so klar geworden , wie übervoll die Welt von häßlichen und dürftigen Menschen war , als heute , wo sie in dem Dreieck des Rondells die eine Gestalt sehen sollte , - die keiner zu vergleichen war . Da kam ein Herr , der hatte freundliche und kluge Augen von ähnlichem Blau , wie er , aber die Lippen des Mundes waren wulstig aufgeworfen und von den gewöhnlichsten Trieben geformt . Da kam ein anderer , - die Konturen seines vollen , grauen Haares unter dem weiten Filzhut , erinnerten , einen schattenhaften Augenblick lang , an jenen anderen Kopf , - aber wie hätte der auf solcher Gestalt wohl sitzen können ? Es kamen Leute - kurze und lange , dünne und dicke , blonde , schwarze und graue , aber keiner , keiner- von seiner Art. Es schien ihr , als gehöre er einem Geschlecht an , das die Merkmale des lichten Rassenideals mit reinster Vergeistigung gepaart hatte , und nun , wie eine fremde Art , herausleuchtet aus der Menge . Und eine bedrückende Angst senkte sich plötzlich auf sie : - wie würde sie die Häßlichkeit , die Dürftigkeit dieser Welt ertragen , wenn - wenn jenes Bild - ihr wieder daraus entschwand ? Ein namenloses Bangen erfaßte sie und machte sie schwindeln . Jenes Bild aber - sie hatte es gesehen ! War denn das nicht schon ein Wunderbares , - - war denn das nicht eine seltene Erfüllung ? Mußte man nicht am Leben irre werden , wenn man dem Bildnis seiner Sehnsucht in eben diesem Leben niemals begegnete ? Wenn es aber geschah , - wenn diese wunderbare Bestätigung einem wurde , - mußte dann nicht der Glaube kommen , der große Glaube an die Idee der Möglichkeit höchster Vervollkommnung ? Und hatte man erst diesen Glauben - war man denn da nicht frei geworden , - losgelöst vom zufälligen Spiele des Schicksals , das einem in diesem einen , kleinen Leben herumwirbeln mochte auf krause und scheinbar sinnlose Art ? Nur der bestätigte Glaube an das Idol der eigenen transzendenten Sehnsucht , - nur der war der sichere Wegweiser im Labyrinth . Sie hatte die Blicke von der Tür gewendet und sie auf eine illustrierte Zeitung gesenkt , die sie in Händen hielt . Plötzlich fiel ein Schatten auf das Blatt , - wie ein glückliches Erschrecken ging es durch ihr Wesen , wie ein Riß vom Herzen in die Glieder ... Manfred stand an ihrem Tisch . Sein Gesicht lachte ihr zu , und während er seinen Mantel ablegte und dem wartenden Kellner übergab , entschuldigte er sich für die kleine Verspätung . Er hatte sie hierher gerufen , um mit ihr einen Plan zu besprechen , der schon geklärt sein sollte , wenn die Sitzung zusammentraf : er wünschte möglichst bald in dem neuen Blatt einen Artikel von ihr zu bringen , betitelt » Die Freiheit der Frau « . Sie horchte und wurde nachdenklich . Dieses Thema , - - war sie wohl diesem Thema gewachsen ? Sie bat ihn , ihr das Thema deutlicher zu machen . » Die Freiheit , die ich meine - - Sie können sich denken , daß es nicht etwa die Freiheit ist , mit der man auf Frauenversammlungen irgendein politisches Recht im Schweiße seines Angesichtes erkämpft ... obwohl die Erkämpfung solcher Rechte auch zur Sache gehört . Aber die Freiheit , die ich meine , « er stockte , und sein vollkommen geformtes Antlitz , dem ihren so nahe , blieb ihr einen Augenblick nachdenklich zugewendet , - » die ist eine , die alle jene Kämpfe um positive , materielle Güter erst sinnvoll machen soll . « Und ernst und aufmunternd forderte er sie auf : » Umgrenzen Sie mir das Problem . « Er neigte ihr den Kopf zu , und die Lichtströme seiner Augen nahmen ungehindert den Weg in die ihren . Er fuhr fort : » Gestalten Sie das Problem der - fast möchte ich sagen , der esoterischen Frauenbewegung wenn das Wort esoterisch nicht gerade für mich « , er seufzte - » einen unerquicklich mystagogischen und anrüchigen Klang hätte . Aber abgesehen von dieser suggestiven Färbung , die das Wort gerade für mich hat , - hat es hier Geltung . Jawohl , - umgrenzen Sie mir das Problem der esoterischen Freiheitsregung der neuen Frau ! « » Und warum - ich ? « » Sie - nur Sie . Denn wer sonst ? Da wäre noch meine Mutter , aber sie kann diesen Gedanken nicht mehr das Blut der Jugend geben . Neben ihr sind nur Sie - die einzige , - - die davon etwas weiß , die einzige , die darüber etwas sagen kann . « Sie lächelte : » Sagen kann ; das vielleicht , aber schreiben , ich ? « Und fast schamhaft wiederholte sie : » Sagen könnte ich es vielleicht . « Er lachte , - ein herzliches , vollkommenes , von keinem verdeckten Geheimnis verfärbtes Lachen . » Nun dann sagen Sie es , - und dann - dann können wir ja stenographieren . « So gingen sie in die Heiterkeit ein . Aber im Ernst sagte sie dann wieder : » Ich darf das heute noch nicht versprechen , - denn ich weiß nicht « , ihre Augen bekamen plötzlich wieder jenen Schleier , der sich manchmal , wenn sie die Fährte ihrer Gedanken suchend verfolgte , über sie senkte , - » ich weiß nicht , - ob ich selbst in dieser Freiheit bin ... Erst - wenn ich das deutlich fühle , - dann erst werde ich Worte finden dafür . « Also darum hatte er sie gerufen . Auch er glaubte , daß dies der wahre Grund gewesen , warum er sie hier , eine Stunde vor der Begegnung mit den anderen , sehen wollte . War es aber auch der einzige Grund ? War es nicht vielleicht auch , weil er sich freute , sie zu sehen , weil es ihn lockte , dieses Mädchen näher zu kennen ? Er wußte schon viel von ihr ; mit seinem erkennenden Auge , seiner inneren Erfahrung , die die Seele der Organismen ahnte , - verstand und ahnte er auch sie . Er erkannte : sie ist durch Kampf geworden , - so wie sie ist . Gekämpft hat sie auf allen Linien ihres Lebens . Und es war edle Art , die solche Kämpfe - so bestand . Wäre sie ihm doch vor Jahren begegnet ! Da hätte dem Kampf seine ganze Seele gehört . Heute - heute hatte seine Seele ein anderes Ziel , heute , da die Stürme hinter ihm lagen . Seit seine Scheidung von Lucinda ausgesprochen war , seit er diese unerträglich zweideutige Atmosphäre aus seinem Leben gebannt hatte , da war es wie eine letzte Griechensehnsucht in ihm , - nach der heiteren Vollendung des harmonisch Geborenen . Dies hier , was er vor sich sah , - war vielleicht ein Größeres . Auf einen anderen , - einen jüngeren vielleicht , - und doch ihm ähnlichen - mußte jenes Mädchen wie eine lebendige und feurige Lehre wirken , eine große und seltsame Belehrung vom Werden dieser neuen , noch geheimnisvollen Weiblichkeit , die da in die Zeit hineinwuchs ... Und plötzlich dachte er an seinen Bruder Florian , - den jüngsten ... Er aber ? ... Es lag wohl an ihm . Vielleicht konnte seine Sehnsucht überhaupt nicht mehr jung und leidenschaftlich emporschlagen . So stark , so jung , wie sie es einzig mußte , sollte er sich die letzte Sehnsucht erfüllen dürfen , - seine Art zu bewahren , im Schoße eines Weibes ... Zu schnell verflog diese Stunde . Er sprach mit ihr über die große Aufgabe , die er sich und anderen gestellt hatte . Die Macht des Unsinns , der sieghaft noch immer seine Herrschaft übte , zu brechen oder doch zu schwächen . Dazu bedarf es eines Hochdrucks von Intelligenz . Und da der Grad der intellektuellen Potenz sowohl im Komplex des Individuums als in dem der Art beschlossen lag , hieß es , die Vorgänge des körperlichen Lebens ganz ebenso ergründen , wie jene des sozialen und des immateriellen Gefüges der Welt . Nun , da der Stab der Helfer gebildet war , nun schien das Werk keine Utopie mehr . - Die Uhr war acht . Manfred grüßte zur Tür . Einer der Herren , die zur Sitzung kamen , war eingetreten . Man erhob sich und ging hinauf in das reservierte Klubzimmer . Im Verlauf einer Viertelstunde waren die Erwarteten fast vollzählig zur Stelle . Da war ein Gelehrter , ein älterer Mann , der ein großes Werk über soziale Ökonomie geschrieben hatte , dann ein Physiologe , der für die Regeneration der Menschen durch Verbreitung einer Ernährungswissenschaft auf chemischer Grundlage kämpfte ... Justus war gekommen und Stanislaus . Nachdem der Arzt und der Nationalökonom ihr Programm entwickelten , ging man zur Abteilung für Technik über . Hier war alles schon beschlossen . Ein junger Mann mit großem , kahlen Kopf und heiterem Gesicht , sehr hellblond , stellte den Antrag , eine Rubrik des Blattes zu bennenen : » Register des Unsinns « . Hier sollte jeder Unsinn , der die soziale , generative , moralische und ästhetische Entwicklung der Menschheit bedrohte , gleich in seinen ersten Äußerungen eingefangen und gespießt werden . Die barbarischen Atavismen der Zeit , - hier wollte man sie ins Netz kriegen und , entsprechend präpariert , zur Schau stellen . Stanislaus übernahm die Redaktion des Blattes und sollte später als Herausgeber zeichnen . Es war beinahe ein zu großes Amt , das auf ihn gelegt wurde , wenn er daneben auch noch weiter produktiv bleiben wollte . Hier wäre ein Platz für Werner gewesen , dachte er , für Werner , der ein scharfer Leser war . Aber der saß nun im gelben Kleid und grübelte über den Rätseln des Daseins . - Besondere Beachtung sollte , neben allen anderen Künsten , der Schauspielkunst geschenkt werden . Und neben deren Kritik sollten von Zeit zu Zeit Aufsätze über das Wesen dieser Kunst von einem der ihrigen veröffentlicht werden . Auch er war da : ein so vollkommener Schauspieler , daß er nichts mehr Theatralisches in seinem Wesen hatte ; dieser schlanke , kaum über Mittelgröße ragende Körper , der wie ein dämonisches Instrument des Geistes schien , - wie der wahre Mittler zwischen Geist und Erscheinung , - hatte die freie Gebärde des vollkommen vergeistigten Instinktes . Dieser Mann , den die Gegenwart als den größten seiner Zunft pries , und der die beherrschte Haltung des immer Gefeierten hatte , war in enger Fühlung mit Manfreds Lebensplan . Manfred erklärte , warum die Schauspielkunst hier besonders beobachtet werden sollte : » Diese Kunst veranschaulicht den äußeren Adel der menschlichen Erscheinung , - die höchste Möglichkeit der menschlichen Gestalt - und die reine Idee aller Affekte . « Vergleichende Sprachforschung sollte gepflegt werden , und , vor allem , vergleichende Völkerkunde . Hier fehlte noch Florian . Seine Rückkehr wurde erwartet . Aber nicht nur der Ethnologe der Gesellschaft sollte Florian sein , - nein , er würde in diesem Blatt die Stimme der Zukunft , die Stimme der Forderungen , die Stimme kosmopolitischer Wünsche laut werden lassen . Denn dieses war die wahrhafte Stimme jenes jüngsten Bruders , Florian . An dieser Stelle sollte sie - neben seinen Erfahrungen - hörbar werden . Olga erinnerte sich , was ihr die Mutter der Wallentins von Florian erzählt hatte : Er hatte nicht aus eigenem Antrieb daran gedacht , Anthropologe zu werden . Mit revolutionärem Ansturm war er nach vollendeten Studien , ein Jugendlicher , zu des Bruders reifem Werk gestürmt . Der aber hatte ihm geboten : erst das Auge zu schärfen , für die Dinge , die sind , bevor er an die Propaganda der Dinge , die werden sollten , denken dürfe . » Das Auge schulen , - es ruhen , ruhen lassen - die Erscheinung ergründen , die da ist « . Und darum hatte er ihn dahin gesandt , wo es zu schauen gab , wo alles , was er sah , mit ursprünglichem Blicke gefaßt und gewertet werden mußte . Zum Schlusse wies Manfred auch Olga ihren Platz an . Frau Wallentin und sie sollten über jene Fragen berichten , die große Schichten der Frauen bewegend hoben . Besonders sollte diese Frauenfrage unter dem Gesichtspunkt der Weibesfrage und ihres Zentralsten : des Mutterproblems , erörtert werden . Für die Strebungen der Frauenbewegung trat Manfred nur bedingungsweise ein ; er wünschte die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau - aber - ergänzt durch Frauenschonung und Frauenschutz , zur Zeit der Belastung durch die Vorgänge der Fortpflanzung . Ja , er verlangte die gesellschaftliche Sicherung der Frau als Pflegerin und Erzieherin der Generation . Natürlich sollte die Frau ihr Leben nicht etwa nur auf ihren Gattungszweck einstellen , - da das höchste Gut der organischen Welt : das Gehirn , auch bei ihr entwicklungsfähig und vielfach hochentwickelt war . Nur vor der Schädigung durch grobe Brotfrohn wollte er sie behütet wissen . Die Frauenarbeit in ihrer heutigen Form , die besonders die Kräfte der Proletarierfrau zerrieb , betrachtete er wie ein gefährliches Medikament , das man einem kranken Gesellschaftskörper zuführt , weil man die eigentliche Methode seiner Heilung noch nicht weiß . Diese Methode aber würde dahin streben , - daß das echteste Recht des Weibes , das Recht auf Mutterschaft , jedem dazu tauglichen Weibe gesichert würde . Dann erst wird die Frau nur zu jenen Berufen streben , die ihre Lebenskraft und ihre Lebensfreude erhöhen , anstatt sie zu zermürben . Olga erwiderte : » Das war von jeher , wenn auch unbewußt , die geheimste Strömung der Bewegung . Um bewußt zu werden , mußte sich die Bewegung im Kreise drehen : sie ging aus - von der Stellung der Frau als Weib , gelangte zu ihrer Situation als Erwerbende und geistig und wirtschaftlich Selbständige und kehrte zurück - zum Mutterproblem . « Nun war noch über die Technik der Redaktion zu sprechen . Hier hätte man die neue Helferin gebraucht . Wo war sie ? Olga machte sich Vorwürfe , in der frohen Hast , mit der sie vom Hause weggeeilt war , Eva nicht deutlich genug über den Weg zum Vorort hierher unterrichtet zu haben . Nun hatte sie sich verspätet , weil sie den Weg nicht kannte , und würde wohl kaum noch kommen . Ihr Blick glitt über die Runde von Männern , unter denen sie die einzige Frau war . Sie saß Manfred gegenüber . Plötzlich , zum erstenmal , überkam sie der Gedanke : Warum - warum ist er allein ? Seine Verbindung mit Lucinda war längst ein leerer Schein gewesen . Warum fehlte diesem Mann bis heute die Gefährtin ? Auf seinen weiten Reisen in allen Zonen der Kultur , hätte er sie da nicht finden müssen ? Ihre Gedanken waren plötzlich versponnen in diese Frage . Die eigentliche Sitzung war beendet , aber man blieb noch zusammen . Sie grübelte ... Warum war er - allein ? Aber freilich , wo war die Gefährtin für ihn ? Diesen Mann konnte zum zweitenmal kein Mißgriff beirren . Wo war die Ergänzung für ihn , - wo eine Weiblichkeit , rhythmisch in Blut und Geist , wie sie allein neben ihm zu denken war ? ... Es klopfte . Ein bescheidenes , aber doch ein deutliches Klopfen war es . Manfred ging zur Tür und öffnete . Eva Nestor stand vor ihm , und Olga sah sie - sah sie , mit großen , erstaunten , mit wissenden Augen , - als hätte sie sie das erstemal gesehen , - sah sie neben jenem Manne , der für sie der vollkommenste des Geschlechtes war ... Der Sommer war vergangen , für Olga - überwunden . Stanislaus und Lore hatten kürzlich geheiratet , und Stanislaus verwurzelte sich tief in sein Gatten- und Vaterglück . Jetzt rüsteten auch noch zwei andere zu dauernder Bindung . Koszinsky sollte für seine Firma nach Buenos Aires gehen , um eine deutsche Filiale des Geschäftes da zu leiten . Er nahm Erika mit . Und da sie drüben keinen Anstoß erregen wollten , so gingen sie vorher , brav , zum Standesamt . Olga , Stanislaus und seine Frau wohnten der Zeremonie bei . Nachher ging man zu fünft in ein kleines Restaurant , zum gemeinschaftlichen Mittagessen . Erika strahlte vor Glück . In ihrem neuen , grauen Kleid sah sie wirklich wie eine Jungvermählte aus . Es war , als ob alles , was vordem ihr Leben bedrängt hatte , in dem schwarzen Wasser des Kanals geblieben wäre . Aus Koszinskys Gesicht war der unstäte Zug gewichen . Seine Miene war ernst , zufrieden , und um seinen Mund , verborgen in dem blonden Spitzbart , lagerte ein Zug von heimlicher Heiterkeit , den er früher niemals gehabt . Erika war entzückt von der neuen überseeischen Aussicht . » Nach Buenos Aires - denken Sie nur , in dies herrliche Klima , diese fremden , interessanten Verhältnisse ! « Sie schwärmte begeistert . » Erinnern Sie sich , Koszinsky , « - sagte Olga - » wie es einstmals ein - Traum von Ihnen war , sich irgendwo auf einer grünen Insel im blauen Meer niederzulassen - irgendwo fern von Europa - und dort als Farmer zu leben ? « Woher nahm sie den Mut , ihn an jene Stunde zu mahnen ? ! Die Gegenwart war es , die ihr diesen Mut gegeben . Ungescheut durfte sie jetzt , heute , auch dieses Bild heraufbeschwören . War denn das nicht wirklich sein Schicksal gewesen ? War er nicht erst hinausgeschleudert worden ins Uferlose und hatte sich dann doch auf einem Stückchen grünenden Landes gerettet ? ... Koszinsky nickte , mit rückschauendem Erinnern ... » Das schönste ist doch - daß Kasimir « - Erika behandelte den Namen als ihr unzweifelhaftes Eigentum - » in ganz selbständiger Stellung da hinüber kommt . Er soll ja nicht nur die Filiale leiten , sondern den Austausch der Produkte vermitteln - sein Chef will seiner Fabrik ein Ex- und Importgeschäft anschließen und läßt ihm freie Hand . Und denken Sie , « fuhr sie eifrig fort , » wie man dabei den deutschen Interessen dient ! « Koszinsky dämpfte ihre kühnen Hoffnungen . » Wenn es mir nun nicht gelingt , Erika ? « Und ernsthaft setzte er hinzu : » Dann bleibt mir nichts anderes übrig , als zu den Siouxindianern überzugehen , um mich im blutigen Krieg gegen die Bleichgesichter auszuzeichnen . Es ist nicht unmöglich , daß ich es vom gewöhnlichen Krieger dann bis zum Häuptling bringe und etwa als große Wolke viel von mir reden mache . Auf diese Art wirst du dann doch noch die Frau eines angesehenen Mannes . « » Sehen Sie , so spottet er immer . Aberich mache mir nichts daraus , und es ist doch gut , daß er auf dem - Wege ist . Und sicher ist es auch kein Unsinn , daß er sich als Kaufmann da drüben auch noch spezifisch deutsche Verdienste erwerben kann , « sie blieb dabei , - » die auf solchen Plätzen auch anerkannt werden « ... Mit dieser immer gleichen Beharrlichkeit ihres Wesens , mit der sie jetzt diese neueste Idee verfolgte , hatte sie den Mann auf die Linie einer bürgerlichen Existenz gebracht . » Sie sieht sich im Geist schon als Frau Generalkonsul « , erklärte Koszinsky . - - - So schloß sich überall zusammen , was sich im Leben ergänzen , vielleicht vollenden konnte . Nur sie , sie allein stand außerhalb all dieser Ringe . So hatte auch das Schicksal - wenn man jene geheimnisvolle Schiebung einer höchsten Logik , die die Dinge in sich tragen , und die in ihren Geschicken fortwirkt , so nennen wollte - jene bedeutsame Konfrontation herbeigeführt - zwischen Manfred und Eva . Mit erkennenden Augen , mit der sich selbst hochhaltenden Art der seltenen Persönlichkeit , so waren sie einander damals gegenübergestanden . Welch Rätselvolles lag doch in solcher Begegnung . Zwei kreuzen ihre Wege zur bestimmten Sekunde , und diese wird ihr Schicksal . Sie kann aber auch das Schicksal eines Dritten werden , - des Ausgeschlossenen ... Olga wußte , daß , da sie diesem Mann begegnet war , - kein Mensch von anderer Art als von seiner , jemals die Einsamkeit von ihr nehmen konnte . - Und da dieser Eine die Genossin gefunden , die nicht sie war , so betrachtete sie ihr Urteil als gesprochen . Seine schnelle Entscheidung für Eva , die Olga in der Minute ihrer ersten Begegnung erkannt hatte , - sie war den Instinkten höchsten Lebenstriebes entsprungen . Denn unter allen Frauen , wahrlich , war diese eine , die er spät gefunden , die einzige , die das angestammte Seine vollenden , erhöhen konnte . Im Sturm einer Minute hatten sie einander erkannt ... diese beiden , von der Natur so wohl Erdachten . Einmal , bald nach dieser Begegnung , da hatte Manfred ihr - Olga - sein Herz ausgeschüttet , hatte ihr bekannt , wie er Eva sah . » Ich hörte einmal eine tiefe Deutung der Gestalten der Sixtinischen Kapelle . In den Figuren unterhalb der Bilder der Schöpfungsgeschichte , - in den Dreiecken zwischen den einzelnen Tableaus - waren Sie schon in Rom ? Nein , das müssen Sie nachholen , - - in jenen vermittelnden Figuren sah der Kritiker die Freudigkeit der Götter , die Weisheit der Propheten , die Tiefe der Sybillen , und die Liebe der Mütter gestaltet . Und sie , Eva , - hat sie nicht die Freudigkeit der Göttin , die Tiefe der Sibylle und das Herz einer Frau ? « Aber sie war nicht nur freudig , tief und liebreich , sondern die hohe Vernunft , die all ihr Leben sie getragen , führte sie auch hier . Als er sich ihr mit junger Sehnsucht näherte , vergaß sie doch nicht , was ihr fast erratendes Wissen um die Dinge ihr mitgeteilt hatte , - daß dieses Mannes Erlebnis mit dem Weibe sich unterordnen müsse seinem Erleben am Werke . Und sie wußte , daß sie nur dann sein werden und sein bleiben dürfte , wenn seine Bestimmung zum Werke darunter nicht litt . - Unter all den Halben , Geborstenen , Geschwächten , die ihm im Leben begegnet waren , faszinierte ihn diese einzige durch die hohe Vernunft , die aus ihrem Wesen strahlte . Wie waren hier selbst jene Triebe , deren Wesen Begierde ist , geedelt und hochgezogen , wie war sie doch so » berechnend « im sibyllinischen Sinn ! Glücklich ergab sie sich seinem und ihrem Begehren , - sah sie doch darin ihre endliche Bestimmung . Aber über allen Leidenschaften , die ihrer starkströmigen Natur fröhlich entsprangen , stand , wachsam , eine erhabene Besonnenheit , die das Leben beschützt und mehrt . - Von diesem Schauspiel , das sich vor Olgas Augen abspielte , drohte ihr der Fall . In tiefem Bangen sah sie sich vor ein Schicksal gestellt , das ihren Willen überwuchs , und das Dogma dieses Willens , - den Pfeiler , an den sie sich , lebendig rankend , immer gehalten , - zum Sturze brachte . Dieser Grundpfeiler ihres Willens war der Antrieb - zu wachsen , bis an die letzten Grenzen des Maßes , das die Natur ihr zugebilligt . Darum durfte sie - so hatte sie in Zeiten schwerster Not erkannt - nicht sinken durch dunkle Erlebnisse . » Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte . « Dieses Wort der Amazone Penthesilea war auch das ihre . Und - horch ! - war hier nicht die wahre Prüfung der Frau , - jener Frau , die der Zukunft gehörte , - war dies nicht die wahre Freiheit der Frau - daß sie eine Ungebrochene bleiben mußte , und eine Wachsende , so schwer und dunkel auch ihr Weibesschicksal sich über ihr zusammenballte ? Ach , wie war sie dieser Freiheit doch so fern . In schmerzlichem Erleben glitten die Kräfte . Aber sie eilte ihnen nach , raffte sie zusammen ; brauchte sie denn nicht ihre ganze Seelenmacht , da doch an jedem Wegende ein Schicksal von ihr besiegt sein wollte ? Sie rang mit sich , - diese beiden ihr teueren Menschen - beide lieben zu können . Aber es schien , als wäre die Stunde , wo solches Lieben freien Herzens möglich war , noch nicht gekommen . Der Ertrag ihres heldenmütigen Versuches aber war , daß sie , wenn auch nicht die Vereinigung der beiden , so doch jeden einzelnen weiter liebte , sie beide weiter sah , im Licht ihrer besonderen Art. - - - » Liebe darf niemals unfrei machen « , so hatte einst Lore , die ja auch zu jenen gehörte , die ihre Füße sicher setzen , gesagt . Sie lächelte schmerzlich , wenn sie dieses Wort überdachte . Jene höchste Weiblichkeit , die ein Dichter der Zeit auf den Mars verlegt hatte , jene Numenfrauen , - die vielleicht konnten dies Wort zur Wahrheit führen . Sie aber fühlte sich als Übergangene , - dies war ihr wiederkehrendes Los ; auf totem Gleise fuhr ihr Leben dahin , und ihr war , als müsse sie dieses Todesbewußtsein erdrücken . In dieser Zeit hatte sie eine dichterische Offenbarung . Da das gesprochene Wort und nicht die Feder ihr Instrument war , blieb diese Offenbarung als reines Erlebnis in ihr . Es war dieses : Sie erlebte neu die tiefe Idee , die sich an der Mythe von Königin Dido erhalten hat . - - - - - - Unter die geringe Art der Phönizier , die am nordafrikanischen Strande siedelt , tritt der Held , - eine Gestalt des Lichtes , der Sohn aus edlem Stamme , - Aeneas . Die Königin - Dido , die Städtegründerin , die Selbsteigene - die Emanzipierte ! - wird von der Liebe getroffen . Daß sie es bis heute nicht war , - es hatte seinen Grund darin , daß sie edler Mannheit nicht begegnete . In Didos Seele wohnt der Frohsinn , die Tapferkeit , die Tatkraft , und wie eine rote , blätterreiche , tief in ihren Kelch hinein verdunkelte Rose ist ihr Herz . Nicht umsonst heißt sie die » vollherzige Dido « . Sie reitet mit Aeneas zur Jagd , sie gibt sich ihm hin - oh , die Welt ist ein Strahlenmeer geworden für die Königin Dido . » Brennend vor Liebe durchschweift sie ... die Stadt . « Und nun erlebt sie - die Königin : das schwärzeste Weibeslos . Der Held verläßt sie , - überläßt sie denen , die um sie sind - den Geringen . Über die zur Tat geborene , selbsteigene Dido , kommt das Leid , das zermalmende . Das Leben bedroht sie mit der Schmach der Lächerlichkeit . Ein nomadischer König , Jarbas , strebt nach ihrer Hand . Der Geringe , den sie verschmäht , soll sich wieder in ihren Umkreis wagen dürfen , da sie dem Hohen so nahe , so nahe war ? - Unter der Sonne Afrikas friert die Königin Dido , eisige Verzweiflung durchdringt sie immer tiefer . » Wäre zum wenigsten mir ein Denkmal unserer Liebe , Ehe du fliehest , gewährt , und spielte ein kleiner Aeneas Mir im Palaste herum , der dir doch gliche von Antlitz , Ach , nicht schien ich mir ganz die Gefangene oder die Witwe ! « Aber ohne ein Pfand ihrer Liebe ihr zu lassen , ist der Held enteilt , - für immer . Nur , weil sie so friert , weil sie sich langsam zu Tode friert , kann es geschehen , daß sie den Scheiterhaufen für sich errichten läßt , Dido , die Königin , die Städtegründerin , die herrlich Selbsteigene , - die ein zu Tode frierendes Weib ward , da der Held sie verließ ... Olgas Traumleben hatte alle ihre Schicksale begleitet . Was dunkel oft in ihrer Seele noch war - der Traum erschloß es zu letzter Klarheit . So träumte sie auch jetzt : Dido stand auf dem Scheiterhaufen , den sie zu magischem Gebrauch errichten ließ . Und sie - sie selbst war die brennende Königin . Kaum faßten die Flammen ihre Kleider , so entfloh sie . Sie sah sich im Traum , flammenlohend , über einen Hügel laufen ; immer näher kam sie der Klippe am Gipfel , und von da erblickte sie das Meer , das rettende Meer , in das sie sich stürzte . Nicht , daß sie ertrinken mußte , dachte sie , - nein , nur , daß die Glut gelöscht wurde , das war es , was sie wußte , als sie jenen Sprung tat , im Traume . - - - Sie erwachte , mitten in der Nacht , allein , mit ihrer Herzensnot . Draußen spannte sich ein sternenklarer Sommernachtshimmel . Sie blickte von ihrem Bett aus in das blaue Feuer der Venus ; nicht ihr , nicht ihr schien dieser Stern . - - - Eva , die jetzt mit ihrem Töchterchen nahe dem Grunewald wohnte , besuchte sie . Wie immer , so wirkte die Heilsamkeit ihres Wesens auch heute . Sie hob ihren Mut , ihren Glauben an ein logisches Geschick , das auch ihr bestimmt sei . Sie sänftigte den Aufruhr , und als sie sie friedlicher wußte , umschlang sie sie , und wagte es , zu gestehen , was Olga doch bald erfahren mußte : daß sie von Manfreds Liebe ein Pfand trug . » Sinke nicht - und wenn der ganze Orkus auf dich drückte «