Ihr ? Laßt das die letzte Torheit sein , die hier von Euch geschieht ! Wer stürzte Euch ? Nicht ich ! Es war die Angst vor mir , die Furcht vor dem Gespenste ! Dazu der Stolz , der sich zu beten schämte ! Ihr dünktet Euch so groß und so erhaben und wagtet es doch nicht , mir Stand zu halten , daß ich Euch sagen konnte , wer ich sei ! Und wenn ich es nun jetzt Euch sagen wollte , so könntet Ihr es doch unmöglich fassen , weil Geisterwahn nicht schnell , nicht plötzlich heilt . Doch merkt Euch das erlösend wahre Wort : Wer keinen Schatten wirft , der kann kein Wesen sein und wird vom Menschheitskörper nicht empfunden . Wenn eine Schuld , ein Frevel auf mir ruht , so seid Ihr wohl die Letzten , Allerletzten , an die ich mich um Gnade wenden würde . Denn daß Ihr ' s wißt : Wer mir verzeiht , hat nur sich selbst verziehen . Und weil Ihr dies getan , so will ich Euern Wahn und Euern Selbstbetrug nicht länger strafen . Ihr habt gesühnt ; so geb ich Euch denn Eure Schatten wieder : Es werde also Licht ! « » Licht ! « rief ich . » Licht ! « rief das Gerippe . » Licht , Licht , Licht ! « wiederholten alle die Geister , und » Licht - - Licht - - - Licht - - - - Licht ! « klang es hinaus bis in den tiefsten Winkel , und alle Säulen zitterten und bebten . Da plötzlich war die lichte Schicht verschwunden , die auf der dunkeln Flut gelegen hatte , und Finsternis lag wieder um uns her . Doch es erklang ein Ton , so weich und doch so hell , so lind und mild und doch so siegreich klar . Wo kam er her , und wo ließ er sich nieder ? Aus einer andern Welt - - - im Bilde neben mir . Erst war er nur zu hören , doch bald dann auch zu sehen , ein wunderbarer , heilger Farbenton ! Wie Sonnengold , vermählt mit Himmelsblau ! Wo seine Quelle lag ? Im Alabaster ! Das Bild ward nicht von außen her beschienen . Es trug das Licht in sich und warf darum auch keine Spur von Schatten . Erst leise , wie ein Morgenhauch beginnend , entwickelte die reine , keusche Klarheit sich nach und nach zum tageshellen Glanze , so daß es war , als leuchte uns die Sonne . In dieser Helligkeit erschien mir das Gerippe und Alle , die in tiefem Staunen lagen , so fratzenhaft , so schrecklich widerwärtig , daß ich mit meinem Blick von ihnen floh und ihn an der Figur nach oben sandte . Was ich da sah , das ward noch nie gesehen , weil keine Kunst noch je so Schönes schuf ! Doch leider stand ich ja so dicht am Bilde , daß jetzt nur seine Größe auf mich wirkte . Wie klein , wie klein kam ich , der Mensch , mir vor ! Da sprach der Zauberer : » Es wurde Licht ! Soll es nun wachsen , bis es Euch verzehrt ? Flieht schnell hinaus , der Schatten wird Euch retten ! « » Es gibt ja keinen Weg ; wir sind für ewig , ewig eingeschlossen , « antwortete das Skelett . » Wird dieses Licht zur Schattenlosigkeit , so sind wir alle , alle hier verloren ! Die Sage zwar erzählt von diesem Einen , daß er den Schlüssel Hephata besitze , und bis zu diesem Augenblick ist Alles , was sie sagte , eingetroffen , doch diese Felsen und Gigantenmauern sind für das Hephata ja wohl zu stark ! « Da rief ich aus : » Ich habe ihn , den Schlüssel , und keine Stärke kann ihm widerstehen ! Ich war schon einmal hier ; da wurde er erprobt . Gebt Raum für uns da unten ! Wir kommen jetzt hinab und führen Euch hinaus ! « - » Hinaus , hinaus ! « jauchzte das Gerippe . » Hinaus , hinaus , hinaus ! « jubelten die Andern . » Hinaus - - hinaus - - - hinaus - - - - hinaus ! « frohlockte es im vorderen Bassin , daß alle Säulen dröhnten und Stein um Stein sich vom Gewölbe löste . Ich sprang in das Wasser , der Zauberer mir nach . Indem die Köpfe sich bemühten , eine Gasse für uns zu bilden , schaute ich zurück und aus dieser weiteren Entfernung an dem Bilde hinauf . Es strahlte schon so stark , daß mich sofort die Augen schmerzten . Da wendete ich mich schnell wieder zurück und griff mit beiden Armen aus , um durch die Wasserflut der Lichtflut zu entgehen . Der Zauberer hielt sich an meiner Seite . Die Andern folgten ; Keiner blieb zurück ! Der Glanz drang unter der hängenden Mauer auch in das vordere Becken und verbreitete dort eine Art von Dämmerung , welche mir den Weg genügend deutlich zeigte . Ich schwamm nicht an den Seitenkanälen vorüber , sondern quer zwischen den Säulen hindurch gleich nach dem Hauptkanale , wo der letzte Lichtreflex verloren ging und wir uns infolgedessen in tiefster Finsternis befanden . Das konnte aber nicht stören , weil der Weg uns durch die engen Seitenmauern vorgeschrieben war . Wir konnten weder rechts noch links abweichen , sondern nur immer vorwärts , vorwärts , vorwärts , und daß die Andern folgten , das hörten wir an ihrem Schwimmgeräusch , welches in dieser steinernen Röhre wie dumpfes Meeresbrausen rauschte . Viel leichter als früher mit dem Boote kam ich durch das Gestrüpp hinaus ins Freie , in den See . Um Platz zu machen , schwamm ich da erst eine Strecke gerade aus und drehte mich dann um . Der Zauberer war bei mir . Vor mir hielt das Gerippe . Hinter ihm sah ich seine Scharen , die so zahlreich waren , als ob der Kanal sich gar nicht entleeren könne . Es kamen immer mehr , immer mehr aus ihm hervor . Ich sah sie deutlich , denn die Sterne leuchteten , und die schmale Sichel des ersten Viertels stand grad über uns am Himmel . War es möglich , daß alle , alle diese Vielen , die ich erblickte und die noch immer nachdrängten , sich da drin im Berg befunden hatten ? Kann es wirklich eine solche Menge von Geistern gegeben haben , die von ihrer Gedankenhöhe stürzten , weil ihnen plötzlich dort der feste Boden schwand ? Endlich , als die Letzten erschienen waren , erhob das Skelett seine Stimme und sprach : » Heut ist der erste Tag des neuen Lebens , der Tag , an dem das Licht uns wiederkehrte . Wir sind voll Dank und sagen Lob und Preis . Schaut dort hinauf , zur halben Bergeshöhe ! Der Mondesstrahl zeigt uns die Rosensäulen ; ein Tempel ragt , geweiht dem Dienste Dessen , den unser Hochmut einst nicht anerkannte . Wir haben es gebüßt , jedoch nicht bis zum Ende . Noch ist das Werk des Fluches nicht vollbracht , den wir in Segen umzuwandeln haben . Es soll und muß geschehen , uns zur Buße . Wir haben nun den Schlüssel Hephata . Und was uns tödlich war , des Bildes Eigenlicht , wird sich im Bergesdunkel schnell verlieren . Dann kehren wir zurück und lassen jene Faust , die sich im Grimm des Fluches ballen sollte , zur offnen Hand des Fürgebetes werden . Jetzt aber kommt mit mir hinauf zum Tempel ! Adan , der Stern der Erdenmitternacht , erglüht grad über uns am Firmamente . Wir haben also heilge Geisterstunde und müssen dort hinauf , dem einzig Einen zu sagen , daß wir wieder beten werden ! « Er wendete sich schwimmend der Stelle des Ufers zu , von welcher aus man nach dem Weg zum Beit-y-Chodeh kam . Die Andern folgten ihm . Ich aber blieb zurück . Wenn Geister beten , sei der Mensch bescheiden ; er kann ihr Kyrie doch nicht verstehn ! Auch der » Zauberer « blieb halten . Wir sahen ihnen eine kleine Weile nach ; dann fragte ich : » Kommst du mit mir ans Ufer ? « » Nicht nur ans Ufer , « antwortete er . » Ich gehe mit dir heim , hinauf in deine stille Denkerklause . Da setzen wir uns an das Sternenlicht , und ich erkläre dir , warum es Schatten gibt und Fehler bei den Menschen . Komm ! « Wir schwammen nach der Landestelle und - sonderbar ! als ich da aus dem Wasser stieg , war ich nicht naß ; auch mein Gewand war trocken . So auch bei ihm . Er nahm mich bei der Hand . Wir wandelten durch den Duar , den Weg zum Haus empor . Das Tor war zu . Es öffnete sich selbst , sobald wir es berührten . Die andern Türen auch , bis wir in meinem Mittelzimmer standen . Da hörte ich von rechts her ein Geräusch , als ob ein Schlafender sich anders wende . Ich wollte schnell hinaus ; er aber hielt mich fest und flüsterte mir zu : » Du darfst dich noch nicht wecken ! Ich habe dir so viel , so Wichtiges zu sagen , daß du erstaunen wirst , wie sicherlich noch nie im ganzen Leben . « Wir traten auf das platte Dach hinaus und schauten nach dem Beit-y-Chodeh hinüber . Der Sterne Glanz lag auf dem ganzen Tal ; der Tempel aber stand in jenem Lichte , das aus dem Alabaster hell ertönte - - - im Sonnengold , mit Himmelsblau vermählt . Die Geister lagen alle auf den Knieen . Ein süßer Rosenduft umwehte uns . Kam er von drüben ? Sollte er es sein , der uns die leise , leise Strophe brachte : » In allen Himmeln leuchten heut die Sonnen ; Auf allen Erden wird zum Tag die Nacht , Denn was der Wahn im blinden Haß begonnen , Wird von der Wahrheit segensreich vollbracht ! « » Hörst du ? « fragte der Zauberer . » Du wirst es nicht begreifen ; ich aber will dir sagen , was sie meinen . Doch sollst du es nicht nur hören , sondern auch sehen . Schau mich an ! « Ich tat es . Was ging da mit ihm vor ? Seine Gestalt begann , zu verschwinden , sich wie in Nebel zu verwandeln . Doch nahm dieser Nebel sehr rasch wieder Formen an , und wer , wer stand da vor mir ? Nicht mehr er , der » Zauberer « , sondern der » Warnende « , mit dem ich gesprochen hatte , ehe ich in den Berg gestiegen war . Ich sah nicht mehr den weißbehaarten Kopf mit stechend scharfen , kalten Feindesaugen , nein , sondern jene freundlich ernsten Züge und jenen weichen , väterlichen Blick , der bei der Frage , ob ich beten könne , besorgt und doch voll Hoffnung auf mir ruhte . » Du wunderst dich , « sagte er . » Und doch ist nichts geschehen , was zum Verwundern wäre ! Wer geistig Mündel ist , den mag der Vormund warnen . Doch den Erwachsenen , den reifen Denker , den warnt des Irrtums eigne , andre Stimme , die stets die volle , reine Wahrheit spricht . Und dieser ist kein Vormund überlegen ! Du hast dein Wort gehalten . Bist weder meinem andern Ich noch jenem Wahn verfallen , der aller Welt den Schatten rauben will , weil er sich selbst für ohne Schatten hält . Du hast mich nicht besiegt und aber doch besiegt . Ich fühle mich verschuldet und werde quitt mit dir , indem ich dich in das Geheimnis führe , daß Beide , Licht und Finsternis , den Tod bedeuten würden , wenn sie sich nicht versöhnt die Hände reichten , grad ihn in ewges Leben zu verwandeln . Darum die Wahl , die keine Lüge war , obgleich es Tod nicht gibt und doch kein Schatten lebt : Tod oder Schatten ! « Er setzte sich ; so tat ich ' s also auch . Und nun begann er zu erzählen : Ein Menschenleben , ein Geistesleben , und aber doch das ganze Menschheitsleben . Die Sterne wanderten am Himmel weiter ; ich sah es nicht ; die Zeit war wie für mich nicht mehr vorhanden . Die Sterne schwanden ; auch dieses sah ich nicht . Ich achtete allein auf seine Worte . Im Osten stieg der Morgen bleich empor , doch schaute ich nicht hin . Mir war ein andrer Morgen aufgegangen . Nun aber kam der erste Sonnenstrahl und fiel verklärend auf sein Angesicht . Da sprang er auf , zog mich zu sich empor , berührte mit den Lippen meinen Mund und sprach : » Hier diesen Kuß für den , der drinnen schläft ! Komm mit hinein , daß er dich wiederhabe ! Du wirst gebraucht . Und ich - - - - - - ? Wohl noch viel mehr ! « Er nahm mich bei der Hand . Schon unter der Tür blieb er nocheinmal stehen und sagte leise : » Er liegt so still und schläft ; ich höre seinen Atem . Sobald du dich ihm nahst , wird er zu träumen haben , was du bei mir erlebtest . Geh langsam , langsam hin , und gib ihm meinen Kuß ! Nicht übereilt sei deine Wiederkehr , weil er des Traumes sich nach dem Erwachen genau erinnern soll . Kein Wort sei ihm verloren ! « Ich folgte dieser Weisung und ging nur Schritt um Schritt quer durch das Mittelzimmer , dann durch die offne Tür ins Schlafgemach , in welches grad mit mir der Sonne Licht auch trat . Sein Angesicht begann , sich geistig zu beleben , und dieses Leben ward um so bewegter , je näher ich ihm kam . Nun war ich dort und bog mich zu ihm nieder , gab ihm den Gruß des » Zauberers « , der an der Tür noch stand , und - - - - - - - - - - und erwachte aus dem Schlafe , riß beide Augen auf , sah mich aber schon nicht mehr stehen , sprang eiligst aus dem Bett und dann schnell durch die Tür hinaus ins Mittelzimmer . Der Zauberer war fort , das Zimmer leer und auch das platte Dach ! » Geträumt , geträumt ! « rief ich . » Und aber wie geträumt ! So deutlich ist noch nie ein Traum gewesen ? War das vielleicht ein sogenannter Wahrheitstraum ? Es ist ganz so , als hätte ich ' s erlebt , als hätte ich es wirklich durchgemacht . Ich sehe Alles noch . Ich höre jede Silbe . Ich werde es mir rekapitulieren . Dann setze ich mich her , es zu Papier zu bringen . Man kann nicht wissen , ob - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - « Infolge dieser Arbeit war es ziemlich spät , als ich mein Frühstück nahm . Dann ging ich hinab , um zunächst mit Schakara zu sprechen . Sie saß in der Halle , ganz allein , sich einen Schleier säumend . » Hat dir Marah Durimeh vielleicht einmal die Sage von dem verzauberten Gebet erzählt ? « fragte ich sie . Sie sann nach und antwortete dann : » Nicht mir , sondern einem Fremden . Das war im Dorfe Ohtian des Stammes Bulanuh . « » Wer war der Fremde ? « » Das weiß ich nicht mehr , habe es vielleicht auch gar nicht gewußt . Er gefiel mir nicht . Es war eine alte Frau gestorben , die weit draußen vor dem Dorfe in einer elenden Hütte lebte . Niemand bekümmerte sich um die Leiche , weil sie eine Tumasa52 gewesen war . Da nahm Mara Durimeh mich mit ; wir hielten Totenwache . Ich war noch klein und erst seit Kurzem ihre Schülerin . Der Fremde reiste durch das Dorf und hielt da draußen vor der Hütte an , denn Marah Durimeh saß vor der Tür und fiel ihm auf . Als er auf einige Fragen Antwort bekommen hatte , stieg er vom Pferde , um noch weiter mit ihr zu sprechen . Er kam auch einmal herein , spuckte aber vor der Leiche aus . Warum , das weiß ich nicht . Das , was er sagte , war so gelehrt , daß ich es nicht verstehen konnte , und so hochmütig , daß ich die Tote leise bat , ja nicht auf ihn zu hören , weil es die Sammlung störe , die ihr jetzt nötig sei . Das war der Mann , dem Marah Durimeh die Sage , bevor er weiterritt , mit auf die Reise gab . « » Also ist es noch gar nicht so lange her , daß jene Letzten in die Tiefe stürzten ! « » Ich verstehe dich nicht . Was meinst du da ? « » Das erzähle ich dir nachher . Kannst du mir die Sage wohl berichten ? « » Leider nein . Ich merkte sie mir nicht . Ich war so jung , sie aber tief und mir ganz unverständlich . « » Wie schade , jammerschade ! « » Warum . « » Leg deine Arbeit weg , und komm mit mir hinaus zur Pferdeweide ! Da sind wir ungestört . Ich träumte heut , und wenn der Geist in solcher Weise träumt , kann er es seiner Seele nicht verschweigen . « Wir gingen durch den Garten nach dem Steine , an dem wir schon einmal gesessen hatten . Dort setzten wir uns nieder . Ich erzählte . Sie hörte zu , ganz still , ganz still , doch zeigte sich in ihren dunkeln Augen , den wunderbaren und geheimnisvollen , von Zeit zu Zeit ein Glanz , der mich an jenes Eigenlicht des Alabasters mahnte - - - wie Sonnengold , vermählt mit Himmelsblau . Und auch als ich geendet hatte , blieb sie noch immer still . Sie hatte ihren Kopf zur Seite an den Stein gelehnt und hielt die Augenlider fest geschlossen . Ich störte sie in ihrem Sinnen nicht und wartete geduldig , bis sie sprach . Sie tat es , ohne ihren Blick zu öffnen : » Ich sehe eine Linie , von rechts nach links gezogen . Am Ende rechts gibt ' s eine Sonnenglut , die Alles , was da lebt , verbrennen würde , wenn es so unbesonnen wäre , sich ihr zu weit zu nähern . Das linke Ende taucht in eine Finsternis , die jeder Kreatur mit augenblicklicher Vernichtung droht . Die Linie ist unser Menschenleben . Zu weit nach rechts , zu weit nach links bringt sicheres Verderben . Grad in der Mitte liegt die Unverletzlichkeit und auch die Durchschnittslänge der geworfnen Schatten . Wer diesen Durchschnitt haßt , der wendet sich nach einer von den Seiten . Nun denke nach , Effendi , denke nach ! Stehst du vielleicht grad in der Mitte ? « » Ich hoffe es nicht , « antwortete ich . » So bist du also kühn , vielleicht sogar verwegen ! Betrachte deinen Schatten ! Wird er zu klein ? Wird er zu groß ? In beiden Fällen ist ' s um dich geschehen ! Weißt du es nun , wozu die Schatten sind ? So sag ich nur als Mensch , als ungelehrtes Weib . Die Allmacht aber wird wohl noch ganz andre Gründe haben , warum sie Finsternis und Licht vermählte und beiden die Erlaubnis gab , im Zwielicht unfaßbare Schemen zu erzeugen und an der Sonne jene äffenden Gebilde , die uns als Schatten sagen , daß wir sind . « Nun schlug sie die Augen auf , sah mir so lieb , so herzlich in die meinen , hielt mir das kleine , aber feste Händchen her und sagte : » Gib mir jetzt einmal deine Hand ! « Ich tat es . Da fuhr sie fort : » Erlaube mir , daß ich für diese Schatten bitte ! Verfahre nicht so streng , wie du wahrscheinlich wolltest . Du weißt ja wohl , daß Schatten keinen Willen haben ! « Da mußte ich doch lächeln ! » So ist es also wahr , daß sich die Seele immerdar erbarmt , selbst wenn der Geist auch nicht den kleinsten Grund zur Milde findet ! Wer keinen Willen hat , den darf man billig schonen , doch aber den , der ihm den Willen nahm , den trete man zu Boden ! « » Trotz deines Traumes heut - - - ? Und trotz des Zauberers - - - ? « fragte sie . » Trotz alledem ! Ich glaube , daß ich diesen Traum verstehe . Er kam zwar aus dem Schattenreich zu mir , doch war er keinesweges selbst ein Schatten . Ich träumte ihn beim ersten Sonnenstrahl und fühle ihn verschmolzen mit mir selbst , von gleicher Wesenheit mit meinem eignen Wesen . Er hat mich viel gelehrt und handelt in mir weiter . Der Schatten , der mich vor sich selber warnt , ist Menschenfreund , ist ohne Falsch , ist ehrlich . Er rettet mich vor fremden Gaukeleien und auch vor meinen eignen Truggebilden , und Wahnsinn wäre es , wenn ich ihn hassen wollte . Für ihn hast du gebeten , Schakara . Du siehst , es war nicht nötig ! Gebeten aber hast du nicht für Andre , für welche ich dein Auge schärfen möchte . Ich meine jene pfiffigen Gesellen , die sich als Schatten stellen , doch aber keine sind . Die stets verführten - Verführer ! Die in Demut zerfließenden - Tyrannen ! Die tugendreinen - Sünder ! Die opferbereiten - Feinde ! Die aufrichtigen - Heuchler ! Die arglos treuherzigen - Schlangen ! Und noch viele , viele tausend Aehnliche , die sich sofort als Schatten des nächsten Gegenstandes in Sicherheit bringen , wenn du zur Fackel greifst , sie anzuleuchten . Sie flüchten sich vollständig waffen- , wehr- und willenlos in irgend eines Starken Schutz und Schirm . Er sinkt und sinkt und sinkt ; sie aber steigen . Und dann , wenn er am Abgrund steht , von aller Welt verlassen , nur nicht von Dem , der liebevoll den Fuß erhebt , um dankbar ihn vollends hinabzutreten , erkennt er endlich , aber viel zu spät , daß sie nichts weniger als arme Schatten waren . Die Willenlosigkeit war höchste Energie , die Schwäche nur die Maske der Gewalt , und jede Bitte , welche er gewährte , in Wahrheit ein Befehl , dem er gehorchen mußte . Das Allerschlimmste aber ist , o Schakara , daß diese Büberei nie eignen Schatten wirft , weil sie ja stets im Schatten Andrer schwelgt . Darum erscheinen diese Fleckenlosen der heilgen Einfalt drei- und zehnmal heilig , und wenn sie noch dazu so glücklich sind , vor ihrem Tode nicht entlarvt zu werden , so glaubt die liebe , liebe Unvernunft , daß sie an ihnen viel , sehr viel verloren habe , der Himmel aber viel , sehr viel gewonnen ! Wenn die Ruinen da erzählen könnten ! Ich sah im Traume , wie man sich verkroch ! Da ging ich ruhig weiter . Doch , sollte das Geträumte sich erfüllen , so wird statt nur gefackelt , dann geleuchtet ! Du weißt , wie gut wir hier versehen sind : an Fackeln fehlt es nicht ! « Hier wurde unser Gespräch unterbrochen . Drüben in den Ruinen , im obern Teile derselben , erschien nämlich Kara Ben Halef . Er sah uns sitzen und winkte uns zu , daß er zu uns kommen werde . Er ging nicht grad auf dem Glockenpfade , sondern er stieg über das Gestein gleich quer herab und kletterte an einer verwitterten Mauerstelle zu uns herauf . » Effendi , ich habe einen Gefangenen ! « sagte er . » Wie ? Einen Gefangenen ? « fragte ich . » Hat man hier im tiefsten Frieden Gefangene zu machen ? « » Ist das Friede , wenn Jemand sich nicht friedlich zu mir verhält ? « » Wer ist es ? « » Kein Dschamiki , sondern ein Fremder . Ich kenne ihn nicht , und er weigerte sich , Auskunft zu geben . « » Wo ? « » Da drüben , in einer der alten Kirchen . Ich ging heut schon sehr früh wieder einmal durch die Ruinen . Man spricht im Duar davon , daß es dort wohl noch versteckte Plätze und verborgene Dinge gebe , die man noch nicht entdeckt habe . Ich bin derselben Meinung . Die vertriebenen Massaban , die in dem Gemäuer hausten , kennen es wahrscheinlich besser als wir , da sie dort ihre Schlupfwinkel hatten . Und wer zu dieser Sorte von Menschen gehört , weiß besser Bescheid , als jeder Dschamiki . Darum muß uns jeder Fremde , der die Ruinen ohne unser Wissen betritt , verdächtig erscheinen . Folglich war ich sofort argwöhnisch , als ich in so früher Morgenzeit Schritte hörte , die sich der Stelle näherten , in der ich mich befand . Das war in dem runden Quaderturme , der trotz seiner starken Mauern schon fast in sich zusammengestürzt ist . Es führt nur eine Tür hinein , keine andere hinaus . Ich stand in der Nähe derselben und drückte mich fest an die Wand , um nicht sogleich gesehen zu werden . Der , welcher kam , trat ein . Ein hagerer Mann , nicht groß , aber stark ; das habe ich dann gespürt . Er fühlte sich so sicher , daß er sich gar nicht umschaute , und ging zum nächsten , großen Brocken der eingefallenen Mauer , um sich da niederzusetzen . Dabei drehte er sich um und mußte mich nun sehen . Ich war schnell an den Eingang getreten , um ihm die etwaige Flucht zu versperren . Er erschrak , nahm sich aber zusammen und fragte mich , wer ich sei und was ich hier wolle . Das klang so gebieterisch , als ob er der Herr an diesem Orte sei . Und als nun aber ich Auskunft forderte , wurde er grob und warf sich plötzlich auf mich , um zu entkommen . Dabei hatte er ein langes Messer gezogen und schrie mich an , daß er mich sofort erstechen werde , wenn ich nicht darauf verzichte , ihn festzuhalten . Er stach auch wirklich zu . Schau hier , den Schlitz im Aermel ! Das war auf das Herz abgesehen ! Ich entging der Gefahr aber durch eine schnelle Wendung , entriß ihm die Waffe , warf sie fort und rang ihn auf den Boden nieder . Das war aber nicht leicht . Dieser Mensch besaß viel Kraft und Gewandtheit . Er rang meisterhaft , ruhig , still , den Atem berechnend und jeden Griff genau überlegend , ohne dabei ein einziges Wort zu sagen . Es scheint mir , als habe er schon oft in dieser Weise um seine Freiheit oder gar um sein Leben ringen müssen . Er hatte Uebung ! Aber er kam trotz aller Mühe nicht auf ; ich hielt ihn unter mir , bis seine Kräfte schwanden und ich dadurch eine Hand frei bekam , ihm die Halsader zusammenzudrücken . Da stockte ihm das Blut im Kopfe ; er wurde ohnmächtig . Zwar nur für ganz kurze Zeit , aber das genügte mir , ihn zu binden . « » Womit ? « » Die Arme , nach hinten gezogen , mit den Flügeln seiner eigenen Perserjacke . Die Beine schnallte ich ihm mit seinem Gürtel zusammen . Er kann sich nicht befreien . « » Untersuchtest du seine Taschen ? « » Ja . Sie waren leer . Er hatte nichts bei sich gehabt , als nur das Messer . Dann eilte ich fort , um dir diesen Vorgang zu melden . Als ich in das Freie kam , sah ich dich hier sitzen . Nun bestimme , was geschehen soll , Sihdi ! « » Zunächst das Eine : Kein Mensch darf davon wissen , am allerwenigsten Pekala . Ich ahne , wer dieser Fremde ist , nämlich ein entflohener Verbrecher , welcher uns im Auftrage des Scheik ul Islam ausspionieren soll . Ich muß ihn selbst sehen . Du führst mich also zu ihm , holst aber vorher einige feste Riemen oder Stricke aus dem Hause , doch heimlich . Für so einen Menschen genügen die jetzigen Fesseln nicht . « Kara ging nach dem Hause . Ich fand es sehr erklärlich , daß Schakara mich bat , uns nach dem Turme begleiten zu dürfen , und erlaubte es sehr gern . Mein Plan war schon fertig . Dieser Spion verriet uns freiwillig sicher nichts . Er mußte gezwungen werden . Und da gab es ein Mittel , welches vielleicht sogar dem Teufel den Mund geöffnet hätte ! Aber das konnte nur im Geheimen angewendet werden , und darum war es mir lieb , daß Schakara mitging . Ihre Anwesenheit gab der Sache den Anschein eines bloßen Spazierganges , der keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen hatte . Als Kara wiederkehrte , schlenderten wir also nach dem Glockenwege und dann auf schmalem , aber bequemem Wege bis grad zum Quaderturm , um den es sich handelte . Sein eigentliches Tor war längst schon zugemauert . Wir konnten nur durch das Nebengebäude zu der Tür gelangen , von welcher Kara gesprochen hatte . Als wir durch sie getreten waren , sahen