eine Stunde vorwärts , und wenn jetzt eine Stimme in ihm rief : » Heute noch mußt du diese Stadt verlassen , « so sagte er : » Jawohl , jawohl ! « und ein leises Geflüster , das von Konstantie erzählte , ward nur von seinem Herzen vernommen . Das Herz aber schwieg still , als kümmerte es sich gar nicht um die Entschlüsse seines Herrn , als hätte es gar keinen Einfluß darauf . So läßt die gebietende Hausfrau den zärtlichen Gatten , wenn er im Zorn oder Sturm einhergeht , alles mögliche beschließen , und wenn das Beschlossene geschehen soll , so sagt sie bloß : » Nicht doch ! « und es bleibt beim alten . Valerius kam wieder zum Hause des Bankiers . Das Kontor war jetzt offen ; er traf aber schon einen jungen Mann im eifrigen Gespräch mit dem Herrn . Die Stimme des Mannes , der ihm den Rücken kehrte , klang ihm bekannt , er hatte aber keine Zeit nachzusinnen ; der Bankier trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr . Valerius stellte ihm seine Verlegenheit vor und fragte , ob er einen Wechsel ausstellen könne für jenes deutsche Handelshaus , dessen Anweisung ihm der Bankier vor einigen Monaten honoriert habe ; der Graf Topf habe ihn an jenes Haus empfohlen , und für das garantiert , was er entnehme , die augenblickliche Verlegenheit ließe ihm aber jetzt keine Zeit , nach Deutschland zu schreiben und einen rückkehrenden Brief abzuwarten . Der Bankier zuckte natürlich die Achseln und erklärte , sich auf dies Geschäft nicht einlassen zu können . Auf dem Wege nach Hause fiel es Valerius zum ersten Male ein , daß es auch eine Pflicht sei , Geld zu erwerben . Die Wichtigkeit des Geldes erschien ihm auf einmal nur zu deutlich . Er mußte sich gestehen , daß es unmöglich in der Ordnung sein könne , vom Vermögen seiner Freunde zu leben . Dazu sei die bürgerliche Gesellschaft nicht konstruiert . Eh ' er nach Grünschloß gekommen war , hatte er in kleinen , wohlfeilen Verhältnissen gelebt , einzelne Geistesarbeiten und der jeweilige Zuschuß seines Freundes Hippolyt hatten für seine Bedürfnisse zugereicht . Später hatte ihn die liebenswürdigste Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und Gelderwerbung denken lassen , er hatte sich unterdes an die Bedürfnisse der höheren Klassen gewöhnt , und der Gedanke überraschte ihn bei der argen augenblicklichen Verlegenheit nicht eben angenehm , daß er auf diese Weise durchaus nicht fortleben dürfe . » Der Staat ist einmal auf Erwerb gegründet , « sagte er sich , » und du bist ein unnützes , unproduktives Mitglied . « Es hatte zwar eine Zeit gegeben , wo er in poetischer Ansicht des Lebens solche triviale Staatsforderungen entrüstet abgewiesen hätte , aber ein Augenblick , wo man den Hunger und Mangel vor der Türe sieht , ist der poetischen Ansicht des Staates nicht günstig . Und sein Verlangen nach Selbständigkeit lehnte sich nicht minder auf gegen dies stets abhängige Verhältnis von seinen Freunden . Bei alledem blieb aber doch seine stolzere und höhere Art , das Leben zu betrachten , mächtig , er verschob diese ökonomischen Untersuchungen auf eine andere Zeit , und schritt stolz die Straße entlang , in welcher die Fürstin wohnte - wohin er gehen wollte , wußte er selbst noch nicht . Stanislaus trat eben aus der Tür ; Valerius ging auf ihn zu . Jener konnte nicht füglich mehr ausweichen , und mußte es anhören , wie ihn Valerius mit freundlichen Worten fragte , ob er böse sei , und warum er sich durch den Bedienten habe verleugnen lassen . Aber die Heftigkeit , welche in dem Polen aufloderte , ließ diesen nicht zu Ende kommen , er überschüttete Valerius mit einer Flut beleidigender Worte , wie er sich des dreisten Juden angenommen , sogar , um seine Familie zu frondieren , Arm in Arm mit jenem frechen Burschen an ihm und seinem Vater vorübergegangen sei , wie er den heiligen Kampf des Landes leichtsinnig verlassen , weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe , daß dieser Joel eine edle Familie mit seinen Zudringlichkeiten beschimpfe - » Schweigen Sie , Herr , « unterbrach ihn Valerius , » der Sie allerlei schöne humane Redensarten im Munde führen , und wenn ' s zur Sache kommt , die veraltetsten adeligen Unflätereien an den Tag legen . Es ist mir nicht eingefallen , an Sie zu denken und für Sie eine Beleidigung darin zu sehen , wenn ich den unglücklichen Joel gegen Ungebührlichkeiten in Schutz nahm . Er hatte meine Freundschaft in Anspruch genommen , und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten . Ja , ich würde ihn auch ohne dies vertreten haben , den man wie einen Paria behandelt ; gegen tyrannische Unterdrückung zu kämpfen , war ich nach Warschau gekommen , und es ist nicht mein geringster Schmerz , daß ich sie da finde - genug , Herr , Sie Wortheld der Humanität haben sich eben der beleidigendsten Ausdrücke gegen mich bedient und werden mir Satisfaktion geben . « Diese letzten Worte rissen Stanislaus aus einem Zustande von Beschämung , welche der erste Teil von Valerius ' Rede erzeugt zu haben schien . Die Herausforderung schürte seinen Zorn wieder auf . - » Kommen Sie , Herr , « rief er glühend , und trat ins Haus , rief einen Bedienten , sagte ihm einige Worte ins Ohr , und schritt Valerius voraus durch den Hof in den großen Garten , welcher zu dem Palais gehörte . Ehe sie noch den hinteren Teil erreicht hatten , flog der Bediente schon wieder hinter ihnen her , und brachte seinem Herrn einen Säbel . Ein Wink von diesem , der Bediente entfernte sich , Stanislaus reichte seinem Gegner den Säbel , und zog den seinen , sie warfen die Mäntel ab , und hie Hiebe flogen . Von dem Palais zog sich ein gedeckter Gang an der einen Seite des Gartens hin bis zum Ende desselben . Er glich von außen völlig einem einstöckigen Gebäude , hatte Fenster mit Jalousien und stieß hinten an ein Gartenhaus , das quer den Garten schloß und dessen Front hinten nach einer Straße ging . In dem Winkel , welchen die beiden Gebäude bildeten , war jetzt der Kampfplatz . Die Jalousien des Ganges , die Fenster des Gartenhauses waren verschlossen , von dort aus konnten sie nicht beobachtet werden , eine dichte Gruppe Bäume , wenn auch damals unbelaubt , deckte sie so ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke aus dem Palais . Sie waren beide geübte Fechter , beide noch in der ersten Aufwallung , es regnete von beiden Seiten Hiebe - da flog die letzte Jalousie des Durchganges auf , in deren Nähe sie fochten , und die Fürstin erschien in der Fensteröffnung . Sie hatte vorn am Fenster den Wortwechsel an der Haustüre angehört , hatte sie in den Hof schreiten , den Bedienten mit einem Säbel nacheilen sehen und sich leicht das übrige ergänzt . Der Durchgang führte just in die Zimmer , welche sie bewohnte ; in früheren Zeiten hatte sich der Herr vom Hause gewöhnlich darin aufgehalten , und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhause war vielleicht zum Behufe verborgener Zusammenkünfte erbaut worden , wie sie in einem Lande der Unterdrückung nicht selten sind . Die Fürstin war also eilig durch ihre Zimmer die Treppe hinabgeeilt , und das Waffengeklirr verkündigte ihr am letzten Fenster , daß sie hier in der Nähe der Kämpfer sei . Einen Augenblick sah sie mit leuchtenden Augen dem Kampfe zu , als sei sie bloß deshalb herbeigeeilt . Die weibliche Sorge überwog aber doch bald jedes andere Wohlgefallen , und sie rief hastig den Namen ihres Cousins . Das Öffnen der Jalousie war diesen entgangen , aber die Stimme konnten sie nicht leicht überhören . Beide hielten inne , erhitzt , heftig atmend . » Schämen Sie sich nicht , meine Herren , ohne Sekundanten und Zeugen wie ein paar Stegreifritter aufeinander loszuschlagen ? - So was kann nur in Polen geschehen ! Cousin Stanislaus , ist das Zivilisation , Herr von Valerius , sind das Ihre humanen Grundsätze , mit denen Sie sonst das regelmäßige Duell sogar wegräsonnieren mit Stumpf und Stiel ? « Den einen wie den andern trafen diese Vorwürfe : jeder hatte sich von der Hitze fortreißen lassen , und die beiden jungen Männer , rot von der Bewegung und einer leichten Scham , sahen unschlüssig nach dem Fenster , aus dessen Dunkel das blasse schöne Antlitz Konstantiens blickte . » Ich habe vom Fenster des Salons aus Ihren Streit angehört ; Cousin , Cousin , was sind das für fanatische Manieren gegen einen Mann , für dessen Freundschaft Sie noch vorgestern schwärmten . Erlauben Sie , meine Herren , daß ich Sie beide beim Onkel melde , und ihm den Stand der Sachen auseinandersetze - aber haben Sie die Güte , Ihre Säbel einzustecken . « Sie verschwand nach den letzten Worten . Valerius sah seinen Gegner an und bot ihm die Hand , dieser schlug erst nach einer Weile die Augen auf , um mit einem jener rapiden polnischen Blicke die Stimmung des Deutschen zu erforschen . Als er aber die dargebotene Hand sah , schlug er schnell ein : » Nous sommes d ' accord ? « Wenn das Gewissen noch nicht rein ist , und das Herz nicht selbst und mutig spricht , dann reden die Leute in solchen Fällen französisch . Valerius nickte mit dem Kopfe , und sie gingen langsam dem Palais zu . Jener dachte nur an Konstantie : sie hatte sich vorzüglich an Stanislaus gewendet , und er fühlte wohl , wieviel Vorwurf darin lag , daß sie ihm weniger Vorwürfe machte als diesem , daß sie kein Recht mehr haben wollte , ihn zu schelten . - Aber er hoffte , sie noch beim alten Herrn zu finden , und ihr durch zwei , drei leise Worte sagen zu können , was er empfände . Er wollte deshalb schneller gehen , aber Stanislaus machte keine Anstalt , ihm zu folgen , und so war er genötigt , langsam fortzuschleichen , während sein Herz sprang . Konstantie war nicht mehr beim alten Grafen . Dieser empfing Valerius mit einer süßen Höflichkeit , welcher man leicht anmerkte , daß sie nur die eines Weltmannes und von der Beredsamkeit Konstantiens erzeugt war . Er bat Valerius , zum Essen dazubleiben , und begann ein Gespräch , über deutsche Literatur ; es war nicht zu verkennen , daß er alle früheren Beziehungen geflissentlich umgehen wollte . Valerius fühlte sich gedrückt und ertrug den fatalen Zustand nur , um wieder in die Nähe der Fürstin zu kommen . » Ich hörte neulich , « hub der Graf an , » hier unten auf der Straße ein Lied von Goethe singen , das ich oft in Deutschland gehört habe . Es sind wohl mehrere Ihrer Landsleute hier ? « und die alten tiefen Augen schickten bei diesen Worten einen spitzigen Blick auf den Gefragten - » was machen die Leute in einer solchen Kriegszeit bei uns ? « Valerius war verlegen und beleidigt , aber er mochte nicht reden und zuckte bloß mit den Achseln . Das Gespräch fügte sich nicht , die Reden und Gedanken gingen nicht ineinander über , und der Vorschlag des alten Grafen , bis zum Essen eine Partie Schach zu spielen , war ebenso natürlich , um das Peinliche des Zustandes aufzuheben , als er dem jungen Fremden angenehm war . Es gibt nichts Drückenderes , als wenn zwei Personen von äußeren Gründen getrieben werden , sich einander zu nähern , und doch keine inneren gegenseitigen Verbindungen auffinden können . Der Wunsch des Alten war nicht zu verkennen : Valerius möchte wieder unter die Waffen treten . Jeder » brave Pole « - so nennen sie vorzugsweise ihre Patrioten - betrachtet sein Vaterland wie eine Familienangelegenheit , und einen Krieger dafür zu gewinnen , war in jenen Tagen Gewissenssache . Zumal hier , wo sich Vater und Sohn vorzuwerfen hatten , daß sie schuld trügen , wenn ihre Sache einen Streiter verlöre an dem Deutschen . Der Bediente meldete , daß angerichtet sei . » Wir müssen den Schluß unserer Partie aufschieben , Herr von Valerius . Sie machen das Spiel dem Gegner schwierig durch den häufigen Gebrauch der Springer - solch ein Springer macht seine Bewegungen mit einer regelmäßigen Unregelmäßigkeit , die schnell einen ganzen Plan umwirft . « Der Spott war also schon artiger geworden , aber ohne Hedwigs Gegenwart wäre das Mittagsmahl doch wieder peinlich gewesen . Die Fürstin war völlig schweigsam ; Stanislaus machte mehrere Versuche , in den früheren herzlichen Ton mit seinem jungen Freunde einzustimmen , aber trotz dessen Entgegenkommen gelang es nicht . Hedwig nur war unverändert in ihrer alten Heiterkeit . Einmal betrachtete sie ihren Bräutigam und Valerius aufmerksam und mit halb lachendem Gesichte und brach endlich in ein volles Gelächter und in die Worte aus : » Meine Herren , das nenn ' ich Sympathie , Sie haben ja beide zerrissene Röcke an ! Hier ist ein langer Ritz in der Uniform , und dort - ach , wie schade ist ' s um ihren blanken schwarzen Rock , Herr von Valerius ! « Diese Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher geeignet , die üble Stimmung noch zu erhöhen ; der alte Graf nahm aber Gelegenheit davon , sein Glas dem Fremden hinzureichen und auf » frische Tapferkeit « anzustoßen . Dieser begriff zwar leicht , daß es auf seine zu hoffende Tapferkeit gegen die Russen gemünzt sei , aber er stieß an , um womöglich ein fröhlicheres Verhältnis zu erzeugen . Einem aufmerksamen Beobachter der Fürstin konnte es nicht entgehen , daß sie nicht so ruhig war , als sie schien , daß zuweilen eine schnelle Röte in ihrem Gesichte aufstieg , daß sie mit ungewöhnlicher Teilnahme und Besorgnis auf den Säbelhieb blickte , den Hedwig auf des Gastes Rocke entdeckt hatte . Aber sie sprach nicht , und wenn Valerius sie anredete , und mit weicher , einschmeichelnder Stimme auf diese oder jene Weise in ein Gespräch zu nötigen suchte , so wich sie immer aus , wenn auch gewandt und höflich , aber immer kalt . Ihre schwer ruhenden Blicke , die auf dem jungen Manne weilten , so oft seine Augen nicht direkt auf sie gerichtet waren , bemerkte er leider nicht , von dem mörderischen Kampf zwischen Stolz und Liebe , der in solchen Augenblicken über ihre schönen Züge hinwegbrauste , gewahrte er nichts . Als man vom Tische aufstand , entfernte sie sich sogleich . Auch Valerius ging . » Die liebt mich nicht , ich habe früher recht gehabt , es ist ein gewöhnliches liebelustiges Weib , das eine scheinbare Vernachlässigung nicht vergibt . Still , Neigung , ungestümes Verlangen - hier ist kein Heil für mich , und morgen verlass ' ich diese Stadt . « Sein Geldmangel fiel ihm ein , und unruhig und ungeduldig kam er nach Hause . Magyac übergab ihm einen Brief und eine Rolle mit Goldstücken , die angekommen waren . Der Brief war von seinem Freunde Hippolyt , vom Gelde erwähnte er zwar nichts , Valerius kannte aber seine Gleichgültigkeit und sein Mißbehagen , über Geld nur ein Wort zu verlieren , und trug dem Magyac auf , zum nächsten Morgen Postpferde zu bestellen und alles für die Abreise bereit zu halten . » O Herr , verlaß uns nicht ! « bat Thaddäus . » Ich muß , Magyac , ich muß . « Und traurig ging Thaddäus ans Packen . 22. Es war dem Valerius , als ginge seine Jugend zu Ende mit der Abreise von Warschau . Alle seine früheren Wünsche , Hoffnungen und Gedanken glaubte er in Irrtümer verwandelt zu sehen , da er ein freiheitslustiges Volk aufgeben müsse . Tief und schwer seufzte er auf : » Und auch die Liebe geht zu Ende , auch sie ist nicht mehr zu gewinnen . O , Jugend , du Inbegriff alles Reizes , warum scheidest du so früh von mir ! Was ist das Leben ohne Hoffnung , und wo gibt ' s eine Hoffnung ohne Jugend ? Nur die Jugend hat Farbe und Begeisterung , was werd ' ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Rot und Grün , die keine Kraft mehr in mir wecken . Die Jugend allein ist Poesie - wie soll ich mich fortschleppen ohne dich , du erhebende Schwärmerei ! Es gibt nur zwei Arten , glücklich zu sein : entweder man bewegt und bevölkert sich und die Welt mit Idealen , Aussichten , neuer Zukunft , man schaukelt sich auf der wogenden Bewegung des ungezügelten Strebens , - oder man betrachtet die Welt aus einem ruhigen Herzen , freut sich des Kleinsten , hilft und fördert im Kleinsten , pflanzt mit Genügsamkeit , wartet geduldig auf das Gedeihen , gestaltet das Unbedeutende zur gefälligen Form , verlangt nichts vom Tage , als was er eben bietet , und hält den Nachbar und sein Interesse höher als das Wohl oder Wehe von Nationen . Nur der letzte Weg ist mir übrig , und es fehlt mir alles , was er in Anspruch nimmt . Sogar die wohlige Behaglichkeit des Körpers , diese Vergnügen erzeugende Harmonie des Leibes geht mir ab . Die Revolutionsmilch hat mich aufgesäugt , unter Bewegung ist mir Geist und Körper groß gewachsen - wird es mir gelingen , einen neuen Menschen zu erziehen ! Und doch muß es sein : ich habe zuwenig Fanatismus , zuwenig Leidenschaft , um als rücksichtsloser Bewegungsmann irgend ein Ziel zu finden . Ich werde ein jämmerliches Leben führen ohne Begeisterung und ohne Ruhe , zum Helden verdorben , zum Bürger untauglich - aber zum Leiden und Tragen geschickt ; lebe wohl , Jugend ! « Damit nahm er seinen Mantel ; er wollte von Joel Abschied nehmen und noch einmal seine Brücke besuchen , aber der Straße , wo Konstantie wohnte , ausweichen , soweit er konnte . Es war ein sanfter , stiller Abend , den er auf der Straße fand , Frühlingsgedanken irrten schon vereinzelt hie und da in der Luft herum , und flüsterten unverständliche aber fröhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten ins Ohr . Überrascht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor dem Hause stehen . Da kam eine verschleierte Dame an den Häusern entlang , sie war nicht mehr weit von ihm , als sie den Kopf aufrichtete und nach den Fenstern des zweiten Stockes zu sehen schien , ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von einigen Schritten . Jetzt war sie dicht bei Valerius , der Kopf wieder gesenkt . » Konstantie ! « sprach dieser leise . - » Valerius ! « Dieser Gegenruf schien aus dem Herzen der Dame zu springen , ehe sie Zeit gewonnen hatte , das überraschte Gemüt zu verschließen . Und nun folgte eine Szene , zu welcher nur tiefe und stolze Gemüter den Stoff liefern können , oder doch nur solche , welche imstande sind , die mächtigsten Gefühle lange und fest in ihren Busen verschlossen zu halten . » Sind Sie es wirklich , « hub dieser weiter an , indem er neben der Forteilenden herschritt . » Ich bin es ; der Abend ist schön , das Haus war mir eng : mögen es die Leute unschicklich finden , was kümmern mich die Leute « - » O , wie dank ' ich ' s dem milden Abende , der Sie herausgeführt , daß ich Sie noch einmal sehe ; es soll mir ein Zeichen des Himmels sein , daß noch nicht alle Freude für mich verloren sei « - » Sie wollen doch nicht « - » Ja , Gnädige , es ist meine letzte Nacht in Warschau , « erwiderte er seufzend ; » es will mich nichts mehr halten « - » Valerius ! « » O dieser Ton ! Warum öffnen Sie mir den Himmel , um ihn des andern Tages mit kaltem Blicke zu verschließen « - » Das sagen Sie mir ? Großer Gott ! Bin ich so schwach , mich verspotten zu lassen , oder bin ich so töricht gewesen , nicht zu erkennen , was ich wünschte « - » Sie sind so hart , Liebe zu entzünden , und dann stolz zurückzutreten , wenn Sie ein Zufall irre führt « - » O , Himmel , nein , nicht hart und stolz , unglücklich bin ich , Valerius - Sie dürfen morgen nicht reisen « - » Ein ganzes Heer in Waffen vermag ' s jetzt nicht , mich fortzutreiben , Konstantie , reich ' mir einen Augenblick deine Hand , daß ich fühle , mein Glück sei wirklich « - » O du Lieber , o du Liebster - verlaß mich jetzt , wir sind an meiner Wohnung , aber sei nicht lange von mir , mein Herz zerspringt vor Freude und Verlangen - drüben in der andern Straße , an der Türe des Gartenhauses , warte einen Augenblick - tritt einen Schritt zurück , dort unter die Laterne , daß ich dein Auge sehe , dein liebes Auge - nun geh schnell , ich fliege . « Trunken vor Seligkeit schwankte Valerius hinweg und suchte jene Straße . » Himmel , warum hast du an einem solchen Abende keine Sterne ! « rief er mit freudebebender Stimme . Aber es war eine schwere Aufgabe für ihn , die Front des Gartenhauses zu finden ; er hatte sie nie gesehen von dieser Seite , die Straße war dunkel und lang , sein Wesen war in taumelnder Bewegung und nicht eben geeignet , viel lokale Kombination zu entwickeln , um aus der Lage des Palais auf die des Hintergebäudes schließen zu können . Unsicher schlich er an vier bis fünf Häusern auf und nieder , unter denen er seine Glückspforte verborgen glaubte , eine beklemmende Angst kam über ihn , daß ihm das Glück wieder entschlüpfen könne . Alles war still , keine Tür bewegte sich . » Ich Unglückskind , « rief er , » ich bin gewiß am falschen Orte ! « Und dabei ging er einige Schritte weiter . Aber hinter sich glaubte er jetzt Geräusch zu hören - wirklich , eine Tür war offen , er trat hinein , eine weiche warme Hand ergriff ihn . Die Tür ward zugeschlagen , und im Dunkeln gingen sie leise durch den Salon des Gartenhauses , durch den bedeckten Gang , eine schmale Treppe hinauf , seine Begleiterin öffnete eine Tür , und er sah Konstantien neben sich in einem hohen , schönen Gemach , das eine von der Decke herabschwebende Lampe erhellte . Mit dem Ausrufe » Valerius , mein Valerius ! « schlang sie stürmisch die Arme um ihn und drückte den Kopf tief in seine Schulter . Er küßte ihr den Hals und bedeckte sich das Gesicht mit ihren aufgelösten Haaren . Sie sprachen lange kein Wort . Endlich begann er leise , ganz leise : » Wie konntest du uns so peinigen und meine Liebe nicht sehen ! « Konstantie richtete sich auf , und einen Schritt zurücktretend legte sie ihm die bebende Hand auf den Mund : » Nichts , nichts davon , mein Lieber ; o ich bin unaussprechlich glücklich ! « Auge in Auge blieben sie wiederum lange schweigend . Konstantie glich der Gestalt einer stolzen Göttin , die alles vergißt und nur in ihrer Leidenschaft schwelgt . Überwältigendes Glück strahlte aus ihren glänzenden Augen , unter dem leichten schwarzseidenen Gewande glaubte man das Herz schlagen , Blut und Muskeln in Freude hüpfen zu sehen , so drängten sich die strebenden Glieder der hohen Figur hinüber zu dem Geliebten . Es glich der schöne , sich neigende Körper einer zauberhaften sinnlichen Ahnung , daß sich zwei Menschen im nächsten Augenblicke umarmen , bis zur Todeslust umarmen , bis zur Auflösung alles Sinnlichen ineinander fesseln und drängen würden . Und so erfaßte denn auch Valerius den schönen , in Freude und Liebe zitternden Leib , wie er seiner zu harren schien , er hob ihn mit schwellenden Armen an sein Herz , und sie zerstörten sich beide fast in leidenschaftlichem Pressen und Drängen . Nach diesem ersten Sturme so lange zurückgehaltener Gefühle brachen die Tränen heiß mit strömend aus Konstantiens Augen - die Tränen fehlen nimmer , wenn die Gottheit in uns rege wird , und hier brachen sie die immer noch schmerzliche Sehnsucht des Weibes ; ihr Antlitz , ihre gespannten Arme , ihr ganzer straffer Körper wurde weich und nachgiebig , und die Rede , sanft und innig wie der tiefste verborgenste Ton der Seele , trat wieder auf die Lippen . Und diese Lippen küßten jetzt mild und schmeichelnd . » Du hast meine ganze Seele , Valerius , und ich weine , daß ich nicht mehr für dich habe , und ich weine , daß ich glücklich bin wie ein Kind , das in den Himmel kommt . « Valerius trug die zusammensinkende Geliebte auf ein kleines Taburett , das neben dem Sofa stand , kniete vor ihr nieder , legte den Kopf in ihren Schoß und bedeckte sich bald die Augen mit ihren willenlosen , nachgiebigen Händen , bald führte er sie an seine Lippen . Sie waren so selig und ruhig nach jenem Sturme , daß sie sich einmal über das andere zuflüsterten : » Hörst du , Konstantie , siehst du , Valerius , wie die kleinen rosenroten Engel um uns herflattern und sich küssen und Geschichten erzählen von der Liebe Gottes und seiner Menschen . « Das sind Augenblicke , wo die Menschen unmittelbar mit schönen Welten verkehren , wo sie jene Ahnungen von Gottes unergründlicher Liebe , von unendlichen Freuden außerhalb dieses Lebens tief einsaugen in das offene , empfängliche Gemüt . Wenn der Mensch den Menschen am erschöpfendsten liebt , da gehen alle Geheimnisse der Welt vor ihm auf . Denn in der Liebe ruht das Geheimnis der Schöpfung , sie » spricht mit Engelszungen « . Valerius richtete sich allmählich wieder in die Höhe , und seine Blicke legten sich wie die Liebe selbst in die Augen und das süße Antlitz des Weibes . Er dachte nichts , er wußte nicht , was er fühlte , aber die Schönheit dieses Angesichts flocht und weckte sich durch Leib und Geist mit ihrer klaren wohltuenden Gewalt . Er hatte keinen Wunsch , als sie anzublicken , alle Schönheitsfreude durchrieselte ihn dabei wie ein frischer Bach . Konstantiens schwarzes Kleid war zugeknöpft bis an den Hals , langsam öffnete er ' s und streifte es herab über die blendende Achsel , welche hervorleuchtete , über die hochgewölbte Brust . Sie ließ alles ruhig geschehen und wendete ihr Auge nicht ab von seinem Blick : » Du bist so rein , Valerius , so frei von jener groben männlichen Sinnlichkeit , die auch das heißeste Weib erschreckt - o , ich war nie so glücklich . « Er küßte sie auf das Herz , und seine Wange daran lehnend und mit der Hand ihr Gesicht herabziehend , sprach er wie in einer trunkenen Schwärmerei : » Sieh , Konstantie , ich bin ein Träumer - du hast mich oft so gescholten , und du hast mich recht gescholten , sieh und höre , wie ich träume : ich habe einen herrlichen schönen Gott , er ist mir überall , wo sich mir eine Schönheit , eine Tätigkeit , eine Bewegung offenbart , er rauscht in den Bäumen , in den Wellen , er sieht aus der feuchten Pflanze , wenn sie sich öffnet , er spricht aus dem Munde eines Volkes , aus dem Munde eines unbedeutenden Menschen , aus jedem Moment der Tagesgeschichte , aber so lieb , und so klar und bezaubernd hat er noch nimmer zu mir gesprochen , als heute aus deiner Schönheit . Aus deinem Busen klopft er in meine Wange , aus der weißen Haut und der vollkommenen Form deiner Schulter lacht er mir in die Augen wie der unverhüllte alte und ewig junge Reiz der Griechen . Hier , wo das Kleid , das widerspenstige , mich hindert , mehr als ein Stück deines stolzen Oberarmes zu sehen , hier beginnt die verschleiernde Romantik - nicht doch , sieh , die schwache Seide weicht der Gottheit , o Weib , was bist du schön ! « Konstantie verschloß ihm den Mund mit Küssen : » Mann meines innersten Herzens , ich hasse , ich fürchte den Tod , aber jetzt könnt ' ich sterben , in deinem schönen Gotte vergehen . « » Horch , wie dein Herz klopft , Weib , dies Leben hebt über alle Schönheit hinaus ; das ist wieder mein Gott , Weib meines süßen Glücks , horch , wie dein Herz klopft , warum jauchzt es so , weißt du ' s ? « » Mein Herz klopft wild beweglich , Es klopft beweglich wild , Weil ich dich lieb ' unsäglich , Du liebes Menschenbild ! « erwiderte sie stürmisch mit den Worten des Dichters , und die Liebkosungen schlugen wieder zusammen über dem zärtlichen Paare mit ihren hohen strahlenden Wogen . Es scheint ein Widerspruch zu sein mit der raschen , forteilenden Empfindung , daß Liebende in der höchsten Bewegung ihrer Leidenschaft die schwierigsten Gedanken des menschlichen Geistes berühren , über die wichtigsten Interessen des Menschen mit wenig Worten entscheiden . Aber es ist keiner , und die Erscheinung ist wahr und alltäglich . Alle höheren Kräfte sind aber auch in solchen Momenten entwickelt , wirksam , tätig , das Herz liegt weit geöffnet und gibt sie frei , all seine besten Gedanken , und es ist ein altes Wort : die besten Gedanken kommen aus dem Herzen . Zwischen die Zärtlichkeit unserer Liebenden