ist mit ihren kleinen Füßen über die Wiesen gelaufen und hat Blumen gesucht , so viel , so viel , daß die Hände sie nicht mehr fassen konnten . Sie hat zum blauen Himmel aufgejubelt und hat alles geliebt , den Sonnenschein , die Blumen , die ganze weite Welt und die Menschen , die drin sind ! Hätte man sie in ein finsteres , kaltes Haus gesteckt , sie würde mit den Händen verzweifelnd gegen die Mauern geschlagen haben , um sich zu befreien ... Und diese glückseligen Augen sollten mit dem finstern Wunsche auf mir geruht haben , das arme , kleine , unschuldige Leben dereinst lebendig eingemauert zu wissen ? « » Du siehst sie hier als Braut , Gisela ! Da ist freilich das Gesicht noch sonnig – ihr späteres Leben war sehr ernst und wohl geeignet , sie Maßregeln für den Lebensgang ihres Kindes ergreifen zu lassen – « » Durfte sie das ? ... Ist wirklich den Eltern die Macht verliehen , in den Jahren , wo ihr Kind die Augen kaum für die Welt geöffnet hat , wo sie seine Seele noch gar nicht kennen , zu sagen : › Wir verurteilen dich zu lebenslänglichem Kerker ! ‹ ? Ist es nicht der grausamste Egoismus , ein völlig schuldloses Geschöpf die Sünden seiner Vorfahren abbüßen zu lassen ? « Sie strich sich mit beiden Händen über die Stirn , hinter der es klopfte und hämmerte . » Aber es soll so sein , wie meine Mutter wünscht , « sagte sie . » Ich will schweigen und das schlimme Geheimnis wie sie weiterschleppen – die veruntreuten Güter sollen einst durch › Erbschaft ‹ wieder an das fürstliche Haus zurückfallen ... Ich will einsam leben , wenn auch nicht im Kloster ... « Der Minister , dessen Züge sich anfänglich geglättet hatten , prallte förmlich bei diesem Schlusse zurück . » Wie ? « stieß er hervor . » Der Ertrag der Besitzungen soll bis zu meinem Ende an die Armen des Landes verteilt werden , aber durch mich selbst « , unterbrach sie ihn gelassen . » Ich will auch , so viel ich vermag , die Seele meiner Großmutter von ihrer Schuld erlösen , wenn auch nicht durch das Beten des Rosenkranzes ... Papa , ich weiß , daß ich Gott nicht besser dienen kann , als wenn ich für die Menschen lebe , wenn ich alle Kräfte – « Ein gellendes Auflachen unterbrach sie – es hallte grausig von den Wänden wider . » O edle Landgräfin von Thüringen , ich sehe schon , wie sie in das Greinsfelder Schloß einziehen , die Bettler und Krüppel ! Ich sehe , wie du zum Nutzen und Frommen der darbenden und leidenden Menschheit dünne Armensuppe kochst und lange wollene Strümpfe strickst ! Ich sehe auch , wie du heldenmütig den Entschluß festhältst , vor den Augen der spöttelnden Welt als alternde Jungfrau einher zu wandeln ! ... Aber da klopft eines schönen Tages ein edler Ritter an die Herberge der Elenden , und – vergessen ist der › Gott wohlgefällige Dienst ‹ , vergessen der letzte Wille der Mutter ! Die Armen zerstreuen sich nach allen vier Winden , der neue Gebieter von Greinsfeld erhält als Mitgift seiner Gemahlin den erschlichenen Nachlaß des Prinzen Heinrich , und – das fürstliche Haus in A. wischt sich den Mund ! ... Einfältiges Geschöpf « , fuhr er grimmig fort – es klang wie das Knurren des tiefgereizten Raubtieres – » Meinst du , weil ich dir in unbegreiflicher Geduld und Langmut Zeit lasse , deine Mädchenweisheit auszukramen , ich beuge mich nun auch pflichtschuldigst deinem geistreichen Endbeschluß ? ... Du wagst wirklich zu denken , dein eigener Wille käme in Betracht , wenn ich dir gegenüberstehe mit einem unumstößlichen Gebot ? ... Du hast nichts zu denken , zu fühlen , zu wünschen – du hast einfach zu gehorchen ; du hast einen einzigen Weg vor dir , und weigerst du dich , ihn zu gehen , so werde ich dich führen – hast du mich verstanden ? « » Ja , Papa , ich habe dich verstanden , aber ich fürchte mich nicht ; – du hast nicht die Macht , mich zu zwingen ! « Er hob in sprachlosem Grimm den Arm . Das junge Mädchen wich vor dieser drohenden Bewegung nicht um einen Schritt zurück . » Du wirst es nicht noch einmal wagen , mich zu berühren ! « sagte sie mit flammenden Augen , aber ruhiger unerschütterter Stimme . In demselben Augenblick wurde draußen geklopft – in der geräuschlos geöffneten Tür erschien ein Lakai . » Seine Durchlaucht der Fürst ! « meldete er mit einem tiefen Bückling . Der Minister stieß einen halblauten Fluch aus . Dennoch trat er sofort bewillkommnend an die Schwelle , während der Lakai die Tür weit zurückschlug . » Aber , mein lieber Fleury , was soll ich denken ? « rief der Fürst , in das Zimmer tretend ; sein Ton klang scherzend , allein auf der Stirn lag eine Wolke , und die grauen Augen konnten die Anzeichen des Mißmuts nicht verbergen . » Haben Sie ganz vergessen , daß drüben im Walde die ganze schöne Welt von A. darauf brennt , Sie zu verherrlichen ? Das weiße Schloß ist bereits menschenleer , und Sie lassen warten ? ... Dazu meldet man mir vor einer Stunde , unsere schöne Gräfin sei angekommen ; ich aber sehe keinen Schatten von ihr , während Sie doch wissen , daß sie an meinem Arm zum erstenmal in die Welt eintreten soll ! « Gisela , die bis dahin im verdunkelten Hintergrund gestanden hatte , trat vor und verbeugte sich . » Ah , da sind Sie ja ! « rief der Fürst erfreut und streckte ihr beide Hände entgegen . » Mein bester Fleury , ich könnte wirklich böse werden ! Frau von Herbeck « – er wandte sich nach der offenen Tür zurück ; draußen im Korridor stand in schüchtern wartender Haltung die Gouvernante – » Frau von Herbeck sagt mir , daß die Gräfin bereits seit einer vollen Stunde hinter dieser Tür verschwunden sei – « » Durchlaucht , ich hatte meiner Tochter wichtige Mitteilungen zu machen « , unterbrach ihn der Minister . Vielleicht stand er dem Fürsten zum erstenmal nicht in der unterwürfigen Diplomatenhaltung gegenüber – der Blick des fürstlichen Herrn fuhr erstaunt über das Gesicht , das seine gewohnte steinerne Ruhe verloren hatte und rückhaltlos eine tiefe Gereiztheit widerspiegelte . » Mein lieber Freund , Sie werden doch nicht denken , daß ich taktlos in Ihre Familienangelegenheiten eindringen will ! « rief er verlegen . » Ich ziehe mich sofort zurück – « » Ich bin zu Ende , Durchlaucht « , entgegnete der Minister . » Gisela , fühlst du dich wohl und stark genug ? « – Ein drohender Blick bohrte sich in das Gesicht des jungen Mädchens . Frau von Herbeck hatte für dergleichen Blicke ein bewunderungswürdiges Verständnis . » Exzellenz , wenn ich raten darf , so kehrt die Gräfin ohne weiteres nach Greinsfeld zurück « , sagte sie , plötzlich hinzutretend . » Sie sieht schrecklich aus – « » Kein Wunder ! « rief der Fürst unwillig . » In diesem Zimmer herrscht eine Luft zum Ersticken . Wie Sie eine volle Stunde hier ausgehalten haben , ist mir unbegreiflich , mein Kind ! « Er reichte Gisela den Arm . Sie wich scheu zurück , und ihre Augen irrten am Boden . Sie sollte unbefangen mit ihm verkehren , der so schmählich hintergangen worden war ? ... Sie war Mitwisserin des abscheulichen Verbrechens und mußte schweigend mitspielen in der Komödie . Ihre ganze Seele geriet in einen unbeschreiblichen Aufruhr . » Die Waldluft wird Sie sofort herstellen , « sagte der alte Herr gütig und ermutigend , indem er ihre bebende Hand ergriff und sie auf seinen Arm legte . » Ich bin nicht krank , Durchlaucht , « entgegnete sie fest , wenn auch mit schwacher Stimme , und folgte ihm hinaus in den Korridor , während der Minister , nach seinem Hut greifend , eine reizende Porzellanstatuette umstieß – sie zerschmetterte auf dem Fußboden in tausend Scherben . 26 Der alte deutsche Wald am See , der bisher zur Nachtzeit nur die fahlen Mondstrahlen auf seinen Wipfeln und über die moosige Decke zu seinen Füßen hatte tanzen sehen , sollte heute nacht einen buntfarbigen Traum haben . Fürstliches Gold und durchlauchtigste Befehle hatten auch hier wieder einmal die glänzenden Eigenschaften der Wünschelrute gezeigt – in wenig Stunden war die Waldwiese bis zur Unkenntlichkeit verwandelt worden . Jetzt , im letzten Schein der Abendsonne , mochten freilich diese Vorbereitungen zu einer prächtigen Illumination ziemlich nüchtern und unscheinbar aussehen ; wenn aber erst alle diese Sternenkränze und farbenschimmernden Ballons in die Sommernacht hineinglühten , dann dürfte der alte Wald schon meinen , die Gnomen hätten ein Stück unterirdischer Feenwelt emporgehoben , um seine scheuen Dryaden zu blenden . Der Wink des Fürsten hatte viel Glanz , Reichtum und Schönheit auf dem kleinen Wiesenplan versammelt . Freilich die allerschönsten und jüngsten Damen waren noch nicht sichtbar ; sie sollten als Elfen , Zigeunerinnen , Räuberbräute , und was sonst der Wald an poetischen und phantastischen Gestalten besitzt , im lebenden Bild erscheinen . Ein Purpurvorhang spannte sich vor mehrere der prächtigen Eichenstämme , um im geeigneten Moment droben unter dem Laubdach zu verschwinden und das festgezauberte Bild der Jugend und Schönheit inmitten lebender naturwüchsiger Dekorationen zu zeigen – ein pikanter Gedanke , den künstlerische Hände bis in die feinsten Details auszuführen gesucht hatten . Alle diese Anstalten zu einem glänzenden Fest ließen nichts zu wünschen übrig , dagegen war man nicht sicher , ob es auch ungestört verlaufen werde . Man litt schwer unter einer entsetzlichen Hitze ; Fächer und wehende Taschentücher waren unausgesetzt in Bewegung ; selbst unter den Eichen und Buchen herrschte die ungemilderte Gewitterschwüle – kein Blatt regte sich ; der sonst so bewegliche Spiegel des Sees lag glatt und träge wie geschmolzenes Blei in seinem Uferring , und der letzte Sonnenduft flog als ockergelber Schein über den Himmel hin . Langsam , mit nachdenklich gesenktem Kopf und die Hände auf dem Rücken verschränkt , kam der Portugiese vom Waldhause her . Er war auch einer der Geladenen , aber er gehörte nicht zu ihnen , die sich alle ohne Ausnahme vergnügen wollten – dieses finster dräuende Gesicht warf einen Schatten vor sich her wie die leise aufsteigenden Gewitterwolken am Horizont . Dann und wann scholl das Stimmengeräusch auf der Waldwiese empor wie das Brausen einer fernen Brandung und drang herüber auf den einsamen Waldweg . Der Portugiese blieb jedesmal wie festgewurzelt stehen , und sein feuriges Auge drang durch das Dickicht mit dem Ausdruck der entschiedensten Abneigung ; dennoch schritt er entschlossen weiter , wie einer , der das ihm feindselige Element aufsucht , um sich mit ihm zu messen . Plötzlich rauschte es neben ihm im Gebüsch – eine reizende Zigeunerin stand vor ihm und vertrat ihm mit einer sehr energischen Haltung den Weg . » Halt ! « rief sie und hielt ihm ein allerliebstes kleines Terzerol entgegen , das seine Abstammung von Pappe und Goldpapier nicht verleugnen konnte . Sie trug eine schwarze Halbmaske vor dem Gesicht ; allein die Stimme , die bei aller entwickelten Energie und Kühnheit doch ein wenig gezittert hatte , das runde Kinn mit dem Grübchen und der ganze lieblich geformte untere Teil der Wangen , der wie weißer , duftiger Samt unter dem schwarzen Spitzenbart hervorschimmerte , ließen den Portugiesen nicht einen Augenblick im Zweifel , daß die schöne Hofdame vor ihm stehe . » Mein Herr , es gilt weder Ihren Amethysten und Topasen , noch der Börse ! « sagte sie , indem sie sich bemühte , ihrer Stimme sonore Festigkeit zu geben . » Ich ersuche Sie , mich in Ihrer Hand lesen zu lassen ! « Schade , daß die blasse , ätherische Blondine den Triumph der Freundin nicht sehen konnte – der düstere Mann konnte allerdings lächeln , und wie interessant wurde sein schöner Kopf unter dem Sonnenschein , der die Züge flüchtig erhellte ! Er streifte den Handschuh ab und hielt die innere Fläche seiner Rechten hin . Sie wandte blitzschnell den Kopf nach allen Seiten , und die Augen , die wie schwarze Diamanten aus der Maske dunkelten , tauchten mißtrauisch in das Gebüsch ... Ihre feinen Finger bebten bedenklich , als sie die Hand des Portugiesen berührten . « Ich sehe hier einen Stern , « erklärte sie in scherzendem Ton , während sie scheinbar mit großer Aufmerksamkeit die Handlinien prüfte . » Er sagt mir , daß Ihnen sehr viel Macht über die Herzen der Menschen verliehen sei – selbst über fürstliche ... Aber ich darf Ihnen auch nicht verheimlichen , daß Sie dieser Macht allzusehr vertrauen . « Ein köstliches Gemisch von Ironie und Belustigung lag in dem feinen Lächeln , das abermals durch die Züge des Mannes zuckte . Er stand so überlegen vor der reizenden Wahrsagerin , daß sie sichtlich mit sich rang , um nicht aus der Rolle zu fallen . » Sie lachen mich aus , Herr von Oliveira , « sagte sie , indem sie , seine Hand sinken lassend , verlegen das Terzerol wieder in den Gürtel steckte ; » aber ich werde meine Behauptung begründen ... Sie schaden sich durch Ihren – entschuldigen Sie , mein Herr – durch Ihren entsetzlich rücksichtslosen Freimut ! « » Wer sagt Ihnen denn , schöne Maske , daß ich das nicht weiß ? « Die glänzenden Augen richteten sich erschrocken auf das braune Gesicht des Sprechenden . » Wie – Sie könnten mit voller Absicht Ihren eigenen Vorteil mißachten ? « fragte sie in überstürzender Hast . » Kommt es nicht vor allem darauf an , was ich für meinen Vorteil halte ? « Sie stand einige Sekunden lang völlig ratlos da – ihre Augen hingen am Boden – , dennoch schien sie nicht gewillt , ihre Mission so rasch und erfolglos beendet zu sehen . » Darüber kann ich freilich nicht mit Ihnen streiten « , hob sie wieder an . » Sie werden mir jedoch den allgemein gültigen Satz zugeben , daß es nicht gut ist , Feinde zu haben . « Sie griff abermals , wenn auch zögernd , nach seiner Hand und tippte mit dem Zeigefinger auf die innere Fläche derselben . » Und Sie haben Feinde , schlimme Feinde , « fuhr sie , in den früher halbscherzenden Ton verfallend , fort . » Da sehe ich zum Beispiel allein drei Herren , die den Kammerherrnschlüssel tragen ; sie bekommen Nervenschmerzen und Krämpfe , wenn sie demokratisches Element von ferne wittern – damit soll jedoch nicht gesagt sein , daß ich nicht auch eine entschiedene Feindin desselben bin – auch ich darf freimütig sein , nicht wahr , mein Herr ? ... Jene drei sind indes weniger gefährlich ... Da ist aber eine ältere Dame , sie gilt viel bei Seiner Durchlaucht , hat sehr kluge Augen und eine scharfe , feine Zunge – « » Aus welchem Grunde beehrt mich die Frau Gräfin Schliersen mit ihrem Haß ? « » Still , mein Herr ! Keinen Namen ! Ich beschwöre Sie ! « rief die Hofdame entsetzt mit unterdrückter Stimme . Ihr schöner Kopf machte abermals jene blitzschnellen Schwenkungen nach allen Seiten hin , und im ersten Schrecken sah es aus , als wolle sie dem Portugiesen die kleine Hand auf den Mund legen . – » Die Dame beschützt die Frommen im Lande und kann Ihnen die vier Judenkinder in Ihrer Erziehungsanstalt nicht vergeben – « » Also die Frau mit den klugen Augen und der scharfen Zunge sitzt im Regiment – « » Sicher , und hat bedeutenden Einfluß ... Sie kennen den Mann mit dem Marmorgesicht und den langen , schlaffen Augenlidern – « » Ah , der Mann , der vierzig Quadratmeilen und einhundertfünzigtausend Seelen vertritt und sich wie ein Metternich oder Talleyrand gebärdet – « » Er wird heftig , wenn man Ihren Namen nennt , mein Herr – schlimm , sehr schlimm , und doppelt bedenklich für Sie , als Sie ihm durch eine Unvorsichtigkeit bei unserem allerhöchsten Herrn leider ein williges Ohr verschafft haben – « » Ei , waren meine Verbeugungen nicht vorschriftsmäßig ? « Sie wandte sich unwillig ab . » Herr von Oliveira , Sie machen sich lustig über unseren Hof « , sagte sie gekränkt , aber auch zugleich mit einem Anflug von Impertinenz . » Übrigens , so klein er ist , es scheint doch , daß Sie nach Ihrer eigenen gestrigen Aussage , die Erfüllung mancher Wünsche von ihm erwarten . Wenn ich nicht irre , haben Sie sich eine geheime Audienz erbeten – « » Sie irren sich doch , scharfsinnige Maske ; die Audienz soll mitnichten eine geheime sein ; aber eine besondere – am liebsten nehme ich den weiten , freien Himmel und tausend Ohren als Zeugen dazu . « Sie sah mit scheuem Forschen in das Gesicht , das sie vollständig im Zweifel ließ , ob er spottete oder ob er sich wirklich herablasse , ihr eine Mitteilung zu machen . » Nun denn « , erklärte sie bestimmt und mit einer für eine Hofdame fast unbegreiflichen Rückhaltlosigkeit , » ich kann Ihnen versichern , daß diese Audienz , gleichviel ob im weißen Schloß oder in der Residenz zu A. oder unter Gottes freiem Himmel , schwerlich stattfinden wird – « » Ah – « » Sie haben gestern auf dem Heimweg von Greinsfeld behauptet , ein frommer Feldherr sei eine Widersinnigkeit ? « » Ei , war der Ausspruch so interessant , daß ihn bereits die Damen des Hofes wissen ? ... Ich habe gesagt , meine Dame , daß mich das beständige Zitieren des Namens und der Gnade Gottes im Munde eines Soldaten , der mit Lust und Liebe Soldat sei , anwidere . Das Sinnen auf Mord und Totschlag der Menschen , und wiederum die inbrünstige Hingebung an den , der jeden dieser Hingeschlachteten als Vater liebe , seien für mich unvereinbar , es käme dabei nur ein drittes heraus : die Frömmelei ... Und was weiter ? « » Was weiter ? Aber ums Himmels willen , wissen Sie denn nicht , daß der Fürst mit Leib und Seele Soldat ist , daß er am liebsten alle seine Landeskinder uniformiert ? « » Ich weiß es , schöne Maske . « » Und auch , daß der Fürst um alles nicht für unfromm gelten möchte ? « » Auch das . « » Nun , das mache mir jemand klar ! Ich verstehe Sie nicht , Herr von Oliveira ... Sie haben sich mit einem einzigen Tage man Hofe zu A. unmöglich gemacht « , fügte sie mit sinkender Stimme hinzu . Die junge Dame war sichtlich traurig und bewegt . Sie legte die Hand an das Kinn und sah mit gesenktem Kopf auf die Spitze ihres goldgestickten Stiefelchens . » Sie kennen , wie ich sehe , die Eigentümlichkeiten des Allerhöchsten Herrn so gut wie ich « , fuhr sie nach einem sekundenlangen Schweigen fort . » Es ist deshalb wohl eigentlich überflüssig , Ihnen zu sagen , daß er nichts tut , ja fast nicht denkt ohne den Mann mit dem Marmorgesicht und den schlaffen Augenlidern – Sie werden wissen , daß es unmöglich ist , zu seiner Person zu dringen , wenn es dieser Mann nicht will – aber neu ist es Ihnen doch vielleicht , daß dieser Ihre Audienz bei dem Fürsten nicht will ... Sie haben nur noch heute Gelegenheit , den Fürsten von Angesicht zu Angesicht zu sehen – benutzen Sie die Zeit ! ... « Es schien , als wolle sie in das Gebüsch zurückschlüpfen , allein sie wandte sich noch einmal um . » Mein Herr , Sie werden das Maskengeheimnis ehren ? « » Mit unverbrüchlichem Schweigen . « » Dann leben Sie wohl , Herr von Oliveira ! « Das kam schwach , fast wie ein Seufzer von den Lippen der jungen Dame . Gleich darauf verschwand die reizende Gestalt im Dickicht ; nur das purpurrote Käppchen mit den Perlenbehängen leuchtete noch dann und wann über dem Buschwerk . Oliveira setzte seine Weg fort . Hätte die schöne Hofdame noch einen Blick auf dieses entschlossene Gesicht zurückwerfen können , sie würde sich triumphierend gesagt haben , daß ihre Mission nicht ohne Erfolg geblieben sei . Auf der Waldwiese erregte das Erscheinen des Portugiesen großes Aufsehen . Das Durcheinander der Stimmen sank für einen Augenblick zum Flüstern herab . Die Damen drängten sich in Gruppen zusammen , und ihr Gebärdenspiel , die unsägliche Neugierde in den hinüberstarrenden Augen waren in der Tat nicht minder ausdrucksvoll , wie das unverblümte Bezeichnen eines Gegenstandes , das die Naturkinder mit dem Zeigefinger bewerkstelligen . Die drei Besitzer des Kammerherrnschlüssels schüttelten dem Ankommenden in sehr biederer Weise die Hand und übernahmen das ermüdende Werk der Vorstellung mit aller Selbstverleugnung und Anmut der geborenen Kavaliere . Zum Glück für den » interessanten Bewohner des Waldhauses « wurde der Schwall von Namen , der um seine Ohren flog , wie durch einen Zauberschlag unterbrochen ; man stob auseinander und reihte sich bescheiden , in dichtgedrängten Gruppen am Saum des Waldes hin – der Fürst war in Sicht . Die meisten von denen , die jetzt ihre Augen erwartungsvoll auf den vom See herlaufenden Weg hefteten , hatten einst mit der Gräfin Völdern verkehrt . Die Herren , fast ohne Ausnahme , waren begeisterte Bewunderer ihrer Schönheit gewesen und konnten nicht vergessen . Freilich waren in ihrer Erinnerung üppige Pracht und das gefährliche Weib identisch . Sie hatten die herrliche Formen nie anders gesehen , als umwogt von Spitzengeweben oder in strahlender Seidenhülle – und doch , als das Mädchen im züchtigen weißen Kleid am Arm des Fürsten den Festplatz betrat , da klang der Name der längst Begrabenen von allen Lippen . Seiner Durchlaucht Gesicht strahlte vor Vergnügen über die gelungene Überraschung . » Gräfin Sturm ! « berichtigte er mit lauter Stimme die Ausrufungen , indem er auf Gisela zeigte . » Unsere kleine Gräfin Sturm , die sich nur in das traurige Krankenzimmer zurückgezogen hat , um dereinst die Welt als reizender Schmetterling zu überraschen . « Man drängte sich beglückwünschend um die junge Dame ; man beachtete nicht , daß das liebe Gesicht totenblaß und kalt blieb , daß die Augen am Boden hingen , als seien die Wimpern tränenschwer – es war reizende Verwirrung und Befangenheit und machte die Erscheinung doppelt anziehend ; das Bild der glänzenden , stolz und sicher einherrauschenden Gräfin Völdern erblich neben dieser jugendlichen Anmut und Verschämtheit ... Niemand sah , wie sich für wenige Sekunden der Bühnenvorhang teilte , wie zwischen den purpurnen Falten eine bleiche , zornig gefaltete , diademgeschmückte Stirn und zwei funkelnde schwarze Augen erschienen , die in verzehrendem Haß die vielumworbene Mädchenerscheinung suchten . » Nun , lieber Baron , was sagen Sie zu diesem ersten Auftreten ? « fragte der Fürst triumphierend den Minister , während er Gisela nach einem Sitzplatz führte . Die Gesichtsfarbe Seiner Exzellenz spielte wieder ins Grünliche , wie Frau von Herbeck zitternd bemerkte – die steinerne Ruhe der Züge aber erschien tadellos . » Ich sage , daß ich zu den Skeptikern gehöre , Durchlaucht « , entgegnetet er mit einem kalten Lächeln , » daß ich mich zu dem abgedroschenen , aber unstreitbar wahren Gemeinplatz bekenne : › Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben ‹ ... Ich traue der Sache so wenig wie dem Himmel , der uns unfehlbar einen Platzregen in die Illumination schicken wird . « Der Fürst warf einen besorgten , aber auch ungehaltenen Blick nach dem rücksichtslosen Himmel , an dem eben der letzte Abendschein verblaßte . Die Ausläufer einiger Wolken , die bis dahin wie ein zartgelb gefärbter Flaum über den Waldwipfeln gehangen hatten , verdunkelten sich plötzlich und nahmen einen bedenklichen Charakter an . Nichtsdestoweniger gab der Fürst das Zeichen zum Beginn des Festes , und mit ihm erbrauste die Jubelouvertüre von Weber aus dem Dickicht – der Fürst hatte die vortreffliche Hofkapelle aus A. hierher berufen . Der Fürst ging während des Musikstücks umher und begrüßte seine Gäste . Er kam auch in Oliveiras Nähe ; allerdings verfinsterte sich sofort seine Stirn , und die kleinen , grauen Augen nahmen eine gewisse Starrheit an ; allein es mußte eine zwingende Macht in der imposanten Erscheinung des merkwürdigen Fremden liegen , eine Überlegenheit , der gegenüber weder Herablassung noch ein verächtliches Ignorieren möglich war . Die Gräfin Schliersen , die , eine atemlose Spannung in den Zügen , unfern gestanden hatte , rauschte plötzlich empört weiter , und auf dem Gesichte Seiner Exzellenz erschien jenes verächtliche Lächeln , mit dem er über die » Schwäche « seines fürstlichen Herrn und Freundes hinwegzusehen pflegte ... Man hatte einen Eklat erwartet , man hatte sicher vorausgesetzt , der Fürst werde wortlos vorüberschreitend den Portugiesen mit jenem starren Blick fixieren , der den Betroffenen in den tiefsten Abgrund fürstlicher Ungnade schleudern , und infolgedessen er sich schleunigst entfernen mußte , und nun vergaß der alte schwache Herr plötzlich , daß dieser Mann ihn schmählich beleidigt hatte ; er begrüßte ihn mit einem freundlichen Handwinken und sprach mit ihm wie mit allen anderen . Mittlerweile litt eine junge Mädchenseele tausend Schmerzen . Alle die fremden Stimmen , die mit süßen Schmeichelein auf Gisela eindrangen , peinigten sie . Hatte nicht ihr Vater gesagt , daß gerade diese Menschen den Verdacht des Betruges ihrer Großmutter gegenüber unerbittlich und geflissentlich festhielten und deshalb das schlimme Gerücht nicht sterben ließen ? ... Und nun schwärmten sie für » die göttergleiche Gräfin « , die sie alle zärtlich geliebt und tief verehrt haben wollten ! ... Sie fühlte eine Art von Haß und Erbitterung gegen diese Menschen , die sämtlich die Larve der Konvenienz vorgebunden hatten und mit schamloser Stirn ihre gleißenden Lügen als feine Gesittung , Anstand und Formenvollendung verkauften . Und dort an einem Baume lehnte der Mann aus dem Waldhause in ungezwungener , fast nachlässiger Haltung . Er hatte sich sofort nach der Begrüßung des Fürsten abgesondert . Seine Augen schweiften achtlos über die Menge hin – er schien nur dem wundervollen Orchester zu lauschen . Gisela wagte nicht hinüberzusehen . Sie wandte geflissentlich den Kopf seitwärts in dem Gefühl tiefster Schmach und Demütigung . Jetzt wußte sie , weshalb er sie damals auf der Waldwiese mit allen Zeichen der Abneigung von sich gestoßen hatte . Sie sagte sich ferner , daß er vollkommen berechtigt gewesen war , die Gastfreundschaft auf ihrem Grund und Boden zurückzuweisen – man nimmt nicht an da , wo man verachtet ! ... Er kannte den schlimmen Leumund ihrer Großmutter , er wußte so gut wie alle Versammelten hier , daß das Hauptvermögen der jungen Gräfin Sturm ein veruntreutes war – er , der stolze , unbestechliche Charakter , verachtete aus tiefster Seele ein Geschlecht , das eigentlich verdient hätte , am Pranger zu stehen , und das doch , bei aller Gemeinheit seiner Gesinnung , in unbegrenztem Hochmut die übrige Menschheit zu seinen Füßen sehen wollte . Und sie war die letzte Vertreterin dieses Geschlechts ; sie hatte , getreu den Traditionen des edlen Hauses , ebenfalls den Fuß auf den Nacken ihrer Untergebenen gesetzt , sie hatte gewähnt , durch ihre hochadlige Geburt hoch über anderen zu stehen , während sich doch der eigentliche wahre Adel unter den räuberischen Händen ihrer Großmutter spurlos verflüchtigt hatte ... Und nun saß sie wie festgebunden da . Sie mußte schweigen , unverbrüchlich schweigen ; sie durfte nicht zu dem einsamen Mann hinübergehen und , vor Seiner Majestät niedersinkend , sagen : » Ich weiß , daß der Heiligenschein ein falscher war ! – Ich leide unsäglich ! Ich will mein ganzes Leben daran setzen , das Verbrechen jener Frau auszulöschen – nur nimm den Fluch der Verachtung von meinem Haupt ! « Sie saß regungslos da mit dem tiefernsten , totenblassen Gesicht – und in der Menge ging es flüsternd von Mund zu Mund : » Schön , wunderschön ist das Mädchen ; aber der Fürst irrt sich – sie ist nicht hergestellt ! « Das Dunkel brach so schnell herein , daß aller Augen ängstlich den Himmel suchten . Allerdings hing eine grollende Wolkenschicht über den Wipfeln ; allein noch bewegte sich kein Blättchen oder Zweiglein in jenem Wind , der jäh aufbraust und wie in gewaltigen Trompetenstößen den Ausbruch des Gewitters anzeigt ... Man tat am besten , den unliebenswürdigen Himmel einstweilen noch zu ignorieren ; über den mächtigen Pyramiden des köstlichen Fruchteises vergaß man die drückende Hitze , und in diesem Augenblick wurde ja auch das Tageslicht überflüssig . So plötzlich , als ob ein elektrischer Funke entzündend weiterspringe , flammten die Sternenkränze , Ballons und Fackeln auf und gossen bunte Lichtwogen über See , Waldwiese und den dräuenden Himmel . Und nun begann die unvergleichliche Musik zum Sommernachtstraum . Der Purpurvorhang rauschte empor – da lag die ruhende Titania , bedient von ihren Elfen ! ... Nie hatte wohl jene diamantenfunkelnde Frau einen solchen Sieg gefeiert wie in diesem Augenblick ! Vergessen war das stille , bleiche Mädchen , das fürstliche Huld auf den Schild gehoben hatte , vergessen das neue , jugendkeusche Gestirn über dem verführerischen Weib , dessen wundervolle Formen sich weich und hingebend auf dem blumenbesäten Moosteppich hinstreckten . Man jubelte und lärmte . Immer wieder mußte sich der Vorhang erheben – alles , was an Bildern folgte , ließ kalt ; selbst die reizende Esmeralda-Sontheim erlitt eine empfindliche Niederlage . » Schöne Titania , sind Sie zufrieden mit Ihren Erfolgen ? « fragte der Fürst , als die Baronin nach dem Schluß der Vorstellung am Arm ihres Gemahls vor seiner Durchlaucht