und sie reiste niedergeschlagen wieder nach Dresden , um in der Arbeit , in der Kunst , ihr Leid zu vergessen . Mit dem Doktor hatte sie das Abkommen getroffen , von ihm wöchentlich über das Befinden der Mutter unterrichtet zu werden , und daß er gern an sie schrieb , dafür sprachen die herzlichen und doch respektvollen Briefe , in denen zwischen jeder Zeile die Versicherung zu lesen war , daß er sie nie vergessen werde trotz allem und allem . Geheiratet hatte er noch nicht , aber Aenne hoffte , daß er die kleine blonde Cousine , die jetzt Tochterstelle bei der Frau Rat vertrat und die ihn heimlich mit aller Inbrunst einer ersten Liebe im Herzen trug , doch noch heimführen werde . „ Zureden darf man freilich nicht , “ hatte Aenne zu Tante Emilie gesagt , „ ich habe es erfahren , was daraus entstehen kann . Laß nur , er kommt von selber zu dem Entschluß ! “ „ Er wartet ja doch noch immer auf dich , “ pflegte dann die alte Dame zu erwidern , „ armer Mensch ! “ Aenne wußte ja zur Genüge , was Warten heißt , Warten in Qual und Ungewißheit , ohne jede Nachricht , ohne Lebenszeichen von dem , auf den man wartet . Sie selbst wollte es so , sie hatte mit einem einzigen Wort eine Annäherung des geliebten Mannes abgelehnt , hatte den Mut gehabt , mit scharfem Messer in seine kranke Seele zu schneiden , damit sie gesunde . „ Ich kann mich nicht an Sie binden , Herr von Kerkow , ich bin selbst schwach und bedarf eines starken Armes , auf den ich mich stützen möchte . Es würde ein trostloses Wandern sein , wollte ich mich jetzt an Sie hängen . Aber , wenn Sie einst wiederkommen wollen als ein Mann der Arbeit , der auf eigenen Füßen steht , in welcher Stellung es auch sei , dann will ich Ihnen folgen . – Bis dahin leben Sie wohl ! “ Und ohne ein Wort der Erwiderung hatte er sich daraufhin trotzig abgewandt . Sie begriff heute nicht mehr , wie sie damals so sprechen konnte , so klar , so kalt und entschieden . Sie wußte , es war ein va-banque-Spiel – alles oder nichts ! – der letzte Versuch , den Mann aufzurütteln aus seiner Apathie . Ob es gelingen würde ? Wer konnte das wissen ! Es war gut , daß sie mit Arbeit förmlich überhäuft wurde , denn in jeder müßigen Stunde trat sein Bild vor ihre Augen , das Bild , wie er am Bette des toten Kindes die Arme nach ihr ausstreckte . „ Wenn du mich zwingst , zu leben , so bleibe bei mir , Aenne ! “ Da , da hatte sie jene Worte gesprochen . Sie wußte jetzt nur , daß er seinen Dienst aufgegeben hatte und hinausgezogen war in das Leben . Wohin ? Keine Kunde war ihr gekommen , aber tief in ihrem Herzen , da lebte die Hoffnung . Und wunderbar , je längere Zeit verging , um so größer und leuchtender wuchsen ihr die Schwingen , um so seltener kamen die Stunden des Zweifels , um so bestimmter erwartete sie sein Kommen . Ein glänzendes Bühnenengagement hatte sie wiederum abgewiesen , in dem sicheren Gefühl , Heinz würde sie nicht gern auf den Brettern sehen . Es begriff sie niemand , sie gab sich auch keine Mühe , ihren Entschluß zu erklären Sie unterrichtete , sie sang in Konzerten und Kirchen , immer von neuem alles begeisternd mit ihrer herrlichen Stimme , ihrer anmutigen Erscheinung . Sie war schlanker geworden und bleicher sie lebte ja auch gar so wunderlich dahin mit der alten Tante droben im vierten Stock erzählten sich die Menschen . Besuche nahm sie nie an , und was sie nur zu erübrigen vermochte , schleppte sie auf die Sparkasse , sie war nahe daran , zu den Geizhälsen von Profession gezählt zu werden . Aber sie ließ sich gar nicht beirren , und wenn sie in ihrer einfachen weißen Seidenrobe auf dem Podium stand etwas anderes als weiße Seide trug sie nie – so jubelte ihr alles zu und bestürmte sie um eine „ Zugabe “ , und Aenne bewies , daß sie nicht geizig sei , sie sang drei , vier Lieder über das Programm hinaus . Von dem Innenleben des Mädchens wußte aber auch Tante Emilie nichts . Sie glaubte , Aenne lebe nur ihrer Kunst und habe den unseligen Liebestraum mit dem ehemaligen Schloßhauptmann von Kerkow längst vergessen . Daß sich das Mädchen noch verheiraten werde , glaubte sie nicht . Warum sollte sie auch ? Es war so behaglich hier , Aenne schien so glücklich in ihrem Beruf , und die kleine Häuslichkeit hielt sie , die Tante Emilie , so blitzblank und sauber – ihretwegen konnte es so fortgehen ohne Ende . Nur heute , heute war sie in Unruhe , denn der Brief des Doktors trug den Poststempel Berlin , eine schier unglaubliche Thatsache . Das Paketchen kümmerte die alte Dame nicht , jedenfalls ’ mal wieder das Autographenalbum eines Backfischs . Endlich wurde draußen die Korridorthür geöffnet und im nächsten Augenblick trat Aenne in das Zimmer , ein bißchen müde und abgespannt zwar , aber doch das alte liebe Lächeln um den Mund . „ Guten Abend , Tantchen ! Wie früh es jetzt schon dunkel wird , und ist erst Ende September ! “ sagte sie . Und ein Päckchen Noten auf den dazu bestimmten Schrank legend , setzte sie hinzu : „ Ist Nachricht da von Breitenfels ? “ „ Dort liegt der Brief vom Doktor , Kind , wundere dich nicht , er ist aus Berlin – was in aller Welt will der in Berlin ? Aenne machte verwunderte Augen , setzte sich aber erst recht behaglich in den Lehnstuhl am Fenster , vor welchem die Blumen der alten Dame im frischen Herbstwinde nickten , und nahm die Tasse Thee , die jene ihr brachte . „ Ach , siehst du , “ sagte sie herzlich , die runzlige Hand streichelnd , „ das ist die schönste Stunde des Tages , so wohlig und traulich , und heute brauche ich nicht ’ mal wieder fortzugehen , Tantchen , denn die Konzertprobe im Gewerbhaussaal fällt aus , ich darf nach Herzenslust faulenzen . Aber nun zeig ’ ’ mal den Brief von unserm Freund her – wahrhaftig , aus Berlin ! Und das Paket ? Ach , was wird in dem Paket sein – natürlich ein Album , in dem ich mich verewigen soll ! Uebrigens , Tantchen , denke dir , Fräulein Hochleitner hat sich in New York verheiratet , mir erzählte es eben eine frühere Schülerin von ihr . Nun aber , was will der Herr Doktor ? Dann las sie den Brief still für sich . „ Meine liebe , sehr verehrte Freundin ! Wie kommt denn der nach Berlin ? werden Sie sagen , wenn Sie droben in der Ecke den Namen der Reichshauptstadt lesen . Ja , das raten Sie nur ’ mal ! Des Landes bin ich nicht verwiesen , auf die Brautfahrt habe ich mich auch nicht begeben , denn das bekannte Citat : ’ Willst du immer weiter schweifen ... ? ’ scheint ganz extra für mich erfunden zu sein . Ich könnte Ihnen nun vorlügen , daß der Kaiser mich zu allerhöchst seinem Leibarzt ernannt habe , oder daß ich von einem hiesigen Millionenonkel als Reisedoktor engagiert worden bin , fürchte aber , Fräulein Aennes klare Augen würden finster blicken , und sie sagte dann zu sich selbst , Er kann doch die Faxen nicht lassen , Gott weiß , was dahinter steckt ! ’ Drum also heraus mit der Wahrheit , das heißt – erst zur Hauptsache ! Mein Rapport über das Befinden Ihrer Frau Mutter war bereits vorgestern fällig , mich hielten indes allerlei Reisevorbereitungen vom Schreiben ab , und außerdem nahm [ 338 ] Frau Rat ein so eminentes Interesse an meiner Ausfahrt , daß sie mir faktisch die Zeit nicht gönnte , an Sie , Fräulein Aenne , zu schreiben . Und nun zu des Pudels Kern ! Ihre Frau Mutter befindet sich gut , und es sollte mich nicht wundern , wenn sie eines Tages urplötzlich in leibhaftiger Person in dem Stübchen meiner lieben Freundin erschiene , um – – Ja , nun werden Sie ungläubig lächeln . Aber sehen Sie , Fräulein Aenne , Ihre verehrte Frau Mutter glaubt mir ganz einfach nicht , daß ich nach Berlin reise . Sie denkt – das geht aus ihrem ganzen Benehmen hervor – sie denkt : Gelt , der Doktor reist nach Dresden und holt sich die Braut , als welche Sie gemeint sind . Diese fixe Idee ist chronisch bei ihr , und nichts dagegen zu thun . Ich vermute , sie ist mit allerhand Schlichen hinter unsern harmlosen Briefwechsel gekommen , und ihre Kombinationen gelten ihr als Thatsachen . Ja , Fräulein Aenne , es ist zum Lachen , wenn ich aber mitlachen soll , so kann ich ’ s nicht hindern , daß ich dabei eine Grimasse schneide , wie die Kinder es thun , die das Weinen unterdrücken wollen . Jedenfalls wissen wir beide , daß Mutter May sich irrt , ich darf wohl sagen – leider irrt , aber eines anderen zu überzeugen war sie partout nicht . Sie ließ sich ganz genau von mir beschreiben , wie man es macht , um nach Dresden zu gelangen , und ich wette , die eilige Citation der Schneiderin hing mit diesem ihrem Phantasiegespinst aufs engste zusammen . Also halten Sie sich bereit , einen abermaligen Sturm der Enttäuschung à conto meiner Reise über sich hinbrausen zu lassen . Ich bin unschuldig diesmal ; ich bin nach Berlin gereist , um in der Charite eine neue , höchst interessante Heilmethode der Diphtherie kennenzulernen und zugleich mir das neue Krankenheim eines Kollegen in Charlottenburg anzusehen , nach dessen Muster ich das meinige in Breitenfels bauen will . Ja , Fräulein Aenne , ich habe die Idee der Anlage einer Kinderheilanstalt ausgegeben , um mich der Nervenheilkunde zuzuwenden , und eine Klinik für Nervenkranke soll es werden . Steht dieses Haus , dann führe ich auch die Braut heim . Ihnen will ich es anvertrauen – sie ist ein vernünftiges , gutes , kleines Mädchen , ist Ihre Cousine , und was dann ja doch die Hauptsache , sie will mich , so verwunderlich es auch bleibt ! Wir beabsichtigen keine lange Verlobung , schon deshalb , um nicht Ihre Frau Mutter zu irritieren und um das Gerede der Leute zu vermeiden , die sich die geehrten Mäuler zerreden würden über das Brautpaar unter einem Dach . Zu Ostern mag dann die Bombe platzen , das heißt , mögen die Verlobungsanzeigen in die Welt gehen , dann am nächsten Sonntag die Verkündigung von der Kanzel , drei Wochen später die Hochzeit ! Aber seien Sie nicht böse , Sie lade ich nicht ein , Aenne ! Nun aber habe ich ordentlich gebeichtet , liebe Freundin . Leben Sie wohl ! Mein Weg fuhrt mich zwar an Dresdens Nähe vorbei , aber – ich habe wenig Zeit übrig , und dann , nun den anderen Grund kennen Sie – das Herz thut mir immer noch ein wenig weh in Ihrer Nähe . Leben Sie wohl ! Ich wünsche , ich hörte einmal von Ihnen , daß Sie glücklich geworden sind – Sie wissen , was ich meine . Immer Ihr treu ergebener Dr. Lehmann . Die alte Dame hatte , während Aenne las , Hut und Mantel angelegt , ein Körbchen an den Arm genommen und wartete nur noch auf Mitteilung über den Inhalt des Schreibens , bevor sie ging , für den morgenden Tag einzukaufen . Aenne sah sie freundlich an . „ Mutter ist wohlauf , “ sagte sie , „ und er ist studienhalber auf ein paar Tage nach Berlin gereist . „ Kommt er nicht ’ mal hierher ? “ fragte Tante Emilie . „ Nein , Tante , er hat keine Zeit . Willst du jetzt gehen ? Ich hätte dich gern begleitet , aber ich bin ein wenig müde , und wenn auch die Probe ausfällt , durchsingen möchte ich meine Partie doch noch einmal . „ Nun , dann auf Wiedersehen “ nickte die alte Frau . Damit trippelte sie hinaus , und nun war Aenne allein . Sie hielt den Brief des jungen Arztes noch in der Hand , aber ihr Kopf ruhte an dem Polster des hohen altmodische Lehnstuhles , und ihr Blick schweifte über Dächer und Baumgipfel fort bis zu den fernen Höhenzügen , die im Duft des sinkenden Abends verschwammen Sie seufzte und schüttelte unmerklich den Kopf , seit ein paar Tagen quälten sie plötzlich Zweifel und bange Ahnungen . Wenn ihm bis jetzt nichts gelang , gelingt ’ s wohl nimmermehr – sie hätte ihn doch nicht ohne eine Hoffnung auf die Zukunft hinausgehen lassen sollen – – ! Wenn sonst dieser quälende Gedanke kam , dann hatte sie ihn noch immer mit dem alten frischen Mut in die Flucht geschlagen , heute wollte ihr das nicht mehr gelingen . Herrgott , innerhalb vier Jahren kein Lebenszeichen ! Wenn jemand das wüßte , er würde sie belächeln ob ihres standhaften Wartens . Aber , wachsen denn auch Aemter und Anstellungen gleich Pilzen im Walde für jemand , der sich die nötigen Vorkenntnisse erst erringen muß , und sei es für das geringste Metier , sei es für ein Handwerk ? Nein ! Nein ! Und nun fing sie wieder an zu überlegen , an welche Küste der Sturm des Schicksals ihn wohl verschlagen haben mochte . Ach , vielleicht war er untergegangen , hatte es nicht vermocht , mit seinen schwachen Kräften das Boot zu steuern ? Dann lächelte sie – ach , der Heinz Kerkow , einer von denen , die nur zu wollen brauchen , um ein Ziel zu erreichen der nur nötig gehabt hatte , wieder wollen zu lernen , ner ging nicht unten der nicht , trotz allem und allem ! Und wenn ihn weiter nichts aufrecht hielt , sein trotziges Herz hielt ihn über Wasser ! Sie wußte , daß er ihr beweisen würde , kein Feigling , kein Schwächling zu sein . Und während sie dieses dachte , mit Wangen , die tief gerötet waren vor innerer Erregung , hatten ihre Finger den Bindfaden des kleinen Paketes angeknüpft , das graue Papier entfernt , und nun nahm sie aus seiner weißer Umhüllung ein Buch heraus . Auf dem einfachen braunen Kalikoband stand mit großen goldenen Buchstaben quer über dem Vorderdeckel : „ Im Kampf um das Lebensglück “ . Sie hob das Buch näher empor , schlug es auf und las das Titelblatt „ Im Kampf um das Lebensglück “ . Wahrheitsgetreue Skizzen von einem Schiffbrüchigen . Zehntes Tausend . Wer schickte ihr denn das Buch mit dem seltsamen Titel ? Sie wandte ein zweites Blatt um , und plötzlich stand das Herz ihr still vor großem freudigen Schreck . Verse ! Die alte energische Handschrift , die sie aus den wenigen Zeilen die er einst an sie geschrieben , genau , ach so genau kannte ! Sie war aufgesprungen in mächtiger Erregung , sie blickte in ihrem Städtchen umher , als könnte sie es nicht fassen , und dann sank sie wieder zurück in den Stuhl und versuchte zu lesen . Aber die Hände zitterten ihr so , daß sie das Buch nicht zu halten vermochte , sie legte es auf die Fensterbank und beugte sich tief auf die Blätter und im letzten Tagesschein las sie mit überströmenden Augen .... Aennes Kopf lag plötzlich auf dem Buche , sie weinte , weinte seit langer Zeit zum erstenmal wieder – vor Glück . Dann saß sie , ... das Buch an sich gepreßt , und ließ die Dunkelheit ihr heißes Gesicht verschleiern . Diese Stunde wog alle die langen traurigen Jahre des Wartens auf , in ihrem Ueberschwang von Hoffnung und Seligkeit . Sie dachte nicht darüber nach , was aus ihm geworden . Sie fragte nicht . wann kommt er ? Sie war wie berauscht . Tante Emilie fand sie noch im Dunklen . „ Aber , Kind , was soll denn das heißen ? “ Und dann beleuchtete die herbeigeholte Lampe ein erglühendes Gesicht und Augen , die in einem Schimmer erstrahlten , wie die alte Frau sie nur einmal gesehen vor Jahren , damals als Aenne auf den Schloßball ging , kurz bevor sie sich mit Günther so Hals über Kopf verlobte . „ Kind , “ fragte die Tante , „ ist dir denn etwas geschehen ? Aber Aenne schüttelte den Kopf . „ Nichts , Tante nur gelesen habe ich etwas und muß auch weiter lesen Und sie setzte sich zum Tisch und fuhr fort in der Lektüre des Buches , und als Tante Emilie doch zum Abendessen mahnte , wurde das Mädchen zum erstenmal in ihrem Leben ungeduldig . Die alte Frau zog es ganz gekränkt vor , ihr Schlafzimmerchen aufzusuchen und die lesetolle , unbegreifliche Aenne allein zu lassen . Und das Mädchen las und las . Es waren Schilderungen aus Heinz ’ eigenem Leben , aus denen Aenne mit pochendem Herzen erfuhr , daß er gleich ihr in der Kunst den verlorenen Herzensfrieden wieder zu finden gesucht hatte . Und wie frühzeitig , schon in Breitenfels hatte er den Grund zu seinem jetzigen Erfolge gelegt ! Wie unrecht , wie bitter unrecht hatte sie ihm [ 339 ] damals gethan , als sie dem Schwergeprüften gesagt hatte , er solle zu ihr wiederkommen als ein Mann der Arbeit ! Er war ein solcher aus eigener Kraft schon gewesen ehe ihn das seelische Siechtum befiel . Aber sie konnte die Thränen trocknen , denn was nun folgte , war die Schilderung eines rüstigen und erfolgreichen Schaffens . Da Heinz der Liebe , die sein Glück bedeutete , sicher war , arbeitete er mit Lust und Freude , und es gelang ihm dann auch , in der Redaktion einer angesehenen Zeitschrift eine sichere und geachtete Lebensstellung zu erringen . Nun stand er auf eigenen Füßen und jetzt wollte er kommen , sie zu fragen ob sie ihm nun folgen wolle . Es war in der ersten Morgendämmerung , als Aenne vor Tante Emiliens Bett stand und mit blassem Gesicht und leuchtenden Augen sagte : „ Heute mußt du früher aufstehen , Tantchen , heute kommt mein Bräutigam ! “ Die gute alte Seele fuhr ganz verstört empor , sie dachte , das Mädchen phantasiere . „ Kind ! Ach , du Barmherziger , ich hab ’ dir ’ s ja schon gestern angesehen , als du aus dem Konservatorium kamst ! “ Da erzählte ihr Aenne die Geschichte des kleinen Pakets und Tante Emilie mußte nun glauben , obgleich ihr ’ s schier unglaublich dünkte . Und wie rasch konnte sie aus den Federn kommen , wie eifrig fragte und mutmaßte sie jetzt ! Aber Aenne antwortete kaum , nur ihre Blicke baten : Laß mich , ich bin zu glücklich , als daß ich reden könnte ! Sie hatte im Konservatorium melden lassen , daß sie heute nicht unterrichten könne , den ganzen Tag nicht dann hatte sie Toilette gemacht . „ Weißt du denn eigentlich , wann er kommt ? “ erkundigte sich Tante Emilie . „ Nein ! “ betonte das Mädchen ruhig . Die alte Dame wurde ärgerlich . „ Und so ins Unbestimmte hinein alle diese Geschichten ? Wenn er nun gar nicht kommt ? “ „ Er kommt “ , antwortete sie , und Tante Emilie ging kopfschüttelnd auf den Markt , um noch einiges für das Mittagsessen zu besorgen . Als sie zurückkehrte und mit einem großen Strauß Chrysanthemen in das Zimmerchen trat , ließ sie die Blumen in freudigem Schreck fallen . Mitten im Zimmer stand ein großer schlanker Mann und hielt Aenne umfaßt , und deren Kopf lag an seiner Brust . Er war gekommen ! Im Hause der Frau Rat herrschte schreckliche Aufregung , es ist auch keine Kleinigkeit , wenn man verreisen will , ohne je über das Weichbild des Städtchens hinausgekommen zu sein . Gar kein Wunder , daß die Vorbereitungen einige Tage dauerten und daß Frau Rat in ihrer nervösen Gereiztheit zu spät einzutreffen fürchtete zur Verlobung . Lieschen Weidner ging mit rotgeweinten Augen umher , denn Frau Rat hatte mit solch furchtbarer Bestimmtheit von der Verlobung des Doktors mit Aenne gesprochen , daß sie an der Treue ihres heimlich Verlobten zu zweifeln begann , um so mehr , als er ihr noch nicht geschrieben hatte . Und nun war der mächtige Reisekorb gepackt , morgen in aller Frühe sollte sie beginnen , die Fahrt . Lieschen Weidner hatte eine Menge Wurst , Schinken und Büchsen mit eingekochten Früchten eingepackt in solcher Hungerwirtschaft wie die der beiden Frauen in Dresden würde der Doktor sich nicht wohl fühlen , behauptete Frau Rat ; wollte Gott , die Reise wäre nur erst überstanden ! Die alte Dame saß in der Sofaecke , und um sie her auf allen Stühlen und Tischen lagen Gegenstände bereit für morgen . Kapuze , Fußsack , Körbchen und Taschen verschiedene Inhalts , ein Plaid , in welchem eine Flasche Rotwein eingeschnallt war , sorgsam in Zeitungspapier eingewickelt Regen- und Sonnenschirm , es schien , als ob die alte Dame ein ganzes Jahr ins Ausland reisen wollte . Das Dienstmädchen und Lieschen Weidner bekamen eben noch die letzten Befehle , besonders was die Einrichtung des Zimmers anbetraf , in dem Aenne wohnen sollte . Diese wollte die Mutter gleich mitbringen , denn ein verlobtes Frauenzimmer gehöre ins Haus . Das kleine blonde , sonst so rosige Lieschen stand bleich am Ofen und hörte zu . In ihrer Demut glaubte sie der imponierenden Ueberzeugungstreue der Frau Rat und hielt den Kuß und die wenigen Liebesworte des Doktors für eitel Falschheit und Betrug . Aber da fuhr sie plötzlich zusammen , wie Flammen schlug es über ihr Antlitz und mit zwei Sprüngen war sie aus der Stubenthür , dieselbe weit auflassend – draußen war ein Schritt erklungen , ein Schritt – so ging nur einer ! Dann lehnte sie wankend in dem Rahmen der Thür , denn da stand neben ihm eine schlanke Dame , Aenne May in eigenster Person , und an ihr vorüber eilte sie ins Zimmer mit dem Ausruf : „ Mutter , liebe Mutter ! Also doch ! “ Aber da kam er lachend herüber , und ohne weiteres das bebende Mädchen an sich ziehend , rief er der Frau Rat zu , um deren Hals Aenne die Arme geschlungen hatte : Nun , Frau Rat , ist der stolze Augenblick gekommen , wo Sie ’ segnen ’ können , aber bitte , mich und meine kleine Braut gleich mit , denn mit Ihrer gütigen Erlaubnis will Lieschen Weidner meine Frau werden . Frau Rat saß starr und steif , in ihrem Kopfe drehte sich alles , sie hörte nur noch , daß Aenne flüsterte : „ Aus deinem Hause , aus unserer alten lieben Heimat soll er mich holen . Aber die alte Dame fand nicht die Kraft zu fragen „ Wer denn ? “ – „ Bin ich denn wahnsinnig geworden ? “ stieß sie hervor . „ Da steht er ja und hat die andere im Arm ! “ Und dann trat in ihren Gesichtskreis eine fremde und doch so bekannte Erscheinung , ein großer , schlanker Mann , auf dessen ernsten Zügen ein ganz jugendliches , glückliches Lächeln lag . Wer war denn der – sie kannte ihn doch ? Heinz Kerkow – großer Gott , und – doch nicht ! Der Mann war ja weiß an den Schläfen ! Und den wollte Aenne – – Das also war der , auf den sie gewartet hatte ? Sie versuchte aufzustehen und wehrte Aennes Umarmung , aber da traf sie ein Blick , der in Thränen schimmernde Blick ihres Kindes . Sie sank zurück , und nun trat er näher und küßte die Hand der alten Frau . „ Darf meine Braut hier bleiben , bis ich sie in mein Heim führen kann ? “ fragte er . „ Ich muß erst ein Wort mit Ihnen reden , Herr von Kerkow “ , scholl es verzweifelt zurück . „ Aenne hat nichts , gar nichts , und das ewige Arbeiten hält sie nicht aus ! “ Aenne lachte plötzlich laut und herzlich . „ O du thörichtes Mütterchen ! “ rief sie , „ er will mich ja gar nicht arbeiten lassen , wiewohl ich ’ s so gern thäte ! Nichts weiter soll ich sein wie seine Frau , wie du es immer gewünscht hast für mich , und wenn ich singe , soll ’ s nur noch zu meinem und seinem speziellen Vergnügen sein . Frau Rat fragte nicht mehr , sie begann langsam Mut zu fassen . Er sah so fein aus , so vornehm – der hatte sicher geerbt ! Und sie küßte feierlich ihre Tochter auf die Stirn und that einen tiefen Seufzer der Erlösung – – gottlob , daß sie nicht zu reisen brauchte ! – Die Emilie , die da so still an der Thür stehen geblieben war und der die Rührungsthränen über das Gesicht liefen , die würde es wohl wissen , die wollte sie ordentlich ausfragen nachher . Den Doktor aber , den hielt sie am Aermel fest , just als er mit der kleinen seligen Braut hinaus wollte . „ Warten Sie nur – mich so anzuführen ! Die ganze Geschichte haben Sie ins Werk gesetzt . “ „ Weiß Gott , nicht ! “ verteidigte er sich , „ ich erblickte die Herrschaften ganz zufällig auf der Bahn in Halle , wo der Dresdner und der Berliner Zug sich treffen . Sie blickte noch immer unzufrieden . „ Schwiegermama , “ bat er , „ seien Sie gut ! Sie müssen sich mit uns vertragen , denn wenn Fräulein Aenne in ein paar Woche hinauszieht nach der neuen Heimat , dem großen Berlin entgegen , dann haben Sie nur noch uns , auf die Sie recht nach Herzenslust böse sein können , denn Tante ist feierlich invitiert , die junge Häuslichkeit verschönen zu helfen . Na , das fehlte noch ! dachte die Rätin , wenn eine mitgeht , bin ich das ! Und laut sagte sie . „ Nach Berlin ? Kauft euch doch hier an ! “ wandte sie sich an Kerkow , „ Sie hätten doch überhaupt hier bleiben können , die schöne Wohnung da droben , und gar nicht viel zu thun ! „ Das erlaubt mein Beruf nicht , liebe Mutter , aber in jedem Sommer kommen wir , und da hole ich mir frische Kräfte zu meiner Arbeit . “ „ So ? “ fragte die alte Dame enttäuscht , „ arbeiten thun Sie ? “ „ Ja , gottlob ! “ sagte er stolz und zog Aenne an seine Seite , „ ich kann arbeiten . “