nichts merkten . Da kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über Gertrud , und sie wußte um ihre Schuld , die Schuld , die zu ergründen sie so viele Wochen vergeblich gegrübelt hatte . Sie besaß nicht Liebeskraft genug , das war ihre Schuld . Sie hatte etwas auf sich genommen , was über ihr Vermögen ging . Sie hatte eine Ehe auf sich genommen ohne die dazu erforderliche Stärke des Herzens . Die Ehe war ihr als das Heiligtum der Heiligtümer erschienen . Die Verbundenheit mit dem Mann , den sie geliebt , war ihr gleichen Sinnes gewesen wie die Verbundenheit mit Gott . Als sie aber dieses Band zerrissen sah , stürzte die Welt in einen Abgrund , unermeßlich weit weg von Gott . Und nicht ihr Gatte erschien ihr als der Ungetreue , nicht ihre Schwester war ihr eine Schuldige , nein , sie selbst war ungetreu und schuldig in ihren Augen . Sie hatte sich nicht bewährt , hatte sich über ihre Kraft vermessen , und Gott hatte sie verworfen . Diese Überzeugung befestigte sich unumstößlich in ihrer Brust . Und da ihr im Bunde mit Daniel die Musik ein Göttliches geworden war , erblickte sie jetzt , wo dieser Bund zerstört war , das Gefährliche und zu Meidende wie ehedem darin , und sie verstand es also , warum ihr Gefühl stumm geblieben war . Doch wollte sie sich eine letzte Gewißheit verschaffen . Eines Morgens ging sie zu Daniel hinauf und bat ihn , ihr eine Stelle aus der » Harzreise « vorzuspielen , den Schluß des langsamen Mittelsatzes , der sie immer ganz besonders ergriffen hatte . Ihre Bitte klang so dringlich , ja angstvoll , daß Daniel ihr willfahrte , trotzdem er keineswegs in der Stimmung war . Indes Gertrud zuhörte , wurde sie bleicher von Minute zu Minute . Alles bestätigte sich furchtbar ; was früher Wonne gewesen , war nun Qual ; die Töne und Harmonien wirkten wie etwas Ätzendes auf ihr Inneres , und der Schmerz , den sie empfand , war so ungeheuer , das sie nur mit großer Selbstbeherrschung imstande war , aufrechten Schrittes das Zimmer zu verlassen . Voll Unruhe schaute ihr Daniel nach . Als sie unten angelangt war , vernahm sie ein wunderlich klingendes Geräusch aus ihrer Kammer . Sie ging hin und sah , daß die kleine Agnes in die Ecke des Raumes gekrochen war , wo die Harfe stand und mit einem Messinglöffelchen emsig gegen die Saiten schlug , wobei sie freudig lallte . Gertrud spürte einen unbestimmten Schrecken ; sie packte die Harfe und schleppte sie in die Küche hinaus , und dort schraubte sie die Saiten aus dem Rahmen , rollte sie zusammen , versteckte sie in eine Schublade und trug den leeren Rahmen in die Rumpelkammer auf den Dachboden . » Was soll ich tun ? « flüsterte sie vor sich hin und sah sich hilfesuchend auf dem Dachboden um . Sie hatte Sehnsucht nach Frieden , und hier schien es ihr friedlich , darum blieb sie eine Weile und lehnte sich mit geschlossenen Augen an einen Balken . Was soll ich tun ? fragte sie sich Tag und Nacht . Ich kann meinem Mann nichts mehr sein ; nur des Kindes halber ihm im Weg zu stehen , dazu habe ich kein Recht , argumentierte sie . Sie sah , wie er litt und wie Lenore litt , jedes durch sich selbst und eins durchs andere und dann noch durch die Gemeinheit der Menschen , da dachte sie : wär ich nicht da , alles wäre gut . Ihr dünkte , ja , sie war endlich dessen sicher , daß alle Wahrheit , die er ihr gegeben , nur den Zweck gehabt hatte , die eine Lüge zu übertünchen , die sie glauben lassen sollte , ihr Dasein sei eine Notwendigkeit für ihn . Das Gewicht dieser Lüge drückte ihn zu Boden , das wußte sie , und sie wollte ihn davon befreien ; aber wie , das wußte sie nicht . Und wenn Daniel und Lenore einander in Ehren angehörten , dann standen sie auch vor der Welt gerechtfertigt da , vor der Welt und vor Gott ; aber wie das zu erreichen wäre , wußte sie nicht . Und sie suchte und suchte , mit schwerfälligen , jedoch beharrlichen Gedanken . Es war , als liefe sie fortwährend um einen Punkt im Kreise herum und könne nichts anderes tun als auf diesen einen Punkt starren . Jeden Morgen um fünf Uhr stand sie auf und ging in die Kirche . Sie betete mit einer Leidenschaft , die ihr Herz physisch erschöpfte . Eines Morgens kniete sie noch verzweifelter als sonst am Altar , da glaubte sie plötzlich ein Stimmchen zu hören , welches ihr zurief : du mußt dich umbringen . Sie fiel in Ohnmacht , und Leute eilten herbei , die ihre Stirn mit Wasser benetzten . Da konnte sie aufstehen und nach Hause gehen . Ein eigentümlich weher und verträumter Zug lag um ihren Mund . Sie wollte sticken , sie erinnerte sich , daß ihr diese Beschäftigung , als sie noch Mädchen gewesen , die beklommensten Gedanken verscheucht hatte . Aber jedes Gewebe ihrer Hand wurde zu dem Spruch : du mußt dich umbringen . Schluchzend sank sie an der Wiege der kleinen Agnes hin , aber das Kind sagte deutlich : du mußt dich umbringen , Mutter . Lenore trat zur Tür herein ; um ihre Stirn leuchtete genossenes Glück , ihr ganzer Leib war Glück , ihre Lippen zitterten vor Glück , und ihre Augen sprachen : du mußt dich umbringen , Schwester . Philippine stand am Herd und raunte es in die Kohlenglut : bring dich um , Gertrud , und der Vater holte sich seinen Teller mit Essen , bedankte sich schüchtern und murmelte im Hinausgehen : bring dich um , Tochter , glaub mir , es ist das beste . Ging sie an einem Brunnen vorüber , so zwang es sie an den Rand , und die Tiefe lockte mächtig . Aus jedem Becher , den sie hielt , um zu trinken , schaute ihr Ebenbild sie an mit Blicken von jenseits des Grabes . An einem Sonntag stieg sie auf den Vestnerturm , ihr Auge schweifte mit Abschiedskummer über das ebene Land , und in wohligem Grauen lehnte sie sich über die Brüstung des Fensterchens . Doch der Türmer hatte sie beobachtet und umklammerte gebieterisch ihre Arme . Der Hahn , der krähte , krähte den Tod . Die Uhr , die tickte , tickte den Tod . Der Wind , der wehte , wehte den Tod . Du mußt dich umbringen , du mußt dich umbringen , davon war die Luft voll , die Erde , das Haus , die Kirche , der Morgen , der Abend und der Traum . Im April wurde Lenore krank und bekam das Fieber . Gertrud wachte Tag und Nacht an ihrem Bett und pflegte sie mit Aufopferung . Aus Angst um Lenore irrte Daniel verstört umher , und wenn er an ihr Lager trat , hatte er für Gertrud keinen Blick . Als es Lenore besser ging , legte sich Gertrud zum Schlafen nieder , denn sie war sehr müde . Sie konnte aber nicht schlafen , und sie stand wieder auf . Mit bloßen Füßen ging sie in die Küche , wußte jedoch nicht , was sie dorten solle . Es war nur die brennende Unruhe ihres Herzens gewesen , die sie von ihrem Lager aufgescheucht hatte . Die Glieder waren ihr so schwer , aber an keinem Platz mochte sie weilen . Später kam Daniel aus der Stadt und brachte ihr eine silberne Spange , die er an ihrem Handgelenk befestigte . Hierauf berührte er ihre Stirn mit den Lippen und sagte : » Ich danke dir , daß du so gut zu Lenore warst . « Gertrud blieb wie angewurzelt stehen . In ihrem Innern schrie es fortwährend ; es war , als wälze sich in ihrer Brust ein tödlich verwundetes Tier in seinem Blut . Daniel war schon längst in seiner Stube , aber sie stand noch immer . In düsterer Bedächtigkeit löste sie die Spange wieder von ihrem Gelenk , und sie glaubte ein häßliches Mal dort wahrzunehmen , wo das Metall die Haut berührt hatte . Sie ging in ihre Kammer , öffnete das Spind und vergrub das Schmuckstück tief unter einem Stoß weißer Wäsche . Sie hatte nur den einen Wunsch , zu schlafen . Aber sobald sie die Augen zumachte , begann ihr Herz mit verdoppelter , verdreifachter Geschwindigkeit zu klopfen . Dann mußte sie , nach Atem ringend , in der Stube auf- und abgehen . 18 Ein paar Tage später geschah es , daß sie bei strömendem Regen ziellos in den Straßen herumlief . Jeden Augenblick fürchtete , hoffte sie , umzufallen und nichts mehr von sich und der Welt zu wissen . An zwei Kirchen war sie vorüber gekommen ; die Tore waren versperrt gewesen . Es dämmerte schon , da kam sie zur Pflaumschen Apotheke . Sie schaute durch die Glastüre in den Laden . Der Provisor Seelenfromm stand an dem langen Tisch und rieb eine Mixtur in einem Mörser . Endlich ging sie hinein und fragte den Provisor , ob er ihr kein Schlafmittel verkaufen könne . Er antwortete , ja , das könne er und was es denn sein solle . » Eines , bei dem man halt recht lang nicht mehr aufwacht , « sagte sie und lächelte ihm zu , um ihn ihrer Bitte geneigt zu machen . Es war das erste Lächeln , das seit vielen Tagen ihr abgehärmtes Gesicht verschönte . Der Provisor wollte ihr eben ein Mittel vorschlagen und setzte sich hierzu in eine etwas eitle Positur , da er die Gelegenheit benutzen wollte , um ein wenig mit der von ihm bewunderten Frau zu scharmuzieren , da kam der Apotheker selbst , und als er vernommen hatte , worum es sich handelte , warf er einen durchdringenden Blick auf Gertrud und sagte : » Gehen Sie nur erst zum Doktor , liebe Frau , und lassen Sie sich was verschreiben . Ich habe mit solchen Sachen schon mancherlei Unannehmlichkeiten gehabt . « Als Gertrud sich endlich bis nach Hause geschleppt hatte , saß Philippine an der Wiege der kleinen Agnes und schaukelte die Wiege unter leisem Gesumm . » Wo ist denn Lenore ? « fragte Gertrud . » Wo soll sie sein , « erwiderte Philippine gehässig , » bei deinem Mann droben . « Gertrud hörte , daß Daniel Klavier spielte . Sie hob lauschend den Kopf . » Sie hat gesagt , ich soll sie nach Glaishammer begleiten , « fuhr Philippine fort , » sie will zu einer Waschfrau gehn , die soll für euch waschen . « » Ach , wozu brauchen wir denn eine Waschfrau , « antwortete Gertrud müde , » dazu sind wir ja zu arm . Das kostet ja alles Geld . Alles ein Stück Herzblut von Daniel . Nein , laß das nur . Geh nicht nach Glaishammer . Ich will selber waschen . « In derselben Sekunde wußte sie aber schon , daß sie nie mehr waschen werde . Die Lampe brannte so traurig , das Kindergesichtchen lugte so blaß aus dem Linnen , Philippine kauerte so unheilvoll auf der Erde , aber das war nur jetzt , nur jetzt , sie konnte das alles mit hinauftragen in eine bessere Welt . Sie beugte sich über das schlafende Kind und küßte es lange , lange , mit heißen Lippen , inbrünstig . Eine lauernde Unruhe malte sich in Philippines Zügen . » Du , Gertrud , du kommst mir aber spanisch vor , « sagte sie . Gertrud ging in Lenores Stube hinüber ; zitternd stand sie im Finstern und überlegte . Manchmal zuckte sie zusammen , weil sie Schritte vernahm und das Öffnen der Tür erwartete . Die Ungeduld , die sie fühlte , war kaum mehr auszuhalten . Da erinnerte sie sich des Dachbodens und wie still es neulich droben gewesen war . Dort konnte sie keiner stören . Sie beschloß hinaufzugehen , und auf dem Weg ging sie noch in die Küche und nahm eine dicke Schnur mit , die von einem Zuckerhut stammte . Als sie an Daniels Zimmer vorbeikam , sah sie , daß die Tür halb offen war . Er spielte noch , zwei Kerzen standen auf dem Klavier , Lenore war an der Seite hingelehnt , hatte den Kopf auf den Arm gestützt und trug ein Kleid von kargem Blau , welches an ihrer schönen Gestalt ruhig herabfloß . Mit großen Augen betrachtete Gertrud dieses Bild . Ein unsägliches Drängen , ein Emporlangen und schmerzliches Zurücksinken lag in Daniels Spiel . Gertrud ging unhörbar weiter , ins Dunkel hinauf , und tastend fand sie sich zurecht . 19 Als eine halbe Stunde verflossen war , begann sich Philippine über das Ausbleiben Gertruds zu wundern . Sie schaute im Wohnzimmer nach , dann in Lenores Zimmer , dann eilte sie die Stiege hinauf und spähte durch die offene Tür in Daniels Stube . Daniel hatte aufgehört zu spielen und unterhielt sich mit Lenore . Philippine kehrte um ; auf der Stiege begegnete ihr der Inspektor , der von seinem abendlichen Gang nach Hause kam . Sie zündete eine Kerze an und schaute in der Küche nach . Gertrud war nicht drinnen . Es regnet doch , und ihr Mantel hängt am Halter und ihr Schirm steht da , fortgegangen kann sie also nicht sein , dachte Philippine . Sie setzte sich auf das Küchenbänkchen und starrte vor sich hin . Etwas gräßlich Ahnungsvolles war in ihr . Sie witterte ein Unglück in der Luft . Abermals war eine halbe Stunde vergangen , da erhob sie sich mit der brennenden Kerze in der Hand , und es jagte sie hin und her , von der Stiege in die Stuben und zurück . Plötzlich fiel ihr der Dachboden ein . Als sie sich des Aussehens Gertruds entsann , wie sie das Kind geküßt hatte , fiel ihr der Dachboden ein . War doch in jedem Hause und in diesem besonders , der Dachboden der Raum , der die größte Anziehung auf sie ausübte und den ihre lichtscheuen Phantasien stets zum Schauplatz erwählten . Rasch und geräuschlos stieg sie hinauf . Sie hielt den Leuchter vor sich her , starrte gegen den Balken , an dem eine Gestalt in Frauenröcken hing und drehte sich mit einem erstickten Gurgellaut rund um ihre Achse . Es erfaßte sie eine Art von Trunkenheit , ein fürchterlicher Trieb zu tanzen , und sie erhob das eine Bein , während die Zähne krampfhaft an den Nägeln der rechten Hand herumbissen . Gleichzeitig dünkte es sie , als befehle ihr jemand mit starker Stimme : Zünde an ! Zünde an ! Neben der Kaminmauer war ein Haufen von Papier und alten Zeitungen . Sie stürzte auf die Knie und schrie . » Lichterloh ! « schrie sie , » lichterloh ! « Dann stieß sie Laute aus , die wie Huhu und ioi-ioi klangen , halb schaudernd und halb jauchzend . Der Papierhaufen flammte auf , dann lief sie mit markerschütterndem Gebrüll die Stiegen hinunter . Ein paar Minuten später war das Haus in Aufruhr . Daniel stürzte die Treppe empor , hinter ihm Lenore . Aus den tiefer gelegenen Wohnungen kamen die Frauen und kreischten nach Wasser . Daniel und Lenore kehrten um und schleppten ein großes mit Wasser gefülltes Schaff hinauf . Schon wurde auf dem Platz Feuer gerufen , fremde Männer drangen ins Haus , und mit Hilfe der vielen Arme wurde der Brand im Keim gelöscht . Der Inspektor war es , der die tote Gertrud zuerst entdeckte . In Glut und Asche stehend , brach er mit dumpfem Seufzen , wie von einem Beilhieb getroffen , zusammen . Die fremden Männer trugen den Leichnam herab , an dem die angesengten Kleider noch rauchten . Philippine war verschwunden . Lenore 1 Es war nun alles vorüber . Der Besuch des Doktors war vorüber und der des Totenbeschauers ; die Nachschau der behördlichen und der Feuerkommission ; die Verhöre , die Protokollierungen , die Feststellungen . Die Ursache des Brandes blieb unaufgeklärt ; kein Schuldiger war zu finden . Philippine Schimmelweis hatte beteuert , die Flamme habe schon gelodert , als sie den Dachboden betreten . So nahm man an , die Selbstmörderin habe in ihren letzten Lebensminuten eine brennende Kerze umgestoßen . Auch der Zudrang der Bekannten und der guten Freunde war vorüber . Dürre Gemüter übten sich in wohlfeilem Mitleid mit dem Kapellmeister Nothafft . Daß einer , der den Kopf so hoch getragen , ihn nun zur Erde beugen mußte , erweckte Befriedigung . Der bestrafte Übeltäter gewann wieder öffentliche Gunst . Damen der besseren Kreise erörterten die Frage , ob ein Verhältnis , welches mit Fug als ein verbrecherisches hatte bezeichnet werden müssen , so lange die arme Frau am Leben gewesen , nach Ablauf der gebührenden Frist zu einem gesetzlichen werden würde . In kupplerischer Milde waren sie entschlossen , alles Vergangene zu vergeben , im Falle dieses geschah . Und das Leichenbegängnis war vorüber . An einem stürmischen Tag war Gertrud in Sankt Johannis begraben worden . Der Pfarrer hatte eine Predigt gehalten , die Leidtragenden hatten ihre Hände frierend in die Manteltaschen und Müffe gesteckt . Als der Sarg in die Erde gesenkt wurde , rief der Inspektor Jordan : » Lebwohl , Gertrud ! Auf Wiedersehn , mein Kind ! « Ein Mann drängte sich bis an den Rand des offenen Grabes vor . Das war Herr Carovius . Er stierte über seinen Zwicker hinweg den Inspektor und Daniel und Lenore an . Es schien ihm , daß die letztere in ihrer Blässe und mit dem schwarzen Gewand schöner sei als die schönste Madonna , die je ein Italiener oder Spanier auf eine unvergängliche Leinwand gezaubert . Er wandte erschrocken den Blick ab und wäre beinahe über die aufgeworfene Erde gestolpert . Im Hinblick auf die Haltung Daniels sagte der Apotheker Pflaum : » Ich hätte mehr Gram und Trauer erwartet , nicht solche Verbissenheit . « » Ein harter Mensch , ein äußerst harter Mensch , « bemerkte der Provisor Seelenfromm in seinem Schmerz . Es wurde Daniel arg verdacht , daß er die Herren und Damen vom Theater , die sich vollzählig auf dem Kirchhof eingefunden hatten , mit barschem Hochmut behandelte . Als ihm mehrere die Hand reichten , nickte er nur kurz und verkniff die Augen hinter den kreisrunden Gläsern der Brille , die er seit einiger Zeit trug . Der Amtsrichter Kleinlein sagte : » Er sollte dankbar sein für die christliche Bestattung , denn die behauptete Sinnesverwirrung der Frau ist trotz dahingehender Zeugenschaften durchaus nicht einwandfrei erwiesen . « Lenore blickte in das offene Grab . Sie dachte : Schuld häuft sich auf , tiefe , tiefe Schuld . Alles dies war jetzt vorüber . Daniel und Lenore und der alte Jordan waren in ihr Haus zurückgekehrt . 2 In den Stuben war ihnen öde zumut . Der Inspektor schloß sich in seine Kammer ein . Nur noch selten trat er seine abendlichen Gänge an , und seine Rockärmel und seine Hosenenden bekamen immer längere Fransen . Er verfiel ; sein Haar wurde schlohweiß , sein Schritt unsicher , und sein Auge erlosch . Aber er war niemals krank , er beklagte sein Schicksal nie . Er war ein stiller Kostgänger , ein stiller Mann . Lenore zog wieder zum Vater hinauf , und Daniel bewohnte wieder sein Zimmer neben der Eßstube . Auf einmal war so viel Raum geworden ; er wunderte sich , daß das Fortgehen eines einzigen Menschen so viel Raum schaffen könne . Den Tag über blieb Lenore bei der kleinen Agnes , bis Philippine kam und sie ablöste . Dort arbeitete sie auch . Wenn sie mit dem Schreiben fertig war , mußte sie sich um die Wirtschaft kümmern . Sie konnte nicht kochen und hatte auch eine Abneigung dagegen , es zu lernen . Deshalb hatte sie es eingerichtet , daß dreimal in der Woche eine Frau kam , die jedesmal für zwei , am Montag für drei Mittage das Essen bereitete . Die Frau war bescheiden und verlangte nicht viel . Die aufgehobenen Speisen brauchten dann nur gewärmt zu werden , und am Abend gab es Wurst und Butterbrot . Es war eine praktische Anordnung , aber niemand lobte sie dafür . Zuerst hatte sie auch die Nächte bei dem Kind verbracht , in Gertruds Kammer . Sie ertrug es bloß drei Wochen lang . Entweder konnte sie kein Auge schließen , oder sie hatte die schrecklichsten Träume . Da nahm sie das Kind am Abend mit in ihre eigene Stube und machte ihm ein Bettchen auf dem Sofa . Das Kind war oben viel unruhiger als dort , wo es früher gewesen , und Lenore merkte wohl , daß sie bei einem so aufreibenden Leben von Kräften kam . Oft in der Nacht , wenn sie bang und matt das weinende Kind in den Armen hielt , faßte sie den Vorsatz , mit Daniel zu reden , aber sobald es Tag geworden , konnte sie es nicht über sich gewinnen . Ihr dünkte , als ermahne sie Gertruds Stimme aus dem Land der Toten zur Geduld . Indes fühlte sie mit Angst die Zeit nahen , wo sie der harten Pflicht erliegen mußte , und da erschien wieder Philippine als Helferin . 3 Im Anfang , als Jason Philipp erfahren hatte , daß Philippine täglich zu den Jordanschen Töchtern ging , hatte er ihr diesen Verkehr streng untersagt und zu wiederholten Malen . Philippine kümmerte sich nicht darum und tat , was ihr beliebte . » Ich schlag dich tot , « schrie Jason Philipp das Mädchen an . Philippine zuckte die Achseln und lachte frech . Da sah Jason Philipp , daß eine erwachsene Person vor ihm stand ; er fürchtete sich vor dem tückischen Blick seiner Tochter . Lange wußte er nicht , was sie zu seinen Feinden trieb ; dann kam er dahinter , daß sie in der Nachbarschaft , bei Bekannten und Fremden , überall , wohin sie den Fuß setzte , die boshaftesten Gerüchte über Daniel und dessen Familie ausstreute . Nun wurde er zahmer und wollte auch etwas von dem Ohrenschmaus abkriegen . Bisweilen ließ er sich herbei , mit Philippine ein Gespräch anzuknüpfen , und wenn sie ihm ihre Neuigkeiten erzählte , freute er sich diebisch . » Der Tag wird auch noch kommen , wo ich mein Mütchen an dem Musikemacher kühlen kann , « sagte er . Therese lag noch immer im Bett . Willibald mußte ihr in seinen freien Stunden vorlesen , entweder aus der Zeitung oder aus einem Schundroman . War sie allein , so starrte sie regungslos gegen die Zimmerdecke . Dann kam die Zeit , wo Willibald die Schule verließ und zu einem Fabrikanten nach Fürth in die Lehre gegeben wurde . Es war kein Zweifel , daß er einer von den pflichttreuen und nüchternen Arbeitsmenschen werden würde , die der Stolz ihrer Eltern sind und mit jedem Jahr um dreißig Mark Gehalt mehr auf der sozialen Stufenleiter emporsteigen . Der einäugige Markus trat in die väterliche Buchhandlung und wußte alsbald in der Romanliteratur von Dumas und Luise Mühlbach bis Ohnet und Zola Bescheid , und in den populären Wissenschaften von Darwin bis Mantegazza . Sein Gehirn war ein Bücherkatalog und sein Mund ein Orakel des Geschmacks von der letzten Ostermesse . Aber er liebte die Bücher nicht nur nicht , sondern all das gedruckte Zeug erschien ihm als ein lustiger Betrug an Leuten , die nicht wissen , was sie mit ihrem Geld anfangen sollen . Der Kommis Zwanziger hatte die Witwe eines Käsehändlers geheiratet und betrieb einen Laden auf der Regensburger Chaussee . » Ein miserabler Geschäftsgang , « äußerte sich Jason Philipp bei jedem Wochenabschluß . » Ich war Zeit meines Lebens ein zu großer Idealist , « pflegte er hinzuzufügen ; » hätt ich mich mehr für mein eigenes als für das Wohl der andern eingesetzt , ich stünde heute nicht so belämmert da . « Und er ging ins Wirthaus und politisierte . Er hatte sich allmählich zu einem richtigen Querulanten herausgebildet , dem niemand etwas recht machte , weder die Regierung , noch die Opposition . Wenn man ihn hörte , mußte man glauben , daß die Gegensätze sich mit Notwendigkeit auf einen geistigen Zweikampf zwischen dem Fürsten Bismarck und Jason Philipp Schimmelweis zuspitzten . Als der Kaiser Wilhelm starb , trug Jason Philipp eine Miene zur Schau , wie wenn er demnächst das Reichskanzlerpalais beziehen sollte , und als wenige Monate später in diesem denkwürdigen Jahr auch der Kaiser Friedrich seinem Leiden erlag , glich Jason Philipp dem Steuermann , von dessen Unerschrockenheit allein die Rettung des vom Sturm umhergeworfenen Schiffes abhängt . Geborene Helden erobern stets ein Forum , wo sie sich betätigen können ; hat sie das öffentliche Leben zurückgestoßen , so finden sie in der Kneipe ein freundliches Element . Eines Tages erhob sich Therese von dem Lager , auf welchem sie fünfzehn Monate verbracht hatte und schien plötzlich wieder gesund . Der Arzt sagte , es sei der eigentümlichste Fall , der ihm je untergekommen . Jason Philipp erwiderte : » Das ist der Triumph einer guten Konstitution . « Und er ging ins Wirtshaus , trank Bier , hielt zündende Reden und spielte Skat . Aber Therese stand auf nicht wie eine Frau von sechsundvierzig Jahren , so viel zählte sie , sondern von siebzig . Sie hatte nur noch spärliche graue Haare auf dem viereckigen Kopf , ihr Gesicht war voller Runzeln , ihr Auge hart und kalt . Von der Zeit an schien sie jedoch nicht weiter zu altern ; sie keifte nicht mehr , traf ihre Verfügungen kurz und bestimmt und betrachtete die wachsende Verarmung mit Ruhe . Heringe , Kartoffeln und Kaffee bildeten ihre Nahrung ; auch Philippine und Markus bekamen nichts anderes ; Markus , als der ihrem Herzen Nächste , durfte sich ein Stück Zucker zum Kaffee nehmen , das war der ganze Unterschied . Auch Jason Philipp wurde auf schmale Kost gesetzt . Er wagte nicht aufzumucken . Eine Weile sah Philippine dies mit an ; endlich sagte sie zu ihrer Mutter : » Ich mag die Zichorienbrüh nimmer . « » Dann sauf Wasser , « entgegnete Therese . » Nein , in Dienst will ich gehen , « sagte Philippine . » So geh in Dienst , « war die Antwort ; » ein Maul weniger . « » Deine Tochter will in Dienst gehen , « meldete sie , als Jason Philipp nach Haus kam . Jason Philipp hatte im Kartenspiel verloren . » Meinetwegen geht sie zum Teufel , « erwiderte er übellaunig . Am Morgen schlich Philippine auf den Dachboden und holte ihre Barschaft aus dem Loch in der Mauer . Es waren neunhundertundvierzig Mark , zumeist in Goldstücken , die sie im Lauf der Jahre gegen die Kleinmünze umgewechselt hatte . Durch die offene Luke fiel die Junisonne in ihr Gesicht , das niemals jung gewesen war und das nun vor der Beute langjähriger Verbrechen wie das einer Hexe aussah . Sie steckte das Geld in einen mitgebrachten Wollstrumpf , wickelte diesen zu einem Knäuel und schob ihn in ihr Korsett zwischen die Brüste , wobei sie sich bekreuzigte und einen ihrer albernen Heilsprüche murmelte . Ihre Kleider , Bänder und sonstigen Besitztümer hatte sie schon in einem Korb verpackt ; den trug sie die Stiege hinunter , und ohne von jemand Abschied zu nehmen , verließ sie das Haus . Ihr Bruder Markus stand mit gespreizten Beinen im Sonnenschein vor der Ladentüre und pfiff ein Liedchen . Er blickte sie mit seinem einzigen Auge an und lächelte höhnisch . » Gute Wanderschaft ! « rief er ihr zu . Philippine drehte den Kopf gegen ihn und sagte : » Du Gezeichneter , du , auf dir ist kein Segen . Dir wird ' s noch rotzig schlecht ergehn , das merk dir . « So also kam sie zu Daniel . Sie sagte : » Ich will bei dir bleiben ; brauchst nichts zu zahlen , wennst nicht kannst . « Daniel hatte es längst gespürt , daß Lenore den Anstrengungen nicht mehr gewachsen war , die durch die Umstände an sie gestellt wurden . » Willst du das Kind pflegen und bei ihm schlafen ? « fragte Daniel Philippine . Philippine nickte . Sie schaute zu Boden . » Wenn du dich seiner annimmst und es treulich meinst mit ihm und mir , das wollt ich dir danken , « sagte er aufatmend . Da schlug Philippine die Hände vors Gesicht , und es schüttelte sie von oben bis unten . Nicht als ob sie geweint hätte ; es war etwas viel Düstereres denn Weinen . Eine dämonische Gewalt schien sie zu durchwühlen , ein gespenstischer Traum sie in einem Augenblick höheren Bewußtseins schrecklich anzufassen . Sie kehrte sich um und trottete in die Kammer , wo das Kind war und mit einem hölzernen Pferdchen spielte . Sie setzte sich auf einen Schemel und starrte versunken auf das ruhelose kleine Wesen nieder . Daniel blieb stehen und sah ihr trübe sinnend nach . 4 Während einer Probe zur Traviata herrschte Daniel die Sängerin Varini an : » Achten Sie auf den Einsatz und rennen Sie nicht aus dem Tempo . Es ist ja um verrückt zu werden , wie schamlos Sie in die Galerie hinaufquietschen ; das soll doch Gesang sein und nicht Beifallsgebettel . « Die Sängerin trat hochbusig an die Rampe . Ihre beleidigte Würde bildete etwas wie einen Pfauenschweif rund um ihre Hüften . » Wie können Sie es wagen ? « schmetterte