Ein bis zwei Prozent trifft es eben , das ist die himmlische Gerechtigkeit . Die Kinder , die da drüben im Garten lachten , die durften leben . Durften ? Nein , sie mußten leben , so wie das seine hatte sterben müssen nach dem ersten Atemzug , bestimmt von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts hindurch einzugehen in eine andere . Draußen war die Dämmerung , und im Zimmer war es beinahe schon Nacht . Anna lag still und regungslos . Ihre Hand in der Georgs rührte sich nicht . Aber als Georg sich erhob , sah er , daß ihre Augen offen waren . Er beugte sich nieder , zögerte einen Augenblick , dann legte er den Arm um ihren Hals und küßte sie auf die Lippen , die heiß und trocken waren und seine Berührung nicht erwiderten . Dann ging er . Im Nebenzimmer brannte die Hängelampe über dem Tisch , auf dem früher das tote Kind gelegen hatte . Nun war die grüne Tischdecke ausgebreitet , als wäre nichts geschehen . Die Türe zu dem Zimmer , in dem Frau Golowski wohnte , war geöffnet . Das Licht einer Kerze schimmerte herein , und Georg wußte , daß da sein Kind den ersten und letzten Schlummer schlief . Frau Golowski und Frau Rosner saßen nebeneinander auf dem Sofa an der Wand , stumm , wie zusammengekauert . Georg trat zu ihnen . » Der Herr Gemahl ist schon fort ? « wandte er sich an Frau Rosner . » Ja , er ist mit den Herren Doktoren in die Stadt hineingefahren « , erwiderte sie und sah ihn wie fragend an . » Sie ist ruhig « , beantwortete Georg ihren Blick . » Ich denke , sie wird fest schlafen . « » Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen ? « fragte Frau Golowski . » Seit ein Uhr haben Sie ... « » Danke nein . Ich fahre jetzt in die Stadt . Ich möchte meinen Bruder sprechen . Auch erwarte ich Briefe von Wichtigkeit . Morgen früh bin ich wieder da . « Er verabschiedete sich , ging in seine Mansarde , holte die Tristanpartitur vom Balkon ins Zimmer herein , nahm Überzieher und Stock , zündete sich eine Zigarette an und verließ das Haus . Er fühlte sich freier , sobald er auf der Straße war . Eine ungeheure Aufregung lag hinter ihm . Es war in unglücklicher Weise vorüber , aber vorüber war es doch . Und mit Anna mußte es ja gut ablaufen . Freilich da gab es wohl auch den verhängnisvollen Prozentsatz . Aber es war klar , daß nun die Möglichkeit eines schlimmen Ausgangs , gerade nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeitsrechnung viel geringer sein mußte , als wenn das Kind am Leben geblieben wäre . Mit raschen Schritten durchmaß er die langgestreckte Ortschaft , wollte nichts denken und betrachtete mit absichtlicher Aufmerksamkeit jedes einzelne Haus , an dem er vorbeikam . Sie waren alle niedrig , die meisten recht trübselig und arm . Hinter ihnen , im Abenddunst , stiegen kleine Gärtchen an zu Weinbergen , Ackern und Wiesen . In einem beinahe menschenleeren Wirtshausgarten , an einem länglichen Tisch , saßen ein paar Musikanten und spielten auf Violine , Gitarre und Harmonika einen klagenden Walzer . Später kam er an ansehnlichen Landhäusern vorbei , und durch offene Fenster sah er in anständig erleuchtete Räume , in denen gedeckte Tische standen . In einem freundlichen Gasthausgarten , möglichst weit von den andern nicht sehr zahlreichen Gästen , ließ er sich endlich nieder , nahm seine Mahlzeit und spürte bald eine wohltuende Müdigkeit über sich kommen . Auf der Pferdebahn duselte er in seiner Ecke beinahe ein . Erst als der Wagen durch belebtere Straßen fuhr , fand er sich wieder und entsann sich des Geschehenen mit quälender , aber trockener Deutlichkeit . Er stieg aus , und durch die feuchte Schwüle des Stadtparks begab er sich nach Hause . Felician war nicht daheim . Auf dem Schreibtisch fand er ein Telegramm liegen . Es war aus Detmold und lautete : » Wir ersuchen höflichst um Nachricht , ob es Ihnen möglich wäre , innerhalb der nächsten drei Tage bei uns einzutreffen . Doch wolle diese Einladung vorläufig als für beide Teile unverbindlich hinsichtlich weiterer Entschließungen angesehen werden . Reisekosten werden in jedem Falle ersetzt . Hochachtungsvoll Hoftheaterintendanz . « Daneben lag das rötliche Blankett für die Antwort . Georg war enerviert . Was sollte er nun erwidern ? Das Telegramm deutete offenbar darauf hin , daß eine Kapellmeisterstelle erledigt war . Sollte er um Aufschub ersuchen ? Nach acht Tagen könnte er wohl zu einer Besprechung hin und gleich wieder zurückfahren . Es strengte ihn an , darüber nachzudenken . Zum mindesten hatte die Angelegenheit bis morgen früh Zeit . Und wenn das schon zu spät war , so hatte sich am Ende noch immer nichts Wesentliches geändert . Als Gast war er jedenfalls willkommen , das wußte er ja schon . Es war vielleicht besser , sich nicht zu binden ... sich irgendwo noch ohne Verpflichtung und Verantwortung einzuarbeiten und dann für das nächste Jahr gerüstet , fertig dazustehen . Aber was waren das für nichtige Erwägungen gegenüber der ungeheuern Sache , die sich heute in seinem Leben ereignet hatte . Er nahm den Malachit und stellte ihn auf das Telegramm . Was jetzt ... ? fragte er sich . In den Klub gehen und Felician aufsuchen ? Das war ja doch nicht der Ort , ihm die Sache mitzuteilen . Es war schon das beste , daheim zu bleiben und ihn zu erwarten . Es war sogar ein wenig verlockend , sich gleich auszukleiden und zur Ruhe zu legen . Aber er hätte ja doch nicht schlafen können . So kam er auf die Idee , endlich wieder einmal unter seinen Papieren ein bißchen Ordnung zu machen . Er öffnete eine Schreibtischlade , sichtete Rechnungen und Briefe und trug Anmerkungen in sein Notizbuch ein . Die Geräusche der Straße kamen durchs offene Fenster wie von fern . Er dachte daran , wie er im vorigen Sommer , nach des Vaters Tod , an derselben Stelle Briefe seiner verstorbenen Eltern gelesen hatte und das gleiche Geräusch der Stadt , der gleiche Duft des Parks zu ihm hereingeströmt war wie heute . Das Jahr , das seither verflossen war , dehnte sich in seinem müden Sinn zu Ewigkeiten , wurde dann wieder zu einer kurzen Spanne Zeit , und in seiner Seele raunte irgend etwas : wozu ... wozu . Sein Kind war tot . Draußen am Sommerhaidenweg auf dem Friedhof wird es begraben sein , dort wird es ausruhen in geweihter Erde von dem mühevollen Weg , der ihm zu gehen bestimmt war , von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts in die andere . Unter einem kleinen Kreuze wird es liegen , als hätte es ein Menschenlos durchlebt und durchlitten ... Als hätte es gelebt ? Es hatte ja wirklich gelebt , von dem Augenblick an , da sein Herz im Leib der Mutter zu klopfen angefangen . Nein , früher schon ... von dem Augenblick an , da seiner Mutter Leib es empfangen , hatte es dem Reich des Lebendigen zugehört . Und Georg dachte daran , wievielen Menschenkindern es bestimmt war , noch viel früher wieder dahinzugehen als dem seinen , wie viele , gewünschte und ungewünschte , in den ersten Tagen ihres Lebens sterben , ohne daß die eigenen Mütter es nur ahnen . Und während er so vor seinem Schreibtisch mit geschlossenen Augen hindämmerte , zwischen Schlafen und Wachen , sah er lauter schimmernde Kreuze ragen auf winzigen Hügeln , als wär es ein Friedhof aus einer Spielereischachtel , und eine rötlich-gelbe Puppensonne glänzte darüber hin . Mit einmal aber bedeutete dies Bild den Friedhof von Cadenabbia . Georg saß wie ein kleiner Knabe auf der steinernen Umfassungsmauer und wandte plötzlich den Blick zur See hinab . Da trieb in einem sehr langen , schmalen Kahn unter schwefelgelben Segeln , mit einem grünen Schal um die Schultern , bewegungslos auf der Ruderbank sitzend , eine Frau , deren Antlitz zu erkennen er sich vergeblich und beinahe schmerzlich bemühte . Die Klingel tönte . Georg fuhr auf . Was war das ? Ach ja , es war niemand da , um aufzuschließen . Der Diener war seit erstem entlassen , und die Portiersfrau , die jetzt die Brüder bediente , war um diese Zeit nicht in der Wohnung . Georg ging ins Vorzimmer und öffnete . Heinrich Bermann stand auf dem Flur . » Ich sah von unten Licht in Ihrem Zimmer « , sagte er . » Es war ein guter Einfall von mir , zuerst an Ihrem Haus vorüber zu gehen . Eigentlich wollte ich zu Ihnen aufs Land hinausfahren . « Spricht er wirklich so erregt , dachte Georg , oder klingt es mir nur so ? Er bat ihn einzutreten und Platz zu nehmen . » Danke , danke , ich gehe lieber auf und ab . Nein , schalten Sie die obere Flamme nicht ein , die Schreibtischlampe genügt . Im übrigen wie geht es bei Ihnen draußen ? « » Heute Nachmittag ist das Kind zur Welt gekommen « , erwiderte Georg ruhig . » Aber leider war es tot . « » Totgeboren ? « » Ich weiß nicht , ob man es so nennen kann « , entgegnete Georg bitter lächelnd , » denn einen Atemzug soll es getan haben , sagt der Arzt . Drei Tage lang haben die Wehen gedauert . Es war schrecklich . Nun ist es vorbei . « » Tot . Das tut mir aber sehr leid , glauben Sie mir . « Er reichte Georg die Hand . » Es war ein Knabe « , sagte Georg , » und merkwürdigerweise sehr schön , anders als Neugeborene sonst auszusehen pflegen . « Er erzählte auch dann , wie er sich eine ganze Weile in einem ungastlichen Gartenhaus aufgehalten hatte , das er früher nie betreten , und wie seltsam sich die Beleuchtung der Landschaft mit einemmal verändert hatte . » Es war ein Licht « , sagte er , » wie es Gegenden zuweilen im Traum haben , ganz unbestimmt , ... dämmerhaft , ... aber eher traurig . « Während er so sprach , wußte er , daß er Felician die ganze Sache anders erzählen würde . Heinrich saß in der Ecke des Divans und ließ den andern reden . Dann begann er : » Es ist sonderbar , all das ergreift mich natürlich sehr , und doch ... es beruhigt mich zugleich . « » Beruhigt Sie ? « » Ja . Als wären nun gewisse Dinge , die ich leider befürchten muß , mit einemmal weniger wahrscheinlich geworden . « » Was für Dinge ? « Ohne auf ihn zu hören , sprach Heinrich weiter , mit zusammengepreßten Zähnen . » Oder ist es nur deshalb so , weil ich dem Schmerz eines andern gegenüberstehe ? Oder gar nur , weil ich wo anders bin , in einer fremden Wohnung ? Das wäre schon möglich . Haben Sie nicht bemerkt , daß sogar der eigene Tod einem gleich wie etwas höchst Unwahrscheinliches vorkommt , wenn man zum Beispiel auf Reisen ist ; manchmal schon auf einem Spaziergang ? Solchen unbegreiflichen Selbsttäuschungen ist der Mensch unterworfen . « Er war aufgestanden , zum Fenster getreten , hatte das Gesicht abgewandt . Georg , an den Schreibtisch gelehnt , wartete ahnungsvoll , was er hören sollte . Nach ein paar Sekunden , als hätte er Fassung gewonnen , wandte Heinrich sich um , blieb aber am Fenster stehen , beide Hände rückwärts auf die Brüstung gestützt , und sagte kurz und hart : » Es besteht nämlich die Möglichkeit , daß die junge Dame , die Sie neulich bei mir flüchtig kennen gelernt haben , einen Selbstmord verübt hat . Bitte machen Sie kein so erschrockenes Gesicht . Sie wissen , es war schon in manchen ihrer Briefe zu lesen , daß sie es tun will . « » Nun also « , sagte Georg . Heinrich hob abwehrend die Hand . » Ich habe es ja auch niemals ernst genommen . Heute Morgen aber kam ein Brief , der , wie soll ich nur sagen , einen unheimlichen Klang von Wahrheit hatte . Es steht eigentlich auch nichts anderes drin , als was sie mir schon zehn- oder zwanzigmal geschrieben hat , aber der Ton ... der Ton ... kurz und gut , ich bin so gut wie überzeugt , daß es diesmal geschehen ist . Daß es vielleicht in diesem Augenblick schon ... « , er hielt inne und starrte vor sich hin . » Nein Heinrich . « Georg trat zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die Schulter . » Nein « , fügte er kräftiger hinzu , » ich glaube es absolut nicht . Ich habe sie ja gesprochen , vor ein paar Wochen erst . Sie wissen ja . Und da hatte ich durchaus nicht den Eindruck ... Ich habe sie auch Komödie spielen gesehen ... wenn Sie sie spielen gesehen hätten , in dieser frechen Posse , so würden Sie auch nicht daran glauben , Heinrich ! Sie will sich nur an Ihnen rächen , für Ihre Grausamkeit . Unbewußt vielleicht . Sie ist ja wahrscheinlich selbst manchmal davon überzeugt , daß sie nicht weiter leben kann , aber da sie es bis heute ausgehalten ... Ja wenn sie es gleich getan hätte ... « Heinrich schüttelte ungeduldig den Kopf . » Hören Sie , Georg , ich habe an das Sommertheater telegraphiert . Ich habe angefragt , ob sie noch dort ist , etwa so , als wenn es sich um eine Rolle für sie handelte , Probeaufführung eines neuen Stücks von mir , oder dergleichen . Ich habe zu Hause gewartet bis jetzt ... aber es ist noch keine Antwort da . Kommt keine , oder keine genügende , so werde ich auf alle Fälle hinfahren . « » Ja warum haben Sie nicht einfach angefragt , ob sie ... « » Ob sie sich umgebracht hat ? Man will sich doch nicht blamieren , Georg ! Da hätt ich mich ja ungefähr jeden dritten Tag erkundigen können ... Das hätte allerdings eines gewissen grotesken Humors nicht entbehrt . « » Nun sehen Sie , Sie glauben ja selbst nicht dran . « » Ich will jetzt nach Hause , schauen , ob ein Telegramm da ist . Adieu Georg . Verzeihen Sie mir . Ich hab es nämlich daheim nicht mehr ausgehalten ... Es tut mir wirklich sehr leid , daß ich Sie in einer solchen Stunde mit meinen Angelegenheiten belästigt habe . Nochmals , verzeihen Sie ... « » Sie wußten ja nicht ... Und auch wenn Sie gewußt hätten ... Bei mir ist es ja doch ... sozusagen eine abgeschlossene Geschichte . In meiner Angelegenheit ist leider absolut nichts mehr zu tun . « Er blickte angestrengt zum Fenster hinaus , über die Wipfel der Bäume , zu den dunkeln Türmen und Dächern , die aus dem matt rötlichen Glanz der abendlichen Stadt emporstiegen . Dann sagte er : » Ich begleite Sie , Heinrich . Ich kann ja zu Hause doch nichts anfangen . Das heißt wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht unangenehm ist . « » Unangenehm ? ... Georg ! ... « Er drückte ihm die Hand . Sie gingen . Anfangs spazierten sie längs des Parks und schwiegen . Georg erinnerte sich seines Spazierganges mit Heinrich durch die Praterallee , im vorigen Herbst , und gleich darauf kam ihm der Maienabend ins Gedächtnis , an dem Anna Rosner im Waldsteingarten erschienen war , später als die andern , und Frau Ehrenberg ihm zugeflüstert hatte : » Die hab ich für Sie eingeladen . « Ja für ihn ! Wäre jener Abend nicht gewesen , so wäre Anna nicht seine Geliebte geworden und nichts von allem , woran er heute trug , wäre geschehen . Oder war auch hier irgendein Gesetz am Werke ? Gewiß ! Es müssen wohl jedes Jahr so und so viel Kinder zur Welt kommen , und eine Anzahl darunter außer der Ehe . Und die gute Frau Ehrenberg hatte sich eingebildet , daß es in ihrem Belieben gestanden , Fräulein Anna Rosner einzuladen für den Freiherrn von Wergenthin ! » Anna befindet sich doch außer Gefahr ? « fragte Heinrich . » Ich hoffe « , erwiderte Georg . Dann sprach er von den Schmerzen , die sie gelitten , von ihrer Geduld und ihrer Güte . Er hatte das Bedürfnis , sie als vollkommenen Engel darzustellen ; als könnte er damit etwas sühnen , was er gegen sie verschuldet hätte . Heinrich nickte . » Sie scheint wirklich eine von den wenigen Frauen , die zur Mutterschaft bestimmt sind . Es ist nämlich nicht wahr , daß es viele von der Art gibt . Kinder zu kriegen dazu sind sie ja alle da , aber Mütter zu sein ! Und gerade sie mußte das erleiden ! Es ist mir eigentlich nie in den Sinn gekommen , daß so etwas eintreten könnte . « Georg zuckte die Achseln . Dann sagte er : » Ich hatte erwartet , Sie noch einmal draußen zu sehen . Ich glaube , Sie versprachen mir sogar etwas dergleichen , als Sie vor acht Tagen mit Therese zusammen bei uns nachtmahlten . « » Ach ja , wie wir uns so furchtbar gezankt haben , Therese und ich . Auf dem Heimweg ist es noch ärger geworden . Zum lachen . Wir gingen nämlich zu Fuß bis in die Stadt . Die Leute , die uns begegneten , müssen uns unbedingt für ein Liebespaar gehalten haben , so fürchterlich haben wir uns gestritten . « » Und wer hat am Ende recht behalten ? « » Recht ? Kommt das jemals vor , daß einer recht behält ? Man diskutiert doch nur , um sich selbst , und nie um den andern zu überzeugen . Denken Sie nur , wenn Therese am Ende eingesehen hätte , daß ein vernünftiger Mensch sich nie und nimmer einer Partei anschließen kann ! Oder wenn ich ihr hätte zugestehen müssen , daß meine Parteilosigkeit einen Mangel an Weltanschauung bedeute , wie sie behauptete ! Wir hätten uns beide sofort totschießen können . Was sagen Sie übrigens zu diesem Gerede von Weltanschauung ? Wie wenn Weltanschauung etwas anderes wäre , als der Wille und die Fähigkeit die Welt wirklich zu sehn , das heißt , anzuschauen , ohne durch eine vorgefaßte Meinung verwirrt zu sein , ohne den Drang , aus einer Erfahrung gleich ein neues Gesetz abzuleiten , oder sie in ein bestehendes einzufügen . Aber den Leuten ist Weltanschauung nichts , als eine höhere Art von Gesinnungstüchtigkeit Gesinnungstüchtigkeit innerhalb des Unendlichen sozusagen . Oder sie sprechen von düsterer und heiterer Weltanschauung , je nach der Färbung , in der ihnen die Welt kraft ihres Temperaments und zufälliger persönlicher Erlebnisse erscheint . Menschen mit offenen Sinnen haben Weltanschauung und beschränkte nicht . So steht die Sache . Man muß wahrhaftig kein Philosoph sein , um Weltanschauung zu haben ... vielleicht darf man ' s nicht einmal sein . Jedenfalls hat Philosophie mit Weltanschauung nicht das geringste zu tun . Von den Philosophen hat gewiß jeder bei sich gewußt , daß er nichts anderes vorstellt , als eine Art von Dichter . Kant hat an das Ding an sich geglaubt und Schopenhauer an die Welt als Wille und Vorstellung , wie Shakespeare an Hamlet und Beethoven an die Neunte . Sie haben gewußt , daß nun ein Kunstwerk mehr auf der Welt ist , aber sie haben sich gewiß nicht eingebildet , daß sie eine endgültige » Wahrheit « entdeckt hätten . Jedes philosophische System , wenn es Rhythmus und Tiefe hat , bedeutet einen Besitz mehr auf Erden . Aber was soll es denn an dem Verhältnis eines Menschen zur Welt ändern , der selbst mit offenen Sinnen begnadet ist ? « Er sprach weiter , immer erregter , geriet , wie es Georg erschien , ins Fieberhaftverworrene . Georg erinnerte sich daran , daß Heinrich einmal ein Ringelspiel erfunden hatte , das sich über den Erdboden höher und immer höher in Spiralen drehen sollte , um endlich in einer Turmspitze zu enden . Sie nahmen den Weg durch wenig belebte und mäßig beleuchtete Vorstadtstraßen . Georg war es , als spazierte er in einer fremden Stadt umher . Plötzlich erschien ein Haus ihm sonderbar bekannt , und er merkte jetzt erst , daß sie an dem Haus der Familie Rosner vorbeigingen . Das Speisezimmer war erleuchtet . Wahrscheinlich saß dort oben der Alte allein , oder in Gesellschaft seines Sohnes . Ist es denn möglich , dachte Georg , daß in wenigen Wochen auch Anna wieder dort sitzen wird , am selben Tisch mit Vater , Mutter und Bruder , als wäre nichts geschehen ? Daß sie wieder hinter jenem Fenster mit den jetzt geschlossenen Jalousien Nacht für Nacht schlafen , Tag für Tag aus diesem Hause sich zu ihren armseligen Lektionen begeben daß sie dieses ganze , klägliche Leben wieder aufnehmen wird , als hätte nichts , gar nichts sich verändert ? Nein ! Sie durfte nicht mehr zu den Ihren zurückkehren , das wäre ja unsinnig gewesen . Zu ihm mußte sie kommen , mit ihm zusammen leben , zu dem sie gehörte . Das Telegramm aus Detmold ! Beinahe hätte er dran vergessen . Er mußte mit ihr darüber reden . Hier war Hoffnung und Aussicht ! In solch einer kleinen Stadt war das Leben wohlfeil . Auch war Georgs eigenes Vermögen noch lange nicht aufgezehrt . Man konnte es schon wagen . Überdies bedeutete die Stellung dort nur den Anfang . Vielleicht bald kam eine bessere , in einer andern , größern Stadt ; über Nacht , unverhofft , wie solche Dinge immer kommen , war ein Erfolg da , man hatte einen Namen , nicht nur als Dirigent , sondern auch als Komponist , und es brauchten kaum zwei , drei Jahre zu vergehen , so konnten sie das Kind zu sich nehmen ... Das Kind ! ... Wie die Gedanken ihm durch den Kopf stürmten ... Auch das konnte man auf einen Augenblick vergessen ? Heinrich sprach noch immer ; es war ganz offenbar , daß er sich übertäuben wollte . Er fuhr fort , die Philosophen zu vernichten . Eben war er daran , sie von Dichtern zu Spielenden zu degradieren . Jedes System jedes philosophische und jedes moralische sei Wortspielerei . Eine Flucht aus der bewegten Fülle der Erscheinungen in die Marionettenstarre der Kategorien . Aber das war es eben , wonach es die Menschen verlangte . Daher alle Philosophie , alle Religion , alle Sittengesetze ! Auf dieser Flucht waren sie immerfort begriffen . Wenigen , gar wenigen war die ungeheure , innere Bereitschaft gegeben , jede Erfahrung als neu und einzig zu empfinden die Kraft es zu ertragen , daß sie in jedem Augenblick gleichsam in einer neuen Welt stünden . Und doch : nur dem , der den feigen Drang überwinde , alle Erlebnisse in Worte einzuengen , dem zeige das Leben das vielfältig-eine , das wunderbare , sich in seiner wahren Gestalt . Georg hatte die Empfindung , als strebte Heinrich mit all seinen Reden nur dies an : vor sich selbst jede Verantwortung gegenüber einem höhern Gesetz abzuschütteln , indem er keines anerkannte . Und wie in einem wachsenden Widerstand gegen Heinrichs faselhaft wunderliches Gebaren fühlte er , wie sich in seiner eigenen Seele das Bild der Welt , das ihm vor Stunden erst wie in Stücke zu zerfallen gedroht hatte , allmählich wieder zusammenzuschließen begann . Eben noch hatte er sich gegen die Sinnlosigkeit des Schicksals aufgelehnt , das ihn heute betroffen , und schon begann er dumpf zu ahnen , daß auch das , was ihm ein trauriger Zufall geschienen , nicht aus dem Leeren auf sein Haupt heruntergestürzt war , sondern daß es ebenso auf einem vorbestimmten , nur dunklern Weg zu ihm herangezogen war , wie das , was auf weithin sichtbarer Straße sich ihm nahte und das er gewohnt war , Notwendigkeit zu nennen . Sie waren vor dem Hause , in dem Heinrich wohnte . Der Hausmeister stand am Tor und teilte mit , daß er vor kurzem eine Depesche in Heinrichs Zimmer gelegt hätte . » So ? « sagte Heinrich wie gleichgültig und ging langsam die Treppen hinauf . Georg folgte . Im Vorzimmer zündete Heinrich eine Kerze an . Auf einem kleinen Tischchen lag die Depesche . Heinrich öffnete sie , hielt sie nah zum flackernden Licht hin , las für sich und wandte sich dann zu Georg . » Sie wurde heute morgens auf der Probe erwartet und ist nicht erschienen . « Er nahm den Leuchter in die Hand und trat , von Georg gefolgt , in den nächsten Raum , stellte das Licht auf den Schreibtisch und ging im Zimmer auf und ab . Georg hörte durchs offene Fenster über den dunkeln Hof Klaviergeklimper . » Sonst enthält die Depesche nichts ? « fragte er . » Nein . Aber offenbar ist sie nicht nur nicht auf der Probe gewesen , sondern war auch in ihrer Wohnung nicht zu finden . Sonst hätte man wohl telegraphiert , daß sie krank sei , oder sonst ein Wort der Erklärung . Ja , lieber Georg « er atmete tief auf » diesmal ist es geschehen . « » Warum ? Dafür ist doch kein Beweis vorhanden , kaum ein Anhaltspunkt . « Heinrich schnitt mit einer seiner kurzen Handbewegungen die Rede des andern ab . Dann sah er auf die Uhr und sagte : » Heut hab ich keinen Zug mehr ... Ja ... was soll man nur was soll man nur beginnen ? « Er hielt inne , blieb stehen und sagte plötzlich : » Ich werde zu ihrer Mutter fahren . Ja . Das ist das beste ... Vielleicht , vielleicht ... « Sie verließen die Wohnung . An der nächsten Ecke nahmen sie einen Wagen . » Hat die Mutter etwas gewußt ? « fragte Georg . » Ach Gott « , sagte Heinrich . » Was Mütter eben zu wissen pflegen . Es ist ja unglaublich , wie wenig die Menschen über das nachdenken , was in ihrer nächsten Nähe vorgeht , wenn sie nicht durch einen äußern Anlaß dazu genötigt werden . Und die meisten Menschen ahnen nicht einmal , was sie alles wissen , in der Tiefe ihrer Seele wissen , ohne sich ' s einzugestehen . Die gute Frau wird wohl etwas erstaunt sein , wenn ich so plötzlich vor ihr auftauche ... ich habe sie schon lange nicht gesehen . « » Was werden Sie ihr sagen ? « » Ja , was werde ich ihr sagen ? « wiederholte Heinrich und biß an seiner Zigarre herum . » Hören Sie , ich habe eine großartige Idee . Sie werden mit mir kommen , Georg , ich stelle Sie als Direktor vor , ja ? Sie sind auf der Durchreise hier , müssen noch heute mit einem Separatzug um elf Uhr fort , nach Petersburg , haben irgendwie gehört , daß sich das Fräulein in Wien aufhält , und ich , als alter Bekannter des Hauses bin so liebenswürdig Sie vorzustellen . « » Sind Sie zu dergleichen Komödien aufgelegt ? « fragte Georg . » Ach verzeihen Sie , Georg ! Es ist ja alles gar nicht notwendig . Ich frage die Alte einfach , ob sie Nachricht hat ... Was sagen Sie ... wie schwül diese Nacht ist ? « Sie fuhren über den Ring , durch den hallenden Burghof , durch die Straßen der Stadt . Georg war eigentümlich gespannt . Wenn die Schauspielerin nun wirklich ruhig bei ihrer Mutter zu Hause säße , dachte er . Er fühlte , daß es eine Art Enttäuschung für ihn bedeuten würde . Dann schämte er sich dieser Regung . Ist denn die ganze Geschichte eine Zerstreuung für mich , dachte er . Was den andern Leuten passiert ... ist uns wohl selten mehr , würde Nürnberger finden ... Eine seltsame Art sich zu zerstreuen , um den Tod seines Kindes zu vergessen ... Aber was soll man tun ? ... Ändern kann ich nichts mehr . In ein paar Tagen reis ' ich fort . Gott sei Dank . Der Wagen hielt vor einem Hause in der Nähe des Pratersterns . Über den Viadukt gegenüber dröhnte eben ein Zug , darunter weg liefen die Alleen des Praters ins Dunkle . Heinrich schickte den Wagen fort . » Ich danke Ihnen sehr « , sagte er zu Georg . » Leben Sie wohl . « » Ich warte hier auf Sie . « » Wollen Sie wirklich ? Nun , ich bin Ihnen sehr dankbar . « Er verschwand im Haustor . Georg ging auf und ab . Rings herum auf den Straßen war es trotz der späten Stunde noch ziemlich belebt . Aus dem Prater drangen die Klänge eines Militärorchesters zu ihm her . Ein Mann und eine Frau kamen an ihm vorbei . Der Mann trug ein schlafendes Kind auf dem Arm , das die Hände um den Hals des Vaters geschlungen hatte . Georg dachte an den Grinzinger Garten , an das kleine , ungewaschene Ding , das ihm von den Armen der Mutter aus die Händchen entgegengestreckt hatte . War er damals wirklich gerührt gewesen , wie Nürnberger behauptet hatte ? Nein , Rührung war es wohl nicht . Etwas anderes vielleicht . Das dumpfe Bewußtsein , dazustehen in der geschlossenen Kette , die von Urahnen zu Urenkeln ging , an beiden Händen gefaßt , mit teilzuhaben am allgemeinen Menschenlos . Nun stand er mit einemmal wieder losgelöst ,