erklimmen . Dann hielt sie an , um sich und das Tier ruhen zu lassen . Da lag sie vor ihr offen die goldne sonnige Welt . Es war ein entzückender Morgen . Leichter feiner Rauch begann allmälig aus den Schornsteinen aufzuwirbeln . Das Himmelsgewölbe war heute so hoch gespannt , daß aller Dunst und Qualm kerzengerade emporsteigen konnte , ohne zur Erde herabgedrückt zu werden . An den Kronen der Nadelgehölze , welche die Gipfel der Berge umkränzten , hingen noch kleine weiße Wölkchen wie Daunen im Haare des Langschläfers . Es war als mühten sich die mächtigen Häupter , sie abzuschütteln , denn sie flogen auf , senkten sich wieder , zogen von einer Stelle zur andern , verkrochen sich zuweilen in das Dickicht , bis sie endlich ganz vor den immer mächtiger werdenden Sonnenstrahlen verschwanden und die dunklen zackigen Konturen des Gebirges sich scharf von dem reinen Horizonte abzeichneten . Wer , der ein Herz im Busen trägt , all diese Schönheit schaut und ihre Wonnen genießt , hebt nicht unwillkürlich den Blick empor , um dem unsichtbaren Geber zu danken , und prüft sein eigenes Innere , ob er auch würdig sei solcher Gnadenfülle ? Aber wie viele unwürdige Augen sehen sie an , ohne sie zu verstehen und sich ihrer zu freuen . Sollte man nicht meinen , an solch einem Morgen müsse die verdorbenste Seele sich reinigen , wie der Vogel beim ersten Sonnenstrahl sein Gefieder putzt , bevor er die Schwingen lüftet , um in den strahlenden Äther aufzufliegen ? Und doch brannte das trübe Feuer der Nacht immer noch fort in der Brust der Gräfin und kein kühler Hauch , kein perlender Tau vermochte seine Glut zu löschen . Dies entweihte Herz vollzog nur noch die beinahe physische Tätigkeit der Begierde und des Hasses . In eine höhere Sphäre vermochte es nicht mehr sich zu erheben . Teilnahmlos betrachtete die schöne Frau die Gegend . Es reizte sie mehr , den Gehorsam des ungeduldig scharrenden , stampfenden Pferdes zu prüfen , als den Anblick der Landschaft zu genießen . In den goldenen Sälen Peterburgs war ihr das Verständnis der Natur abhanden gekommen und in dem Kultus der Sinnlichkeit , den sie trieb , die geistige Wechselwirkung zwischen ihr und Gott ! Sie war so gewöhnt worden , sich selbst für eine Göttin zu halten , daß ihr die Demut verloren ging , die Demut des Geschöpfes vor seinem Schöpfer . Und wenn sie diesen auch nicht leugnete , so war er ihr doch gleichgültig , und wenn sie ihn sogar bisweilen in der Kirche aufsuchte , so tat sie dies doch nur , wie man seines Gleichen einmal der Form halber einen Besuch macht . So stand sie da oben auf dem Hügel , mit Behagen die dufterfüllte Luft in ihre erhitzte Lunge einsaugend , aber mit nicht mehr Interesse an dem lieblichen Bilde , als ihre Hunde zeigten , welche die Schönheit der Gegend auch nach dem Geruche beurteilten und immerwährend mit erhobenen Nasen in die Runde schnupperten , so lange sie bei ihrer Herrin lagerten . Dann und wann ließ sich einer durch die höchst anziehende Witterung eines Wildes hinreißen , aufzuspringen und der verlockenden Spur nachzujagen , aber ein Pfiff aus der silbernen Pfeife seiner Herrin erweckte ihm sogleich das Bewußtsein seiner Pflicht ; tiefbeschämt kehrte er zurück , folgte der Richtung mit sehnsüchtigen Blicken und begnügte sich damit , dem durch das Dickicht raschelnden Hasen nachzuriechen . Hatte wohl seine stolze Gebieterin in ihrem ganzen Leben eine so schwere Entsagung geübt ? Hätte sie über diese Frage nachgedacht , sie wäre schamrot geworden vor dem unvernünftigen Tiere . * * * Es war zehn Uhr , als Ernestine auf ihren Rosenerker hinaustrat und dem Treiben der festlich gekleideten Bauern zusah , die jenseits der Gartenmauern , die Pfeifen im Munde , umher spazierten ; denn es war heute Mariä Himmelfahrt – eine herrliche Gelegenheit , recht viel auf das Wohl der heiligen Mutter zu trinken . Die Leute waren in der frohesten Laune , denn die genossenen „ Frühschoppen “ hatten bereits ihre Wirkung getan . Weiß doch der Bauer den lieben Gott nicht besser zu ehren , als indem er tüchtig von seinen guten Gaben genießt ; er denkt ihm dadurch eine Freude zu bereiten , ähnlich der , welche ein guter Wirt empfindet , wenn es sich die Gäste an seinem Tische recht schmecken lassen . — Ernestine sann lächelnd über diesen profanen und doch auf so kindlich guten Seiten der menschlichen Natur gegründeten Glauben nach . Leuthold war noch nicht von seiner Reise zurückgekehrt und diese Tage der Einsamkeit waren ihr , ohne daß sie sich selbst darüber Rechenschaft gab , die liebsten seit langer Zeit . Sie tat , wenn sie allein , nichts Anderes , als wenn er bei ihr war , — aber sie dachte an Anderes . So sehr hatte dieser Mann ihr ganzes Sein und Wesen umsponnen , daß sie in seiner Gegenwart nichts denken konnte , als was er billigte und wissen durfte . Seit er fort war , ließ sie es sich , wenn das Wort hierher paßt , wohl sein . Sie ließ ihren Geist schweifen , wie und wohin es ihn zog . Sie schämte sich nicht einmal , von der Arbeit aufzuspringen , die Vögel zu füttern und eine Stunde am Fenster oder im Garten zu verträumen . Auch machte sie auf eigene Hand wissenschaftliche Versuche , mit deren Resultat , wenn sie glückten , sie ihren Oheim bei der Rückkehr überraschen wollte . Aber das war nicht der einzige Vorteil seiner Abwesenheit : Sie konnte in das Schulhaus zu den guten alten Lehrersleuten gehen , sie konnte — einen Besuch empfangen ! Ein Besuch , von dem der Onkel nichts wußte — war das recht ? O ja , es war recht , es war zu heilig , als daß sein kalter Hohn es ihr entweihen durfte . Warum war er so kalt , so trocken und streng , daß sie ihm jedes Gefühl verbergen mußte ? Hätte sie es ihm entdeckt , es wäre ihr gewesen , wie wenn sie ihre Rosen freiwillig dem Erfrieren in Schnee und Eis preisgäbe . Sie wußte noch recht gut , wie sehr sie einstmals bereute , den Namen Gottes vor ihm ausgesprochen zu haben . Er hatte ihr damals ihren Gott genommen — er würde ihr jetzt ihren Freund nehmen , den ersten , einzigen , den sie gefunden ! Es war ein reines ernstes Geheimnis , das sie da vor ihm im Herzen trug , so rein und ernst wie das , was sie mit dem gestirnten Himmel gemeinsam hatte , wenn sie allein in der Nacht auf die Sternwarte stieg . Indessen war die Tür geöffnet worden , ohne das sie es gewahrte , und die Äolsharfe erklang in dem Zugwind , der dadurch entstand . Die Vögel , die sich wie immer bettelnd um sie geschart , flogen zwitschernd auf , als plötzlich eine fremde Gestalt erschien und eine weiche , tiefe Stimme fragte : „ Nun , wie geht ’ s ? “ Ernestine schreckte zusammen wie vom Blitz getroffen . Sie wandte sich um und blickte den Fremden an , tief errötend , aber mit unverkennbarer Freude . „ Warum erschrecken Sie vor mir ? “ fragte er . „ Ich weiß es nicht . Sie traten so plötzlich ein , ich sah Sie doch nicht auf der Landstraße kommen ? “ „ Ich schlug einen Seitenpfad ein , der mich im Schatten hierher führte . Ich machte den Weg zu Fuße . “ „ O , Sie werden müde sein ? ! “ sagte Ernestine und trat mit ihm in das Zimmer . „ Setzen Sie sich ! “ „ Mein liebes Fräulein , zuerst geben Sie mir eine Hand – so ! Und nun sagen Sie mir , ob Sie keinen Groll mehr gegen mich auf dem Herzen haben ? “ „ Nein , mein Herr – Doktor ! Darf ich Sie Doktor nennen ? Man muß doch für Alles einen Namen haben , – warum soll nur ich Ihnen keinen geben ? “ sie lächelte . Zum ersten Male sah er sie lächeln und er konnte das Entzücken darüber kaum verbergen . „ Nun denn , wenn es Ihnen so schwer wird , mich nicht bei Namen zu nennen , so taufen Sie mich selbst . Es gibt ja eine Menge von Ehrentiteln , welche Freundschaft und Wohlwollen erfunden haben . Bin ich noch keines derselben vor Ihren strengen Augen würdig ? “ „ Doch , doch — es gibt keinen Ehrentitel , der Ihnen nicht gebührte , Sie sind so gut — so — o ja , ich weiß jetzt , wie ich Sie nenne ! “ „ Nun ? Ich bin begierig ! “ „ Mein guter Herr ! Darf ich so sage ? “ „ O mein gutes — gutes Fräulein , das tut unaussprechlich wohl ! “ Ernestine lächelte wieder . Eine leichte Röte überflog ihr Gesicht . Johannes betrachtete sie . „ Wissen Sie denn , daß ich Sie heute viel heiterer finde als neulich ? “ „ Das ist Ihr Verdienst , mein guter Herr ! “ „ Wirklich ? Trotz meiner bittern Arzneien ? “ „ Ja , sie schmeckten schlecht , aber die gute Wirkung kam nach . “ „ Also fühlten Sie die Wahrheit in dem , was ich sprach ? “ Sie wurde wieder ernst . „ Nein , das nicht . Allein ich erkannte ein edles , großes Herz darin und die Bewunderung für dasselbe überwand die Kränkung ; die Freude , seine Teilnahme gewonnen zu haben , besiegte den Schmerz , von ihm verkannt zu sein . “ „ Das ist mehr , als ich nach einer so kurzen Bekanntschaft von Ihnen fordern kann . Wären Sie minder groß , als Sie sind , so würden Sie mich hassen , denn ich habe Ihre Eitelkeit auf das Tiefste verletzt — und , um ganz offen zu sein , — ich gedenke dies auch ferner zu tun ! “ „ Eine schlimme Aussicht , doch — ich will standhaft sein . Sprechen Sie mir auch die Stärke des Mannes ab , so sollen Sie mich wenigstens nicht den Schwächen der Frauen unterworfen finden , zu deren verächtlichsten ich die Eitelkeit zähle . “ Johannes lächelte . „ Und dennoch sind Sie nicht frei von diesem Fehler . Sie werden meine Beleidigungen Ihres Stolzes nur deshalb ertragen , weil Sie die Eitelheit haben , dadurch zu zeigen , daß Sie nicht eitel sind ! “ Ernestine senkte die Wimpern . „ Sie sind ein scharfer Diagnostiker “ , sagte sie nicht ohne Bitterkeit . „ Ich bin nur ein ehrlicher Mann . Sehen Sie , mein liebes Fräulein , ich weiß , seit Sie mich heute so freundlich begrüßten , daß es mir ein Leichtes wäre , Ihr Vertrauen und Wohlwollen zu gewinnen , wenn ich ein klein wenig Schonung für Ihre Schwächen hätte . Ich gestehe Ihnen aber offen , daß ein so billig erkauftes Wohlwollen mir nicht genügt . Tändeleien , Scherze können auf einer Täuschung beruhen , denn sie währen nicht länger , als diese selbst . Das Gefühl aber , das ich für Sie hege und das ich in Ihnen für mich erwecken möchte , kann , darf nur auf der Wahrheit beruhen , darf nur aus dem innersten eigentlichen Kern unseres Wesens hervorgehen , und stimmt diese nicht überein — so ist ein innigeres Verhältnis unter uns unmöglich und ein oberflächliches wäre zwischen Menschen , wie wir sind , eine Sünde . Wenn ich daher mit eiserner Hand den verborgensten Grund Ihrer Seele aufwühle , wenn ich Ihrer Eitelkeit Beleidigungen zufüge , die selbst die Eitelkeit , sich groß und selbstverleugnend zu zeigen , nicht mehr ertragen hilft — so erfülle ich damit nur eine heilige Pflicht der Wahrheit gegen uns Beide , deren Versäumnis sich in der Zukunft schwer an uns rächen würde . “ Ernestine sah ihn fragend an . Sie verstand ihn nicht . „ Sie sind befremdet und wissen meine Worte nicht zu deuten “ , fuhr er fort . „ Sie können nicht ahnen , wie weit meine Phantasie bereits der Wirklichkeit vorausgeeilt ist . Aber Sie werden wohl schon jetzt fühlen , daß ich kein Mann bin , der zum Zeitvertreib den Schöngeist spielt , eine Genugtuung darin findet , die eigene Kraft mit Vorteil an der einer Frau zu messen , und dem es Genuß gewährt , sich selbst reden zu hören . Bevor ich mich einem Weibe nähere , muß ich mir klar sein über das , was es mir , über das , was ich ihm sein kann . — Sie , mein Fräulein , können mir nicht viel und nicht wenig , Sie können mir Alles werden — oder nichts . Unser beider Wesen strebt zu sehr nach Vertiefung , als daß wir an einander vorübergehen könnten , freundlich , wohlmeinend — aber ohne Wärme , wie ephemere Erscheinungen der Gesellschaft . Wir sind bereits mit Verleugnung jeder Umgangsform zu einer Intimität gelangt , wo nur der Charakter dem Charakter gegenüber steht , — wo ein höherer Zweck des Verkehrs vorhanden sein muß , als der der Unterhaltung . Sonst wäre ich nichts weiter als ein Grobian , und Ihnen müßte man es zum Vorwurf machen , daß Sie mich um sich duldeten ! Meine Schonungslosigkeit gegen Sie bedarf der Rechtfertigung einer ernsten persönlichen Teilnahme ; weil ich dies fühle , bekenne ich Ihnen dieselbe . Mehr will ich für jetzt nicht sagen ; denn alles Weitere ruht in der Entwicklung unseres Verhältnisses , in der zu- oder abnehmenden Übereinstimmung unserer Lebensansichten . “ Ernestine schwieg . Sie ahnte etwas von der Bedeutung , welche sie für diesen starken ehrenhaften Charakter und welche er für sie gewinnen konnte . Aber es war nicht das süße Gefühl , das die erste Annäherung eines liebenden Herzens in jeder , auch der kältesten Frau erweckt , es ergriff sie vielmehr eine tiefe Beklommenheit . Sein entschiedenes Auftreten hatte ihr die unerschütterliche Überzeugung gegeben , daß er sich nimmermehr nach ihr , — daß sie sich nach ihm umgestalten müsse und daß die Umgestaltung des Einen oder Andern von ihnen unabweislich notwendig sei , wenn sie ihn nicht verlieren sollte , den sie schon jetzt so wert hielt . Sie war nicht gewöhnt , Opfer zu bringen , denn ihr schlauer Oheim hatte sie nach seinen Plänen erzogen und ihre Neigungen so entwickelt , daß sie seinen Wünschen entsprachen und sie stets in dem Glauben war , ihr Wille geschähe , wenn der seine geschah . Sie fühlte sich hier an einem Wendepunkt ihres Lebens , einem Willen gegenüber stehen , dem sie schwere Opfer bringen mußte und den sie als etwas Feindliches empfand , ja sogar fürchtete , weil er auf Überlegenheit begründet war . Johannes wartete auf eine Antwort , sie erfolgte nicht . Er sah , was in Ernestinen vorging und daß seine Worte sie erkältet hatten , so warm sie gemeint waren . Er fand auch das natürlich und zürnte ihr nicht darum . Er nahm ihre Hand und schaute ihr freundlich in die Augen . „ Nicht wahr , nun bin ich schon nicht mehr Ihr guter Herr ? “ Ernestine fühlte das innige Wohlwollen , das seinem Tone entströmte , fühlte den leisen Druck seiner weichen warmen Hand und unwillkürlich reichte sie ihm auch die andere nicht ergriffene dar und sagte fast bittend : „ Nein , Sie werden nicht hart sein , Sie werden mir nicht wehr tun ! “ Er stand schweigend , las in ihrem ernsten , vertrauenden Blick , hielt ihre beiden zarten , schmalen Hände in den seinen und empfand ein unaussprechliches Glück . „ Mein Wort darauf , ich werde Ihnen nicht mehr Schmerz bereiten , als mir selbst “ , sagte er milde . „ Aber das Glück , das wir uns gewähren können , müssen wir teuer erkaufen . Wir gehören nicht zu den harmlosen Seelen , die auf Treue und Glauben hinnehmen , was der Augenblick ihnen in den Schoß wirft . Menschen wie wir stellen dem Himmel Bedingungen , nehmen seine Gaben erst an , wenn sie dieselben geprüft ! Denn uns taugt nicht jedes Glück , was Andere so nennen würden , uns erfreut nicht , was Tausende erfreuen würde . Das ist der Fluch ungewöhnlicher Naturen , daß sie mit ihren Fähigkeiten einen Maßstab entwickelt haben , dem das Gewöhnliche nicht mehr genügt — und wie viele Auserlesene gibt es , welchen die Vorsehung ein ungewöhnliches Glück zu Teil werden läßt ? “ Ernestine lächelte bitter bei Johannes ’ letzten Worten . „ Die Vorseheung ! “ murmelte sie . „ Unsere Vorsehung sind wir . Wir machen uns unser Schicksal , unser Glück und unser Elend , wir tragen die Bedingungen dazu in uns selbst ! “ „ Eben weil wir diesen verhängnisvollen Vorzug vor so Vielen besitzen , eben weil wir innerlich freier , bewußter sind als tausend Andere , deshalb lastet auch die Verantwortung für uns und die , welche wir in unsere Lebenskreise ziehen , schwer auf uns . Es gibt Naturen , die ewig unglücklich sind , weil sie Anforderungen an das Leben stellen , welche dieses nicht erfüllt , und das geringschätzen , was es ihnen bietet , was sie in Aller Augen beneidenswert erscheinen läßt . ‚ Die sind selbst Schuld an ihrem Unglück , Niemand tut ihnen etwas zu Leide , es fehlt ihnen an nichts , warum sind sie so ungenügsam ‘ — heißt es dann . Das eben ist falsch . Sie sind nicht ungenügsam , sie würden vielleicht mit einem weit bescheideneren Los zufrieden sein ; was können sie dafür , daß die Vorbedingungen ihrer innersten Natur der Art sind , daß sie eben etwas Anderes bedürfen , als ihnen vom Schicksal gewährt wird ? Was nützt dem Dürstenden in der Wüste , der nach einem Tropfen Wasser lechzt , ein Sack voll Perlen ? Er gäbe ihn gerne hin , wenn er sich dafür das Ersehnte erkaufen könnte . Wer wird ihm sagen : Du hast einen kostbaren Schatz , warum bist Du nicht zufrieden ? Wer wird ihm einen Vorwurf daraus machen , daß er ein Mensch von Fleisch und Blut ist , der trinken muß , wenn er leben will ? Höchstens kann man ihm sagen : wenn Du weißt , daß Du Wasser nicht entbehren kannst , warum gehst Du in die Wüste ? Das ist der Punkt , wo uns eine Ver ­ antwortung trifft . Wenn wir uns der Bedingungen unseres Seins bewußt sind , so können und sollen wir ermessen , ob das , was wir ergreifen , denselben ent ­ spricht , vorausgesetzt , daß uns die Vorsehung das Recht der freien Selbstbestimmung in die Hände legte . Tat sie das und wir wählen falsch , so ist es unsere Schuld , wenn wir elend werden ! Ein ungewöhnliches Glück nenne ich es daher , wenn uns die Vorsehung gestattet , das unserm Wesen völlig Entsprechende zu ergreifen . Gestattet sie uns das nicht , so ist auch der innerlich freiste Mensch nicht verantwortlich für sein Schicksal , er leidet und duldet unter dem Banne einer höheren Macht ! “ Ernestine lauschte ihm mit unverhehlter Bewunderung . Er sah es und fuhr fort : „ Wir , mein Fräulein , stehen uns einander frei gegenüber , deshalb sind wir uns einander verantwort ­ lich , deshalb müssen wir die Augen offen halten . Die gütige Gottheit , das fühlen Sie gewiß mit mir , hat uns einander zugeführt , aber die Entscheidung über das , was wir uns sein wollen , in unsere Hände ge ­ legt : zeigen wir uns dieses Vertrauens würdig , prüfen wir uns ! Es ist ein großer Augenblick , in dem zwei Menschen sich gegenseitig als ihr verkörpertes Schick ­ sal erkennen . Ich sehe es Ihnen an , Sie empfinden ihn gleich mir . — Doch nicht in Herzensergüssen , nicht in Überschwänglichkeiten , nur in ernster Fassung , in ruhiger Klarheit will er gefeiert sein ! “ Er ergriff ihre Hand und sah sie lange und fest an . Sie stand still und ergeben vor ihm . Ein schöner Frieden strömte von seiner hohen Stirn auf sie nieder . Und wieder trat jenes inhaltsreiche Schweigen ein , wie es Menschen lieben , die mehr auf dem Herzen haben , als sie sagen wollen oder dürfen . Da öffnete die Willmers leise die Tür . „ Es ist eine Dame draußen , die Sie zu sprechen wünscht , Fräulein . “ „ Mich ? “ fragte Ernestine , unangenehm überrascht . „ Wer ist es denn ? “ „ Sie will sich nicht nennen und nicht abweisen lassen . Sie meinte , wenn das Fräulein jetzt keine Zeit habe , so käme es ihr nicht darauf an , zu warten . “ „ Sagten Sie ihr , daß ich Besuch habe ? “ „ Nein , man kann ja nicht wissen , ob es der Herr Oheim “ , — sie warf einen verlegenen Blick auf Johannes — „ nicht durch die Dame erführe ! “ Ernestine sah betroffen vor sich nieder . „ Das ist wahr , — wenn der Zufall wollte , — o , was ist da zu tun ? Welche Verlegenheit ! “ „ Ich dachte , wenn sich der Herr von mir durch das Laboratorium und die Hintertreppe hinabführen ließe ? “ schlug die Willmers ängstlich bittend vor . „ Soll ich das ? “ frug Johannes nicht ohne einen Anflug von Unwillen . Ernestine sah mit Besorgnis die Willmers an . „ Tun Sie es “ , bat sie , — „ nur aus Schonung für die arme Frau , die des Oheims ganzer Zorn träfe , würde es ihm verraten , daß sie unser Zusammensein unterstützte . “ „ Ich muß mich Ihren Wünschen fügen , aber nur für heute noch “ , sagte er ruhig und reichte ihr die Hand : „ Wann darf ich wieder kommen ? “ „ Nächsten Sonnabend , nicht wahr ? “ Johannes wußte wohl , wehalb sie gerade diesen Tag bezeichnete , aber er schwieg und folgte der voraneilenden Willmers . Unter der Tür sah er sich noch einmal nach Ernestinen um , sie las eine Verstimmung in seinen Zügen und eilte ihm nach . „ Bitte , zürnen Sie mir nicht , mein guter Herr ! “ Johannes ward durch diese Innigkeit des sonst so starren Wesens tief gerührt . Er zog ihre Hand an seine Lippen und flüsterte weich : „ Nie , niemals werde ich Ihnen zürnen . Gott behüte Sie ! “ Die Tür schloß sich hinter ihm und Ernestine , noch tief bewegt von Allem , was sie erlebt , halb wachend , halb träumend , ging nach dem Vorzimmer , um die dort harrende Fremde einzulassen . Die Worronska stand vor ihr in ihrer ganzen Pracht . Ernestine hatte in ihrem Leben noch keine so außerordentliche Erscheinung gesehen . Sie war förmlich geblendet . Das braune junoische Auge der gewaltigen Frau ruhte mit einem Ausdruck gehässiger Neugierde auf ihr , die schwarzen Brauen waren finster zusammengezogen ; es lag etwas so Hartes , Übermütiges in ihrem ganzen Wesen , daß Ernestine im Innersten davon verletzt war , bevor sie ein Wort gesprochen . Die Art , mit welcher diese Frau sie vom Scheitel bis zur Zehe maß , rief eine Erinnerung an die Pein in ihr wach , welche ihr einst die Blicke jener vornehmen Damen bei der Staatsrätin bereiteten . Eine Sekunde lang wollte sie jenes Gefühl der Schüchternheit und Verlegenheit von damals wieder beschleichen , sie fühlte sich selbst wieder verschwinden und verblassen gegenüber dieser hochfahrenden glänzenden Persönlichkeit , aber sie war jetzt das Kind nicht mehr , das kein Be ­ wußtsein besaß , als das seiner Mängel , und in der nächsten Sekunde schon erhob der Stolz auf ihren inneren Wert sein kampfgerüstetes Haupt . Sie wußte , daß sie eine Feindin vor sich habe , aber sie fühlte sich geistig jedem Gegner gewachsen . — Wer war diese Frau , daß sie sich berechtigt glaubte , so auf sie herab ­ sehen zu dürfen ? Worauf pochte sie so — auf Schön ­ heit , Rang , Reichtum ? Wußte sie so viel wie Ernestine , hatte sie eine preisgekrönte Schrift geschrieben , und was das Höchste war — sich einen Freund ge ­ wonnen , wie den , welchen Ernestine jetzt besaß ? Nein — nein , sicher nicht , — Ernestine war ihr ebenbürtig , mochte sie sein , wer sie wollte . — „ Treten Sie ein ! “ sagte Ernestine mit eisiger Ruhe und einer Würde , von welcher die Gräfin im höchsten Grade betroffen wurde . Ernestine ließ sie voranschreiten und bot ihr mit einer leichten Hand ­ bewegung den Platz auf dem runden Sofa , das in einer Nische stand . Sie selbst setzte sich ihr gegenüber . Ihre feinen Lippen waren fest geschlossen , keine jener konventionellen Grimassen , die man unwillkürlich beim Empfang eines Besuches schneidet , verzog die reinen Linien ihres ernsten Gesichts . Sie erwartete unbeweg ­ lich die Anrede der Fremden ; sie war zu wenig ge ­ übt in den Formen des Verkehrs , um sich zu entschuldigen , daß sie jene so lange im Vorzimmer hatte harren lassen . Die Gräfin sah endlich ein , daß sie zuerst sprechen müsse . Sie fühlte auch , daß dieser Per ­ sönlichkeit gegenüber ihr ganzes Auftreten ein verfehl ­ tes war , das machte sie unsicher , ja zum erstenmal in ihrem Leben befangen . Jetzt hatte sich das Blatt gewendet und bereits war der stumme Kampf zu Gunsten Ernestinens entschieden . Es war der Sieg ihres edlen Selbstbewußtseins über die frivole Aufgeblasenheit einer eifersüchtigen Kokette . Die Worronska war aus der Rolle gefallen , bevor sie dieselbe zu spielen begonnen . Sie hatte Möllners Stimme und seine heimliche Entfernung gehört . Das Verhältnis mußte also schon weiter gediehen sein , als sie es geglaubt . Der Zorn hatte sie übermannt und sie eine feindliche Miene zeigen lassen , wo sie ge ­ kommen war , um zu gewinnen und wenn möglich zu verführen . — Dieser Fehler mußte gut gemacht wer ­ den um jeden Preis . Sie reichte Ernestinen die Hand und sagte in ihrem melodischen Russisch-Deutsch : „ Ich bin die Gräfin Worronska . “ Ernestine neigte leicht den Kopf , der Ausdruck ihres Gesichtes wurde noch kälter und abweisender als zuvor . „ Und was können Sie bei mir suchen , Frau Gräfin ? “ „ Was ? Ei , das ist schnell gesagt : Unterhaltung , Belehrung , Anregung — kurz Alles , was eine so auserwählte Gesinnungsgenossin , wie Sie , gewähren kann ! “ Ernestine schob sich kaum merklich von ihr zurück . „ Eine Gesinnungsgenossin ? “ frug sie befremdet . „ Nun gewiß ! Wir kämpfen Beide für die Emanzipation . Nur jede in einer andern Art. Unser Zweck ist indessen der gleiche . Wir streben Beide der großen Vorkämpferin für Frauenrechte , jener geistvollen Louise A .... 56 nach , mit welcher ich eng befreundet bin . Wie schön wäre es , wenn Sie in unserem Bunde die Dritte sein wollten , wir könnten dann vereint wir ­ ken . Ich durch die Tat , Louise durch die Tages ­ literatur und Sie durch Ihre Bücher . “ Ernestine hatte die Gräfin mit derselben unbeweg ­ lichen Miene angehört wie zuvor . Als sie geendet , schwieg sie einen Augenblick , sie suchte eine geziemende Form für das , was sie ihr sagen wollte . Die Gräfin hing mit Spannung an ihren Zügen . Endlich war Ernestinens Ideenfolge zum Schluß gekommen und diesen sprach sie aus : „ Frau Gräfin , — ich muß Ihr Anerbieten ablehnen . Denn ich bin entschlossen , mei ­ nen Weg allein zu gehen . “ Die Worronska biß sich auf die Lippen . „ Wirk ­ lich ? Sie fürchten , Ihre Lorbeeren theilen zu müssen ? “ „ Das nicht “ , erwiderte Ernestine ruhig . „ Ich fürchte die Lorbeeren einer Louise A .... teilen zu müssen . “ „ O — hielten Sie das für eine Schande ? “ „ Ja ! “ — Eine Pause entstand . Die Gräfin maß Ernestinen mit einem vernichtenden Blick , dem diese nichts als Kälte entgegensetzte . Wieder kochte der wilde Zorn in der schönen Frau auf , doch sie bezwang sich , denn sie wollte durchaus ihren Zweck erreichen und fühlte , wie sehr sie vor diesem Mädchen auf der Hut sein mußte . „ Sie sind aufrichtig , das muß man sagen “ , be ­ gann sie . „ Doch auch das gefällt mir , — es ist originell ! “ „ Es ist schlimm , wenn Wahrhaftigkeit in Ihren Kreisen etwas so seltenes ist , daß Sie ihr das Prädikat originell erteilen ! “ „ Sie sind hart , mein Fräulein . Sie müßten unsere Kreise kennen , dann würden Sie nachsichtiger mit unseren Schwächen sein . Was ist es im Grunde so Schlimmes ? Die Verfeinerung unseres Geschmacks bringt das mit sich . Wir polstern die Stühle , auf denen wir ruhen , wir glätten das rohe Holz unserer Möbel durch die Politur , wir bekleiden die nackten Wände unserer Gemächer mit Tapeten — wir ver ­ zehren unsere Nahrung nicht roh wie die Kosaken , die sich ihren Braten mürbe reiten , sondern künstlich gekocht , wie es unserem Gaumen frommt , — warum sollen wir uns nun geistig mit Klötzen und Dornen umgeben , an denen wir uns stoßen und ritzen , warum