konrad in raschem Trabe davon getragen wird . Keine Ahnung sagt ihr , daß Berthold von Geistern seiner Ahnen fortgerissen durch dieselbe Gewalt , die ihn heilte , jetzt ihn entseelt , zwischen Leichensteinen auf des Stammvaters Gruft niedergeworfen hat . Kein Donnerschlag erweckt wieder den sanft Hingesunkenen , dessen Armader die fremden Blutwellen entströmen , während der Mönch , der ihn dahin geleitet hatte , nun vor seinem gehörlosen Ohr von dem schwarzen Gedächtnisstein abliest , wie ein Geschlecht gehe und das andere komme , indes die Erde unbewegt bleibe . Im Eingang dieses zweiten Teils der Kronenwächter deutet alles darauf , daß hier noch kein befruchtendes Gewölk auf ihn niedergeregnet war , um ihn von dem Staub , der auf Pergamente sich senkt , denen der Tatenlauf von Jahrhunderten vertraut ist , zu befreien . Der Geist , der diesen ersten Teil aufzeichnete , war längst entflohen , ehe er den folgenden mit letzter Hand berührt hatte , daher sein Werk nicht völlig mit den Ereignissen des ersten übereinstimmt , obschon ein harmonischer Einklang gefühlt wird , der den Verehrern dieses schönen , feurigen Buchs um so anregender sein muß , weil er sie auch tiefer in die Werkstätte desselben einführt , der noch einmal aus seinem Dichterhimmel unter die rollenden Donnergewölke unserer Zeiten herableuchtet . In diesem zweiten Band ist das Kind Oswald noch in der Mutter Obhut und Berthold im Grabgewölbe der Waiblinger Bürgermeister beigesetzt , auch tritt Faust als früher noch nicht dagewesen auf , was alles dennoch nur auf Namenwechsel beruht , welche die Überarbeitung des ersten Bandes herbeigeführt haben mag . Anton ist wieder zum Leben erwacht , Anna will aus Mitleid ihn nicht von sich lassen und pflegt ihn in seiner Schwäche , obgleich auch die Mutter ihm das Haus verbietet ; das gibt neuen Streit zwischen beiden . Anna bewährt ihren Eigensinn , sie wird das Gespött der ganzen Stadt - niemand will mit ihr zu tun haben , die Geistlichen sogar dringen auf eine bessere Lebensweise , ihr Eigensinn mehrt sich . Anton will fort , sie läßt es nicht zu , denn es kommt die Nachricht , ihr Mann sei auf einer Sendung von einzelnen Plünderern aus Herzog Ulrichs Heer umgebracht worden . Nach Antons Genesung , als er den ersten Schritt aus dem Bette tun sollte , stand sie vor ihm und winkte aus der Ferne , wie einem Kinde , das laufen lernt , und als das Riesenkind auf sie zu kam , da gab sie ihm einen zärtlichen Kuß und feine Hemden , die besten aus des Mannes Nachlaß . Anton , der vom Liegen doch etwas herabgekommen war , hatte zu viel mit seiner Eßlust zu schaffen , um diese Liebeszeichen nach dem vollen Werte aufzunehmen , er dachte erst an die Bedeutung , als ihn einer seiner Kameraden fragte , ob er bald Hochzeit mache ? Nun hielt er aber von unnützen Reden nicht viel , er machte Frau Annen keine weiteren Erklärungen , sondern nach ein paar Monaten , wo die Gesetze weiter nichts gegen eine zweite Vermählung einwenden konnten , sagte er ihr , er habe nirgendwo so gut geschlafen , wie in ihres verstorbenen Mannes Bette , wo er versteckt gewesen , sie solle ihn wieder dahin betten . Sie nannte ihn wohl einen Grobian , einen Esel , hielt ihm auch eine lange Ermahnung , wobei sie ihm die Halskrause in Ordnung legte , letztlich aber sagte sie , wenn er ihr eine gute Aufführung verspreche , so wolle sie sich den nächsten Sonntag mit ihm in aller Stille , wie es einer Witwe gezieme , trauen lassen . Anton war außer sich vor Freuden , tanzte im Zimmer herum und bat sie , seine Ungeschicklichkeit in dem neuen Stande zu verzeihen und ihn zu