Albani mit Albano vermengt , ihre ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch , dessen Lieder sie mit goldnen roten Heiligen auseinandersperrte . Die andern verstanden nichts - sie kannten ihn nur als Grafen von Zesara - , aber Liane warf auf Rabette süßerrötend einen zärtlich strafenden Blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemälde näher an . Nie hatte in Albano in welchem sich die stärksten und die zärtesten Gefühle paarten , wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser macht-die bittersüße Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamröte wärmer gearbeitet , und er hätte vor dem Mädchen zugleich knien und doch schweigen mögen . Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Männern mit einer Miene voll Sieg , » er habe doch noch etwas in der Tasche , was es mit den Raffaels aufnehme ; und er bitte sie , ins Nebenzimmer zu folgen « . Unterwegs merkt ' er an , wenige Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgeführt . Im Zimmer packt ' er einen erzenen kleinen Satyr aus , gegen den sich eine eingeholte Nymphe wehrt . » Göttlich , « ( sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden , um den Rost nicht abzugreifen ) » göttlich ! Ich setze den Satyr an den Christus ! « Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen mäßigen Begriff , als dieser auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne Rangstreitigkeiten setzen sah . Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt ' er sich ab und wunderte sich , daß der Lektor blieb . Ihm scheint unbekannt zu sein , daß die Malerei wie die Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Götter und Gottesdienst bezogen , daß sie aber später , als sie höher heranwuchsen , aus diesem engen Kirchhof herausschreiten mußten , wie eine Kapelle ursprünglich eine Kirche mit Kirchenmusik war , bis man beides weg ließ und die reine Musik behielt . Bouverot hatte die Achtung für reine Form in so hohem Grade , daß ihm nicht nur der schmutzigste , unsittlichste Stoff , sondern sogar auch der frömmste , andächtigste nicht den Genuß verunreinigte ; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben , zu glühen und zu gefrieren , ohne sich zu ändern . Albano hatte die Mädchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem . Er kam mit vollern Rosen auf den Wangen , als um ihn glühten , zu einer Grasbank , wo Liane neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern und seitwärts geneigtem Haupte ruhte - sanft in die Ernte des Abends versunken - sonnenrot übergossen vom Schirme - im weißen Kleide - mit einem dünnen schwarzen Kreuzchen auf der zarten Brust - und mit einer vollen Rose ; sie blickte unsern Geliebten so unbefangen an , ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine sorglose Liebe ! Sie sagte ihm , wie sie sich freue auf seinen Jugend-Ort und auf das Landleben und wie Rabette sie überall hinführen werde - und besonders auf die Einweihungsrede , die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spener halte . Sie sprach sich ins Feuer durch das Gemälde , wie die große Brust des Greises der Klage- und der Siegsgesang über dem Aschengehäuse des fürstlichen Freundes groß bewegen werde . Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute , die sie dem Bruder mit ihr geben wollte . Sie bat sie aufgeweckt , ihr noch einmal auf der Harmonika vorzuspielen . Albano pflückte sich bei diesem Antrage einen mäßigen Strauß von - Baumlaub . Liane sah sie warnend an , gleichsam als wolle sie sagen : ich verderbe dir wieder deine Munterkeit . Aber sie blieb dabei . Albano überflog bei dem Eintritte ins Wasserhäuschen ein leichtes Erröten über die letzte Vergangenheit und nächste Zukunft . Liane machte eilig die Harmonika auf , aber das Wasser , das Kolophonium der Glocken , fehlte . Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen füllen , um - beide allein zu lassen ; aber der Graf kam ihr aus männlicher Unbehülflichkeit , in eine List schnell einzugreifen , höflich zuvor und holte es selber . Kaum hatte endlich das liebliche gefällige Wesen seufzend die zarten Hände auf die braunen Glocken gelegt : als Rabette ihr sagte , sie wolle in die Allee hinunter , um zu hören , wie es sich von weitem anhöre . Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich einer zu schnellen und großen Lust fuhr sein Herz auf , er hörte den Siegeswagen der Liebe von ferne rollen , und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins Leben . Die gläubige Liane hielt das Entfernen für einen Schleier , den Rabette über das in den Tönen süß brechende Auge werfen wolle , und zog sogleich die Hände von den Glocken ; aber Rabette küßte sie bittend , drückte ihr die Hände selber darauf und lief hinab . » Das treue Herz ! « sagte Liane , aber das arglose helle Vertrauen auf die Freundin rührte ihn , und er konnte nicht Ja sagen . Wenn in den Fluren Persiens ein Glücklicher , der auf der üppigen Aue tief unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief , vor dem ersten Abendrufe der Nachtigall selig die Augen aufschlägt in die laue stille Welt und in die bunte Dämmerung , durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glühend fließen : so gleicht der Selige dem Jüngling Albano im magischen Zimmer - die Jalousiefenster streueten gebrochne Lichter , grüne zitternde Schatten aus , und es dämmerte heilig wie in Hainen um Tempel nur tönende Bienchen flogen aus der lauten fernen Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getöse - einige scharfe Sonnenstreife , gleichsam Blitze vor Schlafenden , wurden romantisch neben der Rose hin- und hergeweht - und in dieser träumerischen Grotte mitten im rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das Schattenwesen eines Spiegels gestört . - In diesen Zauber ließ sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen - die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller , bald matter zugetrieben - er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt . - Einmal hob sie das heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf , aber sie schlug es schnell vor dem Sonnenblick des seinigen nieder . Nun deckten die großen Augenlider unbeweglich die süßen Blicke zu und gaben ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit - sie schien eine weiße Maiblume auf winterlichem Boden , die das Blütenglöckchen senkt - sie war eine sterbende Heilige in der Andacht der Harmonie , die sie mehr hörte als machte - nur die rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens , als eine letzte Rose mit , die den eilenden Engel schmückt o konnt ' er dieses Beten der Tonkunst stören mit seinem Wort ? - Mit immer engern Kreisen faßten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der Liebe an . - Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der stechenden Sonne sein Herz aufleckte - und da die Blitze der Leidenschaft über sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Höhlen der Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick zusammenfaßte : so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen , und sie blickte heiter auf , um sie fallen zu lassen - da riß Albano die Hand aus den Tönen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht : » Gott , Liane ! « - Sie zitterte , sie errötete , sie sah ihn an und wußte nicht , daß sie fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte . - » Nein , Albano , nein ! « sagte sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich - erschrak über den Stillstand der Töne - und ermannte sich und ließ sie wieder langsam strömen und sagte mit zitternder Stimme : , » Sie sind ein edler Mensch - Sie sind wie mein Karl , aber ebenso heftig . - Nur eine Bitte ! - Ich verlasse die Stadt eine Zeitlang « ..... Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung , als sie den Ort bestimmte , sein Blumenbühl . Sie fuhr mühsam fort vor dem Erfreueten - ihre Hand lag oft lange auf der Dissonanz im Vergessen der Auflösung - - ihre Augen schimmerten feuchter , ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende : » Sein Sie meinem Bruder , der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen , o sein Sie ihm alles ! Meine Mutter erkennt Ihren Einfluß - Ziehen Sie ihn - ich sag ' es heraus - besonders vom hohen Spiele ab ! « Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern , als Rabette mit der fast unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte , daß die Mutter komme . Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen . Albano trennte sich mit abgebrochnen Reise-Wünschen von dem Paare und vergaß im Sturm , Rabettens Bitte um Besuche zu bejahen . Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen Scheiden zu . Indem er durch die Fülle der Jahrs-Zeit eilte , dacht ' er an die reiche Zukunft , an Lianens Stammeln und Verhüllen : brauchen nicht schöne weibliche Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel zum Erheben , aber vier zum Verhüllen ? - Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen , aber überall leuchtete es auf seiner weiten Fläche , und Funken tropften vom Ruder . 63. Zykel Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein trübes Gewölke . Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern dahin . Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf- das ist offenbar . Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen , die Liane verhüllend über das Herz gezogen , wie die Erdstockwerke in Städten durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren , von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg , in der etwan die Rückseite eines Brustbildes hing , das umgedreht vielleicht dem Grafen glich . Aber noch hängt das Bild mit dem Gesichte gegen die Wand . - Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor : der geschickte Steinmetz tut tausend Schläge , ohne daß der parische Block nur in die Linie eines Sprunges reiße ; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form , die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte . Am Sonnabend , wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbühl abreisen wollten , um das Begraben und Einweihen anzusehen , kam der Hauptmann nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar nicht die Flügel , aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen- , sondern auch voll Angst zum Grafen .... Aber ihr Musen ! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen ? ... Seine Angst war bloß die , daß sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab - denn er kannte den Minister . Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags , Dienstags ( spätestens am Sonnabend ) anlangen ; allein dies konnte - da Froulay gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen ließ - noch gewisser drohen , daß er - weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh bloß in der Hoffnung ausschlug und kam , seine Leute über irgend etwas recht Häßlichem zu ertappen - in jeder Minute zum Hoftore hereinjage . Kam er angejagt , an diesem Vormittage oder in der Minute , wo der Bediente die Tochter in den Wagen hob und die Mutter schon darin saß : so war so viel durch tausend Schlüsse aus der Observanz gewiß , daß beide wieder hinauf mußten in die Zimmer - daß er alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hieß und daß er die Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren l0000 Bitten - wiewohl ihr schon die zweite auf der Lippe erfröre - freundlich mit ganz spaßhafter Gleichmut als einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause würde ziehen lassen . Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus - wissen sich kein süßeres Labsal , als den Ihrigen die Gartentüre irgendeines Arkadiens , wozu sie ihnen nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt , vor der Nase ins Schloß zu werfen und solche gerichtlich zu versiegeln . Kurz vor einer Lustfahrt setzen ohnehin die meisten Eltern Galle ab ; konnte Froulay vollends eine verriegeln , so war ihm das so viel , als komm ' er von einer rot und munter nach Hause . - Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel spazieren - alles war schon geordnet , Karl wollte morgen nachgehen , Albano erst nach der allgemeinen Rückreise , am Montag ( seine zarten Rücksichten und fremde harte entschieden ) - und es zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als Karls Besorgnis , die zweite Lokation der Fürstenleichen ziehe seinen Vater noch heute her - - als er plötzlich herausfluchte : dort fahr ' er . Er kannt ' ihn an dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden . Eine Fegfeuer-Lebens-Minute ! - Der Wagen fuhr rasch die Straße herab - die Vorderpferde zogen noch länger ganz unförmlich voraus - man wunderte sich - endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang - das schien ganz unmöglich - als Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar entdeckte , daß bloß ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen herreite . Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbühler Höhe hinaufziehen , und das vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück . Vierzehnte Jobelperiode Albano und Liane 64. Zykel In unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum , die wie Engel nie den Leib einer äußern Tat annehmen können ; so viele reiche gefüllte Blumen stehen darin , die keinen Samen tragen , daß es ein Glück ist , daß man die Dichtkunst erfunden , die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft leicht in ihrem limbus aufbewahret . Mit dieser fass ' ich , lieber Albano , deinen herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest für die Schneidersche Haut der Welt ! Am Sonntage bezog er das Donnerhäuschen in Lilar . Der Lektor hielt sich mit der Hoffnung aufrecht , der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg . Es war ein schöner Morgen vom Tau ganz beregnet - ein frischer Wind wehte von Lilar über das blühende Korn - und die Sonne brannte allein in einem kühlen Himmel . Auf der Blumenbühler Straße zog ein Menschengewimmel hinan , und niemand ging lange allein ; auf der Morgenhöhe sah ' er seinen Freund Karl mit dem gebognen Federbusch der Sonne entgegensprengen . Lilars Lüfte flogen Orangenduft-ausatmend entgegen und wehten die Asche weg , die auf den glühenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand . Er ging die Brücke hinab , und der früh geputzte Pollux trieb ihm einen aufgeblätterten Truthahn entgegen . Eine Soeur servante des alten Speners kochte schon eine Stunde lang bei der Chariton , bloß um ihn vorbeigehen zu sehen . Diese lief festlich-geschmückt aus dem Häuschen , das sich heiter mit allen Fenstern dem ganzen Himmel öffnete , ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude mit der Hauptsache zuerst heraus , es sei nämlich droben im Häuschen alles schön parat , und ob er das Essen hinaufhaben wollte . Sie wollte mitten im Gespräch Polluxen aus des Grafen - Fingern ziehen , aber er ließ ihn zum Kusse aufschweben und erntete damit jedes Herz , auch das alte hinter der Küchenflamme . Indem er nach seinem Häuschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging , fühlt ' er unbeschreiblich stark und süß , daß die holde Jugendzeit unser Welsch- und Griechenland ist voll Götter , Tempel und Lust - ach und welches so oft Goten mit Tatzen durchstreifen und ausleeren . - Seine blühende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Hohentreppe , die er mit Spener bestiegen - einzelne Tages-Streifen brannten sich dem nassen Boden ein und färbten zerstreuete Zweige feurig und golden . - An der mystischen Laube , wo vor ihm der tote Fürst in der Seitenhöhle geschritten war , fand er diese nicht , sondern nur eine leere Nische . Er trat oben heraus wie aus der Hüfte der Erde . Sein Häuschen lag auf dem herumgebognen Bergrücken . Drunten ruhten um ihn die Elefanten der Erde , die Hügel , und das sich in Blüten herrlich blähende Lilar , und er schauete aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur . Inzwischen konnt ' er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben , oder neben der begeisternden Äolsharfe , oder im Augenkerker , den Büchern ; durch Ströme und Wälder und über Berge zu schweifen verlangte die frische Natur . Das tat er . Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebens - wo der Regenbogen der Natur uns nur zerbrochen und als ein unförmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint - zuweilen einige Schöpfungstage , wo sie sich in eine schöne Gestalt ründet und zusammenzieht , ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht . Heute hatte Albano diesen Tag zum erstenmal . Ach es gehen Jahre dahin , und sie bringen keinen . Indem er so auf dem Bergrücken auf beiden Seiten dahinwandelte , flutete der Nordost ihm immer voller entgegen - ohne Wind war ihm eine Landschaft eine steife festgenagelte Wandtapete - und wühlte das feste Land zum flüssigen um . Die nahen Bäume schüttelten sich wie Tauben süß-schauernd in seinem Bade , aber in der Ferne standen die Wälder wie gerüstete Heere fest und ihre Gipfel wie Lanzen . - Majestätisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln , die Wolken , und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft über Ströme und über Berge - im Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain . - Er trat ins warme Tal hinab , die Weiden schäumten , und ihr Same spielte in seiner Wolken-Flocke , eh ' ihn die Erde befestigte - der Schwan dehnte wollüstig den langen Flügel , gepaarte Tauben ätzten sich vor Liebe , und überall lagen die Beete und Zweige voll heißer Mutterbrüste und Eier . - Wie ein herrlicher blauer Blumenstrauß schillerte in hohen Gräsern der Hals des ruhenden Pfaues . - Er trat unter die Eichen , die mit knotigen Armen den Himmel anfaßten und mit knotigen Wurzeln die Erde . - Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und fraß schäumend an Felsenstücken und am morschen Ufer - Nacht und Abend und Tag verfolgten einander im mystischen Hain . - Er trat in den Fluß und ging mit ihm hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dörfer und aus ihnen klang der Sonntag und aus den Ährenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Menschen-Steige hinauf , die Bäume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen festzuwurzeln und wurden nur Schößlinge an der tiefen Rinde des ungeheuern Lebensbaumes . - - Die Seele des Jünglings wurde in das heilige Feuer geworfen , wie Asbestpapier zog er sie ausgelöscht und unbeschrieben heraus , ihm war , als wiss ' er nichts , als sei er ein Gedanke , und hier trat ihn auf eine wunderbar neue Weise das Gefühl an : das ist die Welt , du bist auf der Welt - er war ein Wesen mit ihr - alles war ein Leben , Wolken und Menschen und Bäume . - Er fühlte sich von unzähligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und doch fortrinnend im unendlichen Herz . Trunken kam er vor seine Wohnung , von welcher sich ihm der kleine Pollux den Berg herab entgegenrollte , um ihn zum Essen zu rufen . Im Häuschen wurde das , was er meinte , ausgesprochen von der Äolsharfe am offnen Fenster . Indes das Kind mit den Fäustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vögel aus den Bäumen freudig dareinschrien : so fuhr der Weltgeist durch die Äols-Saiten jauchzend und seufzend , regellos und regelmäßig , spielend mit den Stürmen und sie mit ihm ; und Albano hörte , wie die Ströme des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Länder - und durch die Blumen- und Eichenadern - und durch die Herzen - um die Erde , Wolken tragend - und den Strom , der durch die Ewigkeit donnert , goß ein Gott aus unter dem Schleier - - Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlächelnden Mutter . Sogar hier zwischen den vier Wänden zogen ihn noch die Segel fort , die der große Morgen aufgebläht . Nichts fiel ihm auf , nichts schien ihm gemein , nichts fern , die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen unteilbar mit den Strömen und Strudeln , welche darin gingen . Vor Chariton stand er wie ein glänzender Gott , und sie hätte gern entweder ihn verschleiert oder sich . Nie war die Menschheit in reinere Formen , die kein Wulst irgendeines Geburtslandes verkrüppelte , gesondert als in diesem Freudenkreise , worin die Kindheit , die Weiblichkeit und die Männlichkeit , von Blumen durchwunden , sich begegneten und sanft anfaßten . Chariton sprach immer von Liane , nicht bloß aus Liebe zur Fernen , sondern auch zum Nahen ; denn ob sie gleich mit jenen offnen Augen schaute , die mehr still abzuspiegeln als anzublicken , mehr einzulassen als einzuziehen scheinen , so war sie doch wie Kinder , Jungfrauen , Landleute und Wilde zugleich offenherzigwahr und schlau . Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht , weil überall den Weibern alles leichter zu verdecken ist , sogar der Haß , als sein Gegenteil . Sie lobte Lianen unendlich , besonders die unvergleichliche Güte , und » ihr Herr habe gesagt , wenige Männer hätten so viel Herz als sie , denn sie sei oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen « . Allerdings war das auch dem Grafen nicht erklärlich . Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines geliebten Hauptes ; eine Sonne , zum Menschenantlitz besänftigt ergreift weniger als ein geliebtes , zum Sonnenbild verklärt . Sie , immer heißer erfreuet durch seine Freude , bot ihm an , ihn in Lianens Zimmer zu führen . Ein einfaches Zimmerchen - vom Weinlaube gründämmernd - einige Bücher von Fenelon und Herder-alte Blumen noch in ihren Wassergläsern - kleine sinesische Tassen - Juliennens Porträt und ein anderes von einer verstorbenen Jugendfreundin , welche Karoline hieß - ein unbeflecktes Schreibzeug mit englischem gepreßten Papier - - das fand er . Die heiligen Frühlingsstunden der Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewölke tauend vorüber . Zufällig berührte er ein Federmesser , als ihm Chariton Kiele zum Schneiden brachte , » weil man « ( sagte sie ) » so viel Not damit hätte , seit ihr Herr weg sei « . Denn eine Frau kann leichter jede Feder führen - sogar die epische und kantische - als eine schneiden ; und hier muß wie in mehr Fällen das stärkere Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen . Albano wünschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen ; aber dieses schlug sie - ob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger geworden - doch entschieden ab , weil es ihr Herr verboten habe . Er bat noch einmal ; aber sie lächelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen Nein . Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten , auf dessen Wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte . Wie treten aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Länder heraus durch ein poetisches Herz ! Auf dem Berg mit dem Altare , wo er sie unten einmal verschwinden sehen , wehte ihn , umflattert vom freiern Äther , das Nachmittagsgeläute von Blumenbühl an ; und sein Kindheitsleben und die jetzigen Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz , und er überschauete mit dunklern Augen das verklärte Land . Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumenbühl und priesen das Einweihen und Beisetzen gewaltig . Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken stehen . Der Morgen , wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles sagen konnte , überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Regenbogenkreisen umschimmernden Morgentau . Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der Ruderleute auf dem Lago maggiore - die Sternbilder über Blumenbühl glänzten in das offne Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkende Auge . - Als ihn der helle Mond und Flötentöne aus dem Tal wieder weckten : glühte das stille Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort , und das größere drückte die Augen wieder zu . 65. Zykel Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen , heute sein immer in weiße Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen , jenen alten Weg , den er einmal ( im 23sten Zykel ) nachts herwärts gemacht , um auf dem Berge Elysium und Liane zu sehen . Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde , woraus er schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub ; und je näher dem Dorfe , desto breiter wurden die geheiligten Plätze . Er wunderte sich , daß die Lämmer und Hirtenknaben nicht , wie das Gras , länger aufgeschossen während seiner Entfernung , die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam . Wie ein Morgentrunk von hellem Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust ; aber die enge Erlenbahn , worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt , und selber der Schloßhof , sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen Glücks krempten seiner treibenden Seele , die in die Erde und in den Himmel hineinwachsen wollte , Wurzel und Gipfel ein ; er war noch in den Jahren , wo man vom Klavichord des Lebens mit einem Fußtritt den Deckel hochlüftet , damit das harmonische Brausen überall vorwalle . Wie verschwenderisch wurde im Schlosse sein Herz mit Herzen bedeckt und die jüngste Liebe durch alte übertäubt , von der leichtweinenden Mutter Albine an bis zu den händegebenden alten Bedienten , die seinetwegen die versteinerten Glieder behender bewegten ! - Er fand alle seine Lieben - Liane ausgenommen - in Wehrfritzens Museum , weil dieser » junges Volk « und Diskurse lieb hatte und allzeit darauf bestand , daß man das Frühstück auf seinem Aktentisch aufsetzte , der , wie er sagte , so gut sei als ein Frühstück-Tisch mit lackierten Fratzen , die niemand ansehe . Albano plagte sich mit der Furcht , die Ministerin sei die Kirchenräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern Liane zurückgeführt - bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte . Die gute Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migräne büßen müssen . Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stille - die Augen , die nicht mehr über die Erde weinten , auf das befreundete Fürstenpaar gesenkt - mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend , das wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sah - ruhig und mit apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und das Ziel des bleichen Lebens , begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung drängend , und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehend vom höchsten Schmerz , damit nur das Herz weine ohne das Auge - und nun die Einsegnung der gepaarten Särge und der Kirche - o in der weichen Liane mußten diese Rührungen ja zu Leiden arten , und alles , was ihr Lehrer verschwieg , wurde in ihr ausgesprochen . Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur , sich still zu halten , gebraucht , sondern alle Stiche hinter tätige Freude versteckt , um der fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben , obwohl sich viel zu große . In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weißen Morgenkleid mit einem Strauß von sinesischen Röschen - ein wenig blaß und müde - träumerisch-weich aufblickend - die Stimme leiser - die Wangenrosen zu Knospen geschlossen - und wie ein Kind jedes Herz anlächelnd - - du Engel des Himmels , wer darf dich lieben und belohnen ? Sie erblickte den hohen Jüngling - - alle Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches Morgenrot der Freude getaucht , und ein zarter Purpur blieb an ihnen . Sie fragte ihn offen , warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen , und entdeckte angelegentlich , daß sie alle heute den frommen Vater , für welchen ihre Zwerg-Rosen gebunden waren , besuchen würden . Er nahm gern die vierte Stimme im Konzert der Lustfahrt . Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet ! Wie viel Glückliche bedeckt ein einziges Dach ! Die redliche Rabette , vor stillem Freuen flinker und geschäftiger , war unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Löwen-Wärterin und die maitresse de plaisirs , welche jeden mütterlichen Grundriß einer Lust noch um die Hälfte breiter machte , und das ganze Wesen war so glücklich ! Ach ihr armes reines Herz wurde ja noch von keinem geliebt , und darum glüht es mit den frischen Kräften der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen , das zu ihm segnend wie ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht ! - Roquairol sah , wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres Eigentums und ihrer Geschäfte das schwer niederhängende Laub verschiebe , das im