noch hier oben , um die vorüberziehenden Roten zu beobachten . Es dauerte lange Zeit , ehe die Sioux passiert waren . Dann kamen die Utahs . Es tat mir innerlich wehe , diese kurzsichtigen , haßerfüllten Leute so daherschleichen zu sehen . » Wer wird gewinnen ? « fragte das Herzle ; » sie oder wir ? « » Wir ! « antwortete ich zuversichtlich . » Siehst du nicht ganz deutlich , daß es nicht unser Verderben ist , welches da an uns vorüberzieht , sondern unser Sieg ? « » Woran soll ich das merken ? « » An ihrer Langsamkeit , ihrer Haltung , ihrer Gleichgültigkeit und , vor allen Dingen , an ihren leeren Futterbeuteln und Satteltaschen ? « » Wieso ? « Auch der junge Adler sah mich fragend an . Ich fuhr fort : » Sie haben keinen Proviant , nieder für sich , noch für ihre Pferde . « » Den bekommen sie doch jedenfalls von ihren jetzigen Verbündeten , den Kiowa und Komantschen . « » Das ändert nichts , denn das ist nur für einstweilen . Diese alten Indianer sind leichtsinniger , viel leichtsinniger , als früher die jungen jemals waren . Sie denken nur an die Vergangenheit und sind unfähig , die Gegenwart zu begreifen . Zog man früher in den Krieg , so tat man das in einzelnen Trupps , nicht aber gleich in der Stärke von tausend Mann . Und diese Trupps waren leicht zu erhalten und zu pflegen . Es gab Büffel zur Jagd , und der Weg wurde möglichst über die grasigsten Prärien genommen , die den Pferden das nötige Futter spendeten . Der Indianer machte im Frühling Fleisch für sechs Monate und im Herbst wieder Fleisch für sechs Monate . Da gab es so große Vorräte von geriebenem und getrocknetem Fleisch , daß es zu jeder Zeit leicht war , sich für lange Kriegszüge zu verproviantieren . Wo sind jetzt die Büffel ? Wo die anderen jagdbaren Tiere ? Wo gibt es jetzt einen Indianer , der in seinem Zelte Fleischvorräte für Monate hat ? Wo sind die Pferde , die es früher gab ? Auf die man sich in Hunger und Durst , in Frost und Hitze , in Wind und Wetter , in jeder Gefahr und selbst beim schwersten , verwegensten Todesritt verlassen konnte ? Das gab es früher ; jetzt aber ist alles anders . Wer da glaubt , in der alten Weise verfahren zu können , der ist verloren . Mein Bärentöter hängt daheim . Mein Henrystutzen und meine Revolver stecken im Koffer . Sie haben sich überlebt . Was aber tun Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch ? Sie sind ausgezogen mit tausend Sioux und tausend Uthas . Mit Leuten und mit Pferden , die keine Spur von Kriegsgewohnheit besitzen . Und , vor allen Dingen , ohne den nötigen Proviant ! Nun sind sie gezwungen , bei den Kiowa und Komantschen zu betteln . Wo aber haben die ihre Fleisch- und Brotvorräte ? Sie haben nichts ! Auch sie werden ausziehen zu zwei Tausenden , zusammen also wahrscheinlich viertausend Mann und viertausend Pferde , ohne den mitzuschleppenden Troß ! Woher den täglichen Proviant , das Futter , das Wasser für so unvernünftig viele nehmen ? Es braucht kein einziger von ihnen erschossen oder erstochen zu werden . Sie kommen vor Hunger um , vor Hunger und Durst , alle , alle ! Indem ich sie hier an uns vorbeireiten sehe , ist es mir , als ob sie nicht Körper seien , sondern verschmachtete Seelen , die nach dem Jenseits ziehen , um dort in ihren leeren , ewigen Jagdgründen vollends zu verhungern ! « » Uff , uff ! « rief der junge Adler , dem meine Darstellung sofort einleuchtete . Das Herzle aber war still . Auch sie sah ein , daß ich recht hatte ; aber diese Einsicht erhob sie nicht , sondern sie drückte sie nieder . Ihr gutes Herz sah sofort viertausend untergehende Menschen vor sich , und daß es unsere Aufgabe war , an diesem Untergange mitzuwirken , das tat ihr leid und wehe . Als der letzte der Utahs vorüber war , stiegen wir wieder hinab , versteckten die Leiter sehr sorgfältig , so daß sie selbst von einem scharfen Auge nicht entdeckt werden konnte , und kehrten dann zu Pappermann und unseren Pferden zurück . » Kakho-Oto war hier , « meldete er . » Sie sattelte sehr eilig und ritt dann sort . Sie sagte , Ihr wüßtet schon , wohin . « Nun schlugen wir das Zelt auf und machten es uns bequem . Ich war entschlossen , dem Wunsche unserer Freundin gehorsam zu sein und uns keiner Gefahr auszusetzen . Es war auf alle Fälle am besten , wir blieben hier still verborgen , ohne uns zu regen . So gab es also Zeit und Gelegenheit , das Vermächtnis meines Winnetou vorzunehmen und durchzusehen . Ich öffnete die Pakete , und dann waren wir beide , sowohl das Herzle als auch ich , für den ganzen Vor-und Nachmittag in ihren Inhalt vertieft . Ueber diesen Inhalt habe ich an anderer Stelle zu sprechen ; für jetzt will ich nur sagen , daß wir noch nie etwas ähnliches gelesen hatten , und daß der Schatz , der sich uns hier auftat , unendlich größer war , als wenn er Geld und Edelsteine im Gewicht von vielen Zentnern enthalten hätte . Gegen Abend stellte sich Kakho-Oto ein . Sie meldete uns , daß die Kiowa , Komantschen , Utahs und Sioux nun alle versammelt seien , und zwar über viertausend Mann stark , von jedem Stamme etwas über tausend Krieger . Also genau so , wie ich es vermutet hatte . Am Vormittage hatte man gegessen . Am Nachmittage waren die verschiedensten Vorberatungen abgehalten worden . Es hatte sich nach langen Widersprüchen endlich Einigkeit ergeben , so daß eine nachträgliche Hauptberatung eigentlich überflüssig gewesen wäre , wenn sie nicht als Schlußzeremonie alles Vorhergehende zu krönen gehabt hätte . » Also diese Hauptberatung findet statt ? « fragte ich . » Ja , « antwortete die Freundin . » Wann ? « » Grad um Mitternacht . « » Wenn ich doch dabei sein könnte , ohne gesehen zu werden ! « Da fiel das stets besorgte Herzle schnell ein : » Nein ! Daraus wird nichts ! Das ist zu gefährlich ! « » Wieso gefährlich ? « » Wenn sie dich erwischen , ist es um dich geschehen ! Ich als deine Frau habe vor allen Dingen darauf zu sehen , daß du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben bleibst ! « Kakho-Oto lächelte . Das tat ich auch und fragte das Herzle : » Aber wenn es sich nun herausstellt , daß es nicht gefährlich ist ? « » So gehe ich mit , um die Sache zu prüfen ! Als Junggeselle Westmann sein , ist keine Kunst . Aber sich noch als Westmann geberden , wenn man schon längst verheiratet ist , und seine Frau bei sich hat , das wird einem jeden vernünftigen Mann so fern wie möglich liegen ! Wenn wir Frauen einmal jemand belauschen , so wird gleich ein großes Hallo darüber gemacht . Aber wenn die Herren Männer im Walde herumkriechen , um Indianer zu behorchen , da behauptet man , es sei erstens notwendig und zweitens gehöre es zur Kühnheit und zum Heldentum . Ich habe da einen sehr guten Gedanken , der diese gefährliche Lauscherei vollständig unnötig macht . « » Welchen ? « » Kakho-Oto nimmt an dieser Hauptberatung teil und sagt uns dann , was gesprochen worden ist . « Da lachte ich laut auf und entgegnete : » Diesen Gedanken nennst du gut ? Er ist so töricht wie möglich ! Nie wird ein gewöhnliches weibliches Wesen an einer derartigen Häuptlingsversammlung teilnehmen dürfen ! « » Wirklich nicht ? « » Nein ! « » Das ist eine Schande ! Aber erfahren müssen wir auf alle Fälle , was beraten worden ist ! Wie fangen wir das an ? « Da lächelte die Freundin abermals und antwortete : » Ihr werdet bei dieser Versammlung zugegen sein . « » Wir ? Wir beide ? « fragte das Herzle schnell . » Ja . « » Ich denke , als Frau darf ich nicht ! « » Es geschieht im Geheimen . Niemand wird euch sehen . Die Häuptlinge kommen nämlich nach dem Haus des Todes . Der Medizinmann der Kommantschen will es so , und der Medizinmann der Kiowa stimmt ihm bei . Sie behaupten , das Haus des Todes sei schon vor Jahrtausenden ein Beratungshaus der Anführer gewesen und solle es nach seiner Entdeckung jetzt nun wieder sein . Zugleich sei es die Begräbnisstätte der Häuptlinge . Weibern sei es bei sofortiger Todesstrafe verboten , gewöhnlichen Kriegern ebenso , außer sie kommen zur Bedienung der Häuptlinge mit . « » Das ist ja vortrefflich ! « meinte das Herzle . » Sie kommen also um Mitternacht ? « » Ja , kurz vorher , denn die Zeremonie hat genau um Mitternacht zu beginnen . « » Da stellen wir uns zeitig ein , vielleicht schon um elf ! « » Aber du doch nicht ! « sagte ich . » Warum nicht ? « fragte sie . » Du hast doch soeben erst gehört , daß Weibern der Zutritt bei sofortiger Todesstrafe verboten ist ! Das ist mir zu gefährlich ! Ich als dein Mann habe vor allen Dingen darauf zu sehen , daß du zu jeder Zeit mir wenigstens am Leben bleibst ! Ich fühle mich also zu der Erklärung verpflichtet , daß du von der Teilnahme an diesem nächtlichen Abenteuer vollständig ausgeschlossen bist ! « » Oho ! Ich verweigere den Gehorsam ! Nimmst du deine Erklärung nicht sofort zurück , so gehe ich auf der Stelle nach dem Haus des Todes und verstecke mich dort bis Mitternacht , um euch alle miteinander zu belauschen , nicht nur die Indianer , sondern auch euch ! « » Wohin willst du dich verstecken ? « » Das weiß ich noch nicht . « » Das muß man aber wissen ! « » Schon vorher ? « » Gewiß ! Es ist sehr schnell gesagt : ich verstecke mich . Aber den richtigen Platz zu finden , das erfordert Ueberlegung , die nicht zu spät kommen darf . Wir wissen noch nicht , wieviel Personen sich einstellen werden - - - « » Ich weiß es , « fiel Kakho-Oto ein . » Es kommen Kiktahan Schonka , Tusahga Saritsch , Tokeichun und Tangua , die vier Oberhäuptlinge , sodann die beiden Medizinmänner der Kiowo und der Komantschen und außerdem fünf Unterhäuptlinge von jedem der vier Stämme . Auch einige gewöhnliche Krieger sind dabei , um das nötige Feuerholz und Tangua zu tragen , der nicht gehen kann . Jeder Stamm wird sein eigenes Beratungsfeuer brennen . Das Feuer für alle aber wird auf dem Altare angezündet , der die Medizinen der Oberhäuptlinge zu empfangen hat , bis das , was die Beratung ergeben hat , auch ausgeführt worden ist . « » So können wir also annehmen , « fuhr ich nun fort , » daß wenigstens dreißig Personen vorhanden sein werden . Wo und wie sie sich verteilen und plazieren , das wissen mir nicht . Es gibt somit im unteren Teil des Hauses , im Parterre , im Flur , auf dem Fußboden , keine einzige Stelle , an der wir sicher sein könnten , nicht bemerkt zu werden . Es ist da überhaupt kein einziger Gegenstand vorhanden , hinter dem wir uns verstecken könnten . Es steht da ganz allein nur der Altar , um den sie sich versammeln werden . « » So verstecken wir uns oben ! « rief das Herzle . » Mit Hilfe der Leiter ! In den Nischen , in den Luftlöchern , in den Fenstervertiefungen ! « » Ganz recht ! « nickte ich . » Aber denkst du dabei auch an die Feuer ? « » Soll ich das ? Wozu ? « » Wozu ? Welche Frage ! Um nicht zu ersticken oder durch immerwährendes Räuspern und Husten dich wenigstens zu verraten ! Es werden fünf Feuer brennen , vier Stammes- und ein Altarfeuer . Diese Feuer werden mit Holz , Reisig usw. genährt . Das gibt , zumal wenn dieses Material nicht ganz trocken ist , einen so bedeutenden Rauch und Qualm , daß es da oben , wohin du steigen willst , gar nicht auszuhalten ist , außer wir finden einen Platz , wo dieser Qualm und Rauch uns nicht erreicht . « » Denkst du , daß es einen solchen gibt ? « » Ich hoffe es . Unten können wir uns freilich nicht verstecken ; wir müssen hinauf . Aber auch nicht zu hoch , weil wir da nichts hören würden . Es gilt , die Windrichtung zu kennen und den Luftzug zu berechnen . Das Tor und alle Fensteröffnungen stehen offen . Es wird also Luftzug mehr als genug vorhanden sein . Aber nach welcher Seite geht er ? Ich schlage vor , daß wir probieren ! Wir haben fast noch eine Viertelstunde Zeit , ehe es Abend wird . Gehen wir schnell nach dem Hause , um ein Feuer anzuzünden und zu sehen , wohin der Rauch entweicht . « » Und dabei erwischt zu werden ! « warnte Pappermann . » Es kommt niemand , « versicherte Kakho-Oto . » Wir können es unbesorgt tun . « Mein Vorschlag wurde also ausgeführt . Wir begaben uns nach dem alten Bauwerke und sammelten unterwegs so viel dürres Holz , wie nötig war , den geplanten Versuch zu machen . Die Leiter wurde wieder hervorgeholt . Als das Feuer brannte , blieb Pappermann unten , um es zu schüren ; wir vier andern aber stiegen hinauf und beobachteten die durch die Wärme verursachte Luftbewegung und den abziehenden Rauch . Hierdurch entdeckten wir die für uns am besten geeignete Stelle und stiegen wieder hinab , um das Feuer auszulöschen und jede Spur desselben sorgfältig zu vertilgen . Dann kehrten wir nach unserem Lagerplatz zurück . Kakho-Oto aber verabschiedete sich von uns , um sich zu ihren Kiowa zu verfügen und am nächsten Morgen zeitig wiederzukommen . Während meine Frau uns am Lagerfeuer das Abendessen bereitete , gossen wir uns mit Hilfe des vorhandenen Bärenfettes und einer aufgedrehten , ungefärbten Baumwollenschnur einige kleine Kerzen , die wir nötig hatten , um bei unserem nicht ungefährlichen Aufstiege in die Höhe des Hauses nicht ganz und gar im Dunkeln zu sein . Denn gefährlich war es immerhin , auf den frei aus der Mauer ragenden Stufensteinen , die keine Spur von Brüstung oder Geländer hatten , ohne hellere Beleuchtung emporzuklimmen . Jedem Ausgleiten mußte unbedingt der Absturz folgen . Darum wollte ich mit dem jungen Adler allein hinauf . Das Herzle war da eigentlich recht überflüssig , zumal sie von den Verhandlungen , die ganz selbstverständlich indianisch geführt wurden , kein Wort verstehen konnte . Aber gerade , weil sie die Gefahr erkannte , bestand sie darauf , uns begleiten zu dürfen , weil sie mehr Besorgnis für mich als für sich selbst hatte und die Ueberzeugung hegte , daß ich in ihrer Gegenwart vorsichtiger sein würde als ohne sie . Als die elfte Stunde nahte , brachen wir auf und hinterließen unserem Pappermann die Weisung , falls wir gegen Morgen noch nicht zurück sein sollten , vorsichtig nachzuschauen , was uns im Haus des Todes festgehalten habe . Wir nahmen unsere Revolver mit , obwohl wir keineswegs glaubten , sie brauchen zu müssen . Im Hause angekommen , zündeten wir die drei Kerzen an . Der Aufstieg war noch schwieriger , als ich vorausgesehen hatte , und zwar der Leiter wegen . Wir brauchten sie , um zur untersten Stufe hinaufzukommen , und da wir sie unmöglich stehen lassen konnten , weil sie uns verraten hätte , mußten wir sie mit hinaufnehmen . Ich stieg voran ; dann folgte das Herzle , der » junge Adler « hinter ihr her . Indem ich vorn und er hinten die Leiter wagrecht faßte , bildete sie für meine Frau ein mitwandelndes Sicherheitsgitter , an dem sie sich im Falle der Not zu halten vermochte . Wir gelangten langsam , sehr langsam , aber doch glücklich hinauf . Da schoben wir die Leiter in die tiefe Fensteröffnung , so daß sie in ihr vollständig verschwand , löschten unsere kleinen , fast ganz unzureichenden Lichte aus und stiegen durch die Oeffnung , welche auf den künstlichen Felsensturz mündete , hinaus ins Freie . Es gab über uns einen hellen Sternenhimmel . Das von ihm niederfallende Licht reichte hin , uns den See als eine mattsilberne Fläche zu zeigen , die im Schattenrahmen der Ufersträucher lag . Wir brauchten nicht lange zu warten , so bewegte es sich da vorn . Es kamen Gestalten , langsam und einzeln , eine hinter der andern . Je näher sie kamen , um so deutlicher konnten wir sie erkennen . Freilich , ihre Gesichtszüge nicht . Auch die Gestalten waren nicht scharf konturiert . Aber daß es Indianer waren , darüber gab es keinen Zweifel . Auch die Bahre sahen wir , auf welcher der Häuptling der Kiowa getragen wurde . Sie bestand aus einer Decke , welche zwischen zwei Stangenhölzern befestigt war . Andere trugen große Holz- und Reisigbündel . Wir zählten vierunddreißig Personen . Wir warteten , bis die letzte von ihnen im Innern des Hauses verschwunden war , und schlüpften dann auch hinein . Wir hatten da eine undurchdringliche Dunkelheit vor uns und setzten uns nieder . Geheimnisvolles Geräusch ließ sich in der Tiefe unter uns hören , weiter nichts . Niemand sprach , kein Ruf , kein Befehl , kein Kommando erscholl . Es schien alles sehr genau vorherbesprochen worden zu sein . Da sprang irgendwo ein Funke auf , noch einer und noch einer . Diese Funken verwandelten sich in kleine Flämmchen . Die Flämmchen wurden zu Flammen , die Flammen zu brennenden Feuern . Es gab vier Feuer , welche die Ecken eines Quadrates bildeten , in dessen Mitte der Altar stand . Um diese Feuer lagerten sich phantastische Indianergruppen , die Häuptlinge jedes Stammes um ihre besondere Flamme . Der Rauch stieg empor , aber er belästigte uns nicht ; er verschwand durch die Oeffnungen der gegenüberliegenden Seite . Auch der Schein der Feuer stieg empor ; aber je höher , um so ungenügender und geheimnisvoller wirkte er . Beim Flackern der Flammen schien sich nicht nur unten , sondern auch hier oben alles zu bewegen , die Nischen , die Mumien , die Gerippe , die verworrenen Teile der Knochen . Das Herzle griff nach meiner Hand , drückte sie krampfhaft fest und flüsterte mir zu : » Wie geisterhaft , ja , gespensterhaft ! Fast fürchte ich mich ! « » Wünschest du dich weg von hier ? « fragte ich . » Nein , nein ! So etwas gibt es ja niemals , niemals wieder ! Denke , wir sind im Inferno ! « Das Bild , welches sie da brachte , war nicht unzutreffend ; ich aber hätte lieber gesagt , im Fegefeuer . Was da unten beschlossen werden sollte , war Sünde , ja ; aber es hatte nicht unbedingt zur Verdammung zu führen ; wir selbst waren ja da , um ihm ein besseres Ende , einen glücklichen Ausgang zu geben . Mir kamen die Gestalten da unten vor , nicht als ob sie Abkömmlinge vergangener Jahrtausende , sondern die zu erlösenden Seelen jener uralten Zeiten seien , die sich hier versammelt hatten zur letzten , bösen Tat , in deren Schoß die Befreiung aus der Finsternis zu suchen und zu erfassen war . Indem ich dies dachte , erklang das erste Wort , welches gesprochen wurde : » Ich bin Avat-towah22 , der Medizinmann der Komantschen . Ich sage : es ist Mitternacht ! « Und eine zweite Stimme schloß sich an : » Ich bin Onto tapa23 , der Medizinmann der Kiowa . Ich fordere auf , die Verhandlung zu beginnen ! « » Sie beginne ! « rief Tangua . » Sie beginne ! « rief To-kei-chun . » Sie beginne ! « rief Tusahga Saritsch . » Sie beginne ! « rief Kiktahan Schonka . Auch jetzt konnten wir die Gesichtszüge der Genannten nicht erkennen . Wir sahen nur ihre Gestalten und hörten ihre Stimmen wie aus einer nicht mehr zur Erde gehörenden Unterwelt herauf . Da trat der Medizinmann der Komantschen an den Altar und sprach : » Ich stehe vor dem heiligen Bewahrungsort der Medizinen . Im Tempel unseres alten , berühmten Bruders Tatellah-Satah hängt die Riesenhaut des längst schon ausgestorbenen Silberlöwen , auf welcher folgendes geschrieben steht : Bewahret eure Medizinen ! Das Bleichgesicht kommt über das große Wasser und über die weite Prärie herüber , um euch eure Medizinen zu rauben . Ist er ein guter Mensch , so wird es euch Segen bringen . Ist er ein böser Mensch , so wird es ein Wehklagen geben in allen euern Lagern und in allen euern Zelten . « Hierauf trat auch der Medizinmann der Kiowa an den Altar und sprach : » Aber neben diesem Felle des Silberlöwen hängt die Haut des großen Kriegsadlers ; auf der steht geschrieben : Dann wird ein Held erscheinen , den man den » jungen Adler « nennt . Der wird dreimal um den Berg der Medizinen fliegen und sich dann zu euch niederlassen , um euch alles wiederzubringen , was das Bleichgesicht euch raubte . Ich frage euch , die Oberhäuptlinge der vier vereinigten Stämme : Wollt ihr den Beschlüssen treu bleiben , welche heut unter euch getroffen worden sind ? « » Wir wollen , « antworteten alle vier . » Und seid ihr bereit , eure Medizinen hier niederzulegen zum Pfande dafür , daß ihr alles tun werdet , es auch auszuführen ? « Ein lautes , vierfaches Ja erscholl . » So bringt sie her , und gebt sie ab ! « Sie taten es . Sogar Tangua ließ sich zum Altare tragen , um seine Medizin mit eigener Hand abzugeben . Kiktahan Schonka klagte , indem er dem Medizinmanne die seinige überreichte : » Es ist nur die Hälfte . Die andere Hälfte ging unterwegs verloren , als Manitou seine Augen von mir wendete . Er kehre mir sein Antlitz wieder zu , damit mir nicht auch diese andere Hälfte noch verloren gehe ! Die Last meiner Winter drückt mich dem Grabe zu . Soll ich jenseits des Todes ohne Medizin erscheinen , und für ewig verloren sein ? Schon um mich vor diesem Untergang zu retten , bin ich gezwungen , alles zu tun , um zu halten , was ich heut versprach ! « Die Platte wurde vom Altare gehoben und dann , als die Medizinen im Innern desselben verschwunden waren , wieder daraufgelegt . Dann häufte man Holz und Reisig darüber und steckte es in Brand , doch nicht nach unserer , sondern nach indianischer Weise , so daß nur ein kleines Feuer entstand , in welches nur die Spitzen der Hölzer ragten , die , wenn sie verzehrt waren , immer nachgeschoben wurden . Das war das » Feuer der Beratung « , die nun begann . Sie war sehr feierlich . Sie wurde durch das sehr umständliche Rauchen der Friedenspfeife eingeleilet . Man hielt trotz der vorangegangenen Vorberatungen noch sehr ausführliche Reden . Es wäre wohl interessant , wenn ich diese Reden hier wörtlich wiederholte . Einige von ihnen gestalteten sich zu wahren Meisterstücken der indianischen Redekunst . Aber der Mangel an Raum gebietet mir , nicht so umständlich zu sein , wie diese Indianer es waren . Es genügt , zu sagen , daß wir auf unserem Platze alles , was gesprochen wurde , sehr deutlich verstanden . Es ging uns fast kein einziges Wort verloren . Das Resultat der Verhandlungen war für uns folgendes : Die vier Stämme planten einen Ueberfall des Lagers der Apatschen und ihrer Freunde am Mount Winnetou . Durch diesen Ueberfall sollte die geplante Verherrlichung Winnetous vereitelt werden . Zugleich hoffte man , dadurch in den Besitz großer Beute und all der Schätze zu kommen , welche jetzt in diesem Lager zusammenflossen . Es waren das besonders die freiwilligen Gaben an Nuggets und anderen Edelmetallen , die , entweder von ganzen Stämmen , Klans und Gesellschaften oder von einzelnen Personen gespendet , herbeigetragen wurden . Man wollte hier am dunkeln Wasser noch einige Tage bleiben , um von dem bisherigen langen Ritte auszuruhen , und dann nach einem Orte marschieren , den sie » das Tal der Höhle « nannten . Dieses Tal lag in der Nähe des Mount Winnetou und bot , wie man sagte , selbst für eine so große Zahl von Kriegern ein sicheres Versteck . Aus diesem Verstecke heraus sollten dann die Apatschen und ihre Verbündeten überfallen werden . Von höchstem Interesse für uns war ein ganz besonderer Punkt , den wir erlauschten . Die vier verbündeten Stämme hatten nämlich einen Kumpan bei den Apatschen , der es übernommen hatte , sie über alles zu unterrichten , ihren Streich mit vorzubereiten und ihnen die passendste Zeit zu seiner Ausführung anzugeben . Dieser Spion und Verräter war um so gefährlicher , als er nicht zu den gewöhnlichen , gleichgültigen Personen gehörte , sondern mit im Denkmalskomitee saß und als Mitglied desselben alles mögliche wußte und allseitig ein besonderes Vertrauen genoß . Das war Mr. Antonius Paper , mit dem indianischen Namen Okih-tschin-tscha und dem schlingernden Gange . Dies zu erfahren , hatte ganz besonderen Wert für uns . Für diese seine Mitwirkung war ihm ein bedeutender Anteil an der Beute , über dessen Höhe man aber nicht sprach , verheißen worden . Die Oberhäuptlinge schienen eine Scheu zu haben , sich vor ihren Unterhäuptlingen über diesen Punkt deutlich auszudrücken . Es wurden da die Gebrüder Enters mitgenannt , welche das , was man ihnen versprochen hatte , nicht bekommen sollten , weil man es diesem Antonius Paper auszuzahlen hatte , dem man seinen Lohn aber auch vorenthalten wollte , weil er an die beiden Enters zu entrichten wäre . Es handelte sich da jedenfalls um eine große Lumperei , über die man nicht gern sprach . Ich vermutete , daß man alle drei , sowohl Paper als auch die Enters , um ihren Lohn betrügen und sie dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen wollte . Als die Zeremonie zu Ende war , wurde das Beratungsfeuer auf dem Altar von den beiden Medizinmännern ausgelöscht . Sie strichen die Asche von der Platte und traten dann um einige Schritte von dem Altar zurück . Hierauf sagte der Medizinmann der Komantschen in feierlichem Tone : » So oft das heilige Feuer über den Medizinen erlischt , ist das Wort des Silberlöwen zu wiederholen : Bewahret eure Medizinen ! Das Bleichgesicht kommt über das große Wasser und über die weite Prärie herüber , um euch eure Medizinen zu rauben ! « Und der Medizinmann der Kiowa fügte hinzu : » So oft das heilige Feuer über den Medizinen erlischt , ist auch das Wort des großen Kriegsadlers zu wiederholen : Es wird ein Held erscheinen , den man den jungen Adler nennt . Der wird dreimal um den Berg fliegen und sich dann zu euch niederlassen , um euch die geraubten Medizinen wiederzubringen . Dann wird die Seele der roten Rasse aus ihrem tausendjährigen Schlaf erwachen , und was getrennt war , wird zur geeinigten Nation und zum großen Volke werden ! « Von jetzt an sprach niemand mehr , aber man blieb sitzen , bis die Feuer nach und nach verlöschten und schließlich auch der letzte noch glimmende Funke verschwunden war . Dann geschah der Aufbruch . Die Indianer verließen das Haus genau so , wie sie gekommen waren : langsam und still , einzeln , einer hinter dem andern . Unsere Blicke folgten ihnen , bis sie das Wasser des Sees erreichten und dann nach beiden Seiten abschwenkten . Das Herzle holte tief , tief Atem . » Welch ein Abend ! Welch eine Nacht ! « sagte sie . » Das werde ich nie , nie vergessen ! Was tun wir jetzt ? « » Wir steigen hinab und holen uns die Medizinen , « antwortete ich . » Dürfen wir das ? « » Eigentlich ist es verboten . Es steht der Tod darauf . Kein Indianer würde wagen , sich an ihnen zu vergreifen . Für uns ist es einfach ein Gebot der Notwendigkeit . « Der » junge Adler « hörte das . Er sagte nichts dazu . Wir brannten unsere drei Lichter wieder an , griffen zu unserer Leiter und stiegen langsam und äußerst vorsichtig wieder hinab . Unten angekommen , traten wir an den Altar . Da fragte der junge Apatsche in seiner Muttersprache : » Du willst sie wirklich nehmen ? « » Ja , unbedingt , « antwortete ich . » Sie sind eine Macht in meiner Hand , und zwar eine große , segensreiche Macht . « » Das weiß ich . Aber ich bin Indianer , und ich kenne die Bedeutung und die Unverletzlichkeit der Medizinen , die an solcher Stelle niedergelegt worden sind . Weißt du , was meine Pflicht mir hier gebietet ? « » Ja . Du hast zu verhindern , daß ich sie berühre . Sogar Gewalt hast du zu gebrauchen . Aber , habe ich etwa die Absicht , sie nicht heilig zu halten , sie zu verletzen ? « » Nein . Die hast du nicht . Und du bist Old Shatterhand , ich aber bin ein Knabe . Ein Kampf mit dir wäre mein Tod . Dennoch bitte ich dich um die Erlaubnis , eine Bedingung stellen zu dürfen !