, in dem von buntem Gewühl erfüllten Stiftshofe vor dem Salzburgischen Profoßen . Das war ein schweres , dickes Mannsbild mit etwas Asthma , aber mit wohlwollenden Augen . Man rühmte es ihm als besondere Milde nach , daß er keinen hängen ließ , ohne ihm zuvor den letzten christlichen Trost zu vergönnen . Dadurch unterschied sich seine Salzburgische Methode von der Landshutischen . Als er das Verhör begann , ritt Herr Peter Pienzenauer mit seinem Gefolge vorbei und lenkte das Pferd hinüber zum Münstertor , um bekümmerten Herzens die Verwüstung zu beschauen , die der Feind im geweihten Gotteshause zurückgelassen hatte . » Du ? « fragte der Profoß den Gefangenen , dem man die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte . » Wer bist du ? « » Ein Esel bin ich . « » Das ist kein Verdienst . Solche Würde teilen sehr viele mit dir . « » Da müßt Ihr Euch ausnehmen , Herr ! Sonst kommt Ihr in einen falschen Verdacht . « » Dem ist leicht widersprochen . Ich laß dich hängen . Da wirst du merken , wie gescheit ich bin . « Der Kreis der Neugierigen , die sich um die beiden herdrängten , begann sich zu erheitern . Malimmes aber sagte ernst : » Ob ich hängen soll , das hängt nicht von Eurer Weisheit ab . Ich hab mich dem Jungherrn Someiner auf Gnad ergeben . Der tut den Spruch über mich . So ist ' s Kriegsbrauch in aller Welt . Ich begehr mein Recht . « Er drehte den Hals . » Und wenn grad einer von euch lieben Knospen die Hand frei hat , so kann er mir das Blut von den Augen wischen . Soll ich schon über die anderen Leut um eine Mannslänge hinauswachsen , so tät ich nit ungern sehen , auf wieviel Gerechte die Sonn noch scheint . « Ein Mitleidiger tauchte seinen Mantelzipf in den unter den Lauben des Stiftshofes plätschernden Brunnen . Als Malimmes , der mit geschlossenen Augen stand , auf seinem Gesicht die Nässe fühlte , begann er das tropfende Wasser zu schlürfen . Und schlürfte mit dem Wasser auch sein Blut . Er lächelte müd . » Guck nur , ich hätt mir nie denken mögen , daß mein Lebensbrünndl so süß ist . « Die Berufung des Gefangenen auf den Jungherrn Someiner gefiel den Neugierigen nicht . Sie wollten ein anziehendes Schauspiel bekommen und begannen den Profoßen ungeduldig zu hetzen . Der bewahrte seine wohlwollende Ruhe und erklärte nach Kriegsrecht : » Der Jungherr Someiner muß gehört werden . « Er schickte einen seiner Gehilfen zum Haus des Amtmanns : » Sag dem Jungherrn , die Sach hätt Eil ! « Und den Umstehenden befahl er : » Jetzt lasset den Mann in Fried , bis sein Spruch getan ist ! « Nach diesem Beweis seiner Milde wollte er davongehen . Da drängte sich ein langer Gadnischer Hofmann mit dunkelbärtigem Narbengesicht und verbundenem Haardach in den Kreis der Spießknechte . Er duftete nach Essig und hatte auch sonst noch einen kräftigen Spittelgeruch . Und nach seinem trunkenen Lachen zu schließen , schien er die Befreiung seiner Heimat schon mächtig begossen zu haben . » Ei , so guck doch , haben sie dich erwuschen ? « brüllte er in seinem Dusel . » Jetzt gib acht , du Strickfester ! Ob der Hänfene wieder reißt ! « Malimmes öffnete die Augen nicht , obwohl er den Marimpfel an der Stimme erkannte . Er atmete tief und sagte : » Alles kommt , wie ' s muß . Bloß ein Bruder kommt anders . « Das verstand Marimpfel nicht völlig . Aber die Ruhe dieses Wortes schien sein feuchtes Gemüt zu reizen . Und während die feine Morgensonne über die Dächer herunterglänzte auf dieses bunte Gedränge , schrie der Hofmann im Zorn seines Rausches : » So ? Tätst dich noch aufspielen als großen Hansen ? Du Lumpenkerl ! Spion , du ! Landesverräter ! Ruck den Grind weg , oder es trifft dich ! « Er spie dem Malimmes ins Gesicht . Der Beschimpfte öffnete die von Blut umronnenen Augen . » Herzbruder ! Wenn ich jetzt sagen möcht : So was tut man nit ? Was tät ' s dir helfen ? Schenk einer Sau des Königs goldenen Kittel ! Sie legt sich halt doch in den Dreck damit . « Wütend wollte Marimpfel auf den Gefesselten losschlagen . Die anderen Spießknechte hielten ihn zurück . Und verständig mahnte der Profoß : » Seid gescheit , ihr Brüder , und verschiebt eure Hausfehden auf des Herrgotts Urtl im Jenseits ! « Das Gedräng der Kriegsknechte spaltete sich in zwei Parteien . Für einige unter diesen Söhnen des blutigen Handwerkes hatten die zwei Silben Bruder noch immer ein menschliches Gewicht , und sie gaben dem Marimpfel unrecht . Die andere Partei , bei der die Gadnischen Hofleute waren , stach die Worte Spion und Landesverräter auf und wurde wißbegierig . Marimpfel salvierte seine Bruderseele durch die kraftvolle Beteuerung : » Fürstentreu geht über alles ! Da gibt ' s keinen Ausweg nimmer . Ich tu ' s nit gern - aber jetzt muß ich reden ! « Und nun rechnete er dem Malimmes ein langes Register schwerer Landesverbrechen ins Gesicht : » Hat Sold genommen von einem hörigen Bauren und hat ihm gedient wider seinen Fürsten ; hat mitgeholfen , daß ein Treubrüchiger das Feuer hat werfen können auf ein Lehensdach des Gadnischen Hofes ; hat den Vogt in den Bach geschmissen und einem flüchtigen Verräter beigestanden ; hat sich mit den Bayrischen verbündet wider das eigene Land ; hat auf dem Untersberg die Mauer überstiegen und ist den Unsrigen in den Rucken gefallen . « Das übelste von den Verbrechen des Malimmes - seine Hallturmer Tücke gegen den eigenen Bruder - konnte Marimpfel gar nicht mehr aufzählen . Denn die Gadnischen Hofleute und die Salzburger Spießknechte begannen wie im Takt eines Rundgesanges zu brüllen : » Rappenholz ! Rappenholz ! Rappenholz ! Rappenholz ! « Aus Erfahrung wußte der Profoß , daß gegen solche Volksstimme schwer aufzukommen war . Er bezwang sein Wohlwollen und wurde streng . » Mensch ! Was sagst du dazu ? « Malimmes hatte munter dem tröpfelnden Blut die Augen wieder geschlossen , hob die Achseln ein bißchen und lachte . » Ein Bruder wird doch nit lügen ! Das alles ist wahr . Da beißt die Maus kein Bröselein Speck nimmer weg davon . « Ein Zorngeschrei in der Runde . Und der Profoß entschied : » So bist du als Landesverräter dem Gutwillen des Herren Someiner entzogen . Ich muß dich zum Galgen sprechen . « Hundert jubelnde Stimmen . » Einen Pfaffen will ich dir holen lassen . Tu Reu und Leid machen als guter Christ ! « » Reuen tut mich nichts , als daß ich Rindvieh heut am Morgen nit nach Plaien geritten bin . Und was ich beichten müßt , weiß ich nit . Außer , daß ich ein gutes Mädel zur Mutter gemacht hab . Das wird mir der Herrgott verzeihen . Wo so viel Leut auf der Welt erschlagen werden , muß er doch wünschen , daß wieder Kinder wachsen . Nit ? « Der Zorn der Umstehenden verwandelte sich in Heiterkeit . Marimpfel war jetzt der einzig Wehmütige . » Ich geh , ich kann ' s nit mitanschauen , mein Bruder ist er halt doch ! « Und während dieser Trauernde davontorkelte , wurde der Salzburgische Feldpater in den Kreis geschoben . » Hochwürdiger Herr « , sagte Malimmes freundlich , » beichten brauch ich nit . An einen gütigen Herrgott glaub ich . Und hoff , daß ich zu ihm komm . Ein andermal . « Er lächelte . » Aber für alle Fäll , in Gottesnamen , gebt mir Euren heiligen Segen ! « Als der Pater seine Hände erhob , beugte Malimmes fromm den roten Kopf . Dann sagte er : » Also ! Fürwärts ! Wie schneller , um so lieber ist mir ' s. « Ein wirres Geschrei der vielen Menschen . Und der ganze Schwarm , mit dem Gefesselten in der Mitte , schob sich gegen den Marktplatz hin . Die zwei Gehilfen des Profosen , die man Löwen nannte , gingen neben dem Delinquenten her . Und einer von den beiden knüpfte kunstgemäß die hänfene Schlinge . Malimmes sah sehr aufmerksam bei dieser Hantierung zu : » Brav , Mensch ! « sagte er rauh . » Du verstehst dein Sach ! Besser als wie der Ulmer , dem ich ' s erst zeigen hab müssen . Aber schad um den guten Strick ! Tät so viel Lumpen geben , die ihn verdienen . « » Kerl ! « Der wohlwollende Profos geriet in einiges Staunen . » Einer , der gleich vor dem ewigen Richter steht , sollt keine fürwitzigen Reden nimmer machen . « » So ? « Die Zähne des Malimmes knirschten , während er flink an der Schulter eines Löwen das Blut von den Augen wischte . » Da denk ich anders , Herr ! Tät sich ' s weisen , daß ich dran glauben muß , so ist ' s allweil besser , ich geh lustig hinüber als traurig . Nit ? « Unleugbar : Das letzte Stündlein des Malimmes , das da kommen sollte , hatte einen Zug von Frohsinn . Die Spießknechte , die mit dem Gefesselten aus dem Stiftshof kamen oder schon auf dem Marktplatz standen , waren in guter Laune ; es wurde doch da die Welt wieder ärmer um einen , der ihnen mit dem Bidenhänder das Haardach in unliebsamer Weise hätte belästigen können . Und die gereizten Bauern und Bürgersleute , die den Brunnen und das überfüllte Rappenholz umdrängten , betrachteten die Lebensbuße dieses einen als ein beruhigendes Pflaster für die mannigfachen Leiden , die ihnen der Schwärm der feindlichen Sackmacher bereitet hatte . So verwandelte sich der halsnotpeinliche Vorgang , der doch auch mit einem Ellenbogen an das dunkelste Grauen streifte , zu einer befriedigenden Kriegskomödie . Dazu glänzte die strahlende Morgensonne aus dem reinen Blau so wundersam auf das kreischende Menschengewühl herunter , daß dieser bunte Ausschnitt des irdischen Lebens einen Schimmer von froher Schönheit gewann . Aber Malimmes wurde , je näher er dem Brunnen kam , mit jedem Schritte ernster . Er konnte wieder sehen - das Blut in seinem Haar begann zu stocken und träufelte ihm nimmer in die Augen - doch der dürstende Blick , den er mit gestrecktem Halse hinüberwarf zum Hause des Amtmanns , zeigte ihm nichts Hilfreiches . Und da begann er den Brunnen und das reichbesetzte Rappenholz zu mustern . Seine Augen wurden wie die Augen eines gehetzten Wildes , das bei der Flucht zwischen Leben und Tod mit jagendem Blick jede Möglichkeit der Rettung und jedes mörderische Hindernis erspäht . Vom wühlenden Denken reihten sich auf seiner roten Stirne dicke Runzeln übereinander , und die große Narbe , soweit sie nicht von Blut überträufelt war , wurde weiß wie Kalk . Er stand schon auf dem Brunnen , hatte schon die hänfene Schlinge um den Hals . Die zwei Gehilfen des Profosen warfen den Strick über das üble Holz und banden den Knoten . Da gewahrte Malimmes etwas . Spürend hing sein Blick an dem überlasteten Querbalken des Galgens . Ein heißes Funkeln erwachte , in seinen Augen . Und gleich wieder ein Ausdruck wie von tiefern Schreck . In dem kreischenden Lärm , der den Marktplatz füllte , vernahm sein scharfes Ohr das dumpfe Gerüttel der schweren Geschütze , die auf der Salzburger Straße gefahren kamen . Und da wußte er : Der Salzburgische Hauptmann und Herr Pienzenauer haben die Verfolgung der Bayerischen nur eingestellt , um die Ankunft der Kammerbüchsen abzuwarten ; jetzt kommen die Büchsen , die Pulverwagen und der Troß ; da wird ' s Alarm und flinken Aufbruch geben . » Teufel , jetzt hat ' s , aber Eil ! « Wenn die Alarmtrompeten bliesen , machte man nimmer viel Umstände mit einem , der den Hänfenen schon um das kitzliche Zäpfl hatte . Malimmes streckte sich und sah den Profosen an : » Herr ! Ich hab doch schon die ewige Seligkeit um den Hals herum . Jetzt seid barmherzig und lasset mir die Hand lösen , daß ich als andächtiger Christ noch ein Kreuz machen kann . « Rings um den Brunnen herum ein wirres Geschrei , in dem sich grausamer Widerspruch mit christlichem Erbarmen mischte . Das letztere schien auch in der Seele des Profosen zu erwachen . Er besann sich seines Wohlwollens und zog den Dolch , um die Stricke entzweizuschneiden , mit denen die Hände des Gefangenen gefesselt waren . Daß sich vom Haus des Amtmanns ein Reiter in flämischer Rüstung unter heiser schrillenden Worten einen Weg durch das Gewühl der Menschen zu bahnen suchte - das konnte Malimmes nicht mehr sehen . Er sah nur immer den schwer belasteten Querbalken des Galgens an . Und die Aufregung verzerrte sein Gesicht , während er die Fäuste in den Gelenken drehte und noch einen heiteren Ton in seine hastigen Worte zwang : » Herr , meiner Seel , da hängen aber schon viel , da ist ja für mich kein Platz nimmer ! « Der Profos lachte : » Müßt ihr halt ein lützel zusammenrücken ! « » Also ! Gut ! Wenn ' s der Balken nur leisten kann ! « Ein fliegender Blick um den Brunnen herum , ein kurzes , angestrengtes Lauschen gegen die Salzburger Straße hinaus - und in etwas unchristlicher Flinkheit bekreuzigte Malimmes das rotgesprenkelte Gesicht . » Höia ! « schrie er mit gellendem Laut . Er stieß die Fäuste nach links und rechts - die beiden Löwen des Profosen purzelten in den Brunnentrog - Malimmes plusterte den Hals , und während er über dem Kopf mit beiden Fäusten den Hänfenen packte , machte er einen rasenden Sprung in die Luft hinaus . Ein hundertstimmiger Schrei . Erschrocken wichen die Nahstehenden zurück , die stillen Kameraden am üblen Holze pendelten wirr durcheinander , das Querholz des Galgens krachte , knickte in seinem Falz entzwei - und plötzlich plumpsten die zwölf Entseelten als ein schwerer Knäuel mit diesem Lebendigen herunter auf das grobe Pflaster . Um den kollernden Gliederhaufen entstand ein leerer Kreis . Und während die zwei von Wasser triefenden Löwen des Profosen fluchend aus dem Trog des Brunnens kletterten , und während Aberglaube , Schreck und Heiterkeit auf dem Marktplatz durcheinandertobten , hatte Malimmes schon den Hänfenen von seinem Hals gerissen , stand zwischen den Toten auf den Füßen und schrie mit halb erwürgtem Atem : » Ich sag ' s ja . Übermaß ist nie von Nutzen . Hättet ihr mich als zwölften gehenkt , so wär ' ich hängen geblieben . Aber so - ein dreizehnter ist allweil überzählig ! « Unter dem Geschrei , das sich erhob , sprang einer in flämischer Rüstung von seinem Ingolstädter Gaul , dicht vor dem kahlgewordenen Galgenbaum . Er faßte den Malimmes an der Schulter und riß ihn zu sich heran . Die heisere Stimme schrillte : » Der Mann ist mein ! Wer ihn anrührt , den schlag ich nieder . « Dennoch wollte ein dicker Schwarm von kreischenden Spießknechten gegen den aus dem Hanfsamen Erlösten andrängen . Lampert Someiner machte in Zorn das Eisen blank . Da hörte man vom Stiftshof dumpfes Gepolter und schweres Rädergerassel . Alarmtrompeten fingen zu blasen an . Ein Stutzen und Schauen der Kriegsleute , eine lärmende Verwirrung , ein Drängen und Auseinanderlaufen . » Schnell , du ! « keuchte Lampert . » Spring auf meinen Gaul ! « » Vergelt ' s Gott , Herr ! « Das war ein heißer , fröhlicher Schrei . Und Malimmes saß im Sattel . Und beugte sich nieder : » Die Jula hat Euch lieb ! Wahr ist ' s , Herr ! Die Jula - « Das steigende Roß drehte sich wie ein Kreisel . Und als es den ersten Sprung tat , riß Malimmes einem Doppelsöldner den Bidenhänder von der Brust . » Wie , du ! Gib her ! Ich brauch ein Eisen ! « Und durch das Gewühl der schreienden Menschen , die vor dem kreisenden Stahl und vor den schlagenden Hufen des Pferdes erschrocken zurückwichen , jagte Malimmes die Marktgasse hinaus , der Hallturmer Straße zu . Und war verschwunden . Lampert Someiner stand wie ein Träumender inmitten des Aufruhrs , der ihn umbrüllte . Und so stand er noch immer , als Fürst Pienzenauer und Hauptmann Hochenecher aus dem Stiftshof herausgeritten kamen . Zwischen den beiden Herren täppelte asthmatisch der Profos , der in Aufregung etwas erzählte . Und als der Fürstpropst neben dem Marktbrunnen den wirren Knäuel der stillen Schläfer und die leere Strickschlinge sah , fing er herzlich zu lachen an . Noch immer lachend , ritt er auf den Jungherrn Someiner zu und fragte : » Lampert ? Hörst du nicht , daß Alarm geblasen wird ? « Lampert erwachte aus dem lähmenden Bann , hörte vom Erker seines Hauses die Stimme der Mutter , sah , daß Frau Marianne sich mit winkenden Armen fast aus dem Fenster stürzte - sah wieder seinen lachenden Fürsten an , stammelte ein paar klanglose Worte und begann zu laufen . Einer in schwerem Panzer , wenn ihm der tragende Sattel fehlte , war immer anzusehen wie ein plumptaumelnder Käfer , dem man die Flügel ausgerissen . Die Spießknechte kuderten , als sie den ritterlichen Jungherrn so mühsame Sprünge machen sahen . Lampert verschwand im Flur des väterlichen Hauses . Er schrie den Namen des Knechtes . Und schrie : » Den Moorle ! Tu einen Sattel auf den Moorle - « Ein Hustenreiz erwürgte ihm die Stimme . Im Gerassel seines Panzers tappte er über die Treppe hinauf . Unter der Stubentüre kam ihm die Mutter wie eine Verzweifelte entgegen : » Allgütiger Heiland ! Was ist denn schon wieder ? « » Alarm ! Leb wohl , Mutter ! Laß mich ! Jetzt muß ich fort . « » Jesus , Jesus ! « Frau Marianne umklammerte den Sohn . » Ist denn der Krieg nicht aus ? « » Mutter , ich sorg , er will erst anheben . « Lampert befreite sich und fragte in seltsamer Verstörtheit : » Der Söldner , Mutter ? Von dem du gesagt hast , er hätt mit dem jungen Buben und dem Runotter unser Haus gehütet ? Hat er über ' s Gesicht herunter einen schweren Hieb gehabt ? « » Ach geh , was geht denn uns - « Er drängte : » Sag mir ' s , Mutter ! « » In Gottsnamen , ja , ist eine schieche Narb gewesen , ist von der Brau übers Aug gegangen bis zum Hals herunter . « » Der ist ' s ! « Frau Marianne begriff diesen Schrei nicht , in dem es wie Jubel war . Und als sie den Glanz in Lamperts Augen gewahrte , sagte sie in neuem Schreck : » Ach Jesus , ich versteh ja nimmer - « Lampert streckte sich unter frohem Lachen . » Mutter ! Jetzt weiß ich - « Seine Stimme erlosch , er mußte husten , mußte tief Atem schöpfen . Die Amtmännin , als sie diesen bösen Husten hörte , fing in ihrer verstörten Muttersorge zu jammern an : » Das geht nicht ! Wie kann denn einer ausrucken , der krank ist bis auf den Tod ? Das dürfen die unsinnigen Herren nicht verlangen ! Ich leid ' s nicht ! Ich lauf zum Fürsten . Und einen heißen Wein mußt du haben , und Umschläg muß ich dir machen - « Während Frau Marianne so klagte , hörte man Trommeln und Pfeifen , hörte den Taktschritt vieler Spießknechte , ein wirres Hufgetrappel und dumpfes Rädergeknatter . » Laß mich , Mutter ! Mir ist schon lang nimmer so wohl gewesen wie heut ! So laß doch , Mutter ! Ich muß ins Feld ! Und will dem Vater noch einen Gruß - « Die Hände befreiend , sprang Lampert in die Wohnstube . Frau Marianne hinter ihm her . Immer jammernd , immer in Zorn auf die verbrecherischen Fürsten und auf den Wahnsinn der ganzen Menschheit scheltend . Auch in der Krankenstube ihres armen Ruppert hielt sie mit dieser Klage nicht inne , während Lampert stumm vor dem Vater stand , der zwischen aufgeschichteten Kissen schwach und hinfällig im Bette saß . Der Amtmann sah zum Erbarmen aus . Und während draußen auf dem Marktplatz der dumpfe Kriegslärm rottelte , zog der kranke Mann mit dürrgewordenen Händen die geblümte Decke gegen die Brust hinauf . Auch schien das schwere Leiden sein Erinnerungsvermögen in sonderbare Verwirrung gebracht zu haben . Denn er stöhnte vorwurfsvoll : » Wegen siebzehn Ochsen ! Wegen siebzehn Ochsen ! Und weil mich die Herren nicht halben tun lassen , wie ich mögen hätt . Da wär alles in Ruh gegangen . Aber nein ! So sind die Fürsten ! Erst schlagen und nachher denken , wenn - « Er mußte , von einem grimmen Schmerz gepeinigt , ein Weilchen schweigen . Dann seufzte er müde : » Wenn ' s zu spät ist . « In wortlosem Erbarmen betrachtete Lampert den Vater und nahm seine zitternde , von kaltem Schweiß bedeckte Hand . Und sagte rasch : » Jetzt muß ich fort ! Leb wohl , Vater ! Tu bald gesunden ! Und tu dir ein lützel Ruh vergönnen ! Klagen hat keinen Sinn . « Frau Marianne fügte schluchzend bei : » Gott wird schon alles wieder recht machen . Da glaub ich dran . « Dieser fromme Trost verursachte in der verstörten Christenseele des Herrn Someiner eine schreckhafte Wirkung . In seinem entstellten Gesicht erweiterten sich die angstvollen Augen . Die Hand des Sohnes umklammernd , lispelte er scheu : » Gott - Gott ? Ach , Bub , wie hart ist das ! « » Was , Vater ? « » Derzeit ich den Undank der Fürsten kenn - derzeit ich spüren muß an mir selber , wie im Leben die Redlichen gemartert werden - « Herr Someiner verstummte , und sein hilfloser Blick starrte ins Leere . » Sag ' s , Vater ! « » Ich - ich kann - « Der Amtmann ließ das gelbe , magere Gesicht gegen die wollene Decke sinken . » An Gott kann ich nimmer glauben ! « Im ersten , sprachlosen Schreck bekreuzte sich Frau Marianne . Und Lampert , von einer tiefen Erschütterung befallen , sagte ernst : » Vater ? Weißt du , was Gott ist ? « Der Amtmann hob die verstörten Augen . Und Lamperts rauhe Stimme wurde leis . » Gott ist der Glaube an uns selbst . Wenn wir Freude , Wert und Kraft in unserem Leben spüren , glauben wir auch an den Schöpfer , der uns Wert und frohe Kräfte geschenkt hat . Ich glaube . « Er beugte seine Wange auf die feuchte Stirn des Vaters , streichelte ihm das dünne Haar , wandte sich wortlos ab und ging mit klingendem Eisenschritt durch die Stube hinaus . Frau Marianne lief ihrem Buben nach und hängte sich schluchzend an seinen Hals . Drunten auf der Straße fuhren die gewaltigen Hauptbüchsen der Salzburger und die mit vielen , zentnerschweren Steinkugeln belasteten Wagen vorüber . Das erschütterte den Grund so heftig , daß es wie ein Erdbeben war . Die Mauern des Someinerschen Hauses zitterten , die Deckenbalken der Wohnstube ächzten , Mörtel bröselte von den Wänden herunter , und im Kasten der alten Standuhr wurde das lange Pendel in seinem ruhigen Schwung gestört . Es klapperte gegen die Holzverschalung und sagte noch ein letztesmal mit seufzender Stimme : » Bau ! « Dann schwieg es . Drunten im Hause polterten die Hufe des Moorle über die Holzdielen des Flurs . In der Wohnstube blieb eine bange Stille . Auch auf dem Marktplatz war es schon wieder ruhig geworden , als Frau Marianne endlich heraufkam . Sie wollte sich auf einen Sessel setzen , weil ihr die Knie zitterten . Aber sie tat es nicht . Denn die ungewohnte Stubenstille fiel ihr auf . Und da entdeckte sie : Die Kastenuhr war stehengeblieben , knapp vor der siebenten Morgenstunde . Zum erstenmal in ihrem Leben wurde diese helle Frau von dunklen Ahnungen befallen . So sehr hatten die Schrecken des Krieges ihren gesunden Verstand umwirbelt . Während sie den armen Ruppert pflegte , die versteckten Kostbarkeiten aus den Mauerlöchern herausholte und die gründliche Scheuerung des Hauses überwachte , ging ihr diese ziellose Sorge nimmer aus dem Sinn : » Welches Unheil wird geschehen zu einer siebenten Morgenstund ? « Dabei ertappte sie sich auf einem wahrhaft vaterlandsfeindlichen Gedanken . Das fremde Kriegsvolk in Berchtesgaden und ihr Sohn in sicherer Ferne - dieser vergangene Zustand war ihr lieber gewesen als der jetzige , bei dem der heilige Peter mit den Salzburger Hauptbüchsen einem wahrscheinlichen Sieg entgegenrasselte . Solch einer unheldenhaften Erkenntnis schämte sich Frau Marianne nicht im geringsten . Das wertvollste Lebensgut dieser natürlich gearteten Mutterseele war das Glück und die Sicherheit des Sohnes , den sie geboren hatte . Auch zweifelte sie nicht an Gott wie der geplagte Ruppert . Sie war im Gegenteil der festen Überzeugung , daß der Ewige und Allweise über diese Dinge nicht um ein Härchen anders dachte als die Amtmännin Someiner . 2 Von Staub umwirbelt , mit pludernden Hemdärmeln , die rot gesprenkelt waren , hetzte Malimmes auf dem Ingolstädter Gaul dem zerstörten Hallturm entgegen . Dem Erschöpften drohten die Kräfte zu erlöschen . Manchmal verzog er das Gesicht , weil ihm das verkrustete Blut die Haut spannte . Und manchmal lachte er wie ein Berauschter vor sich hin . Den fremden Bidenhänder hatte er quer vor dem Sattel liegen . Die mächtige Klinge war ein bißchen rot geworden . Bei den letzten Häusern von Berchtesgaden hatte dem Malimmes eine Wache mit vier Spießen den Weg versperren wollen . Dann hatte ihm kein Hindernis mehr den jagenden Ritt gestört . Über die Stillen , die auf der Straße lagen , sauste der Gaul ohne Zuck hinüber . Er scheute auch nicht vor den Brandruinen , nicht vor den Leuten , die bei den qualmenden Haustrümmern stumpf und ruhig auf der Erde saßen . Von Rauch umkräuselt , von aufgeregten Dohlen und Tauben umflattert , tauchten die Reste des Hallturmes über die Wiesen herauf . In der Torhalle war ' s öd und still . Alles Leben fehlte . Und die Toten hatte man , um Platz für den Rückzug der Bayrischen zu schaffen , aus dem Torweg herausgezerrt in den Burghof . Hier und entlang der Mauer , lagen sie in der bratenden . Sonne und mahnten schon fürchterlich an die Düfte des Vergänglichen . Sie waren wie friedsame Schläfer nur mit dem Hemd bekleidet ; was sie sonst am Leibe getragen hatten - Kleider , Wehr und Waffen - , alles war verschwunden . Dem Malimmes , der an den Graus der Schlachtfelder gewöhnt war , rann beim Anblick dieses vom Tode besetzten Burghofes kein Schleier des Grauens über die Augen . Als Kriegsmann erriet er , daß diese Schläfer auf ihre Gräber warten mußten , um den heiligen Peter und seinen Freund Salzburg durch die Pflichten der Pietät einen Tag lang vom Sturm auf den Fuchsenstein und die Feste Plaien abzuhalten . Herr Seipelstorfer , der den Nachmarsch des Feindes durch jeden Behelf verzögern wollte , hatte auch die Zugbrücke zerstören lassen . Der tiefe Wassergraben sperrte den Weg des Malimmes . Ein Faustschlag : » Spring , Rössel ! « Und der Ingolstädter , der von Herzog Ludwigs Falkenjagden an kalte Bäder gewöhnt war , klatschte mit mächtigem Satz in das grüne Wasser hinunter . Als das weiße Geschäum zerfloß , war unter dem Wasserspiegel ein wunderlich geformter , heftig arbeitender Riesenfrosch zu sehen . Jetzt tauchte ein triefender Menschenkopf , ein triefendes Tierhaupt , an die Luft , Malimmes schleuderte den Bidenhänder ans Ufer , stieg mit den Füßen auf den Sattel des schwimmenden Gaules , sprang an das Land und half dem schlagenden Pferd aus dem Wasser heraus . Ein Griff nach dem Bidenhänder . Und wieder hinauf und davon durch das weißgraue Aschenfeld des niedergebrannten Waldverhaues . Das kalte Wasser hatte dem Malimmes die müden Kräfte ein erfrischt und säuberlich alle Blutflecken vom Hemde , vom Gesicht und aus den Haaren fortgewaschen . » Gott sei Lob und Dank ! Jetzt wird der Bub nicht erschrecken vor mir . « Er schüttelte sich in der Sonne . Hinter dem Aschenfeld arbeiteten Kriegsknechte und Schanzbauern an einem neuen Sperrwall , der schon übermannshoch gewachsen war . Und auf dem Fuchsenstein gewahrte Malimmes ein Geblitz von Waffen und die Verschanzungen der drei Geschütze . In seiner Freude hob er den Bidenhänder und tat einen gellenden Schrei . Waren die Kammerbüchsen noch da , so waren auch Jul und Runotter nicht weit . Viele Stimmen kreischten auf dem Wall . Faustbüchsen und Armbrusten richteten sich gegen den Reiter . Malimmes schrie die Losung von Plaien und schimpfte : » Hammelsköpf ! Man schießt doch nit auf die eigenen Leut ! « Der Wall hatte kein Tor und war so steil , daß man den Söldner und seinen Gaul an Seilen hinauflotsen mußte . Und da war auch Herr Martin Grans schon auf dem Wall und brüllte : » Du Schaf , du gottverlorenes ! « » Herr Hauptmann , Ihr seid ein Menschenkenner ! « » Hast du denn meinen Botschaftsweg in die Ramsau nicht verstanden ? « » Wohl , Herr ! Aber weil ich ein Schaf bin , hab ich halt auch was Schafmäßiges tun müssen . Sind meine Leut in Sicherheit ? « » Freilich ! « Herr Grans wurde heiter . » Dein Herr und sein