Gedächtnisse auf , als ich sie geschäftig umhergehen , ihr bestes Theeservice aufsetzen , Butterbrod schneiden , einen Theekuchen rösten und von Zeit zu Zeit Robert oder Johanna einen kleinen Stoß oder Schlag geben sah , wie sie in früheren Zeiten bei mir zu thun pflegte . Bessie hatte ihr rasches Temperament , so wie ihren leichten Fuß und ihr gutes Aussehen behalten . Als der Thee fertig war , wollte ich mich dem Tische nähern , doch sie sagte mir in ihren gewohnten gebieterischen Tönen , ich solle nur sitzen bleiben . Ich müsse am Kamine bedient werden , und stellte einen kleinen runden Tisch mit meiner Tasse und einem Teller mit Theekuchen vor mich hin , gerade so wie sie mich mit Leckerbissen auf einem Stuhle in der Kinderstube zu bewirthen pflegte . Ich lächelte und gehorchte ihr , wie in früheren Tagen . Sie wollte wissen , ob ich mich in Thornfield Hall wohl befinde und was die Dame für eine Frau sei ; und als ich ihr sagte , es sei nur ein Herr da , ob er ein hübscher Mann sei und mir gefalle . Ich sagte , er sei eher häßlich als schön , aber ein sehr gebildeter Mann , der mich freundlich behandle , und so sei ich zufrieden . Dann beschrieb ich ihr die vornehme Gesellschaft , die sich seit einiger Zeit im Hause aufgehalten . Diesen Berichten hörte Bessie mit Interesse zu , denn dergleichen gefiel ihr besonders . Bei solcher Unterhaltung war bald eine Stunde vorüber ; Bessie gab mir meinen Hut und Mantel zurück , und begleitete mich dann zum Herrenhause . Ich wurde also von derselben Person geführt , die vor beinahe neun Jahren mit mir den Weg hinuntergegangen war , den ich jetzt hinaufging . An einem dunklen nebligen und rauhen Februarmorgen hatte ich mit verzweiflungsvollem und bitteren Herzen ein feindseliges Dach verlassen , um den kalten und trostlosen Aufenthaltsort in Lowood , jenes weit entfernte und unerforschte Ziel , aufzusuchen . Dasselbe feindselige Dach erhob sich jetzt vor mir : meine Aussichten waren noch zweifelhaft und mein Herz schmerzte noch . Ich kam mir noch wie ein Wanderer auf der Oberfläche der Erde vor ; aber ich hegte festeres Vertrauen zu mir selbst und zu meiner eigenen Kraft , und empfand weniger Furcht vor dem Druck . Die klaffende Wunde meines erlittenen Unrechts war auch jetzt ganz geheilt , und die Flamme des rachsüchtigen Gefühls erloschen . „ Sie sollen zuerst in das Frühstückzimmer gehen , “ sagte Bessie , als sie mir durch die Halle voranging ; „ dort werden Sie die jungen Damen finden . “ In einer Minute befand ich mich in diesem Zimmer . Ales sah dort noch gerade so aus , wie an dem Morgen , als ich dem Herrn Brocklehurst vorgestellt wurde . Dieselbe Fußdecke lag noch am Boden . Als ich die Bücherschränke ansah , glaubte ich die beiden Bände von Bewick ’ s Naturgeschichte der britischen Vögel , Gullivers Reisen und Tausend und eine Nacht gerade an demselben Platze , wie früher , zu erblicken . Die leblosen Gegenstände waren nicht verändert , aber die lebenden Wesen waren fast nicht mehr zu erkennen . Zwei junge Damen erschienen vor mir . Die eine war sehr groß — fasst so groß wie Miß Ingram — sehr hager und hatte ein bleiches Gesicht und eine strenge Miene . Sie hatte etwas Ascetisches in ihrem Blick , was noch durch die äußerste Einfachheit eines schmucklosen Kleides von schwarzem Zeuge , durch einen gestärkten Kragen von Leinwand , durch ihr zurückgekämmtes Haar , so wie durch den nonnenhaften Schmuck einer Schnur schwarzer Kugeln und eines Kruzifixes erhöht wurde . Ich hielt mich überzeugt , daß dies Elise sei , obgleich ich in dem verlängerten und farblosen Gesichte wenig Aehnlichkit mit ihrer frühern Erscheinung finden konnte . Die andere war offenbar Georgine : aber nicht die Georgine , deren ich mich als ein schlankes , feenhaftes Mädchen von elf Jahren erinnerte . Dies war eine aufgeblühte , volle junge Dame , weiß und roth wie eine Wachspuppe , mit schönen und regelmäßigen Zügen , schmachtenden blauen Augen und geringelten gelben Haaren . Auch ihre Kleidung war schwarz , aber der Schnitt so verschieden von dem ihrer Schwester , viel passender und weiter , und sah eben so modisch aus , wie die Kleidung der andern puritanisch . Jede von den Schwestern hatte einen Zug von der Mutter — aber nur einen . Die hagere und blase ältere Tochter hatte das stechende Auge ihrer Muter , das blühende und üppige jüngere Mädchen hatte den Umriß ihres Kinns und Unterkiefers — vielleicht ein wenig gemildert , doch theilte derselbe dem sonst vollen und sinnlichen Gesichte eine unbeschreibliche Härte mit . Als ich mich näherte , standen beide Damen auf , um mich zu begrüßen , und redeten mich Miß Eyre an . Elisens Gruß wurde in kurzen und abgebrochenen Worten ohne Lächeln ausgesprochen : dann setzte sie sich wieder nieder , richtete ihre Augen auf das Feuer und schien mich zu vergessen . Georgine fügte zu ihrem : „ Wie geht es Ihnen ? “ mehrere gewöhnliche Redensarten über meine Reise , über das Wetter u. s. w. hinzu , die sie in schleppendem Tone aussprach und mit verschiedenen Seitenblicken begleitete , die mich vom Kopf bis zu den Füßen maßen , bald in die Falten meines braunen Merinomantel drangen , und bald bei dem einfachen Besatz meines ländlichen Hutes verweilten . Junge Damen haben immer eine Art , uns zu sagen , daß sie uns für eine Bäuerin halten , ohne gerade das Wort auszusprechen . Ein gewisser übermüthiger Blick , ein kaltes Wesen , ein nachlässiger Ton drücken vollständig ihre Ansichten über diesen Punkt aus , ohne sie durch eine ausdrückliche Unhöflichkeit in Wort oder Handlung zu erkennen zu geben . Ei spöttischer Blick , mochte er nun offen oder versteckt sein , hatte nicht mehr , wie früher , Macht über mich ; und als ich zwischen meinen beiden Cousinnen saß , war ich überrascht , wie leicht ich mich bei der gänzlichen Vernachlässigung der einen , und bei den halb sarkastischen Aufmerksamkeiten der andern fühlte — Elise kränkte und Georgine verletzte mich nicht . Die Ursache war , ich hatte über andere Dinge nachzudenken . In den letzten wenigen Monaten waren viel mächtigere Gefühle in mir angeregt worden , als sie anzuregen im Stande waren — ich hatte viel lebhaftere Schmerzen und Freuden empfunden , als mir aufzuerlegen oder zu gewähren in ihrer Macht stand — so daß ihr Benehmen weder einen guten noch einen schlimmen Eindruck auf mich machte . „ Wie befindet sich Mistreß Reed ? “ fragte ich bald , indem ich Georgine ansah , der es einfiel , eine verwunderte Grimasse zu machen , als wäre die direkte Anrede eine unerwartete Freiheit , die ich mir nehme . „ Mistreß Reed ? Ah ! Sie meinen Mama . Es geht sehr schlecht mit ihr ; ich zweifle , daß Sie sie heute werden sprechen können . “ „ Wenn Sie hinaufgehen und ihr sagen wollten , daß ich da bin , “ sagte ich , „ so würde ich Ihnen sehr verbunden sein . “ Georgine erschrak fast und öffnete ihre blauen Augen verstört und weit . „ Ich weiß , sie hegte den ausdrücklichen Wunsch , mich zu sehen , “ fügte ich hinzu , „ und ich möchte die Erfüllung ihres Wunsches nicht länger aufschieben , als es durchaus nöthig ist . “ „ Mama läßt sich am Abend nicht gern stören , “ sagte Elise . Bald darauf stand ich auf , nahm ruhig und unaufgefordert meinen Hut ab , zog meine Handschuhe aus und sagte , ich wolle nur zu Bessie hinausgehen , die wahrscheinlich im Bedientenzimmer sei , und sie bitten , sich zu erkundigen , ob Mistreß Reed geneigt sei oder nicht , an dem Abend noch meinen Besuch anzunehmen . Ich ging , und nachdem ich Bessie gefunden und abgeschickt , begann ich , weitere Maßregeln zu nehmen . Bisher war es meine Gewohnheit gewesen , vor dem Hochmuthe zurückzuweichen , und noch vor einem Jahr würde ich bei einem solchen Empfange , wie mir heute zu Theil geworden , beschlossen haben , Gateshead am nächsten Morgen zu verlassen ; doch jetzt sah ich sogleich ein , daß dies ein thörichter Plan sei . Ich hatte eine Reise von hundert Meilen gemacht , um meine Tante zu besuchen , und mußte bei ihr bleiben , bis sie wieder hergestellt oder todt war . Den Stolz oder die Thorheit ihrer Töchter durfte ich nicht berücksichtigen und mußte mich davon unabhängig machen . Ich wendete mich also an die Haushälterin , bat sie , mir ein Zimmer anzuweisen , sagte ihr , ich würde wahrscheinlich eine oder zwei Wochen dableiben , ließ meinen Koffer auf mein Zimmer bringen und folgte selbst dorthin . Auf der Treppe begegnete mir Bessie . „ Missis wacht , “ sagte sie ; „ ich habe ihr gesagt , daß Sie da sind : kommen Sie und lassen Sie uns sehen , ob fie Sie kennen wird . “ Ich bedurfte der Führung nicht zu dem wohlbekannten Zimmer , zu dem ich in früheren Tagen so oft gerufen worden , um bestraft oder gescholten zu werden . Ich eilte Bessie voran und öffnete leise die Thür . Ein beschattetes Licht stand auf dem Tische , denn es war jetzt dunkel . Da war das große Bett mit den vier Pfosten und den ambrafarbigen Vorhängen , wie in früheren Zeiten ; da war der Toilettentisch , der Lehnsessel und der Fußschemel , auf den ich wohl hundertmal hatte niederknieen und mir für Vergehungen Verzeihung erbitten müssen , die ich nicht begangen . Ich blickte in eine gewisse Ecke , wo ich fast die einst so gefürchtete Ruthe zu erblicken fürchtete , die dort lauerte , um , gleich einem Kobold , hervorzuspringen und meine bebende Hand oder meinen zitternden Nacken zu verletzen . Ich näherte mich dem Bette ; ich öffnete die Vorhänge und neigte mich über die hohen Kissen . Wohl erinnerte ich mich des Gesichts der Mistreß Reed und war begierig , das bekannte Bild zu sehen . Es ist ein Glück , daß die Zeit das Verlangen nach Rache dämpft und die Antriebe der Wuth und Abneigung besänftigt : ich hatte diese Frau in bitterem Hasse verlassen und kehrte jetzt mit keiner andern Regung als der des Mitleids wegen ihres großen Leidens und dem mächtigen Verlangen zurück , alle Kränkungen zu vergessen und zu verzeihen — mich mit ihr zu versöhnen und ihr freundschaftlich die Hand zu drücken . Das wohlbekannte Gesicht war da : streng und unversöhnlich wie immer — da war das eigenthümliche Auge , welches Nichts zu mildern vermochte , und die etwas erhobene , gebieterische und despotische Augenbraue . Wie oft hatte sie sich mit Drohungen und Haß gegen mich zusammengezogen ! Und wie belebte sich die Erinnerung an den Schrecken und das Leiden der Kindheit , als ich die strengen Linien jetzt wiedersah . Und doch beugte ich mich nieder und küßte sie . „ Ist dies Johanna Eyre ? “ fragte sie , mich anblickend . „ Ja , Tante Reed . Wie geht es Ihnen , liebe Tante ? “ Ich hatte einst gelobt , sie nie wieder Tante zu nennen ; aber ich hielt es jetzt für keine Sünde , dieses Gelübde zu vergessen und zu brechen . Meine Finger drückten ihre Hand , die auf der Decke lag ; hätte sie meine Hand wieder gedrückt , so würde ich in dem Augenblicke wahres Vergnügen empfunden haben . Aber strenge Naturen sind nicht so leicht zu besänftigen , und natürlicher Widerwille nicht so leicht auszurotten . Mistreß Reed entzog mir ihre Hand , wendete ihr Gesicht ein wenig von mir ab und machte die Bemerkung , daß der Abend warm sei . Sie sah mich wieder , und zwar so eisig an , daß ich sogleich fühlte , ihre Meinung von mir und ihre Gefühle gegen mich wären unverändert und unveränderlich . Ich sah es ihrem steinernen Auge ohne Zärtlichkeit und unauflöslich für Thränen an , daß sie entschlossen sei , mich bis zuletzt für böse zu halten , da es ihr kein wahres Vergnügen , sondern nur Kränkung verursachen mußte , mich für gut zu halten . Ich empfand Schmerz , dann Zorn und endlich faßte ich den Entschluß , sie zu besiegen und ihrer Natur und ihrem Willen zum Trotz sie zu beherrschen . Meine Thränen flossen wie in meiner Kindheit : ich wies sie zu ihrer Quelle zurück . Ich stellte einen Stuhl an das Kopfende ihres Bettes , setzte mich nieder und neigte mich über das Kissen . „ Sie haben nach mir geschickt , und ich bin da , “ sagte ich . „ Jetzt ist es meine Absicht dazubleiben und zu sehen , wie es mit Ihnen geht . “ „ Ei gewiß ! Du hast doch meine Töchter gesprochen ? “ „ Ja . “ „ Nun , so kannst Du ihnen sagen , es sei mein Wunsch , daß Du dableibest , bis ich Gegenstände mit Dir besprochen , die ich auf dem Herzen habe : diesen Abend ist es zu spät , und ich kann mich ihrer nur mit Mühe erinnern . Aber etwas wünschte ich zu sagen – laß mich sehen – “ Der irrende Blick und die veränderte Aussprache sagten mir , welche Störung in ihrer einst so kräftigen Constitution vorgegangen . Sie wendete sich unruhig um und zog ihre Bettdecke nach sich ; mein Ellbogen ruhte auf dem Ende der Decke und hielt dasselbe fest . Gleich war sie ärgerlich . „ Setze Dich aufrecht , “ sagte sie , „ und ärgere mich nicht dadurch , daß Du meine Decke festhältst – bist Du Johanna Eyre ? “ „ Ich bin Johanna Eyre . “ „ Dieses Kind hat mir mehr Unruhe gemacht , als nur ein Mensch glauben kann . Daß man mir auch eine solche Last aufladen mußte , die mich täglich und stündlich mit ihrer unbegreiflichen Gemüthsart , ihrem unruhigen Temperament und ihrer beständigen und unnatürlichen Beobachtung quälen mußte . Einmal sprach sie zu mir , als ob sie wahnsinnig oder vom Teufel besessen wäre – kein Kind sprach oder blickte jemals so : ich war froh , sie aus dem Hause zu bringen . Was that man in Lowood mit ihr ? Das Fieber brach dort aus und Viele von den Schülerinnen starben . Sie aber starb nicht ; aber ich sagte , sie wäre gestorben – ich wollte , es wäre geschehen ! “ „ Ein seltsamer Wunsch , Mistreß Reed : warum hassen Sie sie denn so ? “ „ Ich hatte immer einen Widerwillen gegen ihre Mutter , denn sie war meines Mannes einzige Schwester , und er liebte sie sehr ; er widersetzte sich der ganzen Familie , als man sie wegen ihrer niedrigen Verbindung verleugnete , und als die Nachricht von ihrem Tode kam , weinte er wie ein Simpel . Das Kind mußte herbeigebracht werden , obgleich ich ihn bat , es lieber anderswo auferziehen zu lassen und für seinen Unterhalt zu zahlen . Ich haßte es von dem ersten Augenblicke an , wo ich es sah – ein kränkliches , weinerliches Ding ! Es wimmerte die ganze Nacht in der Wiege – schrie nicht , wie ein anderes Kind , aus voller Kehle , sondern stöhnte und klagte nur . Reed hatte Mitleid mit dem Kinde , beschäftigte sich mit ihm , und sorgte dafür , wie für sein eigenes : ja noch mehr , denn seine eigenen beachtete er in dem Alter gar nicht . Er versuchte , meinen Kindern freundschaftliche Gefühle gegen die kleine Bettlerin einzuflößen : aber die lieben Engel vermochten es nicht , und er war ärgerlich über sie , wenn sie ihren Widerwillen zeigten . In seiner letzten Krankheit ließ er es beständig an sein Bett bringen , und eine Stunde vor seinem Tode mußte ich ihm das Versprechen geben , das Geschöpf aufzuerziehen . Eben so gut hätte er mir einen Balg aus dem Findelhause aufbürden können ; aber er war schwach von Natur . John gleicht seinem Vater durchaus nicht , und es ist mir lieb : John gleicht mir und meinen Brüdern – er gleicht Gibson . O ! ich wollte , er quälte mich nicht mehr mit seinen Briefen , worin er beständig Geld verlangt ! Ich kann ihm kein Geld mehr geben , denn wir werden arm . Ich muß die Hälfte der Diener fortschicken und einen Theil des Hauses verschließen oder vermiethen . Ich kann mich nicht dazu entschließen – und doch , wie sollen wir uns durchbringen ? Zwei Dritttheile meines Einkommens nehmen die Zinsen in Anspruch . John spielt schrecklich und verliert immer – der arme Junge ! er ist von Betrügern umgeben : John ist gesunken und verstorben – sein Blick ist schrecklich – ich schäme mich seiner , wenn ich ihn sehe . Sie wurde sehr aufgeregt . „ Ich denke , es ist besser , ich verlasse sie jetzt , “ sagte ich zu Bessie , die auf der andern Seite des Bettes stand . „ Sie haben wohl Recht , Miß ; aber gegen die Nacht spricht sie oft so – am Morgen ist sie ruhiger . “ Ich stand auf . „ Warte ! “ rief Mistreß Reed , „ ich möchte noch etwas sagen . Er droht mir – beständig droht er mir mit seinem oder meinem Tode , und zuweilen träumt mir , ich sähe ihn daliegen mit einer großen Wunde im Halse oder mit einem geschwollenen und geschwärzten Gesichte . Ich sehe mich auf ' s Aeußerste getrieben und habe schwere Sorgen . Was ist zu thun ? Wie ist bas Geld anzuschaffen ? “ Bessie versuchte sie jetzt zu überreden , einen beruhigenden Trank zu nehmen , was ihr mit Mühe gelang . Bald darauf wurde Mistreß Reed ruhiger und versank in einen schlummernden Zustand . Dann verließ ich sie . Mehr als zehn Tage vergingen , ehe ich wieder eine Unterredung mit ihr hatte . Sie sprach entweder im Fieber oder war bewußtlos , und der Arzt verbot Alles , was sie schmerzlich aufregen konnte . Inzwischen vertrug ich mich , so gut ich konnte , mit Georgine und Elise . Sie waren freilich Anfangs sehr kalt . Elise saß den halben Tag da und nähte , las oder schrieb und sprach dann kaum ein Wort mit mir oder ihrer Schwester . Georgine konnte ihrem Kanarienvogel stundenlang Unsinn vorplaudern und achtete nicht auf mich . Aber ich war entschlossen , daß es mir nicht an Beschäftigung oder Unterhaltung fehlen sollte : ich hatte meinen Farbenkasten mitgebracht , und er mußte Beides ersetzen . Mit Bleistiften und Papier versehen , pflegte ich mich von ihnen abgesondert an ' s Fenster zu setzen und Phantasiebilder zu zeichnen , die irgend eine Scene darstellten , die sich augenblicklich in dem stets wechselnden Kaleidoskop der Phantasie bildete ; zum Beispiel einen Theil der See zwischen zwei Felsen durch gesehen , den aufgehenden Mond und ein Schiff , welches unter seiner Scheibe durchfuhr ; eine Gruppe von Rohr und Wasserblumen , den Kopf einer Najade , mit Lotosblumen bekränzt ; eine Sylphide in dem Neste eines Sperlings unter einem Kranze von Hagedornblüten sitzend . Eines Morgens begann ich , ein Gesicht zu skizziren : was es für ein Gesicht werden sollte , darum kümmerte ich mich nicht . Ich nahm einen weichen , schwarzen Bleistift , gab ihm eine stumpfe Spitze und zeichnete damit . Bald zeigte sich auf dem Papier eine breite und vorragende Stirn und der viereckige Umriß des untern Gesichts : dieser Umriß verursachte mir Vergnügen ; meine Finger fuhren fort , ihn mit Fügen auszufüllen . Stark gezeichnete , horizontale Augenbrauen mußten unter diese Stirn kommen ; dann folgte natürlich eine ausdrucksvolle Nase mit geradem Rücken und weiten Oeffnungen ; dann ein biegsam scheinender Mund , nicht zu schmal ; dann ein festes Kinn mit einem deutlich bezeichneten Spalt in der Mitte : natürlich mußte ein schwarzer Backenbart und etwas schwarzes Haar an den Schläfen angebracht werden , welches sich wellenförmig über nie Stirn hinzog . Jetzt kamen die Augen : ich habe sie bis zuletzt gelassen , weil sie die sorgfältigste Arbeit erforderten . Ich zeichnete sie groß und gab ihnen eine gute Form ; die Augenwimpern zeichnete ich lang und dunkel , die Iris glänzen und groß . Gut , aber noch ist nicht Alles gethan , dachte ich , als ich dis Wirkung überschaute : es muß noch mehr Kraft und Geist hineingelegt werden . Ich machte die Schatten schwärzet , damit die Lichter glänzender erscheinen möchten einige glückliche Striche sicherten diesen Erfolg . Da hatte ich das Gesicht eines Freundes vor mir : und was schadete es jetzt , wenn die jungen Damen mir den Rücken zuwendeten ? Ich sah es an , ich lächelte über die sprechende Aehnlichkeit , ich versenkte mich in Gedanken und war zufrieden . „ Ist das das Portrait einer Person , die Sie kennen ? fragte Elise , die sich unbemerkt genähert hatte . Ich entgegnete , es sei nur ein Phantasiekopf , und wollte ihn mit den andern Blättern zudecken . Natürlich sagte ich die Unwahrheit , denn es war in der That ein sehr getreues Portrait des Herrn Rochester . Aber was lag ihr daran oder irgend sonst Jemanden außer mir ? Georgine näherte sich auch , um es anzusehen . Die andern Zeichnungen gefielen ihr sehr , aber dies sei ein häßlicher Mann , sagte sie . Beide schienen überrascht von meiner Geschicklichkeit . Ich erbot mich , sie zu portraitiren , und Jede saß mir zu einer Bleistiftzeichnung . Dann brachte Georgine ihr Stammbuch zum Vorschein . Ich versprach ihr ein Bild in Wasserfarben darin zu malen , und dies versetzte sie sogleich in gute Laune . Sie machte mir den Vorschlag zu einem Spaziergange im Park , und ehe wir noch zwei Stunden aus gewesen waren , hatte sie mich schon mit ihrem Vertrauen beehrt und mir den glänzenden Winter beschrieben , den sie vor zwei Jahren in London zugebracht – die Bewunderung , die sie dort erregt – die Aufmerksamkeit , die ihr zu Theil geworden , und es wurden sogar Anspielungen gewagt , welche vornehme Eroberungen sie gemacht . Im Verlaufe des Nachmittags und Abends wurden diese Andeutungen noch erweitert , verschiedene zarte Unterhaltungen berichtet und sentimenale Scenen vorgestellt ; kurz , ein Band eines Romans aus dem vornehmen Leben zu meinem Nutz und Frommen improvisirt . Die Mitheilungen wurden von Tage zu Tage erneuert : sie behandelten stets dasselbe Thema – sie selbst , ihre Liebe und ihr Leid . Es war seltsam , daß sie nie davon ablenkte , und von der Krankheit ihrer Mutter , von dem Tode ihres Bruders oder den gegenwärtigen traurigen Aussichten der Familie sprach . Ihr Geist schien völlig mit Erinnerungen früherer Heiterkeit und mit dem Streben nach künftigen Zerstreuungen angefüllt zu sein . Sie brachte jeden Tag etwa fünf Minuten , und nicht länger , im Krankenzimmer ihrer Mutter zu . Elise sprach noch immer wenig : sie hatte offenbar keine Zeit dazu . Ich sah nie eine geschäftigere Person , als sie zu sein schien , doch war es schwer zu sagen , was sie that , oder vielmehr irgend einen Erfolg ihres Fleißes zu entdecken . Sie hatte einen Wecker , um recht früh aufzustehen . Ich weiß nicht , wie sie sich vor dem Frühstück beschäftigte , aber nach dieser Mahlzeit theilte sie ihre Zeit in regelmäßige Portionen , und jede Stunde hatte ihre Aufgabe . Dreimal täglich studirte sie ein kleines Buch , welches , wie ich später fand , als ich es ansah , das allgemeine Gebetbuch war . Ich fragte sie einst , was in diesem Buche das Anziehendste für sie sei , und sie antwortete : das Register . Drei Stunden stickte sie mit Goldfaden auf den Rand eines viereckigen , karmoisinrothen Tuches , fast groß genug zu einem Teppich . Als ich nach dem Gebrauche dieses Gegenstande fragte , benachrichtigte sie mich , es sei eine Altardecke für eine kürzlich in der Nähe von Gateshead erbaute Kirche . Zwei Stunden widmete sie ihrem Tagebuche , zwei Stunden arbeitete sie selber im Küchengarten , und eine verwendete sie zur Anordnung ihrer Rechnungen . Sie schien keiner Gesellschaft und keiner Unterhaltung zu bedürfen . Ich glaube , sie war auf ihre Weise glücklich : diese Routine reichte für sie bin , und Nichts war ihr unangenehmer , als irgend ein Ereigniß , welches sie nöthigte , ihr regelmäßiges Uhrwerk abzuändern . Eines Abends sagte sie mir , als sie ungewöhnlich zur Mittheilung aufgelegt war , John ' s Betragen und der drohende Untergang der Familie sei eine Quelle tiefer Betrübniß für sie gewesen ; aber jetzt , sagte sie , sei ihr Gemüth gefaßt , und ihr Entschluß bestimmt . Ihr Vermögen habe sie in Sicherheit gebracht , und wenn ihre Mutter stürbe – und es sei durchaus unwahrscheinlich , daß sie wieder genesen oder ein langes Krankenlager haben werde , bemerkte sie ruhig – so werde sie einen längst genährten Plan ausführen , einen zurückgezogenen Aufenthaltsort aufsuchen , wo pünktliche Gewohnheiten dauernd vor Störung gesichert würden , und sichere Schranken zwischen sich und eine frivole Welt stellen . Ich fragte , ob Georgine sie begleiten wolle . „ Natürlich nicht , “ antwortete sie . „ Georgine und ich hatten nie Etwas mit einander gemein , und auch jetzt nicht . “ Sie wolle sich ihre Gesellschaft aus keiner Rücksicht aufbürden lassen . Georgine solle ihren eigenen Weg gehen und Elise wolle auch den ihrigen einschlagen . Wenn Georgine nicht ihr Herz gegen mich entlud , so brachte sie den größten Theil ihrer Zeit damit zu , auf dem Sopha zu liegen , sich über die Langweiligkeit des Landlebens zu beklagen und wiederholt den Wunsch auszusprechen , ihre Tante Gibson möge ihr eine Einladung nach London senden . Es wäre viel besser , sagte sie , wenn sie nur auf einen oder zwei Monate aus dem Wege kommen könnte , bis Alles vorüber sei . Ich fragte nicht , was sie mit dem „ Alles vorüber sein “ meine ; aber ich vermuthe , sie meinte das erwartete Absterben ihrer Mutter und die düstere Ceremonie des Leichenbegängnisses . Elise achtete gewöhnlich nicht mehr auf die Trägheit und die Klagen ihrer Schwester , als ob ein solches murrendes und klagendes Geschöpf gar nicht vorhanden gewesen wäre . Eines Tages aber , während sie ihr Rechnungsbuch weglegte und ihre Stickerei faltete , redete sie sie plötzlich so an : „ Georgine , ein eitleres und thörichteres Geschöpf , als Du , hat wohl nie die Erde belasten dürfen . Du hattest kein Recht , geboren zu werden , denn Du machst keinen Gebrauch vom Leben . Anstatt für Dich , in und mit Dir zu leben , wie ein vernünftiges Wesen es sollte , suchst Du nur Deine Schwäche an die Stärke irgend einer andern Person zu befestigen , und wenn sich Niemand bereit findet , sich mit einem so fetten , schwachen , aufgeblasenen und unnützen Geschöpfe zu belasten , so schreist Du , daß Du übel behandelt und vernachlässigt wirst , und folglich elend bist . Auch dann muß das Dasein für Dich eine Scene beständigen Wechsels und unaufhörlicher Aufregung sein , sonst ist die Welt ein Kerker : man muß Dich bewundern , Dir den Hof machen , Dir schmeicheln- Du verlangst Musik , Tanz und Gesellschaft-- oder Du schmachtest und stirbst dahin . Hast Du nicht so viel Verstand , Dir ein System auszudenken , welches Dich von allen Anstrengungen und von jedem andern Willen , als Deinem eigenen , unabhängig macht ? Nimm Dir einen Tag , theile ihn in Abtheilungen und bestimme für jede Abtheilung eine Aufgabe : sei keine Viertelstunde , keine zehn , keine fünf Minuten unbeschäftigt — benutze Alles , und thue jedes Geschäft nach der Reihe mit Methode und strenger Regelmäßigkeit . Der Tag wird vorüber sein , und Du weißt kaum , daß er begonnen hat . So bist Du Niemand verpflichtet , der Dir helfen muß , Dich eines unbeschäftigten Augenblicks zu entledigen : dann darfst Du Niemandes Gesellschaft oder Unterhaltung , Niemandes Theilnahme oder Duldung in Anspruch nehmen : kurz , Du lebst wie ein unabhängiges Wesen leben sollte . Nimm diesen Rath an ; es ist der erste und letzte , den ich Dir geben werde ; dann wirst Du weder meiner noch sonst Jemandes bedürfen , es mag geschehen , was will . Vernachlässige meinen Rath und lebe , wie bisher , fordere , wimmere , sei unthätig und dulde die Erfolge Deiner eigenen Thorheit , wie übel und unerträglich sie auch sein mögen . Ich sage Dir dies offen ; und beachte wohl , wenn ich auch nicht mehr wiederholen werde , was ich Dir jetzt zu sagen im Begriff bin , so werde ich doch mit Festigkeit darnach handeln . Nach dem Tode meiner Mutter wasche ich meine Hände : denn von dem Tage an , wo ihr Sarg in die Kirche von Gateshead getragen wird , werden wir Beide so getrennt leben , als hätten wir einander nie gekannt . Du darfst nicht denken , weil wir zufällig von denselben Eltern geboren sind , werde ich mich auch nur von der schwächsten Kette an Dich binden lassen : ich sage Dir dies — wenn von dem ganzen Menschengeschlecht wir Beide allein übrig wären , so würde ich Dir die alte Welt lassen und mich in die neue Welt begeben . Sie schloß ihre Lippen . " Du hättest Dir die Mühe sparen können , diese lange Rede zu halten , " antwortete Georgine