, als male er . Norinas Blick wurde um ein weniges heller . Sie sah seine Bilder . Von Trouville erzählte er dann , wo um die hochhackigen Schuhe geschminkter Frauen der weiche weiße Seesand sich schmiegt , in überladenen Kasinosälen das Gold über die grünen Tische rollt , wo der Wind wütend das nordische Meer mit seinen immer graugrünen kalten Wellen peitscht und an den Schleiern der Schönen unwirsch zerrt , wo von den prunkenden Villen auf der Höhe enge schmutzige Gassen herunterführen , in denen die teuersten Dirnen der Welt sich ausstellen . Er machte eine Pause und sah zu Norina hinüber . Ihr Mund verzog sich - aber sie lauschte . » An Italiens Meer , Signora , floh ich von dem strengen Gestade , « fuhr er fort , » dahin , wo seine dunkelblauen Wogen San Marcos heilige Füße küssen , wo große Künstler , voll Ehrfurcht vor der Natur , nicht wagten , im Angesichte ihrer Majestät etwas anderes zu bauen als Dome und Paläste . Und Italiens Frauen sah ich wieder , vom sonnendurchglühten Wasser die schlanken Glieder umschmeichelt , geschmückt mit der Fülle unserer Blumen - « Er verstummte , von der eigenen Leidenschaft erschüttert . Auf Norinas Wangen lag purpurne Röte . Da brach ein Glas klirrend entzwei ; Giovannis zitternde Hände hatten es beim Einschenken umgestoßen . Später als es ihre Gewohnheit war , zog sich Norina an jenem Abend zurück , und es war , als ob ihr Fuß noch auf der Schwelle zögere . Auf dem Flur schlich ihr der Alte nach , und im Augenblick , da sie die Türe ihres Schlafzimmers öffnen wollte , warf er sich ihr , wild aufheulend , in den Weg . » Hundert Jahre diente ich , Monna Lavinia - hundert Jahre - « schluchzte er , ihre Knie umklammernd . Ein Gefühl , aus Ekel und Mitleid gemischt , kräuselte ihre Lippen . » Armer Narr - « sagte sie und befreite sich mit einer einzigen Bewegung von den dürren Armen , die ihr den Eingang wehrten . Kaum war sie hinter der Türe verschwunden , als er sich ächzend aufrichtete . » Armer Narr , sagst du - « murmelte er , während die tausend Falten auf seinem Gesicht sich verzerrten und seine Gestalt sich reckte , » weh mir , daß ich weiser bin als alle . « Am nächsten Tage bediente er nicht bei Tisch . Da und dort hatte man ihn im Schlosse schlürfen hören , aber niemand bekam ihn zu Gesicht . Auch Norina blieb auf ihrem Zimmer . » Fühlst du dich nicht wohl , geliebte Frau ? « frug Konrad , dem sie ihren Entschluß ohne Begründung hatte mitteilen lassen . Mit einem langen zärtlichen Blick - dem ersten seit vielen Wochen - sah sie ihm gerade ins Gesicht . » Ich darf mich nicht so viel erinnern , Konrad , « und ganz schwer , wie belastet von Gedanken , fiel jedes Wort aus ihrem Munde . » Seit mir das Kind nicht blieb , bin ich so fremd geworden - mir selbst - dir - allen ! Hilf du mir , « - flehend und wie von Angst geweitet , ruhten ihre Augen auf ihm , - » daß ich nicht noch weiter fort muß . « Von ungeweinten Tränen geschüttelt , barg sie den Kopf an seiner Schulter . Und er preßte sie an sich , von neuer , heißer Hoffnung durchströmt , daß sie ihm wieder gehören würde . Warburg atmete förmlich auf , als er erfuhr , daß Norina zum erstenmal von ihrem Unglück gesprochen hatte . » Jedes Redenkönnen ist schon eine Befreiung , « sagte er , » nur das tiefste Leid , das noch unerlöste und nicht zu erlösende , bleibt stumm . « Während Konrad mit seinen Gästen bei Tische saß - eine gequälte Tafelrunde , bei der schließlich keiner mehr sich die Mühe gab , ein Gespräch aufrechtzuerhalten - betrat Norina die kleine Kapelle . Die Türe knarrte im Schloß , irgendwo knirschte der Fußboden . Sekundenlang hob sie in erschrecktem Lauschen den Kopf . Niemand sollte ihr folgen . Sie mußte allein sein . Alles blieb still ; was sie noch hörte , war wohl nur das Klopfen ihres eigenen Herzens gewesen . Die Luft im Innern des geweihten Raumes schlug ihr atembeklemmend entgegen , denn seit dem Tage vor der Geburt des toten Kindes war die Kapelle nicht mehr geöffnet worden , und vor Demeter-Maria standen noch in ihren Schalen die armen , welken Frühlingsblüten Italiens ; ihre feuchten , faulenden Stengel , ihre trockenen , verwesenden Blätter breiteten einen Geruch nach Sumpf und Moder aus . Norina aber griff mit einem Blick sehnsüchtigen Verlangens mit beiden Händen in das dürre Laub und preßte es krampfhaft an ihr blasses Gesicht ; in grauen Staub zerfallend , zerrann es zwischen ihren Fingern . An dem kleinen Fenster über dem Altar raschelte es . Wie lebendig funkelnd die roten und blauen Gläser niederstarrten ! » Es sollte vergittert werden - « hatte das nicht einmal irgendwer gesagt ? Ihre Augen , um die sich tiefe Ringe legten , wanderten durch den Raum : wer hatte die bunten Blumenbilder um die Säulen geschlungen ? Gab es noch eine Erde , der sie lächelten ? ! Wer hatte die blaue Wölbung mit den goldenen Sternen darüber gespannt ? Gab es noch einen Himmel , der also leuchtete ? ! Vom Schoße Demeter-Marias schien der üppige Knabe die ganze Welt jubelnd umarmen zu wollen - er hatte die Augen so blau wie die Adria und Haare wie die Sonnenstrahlen , wenn sie Santa Maria del Fiore küßten . Norina brach lautlos zusammen . Das Fenster über dem Altar splitterte . Sie hörte es nicht . Rote und blaue Scherben regneten herab . Sie merkte es nicht . Ein faltiges Greisengesicht erschien in der Öffnung , mit Pupillen in den Augen wie gelber Bernstein . Sie sah es nicht . Von draußen her klangen Schritte . Da horchte sie auf , die Hände krampfhaft ineinander verschlungen . » Sie erreichen den direkten Zug nach Italien , « sagte Konrads Stimme ; die höflich-kühle Warburgs danach : » Werden Sie sich aufhalten unterwegs ? « Und schließlich Vittorio Tendas weicher Bariton : » Nein . Wie könnte ich auch nur eine Stunde verlieren wollen ? « - Norina war aufgesprungen , mit fliegenden Pulsen , glutheißen Wangen - schon griff sie nach der Türe , da zuckte ihre Hand , als hätte sie in Feuer gefaßt , zurück , ihre Augen starrten entgeistert . Der Kopf zwischen dem Fensterrahmen über dem Altar verschwand . Ein Strom fahlen , weißen Lichtes zerschnitt die warme Dämmerung der Kapelle . Aufstöhnend schwankte Norina dem Altar zu . Hart schlug ihr Kopf auf die Stufe . Und die Pforte sprang auf mit beiden Flügeln . Und ein Etwas stürzte herein - , und im Nacken Norinas saß ein Dolch . Und rot sprang ihr Blut wie ein Quell über ihre lange , schwarze Schleppe - - - Neuntes Kapitel Vom großen Sterben Die Vögel sangen am frühen Morgen in Busch und Baum , der Bach im Tale rauschte zu ihrer hellen Melodie die tiefe Begleitung . Das war Norinas Grabgesang . Sechs Männer trugen den blumenüberschütteten Sarg durch die Parkalleen . Die kleinen Chorknaben von Vierzehnheiligen mit den Weihrauchbecken schritten voran ; vier greise Priester folgten , wie fremde Könige anzuschauen in den langen , gestickten Gewändern der ehrwürdigen Wallfahrtskirche , und eine Schar schneeweißer Nonnen dann , wie sanfte , verflogene Vögel . Dahinter einer , der allein ging . Es war wie ein weiter , leerer Raum um ihn . Er sah geradeaus mit dunklen , glanzlosen Augen , die still unter den Lidern standen wie die der Blinden . Seine blonden Haare waren hell geworden von den weißen Fäden , die sie durchzogen . Als der älteste unter den Priestern ihn trösten wollte , weil sie ihm entrissen worden war , hatte er ihm staunend ins Antlitz gesehen und gesagt : » Ich bin es ja , der gestorben ist . « Und in der schwarzen Menschenschlange , die sich zum Geleit der Toten langsam hinter ihm durch die grünen Laubgänge schob , war , was er sagte , flüsternd von Mund zu Mund gegangen mit einem einzigen Beben des Grauens . Erde fiel auf den Sarg - dreimal und wieder dreimal und noch einmal und so ins Unendliche fort . Noch monatelang hörte Konrad das Pochen , und meinte die schwarze Scholle zu fühlen , die über ihn rieselte , bis er ganz und gar unter ihrer Decke verschwand . Nur sein Herz wollte zu schlagen nicht aufhören . Trübe Herbstabenddämmerung lag in Frau Sara Rubners grauem Salon . In einen dunkelrot geblümten Kimono gewickelt , hockte sie im Winkel des Sofas und folgte mit den merkwürdig geschlitzten Augen in dem Mongolengesicht dem unruhig auf und nieder schreitenden Warburg . Vom Drama auf Hochseß hatte er erzählt . Jetzt stockte er , tief aufatmend . » Und dann ? « frug sie mit gespannter Miene . » Die Leute im Hof bemerkten noch , wie die Fahne auf dem Turme sank , aber als sie den Alten suchten , war er verschwunden , « antwortete Warburg . » Vergebens durchforschte die Gendarmerie die ganze Gegend . Er hat sich gewiß in irgendeinem Winkel umgebracht . « Und wieder durchmaß er rastlos das Zimmer . » Wollen Sie sich nicht endlich setzen , lieber Freund , « sagte sie gequält . » Ihre Unruhe wirkt wie eine Peitsche auf meine Nerven . « Er ließ sich gehorsam ihr gegenüber in einem der tiefen Sessel nieder . » Verzeihen Sie , ich dachte einen Augenblick nicht an Ihre übergroße Empfindlichkeit . Sie leiden mehr als sonst , Frau Sara ? « Sein forschender Blick blieb auf ihr haften . Sie machte eine rasche , abwehrende Bewegung : » Sprechen wir nicht von mir . Das ist zwecklos . Erzählen Sie mir lieber mehr von Konrad . Ist es Ihr Verdienst , daß er noch lebt ? ! « Warburg legte die Hand über die Augen . Den herben Spott , der in ihrer Frage lag , versuchte er zu überhören . » Er lebt nur - so seltsam das klingt - , um Norina zu neuem Leben zu erwecken . Sie darf nicht sterben - wiederholte er immer wieder . Zuerst wurde Tenda telegraphisch zurückgerufen . Er machte eine Skizze von der Toten und danach ein Bild , das ein wundervolles Kunstwerk ist : eine schwarzgekleidete Frau mit einem zarten weißen Schleier über dem Kopf , den Blick sehnsüchtig und doch entsagungsvoll in eine weite , lachende Landschaft gerichtet . Es ist vielleicht kein Porträt , doch Norinas Erscheinung und ihr Wesen ins Typische , fast Klassische erhoben . Während der Arbeit wich Konrad nicht aus dem Atelier ; die beiden Männer befreundeten sich , und Norina war immer bei ihnen . Mir schien ' s zuweilen , als verscheuchte ich ihre lebendige Gegenwart , - dennoch glaubte ich um Konrads willen bleiben zu müssen . « Frau Sara Rubner saß noch immer auf demselben Platz . Sie hatte die Arme um die hochgezogenen Knie geschlungen und starrte vor sich hin . » Wir alle , die wir uns selbst zum Mittelpunkt wurden , gehen daran zugrunde , « sagte sie mit abwesendem Ausdruck und fügte leise hinzu , als müsse sie einem unausgesprochenen Einwurf begegnen : » Denn die wir lieben , als gehörten sie uns , sind doch auch nur wir selber . « Draußen ging die Eingangspforte . Sie sprang auf , und sah mit kaum beherrschter sehnsüchtiger Erwartung zur Türe . Auch Warburg erhob sich . Gerhard Fink trat ein . » Pardon - ich störe wohl , « sagte er mit einer korrekten Verbeugung ; keine Muskel in seinem glatten , schmalen Sportmannsgesicht zuckte . » Bitte - ich war im Begriff zu gehen , « entgegnete Warburg eisig . » Lassen Sie sich ja nicht stören , um so weniger , als ich mich nur verabschieden wollte , « warf der andere ein . Frau Rubner preßte ihre großen weißen Zähne in die Unterlippe : » Sie fahren ? « » Zu den Eltern , heute abend noch , « und mit abermaliger leichter Verbeugung , wobei ein fast unmerklicher , prüfender Blick von einem der Zurückbleibenden zum anderen flog , ging er wieder . Sie trat zurück , Warburg den Rücken drehend , und zerzupfte langsam die gelben Blüten einer langstieligen Orchidee , die in brauner Bronzevase auf dem Tische stand . » Wird er - ? ! « frug Warburg leise . Sie nickte : » Ich habe eine Entscheidung verlangt . Ob er sie bringen wird ? ! - Sagte ich Ihnen schon , daß die Albatroßwerke ihm einen glänzenden Posten angeboten haben ? « Und sie lachte rauh und mißtönig . » Sie wissen , daß Sie immer auf mich rechnen können - immer ! « rief Warburg , einen leidenschaftlich-pathetischen Klang in der Stimme , der ihm sonst fremd war . Sie wandte sich ihm wieder zu : » Ich weiß , « ihre Hand streckte sich ihm entgegen , » aber im Allerheiligsten der Seele und im Schwersten des Erlebens bleibt man doch immer allein . « Dann wechselte sie rasch , wie auf der Flucht vor intimerem Gespräch , den Ton : » Baron Hochseß kommt morgen , wie Sie sagten ? « » Er hat sich jedenfalls für einen dieser Tage bei Bernhard angemeldet , um seine Denkmalsentwürfe zu sehen . « Es zuckte spöttisch um ihren Mund . » Sagen Sie selbst , lohnt sich ein Leben , das nur noch mit solchen Nichtigkeiten erfüllt ist ? « sagte sie , um nach einer kurzen Pause hastig fortzufahren : » Nun aber gehen Sie , lieber Freund , gehen Sie ! Wir geraten sonst in Gefahr , Ausgrabungen vorzunehmen , in denen man Welten erwartet und Scherben findet . « Und fast gewaltsam schob sie ihn zur Türe hinaus . Auf den Wegen der Erinnerung ging Konrad Hochseß ; er ging allein . Denn niemand wußte , daß er in Berlin war , und keiner hätte ihn erkannt , der ihm begegnet wäre . Er war noch nicht dreißig Jahre , aber seine Züge hatte das Schicksal so herb und hart gemeißelt , als bliebe nun nichts mehr übrig , in sie einzugraben . Seltsam , wie alles , was er sah und hörte , ihm fern und fremd und tot erschien , während nur Eins ihm wahrhaft lebte : die Tote . Es gab Augenblicke , wo er vor sich hinlächelte in Gedanken an die Armen ringsum , die nicht wußten , wie reich er war in ihrem Besitz . Dann freilich gab es andere , wo ihn die ungeheure Einsamkeit überkam , jene erhaben-fürchterliche Einsamkeit der Gletscher , die nichts kennt als Fels und Eis und Schnee , und zuweilen den Schrei des Adlers um ihre Gipfel . Während der vergangenen Monate hatte er Zeiten gehabt , wo er meinte , das Leben riefe nach ihm , und ein Fahnenflüchtiger , der Ehre und der Freiheit verlustig , würde er sein , wenn er sich dem Befehl widersetzte . Nun sah er mit einem Gefühl , aus Selbstqual und Genugtuung gemischt , daß ihn das Leben nicht hatte rufen können , - weil es nicht da war . Beim Wandern zu den Stätten seines vergangenen Daseins kam er dorthin , wo Gina gläubigen Herzens den alten Zauberer gesehen hatte , der die Sterne in seiner großen Kuppel fing . Aber der kleine stille Platz war nicht mehr , und der alte Garten , der einst die Sternwarte dicht umschlossen hatte , lag begraben unter den schweren Pflastersteinen und dem grauen Asphalt der neuen Straße . Hier suchte niemand mehr nach den Sternen . Also war das Leben tot . Irgendwo in der Stadt fesselte ihn die Auslage eines Spielwarengeschäftes : große Kinderpuppen , wie Else sie einmal geschaffen hatte . Er ging hinein und sah genauer zu : sie hatten gleichgültige Fabrikwarengesichter , und irgendeine Firma lieferte sie . Sollte er sich näher erkundigen ? Aber was war ihm Else als eine wehmütige Erinnerung mehr , und was , vor allem , vermochte er ihr noch zu bieten . Denn das Leben war tot . Er geriet immer mehr in das Gewühl der Straßen . War es stets das gleiche gewesen , oder bemerkte er nur zum erstenmal , wie die Menschen durcheinanderhasteten mit sorgenvollen Gesichtern , als ob jeder sich fürchte , der andere könne ihm die Beute abjagen , der er nachlief ? Wozu blühten die leuchtenden Herbstblumen auf den Beeten der Plätze ; wozu glänzte der grüne Rasen wie ein Smaragd ; wozu wölbten die Baumkronen ihr Blätterdach ? Niemand achtete der Pracht , niemand ließ sich Zeit , in ihrem Schatten zu ruhen . Niemand ? ! Doch : die Kinder ! Konrad blieb wie angewurzelt stehen : da saß ein blondes Bübchen auf dem Sandhaufen und griff mit der kleinen , weichen Hand nach dem Sonnenstrahl , der durch die Blätter fiel und auf seinem Blecheimerchen glitzerte , und lachte den verspäteten Schmetterling an , der über der roten Aster neben ihm gaukelte . Durchtränkt von Leben war das Kind , und Leben strömte aus von ihm . Konrads Herz krampfte sich zusammen . Er strich ihm mitleidig über den Lockenkopf : es würde auch einmal bei lebendigem Leibe sterben . Wie gut , daß sein Sohn vorher gegangen war ! Am Tiergarten kam er entlang . Dort drüben hatte ein schlichtes , vornehmes Haus gestanden wie eine verirrte Edelfrau zwischen Marktgesindel . Er suchte es . An seiner Stelle erhob sich jetzt ein Palast in großen , starken Linien , eines Herrschers würdig . » Veit von Voßberg « stand in großen Lettern am Granitpfeiler des Torwegs . Konrads Stirnadern schwollen ; er schämte sich : daß er , der Norina lieben durfte , sich jemals so hatte verlieren können . Dann aber war ihm plötzlich , als schaue er durch die Wände dieses Hauses , das der Künstler nicht für den kongenialen Bauherrn , sondern für den Meistbietenden gebaut hatte . Die drinnen wohnten , lebten nicht , ob sie gleich von früh bis spät in Bewegung waren . An der Spitze zahlloser Vereine stand Renetta , das wußte er durch die Zeitungen ; aus Sitzungen , Wohltätigkeitsfesten , Flirts und Schneiderproben setzte sich die Hetzjagd ihres Daseins zusammen ; und nichts haftete mehr an ihr als der Handschuh , den sie trug . Eben stieg eine Dame die Freitreppe am Seitenflügel des Gebäudes hinab dem harrenden Auto zu ; sie hatte rostbraune Haare und eine gelbliche Haut ; nur die meergrünen Augen verrieten noch , wer sie war . Konrad musterte sie wie eine völlig Fremde . » Sie würden auch ihre Augen wechseln , wenn sie könnten , diese Menschen von heute , « dachte er , » die niemals vom Leben zur Einheit geformt worden sind . « Eines Abends ließ er sich durch ein großes Plakat verleiten , in eine Arbeiterversammlung zu gehen , in der jener junge Arbeiter , den er einmal in Pawlowitschs Bildungskursen kennen gelernt hatte , über den Balkankrieg und seine Folgen sprechen sollte . Der mit verstaubten , im Luftzug der auf- und zugehenden Türen trocken raschelnden Girlanden vom letzten Tanzfest her geschmückte Saal war kaum halb gefüllt . Zwischen dem Redner , der den Eindruck eines Privatdozenten machte und sehr nüchtern und leidenschaftslos begann , indem er die Entwicklung des Balkankrieges bis zu seinem Abschluß , dem Zusammenbruch der europäischen Türkei schilderte , und dem Publikum kam es nicht zu jenem geistigen Zusammenfließen des Gebens und Nehmens , aus dem allein Lebendiges zu entstehen vermag . Erst als er den Militarismus im allgemeinen angriff und einige scharfe Bemerkungen gegen den preußisch-deutschen im besonderen hineinverflocht , der » dem Volke soeben neue , unerträgliche Lasten auferlegt hatte « , spendeten die Zuhörer ihm lebhaften Beifall und warfen höhnend ein » Zabern ! « - » Kruppskandal ! « - » Knittel ! « - dazwischen , an all jene Skandalgeschichten erinnernd , in die Offiziere verwickelt gewesen waren , und die in einem Augenblick die öffentliche Meinung bis tief in die bürgerlichen Kreise hinein erregt und entrüstet hatten , wo die Regierung mit neuen Militärforderungen vor den Reichstag trat . » Die Ansprüche der Offizierkaste haben Dimensionen und Formen angenommen , die nicht bloß für die arbeitenden Klassen , sondern auch für die Masse des Bürgertums verletzend , ja gefährlich sind - « rief der Redner , und der Agitator brach plötzlich aus dem Privatdozenten hervor . Das Publikum johlte . Dann fiel er wieder in das Dozieren zurück , keine der bekannten sozialdemokratischen Wendungen von den wirtschaftlichen Ursachen allen Geschehens , vom nahen Zusammenbruch des kapitalistischen Staats , von der alles und alle erlösenden Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln außer acht lassend ; er leierte sie herunter wie der Kantor den Katechismus . Niemand hörte hin . Auch hier sind die Ideale schal geworden , dachte Konrad ; das Leben ist tot . Er wollte sich leise entfernen und gelangte bis zur Türe . Es hatte sich inzwischen ein wenig mehr gefüllt , und er kam an Gruppen von Arbeitern vorüber , die sich im Hintergrund hielten und sich eifrig über gewerkschaftliche Angelegenheiten , über die Ereignisse des letzten Zahlabends und ähnliches unterhielten . » Halt ' s Maul , « rief ein Junger mit fanatischen Augen einem zu , der lauter wurde , so daß die an sich schwache Stimme des Redners ihre letzte Wirkung verlor . » Gott ' s Donner , das Hemd ist einem näher als der Rock , « brummelte der Angefahrene in den struppigen Bart. » Aber die Haut dürfte dir noch näher sein , « höhnte der Junge , » und ob du die zu Markte tragen willst , davon ist hier die Rede . « Jetzt verstummten die Umstehenden und hefteten ihre Blicke , in denen mehr Neugierde als Anteilnahme zu lesen war , dem Redner zu . Auch Konrad blieb noch einmal stehen . » Nichts ist in diesem Augenblick so billig wie die Weissagung vom kommenden Weltkrieg , « tönte es lauter durch den Saal . » Serbien , dem der Bund der siegreichen Balkanstaaten zur Seite steht , drängt zum größeren Serbien , das bis ans Meer reicht , unwiderstehlich hin . Gegen diese Aspiration muß Österreich das Schwert ziehen . Rußland aber kann nicht zugeben , daß sein Schutzstaat zerstampft wird . Und Deutschland wieder kann seinen Bundesgenossen nicht im Stich lassen . Ist es aber einmal in einen Krieg auf Tod und Leben verwickelt , so naht für Frankreich die gute Gelegenheit , seine alte Rechnung mit dem Todfeind zu bereinigen - natürlich auch für England , das den Augenblick nicht vorübergehen lassen wird , um den unbequemen Konkurrenten ins Mark zu treffen . Dasselbe gilt Österreich gegenüber für Italien - . « Die Stimme des Redners wurde heiser , er gestikulierte heftig , auf seiner Stirn standen die Schweißtropfen . Unwillkürlich scharten sich die wenigen Zuhörer dichter um ihn . Im Hintergrund klafften die Flügeltüren breit auf . Die Girlanden an den Wänden hoben und senkten sich , vom Luftzug bewegt ; dürre Blätter wehten hinab . » Unsere Stunde aber ist gekommen , - der große Augenblick , an dem die internationale Sozialdemokratie sich bewähren , ihre Macht in die Wagschale ungeheuren Weltgeschehens zu werfen hat . Mit dem Dampfhammer , den Marx einmal beschreibt , hat man unsere Bewegung verglichen . Er vermag mit leichten Schlägen kleine Nägel in weiches Holz zu treiben . Stürzt er aber , seine ganze Schwere ausnutzend , wuchtig ab , so splittert Granit zu Staub unter ihm . Behalten wir Besinnung , Bewußtheit , Einigkeit ! Der internationale Sozialismus ist der Friede . « Erschöpft fiel der Redner in den Stuhl zurück . Man applaudierte lebhaft . » Hoch die internationale Sozialdemokratie ! « rief einer mitten im Saal . Aber alles geschah wie nach einem Schema , ohne innere Anteilnahme . Der Weltkrieg ! Wie oft wurde davon geredet ! Von nüchternen Politikern und spiritistischen Schwärmern ; von Imperialisten , die Deutschlands überragende Weltmachtstellung , von Sozialisten , die die Weltrevolution von ihm erwarteten . Daß er kommen werde , kommen mußte , war zur Formel geworden , wie das Warten auf den Messias bei den Juden zur Formel geworden war . Nichts Lebendiges , nichts , das Kräfte zeugt oder steigert , lag mehr darin . Konrad aber fühlte sich seltsam aufgewühlt : Krieg - konnte das mehr sein als die Rauferei von ein paar wilden Tieren um die Beute , als das Niederknütteln von Schwächeren durch der Stärkeren Habgier , als ein Spektakelstück auf einer der tausend Weltbühnen , bei dem der Gebildete halb gelangweilt , halb mitleidig zusieht ? Krieg - verbarg sich unter diesem Namen noch eine Macht , die den einzelnen sich selbst entreißen , in die Sintflut eines einzigen Geschehens hineinzuschleudern vermöchte , so daß er wieder ein Teil würde , sich als Teil empfände , erlöst von der Grausamkeit eigenen Lebens ? Das wäre - Leben ! Die Flamme , die flüchtig in ihm aufgeschlagen war , sank rasch in sich zusammen . » Tor , der ich bin , « dachte er , » mit der drastischen Darstellung ewiger Höllenstrafen suchten noch immer kluge Pfaffen die ihnen entweichenden Seelen wieder zu ködern . Die Schrecken des Kapitalismus verfangen nicht mehr , seitdem man anfing , sich mit Hilfe von Genossenschaften und Gewerkschaften und sozialer Gesetzgebung halbwegs bequem in ihm einzurichten , jetzt versucht man ' s mit dem neuen Gespenst . « Sehr müde , wie immer , wenn er geschlafen hatte , - denn das Erwachen zur Wirklichkeit erschöpft den Unglücklichen mehr als das stete wache Bewußtsein ihres Schreckens - entschloß sich Konrad am nächsten Morgen endlich , die Menschen aufzusuchen , die er sehen wollte . Den kleinen Bildhauer zuerst . Er war inzwischen eine Berühmtheit geworden , und von ihm erhoffte Konrad jenes Denkmal , das Norinas würdig wäre : einen schlichten antiken Grabstein träumte er sich mit der Gestalt einer Frau , die ruhevoll in tiefem Sessel lehnt , die Augen auf einen zu ihren Füßen spielenden Knaben gerichtet und in Ausdruck und Gebärde wie Norina hätte sein müssen , wenn das Kind nicht gestorben wäre . So sollte man , meinte er , alle Toten ehren : indem die Kunst vollendete , was das Schicksal stümperhaft unterbrach . Als er vor Bernhards Villa trat , leuchtete ihm aus dem herbstlich bunten Garten jene Statue entgegen , die des Bildhauers Ruf begründet hatte : ein nacktes Weib , sehr schmal , sehr schlank , von der keuschen Unnahbarkeit gotischer Heiligen . Er vergewisserte sich daran aufs neue , daß Bernhard schaffen würde , was er hoffte , und nun überkam ihn wieder jene freudige Gewißheit von Norinas Nähe , von dem Vollbesitz ihres Wesens . Der Künstler begrüßte ihn mit übertriebener Herzlichkeit und vielem Geschwätz , das offenbar irgend etwas verdecken sollte . Sie kamen ins Atelier . Da saßen und standen und lagen dieselben Frauen wie die im Garten , nur daß die Oberkörper noch kleiner , die Beine dafür noch länger und schlanker geworden waren . Das war nicht künstlerische Entwicklung , sondern Manier . Bernhard errötete unter Konrads fragendem Blick und lachte gezwungen . » Sie sehen , « sagte er , » ich bin bereits in jenes Stadium der Berühmtheit getreten , die es mir erlaubt , mich selbst zu wiederholen , ja gewissermaßen zu karikieren . « » Schade , « meinte Konrad trocken und sehr ernüchtert . » Was wollen Sie ? « fuhr Bernhard fort . » Das große Publikum gewöhnt sich am raschesten an bestimmte Ausdrucksformen und liebt den Künstler , den es durch sie immer wieder erkennt . Unbequem , fast suspekt ist ihm einer , der stets aufs neue Probleme stellt . « » Das große Publikum ! « rief Konrad gereizt , » was geht es den großen Künstler an ! « Der andere lächelte überlegen : » Der große Künstler will leben , lieber Baron . Und seitdem ich mir dies Haus baute und dazu den Luxus einer armen Frau gestattete , ist die Erfüllung dieses berechtigten Wunsches nicht leicht . Überdies : was hat man sonst vom Dasein , wenn das bißchen äußerliche Behaglichkeit nicht wäre ? « Dann zeigte er Konrad einige kleine Modelle für das Grabmal : gemeißelte Tragödien - kein Bildwerk . Konrad fühlte , daß für ihn hier nichts zu erwarten war . Sie trennten sich kühl und verstimmt . Auf dem Wege zum Gartentor sprachen sie noch flüchtig über alte Bekannte . Auch Eulenburgs Name wurde erwähnt . » Wissen Sie noch nicht , daß er geheiratet hat , - Veits Stieftochter , über deren Häßlichkeit ihn ihre Millionen trösten sollten ? « spottete der Bildhauer . » Verdiente er nicht viel ? Brauchte er sich in so ekelhafter Weise zu verkaufen ? « frug Konrad in unbeherrschter Empörung . » Viel , - aber nicht genug ! Übrigens hat sich der arme Kerl greulich verrechnet . Für Papa Veit ist das Dichten so was wie ein Makeln mit Börsenpapieren , und das Herstellen von Material für Druckerschwärze nicht viel anders wie das Weben von Lein wand , das man nach der Elle mißt und bezahlt . Sein Zuschuß an den Schwiegersohn richtet sich nach dessen prompter Lieferung von Geistesprodukten . Darum ist er jetzt bis zum Zirkus und zum Kino gelangt - darum , mein lieber Baron , - « und der kleine Bildhauer , der sich offenbar lange im Zaum