. Caspar wandte sich um und sagte traurig : » Sie war ein schlechtes Weib , Herr Lehrer . « Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend : » Unseliger , der du dich nicht entblödest , das Andenken einer Toten zu besudeln ! Das soll Ihnen unvergessen bleiben ! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele enthüllt ! Pfui , pfui , sage ich , und abermals pfui ! Gehen Sie mir aus den Augen ! Fällt es Ihnen denn nicht aufs Herz , daß die Hingegangene am Ende vielleicht durch Sie , durch den Kummer über den erlittenen Undank zu einer solchen Tat getrieben wurde ? Ahnen Sie das nicht ? Freilich , ein Selbstsüchtling wie Sie schert sich wenig um die Leiden andrer Menschen , ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig . « » Mann , Mann , beruhige dich doch « , mischte sich die Lehrerin ein mit einem scheuen Blick auf Caspar , der aschfahl geworden war und mit völlig geschlossenen Augen dastand , während er die Fingerspitzen seiner Hände gegeneinander gelegt hatte . » Du hast recht , Frau , « erwiderte Quandt , » ich vergeude meine Entrüstung an taube Ohren . Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein , der selbst dem Tod gegenüber nicht ein bißchen Andacht und Demut aufbringt ? Da ist Hopfen und Malz verloren . « Als Caspar in sein Zimmer kam , glänzte noch die letzte Glut des Sonnenuntergangs über den Hügeln . Er setzte sich ans Fenster , nahm einen der Blumentöpfe zur Hand und schaute darauf nieder . Die Stengel in den Hyazinthenkelchen schüttelten sich , und ihm war , als vernehme er fernes Geläute . Er wünschte sich das Angesicht einer Blume , um keinen Blick eines Menschenauges erwidern zu müssen . Oder er wünschte wenigstens sich im Schoß einer Blume bergen zu können , solange , bis das Jahr vorüber war , von dessen Wende er so vieles hoffte . Dort könnte man stille sein und warten . In den nächsten Tagen wurde der Magistratsrätin keine Erwähnung getan , Quandt vermied es sorgfältig , den Namen der Frau Behold zu nennen . Um so mehr war er überrascht , als Caspar selbst davon anfing ; am Samstag beim Mittagessen sagte er plötzlich , es gereue ihn , was er über die Tote gesagt , er sehe ein , daß es unrecht sei , eine Verstorbene anzuklagen . Quandt horchte hoch auf . Aha , dachte er , sein Gewissen regt sich ! Aber er entgegnete nichts , sondern verzog nur das Gesicht , als wolle er sagen : Lassen wir das , ich weiß mein Teil . Doch stach ihn die Galle , und während sie alle drei schweigend die Suppe löffelten , konnte er sich nicht enthalten zu sagen : » Sie müßten sich doch eigentlich bis in den Fußboden hinein schämen , Hauser , wenn Sie an Ihr Benehmen gegen die unschuldige Tochter der Magistratsrätin denken . « » Wieso ? « versetzte Caspar verwundert . » Was hab ich denn getan ? « » Ei , wollen Sie auch jetzt noch das Lämmchen spielen ? « antwortete der Lehrer abschätzig . » Gottlob hab ich alles schriftlich und eigenhändig von der Seligen , da hilft kein Leugnen . « Caspar staunte unruhig vor sich hin . Er fragte wieder , da ging Quandt zum Sekretär , holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor und las , neben Caspar stehend , mit dumpfer Stimme vor : » Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen . Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden , denn ich habs mit meinen eignen Augen gesehen , wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter ... unziemlich und unmißverstehlich näherte . « Caspar begriff allmählich . Langsam legte er Löffel und Brot beiseite , und der Bissen blieb ihm im Munde stecken . Seine Augen wurden ganz dunkel , er erhob sich , rief mit jammernder Stimme : » Ach , diese Menschen , diese Menschen ! « und stürzte hinaus . Das Ehepaar sah einander an . Die Lehrerin legte die Hand breit auf das Tischtuch und sagte nachdrücklich : » Nein , Quandt , ich kanns nicht glauben . Da muß sich die selige Rätin geirrt haben . Er weiß doch nicht mal , was eine Frau ist . « Auch Quandt war gerührt . » Das eben steht dahin , das wäre zu beweisen « , meinte er kopfschüttelnd . » Du bist leichtgläubig , meine Gute . Ich erinnere dich nur daran , daß er bei der Geburt unsers Mädchens zu meiner Befremdung wie ein gereifter Mann über die Sache sprach . Es war mir das gleich enorm verdächtig . Immerhin gebe ich zu , daß Frau Behold in dem Brief zu weit gegangen sein mag und daß ich mich infolgedessen zu einer Übereilung habe hinreißen lassen . Aber ich muß dahinterkommen , wie weit seine Wissenschaft in dem Punkte geht , denn an sein Kindergemüt , das weißt du , glaub ich nun einmal nicht . « » Du mußt ihn wieder versöhnen , Quandt , es war zu arg , das da « , sagte die Lehrerin . Quandt machte eine bedenkliche Miene . » Versöhnen ? Ja , gut ; ich wills gern tun . Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam , daß man ihm schwer widerstehen kann , und dadurch wird das objektive Urteil getrübt . Ich werde morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann über das Thema sprechen . « Gesagt , getan . Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anlaß die Umständlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das , was er sagen wollte , mit blühenden Redefiguren , als ob zwischen Mann und Weib nur Beziehungen ätherischer Art wären , die zuweilen unglücklicherweise in den Staub gezogen und befleckt würden durch beleidigende , aber nicht auszurottende Zwischenfälle . Der geistliche Herr mußte lächeln . Nach einigem verwunderten Nachdenken antwortete er , er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas Anstößiges nicht im geringsten beobachtet , Caspar scheine ihm in allem , was das Verhältnis der Geschlechter betreffe , noch ein vollständiges Kind . Zum Beweis dessen erzählte er dem Lehrer , daß Caspar vor ungefähr einem Monat beim Lesen einer Bibelstelle , die ihm aufgefallen war und die er ihm so gut es ging erklärt , mit schönem Zaudern von einer gewissen wiederkehrenden Beunruhigung gesprochen habe , einem Zustande , der ihn sicherlich schon oft bedrängt und für dessen Deutung er nirgends eine vertrauende Ansprache gefunden . Der alte Mann versicherte , daß ihm die Art und Weise , wie Caspar dies vorgebracht , unvergeßlich sein werde , es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur geklungen , die etwas mit ihm anstellte , wogegen er sich nicht wehren könne . Quandt ließ sich kein Wort entgehen . Er sah das mit ganz andern Augen an . Er erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie . Doch äußerte er von seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts , sondern begab sich in stillem Vorbedacht nach Hause , legte sich emsig auf die Lauer und paßte die Gelegenheit ab . Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen , er kam aber wieder zurück , denn die Baronin war krank und lag zu Bett . Beim Abendtisch kam das Gespräch darauf , und da Quandt sein Bedauern ausdrückte , sagte Caspar : » Ach , die wird vielleicht nie mehr ganz gesund . « » Was reden Sie da , Hauser , « fiel die Lehrerin ein , » so eine junge Frau , so reich und so schön . « » Ach , « entgegnete Caspar wehmütig , » Reichtum und Schönheit tuns nicht . Die hat sich schon zu sehr hinuntergegrämt . « » Ja , hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut ? « forschte Quandt ungläubig . Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend fort : » Nichts fehlt ihr auf der Welt , nur der Mann ist nicht , wie er sein sollte , hat andre lieber . Warum ? Er ist doch sonst so gescheit . Aber wenn sich die Frau auch zu Tod betrübt , deshalb wird es nicht besser . Und die Leute hinterbringen ihr alles ; ich hab ihr gesagt , das sind keine Freunde , die Ihnen solches Zeug erzählen , wahre Freunde sind das nicht . « » Hm « , machte Quandt und schaute eigentümlich lächelnd auf seinen Teller . Er besiegte sein Schamgefühl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit , ob denn Herr von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anlaß zur Sorge gegeben habe , seines Wissens habe doch erst im März eine Versöhnung stattgefunden . » Ja , freilich hat er Anlaß gegeben , « versetzte Caspar unbefangen , » es ist ja wieder ein Kind von ihm da . « Quandt erschrak . Da haben wirs , dachte er . Und so hart es ihn auch ankam , er beschloß , Caspar gleich auf den Zahn zu fühlen . Er wechselte mit seiner Frau einen Blick des Einverständnisses und bat sie , sie solle nach den Kindern schauen . Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte , wandte sich der Lehrer , blaß und aufgeregt durch die Schwierigkeit seines Vorhabens , an Caspar und fragte ihn unvermittelt , ob er schon einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt habe , es lägen verschiedene Mutmaßungen vor , und Caspar möge offen wie mit einem Vater zu ihm reden . Diese Worte stimmten Caspar dankbar ; er sah in ihnen ein Zeichen von Teilnahme , obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand , sondern bloß das trübe Element , aus dem sie stiegen , furchtsam ahnte . Er überlegte . » Mit einem Frauenzimmer ? Ja wie ? « murmelte er . » Meine Frage ist doch deutlich , Hauser ; stellen Sie sich nicht so kindisch . « » Ja , ich versteh schon , « sagte Caspar eilig , um die gute Laune des Lehrers nicht zu verscherzen ; » und da ist auch was gewesen . « » Na , nur heraus damit ! Nur Mut ! « Und harmlos begann Caspar zu erzählen : » So vor ungefähr sechs Wochen hab ich meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen . Sie wissen doch , Herr Lehrer , es ist das kleine Haus neben dem Bäcker . Wie ich hingekommen bin , war der Laden versperrt , da bin ich hinauf in die Wohnung gegangen und hab an die Tür geklopft . Da hat mir ein junges Mädle aufgemacht und war im Nachtkleid , weiter hat sie nichts am Leib gehabt , die ganze Brust hat man sehen können , es war scheußlich . Sie hat mir die Sachen abgenommen und hat gesagt , sie wollt es der Putzerin ausrichten . Ich war immer noch vor der Tür . Komm nur herein , sagt sie . Da bin ich hinein und frage , was sie will . Da hat sie angefangen vor mir herumzutänzeln , hat gelacht und sonderliches Zeug geredet , hat mich gefragt , ob ich ihr Bräutigam sein will , und zuletzt - « er zögerte lächelnd . » Zuletzt ? Was zuletzt ? « fragte Quandt , indem er den Kopf weit vorbeugte . » Zuletzt hat sie verlangt , ich soll ihr einen Kuß geben . « » Nun , und ? « » Da hab ich ihr gesagt , dazu soll sie sich einen andern wünschen , ich versteh ' mich nicht aufs Schmatzen . « » Und weiter ? « » Weiter ? Weiter war nichts . Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir vom Fenster aus nachgeschaut . « » Wie konnten Sie denn das bemerken ? « » Weil ich mich umgedreht hab . « » So so . Umgedreht . Wie heißt die Person ? « » Das weiß ich nicht . « » Das wissen Sie nicht ? Hm . Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht dort ? « Caspar verneinte . » Schöne Geschichten « , murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum Himmel . Er spürte vorsichtig nach . Er erfuhr , daß bei jener Putzmacherin wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne . Der Erzählung Caspars noch näher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die Rücksicht auf seinen Ruf , hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen , daß der Jüngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein könnte , als er sich anstellte ; denn , so argumentierte er , zu einem derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschöpfs kann nur ein Mensch Anlaß geben , dem eine gewisse moralische Unzulänglichkeit auf der Stirn geschrieben steht . Ja , wenn er nicht lügen würde , dann wäre alles anders , dachte Quandt ; aber er lügt , er lügt , und das ist das Fürchterliche . Hat er mir nicht erzählt , die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter Taschentücher geschenkt ? Kein Wort wahr . Hat er nicht behauptet , er kenne den Ministerialrat von Spieß und habe im Schloßtheater mit ihm gesprochen ? Lüge . Hat er nicht dem Musikus Schüler weisgemacht , er habe die Idyllen von Geßner gelesen , und als ich ihn danach fragte , wußte er kein Wort darüber zu sagen , wußte nicht einmal , was eine Idylle ist ? Gibt er nicht immer vor , dringende Besorgungen zu haben , einmal für den Präsidenten , das andre Mal für den Hofrat , und später zeigt es sich , daß er bloß herumgebummelt ist , um einen neuen Schlips spazierenzutragen ? Steht das nicht alles fest , oder bin ich selbst so dumm und so ungerecht , daß ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse , die niemand sonst darin finden kann ? Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt für Punkt die verdammenswerten Vergehungen vor . » Sehen Sie denn nicht , lieber Quandt , « sagte darauf der Pfarrer , » daß das lauter armselige , kleine Lüglein sind , kaum daß sie den Namen verdienen ? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung , Fesseln abzustreifen , oder gar nur das harmlose Vergnügen an einem Wort , an einer Redensart . Vielleicht spielt er nur mit seiner Zunge , wie er andre Menschen damit spielen sieht , nur eben viel ungeschickter . « » So ? « ereiferte sich Quandt , » dann will ich Ihnen , Hochwürden , eine Geschichte erzählen , die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt . Hören Sie zu . Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter mit abgebrochener Handhabe ; sie zeigt es meiner Frau , meine Frau macht mich darauf aufmerksam , und ich konstatiere , daß der Henkel nicht abgebrochen , sondern abgeschmolzen ist ; das Rohr war bis ganz hinunter von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von außen rötlichblau überflammt , in der Schale konnte man deutlich sehen , wie hoch das zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt war ; von der ganzen Kerze , die Hauser den Abend zuvor erhalten , war keine Spur mehr da . Nun müssen Sie wissen , daß ich ihm streng verboten hatte , bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten ; trotzdem wollte ich ihn schonen und ließ ihn nur durch meine Frau verwarnen . Aber da leugnet er plötzlich alles ab , versichert , daß er die Kerze weder wissentlich habe verbrennen lassen , noch dabei eingeschlafen sei und erkühnt sich am Ende zu der Behauptung , es sei gar nicht sein Leuchter , sondern der der Magd , denn beide sähen gleich aus . Was sagen Sie dazu ? « Der Pfarrer zuckte die Achseln . » Wir dürfen doch nicht vergessen , daß er trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist « , erwiderte er nachdenklich . » Ich habe mich selbst davon überzeugt . Ich besitze eine kleine Elektrisiermaschine , mit der ich manchmal ein bißchen experimentiere . Neulich nahm ich das Ding vor , während Caspar dabei war , ließ die Funken springen und lud die Leidener Flasche . Da wird mir der arme Mensch bleich und zusehends bleicher , fängt zu zittern an , spreizt die Finger starr von sich , und sein Körper zuckt wie ein Hecht , den man auf den Sand wirft . Ich war sehr erschrocken und räumte das Zeug beiseite , worauf er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkehrte . Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher , wie er mir gestand ; wenn er im Bette lag , hatte er kalten Schweiß , und die Dinge , die er anfühlte , stachen ihn wie mit winzigen Nadeln . Bezeichnenderweise sagte er , beim Gewitter sei ihm jedesmal ähnlich , da kitzle ihn und brenne ihn das Blut , daß er immerfort schreien möchte . « » Und daran glauben Sie ? « rief Quandt , die Hände zusammenschlagend . » Ja , warum denn nicht ? « » Nun , wenn Sie daran glauben , befinde ich mich allerdings in einem großen Nachteil gegen den Menschen , das muß ich zugeben « , sagte Quandt . » Das muß ich zugeben « , wiederholte er bekümmert . So ist es immer , dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg ; erst wird entschuldigt und beschönigt , und wenn man seine triftigen Gründe vorbringt , werden die Achseln gezuckt , und man tischt einem Histörchen auf , die nicht gestogen und geflogen sind , und von denen sich kein Jota beweisen läßt . Was für ein Satan steckt doch in dem Burschen , daß er überall Neigung und Teilnahme zu erwecken versteht , wo er sich auch zeigen mag ! Daß kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde Leute , darauf versessen , ihn kennenzulernen , das windigste Entzücken äußern und ihn verhätscheln , als ob sie verzaubert wären , als ob er ihnen ein Liebestränkchen eingegeben hätte ! Das erbitterte Quandt . Er sagte sich : nehmen wir an , ich träte unter unbekannte Menschen und gäbe vor , der Heilige Geist oder sein Apostel zu sein oder spielte mich als Wundertäter , auf , und es fiele dem oder jenem bei , ein wirkliches Wunder zu verlangen , und ich müßte zugeben , es sei die blanke Spiegelfechterei , was würde da passieren ? Man würde mich ins Narrenhaus stecken oder mit Prügeln traktieren ; ja , das würde man , wenn ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte , das würde man , und mit Recht ; nicht aber würde man mich mit Geschenken überhäufen und mich anhimmeln und meine schönen Augen und weißen Hände bewundern und mir Haare zum Andenken abschneiden , wie ich das , Gott seis geklagt , von einer verblendeten Menschheit hier erleben muß . Aus einem Selbstgespräch solcher Art geht klar hervor , wieviel Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkämpfe dem Lehrer aus dem Umgang mit seinem Zögling erwuchsen . Und was war früher mit ihm ? grübelte Quandt . Wo kommt er eigentlich her ? Dahinter müßte doch zu kommen sein . Wie hat er sich das alles zurechtgelegt , womit er die Dunkelmänner betört ? Ja , das ist eben das Geheimnis , sagen die Dunkelmänner . Geheimnis ? Es gibt kein Geheimnis ; ich verwerfe das Geheimnis . Die Welt von oben bis unten ist ein klares Gebilde , und wo die Sonne scheint , verstecken sich die Eulen . Gäbe mir nur der Herrgott einen Wink , wie ich dieser diabolischen Verstellungskunst zu Leibe gehen könnte ! Man müßte einmal ernstlich zusehen , wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt . Das Tagebuch scheint zu existieren , es scheint damit seine Richtigkeit zu haben , abgesehen von allem Geflunker ; vielleicht ist es eine Art Beichtgelegenheit für ihn ; man muß dahinterkommen . Die Begebenheiten halfen Quandt , rascher dahinterzukommen , als er gehofft . Eine Stimme ruft Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn , den Polizeileutnant , gerichteten , aber im Grunde für Caspar bestimmten Brief des Grafen Stanhope , in welchem dieser dem Jüngling klipp und klar befahl , das Tagebuch an Hickel auszuliefern . Caspar überlas das Schreiben dreimal , ehe er endlich Worte fand ; er weigerte sich zu gehorchen . » Ja , mein Bester , « sagte Hickel , » wenn es nicht gutwillig geht , muß ich leider Gewalt anwenden . « Caspar besann sich , dann sagte er mit trüber Stimme , der einzige , dem er das Tagebuch geben könne , sei der Präsident , und dem wolle er es morgen bringen , wenn man darauf bestehe . » Gut , « entgegnete der Polizeileutnant , » ich werde Sie morgen früh abholen , und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten . « Hickel wollte Zeit gewinnen . Er hatte natürlich keine Lust , das Tagebuch in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen , gerade dies zu verhindern , hatte er Auftrag , und er überlegte , was zu tun sei . Was Caspar betrifft , so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Präsidenten , um sich zu beschweren . Feuerbach war im Senat ; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an , und diese versprach dem Vater Bericht zu geben . Nachmittags läutete es bei Quandts , und der Präsident trat ins Zimmer . Mittlerweile hatte Caspar , um auch diesem sonst verehrten Mann den gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen , sich eine Ausrede erdacht , und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei , daß er es nicht zeigen wolle , sagte er schnell , er habe es verbrannt . Da gab es dem Lehrer einen Ruck , und er konnte sich eines zornigen Ausrufs nicht enthalten . » Wann haben Sie es verbrannt ? « fragte Feuerbach ruhig . » Heute . « » Und warum ? « » Damit ichs nicht hergeben muß . « » Warum wollen Sie es nicht hergeben ? « Caspar schwieg und starrte zu Boden . » Das ist eine Lüge , er hat es nicht verbrannt , Exzellenz « , zeterte Quandt , bebend vor Ärger . » Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat , so muß es schon länger beiseite gebracht sein . Von Weihnachten an hab ich es überall gesucht , in jedem Winkel seines Zimmers hab ich Umschau gehalten , und nie , niemals war eine Spur davon zu finden . « Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an ; es war ein Blick , der etwas Mattes und Gramvolles hatte . » Wo war denn das Tagebuch aufbewahrt , Caspar ? « fuhr er dann zu fragen fort . Caspar antwortete zaudernd , er habe es bald da , bald dort versteckt ; bald unter den Büchern , bald im Schrank , zuletzt an einem Nagel hinter der Schreibkommode . Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse . » Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen ? « inquirierte er . » Ja . « » Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt ? « » Gehen Sie jetzt , Caspar « , schnitt der Präsident das Zwiegespräch gebieterisch ab . » Ich begreife nicht , « wandte er sich , als Caspar draußen war , an den Lehrer , » weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes Gewicht auf das Tagebuch legt ; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen Schreibereien . Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl . « » Güte , Überredung ? « versetzte Quandt händeringend . » Da haben Euer Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen . Durch Güte entfesselt man nur seine Selbstsucht , und jeder Versuch , ihn zu überreden , vergrößert seine Bockbeinigkeit . Ja , er dünkt sich schon etwas , stellt sich auf die Hinterfüße , hält Widerpart und ist fähig , mir eine Antwort zu geben , daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen . Euer Exzellenz mögen verzeihen , aber ich bin der Meinung , daß sogar Sie durch Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können . « » Na , na « , machte Feuerbach , schritt zum Fenster und sah düster in die regentriefenden Zweige des Birnbaums , der an der Hofmauer wuchs . » Ich getraue mich auch , Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu versichern , daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat « , schloß Quandt mit beschwörender Stimme . Der Präsident antwortete nichts . Wie widerwärtig war es ihm , all den kleinen Hader austragen zu sollen , den sie ihm da herbeischleppten . Ihn dürstete nach Frieden . Das eine Werk noch , vollendet mußte es werden , dann - Frieden . Kaum war Feuerbach gegangen , so eilte Quandt in Caspars Zimmer , rückte die Schreibkommode von der Wand und sah nach , ob dort ein Nagel stecke . In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen . Quandt rief die Magd herauf » Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt , und haben Sie ihn klopfen gehört ? « fragte er . Die Magd bejahte ; er habe vorige Woche Hammer und Nägel aus der Küche geholt , und sie habe ihn klopfen gehört . Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung . Wir sind ja im Sommer , dachte er , und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat , muß die Asche noch im Ofen zu finden sein . Er ging zum Ofen , kniete nieder , öffnete das Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles , was von verbrannten und verkohlten Resten in dem Loch war , heraus auf den Boden . Es kam viel Papierasche zum Vorschein . Quandt gab acht , daß die größeren Stücke nicht zerbrachen , da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann . Sorgsam schob er die Trümmer auseinander . Er fürchtete das eine oder das andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes zur Seite ; wenn es beschrieben war , versuchte er die Worte zu lesen , fand aber keinen Zusammenhang . Da näherten sich Schritte , und Caspar trat ein , nicht wenig erstaunt über die Lage , in der er den Lehrer sah , dessen Hände und Gesicht von Ruß geschwärzt waren , indes ihm der Schweiß von den Haaren troff . Quandt ließ sich nicht stören . » Soviel Asche kann doch unmöglich von dem einen Tagebuch herrühren « , sagte er . » Ich hab auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt « , erwiderte Caspar . Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht ; er stand hastig auf , murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer , die Tür hinter sich zudonnernd . » Sie kommen mir heut abend nicht mit auf die Ressource « , schrie er auf der Stiege . In der » Ressource « war ein Gartenfest , das der Schützenverein veranstaltete . Quandt hatte eigentlich keine Lust , hinzugehen , dergleichen kostete immer Geld . Aber die Frau wollte auch einmal ein Amüsement haben , war des verdrießlichen Zuhausehockens satt . Sie hatte sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht , und so mußte denn der Lehrer sich fügen und , wie er sich ausdrückte , der Unvernunft seinen Zoll entrichten , zumal das Wetter gegen Abend schön geworden war . Caspar blieb , bis die Dunkelheit anbrach , am offenen Fenster sitzen und genoß der Stille . Dann machte er Licht , und ein Lächeln umspielte seine Lippen , als er zur Wand ging , den Stahlstich über dem Kanapee herunternahm , die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun das so verborgene Tagebuch hervorzog . Er setzte sich damit zum Tisch , blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen . Hier war ein Lebensalter , eine Menschwerdung zusammengepreßt in den Verlauf von nicht mehr als vier Jahren , mit unheimlicher Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend . Was es an mangelhaft Ausgesprochenem , Geschildertem enthielt , die unschuldigen Ergüsse erster Freuden und Schmerzen , das erste bange Welterkennen , knabenhafte Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur , alles das hätte die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht . Aber es war nicht für jene , es war für die Mutter , ihr war es zugelobt ein für allemal , und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke ganz unfaßlich , daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte . Es mag auch sein , daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war ; das einzige Ding , das ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß . Auf einer der ersten Seiten stand : » Neulich hab ich aus Gartenkresse meinen Namen gesäet , ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude gemacht . Ist einer in den Garten hereingekommen , hat Birnen gestohlen , der hat mir meinen Namen zertreten , da hab ich geweint . Herr Daumer hat gesagt , ich soll ihn wieder machen , hab ihn wieder gemacht , am andern Morgen haben ihn Katzen zertreten . « Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche , seine Kerkerhaft zu beschreiben , etwa so : » Die Geschichte von Caspar Hauser ; ich will es selbst erzählen , wie hart es mir ergangen