, der alsbald , da er mich ermuntert sah , ehrerbietig seine Mütze abzog und im Ton der vollsten , ehrlichsten Gutmütigkeit sprach : » Ei , Ihr seid wohl weit her gewandert , ehrwürdiger Herr , und recht müde geworden , denn sonst wäret Ihr hier an dem schauerlichen Plätzchen nicht in solch tiefen Schlaf gesunken . Oder Ihr wisset vielleicht gar nicht , was es mit diesem Orte hier für eine Bewandtnis hat ? « - Ich versicherte , daß ich als fremder , von Italien hereinwandernder Pilger durchaus nicht von dem , was hier vorgefallen , unterrichtet sei . » Es geht « , sprach der Bauer , » Euch und Euere Ordensbrüder ganz besonders an , und ich muß gestehen , als ich Euch so sanft schlafend fand , setzte ich mich her , um jede etwanige Gefahr von Euch abzuwenden . Vor mehrern Jahren soll hier ein Kapuziner ermordet worden sein . So viel ist gewiß , daß ein Kapuziner zu der Zeit durch unser Dorf kam , und nachdem er übernachtet , dem Gebirge zuwanderte . An demselben Tage ging mein Nachbar den tiefen Talweg unterhalb des Teufelsgrundes hinab und hörte mit einemmal ein fernes durchdringendes Geschrei , welches ganz absonderlich in den Lüften verklang . Er will sogar , was mir aber unmöglich scheint , eine Gestalt von der Bergspitze herab in den Abgrund stürzen gesehen haben . So viel ist gewiß , daß wir alle im Dorfe , ohne zu wissen , warum , glaubten , der Kapuziner könne wohl herabgestürzt sein , und daß mehrere von uns hingingen und , soweit es nur möglich war , ohne das Leben aufs Spiel zu setzen , hinabstiegen , um wenigstens die Leiche des unglücklichen Menschen zu finden . Wir konnten aber nichts entdecken und lachten den Nachbar tüchtig aus , als er einmal , in der mondhellen Nacht auf dem Talwege heimkehrend , ganz voll Todesschrecken einen nackten Menschen aus dem Teufelsgrunde wollte emporsteigen gesehen haben . Das war nun pure Einbildung ; aber später erfuhr man denn wohl , daß der Kapuziner , Gott weiß warum , hier von einem vornehmen Mann ermordet und der Leichnam in den Teufelsgrund geschleudert worden sei . Hier auf diesem Fleck muß der Mord geschehen sein , davon bin ich überzeugt , denn seht einmal , ehrwürdiger Herr , hier sitze ich einst und schaue so in Gedanken da den hohlen Baum neben uns an . Mit einemmal ist es mir , als hinge ein Stück dunkelbraunes Tuch zur Spalte heraus . Ich springe auf , ich gehe hin und ziehe einen ganz neuen Kapuzinerhabit heraus . An dem einen Ärmel klebte etwas Blut , und in einem Zipfel war der Name Medardus hineingezeichnet . Ich dachte , arm wie ich bin , ein gutes Werk zu tun , wenn ich den Habit verkaufe und für das daraus gelöste Geld dem armen ehrwürdigen Herrn , der hier ermordet , ohne sich zum Tode vorzubereiten und seine Rechnung zu machen , Messen lesen ließe . So geschah es denn , daß ich das Kleid nach der Stadt trug , aber kein Trödler wollte es kaufen , und ein Kapuzinerkloster gab es nicht am Orte ; endlich kam ein Mann , seiner Kleidung nach war ' s wohl ein Jäger oder ein Förster , der sagte , er brauche gerade solch einen Kapuzinerrock und bezahlte mir meinen Fund reichlich . Nun ließ ich von unserm Herrn Pfarrer eine tüchtige Messe lesen und setzte , da im Teufelsgrunde kein Kreuz anzubringen , hier eins hin zum Zeichen des schmählichen Todes des Herrn Kapuziners . Aber der selige Herr muß etwas viel über die Schnur gehauen haben , denn er soll hier noch zuweilen herumspuken , und so hat des Herrn Pfarrers Messe nicht viel geholfen . Darum bitte ich Euch , ehrwürdiger Herr , seid Ihr gesund heimgekehrt von Eurer Reise , so haltet ein Amt für das Heil der Seele Eures Ordensbruders Medardus . Versprecht mir das ! « - » Ihr seid im Irrtum , mein guter Freund ! « sprach ich , » der Kapuziner Medardus , der vor mehrern Jahren auf der Reise nach Italien durch Euer Dorf zog , ist nicht ermordet . Noch bedarf es keiner Seelenmesse für ihn , er lebt und kann noch arbeiten für sein ewiges Heil ! - Ich bin selbst dieser Medardus ! « - Mit diesen Worten schlug ich meine Kutte auseinander und zeigte ihm den in den Zipfel gestickten Namen Medardus . Kaum hatte der Bauer den Namen erblickt , als er erbleichte und mich voll Entsetzen anstarrte . Dann sprang er jählings auf und lief , laut schreiend , in den Wald hinein . Es war klar , daß er mich für das umgehende Gespenst des ermordeten Medardus hielt , und vergeblich würde mein Bestreben gewesen sein , ihm den Irrtum zu benehmen . - Die Abgeschiedenheit , die Stille des Orts , nur von dem dumpfen Brausen des nicht fernen Waldstroms unterbrochen , war auch ganz dazu geeignet , grauenvolle Bilder aufzuregen ; ich dachte an meinen gräßlichen Doppeltgänger , und , angesteckt von dem Entsetzen des Bauers , fühlte ich mich im Innersten erbeben , da es mir war , als würde er aus diesem , aus jenem finstern Busch hervortreten . - Mich ermannend , schritt ich weiter fort , und erst dann , als mich die grausige Idee des Gespenstes meines Ichs , für das mich der Bauer gehalten , verlassen , dachte ich daran , daß mir nun ja erklärt worden sei , wie der wahnsinnige Mönch zu dem Kapuzinerrock gekommen , den er mir auf der Flucht zurückließ und den ich unbezweifelt für den meinigen erkannte . Der Förster , bei dem er sich aufhielt und den er um ein neues Kleid angesprochen , hatte ihn in der Stadt von dem Bauer gekauft . Wie die verhängnisvolle Begebenheit am Teufelsgrunde auf merkwürdige Weise verstümmelt worden , das fiel tief in meine Seele , denn ich sah wohl , wie alle Umstände sich vereinigen mußten , um jene unheilbringende Verwechslung mit Viktorin herbeizuführen . Sehr wichtig schien mir des furchtsamen Nachbars wunderbare Vision , und ich sah mit Zuversicht noch deutlicherer Aufklärung entgegen , ohne zu ahnen , wo und wie ich sie erhalten würde . Endlich , nach rastloser Wanderung mehrere Wochen hindurch , nahte ich mich der Heimat ; mit klopfendem Herzen sah ich die Türme des Zisterzienser Nonnenklosters vor mir aufsteigen . Ich kam in das Dorf , auf den freien Platz vor der Klosterkirche . Ein Hymnus , von Männerstimmen gesungen , klang aus der Ferne herüber . - Ein Kreuz wurde sichtbar - Mönche , paarweise wie in Prozession fortschreitend , hinter ihm . - Ach - ich erkannte meine Ordensbrüder , den greisen Leonardus , von einem jungen , mir unbekannten Bruder geführt , an ihrer Spitze . - Ohne mich zu bemerken , schritten sie singend bei mir vorüber und hinein durch die geöffnete Klosterpforte . Bald darauf zogen auf gleiche Weise die Dominikaner und Franziskaner aus B. herbei , fest verschlossene Kutschen fuhren hinein in den Klosterhof , es waren die Klaren Nonnen aus B. Alles ließ mich wahrnehmen , daß irgend ein außerordentliches Fest gefeiert werden solle . Die Kirchentüren standen weit offen , ich trat hinein und bemerkte , wie alles sorgfältig gekehrt und gesäubert wurde . - Man schmückte den Hochaltar und die Nebenaltäre mit Blumengewinden , und ein Kirchendiener sprach viel von frisch aufgeblühten Rosen , die durchaus morgen in aller Frühe herbeigeschafft werden müßten , weil die Frau Äbtissin ausdrücklich befohlen habe , daß mit Rosen der Hochaltar verziert werden solle . - Entschlossen , nun gleich zu den Brüdern zu treten , ging ich , nachdem ich mich durch kräftiges Gebet gestärkt , in das Kloster und frug nach dem Prior Leonardus ; die Pförtnerin führte mich in einen Saal , Leonardus saß im Lehnstuhl , von den Brüdern umgeben ; laut weinend , im Innersten zerknirscht , keines Wortes mächtig , stürzte ich zu seinen Füßen . » Medardus ! « - schrie er auf , und ein dumpfes Gemurmel lief durch die Reihe der Brüder : » Medardus - Bruder Medardus ist endlich wieder da ! « - Man hob mich auf , - die Brüder drückten mich an ihre Brust : » Dank den himmlischen Mächten , daß du errettet bist aus den Schlingen der arglistigen Welt - aber erzähle - erzähle , mein Bruder « - so riefen die Mönche durcheinander . Der Prior erhob sich , und auf seinen Wink folgte ich ihm in das Zimmer , welches ihm gewöhnlich bei dem Besuch des Klosters zum Aufenthalt diente . » Medardus , « fing er an , » du hast auf frevelige Weise dein Gelübde gebrochen ; du hast , indem du , anstatt die dir gegebenen Aufträge auszurichten , schändlich entflohst , das Kloster auf die unwürdigste Weise betrogen . - Einmauern könnte ich dich lassen , wollte ich verfahren nach der Strenge des Klostergesetzes ! « - » Richtet mich , mein ehrwürdiger Vater , « erwiderte ich , » richtet mich , wie das Gesetz es will ; ach ! mit Freuden werfe ich die Bürde eines elenden qualvollen Lebens ab ! - Ich fühl ' es wohl , daß die strengste Buße , der ich mich unterwarf , mir keinen Trost hienieden geben konnte ! « - » Ermanne dich , « fuhr Leonardus fort , » der Prior hat mit dir gesprochen , jetzt kann der Freund , der Vater mit dir reden ! - Auf wunderbare Weise bist du errettet worden vom Tode , der dir in Rom drohte . - Nur Cyrillus fiel als Opfer ... « - » Ihr wißt also ? « frug ich voll Staunen . » Alles , « erwiderte der Prior , » ich weiß , daß du dem Armen beistandest in der letzten Todesnot , und daß man dich mit dem vergifteten Wein , den man dir zum Labetrunk darbot , zu ermorden gedachte . Wahrscheinlich hast du , bewacht von den Argusaugen der Mönche , doch Gelegenheit gefunden , den Wein ganz zu verschütten , denn trankst du nur einen Tropfen , so warst du hin in Zeit von zehn Minuten . « - » O , schaut her , « rief ich und zeigte , den Ärmel der Kutte aufstreifend , dem Prior meinen bis auf den Knochen eingeschrumpften Arm , indem ich erzählte , wie ich , Böses ahnend , den Wein in den Ärmel gegossen . Leonardus schauerte zurück vor dem häßlichen Anblick des mumienartigen Gliedes und sprach dumpf in sich hinein : » Gebüßt hast du , der du freveltest auf jedigliche Weise ; aber Cyrillus - du frommer Greis ! « - Ich sagte dem Prior , daß mir die eigentliche Ursache der heimlichen Hinrichtung des armen Cyrillus unbekannt geblieben . » Vielleicht « , sprach der Prior , » hattest du dasselbe Schicksal , wenn du wie Cyrillus als Bevollmächtigter unseres Klosters auftratst . Du weißt , daß die Ansprüche unsers Klosters Einkünfte des Kardinals * * * , die er auf unrechtmäßige Weise zieht , vernichten ; dies war die Ursache , warum der Kardinal mit des Papstes Beichtvater , den er bis jetzt angefeindet , plötzlich Freundschaft schloß und so sich in dem Dominikaner einen kräftigen Gegner gewann , den er dem Cyrillus entgegenstellen konnte . Der schlaue Mönch fand bald die Art aus , wie Cyrill gestürzt werden konnte . Er führte ihn selbst ein bei dem Papst und wußte diesem den fremden Kapuziner so darzustellen , daß der Papst ihn wie eine merkwürdige Erscheinung bei sich aufnahm , und Cyrillus in die Reihe der Geistlichen trat , von denen er umgeben . Cyrillus mußte nun bald gewahr werden , wie der Statthalter des Herrn nur zu sehr sein Reich in dieser Welt und ihren Lüsten suche und finde ; wie er einer heuchlerischen Brut zum Spielwerk diene , die ihn trotz des kräftigen Geistes , der sonst ihm einwohnte , den sie aber durch die verworfensten Mittel zu beugen wußte , zwischen Himmel und Hölle herumwerfe . Der fromme Mann , das war vorauszusehen , nahm großes Ärgernis daran und fühlte sich berufen , durch feurige Reden , wie der Geist sie ihm eingab , den Papst im Innersten zu erschüttern und seinen Geist von dem Irdischen abzulenken . Der Papst , wie verweichlichte Gemüter pflegen , wurde in der Tat von des frommen Greises Worten ergriffen , und eben in diesem erregten Zustande wurde es dem Dominikaner leicht , auf geschickte Weise nach und nach den Schlag vorzubereiten , der den armen Cyrillus treffen sollte . Er berichtete dem Papst , daß es auf nichts Geringeres abgesehen sei , als auf eine heimliche Verschwörung , die ihn der Kirche als unwürdig der dreifachen Krone darstellen sollte ; Cyrillus habe den Auftrag , ihn dahin zu bringen , daß er irgend eine öffentliche Bußübung vornehme , welche dann als Signal des förmlichen , unter den Kardinälen gärenden Aufstandes dienen würde . Jetzt fand der Papst in den salbungsvollen Reden unseres Bruders die versteckte Absicht leicht heraus , der Alte wurde ihm tief verhaßt , und um nur irgend einen auffallenden Schritt zu vermeiden , litt er ihn noch in seiner Nähe . Als Cyrillus wieder einmal Gelegenheit fand , zu dem Papst ohne Zeugen zu sprechen , sagte er geradezu , daß der , der den Lüsten der Welt nicht ganz entsage , der nicht einen wahrhaft heiligen Wandel führe , ein unwürdiger Statthalter des Herrn und der Kirche eine Schmach und Verdammnis bringende Last sei , von der sie sich befreien müsse . Bald darauf , und zwar nachdem man Cyrillus aus den innern Kammern des Papstes treten gesehen , fand man das Eiswasser , welches der Papst zu trinken pflegte , vergiftet . Daß Cyrillus unschuldig war , darf ich dir , der du den frommen Greis gekannt hast , nicht versichern . Doch überzeugt war der Papst von seiner Schuld , und der Befehl , den fremden Mönch bei den Dominikanern heimlich hinzurichten , die Folge davon . Du warst in Rom eine auffallende Erscheinung ; die Art , wie du dich gegen den Papst äußertest , vorzüglich die Erzählung deines Lebenslaufs , ließ ihn eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen ihm und dir finden ; er glaubte , sich mit dir zu einem höhern Standpunkt erheben und in sündhaftem Vernünfteln über alle Tugend und Religion recht erlaben und erkräftigen zu können , um , wie ich wohl sagen mag , mit rechter Begeisterung für die Sünde zu sündigen . Deine Bußübungen waren ihm nur ein recht klug angelegtes heuchlerisches Bestreben , zum höheren Zweck zu gelangen . Er bewunderte dich und sonnte sich in den glänzenden , lobpreisenden Reden , die du ihm hieltst . So kam es , daß du , ehe der Dominikaner es ahnte , dich erhobst und der Rotte gefährlicher wurdest , als es Cyrillus jemals werden konnte . - Du merkst , Medardus , daß ich von deinem Beginnen in Rom genau unterrichtet bin ; daß ich jedes Wort weiß , welches du mit dem Papst sprachst , und darin liegt weiter nichts Geheimnisvolles , wenn ich dir sage , daß das Kloster in der Nähe Sr. Heiligkeit einen Freund hat , der mir genau alles berichtete . Selbst als du mit dem Papst allein zu sein glaubtest , war er nahe genug , um jedes Wort zu verstehen . - Als du in dem Kapuzinerkloster , dessen Prior mir nahe verwandt ist , deine strenge Bußübungen begannst , hielt ich deine Reue für echt . Es war auch wohl dem so , aber in Rom erfaßte dich der böse Geist des sündhaften Hochmuts , dem du bei uns erlagst , aufs neue . Warum klagtest du dich gegen den Papst Verbrechen an , die du niemals begingst ? - Warst du denn jemals auf dem Schlosse des Barons von F. ? « - » Ach ! mein ehrwürdiger Vater , « rief ich , von innerm Schmerz zermalmt , » das war ja der Ort meiner entsetzlichsten Frevel ! - Das ist aber die härteste Strafe der ewigen unerforschlichen Macht , daß ich auf Erden nicht gereinigt erscheinen soll von der Sünde , die ich in wahnsinniger Verblendung beging ! - Auch Euch , mein ehrwürdiger Vater , bin ich ein sündiger Heuchler ? « - » In der Tat « , fuhr der Prior fort , » bin ich jetzt , da ich dich sehe und spreche , beinahe überzeugt , daß du nach deiner Buße der Lüge nicht mehr fähig warst , dann aber waltet noch ein mir bis jetzt unerklärliches Geheimnis ob . Bald nach deiner Flucht aus der Residenz ( der Himmel wollte den Frevel nicht , den du zu begehen im Begriff standest , er errettete die fromme Aurelie ) , bald nach deiner Flucht , sage ich , und nachdem der Mönch , den selbst Cyrillus für dich hielt , wie durch ein Wunder sich gerettet hatte , wurde es bekannt , daß nicht du , sondern der als Kapuziner verkappte Graf Viktorin auf dem Schlosse des Barons gewesen war . Briefe , die sich in Euphemiens Nachlaß fanden , hatten dies zwar schon früher kundgetan , man hielt aber Euphemien selbst für getäuscht , da Reinhold versicherte , er habe dich zu genau gekannt , um selbst bei deiner treuesten Ähnlichkeit mit Viktorin getäuscht zu werden . Euphemiens Verblendung blieb unbegreiflich . Da erschien plötzlich der Reitknecht des Grafen und erzählte , wie der Graf , der seit Monaten im Gebirge einsam gelebt und sich den Bart wachsen lassen , ihm in dem Walde , und zwar bei dem sogenannten Teufelsgrunde , plötzlich als Kapuziner gekleidet erschienen sei . Obgleich er nicht gewußt , wo der Graf die Kleider hergenommen , so sei ihm doch die Verkleidung weiter nicht aufgefallen , da er von dem Anschlage des Grafen , im Schlosse des Barons in Mönchshabit zu erscheinen , denselben ein ganzes Jahr zu tragen und so auch wohl noch höhere Dinge auszuführen , unterrichtet gewesen . Geahnt habe er wohl , wo der Graf zum Kapuzinerrock gekommen sei , da er den Tag vorher gesagt , wie er einen Kapuziner im Dorfe gesehen und von ihm , wandere er durch den Wald , seinen Rock auf diese oder jene Weise zu bekommen hoffe . Gesehen habe er den Kapuziner nicht , wohl aber einen Schrei gehört , bald darauf sei auch im Dorf von einem im Walde ermordeten Kapuziner die Rede gewesen . Zu genau habe er seinen Herrn gekannt , zu viel mit ihm noch auf der Flucht aus dem Schlosse gesprochen , als daß hier eine Verwechselung stattfinden könne . - Diese Aussage des Reitknechts entkräftete Reinholds Meinung , und nur Viktorins gänzliches Verschwinden blieb unbegreiflich . Die Fürstin stellte die Hypothese auf , daß der vorgebliche Herr von Krczynski aus Kwiecziczewo eben der Graf Viktorin gewesen sei , und stützte sich auf seine merkwürdige , ganz auffallende Ähnlichkeit mit Francesko , an dessen Schuld längst niemand zweifelte , sowie auf die Motion , die ihr jedesmal sein Anblick verursacht habe . Viele traten ihr bei und wollten , im Grunde genommen , viel gräflichen Anstand an jenem Abenteurer bemerkt haben , den man lächerlicherweise für einen verkappten Mönch gehalten . Die Erzählung des Försters von dem wahnsinnigen Mönch , der im Walde hausete und zuletzt von ihm aufgenommen wurde , fand nun auch ihren Zusammenhang mit der Untat Viktorins , sobald man nur einige Umstände als wahr voraussetzte . - Ein Bruder des Klosters , in dem Medardus gewesen , hatte den wahnsinnigen Mönch ausdrücklich für den Medardus erkannt , er mußte es also wohl sein . Viktorin hatte ihn in den Abgrund gestürzt ; durch irgend einen Zufall , der gar nicht unerhört sein durfte , wurde er errettet . Aus der Betäubung erwacht , aber schwer am Kopfe verwundet , gelang es ihm , aus dem Grabe heraufzukriechen . Der Schmerz der Wunde , Hunger und Durst machten ihn wahnsinnig - rasend ! - So lief er durch das Gebirge , vielleicht von einem mitleidigen Bauer hin und wieder gespeiset und mit Lumpen behangen , bis er in die Gegend der Försterwohnung kam . Zwei Dinge bleiben hier aber unerklärbar , nämlich wie Medardus eine solche Strecke aus dem Gebirge laufen konnte , ohne angehalten zu werden , und wie er , selbst in den von Ärzten bezeugten Augenblicken des vollkommensten ruhigsten Bewußtseins , sich zu Untaten bekennen konnte , die er nie begangen . Die , welche die Wahrscheinlichkeit jenes Zusammenhangs der Sache verteidigten , bemerkten , daß man ja von den Schicksalen des aus dem Teufelsgrunde erretteten Medardus gar nichts wisse ; es sei ja möglich , daß sein Wahnsinn erst ausgebrochen , als er auf der Pilgerreise in der Gegend der Försterwohnung sich befand . Was aber das Zugeständnis der Verbrechen , deren er beschuldigt , belange , so sei eben daraus abzunehmen , daß er niemals geheilt gewesen , sondern , anscheinend bei Verstande , doch immer wahnsinnig geblieben wäre . Daß er die ihm angeschuldigten Mordtaten wirklich begangen , dieser Gedanke habe sich zur fixen Idee umgestaltet . - Der Kriminalrichter , auf dessen Sagazität man sehr baute , sprach , als man ihn um seine Meinung frug : Der vorgebliche Herr von Krczynski war kein Pole und auch kein Graf , der Graf Viktorin gewiß nicht , aber unschuldig auch keinesweges - der Mönch blieb wahnsinnig und unzurechnungsfähig in jedem Fall , deshalb das Kriminalgericht auch nur auf seine Einsperrung als Sicherheitsmaßregel erkennen konnte . - Dieses Urteil durfte der Fürst nicht hören , denn er war es allein , der , tief ergriffen von den Freveln auf dem Schlosse des Barons , jene von dem Kriminalgericht in Vorschlag gebrachte Einsperrung in die Strafe des Schwerts umwandelte . - Wie aber alles in diesem elenden vergänglichen Leben , sei es Begebenheit oder Tat , noch so ungeheuer im ersten Augenblick erscheinend , sehr bald Glanz und Farbe verliert , so geschah es auch , daß das , was in der Residenz und vorzüglich am Hofe Schauer und Entsetzen erregt hatte , herabsank bis zur ärgerlichen Klatscherei . Jene Hypothese , daß Aureliens entflohener Bräutigam Graf Viktorin gewesen , brachte die Geschichte der Italienerin in frisches Andenken , selbst die früher nicht Unterrichteten wurden von denen , die nun nicht mehr schweigen zu dürfen glaubten , aufgeklärt , und jeder , der den Medardus gesehen , fand es natürlich , daß seine Gesichtszüge vollkommen denen des Grafen Viktorin glichen , da sie Söhne eines Vaters waren . Der Leibarzt war überzeugt , daß die Sache sich so verhalten mußte , und sprach zum Fürsten : Wir wollen froh sein , gnädigster Herr , daß beide unheimliche Gesellen fort sind , und es bei der ersten vergeblich gebliebenen Verfolgung bewenden lassen . - Dieser Meinung trat der Fürst aus dem Grunde seines Herzens bei , denn er fühlte wohl , wie der doppelte Medardus ihn von einem Mißgriff zum andern verleitet hatte . Die Sache wird geheimnisvoll bleiben , sagte der Fürst , wir wollen nicht mehr an dem Schleier zupfen , den ein wunderbares Geschick wohltätig darüber geworfen hat . - Nur Aurelie ... « - » Aurelie , « unterbrach ich den Prior mit Heftigkeit , » um Gott , mein ehrwürdiger Vater , sagt mir , wie ward es mit Aurelien ? « - » Ei , Bruder Medardus , « sprach der Prior sanft lächelnd , » noch ist das gefährliche Feuer in deinem Innern nicht verdampft ? - noch lodert die Flamme empor bei leiser Berührung ? - So bist du noch nicht frei von den sündlichen Trieben , denen du dich hingabst . - Und ich soll der Wahrheit deiner Buße trauen ; ich soll überzeugt sein , daß der Geist der Lüge dich ganz verlassen ? - Wisse , Medardus , daß ich deine Reue für wahrhaft nur dann anerkennen würde , wenn du jene Frevel , deren du dich anklagst , wirklich begingst . Denn nur in diesem Fall könnt ' ich glauben , daß jene Untaten so dein Inneres zerrütteten , daß du , meiner Lehren , alles dessen , was ich dir über äußere und innere Buße sagte , uneingedenk , wie der Schiffbrüchige nach dem leichten unsichern Brett , nach jenen trügerischen Mitteln , dein Verbrechen zu sühnen , haschtest , die dich nicht allein einem verworfenen Papst , sondern jedem wahrhaft frommen Mann als einen eitlen Gaukler erscheinen ließen . - Sage , Medardus , war deine Andacht , deine Erhebung zu der ewigen Macht ganz makellos , wenn du Aurelien gedenken mußtest ? « - Ich schlug , im Innern vernichtet , die Augen nieder . - » Du bist aufrichtig , Medardus , « fuhr der Prior fort , » dein Schweigen sagt mir alles . - Ich wußte mit der vollsten Überzeugung , daß du es warst , der in der Residenz die Rolle eines polnischen Edelmanns spielte und die Baronesse Aurelie heiraten wollte . Ich hatte den Weg , den du genommen , ziemlich genau verfolgt , ein seltsamer Mensch ( er nannte sich den Haarkünstler Belcampo ) , den du zuletzt in Rom sahst , gab mir Nachrichten ; ich war überzeugt , daß du auf verruchte Weise Hermogen und Euphemien mordetest , und um so gräßlicher war es mir , daß du Aurelien so in Teufelsbanden verstricken wolltest . Ich hätte dich verderben können , doch weit entfernt , mich zum Rächeramt erkoren zu glauben , überließ ich dich und dein Schicksal der ewigen Macht des Himmels . Du bist erhalten worden auf wunderbare Weise , und schon dieses überzeugt mich , daß dein irdischer Untergang noch nicht beschlossen war . - Höre , welches besonderen Umstandes halber ich später glauben mußte , daß es in der Tat Graf Viktorin war , der als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons von F. erschien ! - Nicht gar zu lange ist es her , als Bruder Sebastianus , der Pförtner , durch ein Ächzen und Stöhnen , das den Seufzern eines Sterbenden glich , geweckt wurde . Der Morgen war schon angebrochen , er stand auf , öffnete die Klosterpforte und fand einen Menschen , der dicht vor derselben , halb erstarrt vor Kälte , lag und mühsam die Worte herausbrachte , er sei Medardus , der aus unserm Kloster entflohene Mönch . - Sebastianus meldete mir ganz erschrocken , was sich unten zugetragen ; ich stieg mit den Brüdern hinab , wir brachten den ohnmächtigen Mann in das Refektorium . Trotz des bis zum Grausen entstellten Gesichts des Mannes glaubten wir doch deine Züge zu erkennen , und mehrere meinten , daß wohl nur die veränderte Tracht den wohlbekannten Medardus so fremdartig darstelle . Er hatte Bart und Tonsur , dazu aber eine weltliche Kleidung , die zwar ganz verdorben und zerrissen war , der man aber noch die ursprüngliche Zierlichkeit ansah . Er trug seidene Strümpfe , auf einem Schuhe noch eine goldene Schnalle , eine weiße Atlasweste ... « - » Einen kastanienbraunen Rock von dem feinsten Tuch , « fiel ich ein , » zierlich genähte Wäsche - einen einfachen goldenen Ring am Finger . « - » Allerdings , « sprach Leonardus erstaunt , » aber wie kannst du ... « - » Ach , es war ja der Anzug , wie ich ihn an jenem verhängnisvollen Hochzeittage trug ! « - Der Doppeltgänger stand mir vor Augen . - Nein , es war nicht der wesenlose entsetzliche Teufel des Wahnsinns , der hinter mir herrannte , der , wie ein mich bis ins Innerste zerfleischendes Untier , aufhockte auf meinen Schultern ; es war der entflohene wahnsinnige Mönch , der mich verfolgte , der endlich , als ich in tiefer Ohnmacht dalag , meine Kleider nahm und mir die Kutte überwarf . Er war es , der an der Klosterpforte lag , mich - mich selbst auf schauderhafte Weise darstellend ! - Ich bat den Prior , nur fortzufahren in seiner Erzählung , da die Ahnung der Wahrheit , wie es sich mit mir auf die wunderbarste , geheimnisvollste Weise zugetragen , in mir aufdämmere . - » Nicht lange dauerte es , « erzählte der Prior weiter , » als sich bei dem Manne die deutlichsten , unzweifelhaftesten Spuren des unheilbaren Wahnsinns zeigten , und unerachtet , wie gesagt , die Züge seines Gesichts den deinigen auf das genaueste glichen , unerachtet er fortwährend rief : Ich bin Medardus , der entlaufene Mönch , ich will Buße tun bei euch - so war doch bald jeder von uns überzeugt , daß es fixe Idee des Fremden sei , sich für dich zu halten . Wir zogen ihm das Kleid der Kapuziner an , wir führten ihn in die Kirche , er mußte die gewöhnlichen Andachtsübungen vornehmen , und wie er dies zu tun sich bemühte , merkten wir bald , daß er niemals in einem Kloster gewesen sein könne . Es mußte mir wohl die Idee kommen : Wie , wenn dies der aus der Residenz entsprungene Mönch , wie , wenn dieser Mönch Viktorin wäre ? - Die Geschichte , die der Wahnsinnige ehemals dem Förster aufgetischt hatte , war mir bekannt worden , indessen fand ich , daß alle Umstände , das Auffinden und Austrinken des Teufelselixiers , die Vision in dem Kerker , kurz der ganze Aufenthalt im Kloster , wohl die durch deine auf seltsame psychische Weise einwirkende Individualität erzeugte Ausgeburt des erkrankten Geistes sein könne . Merkwürdig war es in dieser Hinsicht , daß der Mönch in bösen Augenblicken immer geschrieen hatte , er sei Graf und gebietender Herr ! - Ich beschloß