; zwar sei er durch die Anstrengung der Reise noch etwas leidend , aber sie hoffe bei dem ruhigen ländlichen Aufenthalte an ihrer Seite , der jetzt das einzige Ziel seiner Wünsche geworden , ihn bald genesen zu sehen . Weiter erzählte sie umständlich , daß er von einer Wahrsagerin , Arnika Montana gewarnt worden , Sizilien nicht zu verlassen , weil ein Unüberwindlicher nach seinem Leben trachte , worauf er alle seine weltlichen Stellen niedergelegt habe , um sich eine himmlische zu erflehen . Nun da sie ihres Aufenthalts gewiß und von Geschäften fast über ihre Kräfte angestrengt werde , ladete sie zum Schluß ihn und seine Frau als ihre nächsten Blutsfreunde recht dringend ein , sie auf den Trümmern einer großen alten Welt in einer blühenden neuen zu besuchen , insbesondere da ihr Mann , der Herzog , unter dem Namen eines Marchese D ... ihrer beider Beifall gehabt , wie er ihr erzählt habe , auch viele Verbindlichkeiten für die genossene Gastfreundschaft ihnen in seinem Herzen bewahre . Vielleicht erstaunen wir nicht minder als der Graf über diese wunderbaren Nachrichten , über die Tiefe der Bosheit , über die List , durch Übernahme der Korrespondenz mit der Schwester alle Nachrichten dahin und alle möglichen Entdeckungen zu hemmen ; aber wunderbarer wirkte noch dieses Schreiben durch das heitre Glück , das aus jedem Ausdrucke der hochverehrten alten Freundin , aus besseren Tagen über ihn , den Verzweifelten selbst noch ausstrahlte , und sich so warm mit der Kälte mischte , in der er erstarrt war , daß ihm beide Pistolen aus der Hand fielen , die eine , die er gegen seinen Beleidiger , die andre , die er nachher zu seiner eignen Beruhigung geladen hatte . Es schrie in ihm laut auf , um dieser einen Frommen sei aller Welt verziehen ; wer vermag ihr den Mann zu rauben , an dem ihr bescheidnes heiliges Glück wie ihre Seele am Glauben Christi hängt . Diese Erhebung über sich selbst gab ihm einen Plan , eine Überlegung , eine Sicherheit , die ihm sonst nicht eigen ; es war ihm , als stände er sich selbst wie ein Berg in seinen Gartenanlagen im Wege , den er entweder sprengen , oder abtragen müsse um Aussicht zu gewinnen . Wir wissen alles und können als Vertraute seinen Entschluß in Wahrheit berichten ; den meisten schien Zufall , was Absicht in ihm gewesen . Dreizehntes Kapitel Das Königsschießen Als er noch so nachsinnend auf und nieder das Zimmer mit heftigen Schritten durchmaß , und die Briefe seiner ersten Liebeszeit , die er sorgfältig bewahrt hatte , verbrannte , da verkündigten draußen drei Kanonenschüsse den Anfang des großen Königsschießens . Der Graf , der ein Freund dieser Belustigung und einer der sichersten Schützen war , erinnerte sich , daß alle auf seine Ankunft warten würden ; auch die Gräfin , die eine Vorliebe für alle männliche Ergötzlichkeiten hegte , hatte versprochen sich späterhin einzufinden . Er brachte die beiden altdeutschen Büchsen , die ihm vom Doktor aufgezwungen waren , und die übrigen Schießgerätschaften nach seiner Gewohnheit selbst zusammen und in Ordnung , klingelte und ließ sich das grüne Schützenkleid geben , worin er das grüne Husarenkleid verwandelt hatte , in welchem er seine Frau zuerst erblickt , und das er trotz seiner verschossenen Farbe noch immer sorgsam bewahren ließ . Ehe er noch das Haus verlassen , ließ ihm die Gräfin sagen , sie würde bald nachkommen , sie habe schlecht geschlafen und sich dadurch in ihrem Anzuge verspätet . Sie sah ihn erst im bunten Gewühle des Schützenplatzes wieder , wo an diesem Tage nach einer Scheibe geschossen wurde , deren Mitte ein brennendes Herz bezeichnete . Witzige Köpfe wollen bemerkt haben , daß der alte Schütze Amor bei solchen Königsschießen häufiger und sicherer treffe , als die jungen Schützen in ihren neuen steifen Uniformen , in denen noch die Tuchlagen nicht ausgetragen ; fast sollte man jenes wenigstens aus dem Drängen der Menge , aus dem Gekreisch der Mägde schließen , aus den einzelnen Paaren , die weit in das Getreide abirren , aus dem steten Durste , der an tausend Krügen klappt , denn die Liebe macht durstig und tapfer und daher schließt sich auch gewöhnlich das Fest mit einigen Raufereien . Gewiß ist ' s , der uralte Trommelschläger in der uralten Bortenmontur , hatte an dem Tage wenig zu trommeln ; einige Ehrenschüsse von gelehrten Magistratspersonen fielen sogar in das Hausdach des Bezeichners ; wahrscheinlich weil sie aus einem Versehen , das den Gelehrten und Regierungen eigen , ihm die Schuld des Nichttreffens aller ihrer wohltätigen Gedanken zuschrieben , und ihn warnend an seine Schuldigkeit erinnern wollten . Ein alter Invalide im roten Rocke , der , wie ein dünner Kometenschweif , drohend an dem hellen Sterne der blanken Zinnbude hing , schüttelte mit dem Kopfe dabei , drehte sein Glücksrad und rief : » Auf gut Glück « . Die Würfel klapperten und die am längsten sich zurückgehalten , waren nun am hitzigsten darauf . Seht da , ein Knabe gewann einen großen Grenadier von Pfefferkuchen , der auch in einem Augenblicke von drei andern zerrissen war . Mitten durch den Zank drangen andre mit bunten Fahnen , wie frische Truppen , und die Waldteufel brummten wie das schwere Geschütz . Den ganzen streitigen Haufen trieb ein Polizeidiener als Schlachtengott mit wenigen Ohrfeigen aus einander ; es endete heute doch gar nichts lustig . - Es wurde später und die Musik und die Tabakswolken zogen in die oberen Säle des Schießhauses ; die Leute waren es müde , den schlechten Schützen zuzusehen . - Der Graf hatte sich den letzten Schuß ausgemacht ; er tat den besten , das Herz war in der innersten Mitte durchgebohrt , der Bezeichner warf seinen Hut in die Luft und sich auf die Kniee ; der Trommelschläger wirbelte , die Scheibe wurde von den Kronbedienten beschaut , sie gaben den Kanonieren das Zeichen ; alles Volk drängte sich herbei und jubelte ; der Graf wurde gekrönt und für den Augenblick war er wirklich der anerkannteste König der ganzen Welt . Nachdem er die Krone abgelegt und den Ehrentrunk getan hatte , trat er zu seiner Frau , die ihren Beifall in ihrer Art zu erkennen gab , indem sie ihm trotzig versicherte : » Hätte ich mitschießen dürfen , du wärst sicher nicht König geworden , aber so laßt ihr Herren uns nicht dazu . « - Der Graf antwortete neckend : » Ich glaube , du hast nicht den Mut ein Gewehr loszudrücken , wenn es auch nicht geladen . « - » Das möchte ich versuchen « , sagte sie ganz keck . - » Du hast noch keine altdeutsche Büchse abgedrückt « , sagte er . - Er nahm seine zweite Büchse , die dort liegen geblieben ungebraucht , spannte den Hahn , stach sie und gab sie seiner Frau zum Losdrücken in die Hände , während er vorne die Schwere der Büchse mit Hand und Brust unterstützte . Lachend hielt er die Büchse , lachend drückte sie ab ; krachend blitzte der Schuß auf , daß ihr das Gewehr zur Erde entsank , der Graf stürzte zu Boden . Im ersten Augenblick war es nur der Schreck des Knalles , der sie und die Umstehenden betäubt hatte ; als sie aber den Grafen in seinem Blute erblickte , stürzte sie nieder und wurde sinnlos nach Hause getragen . Vierte Abteilung Buße Erstes Kapitel Des Grafen Genesung . Wallfahrt Wenn ein heiterer Erzähler zur Unterhaltung seiner Zuhörer schauerliche Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht , indem er alle dem Tode opfert , mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiß , so übt er zwar darin das Recht der Zeit , die ihre Welt , welche sie geboren , zu höherer Umwandlung wieder vernichtet , aber nicht ihre mütterliche Liebe , und nie erreicht er ihren hohen Sinn , mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen überragen . Der kühne Mensch , in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat , ist oft jenem leichtsinnigen Erzähler im eigenen Leben gleich , er entzückt sich mit einem Gedanken und verliert sich daran ; vergebens warnt ihn seine gute Mutter , die Zeit , daß er sich selbst nicht gehöre , sondern ihr , so lange er noch unmündig sei . Der Kühne möchte sich und ihr voreilen und sie muß ihn gehen lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege ; leider fällt er bald und kann sich nicht helfen und jammert ; noch gibt sie ihn nicht auf , sie steht ihm bei und betrachtet ernst , ob ihn die Reue noch bessern könne , da es die Liebe nicht vermochte . Gewiß , die reuige Buße kann viel , sie ist die wirksamste Kraft in den großen Begebenheiten wie in den kleineren des häuslichen Kreises ; ihre Wiedererzeugung , bald unbewußt , hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten der Zeitalter geheilt , so verschieden sie immer erscheinen mochte . Bald war die Buße ein zerknirschendes Betrachten , ein Selbstquälen , bald ein tätiges Vernichten des eignen falschen Strebens , in einem Handeln nach entgegengesetzter Richtung ; keine Buße darf die andre verachten , jene scheint mehr der geistigen Sünde geeignet , diese geziemt der tätigen ausgeführten Lastertat . Die eine Buße ist die höchste Kraft und Auszeichnung des Menschen . Die Natur hat es ihm versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergänzen , aber sie gab ihm dafür diese Kraft geistiger Wiederergänzung , und selbst die Tiere , wie sie sich ihm nähern , verlieren jene Eigenschaft ihres Körpers , um dieser geistigen sich zu nähern ; die vom Menschen gezähmten mächtigsten Tiere wünschen und erfreuen sich der Buße , wo sie ein Unrecht getan , sie wissen es weder schön noch gut , noch heilig zu machen , sie wollen Strafe . Auch der Mensch unterziehe sich willig der Strafe , wo die Buße ihn nicht ganz erneuen kann : die Strafe ist die Ergänzung der Buße . Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam ergriffen als die Gräfin ; doch waren die meisten allzusehr in ihren trägen Betrachtungen gestört , um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hülfe zu leisten ; vielmehr verdarb die Menge der durch Türen und Fenster eindringenden Menschen die Luft so schnell , daß der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte , mit seinem Sohne den blutigen Körper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug , ihn dem leeren Mitleid und der widrigen Neugierde zu entziehen . Hier konnte ihm der Stadtwundarzt , der auch Mitglied der Schützengilde war , ungestört die Kleider öffnen und die Wunde untersuchen . Gegen seine Erwartung fand er , daß die Kugel an einer Ribbe , die sie streifend zerschlagen , abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe , auch fanden jetzt die Schützen die Kugel in der Wand des Schießsaales eingeschlagen , welches im ersten Schrecken übersehen worden ; die weibliche Furchtsamkeit der Gräfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrücken den Lauf von der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet . Sobald diese gebrochene Ribbe ausgebogen und einige Stärkungsmittel ihm eingeflößt waren , atmete der Graf wieder auf , er dachte in einem anderen Leben , und sah sich wieder in dem verhaßten bekannten Kreise , in demselben Leben , das ihm schon unerträglich gewesen , noch mit der Last einer schweren Wunde auf das Krankenlager gestreckt . Der Wundarzt wollte es nicht wagen , ihn noch den Abend nach dem Schlosse bringen zu lassen , und so mußte er über sich den ununterbrochenem Jubel der tanzenden Menge hören , die gleich befriedigt , als er am Leben gefunden , seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwärmte . Die Nachricht von seinem Leben , von der wahrscheinlichen Gefahrenlosigkeit seiner Wunde gab der Gräfin das Leben wieder ; erschöpft wie sie war , ließ sie es doch nicht , zu ihm zu eilen , und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen , die nur Liebe gewähren kann . Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein . Dieser letzten Gemütserschütterung schien es zu bedürfen , die eitle Hülle , die sie lange gegen ihn verschlossen , ganz zu durchbrechen ; hörte sie doch die ungeheuchelte Anhänglichkeit aller Diener an ihn , so wahr , so unverstellt . Nicht seine dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen , wenige Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genügen . Sie scheute keinen beschwerlichen Dienst , selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen Seite lernte sie ertragen ; - noch wußte sie nicht , daß ihre Schuld ihm diese Wunde geschlagen , aber schon die bloße zufällige Ursache derselben gewesen zu sein , war ihr unerträglich . Die dauerhafte Gesundheit des Grafen füllte den wilden Riß in seinem schön vollendeten Bau schneller , als der Wundarzt erwartete ; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf sein Schloß getragen werden ; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau . Mühsam versteckte sie ihm den fürchterlichen Eindruck , den Abscheu gegen den Herzog , der mit so überlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte ; wäre der Graf nicht krank gewesen , sie hätte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufenthalt in abgeschiedner Gegend von ihm erfleht . Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung vorüber gegangen ; die Pflege seines Körpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren Bau , dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt , wie die Schmerzen mit den Stunden kamen , und dem Einflusse ferner Kräuter wichen . Es war ihm , als hätte er eine ungeheure Schandtat getan , und frevelnd , um eine Schickung Gottes abzulenken , statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen , dieses heilige Werk Gottes , sein Ebenbild zerstört . In der Fieberhitze glaubte er sich der schändliche Judas , der sich selbst umgebracht , nachdem er den Herren verraten , und der Wundarzt konnte nicht begreifen , wie sein Zustand sich wieder so plötzlich verschlimmerte , besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle , von dem er immer spreche . Auch diesen Kampf überstand er ; er trug zwar noch einen Verband und durfte nicht von seinem Lager , aber er war schon so gut wie hergestellt : da saß seine Frau am Bette , als er einen Brief erhielt , den er rasch öffnete und nachdenklich las ; er schwieg den ganzen übrigen Tag . Die Gräfin , vor sich selbst neben ihm sinnend , befestigte sich immer mehr in dem Entschlusse , ihm ihre Schuld ganz zu bekennen ; sie glaubte ihn jetzt stark genug , diesen Schmerz zu ertragen . Nach einigen Schaudern warf sie sich plötzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder , verhüllte ihr Gesicht und schluchzte : » Ach weh mir armen Sünderin , es schnürt mir den Hals zu , ich kann nicht sprechen . « - » Was ist dir ? « fragte der Graf erschrocken . - » Tue mit mir , wie du willst « , schluchzte sie , » ich habe mich schwer an dir versündigt « ; weiter konnte sie nichts vorbringen . Der Graf fuhr mit einer Hand über ihre Wangen , und bemühte sich an einem Arme sie aufzurichten , aber vergebens ; endlich sagte er ihr gefaßt : » Hör mich wenigstens jetzt an , bemühe dich , mich zu hören . Auch ich habe dir zu beichten ; was du gesündigt , weiß ich , was ich getan , sollst du hören . Du hast die Treue gegen mich gebrochen ; ich wollte dich zu meiner Mörderin machen ; es war kein Zufall , daß meine Büchse geladen war , Gott weiß es allein und ich , es sollte meine Rache sein , daß ich durch dich so wie für meine Ehre gestorben ; ich dachte verblendet mir etwas Großes darin und der Frevel verbarg sich meinem Verstande . Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen abgeleitet , aber stark angeklopft , daß es sich bessere ; der Herr vergibt mir meine Schuld , wie ich vergebe meinen Schuldnern , tue desgleichen . Nicht unsre Rache , aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen , der den Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden . Lies diesen Brief deiner Schwester , welch ein frommes Glück ihr der Verruchte gestattet , in ihrer Nähe wird alles gut , - wir dürfen diese Ruhe nicht stören . Nur eins fehlt ihrem Glücke , Kinder ; sieh , du bekommst ein Kind , das uns zum Fluch geworden wäre , laß es ihr Segen sein ; sie fleht mich an , ich hatte ihr deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkündet , sie fleht um eins meiner Kinder , daß sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung schenke , - laß dieses Kind , das noch unter deinem Herzen sich regt , zu seinem rechten Vater kehren , deine Schwester wird es schützen gegen ihn . Wir aber wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben , das fordert dein guter Name , - wir wollen zusammen leben , als trennten verschiedne Zeitalter unsre Liebe , oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes , in Freundschaft , in gegenseitigen Wohltaten und Diensten - ohne Reue , so vergnügt es sein kann . Uns ist viel Gnade geschehen , wachen wir über uns . « Nach diesen Worten , die er langsam ausgesprochen , hatte sich die Gräfin ihrer niederdrückenden Beschämung ermeistert , daß sie seine Hand küssen und vernehmlich sagen konnte : » Du bist allzu großmütig , du edles Herz , das ich leichtsinnig verspielet , selbst deine Großmut rechnest du dir als Schuld an ; wie soll ich vor Gott bestehen ; laß mich einsam in einem Kloster meine Schuld büßen , vielleicht können die Jahre uns wieder ausgleichen ; Gott vergebe dem Herzoge , ich kann ihm nicht vergeben , vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in Reue . « - Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer ; der Graf stand gegen das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf , aber er fühlte einen großen Schmerz , er klingelte und der alte Bediente kam . - » Hör « , sagte er , » geh zu meiner Frau , sei nicht neugierig , sei verschwiegen , vielleicht erfährst du einmal alles ; jetzt hüte sie vor Unglück , ermahne sie zu allem Guten , du hast ihr Zutrauen . « Der Alte wußte nicht , was er sagen sollte , doch meinte er , daß schon lange nicht alles gewesen , wie es sein sollte . Er ging zu seiner gnädigen Frau , mußte aber vor der Türe warten ; sie hatte sich eingeschlossen . Nach einigen Minuten gab sie ihm einen Brief heraus , an ihren Mann , und so mehrere bis zum Abend - Briefe so zerreißend jammervoll , wie kein Schuldloser sie schreiben kann ; der Graf antwortete ihr ernst , aber trostreich . Den folgenden Tag war sie so ermattet , daß sie im Bette blieb , aber den Alten zu sich hereinrief ; sie war sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen , er war es von Jugend an gewohnt ; jetzt kränkte es ihn tief , seine Gräfin so in sich zerknirscht zu finden , daß sie ihm wie einem Gerechten , dessen Urteil sie fürchtete , lange Entschuldigungen vorausmachte . Sie konnte es nicht lassen , ihm ihre Geschichte unter vielen Tränen zu erzählen ; sie mußte einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit war sie völlig gewiß . Der Alte ärgerte sich innerlich , daß er alles das mit seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert ; er tröstete sie nach seiner Art recht gut . Am Schlusse ihrer Beichte sagte sie : » Ist Gott gerecht , daß er dem frommen Manne , meinem Grafen , ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner frommen Schwester einen so lasterhaften Mann ? « - » Liebe gnädige Frau , wer so gefehlt hat , soll Gott nicht verurteilen ; mir fällt eine alte Erzählung bei diesem Vorfalle ein , die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt ; wenigstens vertreibt sie Ihnen die böse Zeit . - Als unser Herr Christus mit Petrus noch auf Erden wandelte , kam er einst an eine Wegscheide : da wußten alle beide nicht , welches ihre Straße ; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein , damit ihn die Menschen verstehen könnten . Nun stand aber ein Baum allda , unter dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt . Der Herr fragte ihn freundlich nach dem Wege gen Jericho ; der träge Bauer antwortete ihm aber kein Wort , sondern stopfte sich das Maul immer voller und aß fort , als stände niemand vor ihm . Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen Weltgegenden hinausgesehen hatten , da kam eine Magd gelaufen von weither , die Sichel in der Hand , die Schürze halb voll von Gras , die hatte ihre Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt , und fragte , wohin sie gedächten , und geleitete sie weit hinaus auf den rechten Weg , von dem sie abgeirret waren ; dann lief sie eilig zurück nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld , und hörte nicht einmal auf ihren Dank . Da sprach Petrus : Meister , die Guttat zu belohnen , mußt du ihr einen wackern Mann bescheren . Da sprach der Herr : Der faule Knecht , der dort im Schatten saß und zu träge zum Sprechen war , der wird ihr Mann . Und als sich Petrus darüber verwunderte , sprach unser Herr weiter : Der Mann würde gänzlich verderben ohne eine fromme gute Frau ; die Frau aber würde sich zu viel einbilden auf ihren Fleiß , auf ihr Geschick , denn Eitelkeit tritt der Tugend in die Fußstapfen ; also schließt Gott ungleiche Ehen , auf daß eines helfe des andern Bürde tragen , und also sie beide bleiben in Ehren . « Diese Erzählung , die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt hatte , schien die Gräfin ernstlich zu beruhigen . Als ihr Mann nach ein paar Stunden sich zu ihr hatte führen lassen , erklärte sie ihm mit festerer Stimme , sie habe keinen eignen Willen mehr , sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz , er möge ihr gebieten . Vergebens suchte er sie zu stärken , sie war innerlich in sich wie gebrochen , und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf . Oft wünschte er sich tot , um diesem zwangvollen Verhältnisse entnommen zu sein , denn selbst seinen Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen ; aber das Leben hört selten auf unsre Bitten , nur gewaltsam läßt es sich regieren , hemmen und erwecken , und wem ist dazu ein Recht gegeben ? Bald genas er völlig und durchstrich wieder dieses Schloß , diesen Garten , wo jede Stelle mit seinem Glücke , mit seinem Unglücke bezeichnet war , und alles das mußte er verschweigen . Wem solch ein Verhältnis nie begegnet , der hat es doch sicher in unsrer Zeit allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt , daß Leute aus Rücksichten gerade von allem dem , womit ihre Seele einzig beschäftiget , kein Wort sprechen durften ; so ungefähr saßen der Graf und die Gräfin häufig einander gegenüber und blickten seitwärts , um einander nicht abzusehen , was sie einander nicht sagen mochten . Sein Wunsch wäre eine Reise gewesen , weit in die Fremde , aber seine Frau ließ sich nicht gerne sehen ; jeder Besuch war ihr eine Qual ; sie vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben . Wunderbar , wie viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder , die mit Jubel in der Welt aufgenommen sein würden , gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter , und dieses fluchbelastete Kind , das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte , hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten . Ein neuer Brief von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus , sie schrieb so rührend von ihrem Glücke , von ihrem Manne , der ihr der Brennpunkt aller Tugenden , aller Frömmigkeiten war , und nun sah sie mit großem Bedauern rings um sich , wie so alles , was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe , einst in fremder Hand wieder untergehen werde , da der Lieblingswunsch ihres Mannes unerfüllt bleibe , daß sie ihm Kinder schenke . Sie fragte sich , um welcher Sünde willen Gott ihren Leib verschlossen ; ja sie wünschte sich den Tod , um ihrem Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen . - Diese Frömmigkeit des Herzogs , die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint , täten wir unrecht , ganz zu bezweifeln ; auch die Anlage zur Frömmigkeit war in ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt , aber freilich nicht lange ; die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores , die er bei ihr las , hatten ihn damals zu ihr hingezogen ; seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische Furcht , er hatte die Laster überlebt ; jetzt war es nicht bloß Sinn für Frömmigkeit , die ihn an die Wallfahrtsörter Siziliens , zu allen Geistlichen trieb , er schwindelte in die Frömmigkeit hinein , die seiner Frau eigen ; es war ihm ein neuer Reiz , den er aber immer neu steigern mußte ; die Religion ward ihm eine neue Art Opium , seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern konnte . So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf , den wir doch zu den Bessern rechnen müssen ; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung und das Laster endigt früher und geht unter , während die dauernde Tugend mit allen Hindernissen ihrer Entwickelung kämpft . Das unnatürliche Verhältnis des Grafen zu seiner Frau , das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war , mußte sein Inneres ausleeren ; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal die Freiheit , sich nach anderen Richtungen auszubreiten , seine Geschäfte , die er sonst mit Lust getrieben , kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung ; er suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen , um dadurch beschäftigt zu sein , schaffte kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel , wollte ein Buch über Staatskunst schreiben , das er lange entworfen , und wußte nicht , was er schreiben sollte ; mit dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden . Als er einmal so in seinem Zimmer umhergeschwankt , sich hundert Federn geschnitten und mit keiner geschrieben , hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte , da fand er sich so verwirrt , so öde , so matt und krank , daß er beten wollte und nicht zusammenhängend sprechen konnte ; keine Träne wollte ihn erquicken . Draußen tobte ein Marktgewühl auf der Straße , in ihm war alles so stille , er setzte sich nieder und schrieb . » Erkenne Herr , der du die Welt gefüllt hast , diese Leere meines Herzens , diese Leere meiner Gedanken , befreie mich von Qual und Angst , nirgends halte ich mich , nichts hält mich , ich schwanke und muß vergehen , stärke mich Herr ; wo ich mich suche , da finde ich mich nicht , wo ich dich suche Herr , da fühle ich nichts , mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht vergessen ; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir ein Schrecken . Ich fühle mich , daß ich nie so traurig war , wie in diesem Augenblicke ; was mich betrübt , ist keine Tat , kein Gedanke , kein Wort , vergebens bemühe ich mich , es zu sagen ; was ich gedacht , versteckt sich mir , was ich gefühlt , ist mir verloren ; ich muß alles ewig von vorne beginnen ; ich kann nicht schwärmen mit den Fröhlichen , nicht tätig sein mit den Tätigen , nicht ruhen mit den Trägen ; das Überflüssige zu tun , verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir der Mut ; was mich anregt , ist eine schmerzliche Spannung , meist lähmt mich eine klägliche Erschlaffung ; noch denke ich , daß ich ein Zutrauen zu dir habe Herr , aber ich fühle nicht deine belebende Kraft ! « - In diesem Augenblicke erweckten ihn die Glocken der Kirche ; er gedachte , wie viel er seit früh an Gott gehangen und wie ihm doch alles Glück verloren ; es wurde ihm in tiefster Seele , als gebe es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt , als sei alles vergebens . » Da läuft « , sagte er vor sich , » das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle Ewigkeit und meint , darin etwas Gutes zu tun , es ist doch alles vergebens und umsonst ; auch ich will einmal mitlaufen , will auch einmal beichten , will doch sehen , was mir die Dummheit raten wird , die dort an Gottes Stelle sitzt . « Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit , daß Menschen der gebildeten Stände , die sich lange sehr religiös glauben , doch eigentlich die Religion nur als ein Gedachtes , als ein Nachdenken über die Welt bewahren , nicht als ein Notwendiges , Eingebornes , Anerzognes , nicht als einen Glauben ; es gab für die