als unbedingt nötig ist . – Vorerst müssen wir freilich abwarten , ob sich die sanguinische Hoffnung auf die Umkehr der alten Frau in der Tat verwirklicht . « Donna Mercedes fühlte plötzlich den festen Boden ihres Selbstbewußtseins , ihrer stolzen Sicherheit unter den Füßen weichen . Es hatte eine Zeit gegeben , wo ihr alle versicherten , es dunkle , wenn sie gehe – war aller Glanz von ihr gewichen ? War ihr nichts , gar nichts verblieben von dem Zauber der Jugend , des Geistes , der Schönheit , den man – ihr selbst oft genug zum Ekel und Überdruß – in allen Zungen gepriesen , oder glitt er so völlig wirkungslos ab von dem deutschen Gemüt , daß ihr Kommen und Gehen gar keine Spur hinterließ ? ... Der große Promenadenfächer , den sie in der Hand hielt , wurde geräuschvoll zusammengefaltet – sie wiegte ihn zwischen den Fingern wie eine schwanke Reitgerte . Diese Bewegung im Verein mit dem schlimmen Lächeln der Erbitterung und den gereizt sprühenden Augen in dem fremdartig schönen Gesicht konnte recht wohl erinnern an den Ausspruch der Baronin , daß diese Sklavengebieterin vor der eigenhändigen Züchtigung Straffälliger nicht zurückscheue . Wieder ruhte sein Blick durchdringend auf ihr . » Aber auch dieses fernere Opfer könnte Ihnen erspart werden , « fuhr er wie nach augenblicklicher Überlegung fort ; » wenn Sie sich dazu verstehen wollten , die weitere Entwicklung einzig und allein in meiner Hand zurückzulassen – « » Das heißt mit anderen Worten , meine Begleitung sei überhaupt eine überflüssige gewesen , « fiel sie rasch mit belegter Stimme ein ; » der Schillingshof vermöge den kleinen Lucians den Schutz des Vaterhauses , die treue , väterliche Fürsorge im vollsten Umfang zu bieten – ganz richtig , mein Herr – aber die weibliche Zärtlichkeit nicht , die ein Kind zum Gedeihen braucht wie den Sonnenschein ... Und da oben « – sie zeigte mit dem Fächer nach dem Obergeschoß des Säulenhauses – » lebt jetzt eine Frau , Ihre Frau , Baron Schilling , die sich vor dem verpesteten Kinderodem hermetisch einschließt , die den Blick beleidigt wegwendet , sobald solch ein kleines Gesicht hinter den Scheiben auftaucht , die – « » Sind Sie gekränkt worden ? « brauste er auf . » Glauben Sie , ich lasse eine Beleidigung an mich herankommen ? « fragte sie mit stolzverächtlicher Überlegenheit zurück . » Ich will damit auch gar keinen Vorwurf erheben – wer mag es der Frau verdenken , wenn ihr der Kinderlärm in ihrem stillen Hause nicht wünschenswert ist ? Die Zurechtweisung gilt Ihnen , der Sie eine Last von Widerwärtigkeiten und schwerer Verantwortung so unbedenklich auf die Schultern nehmen wollen – « » Das wäre meine Sache , « unterbrach er sie kalt und bestimmt . » Übrigens entsprang mein Vorschlag , wie Sie wissen , nicht der Selbstüberschätzung , sondern lediglich dem Wunsch , Ihnen das Verlassen des deutschen Bodens rasch und sorglos zu ermöglichen , « setzte er fast heftig hinzu . » Felix hat zu viel von Ihnen gefordert ! Ihr Hiersein , Ihr Ausharren in diesem stillen Erdenwinkel mag Ihnen wohl gleichbedeutend sein mit geistigem Verkommen – es ist ein unerhörter Raub an Ihrer kostbaren Jugendzeit ! ... Sie sind gewohnt , Triumphe zu feiern , bewundernden Blicken zu begegnen , wohin Ihre stolzen Augen sehen – Sie sind gewohnt , in genußsüchtigem Luxus inmitten einer tropisch-üppigen Vegetation zu leben , wo tropische Leidenschaft Ihre Schönheit umwirbt – das alles kann Ihnen Deutschland mit seinem blassen Himmel , seinen » fischblütigen « Menschen nicht geben . Dort finden Sie – « » Ja , dort suche und finde ich – vier Gräber , « fiel sie mit tonloser Stimme ein , und ein starrer , tränenfunkelnder Blick voll zürnenden Vorwurfs traf seine Augen . Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung von ihm weg , und das Gesicht mit dem Fächer bedeckend , ging sie beschleunigten Schrittes nach dem Säulenhause . 30. Auf dem Klostergute herrschte eine schwüle Stimmung . Das Gesinde drückte sich scheu in die Ecken , wenn der Schritt des Rates laut wurde ; es horchte ängstlich auf seine barsche Stimme , die so mißtönend und grillig war und den ganzen Tag schalt und nörgelte ... Er hatte seine Sorgen . In seinem Kohlenbergwerk schössen plötzlich aus schmalen Ritzen und Klüften dünne , aber kräftig vorgetriebene Brünnlein , die ihm und den Grubenleuten nicht gefielen ... Das ganze Gebiet des sogenannten kleinen Tales , unter dem sich die Kohlengruben hinzogen , war ein quellenreiches ; kleine , kühle Bäche rauschten durch den Grund , und am Taleingang breiteten sich mächtige Teichspiegel hin . Es war von Anfang an viel darüber gemunkelt worden , daß sich bei diesem Unternehmen die Knickerei und Gewinnsucht des Rates in wahrhaft sündlicher Weise geltend mache ; die Sicherheitsvorrichtungen seien äußerst mangelhaft , und in den Gruben werde der abscheulichste Raubbau getrieben . Um das Stadtgespräch kümmerte sich der Rat nicht . Er scharrte mit immer heißerer Gier die Reichtümer zusammen , die ihm die Gruben in den Schoß warfen , und beschnitt die Betriebskosten , wo er konnte . Da tauchte plötzlich das Gespenst in der Tiefe auf , der unheimliche Feind , der die Wasserstrahlen wie dünne weißliche Schwerter aus den Wänden trieb . Es stellte sich immer dringender heraus , daß mit großen Kosten verknüpfte Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden müßten , um eine greifbare Gefahr abzuwenden , und das war ' s , was den Rat so finsterbrütend , so tief innerlich ergrimmt umhergehen machte . Die Majorin schien sich darum nicht zu kümmern . Sie hatte nie viel Worte gemacht , das wußte das Gesinde gar nicht anders , auch war ja das überflüssige , zeitraubende Sprechen überhaupt verpönt auf dem Klostergute . Aber die Leute wunderten sich doch , daß zwischen dem Herrn und seiner Schwester kaum noch der Morgen- und Abendgruß gewechselt wurde . Und mochte der Rat noch so verstimmt heimkommen und mit seinem finstersten Tyrannengesicht durch die Küche nach dem Eßzimmer schreiten , die Majorin fragte nicht ; sie trug pünktlich das Essen hinein , nahm die Küchenschürze ab und setzte sich an den Tisch . Aber nur Veit führte das Wort – die beiden anderen schwiegen . Dagegen trat eine neue Gewohnheit der Majorin immer mehr in den Vordergrund – jeden freien Augenblick , den sie den Hausgeschäften abstehlen konnte , brachte sie im Garten zu . Sie hatte zwar dort auch ihre Beschäftigung , das Abpflücken der Erbsen und Bohnen , das Begießen der Gemüsebeete und des bleichenden Leinens . Aber die Mägde kicherten und meinten , die Leinwand würde niemals trocken , so oft rausche die Gießkanne drüber hin , und in der heißen Nachmittagssonne begieße doch kein vernünftiger Mensch das junge Gemüse . Es fiel ihnen auch auf , daß » die Frau « so oft auf der Gartenbank stehe und über Nachbars Zaun gucke – das war auch eine neue Mode und zu verwundern an der » Aparten und Stolzen « , die sonst keinem Menschen einen Blick gönnte , und immer tat , als mache sie sich aus der ganzen Welt nichts ... Lächerlich ! Auf die Bank zu steigen , um immer wieder die dicke , watschelnde » Mohrin « anzusehen , denn nach dem kleinen Mädchen , das die Schwarze zu behüten hatte , guckte sie doch nicht . Sie konnte ja die kleinen Kinder nicht leiden . Heute war es den ganzen Tag über mit dem Rat kaum auszuhalten gewesen . Einer der Knechte , der die Kohlenfuhren nach der Bahn zu besorgen hatte , erzählte , der Herr sei nun doch gezwungen , der dummen Wassergeschichte wegen › gelehrte ‹ – Leute aus weiter Ferne kommen zu lassen – es sollte und müßte in den Gruben alles anders werden , und das koste ein Heidengeld . Bald nach dem Mittagessen war der Rat wieder nach dem kleinen Tale gegangen ; Mosje Veit schwitzte in der Wohnstube unter der Zucht seines strengen Privatlehrers , der keinen Spaß verstand , und die Mägde , die in der Küche aufwuschen , steckten lachend die Köpfe zusammen ; denn dort ging die Frau Majorin richtig wieder über den Hof nach dem Garten , wie allemal , wenn der Herr nicht zu Hause war ... Sie hatte nicht einmal ihren Kaffee getrunken , der noch in der Küche stand und kalt wurde . Es war überhaupt in den letzten Tagen , als habe sie Essen und Trinken nahezu verlernt ; und das sah man ihr auch an – die Backenknochen standen ihr scharf aus dem weißen Gesicht , und die Kleider saßen gar nicht mehr so hübsch knapp , sie schlotterten recht auffällig um die Schultern ... Und die Leute meinten , wenn sie auch nicht spreche und ordentlich die Zähne zusammenbeiße , damit ja kein Wörtchen durchschlüpfe , sie ärgere und gräme sich doch im Stillen furchtbar über das viele Geld , das das Unheil in den Gruben kosten würde , denn – sie hätte ja keine Wolfram sein müssen . Nun ging sie langsam zwischen den Buchsbaumrabatten auf und ab . Ihre schlanken , weißen Finger pflückten mechanisch am Schürzenband und die Augen hingen tiefgesenkt am Boden . Sie , die sonst mit scharfem Blick nach jeder abgefallenen Obstfrucht suchte , sie bemerkte nicht , daß ihr Fuß an den ersten reifen Rosenapfel stieß , daß die goldgelben Frühbirnen wie herabgeregnet im Grase und zwischen den Kohlrabi- und Salatköpfen verstreut lagen und ganze Scharen von Wespen herbeilockten – ihre ganze Aufmerksamkeit schien sich im Ohr zu konzentrieren . Bei jedem Geräusch , das von fern her über den Zaun kam – ob sich die Enten klatschend in den Teich stürzten oder ein Menschenfuß auf dem kreischenden Kies eines nahen Weges eilfertig hinging – zuckte sie zusammen und hemmte aufhorchend den Schritt . Die Gießkannen brauchten heute nicht allzufleißig in Bewegung gesetzt zu werden , denn der Himmel war vom frühen Morgen an bedeckt gewesen . Aber die Wolkenschicht , die keinen heißen Sonnenstrahl hindurch lieh , war von einem festen , gleichmäßigen Grau und wölbte sich hoch wie eine granitene , kühle Domkuppel . Die Vögel schössen jubilierend droben hin , und eine köstlich erquickende , balsamische Luft wehte , ein wahrer Genesungsodem für Kranke . Die Majorin verließ plötzlich den geradlinigen Hauptweg , und auf die Gartenbank am Zaun tretend , schlug sie die rauschenden Syringen- und Haselzweige auseinander . Ein schwaches Rädergeräusch kam von der Platanenallee her . Jack , der Neger , schob einen eleganten Kinderfahrstuhl langsam über die Kiesbahn – der hellblaue Seidenschimmer der Auspolsterung und einer übergebreiteten Decke leuchtete herüber , und so bedeutend auch die Entfernung war , die Frau am Zaun sah doch ein blondes Köpfchen auf dem Polster liegen – fast wäre sie von der Bank gestürzt , ein solch jähes Aufschrecken ging durch ihren Körper . Das kleine Gefährt rollte noch einigemal auf und ab , dann kam es nicht mehr zurück , es mochte droben beim Atelier haltmachen . Die Majorin stieg von der Bank herab und ging auf dem schmalen Weg am Zaune hin . Sie machte dann und wann einen Versuch , das Gezweig in der Höhe ihres Gesichts auseinanderzudrängen ; allein die seit langen Jahren geflissentlich gehegte und gepflegte Wildnis wies sie unerbittlich mit Dornen und Stacheln zurück ... Und die einzige Bank des Gartens war nicht verstellbar , ihre steinernen Träger fußten tief in der Erde ; aber dort an der Mauer , die den tiefsten Teil des Gartengrundstücks , den großen mit Obstbäumen bestandenen Grasfleck , von der Straße abschloß , lagen unter vorspringender Bretterverdachung die Leitern , die im Herbst beim Obstbrechen benutzt wurden . Sie lehnte eine der Leitern an die Mauer und stieg so weit hinauf , daß sie gerade den Kopf über den seitwärts liegenden Zaun heben konnte . Wäre sie fähig gewesen , in diesem Augenblick an vergangene Zeiten zu denken , die Scham vor sich selber , der starre Wolframstrotz hätten sie von der Leiter jagen müssen ; aber es war nur ein Gedanke , der sie beherrschte , der ihr das Blut stürmisch kreisen machte und ihre Bewegungen lenkte – der Wunsch , so nahe wie möglich in das kleine , blasse Kindergesicht zu sehen und sich mit einem einzigen Blick zu überzeugen , ob der Tod wirklich seine drohende Hand zurückgezogen habe . Sie sah in das Fichtenwäldchen hinein , und dort stand , kaum fünfzehn Schritt entfernt , der Fahrstuhl zwischen den Stämmen . Josés Gesicht war ihr zugewendet . Noch lehnte der kleine Kopf müde an dem blauen Polster , und das vorquellende goldglänzende Gelock hing um ein abgezehrtes Oval ; aber der lebhafte Blick und das schöne Rot des kleinen Kirschenmundes bezeugten unwiderleglich , daß der Lebensstrom in dem schwer angefochtenen Kinderkörper dort gesunde . Außer Jack war niemand bei dem Knaben . Der Schwarze watete im Wiesengras und pflückte die Stengel des Löwenzahns , welche die Händchen des kleinen Kranken auf der Decke zu einer unförmlichen Kette verarbeiteten . Man sah , wie sich die Brust des Kindes in tiefen Atemzügen hob und die freie , von kräftigem Fichtenduft durchtränkte Luft gierig einsog . Auch ein stilles Lächeln der Freude ging über das Gesichtchen . » Geh , Jack , sei gut – lasse Pirat heraus zu mir ! « sagte der Knabe , jedenfalls in bezug auf das Hundegewinsel , das vom Atelier herkam . » Nein , Kind , noch nicht ! Doktor hat ' s verboten ! « rief der Schwarze von der Wiese herüber . » Pirat ist wild , regt dich auf . Heute nicht – morgen ! Will nachher gleich hingehen und ihn zur Ruhe bringen . « Damit stampfte er immer tiefer in das Gras und machte Jagd auf die gelben Blumen und die dicken Federbälle , die unter seiner Berührung auseinander stäubten . Die Augen der Majorin glühten plötzlich auf , und so voller Hast , als habe es ihr eine dämonische Gewalt angetan , die sie vorwärts treibe , verließ sie die Leiter und ging in das Haus . Den Hof betrat sie nicht ; sie nahm den Weg durch die Hintergebäude , den der kleine José neulich gegangen war – über die dunklen Böden hinweg kam sie ungesehen in das Giebelzimmer . Fast wie ein Dieb , der sich auf fremdes Gebiet schleicht , bemühte sich diese Frau , mit dem sonst so majestätisch festen Gang , geräuschlos in ihr eigenes Zimmer einzutreten . Sie schloß den Wandschrank auf , der ihr reiches Silbergerät enthielt – in der einen tiefen Ecke hatte einst auch das verhaßte Patengeschenk mit dem eingravierten Namen Lucian den Augen der Welt möglichst entrückt gelegen – und nahm einen kleinen , schwervergoldeten Silberbecher von herrlicher Form und Arbeit heraus . Das war auch ein Patengeschenk , das einst ein reicher Freund des Hauses der kleinen Therese Wolfram in das Taufzeug gesteckt hatte . Hastig fuhr sie noch einmal mit dem Staubtuch über das goldfunkelnde Innere des Bechers , dann ließ sie ihn in die Tasche gleiten und ging auf demselben Wege , den sie gekommen , in den Garten zurück . Ein Blick über den Zaun und die tiefe Stille , die drüben herrschte , überzeugten sie , daß der Neger zu dem Hund gegangen sei , um ihn zu beruhigen . Mit bebenden Fingern zog sie einen Schlüssel aus dem klirrenden Bund , der an ihrem Gürtel hing , riß die Küchenschürze ab , um sie hinter den nächsten Busch zu werfen , und schloß die kleine Mauertür auf , die hinaus auf die Straße führte . Das alte Brettergefüge ächzte und kreischte in den Angeln , und die Frau fuhr mit kreideweißem Gesicht zurück und biß die Zähne aufeinander . Vor langen Jahren hatte sich diese Tür auch so widerwillig gesperrt und förmlich feindselig gemurrt , als gehöre sie auch zu denen auf Wolframschem Gebiet , die es so ungern sahen , daß die schöne Tochter des Hauses , das bräutliche Mädchen im weihen Kleide , da hinausschlüpfte , um drüben im Schillingsgarten dem schlanken Soldaten in die Arme zu eilen ... Ja , weiß wie eine Taube war sie immer hinübergeflattert – er hatte das so sehr geliebt ... Die Majorin hatte den Fuß unwillkürlich zurückgezogen ; aber nur für einen Augenblick – dann trat sie entschlossen hinaus , und die Tür fiel hinter ihr zu . Die an sich schon öde Straße mit den verlorenen Häusern zwischen langen Gartenmauern war in diesem Augenblick völlig menschenleer . Es bedurfte auch nur weniger Schritte , um die Tür des nachbarlichen Gartens zu erreichen . Sie wurde tagsüber nie verschlossen – der Farbenreiber , die Modelle und auch die Dienerschaft gingen meist da aus und ein . Die Majorin wußte das – sie klinkte die Tür auf und trat ein . Das beklemmende grüne Dämmerlicht unter den uralten , langbärtigen Fichten hauchte sie an wie ein Traum , der längst vergangene Zeiten auferstehen läßt , und im ersten Augenblick war es ihr , als müßten jenseits der Walddämmerung goldene Epauletten im hellen Tagesschein aufblitzen – ein zweischneidiges Schwert ist die Jugenderinnerung , wenn sie über die Schlucht herübergreift , die das jäh hinabgestürzte Lebensglück für immer verschlungen ... Die großen dunklen Augen blickten umflort und wie erschreckt , bis sie auf die blaue Seidendecke fielen , die zwischen den Fichtenstämmen leuchtete . Dort glänzte es ja auch golden , das Knabenköpfchen , das sich bei dem Türgeräusch emporrichtete . Der kleine José sah erstaunt , aber nicht erschrocken zu der Frau empor , die mit wenigen Schritten neben ihm stand – die Frau im schwarzen Kleide mit dem schönen , farblosen Gesicht und den schneebleichen Lippen , die sich zitternd öffneten und schlossen , ohne einen Laut hervorzubringen . Wie ein Fürstenkind lag der Knabe da , den das alte Klosterhaus neulich wie mit tückischen Fangarmen in seinem häßlichsten Winkel festgehalten . Ein Amulett funkelte an seiner Goldkette auf dem spitzenbesetzten Schlafkleidchen , das weiß aus dem übergeworfenen seidengefütterten blauen Samtmantel schimmerte . Die alten Tuchweber aus dem engen Stadtgäßchen würden wohl den Kopf geschüttelt haben über das aristokratisch feine Menschenbild , in dem auch ihr Blut floß , das Blut der Ackerbürger mit den schwieligen Händen und dem rauhen störrigen Sinn . » Geht es dir wieder besser ? « fragte die Majorin halb flüsternd und bog sich so tief über das Kind , daß sie den würzigen Atem des kleinen Mundes über ihre Wange hinwehen fühlte . » Ach ja – aber müde bin ich ! Und ich möchte doch so gern mit Paula und Pirat im Garten herumlaufen . « » Paula ist dein Schwesterchen ? « » Ja – weißt du das noch nicht ? ... Sieh mal , die wunderschöne Kette , die ich mache ! Willst du sie haben ? « Er hing ihr die plump zusammengefügten Ringe der Löwenzahnstengel , an denen sich vorhin die schwachen Fingerchen emsig abgemüht hatten , über den Arm . » Ja , mein liebes Kind , die will ich behalten , « sagte sie , und behutsam , als sei es eine zerbrechliche Filigranarbeit , sammelte sie die Kettenglieder in der Linken ; dann griff sie mit der Rechten in die Tasche und zog den Becher heraus . » Ich will dir auch etwas schenken , einen kleinen Trinkbecher , aus welchem du künftig deine Milch trinken sollst . « Der Becher , den das alte Klosterhaus so lange wie ein Argus behütet , er lag jetzt auf der blauen Decke , und der Knabe griff mit beiden Händen danach . » Ach , der ist aber schön ! « sagte er bewundernd und wandte ihn spiegelnd hin und her . » Ich danke dir ! « rief er plötzlich aus vollem , erfreutem Kinderherzen und reckte sich mit ausgestreckten Armen an der Frau empor , und sie – ihrer nicht mehr mächtig , schlang ihre Arme fester und fester um den kleinen Leib , der sich an sie schmiegte , und als wolle sie alle die trotzige Entsagung , die namenlos bittere , bohrende Reue , die furchtbare Einsamkeit der letzten Jahre , die grausame , übermenschliche Zurückhaltung , die sie neulich dem Kinde gegenüber behauptet , in einem einzigen glückseligen Moment auslöschen und vergessen , bedeckte sie ihn mit den Küssen einer fast wild hervorbrechenden Zärtlichkeit ... Tiefaufatmend ließ sie das Kind in die Kissen Zurücksinken . » Willst du auch an mich denken , wenn du aus dem Becher trinkst ? « fragte sie – wer hatte je diese Stimme so weich , so bewegt und seelenvoll gehört ? ... » Ja – aber wie heißt du denn ? « » Ich ? – « das Blut , das ihr heiß nach dem Kopf geströmt war , sank jäh zurück , und mit blassen Lippen wiederholte sie nochmals : » Ich ? ! – Ich heiße Großmama ! « Damit trat sie rasch , fast wie flüchtend , von dem Knaben weg und schritt nach der Tür . » Bleib ' doch da ! « rief er bittend . Auf diese Laute hin wandte sie noch einmal den Kopf nach ihm ; aber in demselben Augenblick bog der Neger um die Ecke des Ateliers . Noch ein Winken mit der Hand , dann war sie so rasch hinter der Mauertür verschwunden , daß Jack nur noch einen Zipfel ihres langen schwarzen Gewandes wie einen Schatten hinausgleiten sah . 31. Die Majorin schritt wieder auf dem geradlinigen Hauptweg des Klostergartens . Es war eine rein mechanische Tat ihrer Ordnung schaffenden Hände gewesen , daß sie die Tür pünktlich verschlossen und die hingeschleuderte Küchenschürze wieder vorgebunden hatte – sie wußte es kaum . Sie wandte das Gesicht nicht mehr nach dem Zaun hinüber ; aber ihr vorwärts gerichteter Blick sah auch nicht die weinbekleidete schiefe Wand des Hintergebäudes , auf welches sie unverweilt Zuging – die Augen blickten wie traumverloren , als schreite diese Frau in die weite Welt hinein und nicht durch den dunklen , dumpfen Holzstall in den engumgrenzten offenen Raum , von dessen Mauern der ganze wüste Lärm eines Gutshofes widerhallte . Mosje Veit war jedenfalls eben dem Schulzwang entlaufen . Er rannte , als sei er in einem engen Käfig eingesperrt gewesen , in tobender Ausgelassenheit durch den Hof und ahmte ein wildes Pferd nach , das in das Gebiß knirscht und schäumt . Die Majorin blieb wie angewurzelt stehen . Noch fühlte sie den Hauch des süßen Kindermundes auf den Lippen , und der zärtlich-sanfte Knabe mit seinen großen sprechenden Augen , den sie in den Armen gehalten , er war schön wie ein Seraph , er hätte mit seinem grazienhaft ruhigen und edlen Wesen ein Fürstenhaus geziert – und er war ihr eigen Fleisch und Blut ; der Lebensstrom , der einst von ihr ausgegangen , er hatte eben , wie zurückkehrend , in sanften Schlägen des kleinen Herzens an ihre Brust geklopft , unabweisbar zu ihr gehörend und die unnatürliche Schranke überflutend , die das harte Gebot : » Ich will dich nie wiedersehen , selbst nach dem Tode nicht ! « selbstsüchtig aufgerichtet ... Und sie hatte einst gemeint , man könne vergessen und verwinden , wenn man nur ernstlich wolle ; sie hatte sich all die Jahre hindurch immer angstvoller an den Namen ihrer Väter angeklammert , der wie ein knorriger Eichenstamm jahrhundertelang seine Eigenart behauptet und nach dem dünkelhaften Sinn der letzten seiner Töchter kein ausgeartetes , verkrüppeltes Reis tragen konnte . Sie hatte » vergessen und verwinden « wollen um diesen da , der eben wie ein losgebundenes , junges wildes Tier den Boden stampfte , der mit seinen schiefgestellten Augen tückisch nach einem Opfer für seine Peitsche suchte , und in seiner brutalen Roheit und Bosheit , seiner Lügenhaftigkeit der Schrecken aller war . Gerade in diesem Augenblick kam ihm die Stallmagd in den Weg . Sie trug zwei volle Eimer und konnte sich nicht wehren , und das war ein zu günstiger Augenblick – sausend fuhr die scharfe Peitschenschmitze über die dünn bekleideten Schultern des Mädchens ; sie stieß ein Wehgeschrei aus und krümmte sich vor Schmerz . Mit wenigen raschen Schritten trat die Majorin aus dem Holzstall – sie entriß dem Knaben die Peitsche , zerbrach den Stock derselben in Stücke und warf sie ihm vor die Füße auf das Pflaster . Er wollte wütend auf sie losspringen – es lief ihr wie ein Schauer über den Leib ; nach jenem innigen Umfangen durfte ihr dieses Element nie wieder nahe kommen . Sie stand da wie eine Mauer und streckte dem Heranstürmenden die geballte Faust entgegen . » Fort – oder ich züchtige dich , so lange ich eine Hand rühren kann ! « sagte sie mit ihrer eiskalten , harten Miene , wenn ihr auch vor Grimm die Lippen bebten . Er hatte die Kraft dieser Hand neulich zur Genüge gespürt und zog sich feige zurück . Dafür verlegte er sich aufs Schimpfen ; er machte die Geste der langen Nase und hob den zerbrochenen Peitschenstock auf , um ihn nach dem Düngerhaufen zu schleudern . » Der Papa wird dir ' s schon sagen ! Wenn er nach Hause kommt , da kriegst du deine Leviten ! « drohte er und lief nach dem Pferdestall , wo noch verschiedene seiner Peitschen und Reitgerten waren . Der Papa war aber bereits zu Hause . Er stand am Fenster der Eßstube und hatte den zerknitterten Filzhut mit der breiten , schlappigen Krempe noch auf dem Kopfe . Die Majorin hatte ihn schon vor Vollzug ihres Strafaktes bemerkt , und gerade weil er nicht die geringste Miene machte , die Mißhandlung der Magd auch nur mit einer Silbe zu rügen , hatte sie die Ausgleichung in die Hand genommen . Sie ging in die Küche , nahm einen Korb voll frischgepflückter Johannisbeeren aus einem Schranke und trug ihn in das Eßzimmer , um dort die Beeren zum Einmachen vorzurichten . Ihr Gesicht war wie immer so starr und verschlossen , als sei heute auch noch nicht die mindeste Gemütsbewegung darüber hingegangen ; und wenn der arme Felix einen Rückblick in das alte Falkennest hätte werfen können , er würde genau wie bei seiner jedesmaligen Heimkehr das unbeirrte Schaffen und Hantieren , das Sparen und Einheimsen gefunden haben ... Und die Stube , an deren Eßtisch sich die Majorin einen jener steiflehnigen , hartgepolsterten Stühle gerückt hatte , die schon für die Großeltern Erbstücke gewesen waren , sie war unverändert dieselbe , in der dem Ausgestoßenen vor acht Jahren der Prozeß gemacht worden war . Sie zeigte dieselbe häßliche schokoladenfarbene Tapete ; nur daß da und dort neue Flicken , jedenfalls im Bereich von Veits zerstörenden Händen , aufgesetzt waren und die Spuren täglicher Berührung am Schlüsselloch der tapezierten Wandschranktür sich verdunkelt und verbreitert hatten . Dahinter stand noch auf derselben Stelle der Blechkasten mit dem Milchgeld . Der Rat lehnte mit verschränkten Armen an der Fensterbrüstung , als seine Schwester eintrat . Er hatte den Hut auf das Nähtischchen geworfen , und das grünliche Licht , das durch die Ulme hereinfiel , ließ die reichen Silberfäden in seinem starren , immer noch sehr dichten Haar aufflimmern . ... Es sah aus , als habe er auf die Majorin gewartet , und sie mußte sich selbst denken , daß er sie Veits wegen zur Rede setzen werde , und gerade deshalb war sie in die Eßstube gegangen . Aber sie wartete vergeblich auf eine seiner beißenden , verletzenden Bemerkungen . Er trat nach einem kurzen Schweigen vom Fenster weg und fing an , in der Stube auf und ab zu gehen . » Du bist in der letzten Zeit so wortkarg , ja , so stumm gewesen , Therese , daß ich nicht einmal weiß , ob dir das drohende Unheil in meinen Kohlengruben vollständig zu Ohren gekommen ist , « hob er zu ihrem Erstaunen endlich an . » Das Gesinde spricht den ganzen Tag davon , « antwortete sie gelassen und streifte nach wie vor die Beeren von den Stengeln . » Und ficht dich das gar nicht an ? ... Ist dir das Wohl und Wehe , der Besitz der Wolframs gleichgültig geworden ? « fuhr er mit grollender Stimme auf – es klang fast wie ein halbverhaltenes , drohendes Knurren , und der Blick , der über ihre ruhig arbeitenden Hände hinfunkelte , war tiefgereizt . » Um das Wohl und Wehe der Wolframs habe ich mich längst nicht mehr zu kümmern , « versetzte sie , ohne aufzublicken . » Du erziehst den einzigen , der es dermaleinst in der Hand halten wird , nach eigenem Ermessen , nach deinen Grundsätzen , und ich – ich verbrenne mir den Mund nicht mehr ... Was aber den Besitz betrifft , so habe ich ihn nun seit langen Jahren durch unverdrossene Arbeit und gewissenhaftes Sparen vermehren geholfen – das Zeugnis darf ich mir geben ! ... Es macht mir Freude , ein Familienvermögen anwachsen zu sehen ; aber das darf nur auf ehrliche , brave Weise geschehen , stet und beharrlich , wie es unsere Väter gemacht haben – nicht um Haarbreite anders ! ... Du aber bist ein Moderner geworden . Du möchtest das Geld in jagender Eile scheffelweise einsäckeln , willst aber nichts ausgeben , um den Boden unter deinen Füßen zuerst zu sichern ; und das ist das drohende Unheil in deinen Gruben – du hast es selbst verschuldet ! « Sie hatte in fast eintöniger Ruhe gesprochen ; und wenn er bis dahin der Meinung gewesen war , die Schwester kümmere sich , wie immer im festen Glauben an seine geschäftliche Unfehlbarkeit , nicht entfernt um das , was außerhalb der Wirtschaft liege , so war das jetzt widerlegt – sie wußte alles und verurteilte ihn ebenso streng , wie die ganze Stadt . » Davon verstehst du