. Ich begreife überhaupt nicht , wie Bronislaw dich fortlassen konnte . Ihr seid ja mitten im Kampfe . « » Nein , nein , « fiel Leo ein . » In den nächsten vierundzwanzig Stunden geschieht nichts . Wir sind genau unterrichtet über die Stellungen des Feindes . Uebermorgen , morgen vielleicht kommt es zur Entscheidung ; bis dahin ist Ruhe . Wenn ein Kampf bevorstände , würde ich nicht hier sein , so aber mußte ich nach Wilicza , und hätte es mir auch Leben und Freiheit gekostet . « Die Fürstin sah ihn unruhig an . » Leo , du hast doch Urlaub von deinem Oheim ? « fragte sie plötzlich , wie von einem unbestimmten Verdacht ergriffen . » Ja – ja ! « stieß der junge Fürst heraus , aber er vermied es die Mutter dabei anzusehen . » Ich sage dir ja , daß alles gesichert , alles vorgesehen ist . Ich stehe mit meinem Kommando in den Waldungen von A. in völlig gedeckter Stellung . Mein Adjutant hat einstweilen den Oberbefehl , bis ich zurückkomme . « » Und Bronislaw ? « » Der Onkel hat die Hauptmacht bei W. zusammengezogen , ganz dicht an der Grenze . Ich decke ihm mit den Meinigen den Rücken . Aber nun laß mich , Mutter , frage nicht weiter ! – Wo ist Waldemar ? « » Dein Bruder ? « fragte die Fürstin , befremdet und erschreckt zugleich , denn sie begann den Zusammenhang zu ahnen . » Kommst du etwa seinetwegen ? « » Waldemar suche ich , « brach jetzt Leo mit furchtbarem Ungestüm aus . » Ihn allein und sonst keinen ! Er ist nicht im Schlosse , sagte Pawlick , aber Wanda ist hier . Also hat er sie wirklich nach Wilicza gebracht , wie eine eroberte Beute , wie sein Eigentum , und sie hat das geschehen lassen ? Aber ich werde ihm zeigen , wem Wanda gehört , ihm – und ihr . « » Um Gottes willen , du weißt – ? « » Was auf der Grenzförsterei geschehen ist , ja , das weiß ich . Osieckis Leute stießen gestern zu mir ; sie brachten mir Bericht über das , was sie mit angesehen . Begreifst du nun , daß ich um jeden Preis nach Wilicza mußte ? « » Das habe ich gefürchtet , « sagte die Fürstin leise . Leo war aufgesprungen und stand nun mit flammenden Augen vor ihr . » Und du hast das geduldet , Mutter , hast es mit angesehen , wie meine Liebe , meine Rechte mit Füßen getreten wurden , du , die sonst jeden beherrscht und zum Gehorsam bringt ? Zwingt denn dieser Waldemar alles nieder ! ? Gibt es niemand mehr , der es wagt , sich ihm in den Weg zu stellen ? Ich Thor , der ich mich damals beim Abschiede zurückhalten ließ , ihn zur Rede zu stellen und Wanda aus seiner Nähe fortzureißen , daß eine fernere Begegnung zwischen ihnen unmöglich war ! Aber « – hier ging seine Stimme in den bittersten Hohn über – » mein Verdacht beleidigte sie ja , und du und der Onkel rechneten mir meine › blinde Eifersucht ‹ als ein Verbrechen an . Seht ihr es nun mit eigenen Augen ? Während ich auf Leben und Tod für die Freiheit und Rettung des Vaterlandes kämpfe , da setzt meine Braut ihr Leben ein für den , der sich offen zu unsern Unterdrückern bekennt , der uns hier in Wilicza den Fuß auf den Nacken gesetzt hat , wie es nur je die Tyrannen da drüben gethan haben , da verrät sie mich , vergißt sie Vaterland , Volk , Familie , alles , um ihn vor der Gefahr zu schützen , die ihn bedroht . Vielleicht versucht sie das auch mir gegenüber , aber sie mag sich wahren ! Ich frage jetzt nichts mehr danach , wer von uns zu Grunde geht , er oder ich , oder sie mit uns beiden . « Die Fürstin faßte wie beschwörend seine Hände . » Ruhig , Leo ! Ich bitte dich , ich fordere es von dir . Stürme deinem Bruder nicht mit diesem wilden Haß entgegen ; höre mich erst an ! « Leo riß sich los . » Ich habe schon zu viel gehört , genug , um mich zur Raserei zu bringen . Wanda hat sich in seine Arme geworfen , als ihn Osieckis Kugel suchte , sie hat ihn mit ihrem eigenen Körper gedeckt , ihre Brust zu seinem Schilde gemacht , und ich soll noch zweifeln an dem Verrate ? Wo ist Waldemar ? Er wird doch endlich zu finden sein ? « Die Mutter versuchte vergebens , ihn zu beruhigen – er hörte nicht auf sie , und während sie noch überlegte , auf welche Weise es möglich sei , die verhängnisvolle Begegnung zu verhindern , geschah das Aergste , was überhaupt geschehen konnte : Waldemar kam zurück . Er trat rasch ein und war im Begriffe , auf die Fürstin zuzugehen , als er Leo erblickte . Es war mehr als Ueberraschung , es war ein tödlicher Schreck , der sich bei diesem Anblicke in den Zügen des älteren Bruders malte . Erbleichend maß er den jüngeren vom Kopfe bis zu den Füßen , dann flammte es in seinem Auge auf wie Zorn und Verachtung , und langsam sagte er : » Also hier bist du zu finden ? « Leos Gesicht verriet eine Art wilder Genugthuung , als er endlich den Gegenstand seines Hasses vor sich sah . » Du hast mich wohl nicht erwartet ? « fragte er . Waldemar erwiderte nichts . Ihm , dem Besonneneren , stieg sofort der Gedanke an die Gefahr auf , der sich Leo hier aussetzte ; er wendete sich um , schloß die Thür des Nebenzimmers ab und kehrte dann wieder zurück . » Nein , « entgegnete er , die Frage erst jetzt beantwortend , » und auch die Mutter hat dich schwerlich erwartet . « » Ich wollte dir Glück wünschen zu deiner Heldenthat auf der Grenzförsterei , denn so wirst du es ja wohl nennen , « fuhr der junge Fürst mit unverstelltem Hohne fort . » Du hast den Förster niedergeschossen und den übrigen allesamt die Spitze geboten . Die Feiglinge wagten es nicht , dich anzurühren . « » Sie gingen noch in derselben Nacht über die Grenze , « sagte Waldemar . » Sind sie etwa zu dir gestoßen ? « » Ja . « » Das dachte ich mir . – Seit wann bist du fort von deinem Kommando ? « » Willst du etwa ein Verhör mit mir anstellen ? « fuhr Leo auf . » Ich bin gekommen , dich zur Rechenschaft zu ziehen . Komm ! Wir haben allein miteinander zu reden . « » Ihr bleibt ! « gebot die Fürstin . » Ich lasse euch nicht allein bei dieser Begegnung . Wenn sie denn doch einmal stattfinden muß , so sei es in meiner Gegenwart ! Vielleicht vergeßt ihr dann nicht so ganz , daß ihr Brüder seid ! « » Bruder oder nicht ! « rief Leo außer sich . » An mir hat er den schmählichsten Verrat geübt . Er wußte , daß Wanda meine Braut war , und er hat sich nicht gescheut , sie und ihre Liebe an sich zu reißen . So handelt nur ein Verräter , ein Ehr – « Die Mutter wollte ihm wehren , aber umsonst – das Wort » Ehrloser « fiel von seinen Lippen , und Waldemar zuckte zusammen , als habe ihn eine Kugel getroffen . Die Fürstin erbleichte . Es war nicht die bis zur Raserei gesteigerte Leidenschaft ihres jüngsten Sohnes , die sie so erschreckte , sondern der Ausdruck in dem Gesichte des ältesten , als dieser sich jetzt emporrichtete . Ihn riß sie zurück ; ihn fürchtete sie , obgleich er waffenlos war , während Leo den Degen an der Seite trug , und mit der vollen Autorität der Mutter zwischen beide tretend , rief sie gebietend : » Waldemar – Leo – Mäßigung ! Ich befehle es euch ! « Wenn die Fürstin Baratowska befahl , mit diesem Tone und dieser Haltung befahl , so hatte sie sich noch immer Gehör erzwungen . Auch ihre Söhne gehorchten unwillkürlich . Leo ließ die Hand sinken , die er schon am Degengriff hatte , und Waldemar hielt inne . Er rang wieder furchtbar mit seinem Ungestüm , aber die Worte der Mutter hatten ihn zur Besinnung gebracht , und mehr bedurfte es jetzt nicht , um ihn sich selber zurückzugeben . » Leo , jetzt ist es genug mit den Beleidigungen , « sagte er rauh . » Noch ein Wort , ein einziges , und es bleibt uns wirklich keine andre Entscheidung , als die Waffe übrig . Wenn du gestern noch das Recht hattest , mich anzuklagen , heute ist es verwirkt . Ich liebe Wanda mehr , als du ahnst , denn du hast nicht , wie ich , jahrelang im Kampfe mit dieser Leidenschaft gelegen , dich nicht durch Haß und Trennung und Todesgefahr hindurchgerungen zum Bewußtsein , daß sie stärker ist als du . Aber selbst um Wandas willen hätte ich nicht Pflicht und Ehre hingegeben . Ich wäre nicht von dem Posten gewichen , der mir übergeben ist , hätte nicht heimlich die mir anvertraute Schar verlassen und den Eid gebrochen , mit dem ich meinem Führer Gehorsam zugeschworen . Das alles hast du gethan – die Mutter mag es entscheiden , wer von uns das schmachvolle Wort verdient , das du mir zuschleuderst . « » Was ist das , Leo ? « rief die Fürstin emporschreckend . » Du bist doch hier mit Wissen und Willen deines Oheims ? Du hattest doch ausdrückliche Erlaubnis von ihm , nach Wilicza zu gehen ? Antworte ! « In dem bisher so bleichen Gesichte des jungen Fürsten schlug es jetzt wie eine Flamme auf ; er wagte es nicht , dem Auge der Mutter zu begegnen , und wandte sich statt dessen mit jäh aufloderndem Trotze zu seinem Bruder . » Was weißt du von meinen Pflichten , was kümmern sie dich ? Du hältst es ja mit unsern Feinden . Ich habe meinen Platz im Kampfe so lange behauptet und werde zur Stelle sein , sobald es notthut . Aber ebendeshalb eilt die Sache zwischen uns . Ich habe nicht viel Zeit , mit dir abzurechnen ; ich muß zurück zu den Meinigen , noch heute , schon in den nächsten Stunden . « » Du kommst zu spät , « sagte Waldemar kalt . » Du findest sie nicht mehr . « Leo faßte augenscheinlich den Sinn dieser Worte nicht . Er sah den Bruder an , als rede dieser zu ihm in einer fremden Sprache . » Seit wann hast du dein Kommando verlassen ? « fragte Waldemar noch einmal , aber diesmal mit so furchtbarem Ernste , daß der Bruder ihm halb unwillkürlich Antwort gab . » Seit – gestern abend . « » Und in der Nacht hat der Ueberfall stattgefunden . Deine Schar ist aufgelöst , vernichtet . « Ein Aufschrei brach von den Lippen des jungen Fürsten . Er stürzte auf den Sprechenden zu . » Das ist nicht möglich ; das kann nicht sein . Du lügst ; du willst mich nur schrecken mit der Nachricht , willst mich damit zur Entfernung zwingen . « » Nein , es kann nicht sein , « fiel jetzt auch die Fürstin mit bebenden Lippen ein . » Du kannst noch keine Nachrichten haben , Waldemar , von dem , was sich drüben während der Nacht ereignete ; ich hätte sie früher als du haben müssen . Du täuschest uns – greife nicht zu solchen Mitteln . « Waldemar sah einige Sekunden lang schweigend die Mutter an , die ihn eher der Lüge beschuldigte , ehe sie an ein Vergehen seines Bruders glaubte ; vielleicht war es dies , was seine Stimme so eisig und mitleidlos machte , als er jetzt sagte : » Dem Fürsten Baratowski war ein wichtiger Posten übergeben worden , mit dem strengsten Befehle , nicht davon zu weichen . Er deckte mit seiner Schar seinem Oheim den Rücken . Fürst Baratowski fehlte auf diesem Posten , als der nächtliche Angriff erfolgte ; der Führer fehlte , und die übrigen zeigten sich dem Ueberfalle nicht gewachsen . Sie setzten sich völlig planlos zur Wehre – es gab ein Blutbad . Einige zwanzig Mann retteten sich durch den Uebertritt auf unser Gebiet und fielen unsern Patrouillen in die Hände ; drei der Flüchtlinge liegen schwer verwundet drüben im Gutshofe . Aus ihrem Mund erfuhr ich das Geschehene – der Rest ist zersprengt oder vernichtet . « » Und mein Bruder ? « fragte die Fürstin anscheinend ruhig , aber es lag etwas Schreckliches in dieser Ruhe . » Und das Morynskische Corps ? Was ist aus ihnen geworden ? « » Ich weiß es nicht , « versetzte Waldemar . » Es heißt , die Sieger hätten die Richtung nach W. genommen . Was dort geschehen ist , darüber fehlen noch die Nachrichten . « Er schwieg . Es folgte eine furchtbare Stille . Leo hatte das Gesicht in beide Hände verborgen ; aus seiner Brust drang ein dumpfes Stöhnen hervor . Die Fürstin stand aufrecht , das Auge unverwandt auf ihn gerichtet – sie rang nach Atem . » Laß uns allein , Waldemar ! « sagte sie endlich tonlos , aber mit der alten Festigkeit . Er zögerte . Die Mutter war ihm stets kalt und oft genug feindselig erschienen . Hier , an dieser Stelle , hatte sie ihm als erbitterte Gegnerin gegenüber gestanden , als der Streit um die Herrschaft in Wilicza endlich zum Ausbruche kam , aber so hatte er sie doch noch nie gesehen wie in diesem Augenblick , und ihn , den harten rücksichtslosen Nordeck , ergriff es wie Angst und Mitleid , als er das Urteil seines Bruders in jenen Zügen las . » Mutter ! « sagte er leise . » Geh ! « wiederholte sie . » Ich habe mit dem Fürsten Baratowski zu reden . Da taugt kein dritter zwischen uns . Laß uns allein ! « Waldemar gehorchte und verließ das Zimmer , aber es bäumte sich wieder heiß und schmerzlich in ihm auf , als er ging . Er wurde verbannt , wo die Mutter mit ihrem Sohne zu reden hatte . Wenn sie diesen auch jetzt ihren Zorn fühlen ließ , der ältere war und blieb ein Fremder dabei ; ihn hieß man gehen – er » taugte « nicht zwischen Mutter und Bruder , mochten sie sich nun in Liebe oder Haß begegnen . Eine tiefe Bitterkeit regte sich in Nordeck , und doch fühlte er , daß diese Stunde ihn an der Mutter gerächt hatte für die versagte Zärtlichkeit , daß sie jetzt in ihrem Lieblingssohne , in ihrem Abgotte aufs schwerste gestraft war . Waldemar schloß die Portiere hinter sich . Er blieb im Nebenzimmer , um auf alle Fälle den Eingang zu hüten , denn er kannte die Gefahr , der sich Leo aussetzte . Fürst Baratowski hatte zu offen und entscheidend an dem Aufstande teilgenommen , um nicht auch hier geächtet zu sein ; auch hier drohte ihm Verurteilung und Verhaftung . Er war , unvorsichtig genug , am hellen Morgen in das Schloß gekommen ; noch befand sich die Eskorte , welche die Verwundeten gebracht , im Dorfe , und jeden Augenblick konnten die Bedeckungsmannschaften mit den übrigen Flüchtlingen Wilicza passieren – es galt Vorsichtsmaßregeln zu treffen . Waldemar stand am Fenster , so weit als möglich von der Thür entfernt . Er wollte nichts hören von der Unterredung , von der man ihn ausgeschlossen , und es war auch nicht möglich – die dicken Samtfalten der Portiere fingen jeden Laut auf . Aber die Zeit drängte . Mehr als eine halbe Stunde war verstrichen und die Unterredung da drinnen währte noch immer fort . Weder die Fürstin noch Leo schienen daran zu denken , daß mit jeder Minute die Gefahr des letzteren wuchs . Waldemar entschloß sich endlich , sie zu unterbrechen . Er trat wieder in den Salon , blieb aber befremdet stehen , denn statt der erwarteten erregten Scene fand er das tiefste Schweigen . Die Fürstin war verschwunden und die vorhin offen stehende Thür zu ihrem Arbeitskabinett fest geschlossen . Leo befand sich allein im Zimmer . Er lag in einem Sessel , den Kopf tief eingewühlt in die Kissen , ohne sich zu regen , ohne den Eintretenden zu bemerken , wie gebrochen und vernichtet . Waldemar trat zu ihm und nannte seinen Namen . Leo lag in einem Sessel , den Kopf tief eingewühlt in die Kissen , ohne sich zu regen und den Eintretenden zu bemerken . » Ermanne dich ! « mahnte er leise und eindringlich . » Sorge für deine Sicherheit ! Wir haben jetzt hundertfache Beziehungen zu L. ; ich kann das Schloß nicht vor Besuchen schützen , die dir gefährlich sind . Ziehe dich fürs erste in deine eigenen Zimmer zurück ! Sie können ja nach wie vor als verschlossen gelten , und Pawlick ist zuverlässig . Komm ! « Langsam hob Leo das Gesicht empor ! es war erdfahl – jeder Blutstropfen schien daraus gewichen zu sein . Er blickte den Bruder groß und starr an , ohne ihn zu verstehen . Sein Ohr fing nur mechanisch das letzte Wort auf . » Wohin ? « fragte er . » Vor allen Dingen nur fort aus diesen Hauptgemächern , die so vielen zugänglich sind ! Komm – ich bitte dich . « Leo erhob sich ebenso mechanisch , wie er vorhin zugehört . Er sah sich im Zimmer um , so fremd als kenne er nicht die vertrauten Räume und müsse sich erst besinnen , wo er sei , nur als sein Auge auf die geschlossene Thür zum Gemach seiner Mutter fiel , zuckte er zusammen . » Wo ist Wanda ? « fragte er endlich . » In ihrem Zimmer . Willst du sie sehen ? « Der junge Fürst machte eine abwehrende Bewegung . » Nein ! Sie würde mich auch mit Abscheu , mit Verachtung zurückstoßen – ich habe genug an dem einen Mal . « Er stützte sich schwer auf den Sessel ; die sonst so helle , jugendfrische Stimme klang matt und gebrochen . Man sah es , die Scene mit der Mutter war ihm ans Leben gegangen . » Leo , « sagte Waldemar ernst , » hättest du mich nicht so furchtbar gereizt , ich hätte dir die Nachricht nicht so schonungslos mitgeteilt . Aber du brachtest mich aufs Aeußerste mit jenem verhängnisvollen Worte . « » Sei ruhig ! Die Mutter hat es mir zurückgegeben . Ich bin ihr jetzt der Verräter , der Ehrlose . Ich habe das anhören müssen und – schweigen . « Es lag etwas Unheimliches in dieser starren , dumpfen Ruhe des sonst so leidenschaftlich aufbrausenden Jünglings ; die eine halbe Stunde schien seine ganze Natur verändert zu haben . » Folge mir ! « drängte Waldemar . » Du mußt doch fürs erste noch im Schlosse bleiben . « » Nein , ich will nach W. hinüber , sofort . Ich muß wissen , was aus meinem Oheim und den Seinigen geworden ist . « » Um Gottes willen ! « rief der Bruder entsetzt . » Du willst doch nicht den Wahnsinn begehen , jetzt am hellen Tage die Grenze zu passieren ? Das wäre ja offenbarer Selbstmord . « » Ich muß , « beharrte Leo . » Ich kenne den Ort , wo der Uebergang noch möglich ist . Habe ich heute morgen den Weg gefunden , so werde ich ihn auch zum zweitenmal finden . « » Und ich sage dir : du kommst jetzt nicht hinüber . Seit heute morgen ist die Bewachung verstärkt auch auf unsrer Seite , und drüben steht eine dreifache Postenkette , Sie haben Befehl , jeden niederzuschießen , der die Losung nicht kennt . Und du kommst in jedem Falle zu spät . In W. ist die Entscheidung längst gefallen . « » Gleichviel ! « brach Leo aus , plötzlich aus seiner Erstarrung in die wildeste Verzweiflung übergehend . » Irgend einen Kampf wird es da drüben doch noch geben , nur einen einzigen , und mehr brauche ich nicht . Wenn du wüßtest , was die Mutter mir angethan hat mit ihren furchtbaren Worten ! Sie weiß es ja , daß , wenn ich den Untergang der Meinigen verschuldete , ich auch den ganzen Fluch , die ganze Hölle dieses Bewußtseins tragen muß ; sie hätte barmherzig sein müssen , und sie hat mich – – O mein Gott , es ist doch meine Mutter , und ich bin so lange ihr alles gewesen . « Waldemar stand erschüttert da vor diesem Ausbruche des Schmerzes . » Ich will Wanda rufen , « sagte er endlich . » Sie wird – « » Sie wird das gleiche thun . Du kennst nicht die Frauen unsres Volkes . Aber ebendeshalb « – es brach mitten durch die Verzweiflung des jungen Fürsten etwas wie ein düsterer Triumph – , » ebendeshalb hoffe du nichts von ihnen ! Wanda wird dir nie angehören , niemals , auch über meine Leiche hinweg nicht . Und wenn sie dich liebt , und wenn sie stirbt an dieser Liebe – du bist der Feind ihres Volkes ; du hilfst mit an seiner Unterdrückung : das spricht dir bei ihr das Urteil . Eine Polin wird nicht dein Weib . Und es ist gut , daß es so ist , « fuhr er tief aufatmend fort . » Ich hätte nicht ruhig sterben können , mit dem Gedanken , sie in deinen Armen zu wissen ; jetzt kann ich ' s – sie ist dir verloren wie mir . « Er wollte forteilen , blieb aber plötzlich wie gebannt stehen . Einige Sekunden lang schien er zu schwanken , dann ging er langsam , zögernd zu der Thür , die in das Arbeitskabinett der Fürstin führte . » Mutter ! « Drinnen blieb alles still – nichts regte sich . » Ich wollte dir lebewohl sagen . « Keine Antwort . » Mutter ! « Die Stimme des jungen Fürsten bebte in angstvollem , herzzerreißendem Flehen . » Laß mich nicht so von dir gehen ! Wenn ich dich nicht sehen soll , so sage mir wenigstens ein Wort des Abschiedes , nur ein einziges ! Es ist ja das letzte . Mutter , hörst du mich nicht ? « Er lag auf den Knieen vor der verriegelten Thür und preßte die Stirn dagegen , als müsse sie sich ihm aufthun . Es war vergebens – die Thür blieb geschlossen , und von drinnen kam kein Laut . Die Mutter hatte kein Abschiedswort für ihren Sohn , wie die Fürstin Baratowska keine Verzeihung für sein Vergehen hatte . Leo erhob sich von den Knieen . Sein Antlitz war wieder starr wie vorhin , nur um die Lippen zuckte ein Ausdruck von so wildem bitterem Weh , wie er es wohl noch niemals in seinem Leben empfunden . Er sprach kein Wort ; er nahm schweigend den Mantel auf , den er vorhin abgeworfen , legte ihn um die Schultern und ging dann der Thür zu . Der Bruder versuchte vergebens ihn zurückzuhalten . Leo drängte ihn beiseite . » Laß mich ! Sage Wanda – nein , sage ihr nichts ! Sie liebt mich ja nicht ; sie hat mich ja aufgegeben um deinetwillen . Leb wohl ! « Er stürmte fort . Waldemar stand einige Minuten lang völlig ratlos . Endlich schien er einen Entschluß zu fassen und schritt rasch durch das Nebengemach bis in das Vorzimmer der Fürstin . Dort stand der Haushofmeister Pawlick mit verstörter Miene . Er war sogleich , als er von der Ankunft seiner verwundeten Landsleute hörte , zu ihnen geeilt und hatte noch vor dem Schloßherrn die Schreckensnachricht erfahren . Als er damit in das Schloß zurückkehrte , noch ungewiß , wie er sie seiner Gebieterin mitteilen solle , stand auf einmal am Eingange Fürst Baratowski selbst vor ihm . Aber er ließ dem erschrockenen alten Manne keine Zeit zu irgend einer Erklärung ; er warf ihm nur im Vorbeieilen die hastige Frage nach seinem Bruder , nach der Gräfin Morynska zu und verschwand dann in den Gemächern seiner Mutter . Noch wußte Pawlick nicht , ob sein junger Gebieter bereits von dem Geschehenen unterrichtet sei , oder nicht ; erst die Art , wie Leo jetzt bei der Rückkehr an ihm vorbeistürmte , zeigte ihm , daß er alles wußte . » Pawlick , « sagte Waldemar herantretend , » Sie müssen dem Fürsten Baratowski folgen , auf der Stelle . Er steht im Begriff , eine Tollkühnheit zu begehen , die ihm das Leben kosten wird , wenn er sie ausführt . Er will jetzt , bei Tage , über die Grenze . « » Gott im Himmel ! « rief der Haushofmeister entsetzt . » Ich kann ihn nicht zurückhalten , « fuhr Nordeck fort , » und ich darf mich nicht offen an seiner Seite zeigen , das würde ihn noch mehr gefährden , und doch muß er in seiner jetzigen Stimmung irgend jemand zur Seite haben . Ich weiß , Sie reiten noch gut , trotz Ihrer Jahre , nehmen Sie ein Pferd ! Der Fürst ist zu Fuß . Sie müssen ihn noch auf diesseitigem Gebiet erreichen , denn Sie kennen jedenfalls die Richtung , die er einschlägt , die Stelle , wo die geheime Verbindung mit den Insurgenten drüben noch besteht . Ich fürchte , sie ist in der Nähe der Grenzförsterei . « Pawlick blieb die Antwort schuldig ; er durfte nicht bejahen , aber es fehlte ihm in diesem Augenblick der Mut , die Wahrheit abzuleugnen . Waldemar verstand sein Schweigen . » Und gerade dort ist die Bewachung am schärfsten , « rief er heftig . » Ich erfuhr es durch unsre Offiziere . Wie mein Bruder es heute morgen möglich gemacht hat , hindurch zu kommen , weiß ich nicht ; zum zweitenmal gelingt es ihm nicht . Eilen Sie ihm nach , Pawlick ! Er soll den Uebergang nicht dort versuchen , an jeder andern Stelle , nur dort nicht . Er soll warten , sich verbergen bis zur Dunkelheit , wenn es nicht anders geht in der Försterei selbst . Inspektor Fellner ist jetzt dort ; er hält zu mir , aber er verrät Leo auf keinen Fall . Eilen Sie ! « Er hatte nicht nötig , anzutreiben . Die Todesangst um seinen jungen Gebieter stand deutlich genug auf dem Gesichte des alten Mannes . » In zehn Minuten bin ich fertig , « sagte er . » Ich reite , als gälte es mein eigenes Leben . « Er hielt Wort . Kaum zehn Minuten später ritt er aus dem Schloßhofe . Waldemar , der oben am Fenster stand , atmete auf . » Das war das einzige , was noch übrigblieb . Vielleicht erreicht er ihn noch , und dann ist wenigstens das Schlimmste abgewendet . « – Vier , fünf Stunden waren vergangen und noch immer keine Nachricht eingetroffen . Sonst , wenn irgend etwas an der Grenze geschah , drängten sich die Botschaften . Alles , was von dort nach L. wollte , mußte Wilicza passieren und machte mit seiner Neuigkeit wenigstens auf einige Minuten unten im Dorfe Halt – heute , war die Verbindung wie abgeschnitten . Unruhig ging Waldemar in seinem Zimmer auf und nieder ; er bemühte sich , Pawlicks Fernbleiben für ein gutes Zeichen zu nehmen . Jedenfalls hatte dieser Leo erreicht und blieb nun an seiner Seite , solange sich der junge Fürst noch auf diesseitigem Gebiete befand ; vielleicht waren sie beide in der Försterei geborgen . Da endlich – es war schon spät am Nachmittage – erschien der Administrator ; er trat eilig , ohne jede vorherige Anmeldung , bei dem jungen Gutsherrn ein . » Herr Nordeck , ich möchte Sie bitten , nach dem Gutshofe hinüber zu kommen , « sagte er . » Ihre Anwesenheit dort ist dringend notwendig . « Waldemar sah auf . » Was gibt es ? Ist irgend etwas mit den Verwundeten vorgefallen ? « » Das nicht ! « versetzte Frank ausweichend . » Aber ich möchte Sie doch ersuchen , selbst zu kommen . Wir haben Nachrichten von der Grenze erhalten . Drüben bei W. soll es nun wirklich zur Entscheidung gekommen sein ; es ist heute morgen dort eine förmliche Schlacht geliefert worden – gegen das Morynskische Corps . « » Nun , und der Ausgang ? « fragte Nordeck in äußerster Spannung . » Die Insurgenten haben eine furchtbare Niederlage erlitten . Es heißt , es sei dabei Verrat oder Ueberfall im Spiele gewesen . Sie haben sich gewehrt wie Verzweifelte mußten aber doch schließlich der Uebermacht erliegen . Was von ihnen noch lebt , das ist zersprengt und nach allen Himmelsrichtungen entflohen . « » Und der Führer ? Graf Morynski ? « Der Administrator sah schweigend zu Boden . » Ist er tot ? « » Nein , aber schwer verwundet in den Händen des Feindes . « » Auch das noch ! « murmelte Waldemar . Er selbst hatte dem Oheim stets fern gestanden , aber Wanda ! Er wußte , mit welcher glühenden , leidenschaftlichen Zärtlichkeit sie an dem Vater hing . Wäre dieser im Kampfe gefallen , sie hätte es leichter ertragen , als ihn einem solchen Lose preisgegeben zu sehen und durch