: Wir sind zum Leiden geboren ! Mein Kopf ist müde , meine Kraft erschöpft . Leb ' wohl . Sobald ich kann , schreibe ich dir wieder , denn ich finde deine Briefe nicht geeignet , sie von irgend jemand Anderm lesen und beantworten zu lassen , und ich habe dir noch viel zu sagen . Fußnoten 1 Phädon , ein Gespräch des Photo über die Unsterblichkeit der Seele - genug bekannt durch die Uebersetzung und Erläuterung des verewigten Mendelssohn . 76. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nikomedien , im März 303 . Du siehst aus der Aufschrift , daß ich in Nikomedien bin . Galerius hat einsehen gelernt , daß man in der jetzigen Epoche nicht genug thätige Menschen um sich haben kann , daß besonders ein unwissender Krieger , wie er , überall des verständigen Weltmannes bedürfe . So bin ich nun wieder für ihn geschäftig . Alles geht gut - und für ' s erste dürften wohl Constantins hochfliegende Gedanken etwas gemäßigt werden . Diocletian , der sich seiner aus Politik gegen den übermächtigen Galerius bisher annahm , wird durch Kränklichkeit und seines Mitregenten Bestrebungen endlich dahin kommen , den Gedanken einer freiwilligen Abdankung als sehr natürlich und räthlich , vielleicht sogar als den einzigen Weg anzusehen , der ihm aus einem Labyrinth übrig bleibt , in welches ihn Galerius sehr zweckmäßige Maßregeln eingeschlossen haben . Der occidentalische Augustus muß seinem Beispiel folgen , und die Welt wird die erhabene Komödie mit Lachen oder Grauen anstaunen . Nach Maximians Entsagung tritt Constantins in seine Würde - ein wenig furchtbarer Gegner für einen Galerius . Seine schwächliche Gesundheit wird ihn an jedem kühnen Entschluß hindern , und sollte er zu lange leben , so weiß Galerius auch für solche Hindernisse Rath . Dem Golde und der Macht ist kein Weg unzugänglich . Dann übrigt nur Constantin , und - wie unternehmend und ehrsüchtig er auch seyn mag , der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten Welt wird zu ungleich seyn , als daß er nicht erliegen müßte . Doch bis sich dies Alles entscheidet , kann mancher Zufall tückisch dazwischen treten . Ein Jahr , vielleicht noch länger , kann darüber hingehen ; denn Diocletian , der Rom noch nicht als Kaiser gesehen hat , will seinen Triumph noch vorher dort feiern - und übereilt darf nichts werden . Du siehst , daß mir das Glück zu lächeln anfängt , und es bleibt sich im Kleinen wie im Großen treu . Die andächtige Larissa war mir , wie du weißt , entflohen , gerade in einem Zeitpunkte , wo ich sie als Christin und Hausgenossin - vielleicht als Mitverschworne des verdächtigen Lysias in meine richterliche Gewalt zu bekommen , und natürlicher Weise nur um einen hohen Preis zu entlassen dachte . Wie leicht wäre es gewesen , ein unbekanntes Geschöpf wie sie , in den Augen der Welt , und zuletzt in ihren eigenen , als schuldig erscheinen zu machen ! Aber , wie gesagt , sie war entflohen , und keine Spur von dem Wege zu finden , den sie genommen hatte . Endlich erfuhr ich , daß der alte Priester , mit dem sie nach Nicäa gekommen war , sich hier aufhalte , und daß ihn auf der Reise ein junges Frauenzimmer begleitet habe . Es ward mir je mehr und mehr unzweifelhaft , daß es Theophania war , daß sie in Nikomedien sey ; aber alle Nachforschungen konnten nichts entdecken , wo und in welchen Verhältnissen sie hier lebe . Indessen kam der unruhige Tag , wo die christlichen Kirchen zerstört wurden . Agathokles , der sich schon einige Zeit vorher als ein Mitglied dieser Secte bekannt und geweigert hatte , sich gegen sie gebrauchen zu lassen , trat auch jetzt als ihr Vertheidiger auf , und ward ein Opfer seiner Tollheit , und seine andächtigen Mitbrüder brachten ihn in ein Haus vor der Stadt , in welchem einige alte christliche Weiber in frommem Müßiggang beisammen leben . Bei dieser Gelegenheit zählte ich nun sicher daraus , die verborgene Theophania zu entdecken , die , wenn auch sonst nichts in der Welt , doch wenigstens die Gefahr ihres Freundes bewegen würde , ihren Schlupfwinkel zu verlassen . Ich hielt mich daher viel in der Gegend dieses Hauses auf , und sieh da , am Abend des folgenden Tages , als es schon ganz dunkel geworden war , sah ich eine schlanke Knabengestalt , sorglich in Mantel und Kappe verhüllt , mit einem etwas ängstlich trippelnden Schritt , von einem alten Mann begleitet , aus dem Hause treten . Die ganze Haltung des vermeinten Knaben , eine zarte weibliche Stimme , die dem Begleiter etwas leise zuflüsterte , Alles erregte Verdacht in mir , und die Muthmaßung , daß es Theophania sey , die in dieser Verkleidung den geliebten Freund besuchte , ward mir beinahe zur Gewißheit . Ich folgte ihr auf dem Fuße nach , aber unter dem Stadtthor verlor ich sie unter einem großen Haufen von Menschen , der sich hin und her drängte , und mich lange Zeit von ihr entfernt hielt . Als ich aus dem Gewühle war , sah ich keine Spur mehr von ihr , es war Nacht geworden , und ihr Entkommen eben so begreiflich , als ärgerlich für mich . Ich war nun noch begieriger geworden , etwas Bestimmtes zu erfahren . Am nächsten Tage Abends stellte ich mich wieder auf die Lauer , und richtig kam mein verkleidetes Bürschchen desselben Weges . Ich vernahm wieder die weibliche Stimme , obwohl ich nicht verstehen konnte , was sie sagte , und ging ihr voll Neugierde nach . Innerhalb des Thores sähe ich sie durch einige kleine Straßen bis in ein unscheinbares Haus gehen , ich ziehe mich zurück , um nicht gesehen zu werden , und wie ich vermuthen kann , daß sie in dem Zimmer ist , erkundige ich mich um die Bewohner . Das Haus gehört einem kleinen Kaufmann , der ein Christ ist , und bei dem sich seit der Zerstörung der Kirchen einige dieser Fanatiker versammeln , um ihre Ceremonien und Opfer zu halten . Ich wartete eine Weile vor dem Thore , es kamen nach und nach Menschen von allerlei Alter und Stand , die alle geheimnißvoll eingelassen wurden , und ich schloß daraus , daß eben jetzt eine solche Versammlung gehalten würde , bei welcher die andächtige Theophania zu erscheinen nicht versäumen konnte . Alles schien sich natürlich und höchst wahrscheinlich an einander zu reihen , und ich beschäftigte mich in meinem Hinterhalte bereits mit Entwerfung verschiedener Plane , wie ich die gesetzwidrige Versammlung auseinander stäuben , und Theophanien zugleich in meine Gewalt bekommen könnte . Unterdessen war es spät geworden , es kam Niemand mehr , ich hörte das Thor von innen verschließen , und da ich nicht so lange warten wollte , bis die andächtige Gemeinde auseinander gehen würde , verließ ich meinen Posten mit einem süßen Gefühl naher Rache , und mit einem Kopf voll Anschläge und Plane . Meine Ungeduld ließ mich kaum den folgenden Abend erwarten . Ich war entschlossen , Theophanien geradezu anzureden , und mich ihrer ersten Bestürzung zu bedienen , um zu erfahren , was ich vermuthete . Nicht weit vom Hause begegnete sie mir , von zwei Sclaven begleitet , vermuthlich weil sie bemerkt hatte , daß man ihr auflauerte . Sie ging sehr schnell . Ich betrachtete ihre Gestalt aufmerksam , und je mehr ich sie betrachtete , je mehr überzeugte ich mich , daß dieser vermeinte Jüngling ein verkleidetes Weib sey . Daß sie etwas kleiner als Theophania schien , irrte mich nicht , denn ich maß es der männlichen Kleidung bei , und so trat ich bei einem Gebüsche , weit von den Häusern , wo es ganz einsam war , plötzlich auf sie zu , faßte sie bei der Hand , und redete sie als Larissa an ; denn ich glaubte meiner Sache ganz gewiß zu seyn . Ich weiß nicht mehr , was ich gesagt habe , aber bei dem Namen Larissa fuhr mein schöner Knabe plötzlich empor , vergaß seine Verkleidung , sah mir starr in ' s Gesicht , und - stelle dir meine Verwunderung , mein Erstaunen vor - es war die reizende Calpurnia ! Sie schien eben so betroffen über meinen Anblick und ihre Entdeckung , als ich . Sie wollte stolz und verächtlich thun , aber es gelang ihr nicht gegen einen Mann , der sie in dieser Kleidung , und auf diesem Wege getroffen hatte . Sie fühlte die Blöße , die sie mir gegeben hatte , und wurde artiger . Daß Larissa lebte , und hier in Nikomedien , und wahrscheinlich in der Nähe ihres Jugendfreundes wäre , war ihr sehr unerwartet . Es erschreckte sie , das sah ich deutlich , und ich benützte diesen Schrecken . Ich erzählte ihr Manches , das wenigstens so hätte seyn können - von Agathokles Treue zu Larissen , von manchem Schritt , den er gethan haben könnte , und - vielleicht auch gethan hat . Sie wurde zusehens stiller , nachdenklicher . An ihrem Hause beurlaubte ich mich von ihr , und erhielt mit vieler Artigkeit die Erlaubniß , unsere langst abgebrochene Bekanntschaft wieder zu erneuern , und sie zu besuchen . Was wollte sie auch Anders ? Sie ist in meiner Macht , ich weiß ein Geheimniß von ihr , das sie nicht gern laut werden lassen wird , sie muß mich scheuen . So knüpfen sich leise Fäden an , und wir wollen sehen , wohin sie führen . Zwei Tage später erfuhr ich denn auch , daß meine Vermuthungen nicht ganz ungegründet gewesen waren , und Theophania in dem Wittwenhause lebte , wohin man Agathokles nach seiner Verwundung gebracht hatte . Natürlich hatten sie sich erkannt , und alle alten Verhältnisse waren wieder hergestellt . Ich hätte nicht geglaubt , daß die Bestätigung einer Sache , die ich als längst geschehen oder wenigstens als nächstens geschehend , betrachten mußte , mich so tief reizen könnte . Ich wurde ärgerlich , ich fühlte , daß Theophania , vielleicht ihrer Sonderbarkeit wegen , mir mehr war , als die schöne Calpurnia , und ich entwarf meinen Plan . Er darf sie nicht besitzen - dies zu verhindern soll meine Sorge seyn . Indessen auch Calpurnia ist schön , ihr Vater Proconsul , und von mächtigem Einfluß , und ich werde vorsichtig genug seyn , um über Theophaniens ungewissen Besitz ein so nahes reizendes Glück nicht zu verscherzen . Ich denke immer , es sollen sich Beide vereinigen lassen . Nächstens hörst du mehr und bedeutenderes von mir . Leb ' wohl ! 77. Calpurnia an Sulpicien . Nikomedien , im März 303 . Hat ein Gott dir mein Geschick geoffenbaret ? Ist dir , als du nahe an der Pforte der Unterwelt warst , die Gabe der Weissagung verliehen worden ? Ja , meine Hoffnungen sind zernichtet , und die schwarze Gestalt ist mein böser Dämon - sie ist - das Aergste , was für mich auf Erden lebte ! Dein Brief hat mich sehr traurig gemacht . - So waren auch meine trüben Ahnungen über dein Schicksal wahr ! Du standest am Rande des Grabes , und ich bin getrennt von dir , und viele Tage vergehen , bis ich Nachricht von dir erhalten kann ! Längst kann ein unglücklicher Zufall die günstige Kunde Lügen gestraft haben , die ich vielleicht in diesem Augenblicke mit Freuden lese , und indem ich mit Vergnügen an deine Besserung glaube , hat ein neuer Anfall dich in Gefahr gesetzt . Du sprichst von meinem Verhältniß zu Agathokles mit düsterm , aber nur allzu wahrem Tone . Ja , es ist entschieden - für immer , und unwiderruflich ! Wenn ich hier noch zweifeln oder hoffen könnte , würde ich dem Wahnsinnigen gleichen , der sich einbilden könnte , das Schiff , das er in diesem Augenblick vom Sturm an den Felsen zertrümmern sah , werde in wenig Tagen wohlbehalten mit günstigem Winde in dem Hafen einlaufen . Jetzt erst , Sulpicia - jetzt , wo Alles klar und entschieden ist , fühle ich , daß der Eindruck tiefer war , als ich glaubte ! Larissa ist gefunden , sie und Theophania sind eine Person . Nun ist mir ihr ganzes Betragen in Synthium , seine Bewegung , als er ihre Briefe sah , seine Nachforschungen nach der räthselhaften ! Fremden begreiflich , in der sein ahnendes Herz die frühe Geliebte errieth . Sie lebt jetzt mit ihm in einem Hause , sie pflegt seine Wunden , sie ist den ganzen Tag um ihn , er wird sich unauflöslich mit ihr verbinden , er wird sein ganzes Glück in ihren Armen finden , und die übrige Welt wird aus seinen Blicken verschwinden . Beim Jupiter ! Eine seltsame Geschichte ! Und warum muß die Laune des Schicksals mich , gerade mich in das wunderbare Geschick dieser schwärmerischen Menschen verwickeln ? Warum mußte ich ihn kennen lernen ? Ich war so glücklich vor diesem Zeitpunkt . Habe ich ihn nach Rom beschieden , ihn angezogen , daß ich nun so bitter gestraft worden ? Du wirst dich erinnern , daß ich mich belauert glaubte , aus Vorsicht nahm ich das nächste Mal Phädo und seinen Sohn mit mir . Ich fand Agathokles wirklich gebessert , seine Stimme war stärker , sein Blick heiterer , aber mit der Kraft des Körpers schien auch die ganze Strenge seiner Gesinnungen wiederzukehren . Er hatte des Gespräches vom vorigen Abend nicht vergessen , er fing davon an , er drang mit hohem Ernst in mich , dem Höchsten und Heiligsten , wie er die Vorstellungen von unserer Bestimmung , der Zukunft , dem Schicksale nennt , meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen . Die Harte in seinen Aeußerungen überhaupt , sein Tadel meines Leichtsinnes , wie er es nannte , hätte mich aufbringen können . Aber die schöne Warme , der innige Antheil an meinem Wohl , der wie ein milder Sonnenstrahl aus dieser Strenge hervorbrach , sein Blick , der bald strafend , bald freundlich auf mir ruhte , bewegte mich wunderbar . Es erhob sich ein unruhiger Kampf in mir , ich wußte nicht , ob ich ihm zürnen , ob ich von seiner Freundschaft gerührt werden sollte . Das allein fühlte ich dunkel , was dein Brief so deutlich ausspricht - so hätte ich nicht von ihm empfangen werden , diese Gespräche hätten in unserer Lage nicht geführt werden sollen , wenn Alles gewesen wäre , wie es sollte ! Der letzte Grund aller meiner Empfindungen war Schaam und gekränkter Stolz , dem es an schicklichem Anlaß zum Ausbruch mangelte . Er deutete das Unentschiedene meines Benehmens falsch , er glaubte , mein Verstand schwanke zwischen meinen und seinen Vorstellungen , indessen Stolz und Zuneigung in meinem Herzen stritten . Er zog mich näher an sich , er beschwor mich um meiner selbst willen , um des Antheils willen , den er , so lange er mich kannte , an meinem wahren Glücke genommen habe , meine Ansichten zu berichtigen , und ernsthaft über so wichtige Gegenstände nachzudenken . Ich wurde gerührt , ich drückte seine Hand - ich weiß nicht , Sulpicia , wozu der Mann mich in diesem Augenblicke hätte bereden können ! Es war ein seltsames Verhältniß von mir zu ihm . Nicht Er - wie ich es sonst gewohnt war zu sehen - Ich war der untergeordnete , der zurechtgewiesene , der nachgebende Theil , und eine Stimme in der innersten Tiefe meines Herzens erhob sich immer lauter und lauter , um mir zuzurufen , daß ich noch nie so glücklich gewesen war , als in diesem Augenblicke . Was war das , Sulpicia ? Welche wunderbare , welche unerhörte Erscheinung ! Ich setzte mich neben ihn , meine Hand ruhte in der seinigen , sein glühendes Auge , die seine Röthe , die beim lebhaften Gespräche sein blasses Gesicht überflog , sein rundlächelnder Mund , unser ganzes Verhältniß - ach , Alles war so anziehend , so gefährlich ! Zur guten Stunde rettete mich Urania ! Man meldete den Prinzen . Ich warf Mantel und Kappe über . » Du kommst doch Morgen wieder ? « rief er mit einem Tone , der mehr als freundlich war . » Gewiß , gewiß , mein theurer Freund ! « Ich drückte seine Hand , und entfloh schnell neben Constantin vorbei , der bereits durch den Porticus herauf kam . Kaum war ich , verloren in tausend süße Vorstellungen , ein Paar hundert Schritte gegangen , als die verhüllte Gestalt , die mir schon zweimal gefolgt war , schnell auf mich zutrat , mich bei der Hand faßte , und mit einer bekannten Stimme sagte : So trifft man die spröde Larissa , in dieser Kleidung , und um diese Zeit ? - Der Name wirkte in diesem Augenblicke schrecklich auf mich - ich vergaß , daß ich verborgen bleiben wollte . - Larissa ! rief ich , fuhr empor , und sah den Fremden erstaunt an . Er warf in eben dem Augenblicke seine Kappe ab - und so gerechte Götter ! Marcius Alpinus stand vor mir , der Mensch , von dem ich unter allen Sterblichen am letzten und unliebsten entdeckt werden wollte ! Auch er schien betroffen , mich zu erblicken , es war deutlich , daß er Jemand andern zu sehen gehofft hatte ! Also Larissen . Also lebte sie - also war sie in der Nähe ! Ich fühlte , daß mir eine Ohnmacht nahe war . Marcius Betroffenheit gab mir Zeit , mich zu sammeln . Ob er die wahre Ursache meiner Verkleidung errieth , weiß ich nicht , aber ich habe Grund es zu glauben , obwohl der schlaue Höfling sein genug war , mir eine vollendete Beschämung zu ersparen . O er war sich nur zu gut bewußt , daß er die Faden des Gewebes , das ihm ein unseliger Zufall in die Hand spielte , dadurch nur fester um mich zog ! Er bot mir seine Begleitung an - wie konnte ich sie ausschlagen ? Es lag mir auch zuviel daran , durch ihn etwas Bestimmteres von dieser Larissa zu erfahren . Er hatte sie in Nicäa , unter dem Namen Theophania kennen gelernt , und ich müßte mich sehr irren , wenn sie nicht einigen Eindruck auf ihn gemacht hat . Wie sie den Händen der Gothen und dem Tode entgangen ist , wußte er nicht zu sagen , oder wollte es nicht . Genug sie lebte , und trieb mit seiner Kunst ihr Spiel so lange und so geschickt , bis sie endlich , ohne sich blos zu geben , in Agathokles Nähe , und zu der Möglichkeit gekommen war , ihre alten Ansprüche geltend zu machen . Er hat ihr in Nicäa nachforschen lassen - sie spielte die Spröde , entfloh ihm , um ihn mehr zu reizen - und ließ sich endlich hier von ihm finden . Die Heuchlerin ! Ich schlief die Nacht wenig . Entgegengesetzte , quälende Empfindungen durchkreuzten mein Innerstes . Ich beschloß , meinem Vater die ganze Sache zu entdecken . Er nahm sie so auf , wie ich besorgt hatte - nicht hart , aber streng . Was mich am tiefsten verwundete , war die Wahrnehmung , daß nicht meine Neigung für Agathokles , nur mein gewagter Schritt seinen Tadel erregte . Eine unverhehlte Achtung , eine väterliche Zuneigung sprach sich unwillkührlich in seinen Aeußerungen aus , und ich fühlte mit tiefem Schmerz , daß ihm dieser Schwiegersohn vor allen Andern lieb gewesen wäre . Spät am Abend dieses Tages - du kannst denken , daß ich nicht mehr zu Agathokles ging - ließ sich Constantin melden . Sein Besuch ist eine solche Seltenheit in unserm Hause , daß mich unter den jetzigen Umständen eine schaurige Ahnung böser Neuigkeiten überlief . Sie hatte mich nicht getäuscht . Nach einer artigen Einladung kam er auf die Ursache seines Besuches . Die Gastfreundschaft , die so lange zwischen unserm und Agathokles Hause bestanden habe , lasse ihn vermuthen , daß wir Alle - merke wohl , Sulpicia , er war zartfühlend genug , um mich nicht allein zu nennen - wahren Antheil an dem Schicksal unsers Freundes nehmen würden , und er habe uns eine sehr günstige Wendung desselben zu berichten . Agathokles habe seine Larissa wieder gefunden , sie sey durch wunderbare Ereignisse , die er uns ganz vollständig erzählte , dem Tode und der Gefangenschaft entgangen , habe sich vor den Nachstellungen eines bösen Menschen hieher in das Wittwenhaus geflüchtet , ihrer Sorgfalt sey Agathokles , der keine Ahnung von ihrer Gegenwart , und kaum eine von ihrem Leben hatte , übergeben worden , sie habe drei Tage noch unerkannt mit ihm in demselben Hause zugebracht , und erst heute sich ihm entdeckt . Wer hatte nun die Unwahrheit erzählt , Marcius oder Constantin ? Und war nicht vielleicht Marcius selbst der Bösewicht , dessen Nachstellungen sie entgehen wollte ? Zu gut ist er nicht für diesen Verdacht . Wie dem immer seyn mag - genug , sie lebt , er hat sie wieder . Das Ende der Geschichte läßt sich an den Fingern abzählen . Einer der interessantesten Menschen seiner Zeit wird sich in dem alltäglichen Ehemann eines alltäglichen unbedeutenden Geschöpfes verlieren ! Ich hasse diese Theophania , oder Larissa , die wohl so viel Außenheiten als Namen haben mag . Ich halte sie für eine Heuchlerin . Was soll diese Komödie der Verborgenheit ? Wenn sie wahrhaft liebte - wie war es ihr möglich , sich ihm zu entziehen ? Aber sie will verwirren , reizen , anziehen , und da sie wohl fühlt , daß ihre höchst mittelmäßige Gestalt keinen bedeutenden Eindruck machen wird , nimmt sie ihre Zuflucht zu Künsten . Man muß sich in dichte Schleier hüllen , etwas Sonderbares , Geheimnißvolles um sich ziehen , man muß die Rolle der selbstverläugnenden , verkannten Zärtlichkeit spielen , bescheiden entfliehen , wenn die gefürchtete Nebenbuhlerin eintritt , aber durch ein wohlangebrachtes Schluchzen die Aufmerksamkeit auf die Entfliehende heften - man muß lange auf sich warten lassen , um dem Wenigen , was man zu geben hat , mehr Werth zu verleihen ! O ich kenne diese Ränke , diese Miene der duldenden Sanftmuth - sie verbirgt meist ein listiges tückisches Gemüth , das jene Zwecke heimlich zu erschleichen strebt , die es offenbar nie erreichen würde ; ich kenne die verfeinerte Buhlerei dieser Geschöpfe , die bei der Ohnmacht der Natur ihre Zuflucht zur Kunst nehmen ! Ich habe sie von jeher gehaßt , und diese Theophania am meisten ! Sie war mir widerlich , als ich sie zuerst in Synthium sah . Ich bin offen , froh und heiter , wie mich die Natur gebildet hat ; ich liebe und hasse , wie es mein Herz befiehlt , und verlange nicht eine Neigung zu verbergen , deren ich mich nicht zu schämen habe . Ich bin zu Agathokles geeilt , als ich ihn in Gefahr glaubte , ich habe ihm meine Freundschaft unverholen gezeigt , in allem meinem Werth oder Unwerth stand ich vor ihm , von seinem Herzen allein erwartete ich meine Würdigung , nicht von Schauspielkünsten , die ich verachte und verschmähe . Aber das wollen die Männer nicht - sie wollen getäuscht , gereizt , hingehalten seyn , und darum , wenn so ein von der Natur vernachlässigtes Geschöpf einmal sich die Herrschaft über ein Männerherz zu erobern gewußt hat , dann ist ihre Macht auch unzerstörbar , denn weder Zeit noch Alter , noch Krankheit kann den Zauber enden , der nicht auf den Einfluß der Sinne gestützt , der blos in der Einbildungskraft und dem Gemüthe gegründet ist . Das ist also das Ende aller jener Aussichten , Hoffnungen - Erwartungen ! Sulpicia ! Wer mir das gesagt hätte , als ich ihm bei dem kleinen Feste den Kranz aufsetzte , als er erröthend , gerührt , betroffen , und in dieser Verlegenheit so liebenswürdig vor mir stand ! - O es ist zu arg , zu arg ! 78. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im März 303 . Constantins Brief , den ich in meinem Namen an dich zu schreiben bat , wird dich von Allem unterrichtet haben , was seit einigen Wochen mit mir vorgegangen ist . Jetzt ist meine Wunde am Arm , die unbeträchtlichste von allen , ganz geheilt , und der erste Gebrauch , den ich von dieser Genesung mache , ist , dir zu sagen , daß ein wunderbares Verhängniß mich plötzlich an das Ziel geführt hat , das beinahe , seit ich lebe , der Gegenstand meiner heißesten Wünsche , meines Entzückens , und oft meiner Verzweiflung war . Larissa ist mein . Sie lebt , sie ist frei , und in wenig Tagen wird eine heilige Ceremonie die Gefühle weihen und rechtfertigen , die unsere Herzen seit unserer Kindheit zu Einem Wesen gemacht haben ! Wie sie dem Tod und der Gefangenschaft entgangen ist , warum ihr feines Gefühl sie bewog , sich durch sechs Monate meiner heißen Sehnsucht zu entziehen , wird dich die Abschrift ihrer Erzählung belehren , die ich hier beischließe . O Phocion ! Welch ein Gemüth ! Welche himmlische Sanftmuth im Handeln , welche stille Kraft im Dulden der schwersten Schicksale ! Nun ist sie mein , und nun sey es meine heiligste Pflicht , dies zarte Leben , das mir , seit ich denken kann , geweiht war , zu leiten , zu verschönern , und vor jedem Ungemach treu zu bewahren . Es wäre vergeblich , wenn ich dir meine Gefühle schildern wollte , als Constantin , dem sie sich entdeckt hatte , mir die erste Ahnung ihres Daseyns gab , als er mich nach und nach errathen ließ , daß sie Wittwe , daß sie mir unverbrüchlich treu , in meiner Nähe , unter Einem Dache mit mir sey . Die Schwache meines damaligen Zustandes , und dies längst aufgegebene Entzücken beraubten mich des Bewußtseyns . Mit heißem Ungestüme verlangte ich sie zu sehen , sobald ich meiner Sinne mächtig war . Man wollte das nicht , man fürchtete , eine solche Scene würde nachtheilig auf meine Gesundheit wirken . O der schwachen Furcht ! wie könnte die Vereinigung der zwei Hälften eines Wesens , die getrennt ohnmächtig traurend dahin schmachteten , etwas Anderes als ihr höchstes Glück seyn ! Sie kam . Erröthend , zitternd , weinend blieb sie von ferne stehen . Ach , sie hatte es vermocht , an meiner Treue zu zweifeln ! Sie hatte es vermocht , vier Tage mit mir in Einem Hause zu seyn und sich zu verbergen ! Ich rief sie . Mit dem Tone erwachte das Vergangenheit in ihrer Seele . Alles , was Mißverständniß und Bosheit zwischen uns gelegt hatte , verschwand . Sie sank an mein Herz , unsere Blicke sprachen , jeder Zweifel entwich . Rein , wie entkörperte Geister ungehindert von irdischen Beschränkungen , senkte mit einem Blick sich Seele in Seele , verstanden sich die unsterblichen Bewohner unserer Hüllen - bedurfte es keiner Worte , um sich anschauend zu erkennen , und im eigenen Gemüthe Alles zu finden und zu fühlen , was in dem andern vorging ! Sie ist mein - im höchsten ausschließendsten Sinne des Worts mein - mein Geschöpf , wie sie sich selbst nannte ! Als ich das erste Mal mein Zimmer verlassen durfte , leitete sie meine Schritte . Sie hatte ein Fest veranstaltet , wie nur die innigste Liebe es ersinnen kann . Mit allen Blumen , die der Frühling jetzt in ' s Leben ruft , war das freundlich helle Gemach geschmückt , in das sie mich führte . Ihre zarten Gestalten , ihre Düfte umfingen mich ebenfalls in ' s Leben Zurückgekehrten - und in welches Leben der Seligkeit ! Laue Lüfte , milde Strahlen der Frühlingssonne drangen aus dem Garten durch die offene Thüre in das duftende Zimmer . Hier hatte sie mir ein Ruhebett bereiten lassen - hier athmete ich an ihrer Brust zum ersten Mal die freie Luft , traf mich zum ersten Mal der Strahl der Frühlingssonne . Sie hängt an mir mit allen Kräften ihres Wesens , mit allen ihren Gefühlen und Gedanken . Ich weiß , daß es nur eines Wortes , einer leisen Anregung bedürfte , um sie zu jedem Opfer zu vermögen ; aber eben in dem Bewußtseyn dieser unumschränkten Gewalt über ihr Gemüth liegt für mich die heiligste Verbindlichkeit , ihrer nie zu mißbrauchen , und jeden Schein von Uebergewicht zu vermeiden . Diese heilige Scheu von einer Seite , und die innigste Hingebung von der andern erzeugt ein Verhältniß , dessen Reinheit und zartes Leben unserer Verbindung einen Reiz gibt , den Witz , Schönheit und Leidenschaft vergeblich nachzuahmen streben würden . Was ist aller Zauber äußerlicher Reize , was die Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes , und die Abwechslung , die nur von Absicht oder Laune zeugt , gegen die unwiderstehliche Gewalt der Sanftmuth , und des innigsten Zutrauens ? Und sie ist auch schön , - sie ist es nicht blos in meinen Augen ! Mir zu Liebe putzt sie sich wieder . Ich äußerte neulich den flüchtigen Wunsch , sie einmal anders , als in dem gar zu schlichten Anzuge der Bewohnerin dieses Hauses zu sehen . Am andern Morgen trat sie zwar einfach , aber höchst edel gekleidet in den Garten , wo ich ihrer Ankunft länger als gewöhnlich geharrt hatte . Ein goldner Gürtel faßte das blendendweiße Gewand unter dem keusch verhüllten Busen , goldne Spangen umzirkelten die schönen Arme , und über den hellbraunen Locken floß ein nebelartiger Schleier bis zu ihren Füßen nieder , und folgte ihr bei jedem Schritte in langsamen Bewegungen , Freude und Liebe hatten ein feines Röth über ihre Wangen gehaucht , das große dunkle