die Hand vor das Gesicht und sagte : » Ach , ich schäme mich . « Da war er ganz ratlos , und es war ihm , als habe er unrecht gehandelt , daß er sie geküßt , aber sie legte plötzlich ihre Hände um seinen Hals und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen , einen frohen und innigen . Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und sagte : » Ich habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich . « Hierüber wurde er wieder verlegen und lachte . Bald erhoben sie sich und gingen ; zuerst schritten sie ganz ohne Gedanken , dann besannen sie sich , daß sie zur Bahnstation gehen mußten , suchten den Weg auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise . Plötzlich fiel es Hans ein , daß er Maria den Arm geben wollte , das tat er aber ganz ungeschickt , und darüber lachte Maria , als wäre das etwas sehr Komisches , und Hans lachte auch . Darauf trieben sie ganz kindische Scherze , liefen eine ganze Weile mit untergefaßtem Arm und lachten wieder , bis Maria die Tränen kamen , das waren zwei runde Perlen , die nicht zerliefen , sondern rund blieben . Über diese freute er sich so , daß er sie küßte . Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still . Da fing Hans plötzlich an , daß er sich besonders darauf freue , wenn sie viele Kinder bekämen . Hierüber wurde sie wieder rot , er aber merkte nichts und fuhr fort in der Ausmalung seines Traumes , wie er dem ältesten Jungen ein Steckenpferd kaufen wollte und dem kleinen Mädchen ein Korallenhalsband , und abends wollten sie mit den Kindern in der dämmrigen Stube sitzen und schöne Lieder singen , und Maria mußte auf dem Klavier begleiten . Auch von der Erziehung sprach er , daß man hauptsächlich fest sein müsse und die Kinder nicht verwöhnen dürfe , denn selbst Härte sei besser wie übermäßige Weichheit . Und allmählich fiel auch Maria ein , und so begannen die beiden fröhlich ihre Luftschlösser zu bauen . Es zeigte sich aber , daß Hans ganz bestimmte Ansichten und Pläne hatte in allen diesen Dingen , über welche sich Maria sehr verwunderte , und wiewohl vieles von diesen Ansichten und Plänen ihren Wünschen nicht entsprach , so empfand sie doch keinen Ärger , wie er so bestimmt war und ganz einfach annahm , daß sie dasselbe wollen müsse wie er , aber sonst war sie immer gleich erbittert gewesen , wenn sie gespürt hatte , jemand wolle , daß sie etwas tue , was ihr nicht einleuchtete . So dachte sie jetzt , er sei wohl etwas tyrannisch , aber sie freute sich heimlich darüber und war gar nicht traurig , hatte auch gar keine Lust , daß sie sich ihre andre Meinung klar machte , sondern dachte nur bei sich : ach , es wird schon schön und recht sein , wie er es meint , und er meinte doch viel Törichtes . Plötzlich aber bemerkte sie , daß sie selbst sich vorstelle , wie sie ihre Kinder kleiden wollte , und indem sie gar nicht daran dachte , daß die zuerst ganz klein waren , malte sie sich einen recht schönen Matrosenanzug aus für den Jungen und stellte sich einen Florentiner Strohhut vor für das Mädchen . So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald . Und durch den Wald zog der Atem des Frühlings , herb und streng , die Kiefern reckten sich und hielten sich in Bereitschaft , ihre Kerzen aufzustecken , ein Kreuzschnabel saß auf einem Zweige und sah ruhig das Paar an ; das ist ein Vogel , der auf Gott vertraut , denn er baut sein Nest mitten im Schnee , wenn die andern Tiere allen Glauben verloren haben , und im Frühjahr sind seine Jungen schon fast erzogen . Das Stationsgebäude war ein Haus wie alle diese Häuser , und Menschen warteten da , die sahen gleichgültig und mürrisch aus , wie sie immer aussehen . Aber der beiden Glück machte das dürftige Haus schimmernd und den glänzenden Schienenstrang glückverheißend , der sich gerade hinauszog , weit fort , wer weiß wohin , und alle Menschen , die da warteten und an den Zug dachten und an ihre kleinen Sorgen und Geschäfte , wurden froh und glücklich . Die beiden aber dachten , daß das Leben leicht ist , und wunderten sich , daß sie nicht schon längst das gewußt hatten . Und am merkwürdigsten war , daß alle Menschen ihnen mit Liebe , Freundlichkeit und Schonung zu nahen schienen , und es zeigte sich , daß alle Menschen gut sind . Für den nächsten Tag hatten sie verabredet , daß sie sich im Tiergarten treffen wollten ; denn sie mußten einander viel sagen , und vorher wollten sie manches bedenken , weil es doch überraschend gekommen war , wie sie sich gefunden hatten . Hans war zuerst an der Stelle , dann kam Maria , die hatte ein ernstes und ermüdetes Gesicht und begrüßte ihn liebevoll , aber mit sonderbarer Zurückhaltung , und gab ihm einen Brief in die Hand und sprach , während er lese , wolle sie sich auf eine Bank setzen . In dem sehr langen Briefe stand geschrieben , daß sie viel mit sich gekämpft , aber sie sei nun zu dem Entschluß gekommen , daß sie einander nicht angehören dürften ; denn gestern habe sie sich durch ihre Gefühle , die sie nicht leugnen wolle , zu einer Übereilung hinreißen lassen ; ihr Grund aber sei , daß sie sich zu selbständig fühle , um glauben zu können , daß sie eine gute Gattin sein werde . Dann erzählte sie , wie sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den großen Sälen , und habe keinen Menschen gekannt , denn mit den Offizieren und Gutsbesitzern , die in ihrem Elternhause verkehrt , habe sie nichts zu sprechen gefunden , außer ganz gleichgültige Dinge ; und wie durch die Luft sei es angeflogen , daß sie ganz andere Meinungen bekommen wie alle Leute , die sie kannte , denn sie könne sich nicht entsinnen , daß jemand ihr etwas erzählt über solche Gedanken . Deshalb habe sie auch immer gedacht , ihre Gedanken und Pläne seien unrecht , weil sie niemand gekannt , der sie geteilt , denn erst in ihrem neuen Kreise später habe sie die Menschen getroffen , die ebenso dachten wie sie . Das erzählte sie ihm , damit er sehe , wie ihre Gesinnungen nicht zufälliger Art seien und sich ändern könnten , sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit entstanden , und deshalb könne sie nicht anders werden , wie sie jetzt sei . Dann fuhr sie fort , ihm zu schildern , welche große Anstrengung es sie gekostet , bis sie alle Hindernisse und Vorurteile der Familie überwunden und habe sich in Freiheit bilden dürfen ; wenn sie jetzt an diese Zeiten zurückdenke , so begreife sie oftmals nicht mehr , wie das alles möglich gewesen sei . Und nun könne sie das alles nicht mehr opfern und sich einem andern fügen , eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge denken ; und wenn sie es doch versuchen wollte , so würde sie selbst unglücklich werden und ihn unglücklich machen , denn der Versuch werde gegen ihre Natur gehen . Darum sei es das beste , er lasse sie , und sie trennten sich jetzt , was zwar ihnen beiden schwer fallen werde ; aber da sie nun einmal in solchen unglücklichen Zwiespalt hineingeraten , daß sie einander lieb gewonnen hätten und doch nicht als Gatten zusammenleben könnten , so sei es besser , jetzt Kummer zu leiden und , wenn es möglich , ihre Neigung zu überwinden und dann später in der früheren Art weiter zu leben , wie eine Ehe zu führen , die sicher unglücklich werden müsse und vielleicht ihre gegenwärtige Liebe in Haß verwandeln werde . Mit großer Trauer las Hans diesen Brief ; und wie er ihn zu Ende gelesen , sah er in Marias Gesicht , das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe zu ihm gewendet war ; da lachte er , und sie hängte sich an seinen Arm und fragte schüchtern , was er nun denke , und wie er sagte , es werde alles gut werden , und sie wollten sich trotzdem ehelichen , da drückte sie seine Hand und war glücklich . In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner ganzen Weise offenkundig , was sie zum Opfer brachte , nämlich die Freiheit und das Glück eines Blickes von hohen Bergen , und daß sie in Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm , und das tat sie , weil sie ihn lieb hatte , nicht für sich , sondern für ihn . Und er wußte wohl , daß er dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen konnte , und in Demut sagte er sich , das alles Herrliche , das wir erhalten , ein unverdientes Geschenk ist , und in Dankbarkeit nahm er sich vor , immer an diese Stunde zu denken . Er freute sich aber , daß er nehmen durfte und dankbar sein , und schämte sich nicht , daß seine Hände leer waren . Solches sind die Werke der Liebe in uns , daß sie unsre schlechteste Eigenschaft überwindet , nämlich den Dünkel , der nichts umsonst empfangen will . Nachdem die beiden dergestalt zu einem unumstößlichen Entschluß gekommen waren , beredeten sie untereinander , wie sie ihr äußeres Leben bilden würden . Wie die beiden Brüder und die Eltern gestorben , war Maria die Erbin aller Besitzungen der Familie . Solange sie für sich allein lebte , blieb ihr das gleichgültig , und sie hatte die Verwaltung einem Verwandten übergeben , denn sie war zufrieden , daß sie ihren Beruf hatte und ihre Pflicht erfüllen konnte . Nun aber wurde das anders , denn eine Familie will mehr Pflichten wie der einzelne . Hansens Tätigkeit war nicht derart , daß sie ihn selbst auf die Dauer befriedigt hätte , geschweige daß er auf sie hin hätte mögen mit seiner Familie leben . So beschlossen die beiden , daß Hans die Verwaltung der Herrschaft übernehmen sollte , und wußten wohl , wie verschuldet der gesamte Besitz war , so daß er zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies , aber freuten sich , daß sie dadurch ein Ziel für frohe Arbeit bekamen , denn sie glaubten , daß wir nur glücklich sein können in einer angestrengten Arbeit , die einen Erfolg hat . Und nachdem sie dergestalt sich über den Plan und die Absichten klar geworden waren , setzten sie schleunigst alles Nötige ins Werk , benachrichtigten die entfernten Verwandten Marias , die zwar den Kopf recht schüttelten , aber doch keine Schwierigkeiten machen konnten , vielmehr recht gütig bei manchem halfen , und dann wurde die Hochzeit bald gefeiert . So nahmen sie denn die schwere Last fröhlich und guten Mutes auf sich , zogen in ein kleines Häuschen , das früher eine Beamtenwohnung gewesen war , und richteten sich ganz einfach ein . Wohl hatten sie einen Besitz , der auch nach Abzug der Schulden noch Millionen wert war , und doch lebten sie bescheiden , aber sie waren stolz und froh , daß sie Sparen und Haushalten , Arbeiten und Sorgen vor sich hatten , dessen Ende doch Sicherheit und ordentliches Leben für ihre Kinder wurde ; denn wenn der Besitz auch groß und wertvoll war , so blieb ihr Einkommen doch gering und konnte nur durch langsames Abtragen der Schulden wieder groß werden . Am frühen Morgen ging Hans schon in den Wald , und am späten Abend kehrte er nach Hause . Ein unbändiges Frohgefühl überkam ihn , wenn er zwischen den schweigenden Stämmen wanderte ; das alles gehörte ihm , diese gewaltigen Buchen , deren Zweige hoch oben sich wölbten , und die kleinen Bäumchen in der Schonung gehörten ihm , wo ein Strohwisch an einer Stange hing , und das trockne Laub gehörte ihm , und die kleinen weißen Blümchen , und die flinke Eidechse und der Vogel auf dem Zweige , die waren in seinem Walde , den er einst seinen Kindern vererbte . Ihm wuchsen die kleinen einjährigen Pflanzen aus dem Samen , die dereinst über seines Enkels Haupte mächtig rauschen sollten , für ihn saugten die Blätter Sonnenschein ein , Luft und Regen . Deshalb forstete er auch nicht mit Kiefern auf , wo Buchen abgetrieben waren , denn er wollte , daß wieder Buchen wuchsen , wo Buchen gestanden hatten ; wenn er alte Bäume mußte schlagen lassen , so war es ihm , als müsse ihm das Herz bluten , und nur , weil er doch Einnahmen wegen der Zinsen nötig brauchte , ließ er abtreiben ; dann schlief er nachts nicht , ging aus Fenster und sah im Mondschein seufzend über den stillen Wald hin ; mit Freuden aber ließ er jungen Bestand ausholzen , wo Licht und Luft geschaffen werden mußten für die Bäumchen . Abends erzählte er , wie er dies machen wolle und das , wie an kahlen Hängen angepflanzt werden sollte , wenn er erst mehr Geld habe , wie in den Bruch Erlenbestand kommen müsse , und wie ein vernachlässigtes großes Gebiet am besten neu bepflanzt werde . Seine schlimmste Sorge war , daß die Haupteinnahme aus einem unsicheren Bergwerksertrage floß , und häufig überlegte er , was zu beginnen sei , wenn dieser Ertrag einmal im Jahre geringer ausfalle . Wohl sagte er sich dann heimlich , es sei leichtfertig von ihm gewesen , daß er nicht bei der Übernahme mehr von dem Besitz verkauft , damit er das übrige desto sicherer halten konnte , aber was er sich auch überlegte , nichts von dem , was er besaß , wollte er hingeben ; ja die beiden Güter , die er damals fortgegeben , und die nun unter einem tüchtigen und wohlhabenden Besitzer schnell gediehen , reuten ihn oft , und gab ihm einen Stich , wenn er in die Nähe ihrer Felder kam und dachte , daß ihm die auch gehört hatten . Deshalb wußte er keinen anderen Ausweg , als daß er immer sparsamer zu wirtschaften suchte , immer eifriger und umsichtiger alles beaufsichtigte . Seine Figur änderte sich ; er wurde hager und vornübergeneigt , und seine Nase stand mit einem scharfen Haken aus dem Gesicht , und sein Gang wurde schnell und weit ausschreitend . So vergingen Wochen , Monate und Jahre im Rechnen und Arbeiten ; aber Rechnen und Arbeiten füllten das Leben der beiden nicht aus . Denn zu seiner Zeit bekamen sie ein schönes und gesundes Kind , ein Knäblein ; dem folgten noch andre Kinder bis zu der Zahl von fünf . Für diese alle mußte die Mutter sorgen , ohne große Hilfe , das tat sie heiteren Gemütes und singend , und die Kinder wuchsen heran in Schnelligkeit , und wenn der Vater des Abends nach Hause kam , so umringten sie ihn , klammerten sich an seinen Beinen an und wollten an ihm hochklettern ; und Maria begrüßte ihn mit lachenden Augen . Sie war immer froh , auch ohne einen bestimmten Grund , und hatte Beruhigung im Herzen und sichere Gedanken . Und auch Hans war beständig froh und sicher , trotzdem er sich viele Sorge machen mußte um Geld und pünktliches Zusammentreffen von Einnahmen und Ausgaben , was für einen Mann sehr schwer ist , der keine Begabung für Geldgeschäfte hat ; bei seinen großen Rechnungen half ihm auch Maria , denn er verzählte und verrechnete sich häufig und geriet dann in große Ängste . Was aber ganz besonders merkwürdig schien , das war , daß er sich gar nicht mehr Gedanken machte über abstrakte Dinge und Fragen , denn ihm war , als sei alles Grübeln plötzlich abgeschnitten und habe gar keinen Liebreiz mehr , und hätte er sich früher so gekannt , so hätte er sicher geurteilt , er sei beschränkt geworden , und doch war es ihm jetzt , wenn er an sein früheres Wesen dachte , als sei er damals töricht und kindisch gewesen . Und ebenso war es Maria , daß alle ihre Mühe und Arbeit , die sie sich früher gemacht , ihr kindisch vorkam ; und wenn es auch gering war , zu bedenken , was ein Kind anziehen sollte und was ein andres essen durfte , und ob an einem Bach Weiden gepflanzt werden sollten für die späteren Korbflechtarbeiten , wenn die Äpfel aus einer neuen Anpflanzung erst versendet wurden , so schien beiden das doch heute viel wichtiger wie solche Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit und ähnlichem , die sie früher bedacht . Und als sie einmal an einem glücklichen Nachmittag am Sonntag zusammen im Garten saßen und von weitem die jubelnden Kinder hörten und sich über die Wandlung wunderten , kam ihnen eine Zusammenfassung oder Erklärung dieser Erscheinung . Es geschah das aber , indem sie ein Schwalbenpärchen sahen , die Lehm zusammentrugen zu einem Neste für sich und ihre Kinder . Da sagten sie : Wie die Vöglein , so leben auch die Menschen , wachsen , freien sich , kriegen Kinder , ziehen sie groß , und dann sterben sie ; und ihre Kinder tun desgleichen ; und so ist die Erde bevölkert mit lebenden Wesen , auf welche die Sonne scheint . Und jedesmal , wenn Kinder heranwachsen , denken sie , das ist etwas ungemein Merkwürdiges , daß wir auf der Welt sind , und es gibt nichts Merkwürdigeres , und mit uns wird alles neu , und vor uns ist nichts gewesen , nach uns aber wird alles das sein , was wir einmal Großes und Wichtiges schaffen werden . In Wahrheit aber erschaffen sie genau so Großes und Wichtiges wie die Menschen vor ihnen geschaffen haben , das sie gar nicht beachten . Und in solcher Gesinnung kommen sie auch zu weiterer Überhebung , daß sie in sich hineinsehen wollen und wollen wissen , wie in ihnen alles zusammenhängt , und woher es kommt , daß ihnen die Welt so erscheint , wie sie ihnen wirklich erscheint ; und dann denken sie , daß sie das alles ändern können nach ihrem Wohlgefallen und können bauen , was sie wollen , und einreißen , was sie wollen . Wenn es nun Gott gut meint mit solchen besonders hoffärtigen Menschen , so setzt er sie mitten in eine einfache und vernünftige Aufgabe ; und da sehen sie , daß einer mit dem andern zusammenhängt , und daß die Menschen so leben , wie es ihnen vorgeschrieben ist , und solche Gedanken haben , wie Gott will , daß sie Gedanken haben ; ebenso wie diese Schwälblein vielleicht denken , wunder welch ein Werk sie verrichten , und wie merkwürdig es ist , daß sie Mann und Frau sind , und wie wunderbar einst ihre Eier sein werden und wie eigen ihr Nest ; und setzen doch bloß Dreck zusammen wie alle Schwalben vor ihnen und nach ihnen , und haben Eier und brüten nach aller Schwalben Sitte , weil so das Geschlecht der Schwalben sich erhält auf der Erde , das Fliegen und Mücken fängt und zum Herbst fortzieht und im Frühjahr wiederkehrt . Solche aber , die zerfahren sind aus Hochmut , finden keine einfache und vernünftige Aufgabe , sondern tun irgend eine widerwärtige Tätigkeit , damit sie ihr Brot verdienen , und wenn sie ihr Tagewerk vollbracht haben , so brüten sie weiter und haben dumme Gedanken über ihre Wichtigkeit und werden immer zerfahrener . Inzwischen geht das Leben vor ihrem Fenster vorbei wie ein schönes Mädchen , und sie merken es nicht , denn sie wissen nicht , daß sie dem Mädchen nachgehen sollten , sie zur Frau begehren und mit ihr leben in Freude und ohne überflüssige Gedanken . Und nachdem sie immer zerfahrener geworden sind , beginnen sie auch immer dümmer zu werden ; und zuletzt enden sie in leerem und einfältigem Geschwätz . In Wahrheit können wir doch nichts wissen , als daß wir hier auf dieser schönen Erde wandeln und brave Menschen sein sollen und uns freuen . Dann werden wir älter in Heiterkeit und Glück , und endlich sterben wir , und im Gedächtnis der Menschen leben wir eine Weile noch als verständige Leute oder als unverständige . Als sie solche Gedanken hatten , blickten sie nach der Elsgrube hin , denn die konnten sie sehen von ihrem Hause aus , und dachten , daß hier einst die alte Burg gestanden hatte , und daß das damalige Herrengeschlecht heruntergegangen war , und ein treuer Diener hatte die letzte Tochter geheiratet und das neue Geschlecht begründet . Das hatte lange geblüht durch vielerlei Zeiten hindurch , die Urzeiten hatte es erlebt und das Lebensalter und die Renaissance , das absolute Fürstentum und die Neuzeit ; endlich war es untergegangen durch Untüchtigkeit ; und nun gründete wieder ein treuer Mann aus der unteren Gesellschaft das dritte Geschlecht ; und vielleicht erlebte das auch durch die Jahrhunderte Wandlungen der Dinge , Verhältnisse und Gedanken , und es zeigte sich , daß jede Zeit meinte , sie habe in allem das Richtige gefunden ; und vor Gottes Augen war das alles doch nichts weiter wie die Reihenfolge der Schwalben , die ein Nest unterm Hausdache beziehen ; und wenn die Kinder dieses Geschlechtes klug waren , so taten sie dasselbe , was jetzt Hans und Maria taten : arbeiten und sich liebhaben , ihre Kinder erziehen und fröhlich sein . So waren ihre Gedanken , und die mochten wohl manchem von den andern kleinbürgerlich erscheinen . Aber was wir wert sind , das sind wir ja nicht wert durch unsre Gedanken , sondern dadurch , daß wir die Stelle auszufüllen vermögen , in die wir gesetzt sind ; denn wenn wir das können , so bekommen wir Verstand und richtige Gedanken , und für die einen sind diese Gedanken richtig , für die andern jene . Nur ist das eine Weisheit , von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen wollen , denn freilich ist sie nicht zu sehen , sondern wir müssen sie glauben . Aber wissen wir dies nicht , daß wir ja gar nicht die wahre Welt sehen , sondern nur einen trügerischen Schein ? In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor dem Scheunentor und worfelt Weizen . Er nimmt eine Schaufel voll Weizen und schleudert den in die Scheune . Da fliegen zusammen durch die Luft Korn und Spreu und wissen nicht , wer sie in Bewegung gesetzt hat und wohin sie getrieben werden ; doch sie verspüren , daß eine Kraft in ihnen ist und daß dieselbe Sonne sie blitzend bescheint und daß dieselbe Luft sie klar bestreicht . Da denkt die Spreu hoffärtig : Siehe , wir sind wie diese da , und vielleicht sind wir auch besser , denn uns scheint , wir fliegen höher , und die Körner denken demütig : Es ist wohl so , daß wir alle gleich sind . Aber nur einen Augenblick verweilen sie beide in der hellen Luft und unter der blitzenden Sonne ; denn was Jahrhunderte sind für uns und unsre Welt des Scheins , das ist ein Augenblick für Gott und für seine wahre Welt . Dann senken sich die schweren Körner zu dem Weizenhaufen , auf den sie fallen sollen , und die Spreu trägt der Zugwind vor dem Scheunentor auf einen andern Haufen zu der früheren Spreu . Ende Nachwort1 Den Roman » Der schmale Weg zum Glück « habe ich vor nunmehr einem Vierteljahrhundert geschrieben , im Jahre 1901 . Verschiedentlich wurde angenommen , er sei eine Art Selbstbiographie . Das ist er nicht . Er ist von Anfang bis zu Ende bewußt aufgebaut , und die Gestalten sind nicht Abbilder von Personen , die zufällig mein Leben gekreuzt haben , sondern sie sind aus der Phantasie neu geschaffen nach dem Bedürfnis , das an ihren Stellen für sie war . Der Plan zu meinem Bau aber war aus meinem Gesamterleben gekommen : ich erlebte den Zusammenbruch der bürgerlichen Welt und die Sehnsucht , zu einer neuen Lebensform der Menschheit zu gelangen , in welcher ich selber eine solche Stelle fand , daß ich mein Leben vor Gott rechtfertigen konnte . Den Zusammenbruch wollte ich darstellen , indem ich für die mir wesentlich scheinenden Teile der bürgerlichen Welt Charaktere und Schicksale erfand ; diese mußten aufgereiht werden an einem Faden , welchen das Leben meines Helden gab . Wesen und Schicksal dieses Helden mußte für diese Aufgabe geeignet sein . Da stellte sich denn die deutsche Form des Bildungsromans als angemessen dar . Schon den Simplizissimus kann man als solchen bezeichnen . Es ist wohl verständlich , daß gerade die Deutschen auf diese Form kommen mußten ; bei ihnen wird dem ringenden Einzelnen die Bildung schwerer wie bei jedem andern Volk : nicht nur , daß die Bildung des Deutschen , weil sie immer persönliches Erleben ist , nicht gesellschaftliche Übereinkunft , unter allen Umständen mehr Arbeit erfordert ; sondern auch , weil wir in unserer geschichtlichen Entwicklung immer von Aufbau zu Zusammenbruch , von Zusammenbruch zu Aufbau gegangen sind und kaum je einmal eine längere Zeit ungestörter Ruhe gehabt haben ; und so fast immer die Bildung des Einzelnen gleichzeitig eine schöpferische Mitarbeit an dem Werk der Allgemeinheit sein mußte . Um die Auflösung der Gesellschaft an der Geschichte meines Helden ganz klar darstellen zu können , mußte ich ihn selber zwar passiv gestalten , wie ja der Held der Erziehungsromane notwendig sein muß ; aber doch als natürlich gegenüber der Unnatur , gesund gegenüber deren Verfall , wahr gegenüber der Zersetzung . Ich suchte mir eine Umgebung , aus der ich einen solchen Charakter heraus entwickeln konnte , und fand das einsame Forsthaus im Wald , die kleinbürgerlich deutsche Familie der alten Art , die noch unberührt von der Zersetzung war , ihre Verbindung mit der noch schlichteren Vergangenheit durch die Großmutter . So ergab sich das erste Buch : die Jugendgeschichte des Helden . Es müssen in sie hinein natürlich schon die ersten Fäden der späteren Unruhe reichen , damit das zweite Buch nicht ganz unvorbereitet als eine völlig andere Welt kommt ; denn der Held muß ja doch mit dieser eine organische Verbindung haben ; dadurch ergab sich vor allem die Jugendfreundschaft mit Karl . Daß man den Roman für eine Selbstbiographie hält , beweist , daß mir die Darstellung dieser rein ausgedachten Welt geglückt ist , daß sie als Natur wirkt , wie sie sollte . Ich selber stamme zwar auch aus dem Volk wie der Held meines Romans , aber bin in der Stadt aufgewachsen , allerdings in einer Kleinstadt von nur neuntausend Einwohnern , als Sohn eines Steigers , eines Beamten am Bergwerk , der gesellschaftlich etwa dem Förster entsprechen mag . Wenn auch das Erzählte erfunden ist , so ist natürlich doch immer das Gefühl , das hinter ihm steht , selbst erlebt . Das mag den Irrtum erklären . Das frühere deutsche Kleinbürgertum wird heute mit falscher Vornehmheit belächelt von der Bourgeoisie wie vom Proletariat . Wie jede Klasse die ihr notwendig anhängenden Schwächen hat , so hat sie natürlich auch das Kleinbürgertum . Für den freien Menschen gibt es selbstverständlich nur die Einzelpersönlichkeit , die denn keiner Klasse und keinem Stand angehört , und jeder Mensch , der zu einer richtigen Klasse gehört , hat die Schwächen dieser Klasse . Am leichtesten kann wohl einer aus der Aristokratie zu Freiheit gelangen , zu der Freiheit , welche der Held meines Romans haben mußte . Aber was man so ehrlich Aristokratie nennen kann , das hat es nun einmal in unserm Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben , und ich für meinen Teil finde , daß das Kleinbürgertum bei uns sehr viel von den Leistungen übernommen hat , die eigentlich der Aristokratie zufielen ; und ich kann nicht finden , daß da die Bourgeoisie , geschweige denn das Proletariat , seine Erbschaft angetreten haben . Ich bin in meinem Leben mit Menschen aus allen Klassen und Ständen in so nahe Berührung gekommen , daß ich ihre Verhältnisse dichterisch darstellen könnte . Aber noch heute , wenn ich einen Helden wie Hans brauchte , würde ich ihn mir aus dem alten Kleinbürgertum herausholen . Das gesellschaftliche Ideal der Klasse war die Rechtschaffenheit : in der Rechtschaffenheit sind viele sittliche Forderungen enthalten , die sich sonst nur in dem Ideal der Vornehmheit finden ; und das deutsche Ideal der Vornehmheit war durchaus kleinbürgerlicher Art , es hatte mehr von der kleinbürgerlichen deutschen Rechtschaffenheit als etwa von den Vorstellungen von Gentleman und Kavalier der westlichen Völker , die man sonst geneigt ist , unserem » vornehmen Mann « gleichzusetzen . Ein Dichter nimmt Gefühl , Vorstellungen und Gedanken aus seinem Volk , gestaltet sie , und gibt sie so seinem Volk zurück . Ich glaube , daß es mir gelungen ist , den rechtschaffenen Kreis des ersten Buches aus meinem Volk zu nehmen und ihn auch wiederzugeben . Die Formen ändern sich , in welchen ein Volk lebt . Das alte Kleinbürgertum ist heute fast verschwunden . Aber Ehrfurcht , Treue , Gewissenhaftigkeit , Fleiß , Aufopferung , Glaube , Unterordnung unter das Höhere - alle Tugenden sind ewige Forderungen an uns , die wir in den wechselnden Formen des geschichtlichen Lebens immer neu erfüllen müssen . Wenn ein Bild dichterisch geglückt ist , dann muß es bei den veränderten Verhältnissen der Menschen auch so wirken , daß es zu den Tugenden führt , die es darstellt . Als ich den Roman schrieb , war ich fünfunddreißig Jahre alt . Ich stand damals noch in den Anfängen einer geistigen Entwicklung , die ich auch heute noch nicht abgeschlossen habe ;