Warum hast du mich nicht mit dem vereinbarten Wort gewarnt ? « » Weil ich das gleich einen Augenblick vorher schon gethan hatte . « » Ja , das war aber nur wegen der Peitsche , nicht des Sprechens wegen ! « » So , so ! Es würde dir also nicht lästig sein , von mir in einer Minute nochmal gewarnt zu werden ? « » O doch , sogar sehr ! Ich sehe ein , daß ich mich noch viel , viel mehr zusammenzunehmen habe , als ich dachte . Weißt du , Sihdi , der Mensch ist doch ein außerordentlich schwaches Geschöpf , und ich , dein alter , unvorsichtiger Halef , gehöre wohl zur allerschwächsten Sorte . Nicht ? « » Diese Frage ist unnütz , denn da du es selbst einsiehst , brauchst du ja meine Antwort nicht . Komm zu Hanneh ! Sie hat dir gewinkt . « Er eilte mir voraus , um diesem Winke zu folgen . Sie hatte mit ihm zu sprechen , da sie natürlich wissen wollte , wo wir gestern noch so spät gewesen waren und was wir gethan hatten . Kara gesellte sich ihnen zu ; ich aber ging zu dem Perser , der auch vom Schlafe erwacht war und in der Nähe des Münedschi saß . Als ich mich bei ihnen niedergelassen hatte und mit dem Basch Nazyr sprach , erkannte mich der Blinde an der Stimme und fragte : » Irre ich mich , wenn ich denke , daß der Effendi aus dem Wadi Draha bei mir ist ? « » Nein , du irrst dich nicht , « antwortete ich ihm . » Ich bin es . « » Wer ist noch da ? « » Ein Freund von dir und mir , welcher zu unserer Schar gehört . « » Besitzt er dein Vertrauen ? « » Ja . « » So darf er vernehmen , was ich dir zu sagen habe ? « » Ich weiß zwar noch nicht , was du mir sagen willst , habe aber ganz und gar keinen Grund , ihm mein Vertrauen zu verweigern . « » Welche Tageszeit haben wir jetzt ? Es scheint hell zu sein . « » Ja ; es ist früh morgens . Die Sonne wird in kurzer Zeit erscheinen . « » Wann war es , als ihr mich fandet ? « » Gestern . « » Nicht länger ? So betrifft also das , was ich dir sagen will , unser gestriges Gespräch . Ich sollte vielleicht lieber schweigen , aber es liegt ein mir wohlbekannter Trieb in mir , zu dir zu reden . Dieser Drang ist mir stets der Beweis , daß Ben Nur , der Sohn des Lichtes , es will . Dieser Name ist dir doch bekannt ? « » Ja . « » Und du weißt , daß er meine Seele oft nach Orten führt , welche nicht hier auf der Erde liegen ? « » Ich weiß es . « » So will ich dir mitteilen , daß er in der vergangenen Nacht auch wieder bei mir gewesen ist , und daß ich die Erde mit ihm verlassen habe . « » Wo warest du mit ihm ? « » In der Todesstunde . « » Das ist doch eine Zeit , aber kein Ort . « » Das habe ich bisher auch gedacht ; nun aber weiß ich es besser . In dieser Nacht war sie für mich ein Ort , an welchem ich mit Ben Nur auf einem hohen Steine stand , um die Seelen der Sterbenden an mir vorüberziehen zu sehen . Ich sehe ihn noch jetzt so deutlich vor mir , daß ich ihn dir ganz genau beschreiben kann . « Er that dies , und seine Schilderung stimmte ganz genau mit dem überein , was wir gestern auf dem Felsen gehört hatten . Uns , seine Begleiter , erwähnte er gar nicht . Darum fragte ich : » Warst du ganz allein an dieser sonderbaren Stelle ? « » Ich und Ben Nur . « » Niemand weiter ? « » Nein . « » Von wo hat er dich abgeholt ? « » Natürlich von hier , wo ich jetzt sitze . « » Hast du die Erde direkt von hier aus verlassen , oder bist du erst an einem andern Orte gewesen ? « » Direkt von hier aus . Willst du vielleicht hören , was und wen ich alles durch die Thüren der Mauer habe kommen sehen ? « » Ja ; ich bitte dich darum , es uns zu erzählen . « Er wußte also nicht , wer bei ihm gewesen war , und daß wir ihn hinaus nach dem Felsen begleitet hatten , der von ihm und uns erstiegen worden war . Und nun begann er seinen Bericht . Er beschrieb uns die einzelnen Scharen der Seelen ganz in derselben Reihenfolge und in derselben Weise , wie Ben Nur sie ihm gestern gezeigt hatte . Nur war alles viel kürzer , nicht so ausführlich ; er wußte zwar den Sinn , aber die Worte nicht , welche von dem » Sohn des Lichtes « gesprochen worden waren . Als er zu Ende gekommen war , fragte ich ihn : » Bist du überzeugt , daß dies ein wirkliches Gesicht gewesen ist ? « » Ja , vollständig überzeugt , « antwortete er . » Kein Traum ? « » Kein Traum ! Ich träume zwar manchmal auch , weiß aber meine Träume so genau von meinen Gesichtern zu unterscheiden , daß ein Irrtum gar nicht möglich ist . « » Ist die Grenze oder der Unterschied zwischen Traum und Gesicht so scharf , so bemerkbar , daß du beide wirklich nicht verwechseln kannst ? « » Ja . Ich kann sogar zwischen Traum und Traum unterscheiden . Es giebt Träume , welche einfach nur die Fortsetzung der letzten Gedanken sind , mit denen man sich vor dem wirklichen Einschlafen beschäftigt ; diese haben nichts zu bedeuten . Und es giebt noch andere , welche eingegeben worden sind . Wenn Ben Nur mir etwas sagen will , was er mir in keiner andern Weise mitteilen kann , so sagt er es mir im Traume . Nach dem Erwachen weiß ich dann , daß ich nicht mit ihm fortgewesen bin , sondern nur geträumt habe , daß aber dieser Traum sein beabsichtigtes Werk und keine Folge meiner Gedanken war . Und ebenso täusche ich mich nie , wenn ich weiß , daß meine Seele den Körper verlassen hat und wo sie dann gewesen ist . Ja , in der ersten Zeit , als ich es noch nicht gewöhnt war und keine Uebung in der Unterscheidung hatte , da kam zuweilen ein Irrtum vor , jetzt aber nie mehr . « » Du glaubst also an alles , was du bei solchen Führungen siehst ? « » Ja . « » Auch an alles , was du da hörst ? « » Ja , obgleich mir dieser Glaube oft schwer wird . « » Glaubst du , was Ben Nur dir heute in der Nacht gesagt hat ? « » Auch das ! Und doch ist es mir wohl noch niemals so schwer wie grad dieses Mal geworden , ihm Glauben zu schenken . « » Warum ? « » Weil es so viele , viele waren , von denen er sagte , daß sie über den Abgrund des Verderbens gelangen würden . « » Wie kann dich die Frage , ob es viele oder wenige waren , stören ? « » Weil ich selbst in meinem ganzen , langen Leben nur einen einzigen Menschen gefunden habe , von dem ich unbedingt überzeugt bin , daß die Pforte der Seligkeit ihm geöffnet sein wird . Was für eine große , reiche Fülle von Liebe , Güte und Barmherzigkeit muß von allen denen hier im Leben ausgeflossen sein , welche Ben Nur mir als für den Himmel Bestimmte bezeichnete ! Und ich habe nie , nie Liebe gefunden , dieses eine , einzige Mal nur ausgenommen ! « » Aber du hattest doch Eltern ? ! « » Sie liebten mich nicht ! « » Geschwister ? « » Sie haßten mich ! « » Freunde ? « » Sie nannten sich so , waren es aber nicht ! « » Ein Weib ? « » Sie war eine Heuchlerin ! « » Kinder ? « » Die hatte ich nicht ; Allah sei tausend- , tausendmal Dank dafür ! Denn wenn ich auch Kinder gehabt hätte und von ihnen ebenso betrogen worden wäre wie von den andern , die mich haßten und hintergingen , so lebte ich schon längst nicht mehr und wäre infolge der Rache , die ich genommen hätte , von der Brücke des Todes in den Abgrund des Verderbens gestürzt ! Glaubst du , daß ich nach allem , was ich erlebt und erduldet habe , noch der Liebe fähig sein kann ? « » Ja . « » Allah segne deinen guten Glauben , denn während du nur an mich zu glauben meinst , glaubst du an die Menschheit ! Ja , ich halte die Liebe noch im Herzen fest , dieses Einen , Einen wegen , bei dem ich Liebe gefunden habe . Er nahm sich in seiner selbstlosen Barmherzigkeit meiner an und hat mich dadurch von der Verzweiflung , von dem diesseitigen und dem jenseitigen Verderben gerettet ! Seine Liebe ist es , die mir das bereits verlorene Vertrauen zur Menschheit und den Glauben an sie wiedergegeben hat . Frage mich nicht , warum ich grad gegen dich so aufrichtig bin ! Es liegt in mir ; es treibt mich , dir das zu sagen , obwohl ich weiß , daß auch du die Welt und mein Geschick nicht anders machen kannst . Ich habe nach Liebe vergeblich gesucht , so lange ich denken kann . Ich habe sie gesucht bei Gott , bei den Menschen , im Leben , in der Kirche - - - « » In der Kirche ? « fragte ich . » Ja , in der Kirche . Ich will es dir nicht verschweigen , daß ich Christ gewesen bin . Dir als Moslem ist es ja ganz gleich , ob ich dem Islam seit meiner Kindheit oder erst seit kurzem angehöre . « » Was hat dich veranlaßt , aus der christlichen Kirche zu treten ? « » Eben mein vergebliches Suchen nach Liebe . Lerne sie nur kennen , diese Christen ! Wie sie sich getrennt haben in Sekten , Konfessionen und viele anders genannte Abteilungen , von denen jede behauptet , daß ihre Angehörigen allein selig werden ! Wie sie sich hassen , sich anfeinden , sich verleumden und verfolgen ! Wie sie sich gegenseitig nach den Fehlern spüren , um einander so viel wie möglich herabsetzen und in Schaden bringen zu können ! Welche Freude , welchen Hohn , welche Selbstherrlichkeit giebt es da , wenn wieder einmal ein Fehler entdeckt worden ist ! Dazu kam die Traurigkeit meiner persönlichen Erfahrungen , meines eigenen Schicksales . Ich mochte nichts mehr wissen von einem Glauben , welcher Liebe lehrt , während seine Bekenner die lieblosesten Menschen des ganzen Erdballes sind . Die Bibel der Christen sagt , daß man den Menschen an seinen Werken erkenne , und aber ich sagte , daß auch der Glaube an seinen Früchten , an seinen Werken zu erkennen sei , und da diese Früchte nichts als Haß , Streit , Neid und Egoismus waren , so war es kein großer , kein schwerer Entschluß von mir , in der Moschee zu suchen , was ich in der Kirche nicht fand . « » Und hast du es da gefunden ? « fragte ich . Wie gern , wie so sehr gern hätte ich ihn noch ganz anders gefragt und ihn einmal so recht fest zwischen meine Hände genommen ! Aber ich mußte mich auf diese eine kurze Frage beschränken , denn zu weiten Auseinandersetzungen war jetzt keine Zeit , und da ich zu verschweigen hatte , daß ich ein Christ war , so mußte ich darauf bedacht sein , mein Herz nicht mit dem Verstande durchgehen zu lassen . Er war ein Ueberläufer und man weiß ja , daß der Fanatismus bei den Renegaten am größten und gefährlichsten ist . - Er antwortete nicht gleich , sondern erst nach einer Weile : » Ich habe dieses Gespräch mit dir nicht begonnen , um das Christentum mit dem Islam zu vergleichen . Du hast ja bereits gehört , daß ich nur einen einzigen Menschen gefunden habe , der mir das entgegenbrachte , was ich suchte - - Liebe . Diesem Manne habe ich es zu verdanken , daß ich überhaupt noch existiere ; er hat mich materiell , geistig und seelisch neu geschaffen , und so habe ich mich ihm ergeben , mit allem was ich bin und was ich habe , mit meinem Körper , meinem Herzen , meiner Seele , meinem ganzen Leben ! « » Und wer ist dieser Mann ? « » Abadilah . « » Der Schech el Harah von Mekka , den man El Ghani nennt ? « » Ja . Ich will dich etwas fragen . Darf ich ? « » Ja . « » Wirst du mir die Wahrheit sagen ? « » Ich lüge nicht . « » Versprich es mir ! « » Ich gebe dir hiermit mein Wort ! « Ich gab ihm dieses Versprechen , obwohl ich vermutete , daß er beabsichtige , nach dem Ghani zu fragen . Wie unendlich leid that mir dieser arme , alte , blinde Mann ! Daß er vom Christentum zum Islam übergetreten war , hielt ich natürlich für die größte Sünde seines ganzen Lebens , aber ich war es nicht , der darüber zu rechten und zu richten hatte . Vor mir saß er hier und jetzt nicht als Renegat , sondern als unglücklicher Mensch , und da mußte ich ein unbeschreibliches Mitleid mit ihm fühlen . Der , dem er sich , wie er selbst sagte , mit seinem Körper , seinem Herzen , seiner Seele , seinem ganzen Leben ergeben hatte , war ein Schurke , ein Halunke , von dem er in einer Weise ausgebeutet wurde , für welche das Wort abscheulich noch viel zu mild , zu rücksichtsvoll klang ! Durfte ich ihm sagen , was geschehen war und was wir von dem , den er so liebte und verehrte , wußten ? Mußte ich ihn nicht schonen ? Konnte ihn diese letzte , größte aller Täuschungen nicht sofort in den Abgrund werfen , den Ben Nur ihm gestern gezeigt hatte ? » Ich habe vorhin die Stimme meines Beschützers , meines Wohlthäters , meines einzigen Freundes gehört , « fuhr er fort . » Sag , ist er hier ? « » Ja , « antwortete ich . » Hier am Bir Hilu ? « » Ja . « » Hat er mich gesehen ? « » Erst vorhin , als er dich rief . « » Warum kommt er nicht her zu mir ? « » Er und seine Begleiter hielten dich für tot ; sie haben dich begraben und sind hierhergeritten . Sie erschraken , als sie dich so plötzlich sahen ; sie hielten dich für einen Geist . « Während ich mit diesen Worten hin und her lavierte , suchte ich nach einer Weise , ihm die Wahrheit so schonend wie möglich , und zwar allmählich , mitzuteilen . Der Perser rückte auf seinem Platze ungeduldig hin und her . Er dachte jetzt nicht an die Pflicht gegen den Blinden , sondern nur an den Diebstahl und an die Behandlung , die ihm geworden war . Ich bat ihn durch einen Blick , sich zu beherrschen , fand aber leider keine Erhörung . » Ich bin kein Geist , kein Gespenst , « sagte der Alte . » Ich will ihn bei mir haben , ihn , seinen Sohn und auch die andern . Ruft sie her ! « Da brach der Basch Nazyr los : » Her zu uns ? Das fällt uns gar nicht ein ! « Ich sah ihm die Entschlossenheit , ohne Beschönigung zu reden , an und hielt es für das Beste , jetzt still zu sein . » Nicht ? Warum nicht ? « fragte der Münedschi . » Ehrliche Leute sitzen nicht mit Schurken zusammen ! « » Schurken ? Wen meinst du mit diesem Worte ? « » Den Ghani und seine ganze Diebsbande . « » Die - - bes - - - ban - - - - de ? Habe ich richtig gehört ? « » Du hast ganz richtig gehört . « » Ein Schurke soll er sein ? Ein Dieb ? ! Entweder treibst du einen grausamen Scherz mit mir , oder du befindest dich in einem Irrtum , wie es größer gar keinen geben kann ! « » Ich treibe weder Scherz , noch irre ich mich . Ich spreche im Ernste , und was ich sage , das ist die volle Wahrheit ! « » Nein , die Wahrheit kann es nicht sein ! « » Sie ist es , denn wir haben die Beweise in den Händen ! « » Welche Beweise ? « » Die Sachen , welche er gestohlen hat und ihm von uns wieder abgenommen worden sind . « » Wo - - und was - - was soll er gestohlen haben ? « » Er hat den Kanz el A ' da in Meschhed Ali beraubt . Ich , der Basch Nazir dieses Schatzes , bin euch mit meinen Soldaten bis hierher nachgeritten und habe die Diebe und die Gegenstände alle hier erwischt ! « Da war der Blinde still . Seine Finger bewegten sich krampfhaft , als ob sich zwischen ihnen etwas befinde , was bis auf die kleinste Faser zerrissen und zerzaust werden müsse . Erst nach längerer Zeit wendete er mir das Gesicht zu , öffnete die strahlend scheinenden Augen und sagte : » Effendi , bist du noch da ? « » Ja . « » Ich will mit dir reden , nur mit dir , mit diesem andern nicht , kein Wort mehr ! Ich beschwöre dich bei Allah , bei dem Khalifen , bei dem Kuran , bei allem überhaupt , was dir heilig ist ! Wirst du mir die Wahrheit sagen ? « » Ja . « » So sprich ! Befinden sich meine Begleiter wirklich als ertappte Diebe bei euch ? « » Leider , ja . « » Erzähle mir , wie das gekommen ist ! Aber füge ja nichts hinzu , und laß auch nichts weg ! « Ich folgte dieser Aufforderung in der Weise , wie es die Rücksicht auf ihn mit sich brachte . Er hörte mir zu , ohne mich mit einem Worte zu unterbrechen , und saß dann , nachdem ich geendet hatte , wieder eine ganze Weile still da . Ich sah , daß nicht nur seine Hände , sondern alle seine Glieder leise zitterten . Er war innerlich furchtbar aufgeregt . Ich wartete mit mehr als bloßer Spannung darauf , was für einen Entschluß er fassen werde . Da endlich sagte er : » Effendi , wirst du thun , um was ich dich jetzt bitte ? « » Das kann ich doch nicht wissen ! « » Ich werde um nichts bitten , was du mir nicht erfüllen kannst . Es ist sogar sehr leicht für euch . « » Sage es ! « » Der Ghani ist euer Gefangener ? « » Ja . « » Erlaube , daß ich zu ihm gehe und auch gefangen bin ! « Ich hatte dies und nichts anderes erwartet . Durfte ich ihm diesen Wunsch erfüllen ? Durfte ich es ihm verweigern ? Als ich mit meinem Bescheide zögerte , fuhr er fort : » Ich gebe dir mein Wort , ja meinen Schwur , daß ich thun werde , was ich will , obgleich ich blind bin und den Ghani nicht sehen kann . Ihr könnt mich nur dadurch hindern , daß ihr mir Fesseln anlegt . Thut ihr das aber nicht , so gehe ich zu ihm . Ihr braucht ihn mir nicht zu zeigen . Ich rufe , und wenn er antwortet , wird mich seine Stimme zu ihm führen . Nun sag also , was du beschlossen hast ! « Da trat Halef herbei , welcher während des letzten Teiles des Gespräches von Hanneh zu uns gekommen war und den Wunsch des Alten gehört hatte . Er antwortete an meiner Stelle : » Ich , Hadschi Halef , werde dir sagen , was geschehen soll . Sie sind gefangen , weil sie gestohlen haben ; du aber bist ein ehrlicher Mann und also frei . Wir dürfen dich nicht hindern , zu thun , was dir beliebt . Willst du wirklich und auch jetzt noch hinüber zum Ghani ? « » Ja , ich will ; unbedingt will ich ! « » So steh auf , und gieb mir deine Hand ! Mögest du nicht bereuen , was du jetzt thust ! Ich werde dich hinüberführen . « Ich sah ihnen nicht nach , sondern stand auf und ging zu Hanneh , welche den Teppich zum Kaffeetrinken ausgebreitet hatte . Der Perser wurde natürlich eingeladen , mitzutrinken . Als Halef wiederkam , setzte er sich an meine Seite und fragte mich , wie gewöhnlich , wenn er irgend etwas aus eigenem Entschlusse ausgeführt hatte : » Habe ich es recht gemacht , Sihdi ? « » Ja , « antwortete ich . » Es freut mich , daß ich deine Zustimmung erhalte ; über die Sache selbst freue ich mich nicht . Wir konnten nicht anders , denn der Blinde ist sein eigener Herr , und wir haben kein Recht , gegen seinen Willen über ihn zu verfügen . Was hätten wir mit ihm machen können , wenn er gezwungen gewesen wäre , bei uns zu bleiben ? « » Ihn mit nach Mekka nehmen . « » Und dort ? « » Ich zweifelte gar nicht daran , daß es uns dort gelingen würde , ihn besser unterzubringen , als er jetzt untergebracht ist . « » Das denke ich auch . Und hätten wir keinen geeigneten guten Platz für ihn gefunden , nun , so giebt es unter den Zelten der Haddedihn genug Raum für einen blinden Mann , dessen Anwesenheit gar keine Opfer fordert . Dieser Münedschi wird nicht lange mehr leben ; er steht dem Jenseits näher als der Erde . Seine Seele war ja bereits fast an der Brücke . Und was alles hätten wir von ihm noch erfahren können ! « » Bist du neugierig geworden ? « » Nicht neu- , sondern wißbegierig . « » Und glaubst du , daß dieses Wissen dir und deinem Stamme Nutzen bringen würde ? « » Ja . Wenn das Erdenleben eine Vorbereitung für den Himmel ist , so ist es ja Pflicht , jede Gelegenheit zu ergreifen , etwas über das Jenseits zu erfahren . « » Du meinst , etwas Wahres ! « » Hältst du das , was wir gestern gehört haben , für Täuschung ? « » Ich kann mir darüber heute noch kein Urteil erlauben . Wenn der Blinde zu uns anstatt zu seinem vermeintlichen Wohlthäter gehalten hätte , wäre uns wahrscheinlich mehr Stoff zu einem Urteile geboten worden , als wir jetzt besitzen . Wir wollen also den Gedanken an das Jenseits jetzt nicht weiter verfolgen und uns lieber mit dem Diesseits befassen . « » Ja , das ist für den Augenblick wohl ebenso nötig . Was denkst du , daß zunächst geschehen soll ? « » Wir sind gewillt , die Diebe nicht zu bestrafen , werden sie also freigeben , selbstverständlich den Scheik der Beni Khalid auch . Doch darf das nicht so ohne weiteres geschehen . Wir haben uns sicher zu stellen , daß , wenigstens so lange wir uns hier befinden , nichts gegen uns unternommen wird . Später dann können wir anderweit für uns sorgen . « » So schlage ich vor , daß wir den Scheik erst dann loslassen , wenn er geschworen hat , hier nichts gegen uns zu unternehmen . « » Das werden wir allerdings thun . « » Sag , Sihdi , giebt es für uns keine andere , keine bessere Gewähr als nur seinen Schwur ? « » Nein ; wenigstens ich weiß keine . Du etwa ? « » Nein . « » Oder Khutab Agha ? « » Auch ich weiß nichts anderes , « antwortete dieser . » Ihr habt mich zu eurem Freund gemacht , und meine Dankbarkeit gehört euch , so lange ich lebe . Darum kann es mir nicht gleichgültig sein , ob euch noch fernere Gefahren von seiten der Beni Khalid drohen . Sonst aber wäre ich mit meiner Angelegenheit hier zu Ende . Die gestohlenen Glieder habe ich hier zurückbekommen , und meine Asaker sind auch wieder frei . Wir brauchen also nur aufzusitzen und heimzukehren . « » Wann wirst du das thun ? « » Wenn auch ihr fortreitet ; eher natürlich nicht . « » Nun , und wir , Sihdi ? Wann reiten wir ? « » Wenn die Beni Khalid fort sind , « antwortete ich . » Früher nicht ? « » Nein . « » Warum nicht ? « » Du scheinst mich nicht mehr zu kennen , Halef ! « » Was ? Wie ? Ich dich nicht mehr kennen ? Oh , Effendi , was treibst du da für Allotria ! Du weißt doch ganz genau , daß ich dich besser kenne als mich selbst ! « » Nach deiner letzten Frage muß ich das aber bezweifeln , denn du hast einen Brauch vergessen , der so zu mir gehört , wie der Griff zum Säbel . « » Welchen Brauch ? « » Mich stets und so viel wie möglich rückenfrei zu machen . Dieser Gewohnheit haben wir so viele Erfolge zu verdanken , lieber Halef , daß es mir gar nicht einfallen kann , grad hier , in dieser gefährlichen Wüste , von ihm abzuweichen . « » Rückenfrei ? In Beziehung auf die Beni Khalid ? « » Ja . Wenn wir eher fortreiten als sie , haben wir sie im Rücken und wissen nicht , was sie hinter uns vornehmen . Sind sie aber vor uns , so können wir sie , so lange dies nötig ist , derart im Auge behalten , daß es ihnen unmöglich wird , uns ernsthaft zu belästigen . Das siehst du wohl ein ? « » Welche Frage ! Wenn ich das nicht einsähe , so wäre ich ein Fluß ohne Wasser , ein Pferd ohne Beine oder eine Feder ohne Tinte und meinetwegen auch eine Hanneh ohne Halef ! Nur weiß ich nicht , ob die Beni Khalid darauf eingehen werden . « » Sie müssen ! « » Wie willst du sie zwingen ? « » Dadurch , daß wir sie nicht an den Brunnen lassen . Wenn sie überzeugt sind , für ihre Kamele kein Wasser zu bekommen , so müssen sie sich beeilen , nach einem anderen Brunnen zu kommen . « » Wo sie uns aber das Wasser wegnehmen , so daß wir dann , wenn wir hinkommen , keines finden ! « » Das ist meine geringste Sorge . Erstens ist es doch noch gar nicht bestimmt , wohin sie sich und wir uns wenden werden . Die Gegend vor uns ist wasserreicher als die nun hinter uns liegende ; wir haben es also sehr wahrscheinlich nicht nötig , grad denjenigen Weg einzuschlagen , den die Beni Khalid reiten . Und zweitens verweise ich dich auf den Bir Hilu hier . Die Beni Khalid waren ja auch vor uns da , und wir haben nicht nur trotzdem Wasser bekommen , sondern wir sind sogar jetzt in der Wüste Herren des Brunnens , daß unsere Gegner ohne unsere Erlaubnis gar nicht herankommen dürfen . Bist du nun zufriedengestellt ? « » Ja , vollständig , Sihdi ! Doch , schau hin zu den Mekkanern , wie der Ghani so eifrig in den Blinden hineinspricht ! Er wird ihm alles ganz anders erzählen , als es sich zugetragen hat . Wir werden da dem Münedschi in einem Lichte erscheinen , auf welches wir , wenn es die Wahrheit wäre , nichts weniger als stolz sein könnten . Doch sieh , da kommt ein Posten mit einem Ben Khalid . Der Anfang des Endes wird also beginnen ! « Der Haddedihn , welcher den Boten zu uns brachte , sagte , daß die ganze Schar der Beni Khalid im Anrücken sei , um nach dem Brunnen zu gehen . Es habe Ueberredung gekostet , sie anzuhalten und zu bewegen , auf die Antwort ihres Scheiks zu warten . » Was habt ihr als Grund angegeben , daß sie nicht her dürfen ? « erkundigte sich Halef . » Den Willen ihres Scheiks , « lautete die Antwort . » Sie haben also diesen Boten geschickt , der mit ihm sprechen soll . « » Das war richtig . Wir werden diese Angelegenheit sofort in Ordnung bringen . Gehen wir hinüber zum Scheik ? « Diese Frage war an mich gerichtet ; ich antwortete , indem ich aufstand . Der Perser that dasselbe , und dann schritten wir , gefolgt von dem Ben Khalid , nach dem Brunnen , wo er seinen Scheik gefesselt liegen sah . Dieser rief ihm , noch ehe wir ihn erreicht hatten , zornig entgegen : » Da kommt nun endlich einmal einer ! Konntet ihr euch nicht