wirft , um ausschließlich Ihnen zu gehören ! « – Er hatte also wieder draußen unter den Säulen , vor der Glasthür gestanden und dem Streite gelauscht ; er war ihr dann gefolgt , wie in jener ersten Nacht . In diesem Augenblicke gelang es ihr , an ihm vorüberzukommen – sie betrat notgedrungen den Uferrasen des Teiches , weil er auch jetzt schon wieder neben ihr her ging . » Ja , Ihnen ausschließlich , gnädige Frau ! « wiederholte er beißend . » Ihre gestrige Drohung , zu gehen , hat ihn ohne Zweifel zu Ihren Füßen geführt – wie und wann ? – ich gäbe ein Glied meines Körpers drum , wenn ich das wüßte ... Aber ich sah heute abend im Konzertsaale diesen Triumph auf Ihrem schönen Gesichte glänzen – Sie sind stolz darauf – wie lange ? ... › Der Schmetterling muß fliegen ! ‹ sagte die Herzogin – er muß fliegen , der strahlende Falter , damit die Welt das schillernde Farbenspiel seines originellen Wesens bewundern kann , sage auch ich . Ein Jahr des geträumten , stolzen Glückes gebe ich Ihnen – nicht einen Tag länger . « » Nun gut , « versetzte sie , mit strahlenden Augen den Kopf zurückwerfend – im unwillkürlichen , fortgesetzten Ausweichen vor der andrängenden Gestalt des Geistlichen war sie allmählich dicht an den Rand des Ufers getreten – da blieb sie stehen , die Hände inbrünstig über der Brust verschränkt , und auf dem mondbeglänzten , lieblichen Antlitze lag ein Ausdruck von Verzückung . » Ein einziges Jahr denn ! Aber ein Jahr voll unaussprechlichen Glückes ! Ich liebe ihn , ich liebe ihn bis in alle Ewigkeit , und nehme dieses Jahr der Gegenliebe dankbar aus seinen Händen . « Ein halb unterdrückter Schrei , wie ihn nur Wut und Verzweiflung ausstoßen können , rang sich aus der Brust des Mannes . » Sie belügen sich selbst , « stieß er hervor , » um das Gefühl des gesättigten Trachenbergschen Stolzes darüber zu beschönigen , daß dieser Mainau für einen Augenblick wirklich niedergeworfen zu Ihren Füßen liegt ... Sie können ihn nicht lieben , der Sie oft genug in meiner und anderer Gegenwart mit der schneidendsten Kälte behandelt , der der ganzen Welt gezeigt hat , daß es ihm widerstrebt , diesen schönen Körper auch nur mit seinem Atem zu berühren ; er hat Sie beleidigt , wie ein Mann das Weib nicht schmählicher beleidigen kann – und das hätten Sie nie gefühlt ? Es hätte Sie nie erbittert , und triebe Ihnen nicht noch zur Stunde die Glut der Demütigung in das Gesicht ? Sehen Sie in diesen klaren Spiegel hinab ! « er zeigte auf die durchsichtige Wasserfläche , die fast an ihre atlasschimmernden Füße schlug . – » Sehen Sie in Ihre eigenen Augen hinein ! Sie können nicht wiederholen , daß Sie ihm für seine augenblickliche herablassende Laune das Wonnegeschenk Ihrer Liebe hinwerfen wollen . « Sie sah in der That seitwärts in die Flut hinaus – aus namenloser Furcht vor den Augen , die sie anglühten . » Sie lieben ja diesen See , schöne Frau , « sagte er mit seltsam gedämpfter Stimme , als handle es sich um ein Geheimnis . » Sie haben mir verraten , daß Sie seine weichen Wellen meiner Berührung weit vorzögen . Sehen Sie , wie er lockt und schmeichelt ! « Jäh zusammenschreckend fuhr sie empor und sah ihm mit einer wilden Angst in das Gesicht . » Fürchten Sie sich vor mir ? « fragte er sardonisch lächelnd . » Ich will ja nichts von Ihnen , als angesichts dieses reinen , klaren Spiegels die Erklärung , daß Sie für › Jenen ‹ die Neigung und für mich der Abscheu nicht so erfüllt , wie Sie mich überzeugen möchten . « Sie raffte ihre ganze Willenskraft , ihr n ganzen Mut zusammen . » Unerhört ! ... Was ficht Sie an , mir eine Erklärung abzufordern ? Ich bin Protestantin , und nicht Ihr Beichtkind ; ich bin die Herrin von Schönwerth , und Sie der Gast ; ich bin eine Frau , die ihr gegebenes Wort erfüllt , und Sie ein eidbrüchiger Priester . Ich könnte Sie einfach meinen Stolz fühlen lassen und schweigend gehen , aber weil Sie drohend vor mir stehen , sollen Sie wissen , daß ich mich nicht vor Ihnen fürchte , daß ich Sie vom Grunde meiner Seele verachte , schon deshalb , weil Sie so plump die erste und einzige Liebe eines Frauenherzens anfechten und zu entweihen suchen . « Sie hob den Fuß zum Gehen , aber zwei Arme umschlangen sie . » Darf ich nicht , dann soll auch er Sie nie berühren , « murmelte es vor ihrem Ohre . Sie wollte aufschreien , aber heiße Lippen preßten sich wild auf die ihren ... dann ein Stoß , und die schlanke Frauengestalt stürzte kopfüber in die aufzischende Flut ... Ein furchtbarer Schrei gellte über das Wasser hin , aber nicht die Hinabgestürzte stieß ihn aus – vom Laubgange flog das Hausmädchen her , ihr nach der Jägerbursche ... » Wir haben ' s gesehen , elender Mörder ! « schrie sie wie toll , beide Arme weit ausbreitend , um den nach dem Laubgange fliehenden Priester aufzuhalten ; » Hilfe , Hilfe ! Haltet ihn ! « ... Mit einem einzigen Griffe schleuderte der wie wahnwitzig fortstürzende Mann das Mädchen aus dem Wege und verschwand im Laubgange . Inzwischen hatte der Jäger den Teich erreicht und den Rock von sich geworfen . Gerade hier war das Ufer nicht sumpfig und seicht ; es stieg fast senkrecht hinab in die verrufene Tiefe . Das Wasser war so durchsichtig klar und ungetrübt , wie inmitten des Teiches . Im ersten Momente schlossen sich die Wellen über dem hinabgeschleuderten Körper ; dann aber – es sah geisterhaft schön aus – wogte der starre Silberstoff des Gewandes empor ; er sog das Wasser nicht ein und breitete sich wie ein glitzerndes Schwanengefieder weit entfaltet über den Teichspiegel hin , und darüber erschien der wasserüberströmte Frauenkopf mit den Juwelen im Haar ; er sank tief in den Nacken zurück , während die weißen Arme hoch in der leeren Luft vergebens nach einem Halt griffen . Jetzt zitterte ein schwacher Hilferuf von den Lippen der jungen Frau herüber . Seltsam , der steife Silberbrokat schien sie zu tragen . Der Jäger schwamm gut ; er mußte sich aber ziemlich weit hinarbeiten , denn die Wucht des Stoßes hatte die unglückliche Frau sofort weitab vom Ufer getrieben ; dennoch gelang es ihm , einen ihrer Arme zu erfassen in dem Augenblicke , wo der Körper abermals zu sinken begann ; er zog ihn an sich , und langsam aber sicher schwamm er mit der Geretteten dem Ufer zu . Noch hatte er den festen Boden nicht erreicht , als es im Garten nach verschiedenen Richtungen hin plötzlich lebendig wurde . Das markerschütternde Aufschreien , das Hilferufen des Mädchens war sowohl im indischen Hause wie im Vestibül des Schlosses gehört worden , Frau Löhn kam durch das Rosengebüsch gestürzt – sie sah noch , die Hände über den Kopf zusammenschlagend , wie ihre Herrin abermals unterzugehen drohte , und vom Schlosse stürmten die Lakaien her , gerade rechtzeitig , um die Halbbewußtlose an das Land zu ziehen ... 27. Frau Löhn kniete auf dem Rasen und hielt den Oberkörper der jungen Frau in den Armen . Sie weinte und schrie laut , als das Mädchen mit heiserer , gebrochener Stimme den entsetzten Leuten zuflüsterte , was geschehen war . Die Kleine hatte das saubere weiße Batistschürzchen abgenommen und trocknete sanft das niederrieselnde Wasser von Gesicht und Schultern der Herrin . Diese belebende Berührung und das laute Jammern der Beschließerin gaben der jungen Frau sehr schnell die Besinnung zurück . » Still , still , Frau Löhn ! « flüsterte sie , sich aufrichtend . » Der Herr darf nicht erschreckt werden ... « Mit einem lieblichen Lächeln reicht sie ihrem Retter herzlich die Hand , dann stellte sie sich mittels einer energischen Bewegung auf die Füße . Die Bäume schwankten , wie vom starken Winde bewegt , vor ihren Augen , und der Weg zu ihren Füßen nahm eine wunderlich schlängelnde Bewegung an ; es war ihr , als wandle sie in greifbarem Nebel , und dennoch ging sie vorwärts , und ihre Hand fuhr erschrocken nach dem Nacken – da hing die Kette noch – das wichtige Dokument lag nicht im See . Mit jedem Schritt weiter verlor sich der Schwindel , der so beängstigend ihren Kopf gefangen gehalten , immer mehr ; sie ging hastiger und wandte sich nur dann und wann , den Finger auf die Lippen legend , nach den ihr folgenden Leuten um , wenn ein Laut der Entrüstung ihr Ohr traf . Im Vestibül lief die übrige Dienerschaft durcheinander . Man wußte , daß etwas Unerhörtes geschehen sei ; aber keiner konnte sagen , was und wo . Die dienstthuenden Lakaien waren aus der Halle verschwunden , und ein fernes , wildes Schreien hatte man in der Küche und in den Gängen auch gehört , der Kutscher des Hofmarschalls aber schwur aufgebracht , er habe Seine Hochwürden keuchend , mit hochgehobenen Armen , wie einen Rasenden über den Kiesplatz stürzen und hinter dem nördlichen Flügel verschwinden sehen ... Dazu scholl aus den Gemächern der » gnädigen Frau « unausgesetzt die aufgeregte , zornbebende Stimme des Hofmarschalls , manchmal unterbrochen von einem mahnenden oder auch heftig drohenden Ausruf des jungen Herrn ... Da trat Liane auf die Schwelle und schritt an den erschreckt Zurückweichenden vorüber , das Gesicht blutlos und starr , wie das einer Wachsfigur ; von den langen Flechten rieselten die Wasserbäche unaufhörlich über das silberrauschende Kleid , das sie als rollende Perlen abstieß , und die lange Schleppe zog einen breiten , feuchtglänzenden Streifen über das Steinmosaik des Fußbodens ; es machte den Eindruck , als käme » die gespenstische Wasserfrau « direkt vom Grunde des Sees , um eine Seele hinabzuholen ... Sie verschwand im Säulengange , und Hanna flog ihr nach in das Ankleidezimmer ; dem Mädchen sträubte sich das Haar vor Entsetzen ; sie hatte eben noch mit halbem Ohr erfangen , was die hereintretenden Leute den anderen mitteilten ; sie hörte das Stimmengewoge hinter sich in Ausrufen der Wut , der Erbitterung gipfeln . In angstvoller Hast kleidete sich die junge Frau um . Sie sprach nicht ; aber ihre Zähne schlugen hörbar wie im Fieberfroste zusammen . Durch die Thür des anstoßenden Salons drang die scharfe , schrille Stimme des Hofmarschalls unermüdlich herüber , man konnte jede Silbe verstehen ... Er erging sich mit einer wahren Wollust in Schmähungen seiner verstorbenen Brüder und des » Landstreicherlebens « , das sie geführt . Er griff in die fernste Vergangenheit zurück , um darzuthun , welch eine lange Kette von Leiden und Anfechtungen er , der echte Sohn seiner Väter , der allein den Nimbus und die Prinzipien des Edelmannes zu bewahren verstanden , um dieser » zwei Hirngestörten « willen habe erdulden müssen ... Jeden drohenden Einwurf Mainaus , jede Zurückweisung in die Schranken der Selbstbeherrschung belachte er verächtlich – was konnte ihm der erzürnte Mann anhaben , der unablässig , in höchster Aufregung das Zimmer durchmaß ? Morgen mußte er Schönwerth verlassen , und wenn sie auch beide gleiche Rechte an die Besitzung hatten , so war doch nach allem , was die boshafte Zunge des einen an Beleidigungen gegen den anderen geschleudert , ein ferneres Zusammentreffen , ja auch nur das Atmen ein und derselben Luft beiden für alle Zeiten undenkbar geworden . Und daß der Herr Hofmarschall , der Stolz des Hauses Mainau , das Feld nicht räumte , verstand sich von selbst . Hanna hatte die Flechten ihrer Dame einigermaßen getrocknet und ihr ein schwarzes Hauskleid übergeworfen . Sie erschrak über diesen » Mißgriff in der Eile « und bebte zurück , so entgeistert , so fahlweiß hob sich das Gesicht mit den bläulichen , krampfhaft zusammengezogenen Lippen von dem tiefen Schwarz . » Gnädige Frau – nicht hinüber ! « bat sie angstvoll und griff unwillkürlich nach dem Kleide der jungen Frau , die auf die Salonthür zuschritt ; heiße , zitternde Finger schoben die zurückhaltende Hand weg und zeigten nach der Thür , die in den Säulengang mündete . Die Kammerjungfer ging hinaus ; sie hörte , wie hinter ihr der Riegel vorgeschoben wurde . » Du wirst nicht leugnen , daß sich auch eine tüchtige Dosis dieses Narrenblutes bereits bei Leo geltend macht . Er nimmt leider , zu meiner Verzweiflung , nur allzuoft jenen › genialen Chic ‹ an , der zum Fluch für unsere einst so respektable , ehrenfeste Familie geworden ist , « sagte drinnen der Hofmarschall . » Nur eine strenge und gottesfürchtige Erziehung kann da helfen ; ich sage nochmals , nur die großväterliche , nötigenfalls eiserne Hand wird ihn retten – und das soll geschehen , so wahr ich dereinst auf einen gnädigen Richter hoffe . Und wenn du deine väterlichen Ansprüche von einem Gerichtshof zum anderen schleppst , Leo ist mein ! ... Uebrigens hast du ja Ersatz – deinen Adoptivsohn Gabriel ! Ha , ha , ha ! « Da wurde der Thürflügel zurückgeschlagen , und die junge Frau trat in den Salon . Sie stand dem in einem Lehnstuhl hohnlachen zurückgesunkenen alten Herrn gegenüber . » Gabriels Mutter ist tot , « sagte sie langsam vorschreitend . » Mag sie zur Hölle fahren ! « schrie der Hofmarschall wie wütend . » Sie hatte eine Seele so gut wie Sie , und Gott ist barmherzig , « rief Liane . Das Blut kehrte in ihre Wangen zurück . » Sie sind strenggläubig , Herr Hofmarschall , und wissen , daß er ein unbestechlicher Richter ist ... Mögen Sie auch in die Wagschale den › stets behaupteten ‹ Nimbus des Edelmannes , die strenge Ausübung der Standespflichten werfen , sie wird dennoch zu leicht befunden ... Wo ein Richter zu entscheiden hat , da müssen auch Ankläger sein , und sie steht jetzt vor ihm und zeigt auf die Fingermale an ihrem Halse . « Der Hofmarschall hatte sich anfänglich scheinbar galant vorgebeugt und die Sprechende unbeschreiblich malitiös angelächelt . Bei den letzten Worten fiel er zurück ; als ihm der Unterkiefer vor sprachlosem Schrecken herabsank und den meist so impertinent zugespitzten Mund weit offen erscheinen ließ , da sah es aus , als berühre ihn die überraschende Hand des Todes ... Mainau aber , der bei Lianes Eintreten am entgegengesetzten Ende des Salons gestanden , kam jetzt auf sie zu ; er schien kaum gehört zu haben , was sie gesprochen ; er vergaß den verzweifelten Kampf , den er eben um sein Kind kämpfte , den beispiellosen Zorn , der in ihm kochte , über dem Anblick der Frau , die , so seltsam verändert an Stimme und Erscheinung , wieder eingetreten war ... Er schlang den Arm um sie und zog sie näher an das Lampenlicht ; er wollte ihr den Kopf in den Nacken biegen , um das Gesicht voll beleuchten zu lassen , und legte die Hand auf ihren Scheitel – entsetzt fuhr er zurück . » Was ist das ? « schrie er auf . » Dein Haar trieft von Nässe . Was ist mit dir vorgegangen , Liane ? Ich will es wissen . « » Krank ist die Gnädige ! « rief der Hofmarschall mit klangloser Stimme herüber ; er saß bereits wieder aufrecht und legte mit einer ausdrucksvollen Gebärde den Zeigefinger an die Stirn . » Ich sah es sofort an ihrer gespreizten , theatralischen Haltung , und ihre letzten Worte bestätigen vollkommen , daß die Dame an Nervernaffektionen , respektive Visionen leidet . Lasse den Arzt holen ! « Liane wandte die Augen mit einem kalten , verächtlichen Lächeln von ihm weg und ergriff Mainaus Hand . » Du sollst alles erfahren – später , Raoul ... Ich habe dir schon heute einmal angedeutet , daß ich dir Schweres mitzuteilen habe . Die Tote im indischen Hause – « » Ah , da ist ja wohl die Erscheinung wieder ! « lachte der Hofmarschall heiter auf . » Wo haben Sie denn eigentlich das Phantom gesehen , meine Gnädigste ? « » Vor der Thür des roten Zimmers , Herr Hofmarschall . Ein Mann schlang die Hände um den kleinen Hals der armen Bajadere und drückte ihr die Kehle zu , bis sie für tot auf den Boden niedersank . « » Liane ! « rief Mainau in leidenschaftlicher Angst . Er zog sie an sich und zog ihren Kopf beschwichtigend an seine Brust : er glaubte immer noch eher an eine plötzliche Geistesstörung dieses geliebten Wesens , als – an einen Mordversuch in » dem höchst ehrenhaften Schönwerth « . Der Hofmarschall erhob sich in demselben Augenblicke . » Ich gehe – ich kann keinen gehirnkranken Menschen sehen . « Er sagte das mit dem ausgesprochensten Abscheu in Stimme und Gebärden ; aber er vermochte nicht allein zu stehen und griff mit unsicher tastender Hand nach der Armlehne des Stuhles . » Beruhige dich , Raoul ! Ich werde dir beweisen , daß ich nicht › gehirnkrank ‹ bin , « sagte Liane . Sie wand sich von ihm los und trat dem alten Herrn näher . Lianes sonst so liebliches Antlitz mit den weichen Zügen erschien wie versteinert in Entschlossenheit und Härte . » Herr Hofmarschall , « fuhr sie in ihrer Rede fort , » der Mann verfolgte die schöne Indierin auch nachts durch die Gärten , um sie dem armen Sterbenden im roten Zimmer zu rauben ; sie mußte sich hinter Schloß und Riegel flüchten vor ihm . – Sieh hin , Raoul , « unterbrach sie sich und deutete auf den Hofmarschall , der vernichtet in sich zusammengesunken war , » Herr von Mainau will dir dein Kind entreißen , unter dem Vorwande , daß der einzige ehrenfeste , unbescholtene Mann der Familie auch nur den einzigen jungen Träger des Namens erziehen dürfe , aber seine Hand hat ein Menschenleben schwer geschädigt , und die Intrige , durch die Gabriel und seine Mutter verstoßen worden sind , wirft unauslöschliche Flecken auf den › Nimbus des Edelmannes ‹ . Du kannst ruhig sein angedrohtes Vorgehen abwarten ; Leo wird ihm nie zugesprochen werden . « Hatte sie gemeint , der Schuldige sei unter der Wucht der Anklagen und des so plötzlich aufgerüttelten Gewissens vollständig zusammengebrochen , so war das ein Irrtum gewesen . Schon bei dem Hinweise auf seine geknickte Haltung hatte er sich mittels eines energischen Ruckes steif aufgerichtet ; bei der Anschuldigung bezüglich Gabriels und seiner Mutter nickte er wiederholt , wie amüsiert , mit dem Kopfe , und jetzt brach er in schallendes Hohngelächter aus . » Das Tableau meiner Verbrechen ist ja famos zusammengestellt , schöne Frau ... Ich sag ' s ja , diese Weiber mit den roten Flechten sind Teufel im kühl ausgesonnenen Intrigieren . Tausend noch einmal , was für pikante Sachen ! ... Und das wird theatralisch effektvoll vorgetragen im eilig übergeworfenen schwarzen Trauergewande , das Sie , beiläufig gesagt , blaß und unschön wie ein Gespenst macht – « » Onkel , kein Wort weiter ! « rief Mainau erbittert und zeigte zum erstenmale nach der Thür . » Schön , schön – ich werde gehen , wenn es mir beliebt . Aber jetzt bin ich der Angegriffene und bin es mir schuldig , Licht in diese Geschichte zu bringen ... Was Sie so plötzlich so siegesgewiß , so unglaublich herausfordernd mir gegenüber macht , gnädige Frau – ich kann mir ' s denken . Während wir hier stritten , sind Sie voll leichtverzeihlicher Neugier hinübergegangen , um das › unglückliche Weib ‹ sterben zu sehen . Das gibt einen köstlichen Nervenreiz ; das kajoliert den schauerbedürftigen diabolischen Zug in der weiblichen Natur – « » Ich bitte dich , Raoul , thue nichts , was du später bitter bereuen müßtest ! « rief Liane , mit beiden Armen Mainau umschlingend , der , außer sich , auf den giftigen Sprecher losstürzen zu wollen schien . » Der weiblichen Natur , « wiederholte der alte Herr hämisch lächelnd , da Mainau , zornig den Boden stampfend , ihm den Rücken zuwandte . » Möglich , daß die gelähmte Zunge der › armen Bajadere ‹ im Delirium des Sterbens noch einmal – es soll ja dergleichen vorkommen – so viel Beweglichkeit zurückerhalten hat , verwirrtes Zeug zu lallen , sehr möglich sogar . Aber welcher vernünftige Mensch nimmt dergleichen für bare Münze , oder formuliert gar solch mirakulöses Zeug zu ehrenkränkenden Anklagen ? ... Meinen Standesgenossen , wie sie auch heißen mögen , dürften Sie mit diesen allerliebsten Neuigkeiten nicht kommen . Man kennt mich und würde von der zweiten Frau meines Schwiegersohnes einfach behaupten , daß sie mit Ränken umzugehen wisse . « » Sprich weiter , Liane ! Ich fürchte , die Herren Standesgenossen werden Dinge zu hören bekommen , die den Begriff vom angeborenen Adel kläglich zu schanden machen , « sagte Mainau schneidend . » Aber sprich zu mir ! Du hörst ja , der Herr Hofmarschall hat mit der Sache nichts zu schaffen , mich aber spannt sie auf die Folter . « » Die Frau im indischen Hause war tot , als ich hinüberkam ; über ihre Lippen ist dreizehn Jahre lang kein verständliches Wort gekommen , und so ist sie auch gestorben , « versetzte die junge Frau ; sie verstummte für einen Moment wieder und schloß die Augen ; ein abermaliger Schwindel überfiel sie . Sie stützte sich fest auf die Tischplatte und fuhr rascher fort : » Was ich zu sagen habe , weiß ich von einem Zeugen , der seit Onkel Gisberts Rückkehr aus Indien in Schönwerth gewesen ist , einem Zeugen , der nicht faselt , sondern genau weiß , daß er das , was er behauptet , nötigenfalls beschwören muß . « Sie sprach in der That zu Mainau , als sei der Mann mit der aufhorchenden , nicht zu unterdrückenden Besorgnis in den gespannten Zügen hinausgegangen , und sie erzählte , wie er sich , unterstützt von dem Geistlichen , zum Herrn von Schönwerth gemacht , mit welcher raffinierten Grausamkeit Onkel Gisbert von der Frau getrennt worden war , die er bis zu seinem letzten Atemzuge geliebt hatte ... Dazwischen klang spöttisches Kichern oder ein gemurmelter Fluch zu ihr herüber , aber sie ließ sich nicht beirren . Nur als der Name der Löhn zum erstenmale auf ihre Lippen trat , da mußte sie innehalten . » Die Bestie ! Diese Natter ! « unterbrach sie der Hofmarschall in einem Gemische von Wut und schrillem Auflachen . » Sie ist Ihr Gewährsmann , meine Gnädigste ? ... Sie haben mit dem rohesten , ungeschliffensten Weibe der gesamten Schönwerther Dienerschaft geklatscht und wollen nun daraufhin mich , mich angreifen ? « » Weiter , Liane ! « drängte Mainau mit bleichem Gesichte . » Lasse dich nicht irre machen ! Ich sehe bereits allzu klar . « » Mögen Sie auch alle diese Behauptungen der Löhn zu entkräften verstehen , weil Sie allerdings mit scharfem Auge selbst über jeden , auch den kleinsten Vorgang in Schönwerth gewacht haben – eines können Sie nicht bestreiten , denn Sie wissen nicht darum , Sie haben keine Ahnung von dem Geschehenen , « wandte sich die junge Frau noch einmal an den Hofmarschall selbst , » die Indierin war , trotz Ihrer Wachsamkeit , wenige Tage vor seinem Tode noch einmal bei Onkel Gisbert ; er ist gestorben mit der Ueberzeugung , daß sie unschuldig verleumdet worden ist . « » Bah , Sie tragen die Farben allzu dick auf , liebe kleine Frau . Sie sollten wissen , daß das jedweder Darstellung die Grundbedingung , die Glaubwürdigkeit , nimmt , « versetzte der alte Herr mit gut gespielter spöttischer Nachlässigkeit ; allein so erloschen , so gleichsam aus vertrockneter Kehle sich ringend hatte seine Stimme noch nicht geklungen . » Von dieser rührenden Szene weiß ich allerdings nichts – sehr begreiflich ! Sie wird schließlich , wie alles andere auch , auf die pure nackte Erfindung hinauslaufen ... Uebrigens sehe ich nicht ein , weshalb ich so lammgeduldig dieses nichtswürdige Intrigengespinst länger anhören soll . Ich bin droben in meinen Appartements jederzeit zu finden für den – Gerichtsdiener , den Sie mir so liebenswürdig auf den Hals schicken möchten – ha , ha , ha ! ... Gehen Sie jetzt schlafen , gnädige Frau ! Sie sind entsetzlich bleich und sehen aus , als stünden Sie nicht fest auf den Füßen ; ja , ja , das Dichten greift an , sagen die Leute ... Gute Nacht , meine schöne Feindin ! « » Bitte , Onkel ! « rief Mainau und trat vor die Thür , auf welche der Hofmarschall sehr eilig zuschritt . » Ich habe dich mit unerhörter Geduld und Langmut stundenlang mich und meine Familie verunglimpfen lassen – jetzt fordere ich von dir , daß du in meinem Beisein das Ende der Mitteilungen erwartest , wenn du nicht den letzten Rest von deiner › Kavalierehre ‹ in meinen Augen verlieren willst . « » Poltron ! « zischte der Hofmarschall zwischen den Zähnen und warf sich in den Stuhl zurück . Die junge Frau erzählte den Vorfall an Onkel Gisberts Sterbebett . Es war totenstill im Zimmer geworden , in dem Moment aber , wo sie beschrieb , wie der Sterbende die zwei Siegel mit so peinlicher Sorgfalt unter das Geschriebene gedrückt , da fuhren die beiden Zuhörer empor . » Lüge , infame Lüge ! « schrie der Hofmarschall . » Ah ! « rief Mainau , als falle plötzlich ein grelles Licht in tiefe Nacht . » Onkel , die Herzogin und ihr Gefolge werden bezeugen müssen , daß sie den Siegelring gesehen haben , den Smaragd , von welchem du beiläufig erzähltest , er sei dir vor Zeugen am 10. September von Onkel Gisbert feierlich übergeben worden . Und jener Zettel , den er auf diese Weise einigermaßen rechtskräftig zu machen sucht , existiert er noch , Liane ? « Die junge Frau nahm schweigend , mit bebenden Händen die Kette vom Nacken und legte sie in seine Hand . Das kleine Schmuckstück war allerdings wie » zugehämmert « ; keine Spur von Mechanik ließ sich entdecken . Mainau nahm die starke Klinge eines Taschenmessers und schob sie zwischen das Gefüge – ein starker Druck , und der dünne Deckel zerbrach ... Lässig , aber doch so glücklich zusammengebrochen , daß die emporstehenden Enden die zwei Siegel vor jedweder verwischenden Berührung geschützt hatten , lag ein Zettel in dem schmalen Behälter , jedenfalls noch so , wie ihn die Indierin von ihrem küssenden Lippen weg hineingelegt hatte . » Diese Abdrücke sind , noch dazu unter dem Schutze einer so klug eingeleiteten Maßregel , für mich eine absolute Bürgschaft , so gut wie für dich , Onkel , der du selbst erklärt hast , ein solcher Abdruck gelte dir mehr als die eigenhändige Unterschrift . « Keine Antwort , kein Laut erfolgte . » Hier die scheinbar defekte Stelle des Steines , sie tritt klar und scharf hervor . Morgen bei Tageslichte , unter der Lupe , werden wir den schönen Männerkopf bewundern können ... Und hier unten das Datum , zweimal unterstrichen : › Geschrieben in Schönwerth am 10. September ‹ . « Er legte einen Augenblick in unbeschreiblicher Bewegung die Hand auf die Augen , dann entfaltete er das Papier . » An mich adressiert ? An mich ? « rief er erschüttert ... Er trat näher an das Lampenlicht und las den Inhalt mit lauter Stimme . Der Sterbende erklärte gleich zu Beginn , er sei infolge seines geistigen und körperlichen Gebrochenseins der Gefangene seines Bruders und des Geistlichen . Er habe , obgleich in dem Wahne , daß die Indierin treulos sei , dennoch zu ihren gunsten testieren wollen ; allein es sei alles geschehen , ihn zu verhindern ; selbst der Arzt sei bestochen gewesen und habe seine Bitten um eine gerichtliche Kommission stets als einen im Fieberdelirium ausgesprochenen Wunsch ignoriert . In solchen Momenten seien dann alle beflissen gewesen , ihm das Vergehen , die moralische Gesunkenheit der verstoßenen Frau und das Strafbare seiner früheren Beziehungen zu ihr in den schwärzesten Farben hinzustellen , und er , in seiner grenzenlosen Hinfälligkeit und oft bis zum Wahnsinne geängstigt durch Halluzinationen , habe sich gefügt ... Nun aber wisse er , daß man ihn fluchwürdigerweise hintergangen habe . Er wisse , daß ihm ein Sohn geboren sei , dessen Existenz man ihm verschwiegen habe . Er wisse ferner , daß sein Bruder das Weib seines Herzens mit glühender Leidenschaft verfolge und ihr jedes , auch das kleinste Erbteil zu entziehen suche , um die Unglückliche ganz in seine Hand zu bringen ... Unter all den Schurken , die ihn in eiserne Ketten geschnürt , sei nicht einer , der ihm einer mitleidigen Regung fähig schiene ; wohl aber erinnere er sich in diesem Augenblicke namenloser Verlassenheit seines jugendlichen Neffen » mit dem tollen , heißen Kopfe , aber großmütigen Herzen « . Angesichts des nahenden Todes , der ihn stündlich bedrohe , wende er sich an ihn mit seiner letzten Bitte . Er halte es dabei für seine Pflicht , , auszusprechen , daß die Indierin makellos an Ruf und Sitten und nicht , wie man gefabelt , eine Bajadere gewesen sei , als sie sein eigen geworden . Er erkenne ferner den kleinen Gabriel als seinen Sohn an und beschwöre seinen Neffen , die beiden verfolgten unglücklichen Wesen zu schützen und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen , so zwar , daß ihnen der dritte Teil seiner gesamten Hinterlassenschaft ungeschmälert überantwortet und seinem Kinde der Familienname des Vaters