er in den Traum und Abend hinein , wo er diesen weißen Geist wieder finden , auch über die Blässe fragen konnte ; denn er erriet fast leichter Seelen-Schminke als Wangen-Schminke , diese rote Herbstfarbe fallender Blätter statt der Frühlingsröte jungfräulicher Blüte . Weiße Schminke erraten Gelehrte noch schwerer oder gar nicht , weil sie nicht absehen können , sagen sie , wo sie nur anfange . Die Maske saß auf und sprengte seitab nach St. Lüne zu . Gottwalt wußte , daß , wenn er den Weg nach Joditz einschlüge , der weissagende Traum , daß er da mittags essen werde , schon halb in Erfüllung gehe ; - er nahm also diesen Weg . Es sei , daß der zweite Reisetag an der Natur den blendenden Glanz abwischet , oder daß sein unruhiger Blick in das geweissagte Rosenhof und dessen Gaben das leise Grün der Natur , das wie ein Gemälde nur in ein stilles Auge kommt , verscheuchte : genug , statt des gestrigen beschaulichen Morgens hatt ' er jetzt einen strebenden , tätigen . Er saß selten nieder , er flog , er stand und ging als Befehlshaber an der Spitze seiner Tage . Wär ' ihm Don Quijotes Rosinante auf einer Wiese grasend begegnet , er hätte sich frei auf die nackte geschwungen ( er wäre sein eigner Sattel gewesen ) , um in die romantische Welt hineinzureiten bis vor die Haustüre einer Dulzinee von Toboso . Er sah vorrübergehend in eine hackende Ölmühle und trat hinein ; die Riesenmaschinen kamen ihm lebendig vor , die hauenden Rüssel , die unaufhaltbaren Stampf-Mächte und Klötze wurden von seltsamen Kräften und Geistern geregt und aufgehoben . Durch den rein-blauen Himmel brausete ein unaufhörlicher Sturm - der seine eigne Windharfe war - ; aber nichts weht weiter in Zauber- und Zukunfts-Länder als eine solche unsichtbare tönende Gewalt . Geister flogen im Sturm ; die Wälder und Berge der Erde wurden von Überirdischen geschüttelt und gerückt ; -die äußere Welt schien so beweglich zu werden , wie es die innere ist . Überall lagen auf den Felsen Ritterschlösser - in den Gärten Lustschlösser - an den kleinen Rebenbergen weiße Häuserchen - zuweilen da eine rotglänzende Ziegelhütte , dort das Schieferdach einer Korn- oder Papiermühle . - - Unter allen diesen Dächern konnten die seltensten Väter und Töchter und Begebenheiten wohnen und heraustreten und auf den Notar zugehen ; er versah sich dessen ohne Furcht . Als eine zweite Straße seine zu einem Kreuzwege , diesem Andreaskreuze der Zauberinnen , durchschnitt : so wehten ihn tiefe Sagen schauerlich aus der Kindheit an ; im Brennpunkte der vier Welt-Ecken stand er , das fernste Treiben der Erde , das Durcheinanderlaufen des Lebens umspannt ' er auf der wehenden Stelle . Da erblickt ' er Joditz , wo er Vults Traume nach essen sollte . Es kam ihm aber vor , er hab ' es schon längst gesehen , der Strom um das Dorf , der Bach durch dasselbe , der am Flusse steil auffahrende Wald-Berg , die Birken-Einfassung und alles war ihm eine Heimat alter Bilder . Vielleicht hatte einmal der Traumgott vor ihm ein ähnliches Dörfchen aus Luft auf den Schlaf hingebauet und es ihn durchschweben lassen37 . Er dachte nicht daran , sondern an Abenteuer und an die Natur , die gern mit Ähnlichkeiten auf Steinen und in Wolken und mit Zwillingen spielet . Im Joditzer Wirtshaus wurd ' er wieder überrascht durch Mangel an allem Überraschenden . Nur die Wirtin war zu Hause und er der erste Gast . Erst später kam mehr Leben an , ein Böheimer mit vier Verkaufschweinchen und dem Hunde ; aber da dieser sehr lamentierte , daß er lieber vier Herden treiben und absetzen wollte als allemale die letzten Äser , mit denen es nie ein Ende nehme : so ließ sich Walt seine Sonnenseite nicht länger zur Winterseite umdrehen , sondern zog mit einer Portativ-Mahlzeit davon . Er gelangte in einen felsigen stillen Wald und glitt vom Weg ab und lief so lange einer immer enger ablaufenden Schlucht nach , bis er an die sogenannte stille Stelle kam , die er im Tagebuche so beschreibt : » Die Felsen drängen sich einander entgegen und wollen sich mit den Gipfeln berühren , und die Bäume darauf langen wirklich einander die Arme zu . Keine Farbe ist da als Grün und oben etwas Blau . Der Vogel singt und nistet und hüpft , nie gestört auf dem Boden , außer von mir . Kühle und Quellen wehen hier , kein Lüftchen kann herein . Ein ewiger dunkler Morgen ist da , jede Waldblume ist feucht , und der Morgentau lebt bis zum Abendtau . So heimlich eingebauet , so sicher eingefasset ist das grüne Stilleben hier und ohne Band mit der Schöpfung als durch einige Sonnenstrahlen , die mittags die stille Stelle an den allgewaltigen Himmel knüpfen . Sonderbar , daß gerade die Tiefe so einsam ist wie die Höhe . Auf dem Montblanc fand Saussure nichts als einen Tag- und einen Nachtschmetterling , was mich sehr erfreuete . Am Ende wurde ich selber so still als die Stelle und schlief ein . Ein Zaubertraum nach dem andern legte mir Flügel an , die bald wieder zu großen Blumenblättern wurden , auf denen ich lag und schwankte . Endlich war mir , als rufe mich eine Flöte beim Namen und mein Bruder stehe dicht an meinem Bette . Ich schlug die Augen auf , allein ich hörte fast gewiß noch eine Flöte . Ich wußt ' aber durchaus nicht , wo ich war ; ich sah die Baumgipfel mit Glut-Rot durchflossen ; ich entsann mich endlich mühsam der Abreise aus Joditz und erschrak , daß ich eine ganze Nacht und den prophezeieten Abend in Rosenhof hier verschlafen hätte ; denn ich hielt die Röte für Morgenröte . Ich drängte mich durch den tauenden Wald hindurch und auf meine Straße hinaus - ein prächtiges Morgen-Land faltete vor mir die glühenden Flügel auf und riß mein Herz in das allerheiterste Reich . Weite Fichtenwälder waren an den Spitzen gelbrot besäumt , freilich nur durch mordende Fichtenraupen . Die liebe Sonne stand so , daß es der Jahreszeit nach 5 3 / 4 Uhr am Morgen sein mochte , es war aber , die Wahrheit zu sagen , 6 1 / 2 Uhr abends . Indes sah ich die Lindenstädter Gebürge rot von der entgegenstehenden Sonne übergossen , die eigentlich der östlichen Lage nach über ihnen stehen mußte . Ich blieb im Wirrwarr , obgleich die Sonne vielmehr fiel als stieg , bis ein junger hagerer Maler mit scharfen und schönen Gesichtsknochen und langen Beinen und Schritten und einem der größten preußischen Hüte vor mir dahin vorüber wollte , mit einer Maler-Tasche in der Hand . Guten Morgen , Freund , sagt ' ich , ist das die Straße nach Rosenhof , und wie lange ? - Dort hinter den Hügeln liegts gleich . Sie können in einer Viertelstunde noch vor Sonnenuntergang ankommen , wenn die Fähre eben da ist . Er entlief mit seinen gedachten Schritten , und ich sagte : Dank , gute Nacht . Es war mir aber gewaltsam , als wenn sich die Welt rückwärtsdrehte , und als wenn ein großer Schatte über das Sonnen-Feuer des Lebens käme , da ich den Morgen zum Abend machen mußte . « So weit seine Worte . Jetzt stand der Notar still , drehte sich um , eine lange Ebene hinter ihm schlossen unbekannte Berge zu ; vor ihm standen sie , wie Sturmbalken der Gewitter , gehörnt und gespalten hinter den Hügeln gen Himmel , und die Berg-Riesen trugen die hohen Tannen nur spielend . Der fliegende Landschaftsmaler , sah er , setzte sich auf die Hügel und schien , nach seiner Richtung zu schließen , die verdeckte Stadt Rosenhof auf sein Zeichenpapier heraufzutragen . Gott , dachte Walt , nun begreif ' ichs einigermaßen , wie die Stadt liegen mag , wie göttlich und himmlisch , wenn der Landschaftsmaler von Bedeutung sich davor setzt und nur sie abreißet , indes er hinter seinem Rücken eine Landschaft weiß , die einen Fremdling , der jene nicht kennt , ordentlich mit Abend-Glanz und Ansicht überhäuft . Als er oben vor die Aussicht kam , stand er neben dem Stand- und Sitzpunkte des Malers still und rief nach dem ersten Blick auf die Landschaft aus : » Ja , das ist des Malens wert . « - » Ich zeichne bloß « , sagte der gebückte Maler , ohne aufzublicken . Walt blieb stehen , und sein Auge schweifte von dem breiten Rosana-Strome zu seinen Füßen aufwärts zur Stadt am Ufer und Gebürg und stieg auf die waldigen zwei Felsen-Gipfel über der Stadt und fiel auf die Fähre , die , voll Menschen und Wagen zwischen Seilen , zu seinem Ufer voll neuer Passagiere herüberglitt , und sein Auge flog endlich den Strom hinab , der , lang von der Abendsonne beglänzt , sich durch fünf grüne helle Inseln brennend drängte . Die Fähre war gelandet , neues Schiffsvolk und Fuhrwerk eingestiegen , sie wartete aber noch und , wie es ihm vorkam , auf ihn . Er lief hinab und sprang auf das Fahrzeug . Allein es wartete auf schwerere Befrachtung . Er schauete auf drei hier einlaufende Straßen hinauf . Endlich bemerkte er , daß im Abendglanze ein zierlicher Reisewagen mit vier Pferden , lange Staubwolken nachschleppend , daherrollte . Darüber mußte der Notar frohlocken , weil schon ein Fuhrmanns-Karren mit Pferden auf der Fähre stand und der Reisewagen mit den seinigen sie noch viel gedrängter und bunter machte , als sie es schon durch den Kongreß von Bettlern , Boten , Spaziergängern , Hunden , Kindern , Wandergesellen und Grummet-Weibern war , wozu noch der Tiroler , der Geburtshelfer und der Bettelmann kam , die ihm unterwegs begegnet waren . Die Fähre war ihm ein zusammengepreßter Marktplatz , der schwamm , ein stolzes Linien-Schiff zwischen zwei Linien-Seilen , ein Bucentauro , aus welchem seine Seele zwei Vermählungsringe auswarf , einen in den Seestrom , einen in den glänzenden Abendhimmel . Er wünschte halb und halb , die Überfahrt wollte sich durch einige Gefahr , die andern nichts schadete , noch trefflicher beleben . Ein schöner stattlicher Mann stieg vorher aus dem angekommenen Wagen aus , eh ' dieser auf das enge Fahrzeug getrieben und da gehörig eingeschichtet wurde ; er traue seinen Pferden nicht , sagte der Herr . Walt fuhr ihm fast ohne ausgezeichnete Höflichkeit entgegen vor Jubel , denn er sah den General Zablocki vor sich . Dieser , durch Reisen häufiger an solche Erkennungen gewöhnt , bezeugte ein ruhiges Vergnügen , seinen erotischen Sekretär hier anzutreffen . Der lange Postzug stolperte endlich in die Fähre mit dem Wagen herein , und aufzitternd sah Walt , daß Zablockis schöne Tochter darin saß , die Augen auf die fünf Inseln heftend , welche der Sonnenglanz mit Rosenfeuer überschwemmte . Sein Herz brannte sanft in seinem Himmel , wie die Sonne in ihrem , und ging selig auf und selig unter . Schon der leere Bekannte wär ' ihm auf unbekanntem Boden wie ein Bruder erschienen ; aber nun die still geliebte Gestalt - sie gab ihm einen Seelen-Augenblick , den kein Traum der Phantasie weissagt . Er stand an der Morgenseite des Kutschenschlags und durfte allda ohne Bedenken , da auf der Fähre alle Welt fest stehen muß , verharren und in einem fort hineinsehen ( er hatte sich gegen den Wagen umgekehrt ) ; er schlug aber die Augen oft nieder , aus Furcht , daß sie ihre herumwende und von seinen gestöret werde , ob er gleich wußte , daß sie , geblendet von der Sonne , anfangs so viel sähe als nichts . Er vergaß , daß sie ihn wahrscheinlich gar nie angesehen . Nach der herrlichen Pracht-Sonne und nach den fünf Roseninseln sah er nicht hin , sondern genoß und erschöpfte sie ganz dadurch , daß er der stillen Jungfrau und dem stummen Abendtraume , womit sie auf den goldnen Inseln ruhte , mit tausend Wünschen zusah , es mög ' ihr doch noch besser ergehen , und himmlisch , und darauf noch herrlicher . Von weitem wars ihm , als wenn die Rosana flösse und die Fähre schiffte und die Wellen rauschten , und als wenn die waagrecht einströmende Abendsonne Hunde und Menschen mit Jugendfarben überzöge und jeden Bettler und Bettelstab vergoldete , desgleichen das Silber der Jahre und Haare . Aber er gab nicht besonders acht darauf . Denn die Sonne schmückte Wina mit betenden Entzückungen und die Rosen der Wangen mit den Rosen des Himmels ; - und die Fähre war ihm ein auf Tönen sich wiegender Sangboden des Lebens , ein durch Abendlicht schiffendes Morgenland , ein Charons-Nachen , der das Elysium trug zum Tartarus des Ufers . Walt sah unkenntlich aus , fremd , überirdisch , denn Winas Verklärung warf den Widerschein auf ihn . Ein Krüppel wollte ihm in der Nähe etwas von seiner Not vorlegen , aber er faßte nicht , sondern hassete es , wenn ein Mensch an einem solchen Abend nicht selig war , wo sich die bisher betrübte Jungfrau erheiterte und sich die Sonne gleichsam wie eine liebe warme Schwester-Hand an das Herz drückte , das bisher oft in mancher kalten dunkeln Stunde schwer geschlagen . » Hätt ' er nur kein Ende , der Abend « , wünschte Walt , » und keine Breite die Rosana - oder man beschiffte wenigstens ihre Länge , fort und fort , bis man mit ihr ins Meer verschwämme und darin unterginge mit der Sonne . « Eben war die Sonne über dem Strome untergegangen . Langsam wandte Wina das Auge ab und nach der Erde , es fiel zufällig auf den Notar . Er wollte einen Gruß voll Verehrungen spät in den Wagen werfen , aber die Fähre schoß heftig vom Ufer zurück und zerstieß das wenige , was er zusammengebauet . Der Wagen fuhr bedächtlich ans Land . Walt gab an 4 Groschen Fährgeld ; » für wen noch ? « fragten die Fährleute . » Für wer will « , versetzte Walt ; darauf sprangen , ohne zu fragen und zu zahlen , mehr als zu viele ans Land . Der General wollte zu Fuß in die schöne Garten-Stadt , Walt blieb neben ihm . Jener fragte , ob ihm gestern keine Komödianten begegnet . Er berichtete , daß sie diesen Abend in Rosenhof spielten . » Gut ! « sagte Zablocki - » so essen Sie abends bei mir im Granatapfel- Sie übernachten doch ? - und morgens sieht man in Sozietät die ganze splendide Felsen-Gruppe , die Sie droben über der Stadt bemerken . « Die Entzückung über diese Gabe des Geschicks spricht Walt in seinem Tagebuch kurz so aus : » Wie ich vor ihm darüber meine Freude aussprach , lieber Bruder , das kannst du dir vielleicht besser denken als ich jetzt . « Nr. 47. Titanium Kartause der Phantasie - Bonmots Es gibt schwerlich etwas Erquicklicheres , als abends mit dem General Zablocki hinter dem Wagen seiner Tochter zwischen den Gärten voll Rosensträuche in die schöne Stadt Rosenhof einzugehen - ohne alle Sorge und voll Ausmalungen des Abendessens zu sein - und den schönen Eß-Rauch über der Stadt ordentlich für die Zauberwolke zu halten , womit der gute Genius in Vults Briefe sie überzogen - und von den wirtlichen reinen breiten Gassen und den leichten vergänglichen Spielen und Zwecken des Lebens immer gerade zu den draußen über der Vorstadt stehenden finstern Gebirgshäuptern aufzusehen , die so nahe aus ihrer kalten Höhe auf die Häuser und die Türme herunterschauen . Besonders nahm den Notar die grünende Gasse ein , wo der Granatapfel logierte : » Mir ist ordentlich « , sagte er begeistert und redselig zum General , » als ging ' ich in Chalcis in Euböa38oder auch einer andern griechischen Stadt , wo so viele Bäume in den Gassen standen , daß man die Stadt kaum sah . Gibt es eine schönere Vermischung von Stadt und Land als hier , Exzellenz ? Und ist Ihnen nicht auch der Gedanke süß , daß hier zu einer gewissen Zeit , so wie in Montpellier , alles in Rosen und von Rosen lebt , wenn man auch gleich jetzt nichts davon sieht als die Dornen , Herr General ? « Dieser , der nicht darauf gehorcht hatte , rief seinem Kutscher einen derben Fluch zu , weil er mit seinem Wagen fast an dem Fränzelschen geentert hätte . Walt sagte , das seien die Akteurs ; und forderte vom Wirt ein vortreffliches Zimmer , das man ihm leicht zugestand , weil man ihn für einen Sekretär Zablockis ansah , was noch dazu richtig war in Rücksicht der erotischen Memoiren . Da er dareingeführet wurde , erstaunte er schon vorläufig über den Prunk des Prunkzimmers und wurde gerührt von seinem Glücksschwung , was zunahm , als er den Bettelstab , dem er seinen Hut aufsetzte , an den Spiegeltisch stellte . Da er aber in höchster Bequemlichkeit und Seelen-Ruhe auf und ab ging , die Papiertapeten statt des ihm gewöhnlichern Tapetenpapiers - die drei Spiegel - die Kommode-Beschläge mit Messing-Masken die Fenster-Rouleaus - und vollends die Bedientenklingel ausfand : so läutete er diese zum erstenmal in seinem Leben , um sogleich ein Herr zu sein und , wenn er eine Flasche Wein sich bringen lassen , nun die süßquellende Gegenwart gehend auszuschlürfen und überhaupt einen Abend zu erleben , wie irgendein Troubadour ihn genossen . » Troubadours « , sagt ' er sich , indem er trank , » übernachteten oft in sehr vergoldeten Zimmern der Höfe - den Tag vorher vielleicht in einer Moos- und Strohhütte - wie Töne durchdrangen sie hohe und dicke Mauern - und dann pflegten sie sich darin noch die schönste Dame von Stand zu aufrichtiger Liebe auszulesen und , gleich Petrarca , solche in ewiger Dichtung und Treue gar nie selber zu begehren « - setzt ' er dazu und sah an die Wand des - Generals . Zablockis Zimmer war seinem durch eine zweimal verriegelte Wand- und Transito-Türe versperrt und verknüpft . Er konnte gehend - denn stehend zuzuhören , hielt er für Unrecht - auspacken und jedes heftige Wort des Vaters an Bediente und den süßen Ton , worein Wina sie , wie eine Äolsharfe den Sturmwind , auf der Stelle übersetzte , leicht vernehmen . Ob er gleich hoffte , unten in der breiten Gaststube Jakobinen wieder und viel bekannter anzutreffen : so hielt er es doch für seliger , neben der nahen Nonne Wina als Wandnachbar auf und ab zu spazieren und sie unaufhörlich sich vorzustellen , besonders das große beschattete Auge und die Freundlichkeit und Stimme und das Abendessen neben ihr . Er hörte endlich , daß der General sagte , er gehe ins Schauspiel , und daß Wina bat , zurückbleiben zu dürfen , und daß sie darauf ihrer Kammerdienerin - der gottlosen Sängerin Luzie - die Erlaubnis gab , sich im Städtchen umzusehen . Alsdann wurde alles still . Er sah zum Fenster hinaus an ihres . Winas beide Fenster-Flügel ( sie schlugen sich nach der Gasse auf ) waren offen und ein Licht im Zimmer und am Wirtshausschild ein Schattenriß , der sich regte . Da er aber nichts weiter sah , so kehrte er wieder mit dem Kopf in seine Stube zurück , worin er - so gehend , trinkend , dichtend - ein aus Rosenzucker gebackenes Zuckerbrot , ja Zucker-Eiland nach dem andern aus dem Backofen auf der Schaufel behutsam herausholte ; - » O ich bin so glücklich ! « dacht ' er und sah nach , ob man keine Armenbüchse an die Papiertapeten geschraubt , weil er in keinem Wirtshause vergaß , in diese Stimm-Ritze unbekannter Klagstimmen , soviel er konnte , zu legen ; aber das Zimmer war zu nett zu Wohltaten . Es wurde sehr dunkel . Der frühe Herbstmond stand schon als ein halbes Silber-Diadem auf einem Gebirgshaupt . Der Kellner kam mit Licht , Walt sagte : » Ich brauche keines , ich esse bei dem Hrn . General . « Er wollte das stubenlange Mondlicht behalten . An der Fensterwand wurde ihm endlich dadurch eine und die andere Reise-Sentenz von frühern Passagieren erleuchtet . Er las die ganze Wand durch , nicht ohne Zufriedenheit mit den jugendlichen Sentenzen , welche sämtlich Liebe und Freundschaft und Erden-Verachtung mit der Bleifeder anpriesen . - » Ich weiß so gut als jemand « , schreibt er im Tagebuch , » daß es fast lächerlich , wenn nicht gar unbillig ist , sich an fremde Zimmerwand anzuschreiben ; dennoch ergötzet den Nachfahrer ein Vorgänger sehr dadurch , daß er auch dagewesen und die leichte Spur eines Unbekannten einem Unbekannten nachgelassen . Freilich schreiben einige nur den Namen und Jahrszahl an ; aber einem wohlwollenden Menschen ist auch ein leerer Name lieb , ohne welchen eine entrückte verreisete Gestalt doch mehr ein Begriff bliebe als ein Begriffenes , weniger ein Mensch als eine luftige , auch wohl ätherische Menschheit . Und warum soll man denn einen leeren Gedanken lieber haben und vergeben als einen leeren Namen ? « - Ich nehm ' es gar nicht übel , daß einer bloßhin anschrieb J. P. F. R. Wonsidel : Martii anno 1793 - oder ein anderer Vivat die A. etc. , die B. etc. , die C. etc. , die J. etc. - oder das Französische , Griechische , Lateinische , auch Hebräische . - Und es stehen ja oft kostbare Sentenzen daran wie folgende : » Im physischen Himmel glauben wir stets in der Mitte zu sein ; aber in Rücksicht des innerlichen glauben wir immer am Horizont zu stehen ; im östlichen , wenn wir frohlocken , im westlichen , wenn wir jammern . « Er wagte zuletzt selber Winas und Walts Namen samt Datum ans Stammbuch so zu schreiben : W - W. Sept . 179- . Er schauete wieder auf die mondhelle Gasse hinaus nach Winen und erblickte drei herausgelegte Finger und ein wenig weiße Hutspitze ; dabei und davon ließ sich leben und träumen . Er schwebte und spielte wie ein Sonnenstäubchen in den langen Mondstrahlen der Stube , er ergänzte sich das stille Mädchen aus den drei Fingern ; er schöpfte aus der nie versiegenden Zukunft , die beim Abendessen als Gegenwart erschien . Freuden flogen ihm als purpurne Schmetterlinge nach , und die beleuchteten Stubenbretter wurden Beete von Papillonsblumen - drei Viertelstunden lang wünscht ' er herzlich , so einige Monate auf und nieder zu gehen , um sich Wina zu denken und das Essen . Aber der Mensch dürstet am größten Freudenbecher nach einem größern und zuletzt nach Fässern ; Walt fing an , auf den Gedanken zu kommen , er könne nach der väterlichen Einladung ohne Übelstand sich jetzt gar selber einstellen bei der einsamen Wina . Er erschrak genug - wurde scham- und freudenrot - ging leiser auf und ab - hörte jetzt Wina auch auf und nieder gehen der Vorsatz trieb immer mehr Wurzeln und Blüten zugleich nach einer Stunde Streit und Glut war das Wagstück seiner Erscheinung und alle zartesten Entschuldigungen derselben fest beschlossen und abgemacht : als er den General kommen und sich rufen hörte . Er riegelte , mit dem Hut-Stock in der Hand , seine Wandtüre auf ; » diese ist zu , Freund ! « rief der General , und er ging , den Mißgriff nachfühlend , erst aus seiner durch die fremde ein . Blühend von Träumen trat er ins helle Zimmer ; halb geblendet sah er die weiße schlanke Wina mit dem leichten weißen Hute wie eine Blumengöttin neben dem schönen Bacchus stehen . Der letztere hatte ein heiteres Feuer in jeder Miene . Die Tochter sah ihn unaufhörlich vor Freude über die seinige an . Bediente mußten ihm auf Flügeln das Essen bringen . Der Notar wog auf den seinigen , verschwebt in den Glanz dieses magischen Kabinetts , nicht viel über das Gewicht von fünf Schmetterlingen , so leicht und ätherisch flatterte ihm Gegenwart und Leben vor . Er setzte sich mit weit mehr Welt und Leichtigkeit an das Eß-Täfelchen , als er selber gedacht hatte . Der General , der ein unaufhörliches Sprechen und Unterhalten begehrte , sann Walten an , etwas zu erzählen , etwas Aufgewecktes . Mit etwas Rührendem wär ' er leichter bei der Hand gewesen ; so aber sagt ' er : er wolle nachsinnen . Es fiel ihm nichts bei . Schwerer ist wohl nichts als das Improvisieren der Erinnerung . Viel leichter improvisiert der Scharf- und Tiefsinn , die Phantasie als die Erinnerung , zumal wenn auf allen Gehirn-Hügeln die freudigsten Feuer brennen . Dreitausend fatale Bonmots hatte der Notar allemal schon gelesen gehabt , sobald er sie von einem andern erzählen hörte ; aber er selber kam nie zuerst darauf , und er schämte sich nachher vor dem Korreferenten . Sehr hätt ' er das Schämen nicht nötig , da solche Referendarien des fremden Witzes und solche Postschiffe der Gesellschaft meist platte Gehirne tragen , auf deren Tenne nie die Blumen wachsen , die sie da aufspeichern und auftrocknen . » Ich sinne noch nach « , versetzte Walt , geängstigt , einem Blicke Zablockis , und flehte Gott um einigen Spaß an ; denn noch sah er , daß er eigentlich nur über das Sinnen sinne und dessen Wichtigkeit . Die Tochter reichte dem Vater die Flasche , die nur er - seine Briefe aber sie - aufsiegelte . » Trinken Sie dies Gewächs für 48er oder 83er ? « sagte der General , als man Walten das Glas bot . Er trank mit der Seele auf der Zunge und suchte forschend an die Decke zu blicken . » Er mag wohl « , versetzt ' er , » um die Hälfte älter sein als mein voriger Wein , den ich eher für jungen 48 er halte ; - ja ( setzt ' er fest darzu und blickte ins Glas ) , er ist gewiß herrliche 83 Jahre alt . « Zablocki lächelte , weil er eine Anekdote , statt zu hören , erlebte , die er schön weiter geben konnte . Der General wollt ' ihn aus dem stillen innerlichen Schnappen nach Bonmots herausfragen durch die Rede : wie er nach Rosenhof komme ? Walt wußte keine rechte ostensible Ursachen - wiewohl diese ihm gegenüber saß im weißen Hute - anzugeben , ausgenommen Natur und Reiselust . Da aber diese keine Geschäfte waren : so begriff ihn Zablocki nicht , sondern glaubte , er halte hinter irgendeinem Berge , und wollte durchaus hinter ihn kommen . Walt schüttelte von seinen poetischen Schwingen die köstlichen Berge und Täler und Bäume auf das Tischtuch , die er auf dem seligen Wege mehr aufgeladen als durchflogen hatte . Zablocki sagte nach Walts langer Ausspende von Bildern : » Beim Teufel ! nimm , oder ich freß nicht ! « Wina - denn diese hatt ' er in jenem Liebes-Zorn angeredet , den weniger die Väter gegen ihre Töchter als die Männer gegen ihre Weiber haben - nahm erschrocken ein großes Stück vom Schnepfen , dem Schoßkinde des väterlichen Gaumens , und reichte , höflicher als Zablocki , den Teller dem betretenen Notar hinüber , um ein paar hundert Verlegenheiten zu ersparen . Walt konnte auf keine Weise fassen , wie bei so mündlicher lebendiger Darstellung der lebendigen , beinahe mündlichen Natur , als seine war , eine Schnepfe mit allem seinem Album graecum noch einige Sensation zu machen imstande sei . Poetische Naturen wie Walt sind in Nordländern - denn ein Hof oder die große Welt ist der geborne Norden des Geistes , sowie der geborne Gleicher des Körpers - nichts weiter als Elefantenzähne in Siberien , die unbegreiflich an einem Orte abgeworfen worden , wo der Elefant erfriert . Mit einschmeichelnder Stimme fragt ' ihn wieder Zablocki , ob ihm noch nichts eingefallen ; und Wina sah ihn unter dem Abendrote des rottaftenen Hutfutters so lieblich augen-nickend und bittend an , daß er sehr gelitten hätte , wenn ihm nicht die drei Bonmots , auf die er sich gewöhnlich besann , endlich zugekommen wären , und daß er wieder nahe daran war , ein gelieferter Mann zu werden und alles zu vergessen , weil das kindlich bitthafte Auge zu viel Platz - nämlich allen - in seiner Phantasie , Memorie und Seele wegnahm . » Ein harthöriger Minister « , fing er an , » hörte an einer fürstlichen Tafel « .... » Wie heißet er und wo ? « fragte Zablocki . Das wußt ' er nicht . Allein da der Notar den wenigen Historien , die ihm zufielen , keinen Boden , Geburtstag und Geburtsschein zuzuwenden wußte - vorfabeln wollt ' er nie - : so braucht es Sozietäten nicht erst bewiesen zu werden , wie farbenlos er als Historienmaler auftrat , und wie sehr eigentlich als ein luftiger historischer Improvisatore . » Ein harthöriger Minister hörte an einer fürstlichen Tafel die Fürstin eine komische Anekdote erzählen und lachte darüber mit dem ganzen Zirkel unbeschreiblich mit , ob er gleich kein Wort davon vernommen . Jetzt versprach er , eine ebenso komische zu erzählen . Da trug er , zum allgemeinen Erstaunen , die eben erzählte wieder als eine neue vor . « Der General glaubte , so schnapp ' es nicht ab ; da er aber hörte , es sei aus , so sagt ' er spät : » Deliziös ! « , lachte indes erst zwei Minuten später hell auf , weil er gerade soviel brauchte , um sich heimlich die Anekdote noch einmal , aber ausführlicher vorzutragen . Der Mensch will nicht , daß man ihm die spitze , blanke Pointe zu hitzig auf der Schwelle auf das Zwerchfell setze . Eine gemeine Anekdote ergreift ihn mit ihrem Ausgang froh , sobald er nur vorher durch viel Langeweile dahin