herabgeworfen ? « » Ja , das hatte ich . « » Und mir aber sind sie anvertraut . Habe ich gegen meine Pflicht gesündigt . « » Nein , du bist ein treuer Wächter im Garten deines guten Herrn . « Da breitete sich der Ausdruck herzlichster Befriedigung über sein kleines Gesicht . Er drehte sich zu der Köchin um und sagte : » Hast du es gehört , o Pekala ? « Pekala ist ein türkischer Name und bedeutet » die Köstliche « . Sie machte ein sehr ernsthaftes Gesicht , womit sie aber fast grad das Gegenteil von der beabsichtigten Wirkung hervorbrachte und antwortete ihm : » Ich habe es freilich gehört ; aber der Effendi ist gütiger gegen dich , als du verdienst . Merke dir : Man hat sogar auch Pflaumendiebe höflich zu behandeln , falls man nicht genau weiß , wer oder was sie sind . Du bist eben unser kleines , unerfahrenes Kind welches nichts als Fehler macht . Und nun thu , was ich dir befohlen habe ! « Er wendete sich mir wieder zu , und zwar mit einer so komisch verlegenen Miene , daß sein Gesicht jetzt ganz genau demjenigen eines ausgescholtenen kleinen Knaben glich . » Soll ich es wirklich machen , Effendi ? « fragte er mich . » Was ? « » Pekala hat mir befohlen , dich um Verzeihung zu bitten . « » Wofür ? « » Daß ich dich als Spitzbube behandelt und festgehalten habe . « » Höre , lieber Tifl , das hast du recht gemacht ! « » Recht ? « fragte er in freudiger Ueberraschung . » Ja . Pekala meint es gut mit mir . Sie will das Unrecht , welches ich that , entschuldigen . Aber ich war wirklich ein Pflaumendieb . Ich habe dir also nichts zu verzeihen , sondern ich lobe dich , denn du hast deine Pflicht gethan . « Da nahm sein Gesicht einen frohen , weichen , und doch beinahe männlichen Ausdruck an . » Du tadelst mich also nicht ? « fragte er . » Nein . « » Sondern du hast mich gelobt , wahrhaftig gelobt ? « » Ja . « » Effendi , das werde ich dir nie und nie vergessen ! Mein Herz ist dein Eigentum . Wir gehen jetzt miteinander hinunter in das Dorf . Hast du vielleicht eine Besorgung ? Soll ich dir etwas mitbringen ? « » Nein , lieber Tifl . « » Lieber Tifl ! Hast du es gehört , meine gute Pekala ? Lieber Tifl hat er gesagt ! Andere Europäer sind ganz anders als er . Er ist grad so wie ich : er ist nicht stolz . Es bleibt dabei : mein Herz ist sein . Komm ! « Er griff nach ihrer Hand , um sie fortzuziehen . Aber sie blieb noch stehen . Ihr Auge war auf meine Brust gerichtet ; ich dachte nicht daran , weshalb . » Hast du die Rosen lieb , Effendi ? « fragte sie mich . » Ja , sehr , « antwortete ich . » Jede Blume . Blumen gleichen den Seelen guter Menschen ; sie erfreuen uns , ohne daß diese Freude uns später betrübt . Warum fragst du mich ? « » Weil du die Rose aufgehoben hast , welche ich verloren habe . Es ist die Rose einer niedrigen Dienerin . Erlaubst du mir , dir täglich einige zu pflücken ? « » Ja . Ich nehme sie sehr gern von dir , o Pekala . « » Ich danke dir ! Oemürün tschok ola ! « Das sind türkische Worte . Sie bedeuten den Wunsch : Möge dein Leben lang sein ! War sie etwa osmanischer Abstammung ? » Allah billingdsche olsun - Gott sei mit dir ! « antwortete ich . Da schlug sie die kleinen , dicken Hände freudig zusammen und fragte : » Du verstehst türkisch ? « » Ja . « » So darf ich in meiner Muttersprache mit dir reden , wenn du zu mir sprichst ? « » Das sollst du sogar , damit ich von dir lerne ! « Da war sie es , die sich stolz mit der Frage an ihren Tifl wendete : » Hast du es gehört ? Lernen will er von mir ! Auch mein Herz ist sein Eigentum . Jetzt komm ! « Sie machten mir eine sehr tiefe und darum sehr höfliche Verbeugung , bei welcher er , der Lange , natürlich weit herablassender verfahren mußte als sie . Dann entfernten sie sich . Wie leicht es doch ist , Menschenherzen zu erfreuen ! Warum thut man das so wenig ? Kurze Zeit hierauf kam Kara aus der Halle . Er sagte mir , daß sein Vater für einige Augenblicke aufgewacht sei , und dabei , wie noch halb im Schlafe , mit leiser Stimme die Worte gesagt habe : » Kara muß die Pferde üben ! « Er hatte darum die Absicht , jetzt , wo die Hitze des Tages vorüber war , bis zum Abend auszureiten , und zwar mit allen drei Pferden , weil Assil und Barkh so lange Zeit nicht vom Hause fortgekommen waren . Er sattelte auch sie , weil er es nicht für vornehm hielt , sie nackt nebenherlaufen zu lassen , setzte sich auf Ghalib und ritt dann zum Thore hinaus . Hierauf mochten kaum zehn Minuten vergangen sein , so hörte ich von der Gegend dieses Thores her ein lautes , schnaufendes Atemholen . Ich drehte mich um . Tifl kam wieder , aber wie ! Er machte Sprünge , als ob es sich um sein Leben handle . Seine langen Beine flogen nur so ! Um bei dem so eiligen Laufe die Mütze nicht zu verlieren , hatte er sie abgenommen und trug sie in der Hand . » Was ist geschehen ? « fragte ich , als er an mir vorüber wollte . Er blieb für einen Augenblick stehen . » Der junge Hadeddihn ! « antwortete er , indem er die Hand mit der ledernen Spinne durch die Luft schwang . » Kara Ben Halef ? « » Ja . « » Der ist soeben fort . « » Ich weiß es , Effendi . « » Er reitet aus . « » Und ich darf mit ! Ich habe ihn gefragt ! Hamdulillah ! Ich bin schnell heraufgerannt , um das Pferd zu holen ! « Hierauf rannte er weiter , nach dem Garten hin , hinter dem sich , was ich noch nicht wußte , eine grasige Weide für Pferde an der Seite des Berges hinzog . Wie » das Kind « sich freute ! Für Kara war es freilich nützlich , jemand , der die Gegend kannte , mitzunehmen . Aber grad diesen Tifl ? Und wer weiß , auf welchen alten Gaul er sich wagen durfte ! Es sollte doch wohl eine Schnelltour mit unsern edlen Tieren werden ! So waren meine Gedanken . Ich kannte » das Kind « eben nicht . Man soll sich stets hüten , vorschnell zu urteilen ! Wer kam nach kaum einer Minute im eiligen Trabe aus dem Garten ? Sahm , der Braune des Ustad . Ohne Sattel und Zaum ! Nicht einmal eine Leine um den Hals ! Er sprang nach dem Thore zu . Hinter ihm her rannte » das Kind « , strahlende Wonne im ganzen Gesicht . » Den willst du reiten ? « rief ich ihm zu . » Er geht dir ja durch ! « Da lachte er laut auf . Mit zwei , drei weiten Sätzen hatte er das Pferd erreicht . Ein kühner , wundervoll abgemessener Sprung , und er saß oben . Die langen Beine legten sich fest an den Leib des Pferdes . Ein Wehen mit der Kurdenmütze nach mir zurück , dann flog der seltsame Centaur zum Thore hinaus . Wer hätte denken können , daß dieser so willenlos und unbehilflich erscheinende Tifl ein solcher Reiter sei ! Es war zum Verwundern ! Wie aber hatte Kara auf den Gedanken kommen können , grad » das Kind « und keinen andern mitzunehmen ? Das war folgendermaßen geschehen : Als der junge Hadeddihn den Berg hinabritt , hatte er die Absicht , den Weg einzuschlagen , den er mit seiner Mutter gekommen war . Dies war ja der einzige , den er kannte , doch auch nicht genau , weil es bei der Ankunft ja nicht mehr Tag , sondern Abend gewesen war . Als er jetzt nun durch den Duar ritt , sah er die Köchin und Tifl vor einem Hause stehen , mit dessen Bewohnern sie sprachen . Er wollte an ihnen vorüber , doch ging das nicht so glatt , wie er gedacht hatte . Assil und Barkh zeigten nämlich die Absicht , stehen zu bleiben . Sie drängten nach Pekala und ihren Begleiter hin . » Kennen euch die Pferde ? « fragte er . » Sehr gut , « antwortete die » Köstliche « . » Sie haben sogar sehr innige Freundschaft mit uns geschlossen . « » Wie ist das gekommen ? Ich habe noch nie gesehen , daß sie Fremden eine solche Zuneigung schenkten . « » Wahrscheinlich ist es Dankbarkeit . Sie grämten sich ; sie weigerten sich , zu fressen . Da habe ich ihnen die besten und grünsten Leckerbissen aus der Küche hinausgetragen oder durch unser Kind geben lassen . Das nahmen sie . So lernten sie uns kennen . Nun freuen sie sich stets , wenn sie uns sehen . « » Ja , Tiere sind für die ihnen erwiesenen Wohlthaten oft dankbarer als die Menschen . Auch ich danke Euch ! « » Aber diese ihre Dankbarkeit hat die beiden Rappen nicht verleiten können , ihren Herren ungehorsam zu sein « » Wie meinst du das ? Was deutest du da an ? « Da zeigte sie auf Tifl und antwortete , indem sie pfiffig lächelte : » Richte deine Frage an diesen hier , au unser Kind ! Ich habe es nur gesehen ; er aber hat es gefühlt . « Da sprach der Lange in vorwurfsvollem Tone : » Warum sprichst du davon , o Pekala ? Du solltest es doch nicht verraten ! Was habe ich dir gethan , daß du mich so beschämen willst ? « » Es geschieht zu deiner Erziehung . Kinder müssen erzogen werden . Ich hatte es dir verboten , und du thatest es aber doch . Da flogst du freilich herab ! « » Ah , du bist aufgestiegen ? « fragte Kara . » Ja , « gestand Tifl , indem sein Gesichtchen einen unendlich kläglichen Ausdruck annahm . » Auf welchen ? Assil oder Barkh ? « » Ich habe es mit beiden probirt . « » Nun , weiter ! « Da riß er sich mit der linken Hand die Spinnenmütze vom Kopfe , um mit der Rechten kratzend in die Haare zu fahren , und antwortete : » Ich mußte herunter ! « » Ja , das glaube ich ! Wir haben es sie so gelehrt . Du warst kaum oben , so flogst du wieder herab ! « Da richtete sich » das Kind « in seiner ganzen Länge auf und rief : » Kaum oben ? Oho ! Ich bin Tifl , der nur dann aus dem Sattel geht , wenn er will ! Es hat mich noch kein Pferd zwingen können , es unfreiwillig zu verlassen ! « » Aber diese beiden doch ! « » Ja . Aber ich würde schwören , daß es eine Lüge sei , wenn ich nicht selbst der heruntergeworfene Tifl wäre ! Doch so sehr schnell , wie du meinst , ist es nicht geschehen . Es gab einen Kampf , einen schweren Kampf , doch , doch - - - doch - - - « Er zögerte mit den Worten ; es fiel ihm schwer , seine Niederlage einzugestehen . Da fiel die Köchin lachend ein : » Ich stand dabei ; ich sah den Kampf . Tifl glaubte , es erzwingen zu können ; aber die Pferde wollten nun einmal nicht , und so mußte das Kind fliegen . « » Erst nach längerer Zeit ? Nicht gleich ? « fragte Kara . » Das ist sonderbar ! Dann müßtest ja du eigentlich ein besserer Reiter sein , als ich je einen gesehen habe ! « » Der ? Das Kind ? Ein Reiter ? Bloß eigentlich ? « fragte Pekala . » Natürlich ist er das ! Er ist ja Sa ' is98 beim Schah-in-Schah gewesen ! « » Maschallah ! Sa ' is ? Beim Beherrscher von Persien ? Warum ist er das nicht geblieben ? « » Weil das Kind zu sehr wuchs . Es brauchte mit jeder neuen Woche auch eine neue Uniform , « scherzte die Köchin . » Darüber wurde es dem Schah-in-Schah himmelangst ; er konnte das nicht aushalten und schickte Tifl also fort . Hier bei uns kann er wachsen , so hoch er will . Wir haben keine kostbaren Stallungen , welche er dadurch demoliert , daß er mit dem Kopfe durch die Decken stößt . « » O , meine Pekala , was hast du heut wieder einmal für ein böses Herz ! « klagte der Lange . » Ich weiß ja , daß ich dem Schah-in-Schah zu lang , zu dünn und also zu häßlich wurde ; aber grad dieser meiner Länge wegen sitze ich auf dem schlimmsten Pferde fest , weil meine Beine seinen ganzen Leib umfassen - - - « » Und mit den Füßen kannst du unten sogar noch einen besonderen , festen Knoten knüpfen « , fiel sie ein . » Darum bist du der einzige , der unsern Sahm richtig zu reiten versteht . « » Wer ist Sahm ? « fragte Kara . » Das ist die berühmte , echtblütige Stute des Ustad , auf welcher unser Pedehr von Kara Ben Nemsi eingeholt worden ist . Hätte das Kind auf ihr gesessen , so - - - « Tifl ließ sie den begonnenen Satz nicht vollenden ; er fiel schnell und eifrig ein : » Ich hätte mich ganz gewiß nicht einholen lassen ! « » Assil schlägt jedes andere Pferd ! « behauptete Kara . » Kennst du unsere Stute ? « fragte Tifl . » Nein . « » Hast sie aber gesehen ? « » Noch nicht . « » Soll ich sie holen ? « » Hierher ? Warum holen ? Ich darf sie wohl später sehen ! « » Du reitest aber jetzt spazieren . Mit deinen edlen Pferden . Wohin ? « » Das weiß ich nicht genau . Ich kenne eure Gegend noch nicht . Ich will unsere Tiere im Laufen üben . Weißt du , des Wettrennens wegen . « » Bei diesem Rennen werde ich Sahm reiten . Erlaube mir , daß ich jetzt mit dir übe . Ich eile . Ich hole die Stute . Warte hier ! In zehn Minuten bin ich wieder hier . « Er rannte fort , ohne die Antwort Karas abzuwarten . Diesem blieb nichts anderes übrig , als zu verweilen , bis nach noch nicht zehn Minuten Tifl auf ungezäumtem und ungesatteltem Pferde wieder bei ihm eintraf . Er ritt die Stute , damit Kara sie beobachten möge , in den verschiedenen Gangarten einigemale hin und her und fragte ihn dann , was er zu ihr sage . Kara besaß zwar viel von der großen Lebhaftigkeit seines Vaters , hatte dazu aber von seiner Mutter jene Bedachtsamkeit geerbt , welche vorschnelles Reden oder Thun vermeidet . Er hütete sich also , ein Urteil auszusprechen , und lobte ihre sichtbaren Vorzüge , ohne zu sagen , ob er einen Fehler an ihr entdeckt habe . Dann fragte er Tifl , nach welcher Gegend man einen Spazierritt , wie der beabsichtigte sei , am besten machen könne . Der Gefragte antwortete , seinem Namen Kind gar nicht entsprechend , außerordentlich sachgemäß : » Wir müssen einen großen , freien Platz zum Galoppieren haben , dann aber auch steile , beschwerliche Wege , welche uns zeigen , was unsere Pferde auf ihnen zu leisten vermögen . Von hier aus nach Osten liegt eine weite Ebene , welche erst grasig und dann nur noch sandig ist . Jenseits von ihr erhebt sich das Gebirge , über welches zwei Pässe führen , der Boghaz-y-Chärgusch99 , welcher so heißt , weil es dort in den Büschen viele Hasen giebt , und der Boghaz-y-Ghulam100 , den man so nennt , weil dort einmal ein Bote des Beherrschers ermordet worden ist . Wenn wir einen dieser Pässe hinaufreiten und durch den andern zurückkehren , lernst du die Gegend kennen , durch welche sich die östliche Grenze unsers Gebietes zieht . « » Ist es weit ? « » Für gewöhnliche Pferde , ja ; für unsere aber nicht . « » Da mein Vater krank ist , möchte ich nicht erst spät des Nachts heimkehren . « » Wir kehren um , sobald du willst . « » Ist die Gegend sicher ? « » Ja . « » Du siehst , daß ich nur mein Messer bei mir habe ; du aber bist ganz unbewaffnet . Auf eurem Gebiete duldet ihr wohl keine bösen Menschen , doch kommen wir ja , wie du sagst , bis an die Grenze desselben . Und die Massaban sind sogar bis hierher zu euch gedrungen , um euch zu überfallen . Wirklich und unausgesetzt sicher ist wohl kein Ort hier in den Bergen . « » Das ist richtig . Aber wer solche Pferde reitet wie wir , der kann jedem Uebel schnell und leicht entgehen . Fürchtest du dich vielleicht ? « Welch eine Frage für Kara ! Ob er sich fürchte ! Das war bei ihm ein vollständig unmögliches Gefühl . Er war zu verständig , sich als beleidigt zu betrachten , und als Gast der Dschamikun hatte er sich zu hüten , selbst beleidigend zu werden . Darum hielt er es für das beste , so zu thun , als ob diese Frage ganz ungehört an seinem Ohre vorübergegangen sei . » Komm ! Vorwärts ! « sagte er , indem er seinem Ghalib das Zeichen zum Weitergehen gab . Assil und Barkh hatten ihren Willen gehabt und folgten ohne Widerstreben . » Kommst du noch vor Nacht zurück ? « wurde das Kind von der Köchin gefragt . » Sehnst du dich schon jetzt nach mir ? « antwortete er lachend . » Nicht an dich sondern an Kara Ben Halef denke ich . Ich weiß , daß es weder Zeit noch Schranken für dich giebt , wenn du auf Sahm sitzest . Er aber hat noch von der Reise auszuruhen . Ich werde dich sehr streng bestrafen , wenn du dich verspätest ! « » Welche Strafe wird das sein ? « » Du bekommst nichts zu essen ! « » Das kenne ich ! Mit dem Munde entziehst du mir die Kost , aber schon nach einer Viertelstunde giebst du mir sie mit den Händen doppelt , weil mein Hunger nicht meinem Magen sondern deinem Herzen wehe thut ! « » Da sehe ich , wie schlecht ich dich erzogen habe ! Die Liebe ist verderblich für solche Kinder , du sollst aber von jetzt an meine Strenge kennen lernen ! « » Die giebt es ja gar nicht ! Leb wohl , o Pekala . Hast du noch einen Wunsch ? « » Bring frohe und hungrige Gäste mit ! « Das ist ein oft gebrauchter , beduinischer Abschiedsgruß . Die Köchin sagte das wohl nur , um überhaupt etwas zu sagen . Sie ahnte nicht , daß , oder gar in welcher Weise er in Erfüllung gehen werde . Der Ritt ging zunächst des Sees entlang und dann über das ganze Thal desselben hin , bis es zwischen den Bergen einen tiefen Einschnitt gab , welcher sich jenseits auf die von Tifl erwähnte Ebene öffnete . Dort wurde den Pferden erlaubt , zu galoppieren . Tifl erwies sich als ein unübertrefflicher Naturreiter . Von den feineren , erzieherischen Verhältnissen zwischen Mensch und Tier aber wußte er wohl nichts . Wer ihn so sicher , so fest , so ganz wie mit dem Pferde zusammengewachsen , im Sattel sitzen sah , der mußte es freilich für fast unmöglich halten , daß er sowohl von Assil als auch von Barkh abgeworfen worden sei ; aber diese unsere Hengste waren nicht , wie die braune Stute des Ustad , gewohnt , augenblicklichen Instinkten , sondern einem zielbewußten , sich stets gleichbleibenden Willen unterthan zu sein . Das Kind machte verschiedene Versuche , den jetzigen Ritt zu einem Wettrennen zu gestalten , hatte aber damit bei dem bedachtsamen Kara keinen Erfolg . Dieser war einerseits viel zu klug , eine Niederlage der Sahm sich wiederholen zu lassen , während andererseits sein Stolz ihm nicht gestattet hätte , etwa aus Höflichkeit freiwillig auf den Sieg zu verzichten . Es blieb also bei dem , was er sich vorgenommen hatte , nämlich bei einem Uebungsreiten , welches keinem leidenschaftlichen Zweck zu dienen hatte . Die Stute hielt , so lange der Boden grasig war , sehr leicht den gleichen Schritt mit unsern Pferden ; aber später im tiefen Sande fiel sie bemerklich ab . Das konnte ihr aber nicht zur Schande gereichen , weil sie kein Pferd der sandigen Steppe war . Als dann der Hasenpaß erreicht wurde und der langsame Aufstieg auf steinigem Boden begann , mußten dafür nun unsere Tiere sich anstrengen , es ihr gleichzuthun , worauf Kara von Tifl wiederholt aufmerksam gemacht wurde . Die Gegend war hier felsig und unfruchtbar . Niedriges , trockenes Gestrüpp überzog die Berge mit schmutzigem Grau , und nur hier oder da gab es einen Baum , dessen dünn benadelte Zweige keinen Schatten spendeten . Als die Höhe des Passes erreicht worden war , konnte man darum die Aussicht nach allen Seiten frei genießen . Das Kind deutete auf einen der aufgerichteten Steinhaufen und sagte : » Das ist das Grenzzeichen . Bis hierher gehört das Land den Dschamikun . « » Und wem sodann ? « fragte Kara . » Allen Menschen . « » Giebt es keinen besondern Besitzer ? « » Das ist der Schah-in-Schah , dem ja da ganze Reich gehört . Die Gegend hier ist so öd und dürr , daß niemand sie haben will . Wer sie bekäme , müßte Steuern zahlen ; wer aber kann diese hier aus solchen Felsen ziehen ? Wenn der Muhassil kommt , so fragt er nicht , ob der Boden etwas getragen hat , sondern er nimmt alles mit , was man besitzt . « » Wer ist der Muhassil ? « » Das weißt du nicht ? « » Nein . « » Das ist der unwillkommenste aller Gäste , die es giebt . Jedermann in Persien soll Steuern zahlen . Auch die freien Stämme werden dazu angehalten . Unser Ustad hat versprochen , es zu thun , und wir halten Wort . Darum wird kein Muhassil zu uns kommen . Andere aber zahlen nicht eher , als bis sie dazu gezwungen werden , denn sie behaupten , ein freier Mann sei auch von Steuern frei . Zu ihnen wird ein möglichst strenger , vielleicht gar hartherziger Offizier oder Beamter gesandt , der Soldaten mitbringt , die ihm helfen müssen , den Mal-i-Divan101 und den Sadir Avariz102 mit Gewalt einzutreiben . Sobald er diese Gewalt auszuüben beginnt , hat man ihn mit dem Titel Muhassil zu ehren . Er nimmt zunächst das , was er für den Beherrscher haben will . Sodann nimmt er das , was er für sich selbst haben will , und das ist gewöhnlich alles , was noch da ist . « » Leistet man ihm denn da nicht Widerstand ? « » Widerstand ? Er würde nur gehen , um dann mit noch mehr Soldaten zurückzukehren . Das beste Mittel , ihm zu entrinnen , ist die Flucht . Aber er kommt meist so unerwartet , daß sie unmöglich ist . So hat er kürzlich auch die Kalhuran überrascht , welche eigentlich noch gar keine Steuern zu bezahlen haben . « » Wer sind diese Kalhuran ? « » Ein Nomadenstamm , dessen Land nicht mehr ausreichte , ihn zu ernähren . Eine Abteilung von ihm bat um neues Land und bekam die Gegend , welche du hier östlich vor uns liegen siehst . Sie beginnt zwar erst jenseits dieser Felsenberge , ist aber von so geringer Fruchtbarkeit , daß lange Jahre dazu gehören , den Boden zu verbessern ; darum wurde den Kalhuran gesagt , daß sie erst nach dem zehnten Sommer Steuern zu bezahlen hätten . Sie sind nun erst vier Jahre hier ; dennoch sandte man ihnen einen Boten , welcher sie benachrichtigte , daß sie jetzt schon zu bezahlen hätten . Sie weigerten sich . Da stellte sich ganz unversehens ein Muhassil mit einer ganzen Schar von Soldaten bei ihnen ein . Der hat es sich bei ihnen so bequem gemacht , als ob er jahrelang bleiben wolle . Er wird so lange an ihrer Habe saugen , bis sie kein einziges Pferd , kein armes Schaf mehr haben . « » Maschallah ! Der sollte das einmal bei unsern Hadeddihn versuchen ! Weißt du , welchen Namen dieser Dschady103 hat ? « » Er heißt Omar Iraki . Der Scheik der Kalhuran ist ein junger Mann , dem der Ustad eine Tochter unsers Stammes zum Weibe gegeben hat . Sein Name ist Hafis Aram . Ich kenne ihn , denn er war ja bei uns , als er sie hinüber zu sich holte . Chodeh beschützte ihn ! Vor dem Muhassil aber bewahre er alle Menschen . Grad von diesem Omar Iraki hat man nur Böses , aber kein einziges gutes Wort gehört . Komm , reiten wir hinab ! Unten wenden wir uns dann nördlich , um durch den Paß des Couriers heimzukehren . « Auf dieser Ostseite fielen die Berge steil zur Tiefe . Der Weg ging in zahlreichen Windungen hinab , so daß er immer nur für kurze Strecken zu überschauen war . Umso freier war die Aussicht in die Ferne , über die steppenähnliche Fläche hinüber , zu welcher die beiden jetzt hinunterritten . Als sie die letzte , unterste Krümmung des Weges überwunden hatten und schon daran dachten , wieder galoppieren zu können , bot sich ihnen plötzlich ein unvorhergesehenes Hindernis dar . Da standen nämlich , zwischen den Felsblöcken zerstreut , wohl gegen zwanzig Pferde , deren Reiter an einer versteckten Stelle plaudernd bei einander saßen . Einer hockte als Wächter auf einem hochgelegenen Steine , von welchem aus man einen weiten Ausblick in die Steppe hatte . Das waren persische Soldaten , und zwar Kavalleristen . Eigentliche Uniformen trugen sie nicht . Auch ihr Anführer war an keinem Rangabzeichen , sondern nur an einem langen , schweren Schleppsäbel zu erkennen , den er trug . Ihre Waffen taugten nicht viel ; desto besser aber waren ihre Pferde . Die persische Kavallerie ist überhaupt recht gut beritten . Als sie die beiden Reiter sahen , sprangen sie alle auf . » Sallam ! « grüßte Kara kurz , aber in höflichem Tone und indem er ihnen die Hand entgegensenkte . Sie antworteten nicht . Ihre Augen waren bewundernd auf die vier Pferde gerichtet . Kara hielt nicht an . Er wollte an ihnen vorüber . Da aber stellte sich ihm der Anführer in den Weg . » Halt ! « sagte er in befehlendem Tone . » Wer seid Ihr ? « Man darf nicht vergessen , daß Kara der Sohn meines wackeren Hadschi Halef war , dem , außer wenn er wollte , niemand imponieren konnte . » Sag vorher , wer bist du ? « forderte er den Perser auf . » Du siehst , daß ich Soldat bin ! « antwortete dieser stolz . » Und du siehst , daß ich keiner bin ! Ich diene nicht ; ich bin ein freier Mann ! « » Ein Mann ? « lachte der andere . » Schau meinen Bart und greif an den deinen dann ! Ich stehe hier im Namen des Schah-in-Schah und frage dich nochmals , wer du bist ! « » Und ich sitze hier in meinem eigenen Namen im Sattel und antworte nur dann , wenn es mir beliebt ! Allah schütze deinen Bart ! Zum Fürchten ist er nicht ! « Als er dies sagte , richtete er seine dunklen Augen mit einem solchen Ausdrucke auf den Perser , daß dieser die Hand , welche er schon erhoben hatte , um Ghalib am Zügel zu fassen , wieder sinken ließ und von ihm zurücktrat . » Ich höre an deiner Sprache , daß du ein Araber bist , « sagte er . » Ich bin Mülazim ewwel104 , des Beherrschers aller Herrscher . Nun weißt du es . « » Der Beherrscher aller Herrscher kann nur Allah sein ! Ich bin Kara Ben Hadschi Halef , ein Hadeddihn vom Stamme der Schammar . « » Wo kommst du her ? « » Woher es mir beliebt ! « » Wo willst du hin ? « » Wohin es mir behagt ! « » Maschallah ! Denn für ein großes Wunder Gottes scheinst du dich zu halten ! Ich habe hier zu fragen ! « » So frage die , welche dir zu antworten haben ; zu ihnen aber gehöre doch nicht ich ! « Das war keineswegs verwerflicher Hochmut von Kara , sondern das wohlberechtigte Selbstbewußtsein des freigeborenen Arabers der Dschesireh . Wenn die Fragen in höflichem Tone und nicht in der Weise eines Verhöres ausgesprochen