hatte seinen ganzen Lebensplan darauf gegründet , und nun kam solch ein junges Wesen mit lachenden Augen , und alle Vorsätze und Pläne zerstoben wie Spreu vor dem Winde . Man sah es , der Mann kämpfte schwer mit sich selber bei dieser stummen , rastlosen Wanderung . Der Unterschied der Jahre , die grenzenlose Verschiedenheit der Charaktere , der immer wiederkehrende Gedanke , daß er das Jawort , an dem er ja auch nicht zweifelte , nur seinem Reichtum , seiner Lebensstellung verdanken werde , das alles wühlte und gärte in ihm , und endlich sagte er halblaut : » Nein ! Das wäre eine Thorheit – würde ein Unglück – Nein ! « Da klang draußen vom Garten her ein Lachen , so hell und frisch , wie es nur die Jugend kennt , und Ulrichs Fuß schien plötzlich am Boden zu wurzeln . Langsam wandte er das Haupt nach jener Richtung , und das herbe Nein ! , das er eben gesprochen , wollte nicht standhalten vor jenem Laut . Frau Almers irrte doch , wenn sie nur eine Neigung bei ihrem Neffen voraussetzte . Das war mehr , das war eine Leidenschaft , gegen die sich seine Vernunft vergebens aufbäumte , sie war mächtiger als Wille und Kraft und behauptete auch jetzt ihr Recht . Sie flüsterte ihm zu , daß es feig sei , dem Entschluß aus dem Wege zu gehen , nicht einmal die entscheidende Frage zu stellen , und Ulrich wollte nicht feig sein . Mit einem raschen Entschluß richtete er sich empor und verließ das Zimmer . Am Fuße der Terrasse stand ein alter weißhaariger Mann und sprach in einem halb respektvollen , halb väterlichen Tone zu dem jungen Mädchen , das sich , ganz unbekümmert um die Nässe , auf den Sockel der steinernen Treppe gesetzt hatte . » Nein , Fräulein Paula , das ist zu arg ! Da oben im Dollinawalde sind Sie gewesen ? Bei diesem Wetter ? Ich war ein einziges Mal da , aber ich probiere die Geschichte nicht zum zweitenmal . Das ist ja ein wahrer Gemsensteig , der von da zum See hinunterführt , Hals und Beine kann man dabei brechen ! « » Ja , ich habe auch so etwas von einer Gemsennatur ! « lachte Paula . » Vorläufig habe ich all meine Gliedmaßen noch beisammen , naß bin ich freilich geworden , naß wie eine Wassernixe ! Da schauen Sie nur her , Ullmann ! « Sie nahm das Filzhütchen ab und schwenkte es , so daß das in der Krempe angesammelte Wasser nach allen Richtungen sprühte . Ihr Anzug , ein dunkles , hochgeschürztes Lodenkleid und ein Jäckchen von dem gleichen Stoff , war allerdings reichlich getränkt mit Nässe , denn der Schirm , den sie in der Hand trug , hatte offenbar nur als Bergstock gedient , er zeigte noch die Spuren des aufgeweichten Bodens . Die zierliche , geschmeidige Gestalt des jungen Mädchens hatte in der That etwas von dem schlanken , scheuen Wild des Hochgebirges . Das krause , dunkle Haar war noch feucht vom Regen , zerweht vom Winde , das Antlitz heiß gerötet von der Kletterpartie , und die Augen strahlten in dem ganzen hoffnungsfreudigen Glück der Jugend , der die Zukunft noch alles verheißt . Paula Dietwald war , ohne eigentlich schön zu sein , doch eine ungemein liebreizende Erscheinung , und als jetzt der erste Sonnenstrahl durch das Gewölk brach und einen leuchtenden Blitz über See und Berge hinsandte , da jubelte sie auf wie ein Kind : » Ach , die Sonne ! Da ist sie endlich wieder ! « » Es ist auch Zeit , sie hat fast eine Woche lang in den Wolken gesteckt , « sagte Ullmann . » Viel haben Sie nicht gehabt hier in Restovicz , Fräulein Paula , das Wetter war ja immer rauh und unfreundlich . « » Und es war doch so schön ! « rief Paula . » Ich bin ja zum erstenmal in den Bergen , ich habe ja immer nur in der großen lärmenden Stadt gelebt . Hier ist alles so frei , so mächtig ! Sie wissen gar nicht , wie schön es war heut im Dollinawalde ! Das sauste und brauste in den Tannenwipfeln , das wallte und wogte in den Bergen , und tief unten lag der See wie ein großes , weißes Nebelmeer . Das war alles so seltsam , so geheimnisvoll , als müßte irgend etwas auftauchen aus dem Nebel , irgend ein Märchen , das dann leibhaftig vor einem steht ! « » Ja , ja , mit achtzehn Jahren glaubt man noch an solchen Unsinn , « sagte der Alte mit gutmütigem Spott . » Und da klettert man auch noch umher in den Bergen , die der Herrgott nur zur Plage erschaffen hat . Erst geht es hinauf , dann wieder herunter , man wird müde und matt dabei und zerreißt sich die Stiefel . Und es gibt Menschen , die das aus reinen Vergnügen thun – ich kann ' s nicht begreifen ! « Das junge Mädchen lachte wieder hell auf bei diesem ärgerlichen Ausbruch . » Ja , Ullmann , das glaube ich ! Sie stehen ja förmlich auf dem Kriegsfuß mit den Bergen und leben doch mitten darin . « » Ja , Gott sei ' s geklagt ! « brummte Ullmann . » Aber ich habe die buckligen Länder mein Lebtag nicht leiden können . Da ist ' s anders in unserer lieben pommerschen Heimat ! Da gibt es keinen Berg weit und breit , nichts als Felder , überall nur das schöne gesegnete Korn ! Und mitten darin das Herrenhaus , mit den blitzblanken Fenstern , und ein Wirtschaftshof , an dem jeder Landmann seine Freude hat – aber hier ! Wenn Sie nur wüßten , Fräulein , wie das hier aussah , als wir ankamen , die reine Räuberwirtschaft ! Der Herr hat ja schon einigermaßen Ordnung geschafft in den fünf Jahren , aber ich glaube , er braucht zehn , um sein Restovicz nur menschlich zu machen . « » Warum hat Herr von Berneck sein Auenfeld denn nur verkauft und ist hierher gegangen ? « fragte Paula unbefangen . » Frau Almers schien auch nicht einverstanden damit zu sein . « In dem Gesichte des Alten zeigte sich eine gewisse Verlegenheit , und er entgegnete ausweichend : » Das war so eine eigene Sache ! Es war ihm verleidet worden , und er wollte fort , aber deshalb brauchte er doch nicht gerade in die Wildnis zu gehen , er konnte unter den Menschen bleiben . Aber das Volk hier , das ist ja eine Bande , bei der man seines Lebens nicht sicher ist ! Der Herr und ich , wir werden sicher noch einmal totgeschlagen . « » Um Gottes willen ! « fuhr das junge Mädchen entsetzt auf . » Sind die Leute so schlimm ? « » Wie man ' s nimmt ! Gegen einen von ihrer Sorte sind sie es nicht , aber den Fremden hassen sie bis aufs Blut , und nun vollends Herrn Ulrich , der ihnen Zucht und Ordnung beibringt . Das kennen sie freilich nicht hier zu Lande ; bei ihren früheren Herren , da konnten sie machen , was sie wollten , kein Mensch kümmerte sich darum , und wenn die ganze Wirtschaft dabei zum Teufel ging . Jetzt heißt es , Ordre parieren , jetzt werden sie regiert , daß es nur so eine Art hat ! Zu mucksen wagen sie ja nicht , sie kennen den Herrn , aber wenn sie ihm hinterrücks etwas anthun können , dann geschieht ' s. Ich sage Ihnen , Fräulein , man wird hier keine Stunde seines Lebens froh ! « » Dann hätten Sie doch wenigstens in der Heimat bleiben sollen , « warf Paula ein , aber da richtete sich der Alte förmlich beleidigt auf . » Ich werde doch Herrn Ulrich nicht allein lassen ! Ich war schon bei seinen Eltern im Dienst und habe ihn auf dem Arm getragen , als er noch nicht laufen konnte . Er hat mir freilich gesagt , als er fortging : › Ullmann , für dich ist reichlich gesorgt , wenn du hier bleiben willst , ‹ aber da sagte ich : › Das gibt ' s nicht , Herr Ulrich , ich gehe mit Ihnen bis ans Ende der Welt ! ‹ Ich war ja auch der einzige , den er mitgenommen hat , und so ziemlich ans Ende der Welt sind wir auch geraten . « Das junge Mädchen hob nachdenklich den Blick empor zu den grauen Mauern des Schlosses , die wohl schon mehr als ein Jahrhundert überdauert hatten . » Und nun hausen Sie das ganze Jahr allein hier , mit Ihrem Herrn und all den fremden Dienstleuten ? Er könnte sich seine Leute doch aus Deutschland kommen lassen . « Ullmann zuckte die Achseln . » Er will ja nicht , er sagt , sie passen nicht hierher , aber ich weiß es besser . Er will eben nichts mehr hören und sehen von da oben . Es ist ja auch das erste Mal in den fünf Jahren , daß wir Besuch haben . Die gnädige Frau – nun die ist freilich sehr vornehm , für die ist unsereins kaum vorhanden , aber Sie , Fräulein Paula ! Mit Ihnen ist doch der leibhaftige Sonnenschein gekommen ; ich meine immer , es ist heller geworden in Restovicz , seit Sie da sind ! « Das Kompliment kam etwas ungeschickt , aber so treuherzig heraus , daß das junge Mädchen ihm lächelnd zunickte . » Ja , Ullmann , wir beide sind schon recht gute Freunde geworden , aber der › Sonnenschein ‹ ist nur für Sie allein da . Da drinnen im Schlosse bin ich immer äußerst gesetzt und verständig . Frau Almers fordert das von ihrer Umgebung und nun vollends Herr von Berneck – da darf man doch nicht lachen und lustig sein . Ich glaube , wenn ich mich einmal dergleichen unterstände , er verwiese mich auf der Stelle aus seinem Restovicz . « » Nun , so schlimm ist es nicht , « meinte der Alte . » Ernst ist er freilich , und das Lachen hat er ganz verlernt , aber früher , da konnte er es gerade so gut wie Sie . Haben Sie einmal das Bild angeschaut , das da oben im großen Saale hängt , gleich rechts am Eingang ? Den Jägersmann mit dem grünen Spitzhut und der Büchse in der Hand ? So hat er ausgesehen , noch vor neun Jahren ! « » Das Jägerbild ? « fragte Paula betroffen . » Jawohl , das kenne ich ! Aber das soll doch nicht etwa Herr von Berneck sein ? « » Natürlich ist er es , und das Bild war sehr ähnlich damals . « » Der junge Jäger ? Aber wie alt ist er denn eigentlich jetzt ? « » Gerade siebenunddreißig ! Das wundert Sie , Fräulein ? Ja , er sieht freilich um zehn Jahre älter aus . Damals war er eben ein junger , lustiger Patron , den alle Welt gern hatte , und es fehlte ihm auch nichts im Leben . Die Eltern waren ja früh gestorben , aber sie hatten ihm das schöne Auenfeld hinterlassen , und die reiche Tante in Berlin war kinderlos , deren Erbe wurde er auch einmal . Sie hätten ihn nur sehen sollen , unseren Jungherrn , wenn er durch die Felder ritt oder in den Wald zog mit seiner Büchse . Er konnte ja nicht leben ohne seine geliebte Jagd , und er war der beste Schütze weit und breit . Was ihm vor den Lauf kam , das traf er – ja , das waren andere Zeiten ! « Paula hörte halb gefesselt , halb ungläubig zu und war eben im Begriff , eine Frage zu thun , als auf den Steinfliesen der Terrasse ein lauter Schritt hörbar wurde und Berneck selbst die Freitreppe herunterkam . Er verneigte sich flüchtig gegen das junge Mädchen und wandte sich dann an Ullmann . » Bist du schon drüben in den Ställen gewesen ? Du solltest ja nachsehen , wie es meinem Rappen geht nach dem Fehltritt , den er gestern gethan hat . Du weißt doch , daß auf das Stallpersonal kein Verlaß ist . « Ullmann wußte das allerdings und ging nun schleunigst nach den Ställen hinüber . Paula hatte sich erhoben ; aber als der Schloßherr jetzt rasch auf sie zutreten wollte , wich sie mit sichtbarer Scheu zurück . Er hielt sofort inne . » Sie haben dem Sturm und Regen getrotzt ? « fragte er mit verhaltener Stimme . » Waren Sie weit hinaus ? « » Ich war im Dollinawalde . « » Und da haben Sie vermutlich den Abstieg nach dem See genommen , sonst könnten Sie noch nicht zurück sein . Das ist aber kein Weg für zarte Mädchenfüße . « » Ich bin nicht so zart und verweichlicht , wie Sie glauben , Herr von Berneck , « sagte Paula mit einem Anfluge von Trotz . » Ich habe nicht von Verweichlichung gesprochen . Der Dollinawald bei solchem Wetter , und der Steig da an der Felswand herunter , das ist eine Leistung selbst für mich , und Sie sind zum erstenmal in den Bergen , soviel ich weiß . « » Jawohl ! « Ulrich biß sich auf die Lippen . Seine Tante hatte ja recht , er durfte nicht immer so schweigsam sein , wo er doch werben wollte ; aber bei jedem Versuch einer Annäherung traf er immer nur auf dies scheue Ausweichen , und das nahm ihm den Mut . Paula stand stumm und befangen vor ihm . Sie war sonst nichts weniger als furchtsam , allein dies dunkle , rätselhafte Gefühl , das sich ihr in der Nähe dieses Mannes immer so seltsam und beklemmend auf die Brust legte , mußte doch wohl Furcht sein . Und wenn vollends seine düsteren , grauen Augen so unverwandt auf ihr ruhten wie eben jetzt , dann war sie wie unter einem Bann , dem sich nicht entfliehen ließ . Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an : » Im Sommer sind unsere Bergwälder sehr schön . Im Winter freilich , wenn alles ringsum verschneit ist , sind sie pfadlos . Ich bin trotzdem täglich draußen . « » Sie jagen vermutlich täglich ? « fragte das junge Mädchen , mit einem Versuch , der beklommenen Stimmung Herr zu werden . » Ich habe ja das Bild gesehen , das Sie in voller Weidmannstracht darstellt . Es stammt wohl noch aus Auenfeld ? « » Ja ! « versetzte Berneck kurz . » Mich wundert nur , daß es da oben in dem großen Saale hängt , der , wie Ullmann sagt , fast das ganze Jahr nicht betreten wird . Es gehörte doch in Ihre Zimmer ! « » Ich mag das Bild nicht ! Es ist längst nicht mehr ähnlich , und es stammt überhaupt aus einer Zeit , die weit hinter mir liegt . « Das klang seltsam abweisend , beinahe rauh , als hätte die einfache Bemerkung ihn verletzt , und dann schwieg er wieder . Paula kannte bereits die langen Pausen im Gespräch mit dem Schloßherrn , die er gar nicht zu empfinden schien , und um nur etwas zu sagen , fuhr sie fort : » Ich begreife es , daß Restovicz gerade für Sie einen eigenen Reiz hat . Ullmann erzählte mir vorhin , welch ein leidenschaftlicher Jäger Sie sind . In diesen weiten , tiefen Forsten muß es sich ja prächtig jagen lassen . « Berneck wandte sich ab und blickte nach den Ställen hinüber , » Gewiß – aber ich jage nicht mehr ! « » Sie jagen nicht mehr ? Und Ullmann sagte mir doch – « » Er sprach von früheren Zeiten . Ich habe die Jagd völlig aufgegeben , schon seit Jahren , sie reizt mich nicht mehr ! « Paula sah ihn betroffen und fragend an . Es war wieder der herbe Ton von vorhin und der harte , feindselige Ausdruck in seinen Zügen . Sie hatte eine dunkle Empfindung , als dürfte sie diesen Punkt nicht weiter berühren . Es war freilich nicht das erste Mal , daß Ulrich Berneck ihr rätselhaft und unverständlich erschien . Sie hatte diese plötzlich hervortretende Schroffheit schon öfter bemerkt , mitten im Gespräch , ohne daß sich irgend ein Grund erraten ließ , aber es vermehrte nur das unheimliche Gefühl , das sie stets in seiner Nähe hatte . Da ließ sich eine fremde Stimme hinter ihnen vernehmen , die in slowenischer Sprache einige Worte sagte . Berneck wandte sich rasch um und runzelte die Stirn , als er den Mann gewahrte , der eben aus den Gebüschen hervorgetreten war . » Was wollt Ihr , Zarzo ? « fragte er . Zarzo verbeugte sich tief und unterwürfig und kam näher . Er sprach von neuem , aber der Schloßherr unterbrach ihn kurz und befehlend : » Sprecht deutsch ! Ihr wißt doch , daß ich nicht anders rede mit den Leuten , die es verstehen , und Ihr versteht es sehr gut . Also , was gibt es ? « Der Mann , ein stattlicher Bursche , in dessen Gesicht sich die charakteristischen Züge seines Volkes scharf ausprägten , war in der Landestracht , die hier in den Bergwäldern auch für Jäger unvermeidlich war ; aber er trug die Abzeichen der herrschaftlichen Förster und hatte eine Büchse über die Schulter gehängt . Das schwarze Haar fiel schlicht und straff zu beiden Seiten nieder , doch der Ausdruck der schwarzen , brennenden Augen stimmte nicht zu dem unterwürfigen , ja kriechenden Wesen , mit dem er sich dem Gutsherrn nahte . Er sprach übrigens das Deutsche ganz geläufig , das zeigte sich jetzt , wo er sich dazu bequemte . » Ich wollte den gnädigen Herrn noch einmal bitten – ich soll ja doch fort aus Restovicz . « » In acht Tagen – jawohl ! « » Ich weiß , gnädiger Herr , ich weiß . Aber ich habe immer gemeint , Sie nehmen es noch zurück . « » Nein ! « sagte Berneck hart und bestimmt . Aus den Augen des Slowenen schoß ein seltsamer Blick , aber er bewahrte seine demütige Haltung . » Es geschieht nimmer wieder , bei meiner Seele ! Wenn der Herr es mir nur noch diesmal verzeiht . « » Ungehorsam und Widersetzlichkeit verzeihe ich nie , und am wenigsten das Wort , das da gefallen ist . Ihr wißt es doch wohl noch , Zarzo ? « Die Augen des Försters suchten scheu den Boden , aber er legte beteuernd die Hand auf die Brust . » Bei meiner Seligkeit , nein ! Ich weiß gar nicht mehr , was ich an dem Tage geredet und gethan habe . Ich war ja ganz – « » Betrunken waret Ihr , « ergänzte Berneck kalt . » Das sah ich , sonst hätte ich es nicht bei der bloßen Entlassung bewenden lassen . Aber bewußt oder nicht ! Ihr verlaßt Restovicz und laßt Euch nicht wieder hier blicken ! « Paula war seitwärts getreten , ungewiß , ob sie gehen oder bleiben sollte . Es war das erste Mal , daß sie den Gutsherrn im Verkehr mit den Leuten sah , die nicht unmittelbar zu der Schloßdienerschaft gehörten , und der Eindruck war kein wohlthuender . Er stand vor dem Slowenen , in jedem Zoll der strenge Gebieter , der keine Nachsicht und kein Verzeihen kennt . Zarzo ließ sich trotzdem nicht abschrecken . Er warf sich seinem Herrn zu Füßen , er bat und flehte , bald deutsch , bald slowenisch , und schwor hoch und teuer , er werde nie wieder ungehorsam sein . Er winselte in allen Tonarten , aber die wilde , versteckte Tücke , die dabei in seinen Augen lauerte , entging dem jungen Mädchen , das auf den Stufen der Terrasse stand . Berneck blieb völlig ungerührt dabei , er hatte nur ein verächtliches Schweigen für all die Bitten und Beteuerungen , endlich hob er gebieterisch die Hand und zeigte auf den Weg . » Hinaus ! Ich will nichts weiter hören . Es bleibt bei meinem Befehl ! « Zarzo erhob sich , er mochte endlich einsehen , daß jeder weitere Versuch nutzlos sei , aber als er sich jetzt zum Gehen wandte , schoß er einen Blick auf seinen Herrn , in dem sich wild aufflammender Haß und dämonische Tücke mischten – in der nächsten Minute verschwand er im Gebüsch . Ulrich wandte sich zu dem jungen Mädchen , so gelassen wie vorhin , die Scene schien ihn nicht im mindesten erregt zu haben . » Ich bedaure , daß Sie das mit anhören mußten – « , er hielt plötzlich inne , und mit einem forschenden Blick auf ihr Gesicht setzte er langsam hinzu : » Sie halten mich wohl für sehr hart und unbarmherzig ? « » Ja ! « sagte Paula mit herber Aufrichtigkeit . Ulrich stutzte , er hörte diesen Ton zum erstenmal von den Lippen des jungen Mädchens , das er meist nur in Gegenwart seiner Tante sah . Es schien ihn zu überraschen , und seine Antwort klang wie eine halbe Entschuldigung . » Sie kennen das Volk hier nicht . Lasse ich ein einziges Mal eine offene Widersetzlichkeit hingehen , wie Zarzo sie versuchte , so ist meine Autorität rettungslos verloren bei den anderen , und keiner gehorcht mir mehr . Sie wollen eben mit eiserner Hand regiert sein , das ist nicht zu ändern . « » Aber der Mann lag Ihnen zu Füßen , « es klang ein unverhüllter Vorwurf aus den Worten , » er bat und flehte wie ein Verzweifelter ! « » Jawohl , er winselte beweglich genug , aber das würde ihn nicht abhalten , mich in der nächsten Stunde niederzuschießen , wenn es straflos geschehen kann . Ob ich da gewähre oder versage , das gilt gleich . Ihm bin ich ja nicht der Herr , der ihm Brot gibt , sondern der Fremde , der hier eingedrungen ist , und den er und seinesgleichen hassen bis aufs Blut . Wissen Sie , wie das Wort lautete , das er mir damals zurief , als ich mir gewaltsam Gehorsam verschaffte ? › Das werde ich dir gedenken , du deutscher Hund ! ‹ Würden Sie das verzeihen ? « » Nein ! « sagte Paula gepreßt . » Aber der Mann war betrunken , Sie sagten es ja selbst . « » Gewiß , er wußte nicht mehr , was er sprach , sonst hätte er es auch nicht gewagt . Der Bursche ist feig , das sind sie freilich alle , aber sie nennen mich überhaupt nicht anders , wenn sie unter sich sind . Ich weiß das sehr genau . « » Und unter diesen Menschen leben Sie – freiwillig ? « fragte das junge Mädchen mit unverhehlter Entrüstung . Er zuckte die Achseln . » Daran gewöhnt man sich ! Das scheint Ihnen unbegreiflich ! Oder vielmehr , Sie meinen , man muß schon zum Tyrannen angelegt sein , um sich daran zu gewöhnen ? Geben Sie sich keine Mühe , das zu leugnen , ich lese es deutlich genug auf Ihrem Gesichte . « Paula verneigte sich kühl und gemessen . » Entschuldigen Sie mich , Herr von Berneck , ich muß in das Schloß . Frau Almers liebt es nicht , wenn ich unpünktlich bin , und ich muß mich noch umkleiden zur Theestunde . Also verzeihen Sie ! « Damit eilte sie die Stufen hinauf und verschwand im Terrassenzimmer . Ulrich stützte sich auf den steinernen Pfeiler , an dem sie vorhin gesessen hatte , und sah ihr nach . » Daß sie auch dabei sein mußte ! « murmelte er halblaut . » Jetzt habe ich vollends verspielt bei ihr ! « Es lag ein unendlich bitterer Ausdruck auf dem Gesichte des Mannes , der es nur zu tief fühlte , daß er und seine Persönlichkeit nicht gemacht waren , einer Frau zu gefallen . Dies Bewußtsein war es ja , was ihm bisher die Lippen geschlossen hatte dem Mädchen gegenüber , das er liebte mit der ganzen Glut einer spät erwachten Leidenschaft . Er täuschte sich durchaus nicht über den Eindruck , den jene Scene auf sie machte , er hatte ihr die Empfindungen vom Gesicht abgelesen . Wenn sie bisher den düsteren , unzugänglichen Mann gefürchtet hatte , so verabscheute sie jetzt in ihm den Tyrannen , der nur die Zuchtrute über seine Untergebenen schwang , und so sollte er mit einer Werbung vor sie hintreten ? Er würde trotz alledem wohl ein Jawort erhalten , die kluge Tante würde schon dafür sorgen , daß ihr Schützling in diesem Falle auch » vernünftig « war , und gerade dies Jawort fürchtete er . Der Traum von Glück , der wie ein leuchtender Schein in seiner Seele lag , sollte ihm beim Erwachen nur kalte , nüchterne Berechnung zeigen . Er wußte es ja , der Argwohn würde ihm keine ruhige Stunde lassen . In jedem Liebeswort , in jedem Lächeln würde er die Heuchelei sehen und ein Marterleben führen an der Seite eines jungen Weibes , dessen Hand er nur seinem Reichtum verdankte . Mit einer jähen Bewegung richtete er sich empor , als wollte er die Gedanken abschütteln , die ihm sein » Glück « in diesem Lichte zeigten . » Vielleicht war es am besten so ! « sagte er finster . » Dann ist es ein für allemal zu Ende mit der Thorheit – und mit dem Träumen ! « Das Wetter hatte sich in der That aufgehellt . In den Thälern und auf dem See lagerten noch die Nebel , aber die Berge waren klar geworden , und die Sonne hatte sich Bahn gebrochen durch das Gewölk . Sie neigte sich jetzt schon dem Untergange zu und erfüllte das vorhin so düstere Terrassenzimmer mit ihren rötlichen Strahlen . Die Unterhaltung am Theetisch war nicht besonders lebhaft gewesen . Frau Almers beherrschte sie fast allein , denn Ulrich zeigte die gewohnte Schweigsamkeit und Paula , die den Thee bereitete , mischte sich fast gar nicht in das Gespräch . Sie war freilich hier im Schlosse eine völlig andere als draußen in dem unbefangenen Verkehr mit dem alten Diener . Das zerwehte Haar war sorgfältig geordnet , der nasse Anzug durch ein leichtes , helles Sommerkleid ersetzt und der kleine rosige Mund , der vorhin so lustig gelacht und geplaudert hatte , schwieg hier äußerst » gesetzt und verständig « . Frau Almers verstand es schon , ihrer Umgebung die weitestgehenden Rücksichten aufzuerlegen . Paula war ihr Schützling , die Tochter ihrer Jugendfreundin , aber sie mußte es doch oft genug empfinden , daß die Beschützerin im Grunde eine Herrin war . Erst hier in Restovicz hatte sich das einigermaßen geändert . Sonst wäre es dem jungen Mädchen nicht gestattet worden , stundenlange Spaziergänge allein zu machen oder mit Ullmann zu plaudern , wenn Berneck seiner Tante Gesellschaft leistete – jetzt wurde ihr das zugestanden . Sie hatte freilich keine Ahnung davon , daß die Dame bereits in ihr die künftige Braut ihres Neffen sah und dem Rechnung trug . Mit dem frohen , leichten Sinne der Jugend nahm sie die ungewohnte Güte und Nachsicht hin wie ein Geschenk , ohne viel zu fragen , woher es stammte . Man war schließlich auf Restovicz und die hiesigen Verhältnisse gekommen , das einzige Thema , bei dem Ulrich mitteilsamer wurde . Er hatte sein Notizbuch hervorgezogen und darin geblättert , um irgend eine Frage seiner Tante zu beantworten , und sagte jetzt , im Anschluß daran : » Ja , es ist ein wahrer Spottpreis , den ich für die Herrschaft gezahlt habe , bei uns daheim kauft man höchstens ein mäßiges Gut dafür . Aber mein Vorgänger hatte es gemacht wie die meisten seiner hiesigen Standesgenossen . Der Besitz war schon tief verschuldet , als er ihn erbte , allein das störte ihn nicht in seinem Vergnügen . Es wurde in der alten Art fortgewirtschaftet , gejagt , gespielt , getrunken und mit einem Heer von Gästen auf großem Fuße gelebt . Die Beamten und das Dienstvolk thaten , was ihnen gerade beliebte , und stahlen dabei , wo sie nur wußten und konnten , bis es dann eines Tages nicht weiter ging . Da wurde der Besitz einfach verschleudert . Es war die höchste Zeit , daß er in feste Hand kam ! Ich werde noch einmal fünf Jahre brauchen , ehe Restovicz das wird , was es werden kann und soll . « » Aber hoffentlich kettest du dich nicht wieder so lange an deine Scholle , « fiel Frau Almers ein . » Jetzt im Sommer kommst du freilich kaum zu Atem . Ich sehe es ja , wie du den ganzen Tag lang reitest und fährst und kommandierst , aber im Winter rechne ich bestimmt auf einen Besuch , Ulrich . Da hast du doch hinreichend Zeit . « » Schwerlich , Tante , « erwiderte er achselzuckend . » Restovicz will nicht nur bewirtschaftet , sondern auch regiert sein , und da darf ich die Zügel nicht locker lassen . Vorläufig bin ich noch immer im Kampf mit meinen Leuten , die sich nicht an Zucht und Ordnung gewöhnen können . Fräulein Dietwald wurde vorhin erst Zeuge einer unerquicklichen Scene , die ich mit einem meiner Förster hatte . Mir ist das freilich nichts Neues . « Er blickte zu dem jungen Mädchen hinüber , als erwartete er irgend eine Aeußerung , doch Paula