lag die Gegend im hellsten Mondlichte . „ Ich habe das Fenster geöffnet , “ sagte Gabriele . „ Es war so dumpf im Zimmer , und der Abend ist so schön . “ „ Ja , sehr schön ! “ wiederholte der Freiherr , in Gedanken verloren hinausblickend , dann wandte er sich plötzlich wieder zu seiner jungen Gefährtin . „ Du hast Recht , man fühlt sich heute so beengt und gedrückt in den geschlossenen Räumen . Es drängt mich förmlich , einmal draußen im Freien aufzuathmen . Wollen wir hinunter in den Schloßgarten ? “ Gabriele willigte sofort ein . Der Freiherr nahm ihren Reiseshawl , der noch auf dem Sopha lag , und hüllte ihn sorgfältig um die schlanke Gestalt ; dann verließen sie beide das Zimmer . Im Schloßgarten herrschte , wie gewöhnlich , Einsamkeit und Stille , aber seine Sommerpracht war längst dahingeschwunden . Das dichte Blätterdach , das ihn sonst in tiefen Schatten hüllte , hatte sich gelichtet ; die mächtigen Linden standen halb entlaubt , und das Mondlicht lag voll und klar auf den Rasenflächen . Noch rauschte der Nixenbrunnen und warf unermüdlich die weißen Wasserschleier empor , und die Beiden , denen sein Rauschen so verhängnißvoll geworden war , standen jetzt wieder an seinem Rande , umsprüht von dem fallenden Tropferegen . Raven blickte mit einem seltsamen Gemisch von Zärtlichkeit und Düsterheit auf seine Begleiterin nieder . „ Die ‚ Nixenrache ‘ hat mich doch erreicht , “ sagte er halblaut . „ Warum wagte ich es auch , der Nixen und ihres Zaubers zu spotten ! Ich habe den Ort seit jenem Tage nicht wieder betreten , heute aber zog es mich unwiderstehlich hierher . Einmal noch mußte ich den Quell sehen . “ Gabriele schreckte bei den letzten Worten empor . „ Einmal noch ? Was heißt das , Arno ? Was willst Du damit sagen ? “ Es lag eine ahnungsvolle Angst in der Frage . Arno lächelte und strich beruhigend mit der Hand über das blonde Haar des jungen Mädchens . „ Sei doch nicht so schreckhaft ! Es heißt nur , daß ich das Schloß und die Stadt in den nächsten Tagen verlassen werde . Der Schlag , von dem Du meintest , daß er nur drohte , ist bereits gefallen – seit heute Morgen habe ich aufgehört , Gouverneur der Provinz zu sein . “ „ Also haben sie Dich doch bis zum Aeußersten getrieben , “ sagte Gabriele leise . „ Du hast Deine Entlassung genommen ? “ „ Nein – erhalten ! “ Die Lippen des Freiherrn zuckten , aber er vermochte es doch jetzt , das Wort auszusprechen , das eine so grenzenlose Demüthigung für ihn einschloß . „ Erhalten ? “ wiederholte Gabriele . „ Ohne daß Du darum nachsuchtest ? Das ist ja – “ „ Beleidigung ! “ vollendete Raven , als sie inne hielt . „ Oder Verurtheilung , wie Du es nehmen willst . Man läßt dem Gestürzten sonst wenigstens der Welt gegenüber den Ausweg , seinen Abschied selbst zu verlangen . Mir ist auch das versagt worden . “ „ Und was wirst Du nun thun ? “ fragte Gabriele nach einer Pause . „ Nichts ! “ entgegnete der Freiherr kalt . „ Meine öffentliche Laufbahn ist zu Ende . Ich werde auf meine Güter gehen und dort – weiter leben . “ „ Wirst Du es können , Arno ? Du selbst sagtest mir einst , daß Wirken und Herrschen Lebensbedingungen für Dich seien , daß Du ein zweckloses Dasein in dem ruhigen , immer gleichen Kreise des Alltagslebens nicht ertragen würdest . “ „ Vielleicht lerne ich es . Es lernt sich ja so Manches im Leben . Ich muß es wenigstens versuchen . “ „ Und ich gehe ja mit Dir , “ flüsterte Gabriele mit vollster Innigkeit . „ Ich bleibe an Deiner Seite , für immer . “ „ Ja wohl – für immer ! “ Raven lächelte , wie vorhin , aber er vermied es , Gabrielens Blicken zu begegnen . Er umfaßte sie sanft und zog sie nach der Bank in der Nähe der Fontaine . Dort warf die größte der Linden , die noch zur Hälfte ihren Blätterschmuck trug , ihren Schatten , und dort verrieth das helle Mondlicht nicht jede Bewegung der Züge . Der Freiherr konnte den besorgten , beobachtenden Augen nicht länger Stand halten . Sie waren gefährlich , diese Augen , die mit dem Instincte der Liebe durch alle Schleier hindurchsahen und denen doch etwas verschleiert werden mußte . Arno saß eine Zeitlang schweigend an Gabrielens Seite . Er empfand den ganzen Frieden dieser Umgebung nach all den Stürmen der letzten Wochen und Monden . Auch in seinem Inneren hatte es ausgestürmt . So lange es noch etwas zu bekämpfen und zu vertheidigen gab , hatte er auf dem Kampfplatze gestanden , äußerlich unbewegt . Wie es in seiner Seele aussah , in dieser furchtbaren Zeit , wo die beiden vorherrschenden Leidenschaften seines Lebens , Stolz und Ehrgeiz , Tag für Tag verwundet , gemartert und durch tausende von Demüthigungen und Quälereien endlich bis zu Tode getroffen wurden – das wußte nur er allein . Jetzt waren Kampf und Qual zu Ende , und die Ruhe eines letzten unabänderlichen Entschlusses nahm auch der Erinnerung ihren schärfste Stachel . „ Gabriele , Du hast noch nicht einmal gefragt , was mich stürzte , “ begann der Freiherr endlich wieder , „ und doch kennst Du die Anklage . Glaubst Du daran ? “ „ Wozu sollte ich erst fragen ? Ich wußte ja , daß es nur Lüge und Verleumdung war . “ [ 562 ] „ Also Du wenigstens glaubst noch an mich ! “ sagte Raven mit einem tiefen Athemzuge . „ Ich habe nie auch nur einen Augenblick an Dir gezweifelt . Aber weshalb schweigst Du zu jener Anklage ? Weshalb trittst Du ihr nicht mit voller Macht entgegen ? Schon um Deiner selbst willen mußt Du sie niederwerfen . “ „ Ich habe die Beschuldigung öffentlich für eine Lüge erklärt – Du siehst es , welchen Glauben mein Wort gefunden hat , und Beweise stehen mir so wenig zu Gebote , wie denen , die mich anklagen . Es gab nur Einen , welcher mich von dem Verdachte hätte reinigen können , Deinen Großvater , und den deckt längst das Grab . “ „ Meinen Großvater ? “ fragte Gabriele überrascht . „ Er starb , als ich noch ein Kind war , aber ich hörte von meinen Eltern , daß Du sein Liebling und Vertrauter gewesen . “ Raven blickte , in düsteres Nachsinnen verloren , vor sich hin . „ Er war eine durchaus ungewöhnliche Natur . Vielleicht war das der Grund , weshalb wir Beide uns stets verstanden , denn auch ich habe nicht die Alltäglichkeit zur Richtschnur meines Denkens und Handelns gemacht . Er war freilich auf den Höhen des Lebens geboren , die ich erst erklimmen mußte . Aristokrat durch und durch , besaß er doch Gerechtigkeit genug , um Begabung und Charakter anzuerkennen , auch wenn sie sich außerhalb seiner Sphäre regten , das habe vor Allen ich erfahren . Es war keine Kleinigkeit für den reichen , stolzen Grafen , für den allmächtigen Minister , die Hand seiner Tochter einem jungen bürgerlichen Beamten zuzusagen , der sich seine Zukunft erst erobern sollte . Dein Großvater wußte es freilich , daß ich sie mir erobern werde , und einem Andern meines Standes hätte er nie seine Tochter vermählt . Ihm verdanke ich alles , was ich geworden bin ; er ist mir bis zu seinem Tode ein Freund und Vater gewesen , und doch wollte ich , seine Hand hätte damals nicht in mein Leben eingegriffen und mich gewaltsam auf eine andere Bahn gerissen . Sie führte nach empor zu der erträumten Höhe – aber der Preis , den ich dafür zahlen mußte , war zu hoch . “ Er schwieg und sah wieder in die duftverschleierte Ferne hinaus . Gabriele legte bittend die Hand auf seinen Arm . „ Arno , ich weiß es längst , daß irgend etwas Dunkles , Bitteres in Deinem Leben liegt , und ich weiß auch , daß es ein Unglück und keine Schuld ist . Willst Du es mir nicht enthüllen ? Ich habe jetzt doch wohl ein Recht darauf . “ „ Du hast es , “ sagte Raven ernst . „ Du sollst es erfahren . “ Gabriele blickte in banger Erwartung zu ihm empor . Er legte den Arm um ihre Schulter und zog sie näher zu sich . „ Du weißt , daß ich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen hervorgegangen bin . Der frühe Tod meiner Eltern lehrte mich , früh für mich selber einzustehen . Ich war in den Staatsdienst getreten und mußte meine Laufbahn von unten aus beginnen . In jener Zeit , wo der Sturm der Revolution durch das Land tobte und die Hauptstadt sich in offener Empörung , im Kampfe mit der Regierung befand , war ich in eine abgelegene kleine Provinzialstadt festgebannt , und das allein bewahrte mich vor der Theilnahme an jenen Bestrebungen , denen ich aus voller Ueberzeugung anhing . Schon im nächsten Jahre wollte der Zufall , daß ich nach der Residenz versetzt wurde ; ich kam in nähere Berührung mit meinem Chef , der damals soeben erst das Ministerium übernommen hatte und die Reactionsperiode einzuleiten begann . Er mußte wohl entdeckt haben , daß ich mit einem anderen Maße gemessen werden durfte , als seine übrigen Beamten , denn er bevorzugte mich entschieden , und ich fühlte , daß er mich und meine Leistungen mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte . Noch fehlte mir freilich jede Gelegenheit , mich auszuzeichnen . In der Residenz fand ich Rudolph Brunnow , meinen intimen Freund von der Universität , wieder . Noch gährte es überall , wenn man auch der Bewegung selbst Herr geworden war , und all die gewaltsam unterdrückten Elemente , die sich nicht mehr offen regen durften , fanden sich im Geheimen zusammen . Auch ich wurde durch Brunnow , der ein leidenschaftlicher Revolutionär war , in die Kreise gezogen , denen ich längst durch meine Ueberzeugung angehörte . Er stand an der Spitze einer geheimen Verbindung , deren Mitglied auch ich wurde . Wir glaubten an Ideale , Unmöglichkeiten , die in der Wirklichkeit nie eine bleibende Stätte gefunden hätten , aber wir hätten eher unser Leben hingegeben , als davon gelassen . “ Raven schwieg einen Moment lang . Die Erinnerung schien ihn tief zu erschüttern . „ Da kam die Katastrophe , “ fuhr er dann leidenschaftlicher fort , „ wir wurden beargwöhnt und beobachtet , ohne daß wir es ahnten , bis der Minister selbst eingriff . Er mußte voraussetzen , daß ich irgendwie betheiligt sei , denn er ließ mich eines Tages rufen und stellte mich zur Rede , aber nicht wie einen Verbrecher , den man überführen will . Es geschah in gütiger , beinahe väterlicher Weise , und das entwaffnete mich . Ich kannte ihn damals noch zu wenig , um zu wissen , welch ein starrer , unversöhnlicher Gegner der Revolution er war ; ich ließ mich , wie so Viele , durch die Mäßigung und Vorsicht täuschen , die er im Anfange zeigte . Ich ließ mich hinreißen , meine politischen Ansichten offen zu bekennen und zu vertheidigen – an dieser Stelle zu vertheidigen ! Es war eine schwere Uebereilung , und ich habe sie furchtbar büßen müssen . Zwar fiel kein Wort über das Geheimniß , das ich zu wahren hatte , und der Minister machte auch keinen Versuch , es von mir zu erfahren . Er kannte mich und wußte , daß mir weder Versprechungen noch Drohungen einen Verrath entreißen würden , aber mein leidenschaftliches Aufflammen selbst , meine unvorsichtige Parteinahme für jene Ideen zeigten dem erfahrenen Staatsmanne , wo die längst gesuchte Spur zu finden sei . Er entließ mich scheinbar wohlwollend , aber kaum hatte ich meine Wohnung wieder betreten , so wurde ich verhaftet ; meine Papiere wurden mit Beschlag belegt und mir jede Möglichkeit genommen , meinen Freunden eine Nachricht zukommen zu lassen . Das nächste Opfer war Rudolph , den man als meinen Freund und Vertrauten kannte . Bei ihm fand man die Correspondenzen unserer Verbindung und damit den Schlüssel zu allem Uebrigen . Noch vier unserer Gefährten theilten unser Schicksal ; der Schlag kam so unerwartet , daß Keiner sich zu retten vermochte . Die Anklage lautete auf Hochverrath – wir mußten auf Alles gefaßt sein . Da , nach kurzer Zeit , wurde ich wieder zum Minister geführt , der mir ankündigte , daß ich meiner Haft entlassen sei . Er habe sich überzeugt , daß ich nur der Verführte , das Opfer Brunnow ’ s und seiner Genossen gewesen sei , und wolle das Geschehene verzeihen , sobald ich mein Ehrenwort gebe , ein- für allemal mit den revolutionären Bestrebungen zu brechen . Ich starrte meinen Chef wie betäubt an . Kannte er meine Stellung zu der Sache wirklich nicht , oder wollte er sie nicht kennen ? Mein Name war allerdings nirgends genannt worden . Rudolph galt als unser Haupt , aber ein so scharfblickender Mann wie der Minister mußte wissen , daß die passive , unselbstständige Rolle eines blos Verführten meinem ganzen Charakter widersprach . Ich ahnte damals noch nicht , daß er blind sein wollte , um verzeihen zu können . Ich verweigerte entschieden das geforderte Versprechen , weil es Verrath an meiner Ueberzeugung sei , und erklärte , das Schicksal meiner Freunde theilen zu wollen . Der Minister behielt seine unerschütterliche Ruhe und wiederholte sein Anerbieten . ‚ Ich gebe Ihnen vier Wochen Bedenkzeit , ‘ sagte er . ‚ Ich setze zu viel Hoffnungen auf Sie und Ihre Zukunft , um Sie in diesem wüsten Demagogentreiben zu Grunde gehen zu lassen . Ihr Kopf kann dem Staate bessere Dienste leisten , als sich auf einer Festung oder im Exile mit unfruchtbaren Verschwörungsplänen abzumühen . Sie sind nicht der Erste , der einen begangenen Irrthum einsieht und später zum eifrigsten Verfechter der Sache wird , die er einst bekämpfte , und gerade der Trotz , mit dem Sie jetzt die gebotene Rettung von sich stoßen und die Umkehr verweigern , zeigt mir , daß ich die Verantwortung übernehmen darf , Ihnen wieder den Staatsdienst zu öffnen , wenn Sie wirklich umkehren . Noch hat Sie Niemand angeklagt , und es hängt von Ihnen ab , ob die Anklage überhaupt erhoben werden soll . Die wenigen Beweise , welche Sie compromitiren sind in meinen Händen und werden vernichtet , sobald ich Ihr Wort habe . In vier Wochen erwarte ich Ihre Entscheidung . Vorläufig sind Sie frei und haben die Wahl zwischen einer ehrenvollen , vielleicht glänzenden Laufbahn und dem Untergange ‘ – damit entließ er mich . “ „ Und Du hast die Wahl getroffen ? “ fragte Gabriele . „ Ich – nein ! “ entgegnete Raven bitter . „ Für mich gab [ 563 ] es überhaupt keine Wahl mehr ; man hatte dafür gesorgt , daß sie mir erspart blieb . Meine ersten Schritte galten dem Versuche , zu erfahren , wie viel von unserer Sache verloren , wie viel davon gerettet war . Ich suchte meine Freunde auf und fand einen Empfang , auf den ich nun freilich nicht vorbereitet war . ‚ Verrath ! ‘ schrie man mir entgegen ; ‚ Verrath ! ‘ tönte es von allen Seiten , wo ich mich nur blicken ließ . Haß , Empörung , Abscheu wogten mir in allen Tonarten entgegen . Im ersten Augenblicke begriff ich nicht , was das zu bedeuten habe – ach , es wurde mir nur zu bald klar . Man hielt mich für den Verräther , der die Entdeckung herbeigeführt hatte . Meine amtliche Stellung , die offenbare Gunst meines Chefs hatten schon früher Anlaß zum Mißtrauen gegen mich gegeben ; jetzt lag es klar am Tage : Ich war das Werkzeug , der Spion des Ministers gewesen ; ich hatte ihm unsere Geheimnisse preisgegeben und verkauft . Meine eigene Verhaftung , so folgerte man , war nichts als eine Komödie , ein abgekartetes Spiel , um mich der Rache der Verrathenen zu entziehen , und meine Freilassung bewies ja sonnenklar , daß ich mit den Feinden im Bunde sei – ich erkannte es jetzt , daß die Großmuth meines Chefs keine so unbedingte war , wie ich glaubte . Er hatte sich gesichert , als er mich freiließ , und mir die Rückkehr in das ‚ Demagogentreiben ‘ ein für alle Mal verschlossen . Anfangs stand ich fassungslos vor der furchtbaren Anklage , dann erhob ich mich mit vollster Empörung gegen dieselbe . Ich gestand offen meine Unvorsichtigkeit ein , die einzige Schuld , die ich mir beimessen konnte . Ich erzählte meine Unterredung mit dem Minister – es war umsonst , man hielt das für leere Ausflüchte . Das Verdammungsurtheil über mich war einmal ausgesprochen und wurde nicht zurückgenommen . Ein Einziger hätte mir vielleicht geglaubt – Rudolph Brunnow ! Ihn traf der Schlag am schwersten und doch , hätte ich vor ihn hintreten können , Auge in Auge , und ihm sagen : ‚ Es ist eine Lüge , Rudolph , ich bin kein Verräther ! ‘ er hätte mir die Hand gereicht und mit mir vereint die Verleumdung bekämpft . Aber er war im Gefängnisse . Ich konnte nicht bis zu ihm dringen . Ich gab den Uebrigen mein Ehrenwort , aber man antwortete mir , daß ich keine Ehre mehr zu verlieren habe , und verweigerte mir sogar die Genugthuung für diesen Schimpf , denn mit Spionen schlage man sich nicht . – Die verfolgten , gehetzten und bis zum Wahnsinn gereizten Menschen waren keines unbefangenen Urtheils fähig , und ich fürchte , ihr Verdacht ist absichtlich auf mich gelenkt worden . Erfahren habe ich es freilich nie , aber meine Begnadigung drückte das Siegel auf den Verdacht . Nach vier Wochen stand ich wieder vor dem Minister . Ich hatte Alles versucht , mich von dem schändlichen Verdachte zu reinigen , und Alles war gescheitert . Ich blieb ausgestoßen , gemieden , verfehmt von meinen Parteigenossen , aber auch ich war jetzt fertig mit ihnen . Bis hierher war ich ohne Schuld . Noch lag ein letzter Ausweg vor mir : ich konnte mein Vaterland verlassen und anderswo ein neues Leben beginnen , um meiner Ueberzeugung treu zu bleiben , wie Rudolph es später that , als er frei wurde . Das hätte mich schließlich doch gerechtfertigt , wenn auch erst nach Jahren , aber für den Heroismus des Märtyrerthums habe ich nie Verständniß besessen . Auf der einen Seite stand das Exil , mit all seinen Entsagungen und Bitterkeiten , auf der anderen eine Laufbahn , die meinem Ehrgeiz volle Befriedigung verhieß . Ich täuschte mich nach den letzten Vorgängen nicht mehr darüber , was von mir verlangt wurde , wenn ich das Anerbieten meines Chefs annahm , aber Alles in mir gährte auf in glühendstem Hasse gegen die , welche mich verurtheilten , ohne mich auch nur zu hören . Der erlittene Schimpf , die Ungerechtigkeit der ehemaligen Freunde trieben mich geradewegs in das Lager der Feinde hinüber . Ich wußte , daß der Preis meiner neuen Laufbahn meine Ueberzeugung war , und – ich brach mit meiner Vergangenheit und leistete das geforderte Versprechen . “ Die Stimme des Freiherrn , seine kurzen , heftigen Athemzüge verriethen , wie furchtbar diese Erinnerungen in ihm wühlten . Gabriele hörte in angstvoller Spannung zu , aber sie wagte es jetzt nicht , ihn mit einer Frage zu unterbrechen . Er hatte sie aus seinen Armen gelassen , und sein Ton klang matt und dumpf , als er fortfuhr : „ Von diesem Augenblicke an kennst Du und die Welt meine Laufbahn . Ich wurde der Secretär des Ministers , wurde sein Freund und Vertrauter , schließlich sein Schwiegersohn . Sein mächtiger Einfluß räumte all die Hindernisse fort , die dem bürgerlichen Emporkömmlinge im Wege standen , und als die Bahn erst einmal frei war , da brauchte ich nur meine eigenen Kräfte zu regen . Daß meine ganze Vergangenheit dabei venichtet und verleugnet werde mußte , war selbstverständlich ; ich hatte es ja gewußt und es lag nicht in meinem Charakter , irgend etwas halb zu thun . Meine Natur neigte ohnehin zum Despotischen , Macht und Herrschaft hatte stets für mich einen beinahe dämonischen Reiz gehabt , jetzt lernte ich sie kennen und eine unglaublich schnelle Carrière und glänzende äußere Erfolge halfen mir schneller , als ich glaubte , über die alten Erinnerungen hinweg . Der stete Einfluß meines Schwiegervaters , den ich aufrichtig verehrte , die Kreise , in denen ich fortan lebte , thaten das Uebrige . Ich mußte vorwärts , ohne umzublicken , und ging vorwärts . Der Weg führte freilich über die Trümmer meiner einstigen Ideale , aber ich erreichte das Ziel – um so zu enden ! “ „ Aber es ist ja nur eine Verleumdung , eine Lüge , die Dich stürzt ! “ fiel Gabriele ein . „ Das wird und muß doch offenbar werden . “ Raven schüttelte finster das Haupt . „ Kann ich die Welt zu dem Glauben zwingen , den sie mir versagt ? Ich habe es ja bereits aus dem Munde Rudolph Brunnow ’ s hören müssen , daß ich das Recht auf Glauben verwirkt habe . Er freilich kann jeder Anklage entgegentreten mit seiner reinen Stirn , seine Vertheidigung würde nicht ungehört verhallen , denn seine Vergangenheit , sein ganzes Leben zeugt für ihn – die meinige verurtheilt mich . Wer seine Ueberzeugung abschwor , der kann ja wohl auch seine Freunde verrathen haben . Der Fluch jener unseligen Stunde , in der ich mir selbst untreu wurde , fällt jetzt auf mich und macht mich ohnmächtig , der Verleumdung zu begegnen , die mich stürzt . “ „ Und wer stürzt Dich ? “ rief Gabriele aufwallend . „ Die , um deren willen Du das Alles gethan , denen Du Alles geopfert hast . O , welche Undankbarkeit ! “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 35 , S. 582 – 584 Fortsetzungsroman – Teil 27 [ 582 ] „ Undankbarkeit ? Habe ich denn ein Recht , Dankbarkeit von jenen Menschen zu verlangen ? “ fragte Raven mit ruhiger Bitterkeit . „ Zwischen uns hat nie irgend ein Band des Vertrauens existirt . Sie brauchten mich zur Ausführung ihrer Pläne , und ich brauchte sie um emporzusteigen . Es war ein ewiger Kriegszustand , ein ewiges Abwägen der gegenseitigen Kräfte . Ich habe sie oft genug die Macht des gehaßten Empörkömmlings fühlen lassen ; jetzt , da die Macht in ihren Händen ist , stürzen sie mich . Ich konnte und durfte nichts Anderes erwarten , aber ich fühle jetzt , daß Rudolph Recht hat . Es ist doch etwas werth , an sich selber und an seine Ideale zu glauben . Wer mit und für seine Ueberzeugung fällt , der kann auch den Fall ertragen . Wer wie ich die besten Kräfte seines Lebens an eine Sache setzte , der er kein Herz entgegenbrachte und die er im Grunde seiner Seele anklagen und verachten mußte , dem bleibt nichts , woran er sich im Sturze halten kann . “ „ Und ich ? “ sagte Gabriele vorwurfsvoll . „ Ja Du ! “ rief der Freiherr mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit aufflammend . „ Du bist mir noch allein geblieben . Ohne Dich hätte ich dieses Ende nicht ertragen . “ „ Wirst Du es denn überhaupt ertragen ? “ fragte das junge Mädchen beklommen . „ Ach , Arno , mir ist , als könnte auch ich Dich nicht mit einer Zukunft versöhnen , in der alles fehlt , was Dein eigentliches Leben ausmacht . Du wirst Dich verzehren in der Einsamkeit , auch wenn ich an Deiner Seite bin . “ „ Laß das jetzt ! “ sagte Raven sanft ablenkend . „ Davon sprechen wir später . Ich habe den Schleier von meiner Vergangenheit gezogen ; Du solltest sie und mich ganz kennen lernen . Jetzt aber ist es genug mit den düsteren Erinnerungen ; sie sollen uns nicht länger diese Stunde trüben . “ Er richtete sich empor mit einem Ausdruck , als wolle er alles Quälende weit hinter sich werfen . Sie war in der That schön , diese Stunde in der mondbeglänzten Einsamkeit des Gartens . Die halbentlaubten Bäume , die blumen- und duftlose Erde , all die traurigen Zeugen des Herbstes schienen ihren längst verlorenen Reiz zurückzugewinnen in dem geisterhaften Lichte , das so mild verschleierte , was ihnen die Herbststürme geraubt hatten , und sie in seinen verklärenden Glanz tauchte . In träumender Stille lag der Schloßgarten und die weite Landschaft , auf die er den Blick eröffnete . Jetzt leuchtete sie freilich nicht mehr in der goldigen Klarheit des Sommertages ; heut ruhte das Thal halb verborgen im duftigen Schimmer der Mondnacht . Vom Fuße des Schloßberges her blinkten die Lichter der Stadt herauf , deren Dächer und Thürme sich hellbeschienen in die Nachtluft emporhoben . Deutlich standen die nächsten Berggipfel da ; die zackigen Felshäupter schienen sich von der dunklen Masse Gebirges loszulösen , aber weiterhin wurden die Linien zarter , unbestimmter und die ferneren Höhenzüge verschwanden ganz im bläulich schimmernden Duft . Das bleiche Licht überströmte wie mit unendlichem Frieden all die Wälder , die Höhen und Ortschaften ringsum . Unten im Thale , auf den Wiesen und Feldern regte sich geheimnißvolles Nebelweben , nur hier und da blitzte eine der Windungen des Flusses auf . Hoch oben wölbte sich der Himmel in seiner Sternenpracht , und über dem Allen lag es wie ein zarter , durchsichtiger Schleier , aus Mondesstrahlen und Nebelduft gewoben – es war ein Bild von traumhafter Schönheit und tiefer unaussprechlicher Ruhe . Auch hier oben schwebte der Nebelduft über dem Rasen , und der Mondesstrahl webte ringsum seine phantastischen Gebilde . Die grauen , moosbewachsenen Gestalten des Nixenbrunnens schienen Leben zu gewinnen in diesen Strahlen ; es war , als regten sie sich unter dem feuchten Wasserschleier , der , voll und ganz von dem weißen Lichte getroffen , wie ein funkelnder Silberregen aussprühte und wieder niedersank . In sein Rieseln und Rauschen mischten sich all die Stimmen , die nur in der Sage der Nacht aufwachen , dunkel und räthselhaft wie die Nacht selbst . Der Wind ruhte ; die Luft war völlig unbewegt , und doch regte sich oft ein Flüstern und Wehen das wie Geisterhauch vorüberzog und dahinstarb . Der Abend war so mild und klar , daß man sich in den Frühling zurückträumen konnte , und es war auch ein Frühlingstraum , der jetzt durch die Seele Raven ’ s zog . Freilich ein später , kurzer Traum , aber für ihn drängte sich darin doch alle Seligkeit zusammen , welche die Erde nur zu geben vermag , und dies Geständniß strömte jetzt heiß und innig über seine Lippen , während er das holde junge Wesen in den Armen hielt , das ihn Liebe und Glück kennen gelehrt hatte . Wer Arno Raven in dieser Stunde sah und hörte , der begriff es , daß er trotz seiner Jahre und seiner strengen Verschlossenheit , trotz all der Schattenseiten seines Charakters doch Sieger bleiben mußte gegen jeden Andern , wo er wirklich liebte . All die lang zurückgehaltene Gluth und Zärtlichkeit flammte wieder in ihm auf , jedes Wort , jeder Blick sprach von einer Leidenschaft , die in solcher Macht und Tiefe in keiner Jünglingsbrust , sondern nur in der Seele des Mannes lodern kann . Das fühlte auch Gabriele , als sie , dicht an ihn geschmiegt , das Haupt an seine Schulter gelehnt , mit glückseligem Lächeln zu ihm empor sah . Die trüben beklemmenden Ahnungen hielten nicht Stand vor dem Zauber , den die Nähe des Geliebten ausübte , und in seine Worte hinein klang wieder das Rieseln des Quells , die einförmig süße Melodie , unter der diese Liebe aufgewacht war . Das „ Eden von Glückseligkeit “ , das einst in der schimmernden Ferne , weit hinter den blauen Bergen zu liegen schien , war jetzt herangeschwebt und umschloß die Beiden . Es war eine Stunde so vollen , reinen Glückes , wie sie das Leben nur einmal geben kann – sie wog aber auch ein ganzes Leben auf . Unten in der Stadt verkündeten die Uhren langsam und deutlich die elfte Stunde . Der Freiherr zuckte leise zusammen bei dieser Mahnung , dann erhob er sich rasch , wie mit einem gewaltsamen Entschlusse . [ 583 ] „ Wir müssen in das Schloß zurückkehren , “ sagte er . „ Die Nacht wird kühl , und Du bedarfst der Ruhe nach Deiner schnellen und anstrengenden Reise . Komm , Gabriele ! “ Sie legte ohne Widerspruch ihren Arm in den seinigen und folgte ihm . Sie schritten an dem Nixenbrunnen vorüber und verließen den Garten . Die Thür schloß sich hinter diesem mondbeglänzten Frieden , hinter dieser Stunde des Glückes – der Frühlingstraum war zu Ende . Oben im Schlosse , in dem Corridor , der zu den Zimmern der Baronin Harder führte , blieb der Freiherr stehen . Versagte auch ihm die eiserne Kraft ? Sein ganzes Wesen bäumte sich auf im wilden Schmerze des Scheidens , aber er hatte nicht umsonst die ahnungsvollen Fragen Gabrielens gehört . Er wußte , daß die geringste Unvorsichtigkeit seiserseits ihr Alles verrathen und sie einer nutzlosen Todesangst preisgeben würde . Der Schlag mußte nun einmal fallen ; besser er traf sie unerwartet . „